Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 50 (23.6.1933)
- Date
- 1933-06-23
- Page
- Seite 278 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 276 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 50, 23. VI. 1933 Die Petroleumleitung Irak-Haifa Die Arbeit an der 1000 km langen Röhrenlinie, d(e das Del der berühmten Petroleumfelder von Mosul ans Mittelmeer bei Haifa bringen wird, ist in vollem Gang. Seit neuester Zeit beschäftigt die Gesellschaft beim Legen der Rohrleitung auch jüdische Arbeiter. Jüdische Arbeiter stapeln Petroleumröhren, der Irak Petroleum Co. bei der jüdischen Siedlung Tel Or auf ~י J r l1׳ ■4'31 ־■-.־?/*3^553 *Lj&iik Jüdische Arbeiter beim Legen von Petroleumröhren?*?ויה3ו«יו .,EM, mPT -■ f" *? £*־,*■*־־!) m '1 S •.־׳ajp»; .-liMA *. **»', '־A Y י ׳ ,־ m ־. '»* , . ..miiiiitmiimiiiiiiiiiiimmiiNmiiimiiiiiimiiiniiiiiiMniiiiiiimimwiiiiniiiiMiitiiiiHimiiiiiiniHBiBmuniMiiiMmn^^^ Erntefest in Haifa Itn vorigen Jahre wurde zum ersten Male in Hai ja der alle jüdische Brauch des Erntefestes an den Schawuoth-F cicrtagcn wieder auf genommen. Bekanntlich vmrtlen im alten Palästina am Schawuothfcst die Erstlinge der Ernte (.Jhkkurim“) als Opfergäbe, zum Tempel nach Jerusalem gebracht. Schamwth, das Wochen fest, das auch das Fest der Gesetzgebung am Sinai (,,Mattan Thora") ist, heißt daher auch .ß'hag Habikkurim“ (Fest der Erstlinge). Die großen jüdischen Ackerbau-Kolonien liegen im E7n.sk Jcsrecl, dem von Haifa ostivärts sich ziehenden großen fruchtbaren Tal, das von Juden entsumpft und urbar gemacht wurde, und heute eine Reihe von blühenden, Dörfern enthält; daher war es natürlich, daß Haifa zum Mittelpunkt des Erstlings]estes wurde, ebenso wie Purim in Tel-Awiw und Pessach in Jrrusalem gefeiert wird. Die, diesjährige — also zweite — Feier dieses Festes vollzog sich in besonders einirucksvoller Form. Mehrere unserer Leser haben uns Privatbr.iefe zur Verfügung gestellt, die aus Palästina an Angehörige in Deutschland geschrieben wurden, in denen das Fest begeistert geschildert wird. Wir 'wählen aus diesen Zuschriften eine aus, die von einem deutschen Touristen geschrieben wurde, gerade darum, weil der Brief sch reih er, der nicht einmal der hebräischen Sprache mächtig ist, seine ihnnitteibaren Eindrücke schildert. Alle, Berichte stimmen darin überein, daß die Feier geradezu ■überwältigend war. Das in dem Briefe, erwähnte Hader Hakarmcl ist das neue jüdische Stadtviertel von Haifa, das etwas oberhalb der Stadt auf einem großen Plateau am Abhang das Karmel sich hinstreckt. Haifa, Hadar Hakarmei, den 2. Juni 1933. Schawuoth und Chag habhikurim ist vorbei; ich will Bur, bevor die Eindrücke verblassen, davon gleich wiedergeben, was ich vermag; denn das Fest war ein ganz großes Erlebnis, das Worte überhaupt nicht schildern können und das die, die es nicht selbst sahen, kaum glauben und begreifen werden, Ein jüdisches Erntedankfest in Palistina, wie es sonst wohl auf der ganzen Welf nicht wieder gefeiert werden kann. Unter den Klangen und dem Gesang der Hatikvvah schlief ich heute nacht gegen 2 Uhr ein. Eingeleitet wurde das Fest am Mittwoch nberid durch eine Massenaufführung in dein annähernd 2000 Personen fassenden Amphitheater, das bis auf den letzten Platz gefüllt war, betitelt ״Bikkurim“ (״Erstlinge“), mit der Legende aus dein Buch Ruth (Boas-Ruth1 Naemi) im Mittelpunkt. 