Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1933)
- Date
- 1933-06-20
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49, 20 VI. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 269 Auch unsere Rasse sei heilig! Von Obermedizinalrat Dr. Dreyfuß, Ludwigshafen (Rh.). ״Des Menschen Leben lebt 1m Blut“ (Faust, 2. Teil, 2. Akt.) In dem Sturmwind, der über uns dahinbraust, hören wir eine Stimme van der ״Rasse“. In den Tageszeitungen füllt sie die Spalten, in den wissenschaftlichen und in den Zeit- Schriften der Vereine, in denen wir Aerzte aus den Zeiten vor der Sintflut her noch Mitglieder sind, nimmt sie einen breiten Raum ein. Die Artikel, die mit von unsern Beiträgen gedruckt werden, fliegen uns unablehnbar ins Haus — zum Teil beleidigenden Inhalts. Dabei müssen wir anerkennen, daß die Betonung gewisser Seiten der Rassenfrage an sich, von den völlig unnötigen Schmähungen abgesehen, ein Verdienst der nationalen Erhebung darstellt. Wenn es ihr gelingt, auf dem Gebiet der Bevölkerungspolitik eine Umkehr des Geburtenrückgangs durch eine Aenderung der Volksgesinnung hervorzurufen, so wird sie zweifellos damit für die Zukunft der west- und mitteleuropäischen Völker, besonders aber des deutschen Volkes das Hauptproblem gelöst haben. Und wenn sie, wie es außerordentlich plastisch Dr. Groß-Berlin auf einer Nauheimer Nationalsozialist!- sehen Aerzteversammlung ausdrückte, ״die Umstellung von d er in d i vid u alisti sch e n auf die ganzheit liehe Denkweise“ erreicht, dann hat sie damit ganz gewiß Großes gewonnen. Wenn hierin, wie nachstehend gezeigt werden soll, wir Jüdischen Rassepolitiker den Männern des neuen Deutschland auf ihren Spuren folgen, so dürfen wir aus jüdischer Anschatiung daran erinnern, daß, wie das Einzciindividuum nur ein Teil des Ganzen, der Rasse, ist und sich ihren Interessen unterordnen muß, dann ebenso die einzelne Rasse nur einen Teil des ganzen Menschengeschlechts bildet und bei den Interessen der einzelnen Rasse diejenigen der Menschheit nicht zu vergessen sind. Wenn es uns jüdischen Bevölkerungspolitikern, die wir bisher (genau wie diejenigen anderer Völker) vergebens nach einer Umkehr auf dem Gebiet des Geburtenrückganges^ gerufen haben, gelänge, die gewünschte Umkehr zu erreichen, dann hätte die nationale Erhebung der Deutschen dem deutschen Judentum indirekt nicht nur rein ideell durch Erzwingung seines engeren Zusammen- Schlusses, Beendigung der Taufen und Mischehen, sondern auch rein somatisch durch Hintanhaltung des drohenden Selbstmordes einen ungeheuren Dienst erwiesen. Ueber die hier von manchen Lesern zu erwartende Frage, ob denn wirklich unter den gegenwärtigen Umständen in der Welt, und ganz besonders bei den deutschen Juden, eine Propaganda für Hebung der Geburtenziffer verantwortet werkann, folgen die entsprechenden Bemerkungen weiter unten unter Ziffer 3. Es war einmal eine Zeit, da wir bewußte Stammesjuden uns gerne über Rassefragen, auch mit Andersrassigen, unterhielten. Das soll jetzt gegenüber denen, die es ehrlich wollen, nicht anders sein. Mögen nun die Veröffentlichungen, die jetzt von der Gegenseite erfolgen, in sachlich objektiver Weise von der einfachen, unbestreitbaren, Tatsache der Verse hiedenheit der Rassen und unserer Andersartigkeit ausgehen oder mögen sic von vornherein unsere ״Minderwertigkeit“ annehmen, 11ns selbst wird man es nicht verübeln, wenn wir an die letztere nicht glauben und unter Hinweis auf unsere Geschichte und unser Schrifttum von Moses bis Christus und bis heute überzeugt sind, daß auch unser ״Wesen“ zur Kultur der Welt einige Beiträge geleistet hat. Wir Juden in Deutschland sind nicht in der Lage, Staatliehe ״Rasseämter“ einzurichten. Aber diese Zeilen sind von dem Gedanken eingegeben, es sei doch wünschenswert, auch einmal darüber zu sprechen, ob uns Juden die ״Reinheit“ unserer Rasse nicht ebenfalls wichtig sein muß. In diesen Tagen werden uns von ״arischer“ Seite alle Mischlinge und Stämmlinge bis ins dritte Glied dadurch zugeschoben, daß sie von ihnen abgelehnt werden und nun zu einem großen Teil uns wieder Zuströmen. Dadurch werden natürlich unserer Gemeinschaft eine große Zahl ״rassefremder“ Elemente zugeführt. Soll uns das gleichgültig sein? Wir haben im Augenblick, außer den geringen, generationsweise zeitlich begrenzten Hemmungen, die in den Aufnahmerechten der Strenggläubigen unter unsern Religionsdienen! liegen, kaum ein Mittel der Abwehr gegen diesen Zustrom, aber wir müssen uns trotzdem, auch rein innerlich, darüber klar werden, ob wir ihn begrüßen oder bedauern. Es sind im wesentlichen 3 Punkte, di« bei der gegenwärtigen, sowohl der wissenschaftlichen, wie bei der parteimäßigen, Behandlung der Rassenfrage eine Rolle spielen: Ldie Reinhaltung der Rasse (von fremden Eiementen), 2. die Säuberung der Rasse (von minderwertigem Erbgut), 3. die Hebung der Geburtenziffer (quantitative Bevölkerun gspolitik). Alle drei Punkte haben auch für uns Bed e u t u n g. Ad 1. Zunächst, einige Worte über die Reinhaltung der Rasse. Wir wissen, daß es im europäischen Kulturkreise keine ganz reinen Rassen gibt, daß also auch unsere jüdische Rasse durch Mischungen im Lauf der Jahrtausende, in Aegypten, Babylon, bei der Wüstenreise, bei der Völker- Wanderung, in den großen Kriegen, durch Uebertritte Fremder usw. ihre Reinheit verloren hat. Sie hat aber wohl infolge unserer religiösen Abgeschlossenheit, insbesondere infolge des Umstandes, dal! von jeher, besonders in der christlicher? Aera, die Kinder aus Mischehen fast alle aus dem Judentum hinausgingen, von den gegenwärtigen Rassen Europas sich vielleicht am reinsten erhalten. Insbesondere dürften sich infolge mancher religiösen Einrichtungen innerhalb ihrer Reihen manche großen Familienstämme (Kohn, Levi) einer speziellen Rassenreinheit erfreuen. Nun strömen plötzlich, von den Stammesdeutschen zur Tür hinausgewiesen, all jene Elemente, welche generationenlang draußen vor uns bevorzugt wurden und die vermeintliehen Früchte ihrer Fahnenflucht genossen, all jene Mischlinge, Täuflinge, Stämmlinge, die, charakteristisch betrachtet, oft nicht unsere besten Elemente waren, zu uns zurück und bringen uns ihre ״fremden“ Bestandteile mit Daß wir sie alle mit menschlicher Liebe bei uns aufnehmen, ist uns, die wir die alte jüdische (und christliche) Forderung der Nächstenliebe, auch der Liebe zum ״Fremden“, pflegen, sclbstverständlieh. Wie verhält sich aber dabei unser ״Rassengefühl?“ Unsere Antwort auf diese Frage kann nur lauten: ״Wir vertrauen unserem alten, guten, durch Jahrtausende gefestigten Blute, daß es imstande sein wird, die neuen Elemente, die ja trotz allem an Zahl verhältnismäßig gering sind, zu assimilieren, wie wir es im Lauf unserer Geschichte seit Entstehung der zwölf Stämme nicht wenige Male erlebt haben. Wir wollen hier großzügig, nicht ängstlich sein.