Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 258 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 48, 16. VI. 1933 Die neue jüdische Schule entsteht am Wendepunkt einer bedeutsamen Entwicklung. Es ist ein Irrtum, zu meinen, dabei handle es sich um einen zufälligen, aus der nationalen Revolution sich beiläufig ergebenden Vorgang. Diese jüdische Schule war von vielen immer gewollt und nie verwirklicht. Sic ist die sinnvolle Grundlage für jedes Bildungswesen In den Ländern der Galuth. Wenn heute der Augenblick da ist, ihr die erstrebte Gestalt zu geben, so haben wir dabei nur zu bedauern, daß es erst solch schmerzlicher Heimsuchung bedurfte, um unser Verständnis zu öffnen für die Erkenntnis dessen, was uns not ist. Was erlebt das jüdische Kind in der deutschen Schule? Vorauszuschicken ist: wir Eltern der Schulkinder von heute, Väter so gut wie Mütter, sind — bis auf wenige Ausnahmen — wohl alle durch die deutsche Schule erzogen worden und erinnern uns ihrer mit denselben Gefühlen der Dankbarkeit oder auch . . . Undankbarkeit wie etwa unsere christlichen Mitschüler und Mitschülerinnen, die mit uns auf einer Bank saßen. Dem und jenem unter uns mag’s noch heute warm ums Herz werden, wenn er mancher ״befeisternden Stunde“ bei einem Lehrer, der wirklich ein ehrer war, gedenkt; der und jener wird noch heute von unüberwindlichem Gähnen überfallen, wenn er sich an die endlose Langeweile manch anderer Stunden erinnert. Das ist, so schien es uns, allgemeines Schülerlos und mußte von allen■ gleich ertragen werden. — Gewiß: auch wir hatten schon unsere besonderen indischen Kämpfe auszufechten. Der ,,Jude Lasker“ und der ״Jude Lassalle“ wurden in mancher Gcschichtstiinde angegriffen und mußten verteidigt werden — was den Verteidigern zu manch eifriger Besclki Itigung mit ihrem Wirken verhalt. Hier und da ward auch auf das Lehen der Juden als ״Gäste“ in deutschen Landen vom Lehrer hingewiesen — was von der Mehrzahl der Schüler energisch abgelehnt wurde. Alle diese Auseinander- Setzungen quälten uns nicht und demütigten uns nicht — ja, sie kräftigten zu Zeiten unser erwachendes jüdisches SelbstbcwjiBtsnn. Denn wir hatten gute Bundesgenossen auf unsercr Seite. Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz war — wie es uns schien — die sittliche Forderung der Besten unter den Deutschen. Und wie ciri Panier zu unsem Häupter! schwebten die Worte Nathans des Weisen: ״Es eifre Jeder seiner tinbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach. . * Dieser Traum ist zu Ende. Ein eiserner Vorhang trennt unser Heute von unserm Gestern. Gewiß: wir Juden verziehten auch heute nicht — heute vielleicht weniger als je zuvor — auf das Ideal und die unendliche Aufgabe unserer Gedankenwelt, die Hoffnung auf die Zeit des Messias, die Zeit des Bruderbundes zwischen Mensch und Mensch, zwisehen .Mensch und Natur... Aber wir mußten erkennen, daß der Liberalismus der Vergangenheit ein falscher Messias war, der uns unsrer eigensten Aufgabe entfremdete. Jetzt und heute gilt es, zu erkennen ״was ist“ — und unsere Folgerungen daraus zu ziehen. Auf allen Gebieten. Nicht zuletzt in der Frage der Schule, die das äußere und innere Leben unserer Kinder bestimmt und formt. Die Schule unserer Kindheit ist nicht mehr da; wo sie sich poch erhalten hat, 'da wandelt sie sich