250 Darsteller waren auf der Buhne in prächtigen, farbenfreudigen Gewändern, Tänze wurden aufgeführt, Opfergaben dargebracht. Man wußte gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte. Nur schade, daß Ich nicht hebräisch verstand, denn natürlich wurde nur ln dieser Sprache gespielt, und trotz der Größe des Theaters hörte man jedes Wort deutlich. Aber immerhin konnte ich doch der Handlung deutlich folgen. Eine Begeisterung ohnegleichen! Nachher hörte man noch von der Menge, die sich auf den Straßen staute, die Melodien und Gesänge aus dem Theater wiederholen. Bis spät in die Nacht hinein. Der gestrige Tag stand natürlich vollständig unter dem Zeichen des Festes. Aus allen Teilen und fast allen Kolonien des Landes brachten Eisenbahn, Verkehrsautos und ländliche Fuhrwerke eine Unmenge Menschen, Erwachsene und Kinder, soweit sie nicht tags vorher schon kamen. Die Zeitungen heute schreiben von Zehntausenden! Früh waren am Meer allerlei Wettspiele, zu denen wir aber nicht waren. Die Jungem sahen in ihrem kleidsamen Wassersportdreß famos aus. Dann kam gegen 10 Uhr der unabsehbare Zug der Kindergarten- und Schulkinder, Jungens und Mädels, von den Kleinsten an, schon geputzt, die Mädchen mit Kränzen und Blumen fm Haar, ein jedes mit einem Körbchen am Arm, worin Obst, Früchte, Eier u. dgl, waren. Und hatten Aehrenbündci im Arm; in einer Art Stellage, die jedesmal vier Jungens schulterten, folgten dann Hühner, Tauben und noch mehr kleines Viehzeug, sogar Ziegenlämmchen, mit Schleifen geziert, sah ich auf kleinen Wagen im Zug. Die Kinder wurden natürlich von ihren Lehrern und Kindergärtnerinnen geführt. Wir sahen alles von der Wohnungsterrasse genau an, wo der Zug vorbeikam. Ein entzückendes Bild. Aber der Clou des Festes sollte erst am Nachmittag kommen: Der Umzug der Großen! sich da tat, ist mit!Worten überhaupt nicht zu beschreiben. Das tnuh man gesehen haben. Tausende und Abertausende von Mensehen bildeten den Zug, der gar kein Ende nehmen wollte. Die Kolonien und Kwuzoth brachten von ihren Erzeugnissen an Getreide, Früchten und Vieh auf großen und kleinen Wagen. Ganze Hühnerhöfe und Taubenschläge, wenn auch en miniature, Pferde, Kühe, Ziegen, Schafe, Esel wurden mitgeführt, Erntewagen, hochbeladen, all die herrlichen Obst- Sorten, wie sie die Kolonien produzieren und die jetzt reif sind. Auf den Erntewagen natürlich auch die dazugehörigen Schnitter und Schnitterinnen. Das war nicht Karneval oder sonst weiche andere Maskerade, da wurden die Früchte ehrlicher, saurer Arbeit gezeigt, von den Erzeugern selbst geführt. Vor einer jeden Abteilung wurden Tafeln mit den Namen der betreffenden Kolonien vorangetragen. Besonderen Jubel erregte ein großer Leiterwagen mit gesunden Kind e r n, der Zukunft Palästinas, auch ein erst recht nicht zu unterschätzendes Produkt! Viele schneidige Reiter auf ihren schönen arabischen Pferde« sah man, die Musik wurde von den Polizeikapellen des Landes gestellt, die in ihren schneeweißen Uniformen mit rolgepaspelten Schirmmützen und roten Abzeichen ein schönes Bild boten und nicht weniger gut und flott musizierten. Kann man sich so etwas denken, alles von Juden veranstaltet, von Juden geboten! Und ein Jubel und eine Freude! Auf dem ganzen Hadar Hakarmel, besonders auf der Herzlstraßc, einem ganz breiten, kilometerlangen Bou- Ievard, wogte es bis in die späte Nacht hin und her. Kaum zum Durchkommen. Die Cafes und alle Gaststätten überfüllt. Wie und wo die Leute aber nächtigten, möchte ich wohl wissen. Von manchem hörte ich, daß sie einfach in offenen Autos die Nacht zubrachien, oder in den öffentlichen Gärten. Ueberall blau-weiße Fahnen und Fähnchen mit dem Mögen Dovid, Triumphbögen mit unzähligen elektrischen Lichtern, die ganze große Fassade des Technikums herrlich illuminiert, in dessen Hof die Versteigerung der Erstlinge vor sich ging. Auf den Straßen wurde begeistert die Horra — der jüdische Nationaltanz. — getanzt. So viele Araber sah