“ Unsere historischen Eigenschaften, auf die wir stolz sind, halten wir für so gesichert, daß ihre Fortzüchtung durch einige ״Fremdrassige“ nicht gefährdet wird. Und schließlich wollen wir bei allem Stolze auf die geistigen und sonstigen Vorzüge unserer Rasse dennoch dankbar und demütig auch dessen gedenken, daß in unserer Geschichte auch die Fälle vorgekom,־ men sind, wo ״Fremdrassige“, Männer und Frauen fremder Herkunft, unsern! Volke Nutzen gebracht und ihre ״fremden“ Eigenschaften unserm Rassenerbgut, nicht zu unserm Nachteil, einverleibt haben. Jedenfalls wird bei uns keine Rede sein von ״Ausmerzung“ oder gar von ״Unfruchtbarmachung“ normaler fremdrassiger Elemente. 2. Nun zur Frage der Ausmerzung individuell minderwertiger, ״lebensunwerter“ Elemente aus dem rassischen Erbgut, der gegenwärtig so viel besprochenen Frage der Sterilisierung Schwachsinniger, Krimincller usw. Wir wissen, daß bei uns Juden zwar aut der einen Seite im Erbgut gewisse minderwertige Züge (Alkoholismus, Kriminalität des Mordes und der Körperverletzung) fast fehlen, daß aber auf der andern Seite manche andere (Schwachsinn, GeistesRrankheit) nicht selten sind, dal! also diese Frage der Eugenik praktisch nicht ohne Interesse für uns ist. Wie haben wir uns hier zu den vorhandenen lind in der Gegenwart so viel besprochenen Lösungsversuchen zu stellen? Zunächst ist hier zu sagen, daß auch für uns vor allem die Vertreter unserer spezifischen ethischen Lebensanschauung, also die Männer unserer Religionslehre, entscheiden müssen, wie weit überhaupt die vorgeschlagene Verhütung und Vernichtung angeblich ״lebensunwerten“ Lebens zu rein praktischen Zwecken erlaubt sein kann. Und wenn sie etwa ähnlieh, wie die Vertreter der katholischen Kirche, zu dem Ergebnis kommen, dal! von einer solchen Erlaubnis vom religiösen Standpunkt keine Rede sein kann, dann wäre natürlich eine allgemein wissenschaftliche Behandlung der Frage dadurch noch nicht gehindert, aber von einem spezifisch jüdisehen Gesichtspunkt aus wäre die Möglichkeit einer praktischen Durchführung ausgeschlossen, sie hätte hier an dieser Stelle aus der Diskussion ganz auszuschciden. 3. Nun komme ich zur Besprechung der Geburtenefnschränkung. Ich bringe hier der Raumersparnis halber keine Zahlen. Es ist ohnedies bekannt, daß in Deutschland bereits 19 Städte mit über 50 000 Einwohnern einen Ucberschuß der Sterbcfälie über die Geburten (״mehr Särge als Wiegen“) haben, daß aber die Juden, wie cs Dr. St. Behr ausdrückt, ״den Weltgcb urtenrekord nach unten“ halten, so daß, soweit Westeuropa in Frage kommt, ihr Aussterben in der Tat in Aussicht steht. Nun tritt die Frage auf, ob denn bei den jetzigen Verhältnissen der Juden in Deutschland es nicht besser für sic ist, wenn sie wenig oder keine Kinder bekommen. Als ich kürzlich bei einem Fall einer siebenten Geburt bei einer Jüdin unter denkbar elenden äußeren Verhältnissen, auf den ich amtlich von einer meiner Hebammen aufmerksam gemacht worden war, eine Vorstandsdame eines unserer Frauenvereine dafür interessierte, äußerte dieselbe, es sei doch unverantwortlich, unter diesen Umständen noch Kinder in die Welt zu setzen. Und als ich darauf hinwies, daß da, in den Geburten dieser Schicht, unsere Zukunft liege, da ja der Geburtenstreik der verantwortungsvollen Schichten unsere Rasse zum Aussterben bringe — ein mitleidiges Achselzucken: ״Und wenn?“ Darauf antwortete ich: ״W enn unsere Vorfahren in Aegypten in ihrer fürchterlichen Lage so gedacht hätten, wäre unsere ganze nachherige große Geschichte und Literatur ungeschehen geblieben. Die ganzen großen Führernaturen von Moses bis zu den Propheten und Königen wären unnötig gewesen, die ganze Offenbarung, sowohl die des Alten wie die des Neuen Testamentes, hätte sich anderer Völker bedienen müssen.