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Jüdische Rundschau · 1933-06-23 · Heft 50 (23.6.1933) · p. Seite 277

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 50 (23.6.1933)
Date
1933-06-23
Page
Seite 277 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50, 23 VI. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 275 Palästina vor der Mandatskommission Am 27. Juni Am 19. Juni wurde in Genf die Tagung der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes eröffnet. Zum Vorsitzenden der Kommission wurde das italle* nlsche Kommissionsmitglied T h e o d o 1 i wiedergewäblt. Die Aussprache über die mit der Durchführung des valäst Ina- Man dats zusammenhängenden Fragen wurde für den 27. Juni festgesetzt. Die Jewish Agency übergab wie alljährlich dem High Commissioner von Palästina zwecks Vorlage an die Mandatskommission ein Mem orandum über die jüngste Entwicklung des Jüdischen Nationalheims. In einem an den High Commissioner gerichteten Begleitschreiben erörtert der Präsident der J. A., Sokolow, eine Reihe von Kolonisations- und Einwanderungsfragen und erhebt u, a. die Forderung nach Ermutigung jüdischer Niederlassung in Transjordanien. Mehrjährige Erfahrung hat gezeigt, heißt es in dem Briefe Sokolows, daß jüdische Kolonisation keine ins Oewicht fallende Verdrängung arabischer Bauern bedingt; daher hofft die Jewish Agency, daß die restriktive Tendenz der palästinensischen Bodengesetzgebung aufgegeben werden wird. Die Befürchtungen der Agency bezüglich der Handhabung der Bodenstreitverordnung haben sich als gerechtfertigt erwiesen; sic hat zu einer Vermehrung der Fälle vorsätzlicher Niederlassung von Arabern auf jüdischem Boden und zu langen und kostspieligen Prozessen geführt. Die allgemeine Auswirkung jüdischer Ko- Ionisation auf die benachbarte, arabische Bauernbcvölkerung wird bei einem Vergleich zwischen der Lage der arabischen Landbevölkerung in Westpalästina und derjenigen in Transjordanien ersichtlich, ein Vergleich, der in den letzten Monaten einflußreiche arabische Landbesitzer in Trans_ jordanien veranlaßt hat, den Wunsch auszudrücken, daß die jüdische Arbeit auch auf das Gebiet östlich des Jordans ausgedehnt werde, und größere Bodenflächen Juden zu Kauf oder Pachtung anzubieten. Namens der Jewish Agency möchte ich den Wunsch ausdrücken, daß Eure Exzellenz einen Weg finden möge, diese Entwicklung zu ermutigen, von der zu erwarten ist, daß sie zur Verständigung und Kooperation zwischen Juden und Arabern führen wird, einem Zusammenwirken, das für den friedlichen Fortschritt Palästinas und Transjordaniens so wichtig ist, und die außerdem die vorhandenen Möglichkeiten für jüdische Siedlung wesentlich vermehren könnte. Zur Einwanderungsfrage bemerkt Sokolow, daß die Ausgäbe einer im Vergleich mit früheren Jahren wesentlich erhöhten Zahl von Arbeitereinwanderungszcrtit ikaten van den Juden Palästinas und der ganzen Welt voll gewürdigt •wurde. Es sei zu hoffen, daß im laufenden Jahr die Erhellung der Zahl von Zertifikaten fortgesetzt und ihre Ausgabe beschleunigt werde. Diese Frage, schreibt Sokolow, ist im Hinblick auf die tragische Lag« großer Teile des jüdischen ,Volkes in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland, gerade heute von lebenswichtiger Bedeutung. Es besteht ein akutes Auswanderungsbedür fnis, aber diejenigen, die In anderen Ländern Zuflucht suchen, finden infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Depression und der bestehenden Beschränkungen alte Tore verschlossen. Palästina ist jetzt nicht nur das einzige Land, nach dem sich der Blick der Verfolgten riehtet, sondern auch eines der wenigen Länder, die Verhältnismäßig prosperieren, und bietet alle Anzeichen für ein ständig wachsendes Aufnahmevermögen. Es braucht jüdische Arbeit und jüdisches Kapital, die es in bestmöglicher Art verwerten kann. Unter diesen Umständen erwartet das jüdische Volk von der Mandatarmacht, daß sie dafür sorge, daß Palästina und dem Jüdischen Nationalheim jede Möglichkeit gegeben werde, die ihnen zukommende Rolle bei der Linderung der schweren Not der Juden zu spielen. Ich glaube natürlich nicht, daß das Jüdische Nationalheim bloß als Zufluchtsstatte für Verfolgte betrachtet werden soll; es hat eine besondere Aufgabe — den Wiederaufbau jüdischen nationalen Lebens im historischen Lande jüdischer Vergangenheit. Trotzdem glaube ich, daß das Jüdische Nationalheim im Lichte der Lage der Juden in anderen Ländern gesehen in Palästina eine Heimstätte werden sollte, zu der sich der Jude, wenn er in Not ist, mit dem Gefühl hinwenden kann, daß er hier, zumindest hier, als Jude ein Recht auf Ein- Wanderung habe. Deshalb erlaube ich mir, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß jetzt jener Augenblick in der Geschichte Palästinas gekommen ist, in dem die H a n d h a ־ bung der Einwanderungspolitik der Regierung in eine engere und aktivere Beziehung zur Forderung des Mandats, ״jüdische Einwanderung zu erleichtern und geschlossene Siedlung von Juden za ermutigen“, gebracht werden könnte. Die Ausgabe einer großen Labour Schedule, die wirklich den Bedarf Palästinas nach Arbeitskräften decken würde, würde gleichzeitig Einwanderungsmöglichkeiten für einen Teil derjenigen schaffen, deren Bedürfnis nach Ein- Wanderung von Tag zu Tag dringender wird. Schließlich kommt Sokolow auf die Sicherheitsfrage in Palästina zu sprechen. Ich möchte, schreibt er, Eure Exzellenz im Namen der Jewish Agency und der Juden Palästinas zu wiederholtem Male unsere Dankbarkeit für die Maßnahmen bekunden, durch die die öffentliche Sicherheit in Palästina erhöht werden soll. Wir wissen das, was in dieser Hinsicht geschehen ist, außerordentlich zu würdigen und bedauern nur, daß trotz dieser Besserung während der letzten Monate eine Reihe bedauerlicher Vorfälle sich ereignet haben, die darauf hinweisen, daß die Lage in bezug aut die öffentliche Sicherheit noch nicht vollständig zufriedenstellend ist. Ohne die Bedeutung der verschiedenen isolierten Angriffe und Mordanschiäge irgendwie za überschätzen, erlaube ich mir, nochmals darauf hinzuweisen, daß die Prosperität Palästinas weitgehend auf dem jüdischen Vertrauen in die Sicherung von Leben und Eigentum in diesem Lande beruht. ״Dr. Hohn“ In Budapest verboten Die Budapester Polizei hat die weitere Aufführungen des Trauerspiels ״Dr. Kohn“ vom Max Nord au, das am 14. Juni am Bethlen-ter-Theater mit großem Erfolg zum erstenmal in Szene ging, mit der Begründung verboten, daß Inhalt und Regie des Stückes religiöse und gesellschaftlkhe Probleme, besonders die christliche und jüdische Weltanschauung, übermäßig scharf einander gegenüberstellen, was geeignet erscheine, Ruhe und Ordnung in der Hauptstadt zu stören. Die Direktion des Bethlen-tfer-Theaters hat sich an das Ministerium des Innern mit der Bitte gewandt, das Verbot