man auch als Zuschauer dabei. Und ״Schalom, Schalom, Schaiom“ auf der ganzen Linie. Man wünschte sich nur, daß daran auch unsere Freunde in der Heimat hätten teilnehraeri können oder zum wenigsten den ״Schalom“ ebenso hätten, wie die Menschen hier. Die ״Wizo“ arbeitet Tel-Awiw, Int Juni 1933. Irrt Rahmen eines Tees gaben die Damen der Wizo (Zionistische Frauenorganisation) den Vertretern der in- und ausländischen Presse in Palästina Informationen über den Stand der Wizo-Arbeit. Die Aufgaben dieser Welt-Frauen- Organisation sind enorme. Nach den bisherigen Resultaten ist aber mit Gewißheit anzunehmen, daß mail sie bewältigen wird. Unser besonderes Interesse gilt natürlich der Palästina- Arbeit der Wizo, die («ach der kürzlich erfolgten Vereinigung der ״Histadruth Nasehim“ mit der ״Hisiadruth Arzith“ zur ״Histadruth Nasehim Zionioth“) jetzt breiteste Basis gewonnen hat. Es würde zu weit führen, das statistische Material hier zu wiederholen, das zur Kenntnis gegeben wurde. Interessenten seien die hervorragenden Wizo- Zeitschriften und -Prospekte empfohlen. Nach Eröffnung durch die Vorsitzende, Frau Jaffe, nahm Frau R.-A. Dr. Öi'nsberg im Namen der Exekutive das Wort, während Frau Smoira das Arbeitsprogramm der Wizo entwickelte. Man hörte einen ausführlichen Bericht über <Jas große Arbeitsgebiet: Konsolidierung der fandwirtschaftlichen Schulen und Mädchenfarmen, Arbeit der Wandcrlehrerinnen in den Kwuzoth, Haushaltungsschulcn, Kindergärten, Tages- und Abendkurse, soziale Fürsorge für Mutter und Kind, Ausbau und Einrichtung von Kindcrtonds, Mütterberatungssteilen, Tageskrippen, Säuglingsheime — das alles sind nur Stichworte, die aber einen Begriff geben von der Hingabe und Aufopferungsfähigkeit, die diese Arbeit erfordert. Im Gebiet der Erziehung der Frau zum Zionismus nimmt die Erfassung der orientalischen Frau eine Sonder- Stellung־ ein. Mit besonderer Anerkennung seien die Erfolge der ״Jung-Wizo“ festgestellt. Besonders gerüstet ist die Organisation für die Ein- Wanderung der deutschen Familien und wird den deutschen Frauen mit Rat und Tat zur Seite sichen. Wofür sie hoffentlieh das Aequivalent erhält, daß ihr viele neue wertvolle Arbeitskräfte Zuströmen zum Nutzen der jüdischen Frau in Palästina und in der ganzen Welt. Manfred 0 eis. Das Hauptbüro des Weltverbandes für hebräische Sprache und Kultur (Brith Ivritb ölamith) ist von Berlin nach Warschau verlegt worden, Hauptbüro. 01zj׳böu?8W- Platz UL Organisierung des jüdischen Sports Von Hans Friedenthal. Die Situation des jüdischen Sports in Deutschland ist ungeklärter denn je. Auf der einen Seite ist nach den Erklärungen des Reichssportkommissars von Tschammer-Osten zu erwarten, daß den jüdischen Turn- und Sportvereinen in Deutschland Arbeitsmöglichkeiten gegeben werden. Aut der anderen Seite sind wir durch den Entzug der städtischen Turnhallen und Sportplätze sowie durch die Hinaussetzung aus dem Reichsjugendpflegeausschuß in unserer Arbeit aufs schwerste behindert. Nachdem unseren Vereinen die Mitgliedschaft in fast sämtlichen deutschen Sportverbänden gekündigt wurde, nachdem fast überall der Arierparagraph eingeführt wurde, ist die von der Reichsregierung gewünschte Scheidung in nationaler und völkischer Beziehung durchgeführt. Wir sollten meinen, daß nunmehr nichts mehr im Wege steht, auch dem jüdischen Sport die Lebensmöglichkeiten wiederzugeben. Welches sind unsere Forderungen an den Rcichssportkommissar? 1. Wiedergestattung der Benutzung der städtischen Turn- und Sportplätze für unsere Vereine. Dä die Juden in Deutschland ebenso ihre Steuern zahlen wie alle anderen, wäre es ein Akt der Gerechtigkeit, ihnen die Benutzung dieser städtisehen Institute zu ermöglichen, genau wie die anderer städtischer oder staatlicher Einrichtungen. Keiner deutschen Organisation wird hierdurch etwas weggenommen, keine deutsche Institution wird hierdurch geschädigt. 