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Jüdische Rundschau · 1933-06-16 · Heft 48 (16.6.1933) · p. Seite 262

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 48 (16.6.1933)
Date
1933-06-16
Page
Seite 262 (sequence 6)
Language
German
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Sehe 260!JÜDISCHE!TOWDSCHÄÜ Nr. 48, 16. VI. 1933 de«n Deutschtum. Es muß daher der falsche Eindruck entstehen, als ob die anderen jüdischen Verbände auch In diesem Punkte von dem R. J. F. nicht für voll genommen werden könnten, als ob der R. J. F. etwa in seiner Bejahung des Deutschtums eine hervorragendere Stellung einnehme. Diesen Eindruck hervorgerufen zu haben, den Eindruck nämlich, als ob das ganze deutsche Judentum nicht einheitlich zum Deutschtum stehe, als ob es hier besonders rühmlich hervorzuhebende Vertreter gäbe, als deren einer der R. J.F. sich empfiehlt, ist ein unerhörtes Voreben, gegen das entschieden protestiert werden muß. Man önnte zur Entschuldigung annehmen, daß sich hier ein ungeschickter Stilist nicht dessen bewußt gewesen sei, was er tue. Aber hält man dazu das ganze Auftreten des R.J.F. in den Versammlungen der letzten Zeit, so scheint es sich hier nicht um eine ungeschickte Entgleisung ru handeln, sondern um die unendlich traurige Tatsache — in der jüdischen Leidensgeschichte kein Novum —, daß in der Zeit, in der das Judentum angegriffen wird, Einzelne aus der Reihe der Gemeinschaft heraustreten und dem Angreifer sich als ״ganz anders als die anderen Juden“ empfehlen. In derselben Nummer, in der der oben angeführte Autruf abgedruckt ist, findet sich auch ein Aufsatz des Vorsitzenden der Bmudesleitung, Herrn Dr. Löwenstein. Er teilt hier mit, daß der R.J.F. durch seine befugten Stellen ihm ״persönlich das Recht der autoritären Bundesführ u n g“ erteilt habe. Autoritäre Führung muß aber in jeder jüdischen Gruppe eine Unmöglichkeit sein. Auch im neuen Deutschland hat das Christentum keinen Kommissar erhalten. Weil heute in der Politik Masse aktiv geworden ist, sind die parlamentarisch-demokratischen Formen zerbrochen, und autoritäre Führung ist notwendig geworden. Die Voraus- Setzungen, die heute in der Politik dem autoritären Führergedanken zum Siege verhalten, sind in der religiösen Gemcinschaft nicht vorhanden. Ja, gerade denselben Menschen, der im politischen Raum Massenglied sein muß, hat die religiöse Gemeinschaft vom Massenschieksal zu erlösen und als einmaligen Menschen anzusprechen. Es ist undenkbar, daß cs eine jüdische Gruppe geben soll, die so unjüdisch ist, im eigenen Raum, also als jüdische Gruppe, eine Führung gelten zu lassen, die sich autoritär verhalten darf. Da die meisten R. J. F.-Mitglieder dem C.-V. angehören oder Zionisten sind, ist abzuwarten, wie weit die Bundesleitung wirklich im Einklang mit ihren Mitgliedern ist. Wenn die Bundesleitung einen Kurs eitischlägt, der die Einheitsfront des deutschen Judentums gefährdet, der das durch die augenblickliche Not eben entstandene teilweise Zusammengehen der deutschen Zionisten mit dem C.