vor unseren Augen. Eine ungeheure Umgestaltung Ist auf allen Gebieten des Volkslebens vollzogen worden; und sie hat vor den Schulen nicht Halt gemacht. Was unterscheidet die deutsche Schule von Heute von der Schule unserer Kindheit? und wie muß dieser Wandel auf das jüdische Kind wirken? Antwort auf diese Fragen muß trotz aller drängenden Wirtschaffsnöte von uns gegeben werden. Denn seit den Tagen unserer Wüstcnwanderung wissen wir, was uns der Midrasch lehrte: daß nicht die Väter, noch die Mütter, nicht die Priester, noch die Könige, sondern die Kinder in der Schule die eigentlichen Bürgen für die Zukunft eines Volkes darstellen. * In der Schule des neuen Reiches wandelten sich die Lehrer; es wandelten sich die Schüler; cs veränderte sich der Lehrplan durch richtunggebende neue Lehrfächer. Es handelt sich hier zunächst nicht nur datum, daß in Durchführung des neuen Beamtengesetzes nichtarische Lehrer ausscheidet] oder nur in einem sehr geringen Prozentsatz er-!!alten bleiben; auch in der uns vertrauten Schule war ja der jüdische Lehrer nur selten vertreten. Sondern es iiande'it sich um die innere Wandlung der Christlicken Lehrer, von denen zum guten Teil das Schul- Schicksal unserer Kinder abhängt. Gewiß, es gab schon früher Antisemiten unter unseren Lehrern. Da aber war der Antisemitismus — wie nach einem bekannten Worte die Religion — Privatsache, Heute ist er, wie wir alle wissen, wie auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens so auch in der Schule zum Dogma des Unterrichts, ja nach den neuen Vorschlägen geradezu zum Gegenstand des Lehrplans geworden. Nicht anders kann inan das verstehen, wenn in den neuen Schulen Rassenkuncie getrieben und dabei dargelegt werden soll, wie hoch die nordische Rasse im Vergleich zu anderen geartet sei. Dieser Wandlung in den Lehrern und im Lehrplan entspricht in noch viel grellerem Lichte eine Wandlung bei den Mitschülern, mit denen unsere Kinder zur Schule gehen. Es sind zumeist Kinder, deren Eltern durch vierzehn Jahre hindurch gehört haben, daß die Juden am verlorenen Krieg und an allen liebeln der Nachkriegszeit schuld seien. Man darf sich nicht wundern, daß hier die Knaben an die Wand־ tafel schreiben, daß sie ihren jüdischen Mitschülern Entfernung raten, ״da ihnen sonst ■was passieren würde“; daß dort eine Klasse von kleinen Mädchen die einzige jüdische Mit- Schülerin mit den Worten empfängt: ״Aber Steffi, was willst Du denn noch hier?! Dich können wir hier nicht mehr gcbrauchen!“; daß anderswo ״Judenbänke“ eingeführt worden sind, um den Abstand zwischen jüdischen und christlichen Schülern zu kennzeichnen. * Wie wird diese Wandlung auf der ganzen Linie auf unsere Kinder wirken? — Zur Steuer der Wahrheit —• und gerne! — sei es gesagt, daß sich nach den Berichten der Kinder manche Lehrer auch jetzt noch ״fabelhaft anständig“ gegen die jüdischen Schüler benommen haben. Sie erlaubten ihnen das Wegbleiben von Feiern, die ihr jüdisches Gefühl verletzen konnten, das Stutnmbleiben bei den neuen nationalen Liedern, deren antijüdische Zeilen ihnen jedes Straßenkind ins Ohr gehämmert hatte. — Aber schon diese Rücksicht mußte verwunden. Denn sie versetzt das Kind in den Ausnahmezustand, dem die kindliche Seele im Innersten widerstrebt. Jedes Kind will zur Gemeinschaft gehören, will keine ״Extrawurst“ haben, wie mir jede Mutter bestätigen wird, Hier keimen jene Mindeautrligkeitsgctühle, vor. denen uns die Aerzte warnen und die wir alle kennen. Sollen wir unsere Kinder dieser täglichen Seelischen Gefahr aussetzen? Und dabei ist dies der verhältnismäßig günstigste Fall, von dem uns berichtet wird. Schlimmer liegt es da, wo zwar die Lehrer bremsen, aber die Schüler zu ״Sonderaktionen“ schreiten, von denen oben erzählt wurde. Gewiß — nicht alle trifft es so tief wie jenen begabten Jungen, der bisher Primus der Klasse war und neben dem nun auf einmal niemand mehr sitzen wollte. Zum Glück ist er heute schon auf dem Wege nach Haifa; aber in jenen Tagen kam er!eichenblaß zur Mutter nach Hause und weigerte sich, jemals noch in diese Schule zu gehen. Nicht jeder wird auf Kränkungen der Mitschüler in dieser vehementen Weise reagieren. Ein anderer verschließt die Erfahrung in sich; das sind dann die Kinder, deren Eltern glücklich erzählen, ״mein Kindmerktgarkcfnen Unterschied!“ Und dann auf einmal, im Wachen oder irn Traum der Nacht, zeigt sich, was diese Kinder mit sich selbst abgemacht haben und was ihre Seelen verbogen und verkrümmt hat. ״Warum sind wir Juden denn eigentlich von allen verachtet?!“ fragt ein Anderer mitten in einem von ganz anderen Dingen handelnden Gespräch. Da haben wir das Trauma — die Wunde, die ihm vielleicht sein ganzes späteres Leben verbittern wird. Am gefährlichsten aber ist es vielleicht, wenn sich das Kind als eine. Art Mimikry ein sogenanntes ״dickes Fell“ angewöhnt, mit der Zeit wirklich unempfindlich wird gegen alle diese Kränkungen und Beschimpfungen. Denn damit geht eine seelische Stumpfheit Hand in Hand, die unserem Kinde viel von seinem eigensten Wesen raubt; gerade wir sollten uns danach nicht sehnen. # Nichts vielleicht beweist schlagender die Richtigkeit dieser aus einer Fülle von Schulkinder-Erlebnissen herausgegriffenen Beobachtungen, als das für den Betrachter unserer jüdischen Geschichte einigermaßen verwunderliche Faktum, daß diese neue Not es zuwege brachte, was glücklicheren Geschlechtern nicht gelang: eine Einheitsfront des deutschen Judentums zu schaffen. Gewiß, die Gestaltung der neuen jüdischen Schule wird vorläufig noch von jedem anders gesehen; auch steht ja vorläufig noch nicht fest, welche Möglichkeiten uns offen stehen werden. Aber mögen wir als Juden rechts oder links stehen, mögen wir immer so gedacht haben oder durch die Gewalt der Zeit erst zu dieser Erkenntnis gelangt sein — eins wissen wir heute alle: Forderung der Stunde heißt: die Jüdische Schule. Nur wenn wir diese Forderung klar erkennen und mit Ansnannung aller Kräfte durchzuführen streben, wird es uns gelingen, nach der Weise unserer Väter den Segen zu gewinnen, der auch im bittersten Unglück verborgen ist. Erst dann werden wir würdig sein, den tiefsten Sinn jenes alten, oft allzu leichtfertig zitierten Wortes zu begreifen: Garn su letobah — Auch dies ward uns zum Heil. Baih Hille!. Nachschrift! Die Juni-Nummer der pädagogischen Monatsschrift ״Die Scholle“, Herausgeber Bezirksschulrat Fikenscher, München, bringt in ihrer Beilage ״Die Landschule“ unter dem Thema ״Nationaler Gelege nheitsunterrieht“ folgende unterricht! ichen Hirt weise über die Juden: ״... jetzt gibt es viele Juden in Deutschland, auch in unserer Nähe. Wo, wer, ihre Berufe. Woran