aufzuheben. Das Innenministerium hat eine Kornmission eingesetzt, für die eine geschlossene Aufführung des Stückes veranstaltet wird. Dann wild die endgültige Entscheidung getroffen werden. Kuri Blumenfeld in Hamburg Aus Hamburg •wird uns berichtet: In der ersten Junihälfte sprach Kurt Blumenfeld an zwei Abenden vor dem jüdischen Hamburg: in einer Mitgiiederversammlung der Ortsgruppe — der Rahmen war weit gespannt, man hatte die Möglichkeit, interessierte Außenstehende mitzubringen —, und in einer Veranstaltung des hiesigen Zionistisch-Akademischen Klubs, zu der gleichfalls die Ladungen weit über den Kreis der Klubangehörigen hinaus ergangen waren. Einige Worte zum Bild dieser Abende dürfen füglich aut besonderes, wenn man so will, aktuelles Interesse rechnen. Der große, für beide Vorträge reservierte Saal war bis in den letzten Winkel mit vielen Hunderten aufmerksamer, ja enthusiasmierter Hörer gefüllt. Daß keine äußeren Schwierigkeiten den Verlauf der Veranstaltungen beeinträchtigten, sei ebenso erwähnt wie die andere Tatsache: daß es niemanden, organisierten Zionisten oder nicht (noch nicht!) gab, der es nicht mit geradezu erregter Freude begrüßte, daß wir mit diesen Referaten die Oeffentlichkeit des Hamburger zionistischen Lebens wiederhergestellt hatten, Zahllosen die dringend erwartete Möglichkeit, sich zu unterrichten, gaben und damit brennende Fragen der Klärung näher brachten. Von den Vertretern der Gemeinde bis• zur Jugend unserer Bünde, die die Galerie an beiden Abenden besetzt hielt, und deren hebräische Lieder das Ganze umrahmten: alles war im atemlosen Banne der Ausführungen Blumenfclds — und das Ergebnis konnte denn auch gar kein anderes sein als eine willkommene, durchgreifende Ver- Stärkung unserer Bemühungen, ein Auftrieb der Arbeit, für den unserem Führer und Freund Blumcnfeld auch an dieser Stelle zu danken ist.־ Am Sonntagabend lautete das Thema: ״Palästinafragen“. Es gab niemanden, den die zwingend aufgebauten Gedankenfolgen des Referats und das Pathos des Redners nicht aufs entschiedenste berührten. Die Emigrationswelle, so berichtete Blumcnfeld, habe bisher Zchntausende deutscher Juden erreicht. Zielpunkte dieser Massenwanderiing zu schaffen, habe man sich in zahlreichen Konferenzen bcmüht. Sympathien nicht allein der jüdischen Gemeinschaften, sondern auch der Regierungen aller Einvandernngsländer seien vorhanden; die Beschaffung von Arbeitsplätzen aber sei im ganzen bisher mißglückt, so lebhaft sich Führer aller jüdischen Lager darum bemüht hätten. Es sei schon als bedeutsames Resultat zu buchen, daß die Regierung Argentiniens 200 deutsch-jüdischen Familien die Einreise gestatten wolle, im Gegensatz zu den anderen südamerikanischen Staaten, die nur je 25 Familien aufzunelmien bereit seien... So richte sich denn die allgemeine Aufmerksamkeit zwangsläufig auf Palästina als das einzig real ‘jetzt in Frage kommende Einwanderungsland für deutsche Juden. Daß über 45 000 Interessenten sich in den letzten zwei Monaten beim Berliner Palästina-Amt der Zionistischen Vereinigung für Deutschland nach Uebersiedlungsmöglicbkeiten erkundigt hätten, illustriere die Situation. — Personen eines bestimmten Mindestvermögens stände die Einwanderung ohnedies nach dort frei, und viele hätten von dieser .Möglichkeit schon Gebrauch gemacht. Ueberdies habe man zunächst für 1000 Olim und für einige hundert Interessenten mit etwas Kapital (etwa 250 Pfund) die