-V. mißbilligt und diesem Zusammengehen nicht Rechnung trägt, so setzt sie sich zu einer großen Zahl ihrer Mitglieder in scharfen Widerspruch, dessen Folgen auch eine autoritär sich gebende Bewegung nicht Herr werden wird. Dieses Spiel des R.J.F. mit der ״autoritären Bundesführung'1 ist ja nur die Sucht zu kopieren. So kommt zur jüdischen Not noch der Fluch der Lächerlichkeit Herr Dr. Löwenstein begründet seine Führerberufung damit, daß er die politischen Kräfte, die im heutigen Deutschiand als besiegt zu gelten haben, immer bekämpft habe. Was hier Herr Dr. Löwenstein meint, wird gewiß nicht mißverstanden werden. Die große Zahl derer, die die Verknüpfung von Liberalismus und Judentum bekämpft haben, ist besonders in der zionistischen Gruppe des deutschen Judentums zu finden. Anders ist cs im R. J.F. In seinen Versammlungen wird mit Pathos verkündet, der Liberalismus ist zu Ende, — aber von Juden, die vom Scheitel bis nir Sohle liberale uden sind. Damit, daß man bemerkt hat, daß der iberalismus beute in der Politik ausgespielt hat, muß man noch nicht aufhören, liberaler lüde zu sein. Die Ueberwindüng des Liberalismus ist vielmehr ein die ganze Person betreffender Akt. Dieser Akt ist nur von dem zu erwarten, der ohne irgendeine Einschränkung Jude zu sein bereit ist. Wer das Judentum unter Wegleugnung der blutmäßigen und geschichtlichen Schicksalsgemcinschaft zu einer Konfession spiritualisicrt und dadurch glaubt, sich dem Staate zu empfehlen, denkt ״liberal“, das heißt, er Ist unfähig, echt 'politische und echt religiöse Fakta zu begreifen und gelten'711 lassen. In den R. J. F.-Versammlungen und auch in dem zitierten Aufsatz von Herrn Dr. Löwenstein wird die jüdische Jugend aus verschiedenen Gründen hart ins Gebet genommen. Dazu ist dies zu sagen: der Liberalismus hatte zwei große Gegner — den Sozialismus und den Nationalismus. Das sozialistische Ideal hat die Jugend die liberalen Mächte viel mehr überwinden lassen als dies in den Alten- Herren-Gruppen des R. J. F. der Fall ist. die die heutige nationale Bewegung mit einem kleinbürgerlichen Patriotismus verwechseln. Die jüdische Jugend, die in politischen und religiösen Dingen eleu Liberalismus überwunden hat, darf eine Führung fordern, die das Alte gleichfalls wirklich überwunden hat. Der Vorwurf cier R. J. F.-Führer־ richtet sich gegen sie selbst. Sie sind es, die nicht verstehen, was die jüdische Jugenti schon lange versteht. In der heutigen jfidisehen Jugend ist der Antiliberalismus nicht die neue Ideojogie, zu der sich jetzt so viele bekennen, bei denen innerlich noch gar keine 'Voraussetzungen diesen raschen Umschwung begründen könnten. Vielmehr bringt die wiedererstrebte und wiedergefundene Verbundenheit mit dem Judentum die jüdische Jugend in eine Situation, in der sie sich selbstverstündlich von den liberalen Irrtümern cier Politik und der Religion gegenüber entfernen konnte. Warum sollte eigentlich die jüdische Jugend zur R. J. F.-Führung Vertrauen haben? Die jüdische Jugend gehört nicht zur Frontkämpfergeneration. Da sich der R. J, F. in seiner Ungeschicklichkeit — ist es nur dies? — einzig durch die Kriegsteiinehmcrschaft legitlmiert, wenn er in der antiliberalen politischen Aera jüdische Rechte erreichen will, so wird sein Kampf notwendig zu einem bloßen Interessenkampf einer jüdischen Einzelgruppe. Nur dann, wenn der R. J.F. das, was er als jüdischer Kriegsteilnehmer-Verband zu sagen hat, eng verbunden mit der Gesamtheit des deutschen Judentums vorbringt, fällt von ihm der Verdacht, daß sein Kampf Interessenkampf einer Gruppe im Judentum ist. Dieser Vorwurf, daß der R. J.F. aus der Reihe des heute seine Notlage bekämpfenden deutsehen Judentums heraustritt, muß daher in seiner ganzen Schwere erhoben werden. Aber was hat denn die jüdische Jugend vom R. J. F. zu erwarten? In dem oben zitierten Aufsatz von Herrn Dr. Löwenstein heißt es: ״Wir können hierbei mir Stolz auf unsere erfolgreiche ländliche Siedlungstätigkeit verweisen.