man sie kennt: Judennase, kurze Beine, klein und dick, schwarze Haare, frech. Sie haben auch komische Namen: Isidor Rosenfelder, Samuel Bergmann... Ein Stück Namenkunde für den 3. und 4. Jahrgang.;'־•' ־ ־ Wir schreiben uns einmal ihre Berufe auf. Da finden wir, daß es lauter Kaufleute, Händler, Bankbesitzer sind. — Kennt Ihr einen Juden, der als Arbeiter in einer Fabrik schafft? Oder als Bauer hinter dem Pflug hergeht? Sie wollen keine schwere Arbeit leisten. Die meisten sind faul, stehen unter ihrer Ladcntiir und gehen spazieren. Viele Juden sind Wucherer, die die Bauern ausschmieren (einige Fälle), ihm das letzte Stück Vieh aus dem Stall holen... in der Regierung in Berlin, wo jetzt Hitler Reichskanzler ist, waren viele Juden, die haben viel Geld verschlampt oder für sich verbraucht (Beispiele) ...“ Man denke an die Möglichkeit, daß unsere Kinder Lektionen, die nach diesen pädagogischen Richtlinien gestaltet sind, mitmachen, und wenn sie von der Mutter gefragt werden: ״Wie war es in der Schule?“ werden sie vielleicht sagen: ״Gut.“ Dann sind Vater und Mutter zufrieden; denn dem Kinde geschieht ja nichts. H. R. Was für jüdische Schulen gibt es in Deutschland? Von Julius Stern. Bei einer Betrachtung des jetzt bestehenden jüdisehen Schulwerks in Deutschland vergegenwärtigen sich einem — ganz ungewollt — die Kämpfe, die jahrelang in den weitaus meisten jüdischen Gemeinden um die Errichtung jüdischer Schulen geführt wurden. Der geringe Umfang des jüdischen Schulwerkes in Deutschland und die Erkenntnis, daß von diesen wenigen Anstalten nur ein kleiner Teil Schöpfungen der Gemeinden sind, beweisen die bedauerlichen Unterlassungtn der Gemeindeverwaltungen zu dieser Frage. Aber nicht zur Polemik oder Anklage sei dieser Ueberblick hier gegeben, sondern lediglich zur Information über Bestehendes. Ist die Zahl der jüdischen Schulen in Deutschland auch gering — es gibt zurzeit zirka 90 — so nehmen sie an Buntscheckigkeit fast einen Vergleich mit dem reich gegliederten staatlichen Schulwerk auf. Volks- und höhere Schulen, öffentliche und private, Gemeinde- und Vereinsanstaiten, Reformrealgymnasien und Oberrealschulen, Realschulen und Mittelschulen, Lyzeen und öberlyzeen, wirklich — ein für den Laien wie für den Fachmann gleich verwirrendes Bild. Jeder dieser Schultypen stellt in seiner Eigenart, die meist durch den Zeitpunkt seiner Gründung bedingt ist, ein Stück jüdischen Geschehens in Deutschland dar. Die ersten jüdisehen Schulen wurden vor ungefähr 130 Jahren errichtet. Es ist kein Zufall, daß von den 4 höheren Schulen, die um 1S0G herum entstanden (das Philanthropin in Frankfurt a. M., die Talmud Tora- und die Mädchenschule in Hamburg und die Mittelschule in Berlin), 3 Anstalten der betr. Gemeinden sind und eine von der Hamburger Oemeinde subventioniert wird. Diese Schulen wurden im Emanzipationskampt gegründet, um dem jungen Juden die Befreiung aus dem geistigen Ghetto zu erleichtern; und es entspricht nur der Tradition dieser Schulen, wenn 2 von ihnen (aas Philanthropin und die Mittelschule in Berlin) die einzigen jüdischen Lehranstalten Deutschlands sind, die nicht in gesetzestreuera Oeist geführt werden. Bekanntlich fand die Gründung jüdischer Schulen, dte sich nicht ausschließlich auf die Uebermittlung jüdischer Bildungsgüter beschränkten, damals den