Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- Seite 261 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48, 16. VT. 1933 JÜDISCHE RUHDSCHÄD Seite 259 Ich will deshalb an dem Beispiel des Schawuoih- Festes darzustellen versuchen, wie hier die Aufgabe etwa anzufassen wäre. ute Vorbereitung auf das Fest beginnt sehr früh, am besten gleich nach den Osterferien. Auch Sephirath Haotner setzt ja schon am zweiten Sederabend ein, wodurch der Zusammenhang zwischen den beiden Festen, Peßach und Schawuoth, betont wird. Fangen wir in der Schule ebenso an. Richten wir sogleich den Blick auf das kommende Fest und zählen wir (hebräisch) im zweiten Schuljahr etwa nur die Wochen, im dritten die Tage und die Wochen bis zu ihm. Wir erwecken und steigern dadurch das Gefühl der Erwariung und geben so unserer Arbeit von vornherein einen gefühlsbetonten Impuls. Die Begriffe ״Schawuoth“ (Wochen) und ״Sephirah“ (Zählung) werden dem Kind dadurch ohne weiteres verständlich, sind erlebt, sind bleibendes Gut. Durch Erzählung ist nun die geschichtliche Bedeutung der Sephirah-Zeit und des ״Lag-beo1ner“-Tages lebendig zu machen, Lag-beomer-Liedcr (״Lag-beomer“ oder ״Hajaarah“) werden gelernt, eventuell werden auch Prosatexte über Art und Weise, wie der Tag in andern Ländern gefeiert wird, gelesen. Schließlich wird der Lag-beomer-Tag selbst durch einen Schulausflug, eine Treff-Fahrt der ganzen Schule, ein Sportfest oder ähnliches gefeiert. (Dies gilt auch für die Oberstufe.) Anschließend wird die Vorbereitung für das Schawuoth- Fest fortgesetzt. Die biblische Erzählung von der Gesetzgebung am Sinai wird neu behandelt oder wiederholt; aas Zehngebot wird im dritten und vierten Schuljahr in deutscher Sprache gelernt. Das Schawuoth-Fest ist nun auch für die Kleinen ״Seman Mathan Thorathenu“; (hebräisches Lied ״Mathan Thorah“ von Kipnis aus der Liedersammlung ״Macharoseth“). Die dritte Bedeutung des Festes, ״Chag-habikkurim“ (Fest der Erstlinge), können wir den Kindern am besten nahebringen, indem wir den Blick nach Palästina wenden. Wir erzählen, wie es dort um diese Zeit aussieht, wie die Feldfrucht reift und geerntet wird. Bilder aus dem Leben und der Arbeit des palästinensischen jüdischen Bauern schmücken die Klasse, neuhebräische Arbeitslieder werden gelernt, Erntebilder werden in der Zeichenstunde gemalt. Nun folgt die klassische Erzählung der Schawuoth-Zeit, das Buch Ruth, die wieder eine Füile von Anregungen für alle möglichen Arbeiten gibt: gestaltende Darstellung einzelner Szenen, Bilder, Lieder, vielleicht auch Diktate und Nieder- Schriften. Was ״Chag-habikkurim“ im alten Palästina bedeutete, wie es zugleich ״Regel“ w׳ar, zeigt eine Schilderung der Darbringung der Erstlingsfrüchte zur Zeit Agrinpas J. nach Seraim, Bikkurim III. Hebräische Lieder: ״Serim laschawuoth“, ״Oie Regel“, ״Salenu al Schichmenu“ (״Macharoseth“) und ״Jerek lachag“ aus ״Sepher haschirim“ von Idelson. Steht nun das Fest vor der Tür, so gibt es wieder dem Anschauungsunterricht, besonders der beiden ersten Schuljahre, Anregung zu Unterhaltungen über die Festesvorbereitungen im Hause und in der Synagoge, zur Erlernung einiger Berachoth oder eines leichten liturgischen Gesanges, etwa des ״Ana, Adonai, hoschiah na“ aus dem Hallel-Gebete. Die Vorbereitung der Oberstufe bewegt sich in derselben Richtung wie die der Grundschule, stellt aber eine dem vorwiegend geistigen Charakter des Festes entsprechende Vertiefung dar und wird im wesentlichen in den hebräischen Unterricht verlegt. Eine Besprechung über die Bedeutung des Festes müßte die Arbeit einleiten, müßte Arbeitsziele und -wege festigen. Im