2. Wiederaufnahme unserer Vereine in den Reiclisjugend- Pflegeausschuß, damit unsere Mitglieder die Ermäßigungen auf den Eisenbahnen usw. und die Benutzung der Jugendherbergen bei ihren Wanderungen wieder haben können. 3. Die Erlaubnis, gegen deutsche Sportvereine Gesellschaftsspiele austragen zu dürfen. Nach einer klaren Scheidung in rein arische und jüdische Vereine können Bedenken gegen solche Spiele nicht mehr bestehen, da ja deutsche Vereine auch gegen Japaner, Neger usw. spielen. Wir sind der Ansicht, daß der Reichssportkommissar, wenn er überhaupt willens ist, sich um diese Fragen zu kümmern, diese Forderungen ohne weiteres erfüllen kann, weil sie in nichts gegen die Prinzipien der Regierung der nationalen Revolution verstoßen. Das zweite große Problem, dem wir in Deutschland gegenüberstehen, ist das der Organisierung des jüdischen Sportes von jüdischer Seite. Der einzige jüdische Sportverband, der bisher in Deutschland existierte, ist der Deutsche Makkabikreis. Ihm tritt nunmehr als zweiter Verband der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten zur Seite, der neuerdings begonnen hat, in seinen Ortsgruppen unter Heranziehung jüdischer Sportler aus dem liberal-assimilatorisehen Lager Sportgruppen überall zu bilden. Man sollte meinen, daß diese beiden Verbände imstande wäre«, die Bcdürfnisse der jüdischen Sportler und Turner in Deutschland vollauf zu befriedigen. Nun hat sich in Berlin unter Führung von Herrn Graetz, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlins, ein ״Bund Jüdischer Turn- und Sportvereine Deutschlands“ gebildet, clcn die Gründer als Dachorganisation für alle jüdischen Turn- und Sportvereine Deutschlands — also auch des Makkabi- und des RJF. — gedacht hatten. Dieser Verband trägt sich auch mit der Absicht, im Reiche sogenannte neutrale jüdische Sportvereine zu gründen. Sowohl der Makkabi als auch der RJr. haben in verschiedenen Ver- Handlungen ihrer Meinung Ausdruck gegeben, daß sie diese Gründung für überflüssig halten. Trotzdem könnte man sich mit diesem Verband als einem dritten abfinden. Wir sind leider im jüdischen Leben Deutschlands nicht in der Lage, der unheilvollen Zersplitterung des jüdischen Sports entgegenzutreten. Darum muß nach einer Form gesucht werden, unter Wahrung der Autonomie aller drei Verbände eine einheitliche Vertretung zu schaffen. Unser Vorschlag geht dahin — auch der RJr. steht auf diesem Standpunkt — aus den drei genannter! Verbänden einen ״Jüdischen Reich saus schuß für Leibesübungen in Deutsch* 5and“ zu schaffen und durch Wahl je eines Vertreters ein Dreierkomitee zu bilden, das wirklich autoritär Im Namen des gesamten jüdischen Sports in Deutschland auftreten könnte und auch der Regierung gegenüber zu Verhandlungen legitimiert wäre. Die Auseinandersetzungen mit dem ״Bund Jüdischer Sport- und Turnvereine Deutschlands“ sind noch nicht beendet. Wie so oft im jüdischen Leben droht dieser einfache und klare Plan, der allen Gerechtigkeit widerfahren ließe, an parfikularisüschen ühd ehrgeizigen Tendenzen der änderen zu scheitern. Wir werden nichts unversucht lassen, um diese Zusammenarbeit zustande zu bringen. Inzwischen t•”־"'' " größer( und verstärkt hervorgeht Wie aus dem eben veröffentlichten Bericht d(!f britisehen 2entralhilfskomite£s hervorgeht, haben die Sammlungen für den britischen Zentraflonds für Hüfsar• beit zugunsten deutscher Juden insgesamt 1!#)<Xü Pfund erf. ..... ־ ־•- ■■ ״• ..