erbittertsten Widerstand in den Kreisen der Orthodoxie, und es kennzeichnet die innerjüdische Entwicklung der letzten 100 Jahre, wenn die Mehrzahl der jetzt bestehenden höheren Schulen (8) gesetzestreu geführte Anstalten sind, die außer den allgemein anerkannten Lehrzielen ihren Schälern eine vertiefte lüdisch-reli־ giöse Bildung vermitteln wollen. Es paßt auch ganz in das Bild des jüdischen Assimilationsprozesscs hinein, wenn diese Anstaiten Gründungen der orthodoxem Austrittsgemeinden oder besonderer Vereine sind, daß sie zum großen Teil ganz ohne Unterstützung deT Gemeinden, zum Teil im Kampt gegen diese entstanden sind, und daß 4 der 10 bestehenden höheren Schulen in den letzten 20 Jahren, in der Zeit eines erstarkenden jüdisehen Erneuerungswillens, gegründet wurden. Der ungewöhnlichen bevölkerungsmäßigen Gliederung der deutschen Juden entspricht es auch, wenn diese höheren Schulen sich nur in wenigen Großstädten mit jüdischen Großgemeinden befinden. (Hamburg, Berlin, Frankfurt a. M., Köln, Breslau, Leipzig, Fürth). Es sind dies auch durchweg Orte mit starken orthodoxen und ostjüdischen Gemeinden; von Kindern liberaler Eltern wurden diese Schulen (außer Philanthropin) bisher kaum besucht. Bemerkenswert ist auch, daß in Hamburg־ und Frankfurt 2 höhere Lehranstalten sind, ein Zeichen, wie in diesen Gemeinden auf die Erziehung in jüdischen Schulen schon immer großer Wert gelegt wurde. Dies wird dadurch dokumentiert, daß in Hamburg jedes zweite Kind eine jüdische Schule besucht, während in Berlin bisher nur jedes siebente Kind diese Möglichkeit hatte. Im Zusammenhang mit dem Gesamtaufbau des deutschen Bildungswesens nimmt die jüdische Volksschule im Rahmen des jüdischen Schulwerkes in Deutschland einen größeren Raum ein als die höhere Schule. Die deutsche Volksschule hatte von jeher einer! ausgeprägten konfessionell-christliehen Charakter, und sie war infolgedessen konfessionell wesentlich stärker gegliedert als die höhere Schule. So lag es sehr nahe, auch eigene jüdische Volksschulen zu gründen, insbesondere in Gegenden, in denen, wie in manchen Teilen des flachen Landes, die jüdische Bevölkerung neben der nichtjüdischen Dorfbevölkerung zahlenmäßig eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Unterstützt wurde in diesen Landesteilen Preußens (Kurhessen, Rheinland, Westfalen, Hannover und früher Posen) die Entstehung jüdischer Volksschulen durch gewisse hier vorliegende historische Bedingungen (Konsistorialverfassung, kurliessisches Judengesetz, ״Vorläufige Verordnung wegen des Judenwesens im Großherzogtum Posen 1833“ u. ä.). So entstanden insbesondere in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine ganze Anzahl öffentlicher jüdischer Volksschulen in diesen Teilen Preußens, also Schulen, deren finanzielle Träger wie bei den allgemeinen Volksschulen die Kommunalverbände wurden. Auf Grund dieser Entwicklung finden wir in Teilen Preußens, teilweise auch in Bayern und Württemberg, zwei verschiedene Typen jüdischer Volksschulen, die öffentliche und die private. Dieser Unterschied ist aber nur ein organisatorischer, der auf den Unterhaltsträger hinweist, in ihrer inneren Ausgestaltung wirkt sich dieser nicht aus, da beide gleichermaßen an die staatlichen Lehrpläne gebunden und der behördlichen Aufsicht unterstellt sind. Die öffentlichen jüdischen Volksschulen haben heute für die Erziehung jüdischer Kinder nicht mehr die gleiche Bedeutung wie vor einigen Jahren. Die Zahl dieser Schulen ist nämlich, veranlaßt durch das Abwandern der Juden aus den Landgemeinden und die geringer werdende Kinderzahl, in den letzt«!