fünften und sechsten Schuljahr wird das Zehngebot in hebräischer Sprache gelernt, der Abschnitt über die Ein- Setzung der Festtage (drittes Buch Mose, Kap. 23, oder fünftes Buch Mose, Kap. 16) gelesen. Hebräische Lektüre des 7. Schuljahres ist das Buch Ruth. Die Arbeit des 8. Schuljahres zeigt eine zwar indirekte, aber doch tiefe Beziehung zum Schawuoth-Feste. Die Abschnitte, die gelesen werden, enthalten solche Gesetze und Lehren, die für Religion und Ethik des Judentums besonders charakteristisch sind, z. B. 3. Buch Mose, Kap. IQ, und Teile aus den ״Pirke Awoth“. Dazu treten ergänzend Agadoth, z. B. die oben erwähnte aus Bikkurim, und neuhebräische Prosatexte und Lieder, z. B. (aus dem Lesebuch ״Laschon wassepher“, Teil II) ״Thorah“ (auf das Thorahstudium bezügliche Sprüche), ״Jegia Kappajim“ (von der Bedeutung der Arbeit), ״Ben Adam lachawero“ (die Be- Ziehungen zum Nebenmenschen), ״jerek laschawuoth“ (eine Schilderung von Schalom Aiechem). Für das 5. und b. Schuljahr kämen folgende Lesestücke in Betracht: (aus ״Laschen wassepher“, Teil I) ״Naasseh wenischma“ (Aggadah), ״Chag haschawuoth“, Erzählung von Mapu, ״Lichwod haschawuoth“, Gedicht von Fichman. Der Vorbereitung auf den Gottesdienst dienen außer dem bereits genannten Stoff: die Erlernung des Hauptgebets für die Feiertage (5. und 6. Schuljahr), des Hallelgebetes (7. und 8. Schuljahr). Im Gesangunterricht werden ״Akdamuth“ zur Thorah-Vorlesung des 1. Tages, Teile aus Hallel, ״Ma towu“ oder ״Adon Olam“ gelernt bzw. wiederholt. Auch im Deutsch-Unterricht kann der Gedankenkreis des Schawuoth-Fest es Arbeitsstoff, insbesondere für Aufsätze, bieten. Wie dieser Feiertag die Arbeit von Peßach ab bestimmt, so könnte etwa der Schabbath Unterrichtsmittelpunkt der darauffolgenden Wochen bis zu den Sommerferien sein. Das II. Quartal müßte der Vorbereitung der Herbstfeiertage, das III. Quartal der des Chanukkah-Festes dienen. In das letzte Quartal endlich fielen Vorbereitung bzw. Feier von Chamischah assar bischwat, Purim und Peßach. Dem unterschiedlichen Charakter der Feste entsprechend, würde auch die Arbeit jeweils ein anderes Gesicht erhalten, das Schwergewicht würde bald auf dem Hebräischen, bald aut anderen Fächert liegen, einmal in der Vorbereitung, ein andermal in der Feier selbst. Gerade auch die so gründlich vorbereitete Schulfeier des jüdischen Festes ist eine ebenso dankbare wie wirksame Aufgabe der jüdischen Schule von heute. So, glauben wir, könnte dem Kinde vornehmlich am Stoffe der jüdischen Feiertage die Vergangenheit gegenwärtig, die Gegenwart überwindbar und die Zukunft zielbestimmt und sinnvoll gemacht werden. Freizeitgestaltung in einer Volksschule Von Rose Katzenstein. Es wird häufig — vor allem in Lehrerkrasen — gesagt: die Volksschule bietet keinen Raum und keine Zeit für die Durchdringung des Schulunterrichts und -lebens mit jüdischen Inhalten. Ich will hier zu zagen versuchen, wie es auch außerhalb der festgesetzten Stunden für Hebräisch und biblische Geschichte möglich ist, jüdisches Leben in eine Volksschule zu bringen, d. h. ich will aus dem Leben des ״Kmderklubs“ der Mädchenvolksschule Auguststraße erzählen. Es sei aber gleich im Anfang bemerkt: für das, was ich hier sagen will, ist es nebensächlich, wo es sich zugetragen hat, ob im Klub oder im regulären Schulunterricht. Es kommt mir darauf an zu zeigen, daß jüdischer Geist und jüdisches Leben das Schulleben durchdringen können und sollen, und daß das nichts mit einer festgesetzten Stundenzahl oder einer ״Mehrbelastung“ der Schüler zu tun hat. Der Kinderklub wurde Oktober 1931 gegründet, im Anfang als eine Form der