“ Waren denn die Erlebnisse dieser Jahrtausende nicht das bißchen Leiden der jüdischen Menschen wert? Gewiß, es ist keine Frage, daß der einzelne Mensch, bei allen Völkern, sich das Leben unter den gegenwärtigen Verhältnissen leichter macht, wenn er nur eine kleine Zahl oder wenn er gar keine Kinder aufzieht. Aber wie ein Volk dabei gedeiht, sehen wir an dem angeführten Beispiel. Die größten Leistungen haben in der Geschichte immer die Völker vollbracht, die durch Ucbervölkerung zu vermehrter Anstrengung gezwungen waren. Und, was die erwähnte Erleichterung für den Einzelnen bei der Unterlassung der Aufzucht betrifft, so muß doch auch hierzu bemerkt werden, daß das gegenwärtige Geschlecht unter Umständen, wenn allmählich die Zahl der Jungen zu gering werden sollte zur Erhaltung der erwerbsunfähig gewordenen Alten, dazu übergehen könnte, die F.rhaltung der Alten abhängig zu machen von der Zahl der Jungen, die sie der Allgemeinheit geschenkt (bei der lnvaliden- und Angestelltenversicherung werden die Beiträge der Jungen bereits zu gering für die Zahl der Renten). Bei einer genügenden Zahl von Geburten lösen sich die oben unter 2 behandelten Fragen der qualitativen Rassen- Verschlechterung von selbst, indem bei gleichmäßiger Vermehrung die guten, rassenmäßig wertvollen Erbelernente die Oberhand behalten. Wenn aber die gegenwärtige Einschränkung der Geburten anhält, dann bedeutet das nicht nur qualitative Verschlechterung, sondern Selbstmord unserer Rasse. Unsere Rasse aber soll leben! Wir wissen nicht, welche Aufgaben sie in der Zukunft hat. So wenig, wie unsere Väter in Aegypten die Offenbarung am Sinai vorhersehen konnten! Cypern Zuflucht für deutsche Juden? Die Londoner Wochenschrift ״The Near and fndia“ veröffentlicht in ihrer Nummer vom 15. Juni einen Bericht aus Palästina, worin es heißt, daß die jüdische Siedlung Palästinas in ihrem ständigen Wachstum nach neuen Gebieten Ausschau hält. Der Berichterstatter hält es für unbezweifelbar, daß in der nächsten Zeit, wenn die politischen Schwierigkeiten behoben sein können, die Siedlung auf Transjordanien übergreift, wo Juden bereits auf 150000 Dunain Optionen erlangt haben sollen. Reiche jüdische Paläsfinenscr hätten außerdem ihr Augenmerk Cypern zugewandt, das Ueberfluß an Boden, Wasser und billigen Arbeitskräften habe. Hierzu komme noch, daß Cypern als britische Kronkolonie im Gegensatz zu Palästina zollpolitischc Vorztigs- Stellung 1m englischen Weltreich (Imperial Preference) genieße. Eine Gruppe jüdischer Landwirte und Kaufleute habe Cypern besticht und große Bodenstreeken dort gekauft, wo sic Orangen pflanzen wollen. Nationale Schwierigkeiten nach Art des arabisch-jüdischen Gegensatzes in Palästina gibt es nicht, auch gibt es keine Einwanderungsbeschränkungen und der frühere Gouverneur, Sir Ronald Storrs (bekanntlich früher Gouverneur von Jerusalem), hat sich wohlwollend über die Frage einer jüdischen Siedlung dort ausgesprochen. Der Korrespondent von JtNear East“ fügt hinzu, es entstehe die Frage, oh nicht die jüdischen Chauvinisten sich dagegen wenden werden, daß jüdische Orangenpflanzer das Nationalheim verlassen, aber schließlich müsse das Kapital dorthin eben, wo es die größten Aussichten hat. Und das paästinensische Kapital suche Anlagen. Cypern als britische Besitzung könne, so schließt der Korrespondent, t ii r jüdische Emigranten aus Deutschland eine Zufluchisstätte bieten, vielleicht — so meint er — noch in höherem Ausmaße als Palästina. Beim Versuche, einen Jungen, der in Ertrinkungsgefahr schwebte, zu retten, ist die 22jä!1rige Gewerbe- und Handelsschullehrerin