“ Wer diese selbstbewußten Worte liest, muß glauben, der ijfontbund habe bereits eine Siedlungsmöglichkeit eröffnet, die von solcher Bedeutung sei, daß dem heute so notleidenden Judentum ein Ausweg geschaffen worden sei, würdig etwa den Möglichkeiten zu vergleichen, die der Zionismus in den harter! Jahrzehnten seiner Pionierarbeit errungen hat. Wer nun erfährt, welche Realität hinter diesen Worten steht, daß die längst vergebenen wenigen Siedlerstellen in Oroß-Oaglow gemeint seien, wird sich einfach als irregeführt bezeichnen können. Das Zentralliilfskomitee für deutsche Juden in Pa-! 8 s t i n a hat beschlossen, ein Drittel aller in Palästina aufgebrachten Hilfsgelder für Bodenkauf zwecks iandwirtschaftlicher Ansiedlung deutscher Juden zu verwenden. Ehe Hilfskomitees in den übrigen Ländern wurden aufgefordert, dasselbe Prinzip durchzuführen. Frauenberufe in Palästina (Ein typisches Gespräch aus der Jerusalemer Beratungsstelle für Einwanderer.) Eintretende (ein gepflegt aussehendes junges Midchen): Ich möchte fragen, ob Sie mir Arbeit beschaffen können? Beraterin: Was ist ihr Beruf? Das Mädchen: Ich habe einige Semester Philosophie studiert. Beraterin: Sie wissen wohl, daß man darauf hier ebenso wenig wie in Europa einen Lebensberuf gründen kann, M.: Das habe ich mir gesagt, aber ich dachte, ich würde hier vielleicht unterrichten können. B.: Beherrschen Sie die hebräische Sprache? M.: Ich beherrsche sie noch keineswegs, aber ich will sofort mit hebräischen Studien beginnen. B.: Dann kann ich Ihnen kaum Aussicht auf eine Lehrtätigkeit machen. Unsere Kinder werden natürlich in hebräischer Sprache unterrichtet, und die wenigen Leute, die Deutsch lernen wollen, finden augenblicklich ein ungeheuer großes Angebot deutscher Lehrer. M.: Ich kann auch stenographieren und Maschine schreiben, vielleicht könnte ich eine Biirostellung annehmen? B.: Welche Sprachen außer Deutsch können Sie lesen und schreiben? M.: Etwas Französisch und Englisch. B.: Können Sie englische und französische Briefe selbständig und ganz fehlerlos abfassen? M.: Vorläufig noch nicht, aber ich will weiter Sprach- Studien treiben. ■* B.: Leider muß Ich Ihnen sagen, daß die Zahl der kaufmännischen Stellungen, In denen man ohne Hebräisch auskommt, sehr gering ist; die Stellungen, in denen man auch ohne perfektes Englisch auskommt, sind an den Fingern abzuzählen, und das Angebot für diese Stellungen ist riesengroß, da ein großer Teil der jetzt eintreffenden Mädchen und Frauen etwas stenographieren und Maschine schreiben kann. M.: Was soll ich aber tun? Ich habe fast gar keine Mittel mehr. Meinen Sie, daß ich eine Stellung im Haushalt oder bei Kindern annehmen sollte? B.: Haben Sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin oder Kinderpflegerin? M.: Nein. B.: Das im Verein mit Ihrer Unkenntnis der hebräischen Sprache ist ein Nachteil. Können Sie. kochen? und haben Sie schon einmal eine derartige'Stellung ausgefüllt? M.: Nein, aber ich habe zu Hause manchmal beim Kochen und Aufräumen geholfen. B.: Es ist sehr schade, daß Sie dieses Arbeitsgebiet ־nicht besser beherrschen. Icn habe eine ganze Reihe von Haus- Stellungen und Posten für Köchinnen in einigen größeren Betrieben zu besetzen, aber die vielbeschäftigten Hausfrauen und Betriebsieiterinnen lehnen es durchaus ab, vollständig unerfahrene Mädchen anzustellen, um so mehr als einige bereits die Erfahrung gemacht haben, daß die jungen Mädchen, nachdem die Hausfrau sie mühsam angelernt hatte, die Stellung plötzlich verließen, weil sich ihnen etwas besseres bot. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine Lehrstellung in einem Haushalt ־nachwelsen, aber Sie müssen sich dort als Schülerin fühlen und können nur auf ein niedriges Entgelt rechnen; andererseits werden wir darauf achten, daß Sie dort nicht ausgenutzt werden und wirklich etwas lernen. M.: Schlimmstenfalls wäre ich auch bereit, aufs Land zu gehen; wieviel kann ich in einer Kwuzah (Landarbeiter-Genossenschaft) verdienen? B.: In einer Kwuzah würde man Ihren Lebensunterhalt bei bescheidenen Ansprüchen bestreiten. Aber von der Verdienstfrage wollen wir vorläufig absehen. Ich frage mich, ob ich das Recht habe, einen Menschen in eine Kwuzah zu empfehlen, der nur ״schlimmstenfalls“ in eine solche eintreten will und darauf hofft, sie bald wieder verlassen zu können. Unsere Kwuzoth sind gegründet worden von Menschen, die sich danach sehnten, mit ihren eigenen Händen den palästinensischen Boden für ihr Volk zu erschließen und eine Menschengemeinschaft auf ethischen Grundlagen aufzubauen; ohne innere Teilnahme an diesem idealen Ziel werden Sie sich schwer in das Leben der Gemeinschaft cinfügen, und die Genossen, die sich ja ihre Mitglieder nach ihrem eigenen Geschmack wählen, werden Sie vielleicht ablehnen. M.: Können Sie mir denn gar keine Aussichten auf eine Existenz eröffnen? B.: Ich will Sie durchaus nicht vollständig entmutigen, nur sollen Sie klar sehen, woran Sie sind. Wenn Sie glauben, daß Sie sich wirklich in eine unserer ländlichen zionistischen Genossenschaften einleben können und sich ernsthaft auf das Landleben umstellen wollen, so werde ich Sie wohl auf dem Lande unterbringen können. Besser wäre es freilich, wenn Sie genügend Mittel und Sprachkenntnissc besäßen, um in eine landwirtschaftliche Frauenschule einzutreten. Auch wenn Sie in der Stadt bleiben wollen, würde ich Ihnen — falls Sie einige Mittel besitzen — eine Ausbildung in einer Haushaltsschule oder sonstigen Fachschule zusammen mit Sprachunterrieht empfehlen. Wenn das aber unmöglich ist, sehe ich vorläufig als einzigen Ausweg für Sie nur die Lehrstellung bei einer Hausfrau. M,: Und was soll ich meinen noch im Auslande befindliehen Freundinnen schreiben? B.: Schreiben Sie ihnen, daß es noch immer Arbeitsmög- Hchkeiten für solche Mädchen auf dem Lande gibt, die wirklieh die Landarbeit als Lebens beruf erwählen. In der Stadt finden gründlich in Haushalt und Küche geschulte Kräfte Beschäftigung, und auch Mädchen, die ein Handwerk — Schneiderei, Putzmacherei, Buchbinderei usw. — nicht oberflächlich, sondern sehr gründlich verstehen, haben Aussicht auf Erwerb, besonders sobald sie die hebräische Sprache beherrschen. Auch für eine selbständige kaufmännische Existenz gibt es noch Möglichkeiten. In fast allen anderen Frauenberufen ist das Angebot groß, und nur bei einer Kombination ganz bestimmter Eigenschaften und Fähigkeiten bestehen Aussichten auf Anstellung. H. H. T h o n, Jerusalem. ״Dl• Portfirang dar Stund•! Jüdisch• Schul•!'* Thnna •prleM Dr. Elias Auerbach am Dltntttg, den 20. 610 ״'/! Uhr In dar Aull dar Knabenachula Kalaaratr. 