Winterhilfe. Es sollte den Kindern, die zu Hause kein geheiztes Zimmer haben oder nur eins, in dem die ganze Familie haust, die Möglichkeit gegeben werden, den Nachmittag in gesunden Räumen zu verbringen und dort zu spielai. Der Klub wollte aber gleich mehr sein. Wir erkannten die vielseitigen pädagogischen Möglichkeiten, die in einer derartig freiwilligen Zusammenfassung der Kinder liegen. Und so wurden von vornherein die Selbstbestimmung der Kinder, die Notwendigkeit der Gemeinschaftsbildung und der Verantwortung jedes Kindes für den Klub stark betont. Unter Selbstbestimmung der Kinder verstehen wir folgendes: Am Vormittag im Schulunterricht geht es im Grunde nicht anders, als daß der Lehrer, der an Lehrplan und Pensum gebunden ist, bestimmt, was geschieht Am Nachmittag können die Kinder selbst bestimmen, womit sie ihre Zeit ausfüllen. Dieser Notwendigkeit wird Im Kinderklub in folgender Weise Rechnung getragen: an jedem Nachmittag bilden sich im Klub verschiedene Gruppen: Gymnastik, Musik, Theaterspielen, Lesen, Schularbeiten, Handarbeiten usw. Jedes Kind, das in den Klub kommt, muß an einer Tafel vorbei, aut der steht, welche Gruppen an dem betreffenden Nachmittag stattfinden, und vor dieser Tafel wird nun entschieden, was man tun wird. Die freie Wahl geht allerdings nur bis hierher. Wer sich einmal zu einer Gruppe entschlossen hat, geht vier bis sechs Wochen lang an dem gleichen Wochentage nur in diese Gruppe, So hat es ach herausgebildet, daß die Kinder wissen: am Dienstag z. B. bin ich in der Handarbeits-, am Donnerstag in der Musikgruppe. Dieses Klubgesetz haben sich Kinder und Helfer gemeinsam gegeben, um die Geschlossenheit der Gruppen zu sichern, und um die Möglichkeit zu geben, die begonnenen Arbeiten oder Spiele zu Ende zu führen. Die Helfer kommen zum größten Teil aus Bünden der jüdischen ugendbewegung. Die Klubatmosphäre der Kameradschaftlicheit und des Verantwortungsgefühls konnte wohl vor allem dadurch entstehen. — Dies alles kurz nur deswegen, daß man einen Eindruck von Leben und Geist des Kinderklubs gewinnt. Eine wichtige Rolle spielen im Klub die Feste. Zu fast jedem jüdischen Feiertag wird ein ״Klubfest“ veranstaltet, nicht nur in den einzelnen Gruppen, sondern im Klub als Ganzem. Da kommt z. B. die Gruppe eines Jugendbundes, der viele unserer Klubhelfer angehören, und spielt aus den Midrasch ״Abraham und die Götzen“ vor. Da lassen wir uns zu Cliamischah assar b’Schwat von den Chamischah assar- Feiern in Palästina erzählen und sehen uns den Ben-Schemen- Film an. Aber wir sind auch aktiv an der Ausgestaltung des Festes beteiligt. Alle Gruppen, die in den vier oder sechs Wochen ihrer Zusammenarbeit etwas Vorführbares zustandegebracht haben, zeigen das dem ganzen Klub anläßlich einer solchen Feier. Die Musikgruppe z. B. singt ihre Lieder, die Theaterspielgruppe spielt ein Theaterstück usw. Und es besteht natürlich die Möglichkeit, daß sich die Theatergruppe mit der Handarbeits- oder Bastelgruppe in Verbindung setzt für das Herstellen von Kulissen oder Kostümen. Von einer solchen Aufführung der Theatergruppe will ich kurz berichten: Ich erzählte an einem Klubnachmittag eine Geschichte von dem ״jüdischen Till Eulenspiegel“, Hersch Ostropoler. Hersch hat wie immer kein Geld, aber großen Hunger. Er geht in ein Wirtshaus und bittet um Essen. Die Wirtsfrau, die ihn kennt, will ihn nicht hereinlassen und begründet ihm das: ״Ich kann dich nicht einlassen, mein Mann ist nicht zu Haus.“ ,(Was, dein Mann ist nicht zu Haus? Und morgen ist doch Purim!