Zehora Schrodek in der Bucht von Haifa ertrunken. Die Verunglückte, Tochter eines Schächters in Leipzig, ist vor vier Jahren nach Palästina gekommen״ Schädliche Wichtigtuer ei Bewegte Zeiten gaben stets agilen Elementen Gelegenheit zur Betätigung, und nicht selten kann man beobachten, daß auch politische Angelegenheiten dazu benützt werden, einzelnen Leuten oder Gruppen in der Oeffentlichkeit Beachtung zu verschaffen, die sie früher nicht gehabt hatten. Diese Erscheinung beobachten wir jetzt in bezug auf die Lage der deutschen Juden. Die deutsche Judenfrage ist in ein akutes Stadium geraten, und ihre Entwirrung ist ein überaus schwieriges und delikates Unterfangen. Mit grobschlächtigen Handen kann man da mehr schaden als helfen. Leider sind sich auch die jüdischen Personen und Gruppen, die sich — vor allem im Ausland — mit diesen Dingen beschäftigen, nicht immer ihrer Verantwortung bewußt. Uneingeweihte halten dann die Produkte irgendwelcher bedeutungsloser Einzeipersonen für eine Aktion des Judentums schlechthin. Dies zwingt uns, uns einmal ganz offen mit dieser Sache zu beschäftigen. Wir haben seit Jahren, als die nationalsozialistische Partei noch nicht an der Macht war und ihre Machtergreifung vielen sehr unwahrscheinlich schien, uns häufig mit aller Schärfe dagegen gewendet, dal! in Deutschland von liberaler Seite diese Bewegung mit Spott und Ironie abgetan wurde. Diese Geste des sich überlegen dünkenden Intellektuellen hielten wir einer elementaren volkstümlichen Bewegung gegenüber für höchst deplaciert. Das Wachstum der nationalsozialistischen Bewegung׳ war für uns Juden stets eine höchst ernste Angelegenheit, und wir standen dafür ein, die Ursachen und Grundlagen dieser Entwicklung zu studieren, vor allem auch ihre Be- Ziehungen zur objektiven Judenfrage sachlich zu prüfen, nicht aber uns dieser Notwendigkeit durcli billige Mätzchen zu entheben. Ebenso wie wir cs damals taten, müssen wir auch heute gegen die Art und Weise Einspruch erheben, wie manche jüdischen Gruppen im Ausland heute gegen den neuen deutschen Staat Propaganda zu machen versuchen. Da gibt cs z. B. eine Gruppe in England, die sich bombastisch ,.World Alliance for combnting Antiscmitism“ (״Welt-Allianz zur Bekämpfung des Antisemitismus“) nennt. Die Bezeichnung ״Welt-“ ist sehr billig, und häufig kann man beobachten, daß irgendein kleiner Verein oder eine unbedeutende Gruppe sich selbst das Attribut ״Welt“ verleiht. Nach unseren lnforniationcn ist die ,,World Alliance“ nicht nur fine rein lokale Sache eines kleinen Londoner Literatenkreises, sondern vor allem stehen auch die offiziellen Stellen der Verbände der englischen judenschaft dieser Gründung vollständig f e r n. Wir haben durch Zufall ein Pamphlet zu Gesicht bekommen, das sich ,,J’accuse“ nennt und das völlig ungeprüftes, zum Teil gröblich entstelltes, ganz augenscheinlich von unkundiger Hand redigiertes Material über die deutschen Vorkommnisse enthält, darüber hinaus aber die dümmsten und abstoßendsten Karikaturen und sonstige Verächtlichmachungen von führenden Personen des neuen Deutschlands. Das ist nicht die Art und Weise, in der man einen Kampf 11 rrt jüdische Rechte führen^ kann. Das ist auch keine würdige Vertretung der jüdischen Sache. Solche niveaulosen Geschmacklosigkeiten sind eine beleidigende Verkennung des tiefen Ernstes der Auseinandersetzung, in der die deutschen Juden stehen. Wir als Zionisten sind berechtigt, uns mit aller ״Entschiedenheit von solchen Publikationen und anderen Aktionen dieser Art, wie sie auch in Paris