üblichen Einwanderungsbewilligungen erhalten und zum großen Teil bereits ausgenutzt. Für weitere Tausende und Zehntausende sei Platz: die jüdische Bevölkerung Palästinas, dieses jetzt stärker als je aufbliihenden Landes, sei gewillt, sie in ihrer Mitte aufzunehnien. Besonders die Jugend solle man zur Erziehung in den bestellenden und im Aufbau begriffenen, besonders schönen Kindersiedlungen herübersenden. Mit diesen mehr tatsächlichen Mitteilungen verband der Referent eine recht wirksame Kritik an gewissen Lieblings- Vorstellungen der ״deutschen Judenlieit von gestern“ die bürgerlich-materiellen Aufstieg überwertete und mit dieser Einstellung heute, ohne die Hoffnung auf jüdische Zukunftsmöglidikeiten — es sei denn eben: Palästina, hilflos einer verwandelten Welt gegeniiberstche. Auch Beruf sumschichtung in Deutschland sei kein wirklicher Ausweg: ebenso der äußeren Schwierigkeiten halber wie zufolge der psychologischen Hemmungen, die jejlen sozialen Abstieg begleiten, den man nicht als seelisch-menschlichen Aufstieg zu werten gelernt hat. — Aus all dem — und hier steigerte sich die rednerische Linie ins Ergreifende — helle nur die nationaljüdische Bewegung; sie zeige den ״Weg nach Hause“, der der Weg eines neuen Aufstiegs werden könne. Am nächsten Tage sprach Blumcnfeld über die ״Aufgaben des deutschen Judentums׳‘, mit einer Fülle jener, fast selbstverständlich anmutenden Formulierungen von Wahrheiien und Tatsachen, die ihm Aufmerksamkeit bis zum letzten Augenblick zu sichern pflegen. Er legte den Hauptwert auf ein« Darstellung der Entwicklung des deutschen Judentums. Das deutsche Judentum habe sich in der Beurteilung des jüdischen Problems geirrt. Man wollte wohl Jude sein, aber ohne das Judentum in seiner Totalität zu erfassen, Und suchte sich nur die Seiten heraus, die einem zusagten. Im übrigen hielt man sich an die These, daß die Angriffe auf das Judentum, daß der Antisemitismus zu überwinden seien, daß die fortschreitende Bildung schließlich alle Ungleichheiten beseitigen werde. Darüber habe gerade der deutsche Jude vergessen, daß die Emanzipation nur relativ jungen Datums war und daß die geschichtlichen Zusammenhänge nicht durch ein paar Jahrzehnt« anderweitiger Ent- Wicklung ausgelöscht hätten werden können. Die heutige Zeit machte aus allen denen wieder Juden, die glaubten, das Judentum längst über Bord geworfen zu haben; heute muh wieder neu gestaltet werden, muß das Geschick des deutschen Juden von Grund auf wieder aufgebaut werden. Wo aber ist der Weg dazu? Die Berufsumschichtung verlangt vor allem eine seelische Vorbereitung, die Rückkehr zum Boden ist auch meist nur möglich in anderen Ländern, und diese Länder sperren sich gegen die Aufnahme von luden, wie viele Beispiele beweisen. Das einzige Land, das bereit sei, Juden aufzunehmen, sei Palästina, und man müsse es der deutschen Regierung danken, daß sie keinerlei Hindernisse in den Weg lege, wenn jüdische Aus- Wanderer Gelegenheit hätten, die finanziellen Bedingungen, die dort für eine Einordnung vorgeschrieben, zu erfüllen. Bei diesem Punkte angelangt, stellte Blumenfeld die Thesen auf, daß an Stelle eines getarnten Judentums ein offenes Judentum treten müsse, und zweitens müsse man den Juden das Vertrauen auf sich selbst wiedergeben, ein konkretes Ziel, das in der Verwirklichung eines eigenen Lebens besteht. Wie die Kölner Zeitungen berichten, ist ״der bekannte Kölner