“ Große Aufregung unter Frau und Kindern. Schließlich wird Hersch gebeten, dazubleiben und die Megiila vorzulesen. Hersch tut das und feiert mit der Familie Purim. Am nächsten Tag geht er rechtzeitig fort, und als der Mann nach Haus kommt, merken alle, daß Herseh sie angeführt hat. Vier Wochen später trifft der Mann Hersch aut der Straße und lädt ihn, zur großen Freude Herschs, zu einem Schnaps ein. Als Hersch gerade trinken will, haut ihm der Mann eine schallende Ohrfeige und ruft: ״Du bist ein guter Jude! Zu Peßach trinkst du Schnaps!“ Da weiß Hersch, woran er ist, und macht sich eiligst davon. — Diese Geschichte haben die Kinder völlig von sich aus dramatisiert. 1. Bild: Im Wirtshaus. Die Kinder spielen um die Mutter herum, bis dann Hersch kommt und man gemeinsam Purim feiert. Hersch will anfangen, die Megiila vorzulesen. Den Kindern ist das zu langweilig, sie wollen lieber selbst die Purimgeschichte aufführen. So entsteht das Theaterstück innerhalb des Stücks: die Purimgeschichte wird aufgeführt, mit Zank vorher, wer Esther, wer Haman und wer Mordechai sein solle. Nach der Auffiihrung sitzt man gemütlich um den Tisch herum, ißt das Purimmahl und unterhält sich. Hersch erzählt Neuigkeiten, man erzählt sich neue Chcfmer- (jüdische ״Schildbürger“-) Geschiehten, singt, tanzt Horra und geht schlafen. — Das 2. Bild: Die Rückkehr des Vaters. Die Wut aut Hersch. Und das 3. Bild: Ir! der Stadt. Eine Kneipe mit Kellnern, anderen■ Gästen. Und am Schluß große Freude, daß Hersch selbst einmal hereingelcgt wurde. Man ward sich vorsteüen können, mit was für einer Freude die Kinder dabei waren, und daß wirklich jüdisches Leben in diesem Spiel gesteckt hat. Dieses jüdische Leben im Klub hat in verschiedener Hinsicht Bedeutung. Es gibt Kinder und Helfer im Klub, die von jüdischen Festen, jüdischer Geschichte, jüdischem Leben keine Ahnung hatten. Für sie war Judentum etwas Verstaubtes, Unmodernes, Ueberholtes. Hier merken sie: es gibt auch ein anderes, ein lebendiges Judentum. Und die Kinder, die jüdisches Leben von Haus aus kennen, freuen sich, hier von sich aus mitgestalten, ihre jüdisehen Erlebnisse und Kenntnisse den andern weitergeben zu können. Ein anderer Teil der Kinder kommt aus einem orthodox-jüdischen Milieu, für das das Judentum aus lauter ״Du darfst nicht“ besteht, in dem oft eine für Kinder Unverstandliehe und unlebendige, gedrückte jüdische Atmosphäre herrscht, das sich in der heutigen Welt nicht zurechtfindet und sich eine andere ״bessere“ Welt aufbaut, die aber dem Fragen und ,Leben der Kinder nicht standhalten kann. Und auch für diese Kinder bedeutet es viel, zu merken: dies Jüdische hat etwas mit unserem Leben, mit unserem Spie/, mit unserem Alltag zu tun, und jüdisch sein und sich freuen können brauchen sich nicht auszuschließen. — Daß ein solches Theaterstück, in dem die Kinder jedesmal, wenn sie es spielen, frei improvisieren, immer wieder neue Einfälle bringen und völlig dem Spiel hingegeben sind, in dem schwierige ^.soziale Kinder sich angliedern und Kinder aller Altersstufen1 ihrer Reife und ihrem Können entsprechend mitarbeiten, unabhängig von dem über jüdisches Lehen Gesagten viele pädagogische Werfe hat, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden. Es ist selbstverständlich: Die Kulturwirklichkrit erreicht nicht immer das, was wir wollen, es gibt Schwierigkeiten, Rückschläge. Aber Ansätze sind da und Möglichkeiten, und dies alles eigentlich nur dadurch, daß Menschen, in denen seihst jüdisches Leben pulst und betont wird, mit Freude und Liebe zu den Kindern sich ganz für die Sache einsetzen. Sind nicht das — auch im täglichen Schulbetrieb — Voraussetzungen, die erfüllbar sind? 