29-30 Btrlintr Zionistisch« Vereinigung Qruppan: Friadrlchahaln, JannawlUbrilck» Palästina und die Weliwiris chaftskonferenz Unter dieser IJeberschrift berichtet die Berliner Zeitung ״I n d u s t r i e u n d H a n d e 1“ aus Tel-Awiw: Die Krisenprobleme, die die meisten Länder der Welt- Wirtschaft im Hinblick auf die bevorstehende Weltwirtschafts• konferenz beschäftigen, treffen auf Palästina in ihrer all• gemeinen Geltung nicht zu. ln der palästinensischen Wirt• schaft besteht keine Krise. Im Gegenteil: ihre Kurve ging während der letzten Jahre ununterbrochen nach oben. Damit fällt sie aus dem allgemeinen Rahmen der heutigen Welt■ Wirtschaftslage. Man kann die Lage in Palästina nur verstehen, wenn man seine Wirtschaft in zwei ziemlich klar geschiedenen Bezir• ken sich vorstcllt: in einem alten, von den stagnierenden Kräften aus der türkischen Zeit noch stark beeinflußten, der den überwiegenden Teil der landwirtschaftlichen Schichten und eine unwesentliche Industrie umfaßt, und dem neuen, der von der konstanten jüdischen Einwander ungs• und Aufbaubewegung beherrscht ist. Der erste ist von der allgemeinen Wirtschaftslage stark in Mitleidenschaft gezogen. Der niedrige Stand der Weltpreise für Iandwirtschaftlichc Produkte brachte die Fellachen Wirtschaft im Zu• sammenhang mit einer Reihe von Fehlenden in schwere Not. Eine Steigerung der Weltpreise, die von normalen Ernteergeb• nissen begleitet wird, kann zu einer partiellen Besserung der Lage dieser Bcvölkerungsschichtcn führen. Die technisch rückständige und extensive, für das kleine Land wenig geeignete Wirtschaftsform hält sie jedoch in dauerndem Nachfei! gegenüber der Konkurrenz der großen, überseeischen ge■ treideexportierenden Länder. Die Folgen dieser ungünstigen Lage bei dem Gros der palästinensischen Bevölkerung wird jedoch von den Kräften, die von der anderen angeführten Hälfte her auf die Gesamtwirtschaft andauernd einwirken, entscheidend kompensiert. Ein stetig steigernder Im- und Export, die Aufsaugung der andauernden Einwanderung von Menschen und von produktivem Kapital, die Abwesenheit der heute allge• meinen Erscheinung der Arbeitslosigkeit lind bedeutende Uebersehüsse im Staatshaushalt, die die Regierung in die Lage versetzen, öffentliche Arbeiten auszuführen und dem krisenbetroffenen Bevölkerungsteil den weitaus größten Teil der Steuerlast und der rückzahlungspflichtigcn Anleihen zu erlassen, kennzeichnen die heutige Lage der palästinensischen Wirtschaft. In den Kreis der neuen Aufbaubewegung, die der Träger intensiver Wirtschaftsformen und der jungen industriellen Entwicklung ist, werden allmählich auch Teile der alten Wirtschaftsschichten einbezogen. Die Entwertung des englischen Pfundes, mit dem die palästinensische Währung eng verbunden ist, hat fast zu keiner Verteuerung ,der Lebenshaltung geführt. Sie wirkte dagegen stark exportfördernd und trug zur Ent- Wicklung der Industrie bei. Man kann daher sagen, daß Palästina an einer Rückkehr zur Goldwährung nicht interessiert ist. Nicht interessiert ist aber auch das Land angesichts der zunächst nur geringen Exportkapazität und des starken Ueberwiegens der Einfuhr an einer weiteren Devalvation. Der Hauptgläubiger Palästinas ist England, das sein hauptsächlicher Abnehmer ist und auch in der Einfuhr an erster Stelle steht. Die Schulden Palästinas bilden heute bei dem aktiven Stand der Wirtschaft und der Landesfinanzen kein Problem. Ein Abbau der Zölle kommt für Palästina nicht in Frage. Das Land ist im Gegenteil an einer Ausweitung und Entwicklung seiner,Industrie und damifuan dem systematischen Ausbau produktionsfördernder Schutzzölle interessiert. Als Mandatsland der Kategorie ״A“ ist Palästina