und anderen Städten Vorkommen, zu distanzieren, weil wir stets solche Methoden des Kampfes in der Judensache abgelehnt haben. Eine Besserung der Lage der deutschen Juden wird dadurch gewiß nicht erreicht, aber unsere Anstrengungen, eine Lösung der Probleme zu erreichen, werden diskreditiert, wenn das jüdische Konto mit solchen bedauerlichen Produki ten belastet wird. NichtfQdische Kandgebaog in London London, 15. Juni. (J. T. A.) Ein nichtjüdisches Komitee, als dessen Ehrensekretäre der ehemalige Chefsekretär der Palästinaregierung Sir Wyndham Deedes und Mrs. Dugdale, die Nichte Lord Bnlfours, fungieren, bereifet eine große Kundgebung für die Juden Deutschlands vor, die am Dienstag, dem 27. Juni, in der Londoner Queen’s Hall unter dem Vorsitz des ehemaligen Lord Chancellor Lord Buckmaster stattfinden soll. Bei dieser Kundgebung wird der Erzbischof von Canterbury, das 'Oberhaupt der englischen Hochkirche, folgenden Rcsolutionsantrag stellen: ״Ohne das Recht in Anspruch zu nehmen oder den Wunsch 711 liegen, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einztimengen, und von dein Wunsche erfüllt, daß die höchst freundschaftlichen Beziehungen zwischen Groß- Britannien und Deutschland aufrecht erhalten werden mögen, hält es die Versammlung für ihre Pflicht, ihrer Meinung Ausdruck 7u geben, daß die derzeit gegenüber den Juden m Deutschland geübte Zurücksetzung den Grundprinzipien der Toleranz um! Gleichberechtigung widerspricht, zu denen sich die moderne Welt in bezug auf die Behandlung von Minderbeiten der Religion oder Rasse nach bekennt.“ Unter den Persönlichkeiten, die erklärt haben, an der geplanten Kundgebung tcilnehmen zu wollen, befinden sich die Bischöfe von Kensingloi! und Willesden, Bischof Perrin, Viscountess Rhondda, Lord Snell, Lord Allen, der königliche Leibarzt Lord Damson ot Penn, Countess of Middleton, etwa 30 Abgeordete aller Parteien, 6 Bürgermeister von London und zahlreiche hervorragende Vertreter des politischen und religiösen Lebens. Am Sonntag, dem 9. Juli, wird in der Londoner Royal Albert Hall ein Massenbittgottesdienst für das Schicksal der deutschen Juden unter Assistenz zahlreicher jüdischer religiöser Funktionäre stattfinden. Chief Rabbi J. H. Hertz wird die Predigt halten. Der Verband der Universitätslehrer von England, Wales und Nordirland hat erklärt, sich der Hilfsaktion zugunsten der aus Deutschland ansgewanderten Gelehrten anschließen zu wollen. Die Exekutive des Verbandes hat ein Unterkomitee eingesetzt, das beauftragt wurde, Kontakt mit denjenigen Organisationen zu suchen, die sich mit der Unterbringung aus Deutschland ausgewanderter Gelehrter in England befassen. * Unter dem Vorsitz von Dr. M. D. Eder fand in Londen eine Versammlung der Hilfsgesellschaft jüdischer Aerzte und Zahnärzte statt. Dr. Eder berichtete, daß es gelungen sei, Arbeitsplätze für eine Reihe jüdischer Aerzte und Zahnärzte aus Deutschland zu beschaffen. Wahrscheinlich werde man ein ärztliches Informationsbüro errichten, das laufend über Möglichkeiten in verschiedenen Ländern, insbesondere in Indien und anderen Teilen des britischen Weitreichs, sowie in China, Auskünfte erteilen soll. — Auf der einige Tage vorher in New V'ork abgehaltenen Versammlung des amerikanischjüdischen Aerzte-Komitces entwickelte dessen Präsident Dr. Raft! off einen Plan zur Errichtung einer medizinischen Fakultät und einer Universitätsklinik bei der Jerusalemer Universität, in denen einer großen Zahl jüdischer Gelehrter und Studenlen aus Deutschland Betätigung:*- möglichkeit geboten werden soll. 1