Dermatologe Prof. E. M e i r 0 v s k y zum Ehrenmitlied der Türkischen Medizinischen Gesellschaft ernannt woren“. Prof. Meirowsky ist Jude, was aber in den Notizen nicht erwähnt wird. Wie der ״Völkische Beobachter“ mitteilt, soll an der Universität Leipzig ein Lehrstuhl für Rassenkunde errichtet und zu Beginn des nächsten Semesters besetzt werden. Ein erster Einführungskurs in die Rassenkunde für Aerzte findet im Qktobec statt. Man liat bisweilen draußen und drinnen ge» spottet über den Gedanken des freien jüdischen Hauses im Lande der Väter/ aber er hat doch, wenigstens, den großen Zug, und es wäre ein großer Tag, wenn die Stätte entstünde, welche suchende Körper und suchende Seelen aufnehmen will. Ja, mag das jüdische Dasein sich in ihm be* tonen, wie immer — wenn es nur eben ein großer Gedanke ist, ein Gedanke, der aus dem Engen und Kleinlichen herauszuführen vermag, um eine Zukunft zu zeigen. Wir brauchen ihn, um unseres Lebens und unseres Weiterlebens •willen. Leo Baeek Lebensgrund und Lebensgehalt. (״Wege im Judentum. Aufsätze und Reden'‘) Berlin 1933. Jüdische Gemeinde und Palästinaarbeit An einem Gemeindeabend der Berliner Jüdischen Gemeinde am 21. d. M. hat der Vorsitzende der Gemeinde, Direktor Stahl, wie uns berichtet wird, die nachstehende Erklärung zur Frage der Palästina-Arbeit abgegeben: ״Meine Damen und Herren, gerade in diesem Raum hören Sie nicht selten das Heilige Land unserer Vorfahren nennen, und es liegt mir am Herzen, einmal un miß verstandlieh auszusprechen, wie ich mir die Stellung unserer Gemeinde zu Palästina und den damit verbundenen Problemen denke. Meine Freunde und ich haben niemals verkannt, daß Palästina fiir eine beträchtliche Anzahl unserer Glaubensgenossen aus allen Ländern Raum und Lebensinögliciikeit bietet. Und heute, da — was wir nie gedacht hätten — auch die deutschen Juden in die Lage gekommen sind, von diesen Möglidikeiten Gebrauch zu machen, heute bietet Palästina auch manchem von uns Zuflucht und neue Existenz. Nur mit großer Dankbarkeit können wir die Arbeit begrüßen, die in dieser Richtung von dem Palästina-Amt der Zionistisclu'11 Vereinigung geleistet wind. Unermüdlich ist eine große Zahl von Beratern und Helfern in der Meinekestraße an der Arbeit, um auf die Fragen und Wunsche der Bedrängten?11 antworten. Der Gemeindevorstand begrüßt dieses Paliistina-Werk herzlieh .st, soweit es sieh mit der Wahrung unserer Interessen als deutsche Staatsbürger vereinigen läßt. Wir werden über dem Programmatischen und Politischen niemals vergessen, daß es sieh in Palästina um lebendige Menschen!tändelt. Seit je ist der Ruhm gerade der deutschen Juden gewesen, daß sie großherzig den bedrängten G!aubensbriidern in der ganzen Welt ihre Hilfe geleistet haben, und vielleicht ist gerade jet/t der geeignete Augenblick, auch nach außen hin zu betonen, daß wir — ich darf mich einmal so ausdrucken — Palästina in Palästina bejahen werden. Dabei werden wir uns aber über zweierlei klar sein müssen. Das eine ist, daß Palästina aus räumlichen und ökonomischen Gründen nur einen kleinen Teil von Juden auf seinem Gebiet vereinigen kann, so daß wir denen' nicht zu folgen vermögen, die in der Förderung des Palästina-Aufbaus die zentrale, alles überragende jüdisch.e Aufgabe erblicken. Das andere ist, daß wir nach wie vor uns von allen denjenigen Bestrebungen ferubalten, die geeignet sind, unser nationales Heimatrecht hier in Deutschland zu gefährden oder auch nur in Frage zu stellen. Denn, meine Damen und Herren, über eines kann kein Zweifel sein: Auswanderung mag für den und jenen ein Ausweg sein, Ausweg im wahren Sinne des Wortes — «ine Lösung ist es immer nur für wenige und für einen geringen Bruchteil der deutschen judenlieit; die weitaus meisten von uns werden in Deutschland verbleiben müssen.