Völkerrechtlich an das Prinzip der ״Offenen Tür“ und die Ge- Währung ״gleicher Wirtschaftsrechte“ an alle dem Völkerbund angchörenden Staaten gebunden. Dieser einseitige Zwang wirkt sich bei der heute allgemein geübten Zollpolitik immer mehr zuungunsten des palästinensischen Handels aus, wie u. a. die Beispiele Rußland und Japan beweisen, von denen Palästina eine bedeutende Einfuhr aufnehmen muß, während es bei ihnen für seine Ausfuhr auf geschlossene Grenzen stößt. Bei dem rasch zunehmenden Ausfuhrbedürf• nis des Landes, besonders für Zitrusfrüchte und gartenwirtschaftliche Produkte, ist dieser Zustand geeignet, sich zu einem bedenklichen Hemmnis der Wirtschaft• liehen Entwicklung auszuwachsen. Dieses Mißverhältnis offenbarte besonders deutlich seine Wirkung gelegentlieh der britisch-imperialen Wirtschaftskonferenz in Ottawa. Palästina kann infolge der völkerrechtlichen Gebundenheit seiner Handelspolitik in das britische Preferenzsystem nicht eintreten und es hat, ohne Handelsautonomie, weder als Vertragspartner eine eigene Bedeutung noch als handeispolitischer Gegner eine Waffe. Die Erringung des freien Verlügungsrechtes über seine Handelsgrenze gehört daher mit zu den wichtigsten Bestrebungen der palästi■ nensischen Wirtschaft. Synagogengemeinden Englands für Bodenkan! London, 13. Juni. (J.T. A.) Auf einer unter dem Vorsitz von Morris Myer abgehaltenen Versammlung hielt der Präsident der Federation o? Synagogues, M. H. Davis, eine Ansprache, in der er die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina als den heute einzig möglichen Weg zur Lösung der durch die Veränderungen in Mitteleuropa entstandenen Probleme bezeichnete und erklärte, der Verband der Syn• agogengemeinden Englands habe in dieser Erkenntnis dem Jüdischen Nationalfonds ein Darlehen von 10 000 Pfund auf 30 Jahre gewährt, um dem Fonds seine Aufgabe, Land zur Ansicdlung deutscher Juden in Palästina zu erwerben, zu erleichtern; ferner habe der Verband einen Beitrag von 5000 Pfund für den Britischen Zentralhilfsfonds für deutsche Juden geleistet. _ Fall che Sensationen. Seit Beginn der politischen Umwälzung in Deutschland haben wir in der ״Jüdischen Rund• schau“ Klage geführt über gewissenlosen Sensationsjournalismus, der auch die jüdische Presse und jüdischen Nachrichtenagenturen mit Nachrichten versorgt, an denen kein wahres Wort ist. Noch lange bevor die deutsche Regierung Sich gegen die Greuelhetze 1'm Ausland zur Wehr gesetzt hat, haben wir an dieser Steile gegen solche Nachrichten-Fabrikation protestiert, die vor allem der jüdischen Sache schadet. Häufig haben jüdische Körperschaf• ten una Zeitungen im Ausland gutgläubig solche Nachrichten übernommen und darauf Aktionen basiert, die keine wirk• liehe Grundlage hatten. In den letzten Tagen sind uns aus dem Ausland eine große Anzahl von Anfragen zugekom■ men, die die ״Jüdische Rundschau“ betreffen und sich auf angebliche Vorfälle stützen, die uns völlig unbekannt waren und von denen wir erst durch diese Anfragen Kenntnis erhielten. In ähnlicher Weise wurde schon vor einiger Zeit eine mit den Feiertagen zusammenhängende Arbeitspause unserer Büros im Auslände für politische Sensationsmeldungen ausgeschlachtet. Leider sind wir gegen die Verbreiter solcher Nacnrichten machtlos. Wir halten es aber für unsere Pflicht, unseren Freunden zu versichern, daß die betreffenden Nach• richten völlig aus der Luft gegriffen sind.

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