11111H111M11t11i111111111111111111111111111111111111111111111111111m111fflH11111ffl111m1111111111111m111m111111111n11H111HB1ro11«Mt11H111mmB1m11n11H11mn11m1m^ .mm.. Absage an den R. J.F. Von Rabbiner Dr. igna z May bau m, Frankfurt a. O. Als ehemaliger Kriegsteilnehmer bin ich Mitglied des Reichshundes jüdischer Frontsoldaten. Ich hab die Notwendigkeit dieser Organisation bejaht. Sie hat im Kampf des deutschen Judentums um den ihm zukommenden gerechten Platz in Deutschland eine Aufgabe, die sie in der Reihe der jüdischen Verbände zu lösen legitimiert ist. Niemals ist es mir in den Sinn gekommen, daß ich durch meine Zugehörigkeit zum R.J.F. zu anderen jüdischen Verbänden, sei es die Zionistische Organisation, sei es der C.-V., in einen Widerspruch geraten könnte. Mir war klar, daß fast ahe Mitglieder des R. J. F. als Zionisten bzw. als C.-V.er dem R. J. F. angehören. Ueber meine bloße Mitgliedschaft hinaus habe ich sogar versucht, im R. J. F. Gedankengänge, die mir wesentlich waren, heimisch zu machen und ließ im ״Schild“, dem Organ des R.J.F., Aufsätze erscheinen. Wenn sich auch die Redaktion des ״Schild“ verschiedentlich von meinen Ansichten distanzierte, ließ man mich doch zu Wort kommen, so daß ich dadurch in eine Mitverantwortlichkeit geraten bin, die sich zwar schon durch bloße Mitgliedschaft als solche ergehen muß, die aber durch meine gelegentliche Mitarbeit sichtbarer geworden ist. Diese Mitverantwortlichkeit belastet heute mein Gewissen aufs schwerste, da ich mit dem jüngsten Auftreten des R. [. F. selbstverständlich nicht einverstanden bin. An meiner Mitgliedschaft halte ich vorläufig noch fest, da ich noch immer die Hoffnung hege, daß das bisherige Verhalten des R. J. F., in seiner Unerhörtheit durch eine Kritik einmal offen gebrandmarkf, nicht weiter fortgesetzt werden wird, und daß die Verantwortlichen doch noch rechtzeitig zur Besinnung kommen werden. Aus dieser Hoffnung wende ich mich mit folgenden Ausführungen an die jüdische Oeffentlichkeit: Die Bundesleitung des R.J.F. veröffentlicht Im ״Schild“ vom 25. 5. 1933 einen ״Aufruf an die deutschen Juden“. Mit Staunen liest man dort, daß die Bundesleitung sich scharr gegen eine Front wendet, die aber nicht durch das Geschehen hervorgerufen ist, das heute das deutsche Judentum in seiner Existenz bedroht. Vielmehr meint der Aufruf einen jüdischen Gegner. Was mag der Grund der Zeilen sein, di« folgendermaßen lauten: ״Wenn gewisse Jüdische Stellen dem ,Reichsbund jüdischer Frontsoldaten‘ bei seiner Arbeit in den Rücken fallen, so ist unser Bund hocherhaben über solches Verhalten“. Noch merkwürdiger berührt es, wenn man weiter liest: ,,Wir (dort gesperrt gedruckt) haben Tausende jüdischer Existenzen durch unsere Arbeit gerettet.“ Es ist schon an und für sich peinlich in unserer heutigen Not, diesen triumphierenden Satz zu lesen, als ob die dem deutschen Juden entzogene Gleichberechtigung wieder zurückerobert wäre. Was in Wirklichkeit geschehen ist, formuliert Alfred Hirschberg vom C.-V. richtig, wenn er im ״Israelitischen Familienblatt“ vom 24. 5. 33 die Situation so beleuchtet: ״Denn es ist nichts anderes als Ausnahmerecht, wenn nur ein Mehr an Dienstjahren, ein Mehr an staatsbürgerlicher Bewährung des einzelnen oder seiner Familie dem Einzelnen die Gleichberechtigung verschafft. Insofern bedeutet sogar schon die Anerkennung einer Bevorzugung des jüdischen Frontkämpfers Zustimmung zu einem Ausnahmerecht Denn im allgemeinen ist Kriegsleistung innerhalb der deutschen Gesetzgebung auch dieser Tage noch keine Voraussetzung üblicher Art. Wenn überhaupt, dann schafft Fronttätigkeit einen überdurchschnittlichen Anspruch an den Staat. Der jüdische Frontkämpfer ist also dem nichtjüdischen, oder um die gesetzliche Terminologie zu gebrauchen, der nichtarische dem arischen, nicht dem gleichen Fronterkbnis entsprechend gleichgestellt, sondern benachteiligt.