“ Wir glauben, diese Erklärung dahin interpretieren zu dürfen, daß die Leitung der Jüdischen Gemeinde den Wunsch hat, ihre bisherige starre Haltung gegenüber den Palästina- Bestrebungen auf/ugeben. Die Leitung der Gemeinde hat sich wohl inzwischen selbst überzeugen können, daß sich in dieser Frage in der jüdischen Bevölkerung Deutschlands ein gew a 11 i g e r U m schwang vollzog e n hat und daß man bei den weitesten jüdischen Kreisen kein Verständnis dafür fände, wenn auch jetzt noch den Bestrebungen, in Palästina Raum für jüdische Siedlung und den Grundstein zu einer jüdischen Wiedergeburt zu schaffen, von offizieller jüdischer Seite Widerstand entgegengesetzt würde. Wir halten es nicht für am Platze, unsererseits jetzt in eine Diskussion von Einzelheifen dieser Erklärung des Gemeindevorstandes einz11trete.il, da ja bekannt׳ ist, daß für uns die Bedeutung des Palästina- Ideals sich nicht auf die von Herrn Stahl angeführten Gesichtspunkte beschränkt. In einem Punkte müssen wir jedoch sofort Einspruch erheben. Wenn der Gemeindcvorstand das Paliistina-Werk begrüßt, ״soweit es sich mit der Wahrung unserer Interessen als deutsche Staatsbürger vereinigen läßt“, so könnte durch diese Formulierung der Anschein erregt werden, als ob anderen Gruppen, die sich mit der Palästina- Frage befassen, beispielsweise der Zionistischen Vereinigung, die Wahrung unserer Interessen als Staatsbürger nicht ebenso am Herzen läge. Dieses mögliche Mißverständnis hätte besser vermieden werden sollen. Und wenn Herr Direktor Stahl im Zusammenhang mit der Palästina-Sache sich gegen die Bestrebungen wendet, die ״unser nationales Heimatrecht in Deutschland in Frage stellen“, so muß darauf hingewiesen werden, daß diese Anzweiflung unseres Heimatrechtes sich ganz unabhängig von der Palästina-Idee vollzogen hat. Im übrigen begrüßen wir es, daß der neue Vorsitzende der Gemeinde kurz nach seinem Amtsantritt bemüht ist, Streitpunkte, die die jüdische Einheit gefährden, aus dem Wege zu räumen. Kleine Nachrichten Die Bezirksdirektion Nürnberg der Deutschen Reichs-Postreklame G. m. b. H., der die Aufnahme von Anzeigen in das Amtliche Teleplionbuch obliegt, hat (lt. ״Frankf. Ztg.“) auf einen Anzeigenauftrag folgenden Bescheid gegeben: ״Mit Rücksicht auf den jüdischen Charakter Ihrer Firma haben wir die Weisung erhalten, von Ihrer Reklame im Amtlichen Fernsprechbuch Abstand zu nehmen.“ Zu der in der ״Jüd. Rundschau“ Nr. 45/46 veröffentlichten Notiz, wonach in Glatz die Zeitungen keine Geschäftsanzeigen jüdischer Firmen mehr aufnehmen dürfen, wird uns aus Leserkreisen in Waldenburg (Schlesien) und in Chemnitz geschrieben, daß dort schon seit einiger Zeit dieselbe Praxis herrscht. In Wien ist es abermals zu antisemitischen Terrorakten gekommen. Im jüdischen Kaffeehaus Jäger und im Geschäft des jüdischen Kaufmanns Horovitz wurden die Fensterscheibeti durch Steinwürfe zertrümmert. Aus verschiedenen österreichischett Provinzstädten werden Fälle von Jndenmißhandlungen gemeldet.

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