“ Diese Sätze treffen den. Nagel auf den Kopf. Kehren wir nun zum obigen Aufruf zurück. Warum ist das ״Wir“ in dem zitierten Satz gesperrt gedruckt? Auch im folgenden Satz ist dieses der Fall. Es heißt da: ״Wir wollen weiterhin jeden Fußbreit Boden für unsere jüdischen Brüder im deutschen Vaterland verteidigen und die Positionen haltet), die noch zu halten sind.“ Das heißt doch in beiden Sätzen: ״Wir“ —• nicht die anderen. Die anderen, das sind die anderen jüdischen Verbände. Der Aufruf richtet sich also nicht an die deutsche Oeffentlichkeit, die auf die jüdische Not aufmerksam gemacht werden soll, sondern er richtet sich in anklagender Form an irgendwelche Teile der jüdischen Gemeinschaft. Oder richtet er sich doch an die nichtjüdische Oeffentlichkeit, der diese Anklage unterbreitet werden soll? Die Behauptung, die dieses gesperrte ״Wir“ enthält, würde ferner besagen, daß die den jüdischen Front- Soldaten « den intellektuellen Berufen geährte Vcrgünstigung im allgemeinen Ausnahmerecht ri׳;p Frrungenschaft des R.J.F. ist. Diese Behauptung wird in R. J. F.-Versammlungen erhoben. Sie wird von C.-V.-Seite nicht bestätigt. An und für sich hat die jüdische Oeffentlichkeit jetzt andere Sorgen. Der Geschichtsschreiber der heutigen Zeit allerdings wird einmal tun die Wahrheit hier mehr interessiert sein als vielleicht augenblicklich mancher jüdiSche Zeitgenosse. Diese Frage berührt aber auch den jüdischen Zeitgenossen, wenn aus der Behauptung, daß der R.J.F. ״Erfolge“ errungen habe, gefolgert wird, der R.J.F. sei mehr als andere jüdische Organisationen berufen, das deutsche Judentum zu führen. Diese Folgerung wird vom R.J.F. gezogen. In dem Aufruf des R.J.F. ist von der bejahenden Stel- Jung des Bundes zum Deutschtum die Rede. Zunächst sei doch fesfgestellt, daß es überhaupt keine jüdische Organisation in Deutschland gibt, die sich ihrer Verbundenheit mit Deutschland nicht immer bewußt gewesen wäre, die nicht die deutsche Staatsbürgerpflicht ihren jüdischen Mitgliedern aufs innigste nahegelegt hätte und die Liebe zu Deutschland als selbstverständlich in jedem deutschen Juden vorausgesetzt hätte. Die zionistische Gruppe der deutschen Juden darf durch ihren immer getätigten Kampf gegen die Dogmen des politischen Liberalismus sogar hoffen, von den im neuen Deutschland zur Macht kommenden nationalen Kreisen sowohl im jüdischen Wollen als auch in der Haitung des deutschen Staatsbürgers eher verstanden zu werden. Es gibt keinen deutschen Juden, gleichgültig, ob er Zionist oder C.-V.er ist — dieser Unterschied tut hier nichts zur Sache —, der die Ausklammerung des Juden im neuen deutschen Staat nicht als tiefstes Unglück ansieht und alles Mögliche — was aber ist möglich? — erwägt, dieses auf ihn einstürmende Unglück zu bannen. Dieses politische Unglück nennt der deutsche Jude aus dem Bewußtsein seiner Verbundenheit mit deutscher Kultur und deutschem Schicksal — Unrecht. Stellen wir also noch einmal fest, daß jedem deutschen Juden nach der Seite der Pflicht und nach der Seite des Gefühls immer gegenwärtig war, was ihm sein Stehen im deutschen Schicksalsraum bedeutete, so kann die Anklage erhoben werden, daß der Aufruf des R.J.F, als eine Schädigung der jüdischen Gemeinschaft angesehen werden muß. Derselbe Aufruf nämlich, in dem in selbstbewußfester ״Wir“-Formel von den anderen jüdischen Verbänden Distanz gehalten wird, spricht von der Verbundenheit mit