״ Jahren immer kleiner geworden; gegenüber 153 solcher Schulen, die es 1921 noch in Preußen gab, bestehen jetzt nur noch zirka 40. Unter den jetzt noch vorhandenen öffentlichen jüdischen Volksschulen erfassen insbesondere die in einigen rheinischen und westfälischen Großstädten einen großen Teil jüdischer Schüler (Köln 830 Schüler, Essen 440, Dortmund 320 usw.). Die 22 privaten jüdischen Volksschulen, die von Gemeipdep o der: jbesgn4v.*R Vetfinigungej} ($j?lu%ereine11) er|w|״ Jen werden, befinden sich» fast ausschließlich in Großstädten, und hierdurch 'bedingt, weisen sie un ganzen einen stärkeren Besuch auf als die öffentlichen jüdischen Volksschulen. Während in den zirka 40 öffentlichen jüdischen Volksschulen Preußens insgesamt zirka 4000 jüdische Schüler unterrichtet werden, werden die 22 private^ jüdischen Volksschulen in Deutschland von zirka 5300 jüdischen Kindern besucht. Zahlen beweisen natürlich für den Geist und die Intensität der Er- Ziehung überhaupt nichts, sie werden hier nur angeführt, um zu zeigen, wie groß oder vielmehr wie klein die Zahl der durch jüdische Schulen erfaßten Kinder ist. Zur Verdeutlichung seien noch einige Angaben gemacht: 1931 besuchten in Preußen 25 370 jüdische Kinder Volksschulen, von diesen waren zirka 17350, also 68 0/0, in nichtjüdischen Anstalten, und zirka 8000 (4000 in öffentlichen und 4000 in privaten) in jüdischen Schulen, also hier nur 32 °/0*). Noch ungünstiger stellt sich das Verhältnis bei den höheren Lehranstalten dar; von zirka 17000 jüdischen Schülern Preußens, die höhere Lehranstalten besuchten, waren nur zirka 2000, also nur gegen 12 0/0, in jüdischen höheren Lehranstalten. Faßt man beide Gruppen zusammen, so ergibt sich, daß bisher in Preußen nur 25 0/0 jüdischer Jugendlicher in jüdisehen Schulen Aufnahme fanden. In dieser einen Zahl kommt der ganze Umfang der Aufgabe zum Ausdruck, die jetzt der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland für die Erziehung ihres Nachwuchses gestellt ist. Sie besagt nicht allein, daß bisher % der jüdischen Jugend in nichtjüdischen Schulen erzogen wurden, sie zeigt in aller Deutlichkeit, in welchem Maße das jüdische Schulwerk ausgeweitet werden muß, wenn es den jetzigen Anforderungen entsprechen will. Die jüdischen Feste im Unterricht (Aus der Arbeit der Volksschule der Jüdischen Gemeinde, Berlin, Rykestraße.) Von Schulleiterjn S. Schiratzki. Die jüdische Schule, unsere Schule, die zu bewußtem Judentum erziehen soll, wird jeden geeigneten Stoff erfassen und einer entsprechenden Neugestaltung unterziehen. Dem kindlichen Erfahrung®kreis schon vertraut und in seinem Gefühl tief verankert, sind von erlebtem Judentum vornehmlich unsere Feiertage, Hier kann angeknüpft und von hier aus entwickelt und autgebaut werden. Gerade die Feiertage, die im Ablauf des Jahres das Verhältnis der jüdischen Menschen zur Natur zum Ausdruck bringen, ihm die gewaltigen Marksteine seiner Geschichte vor Atigen Tufen und die zugleich symbolische Gestaltungen und wirkende Gestalter der Religion sind, sie sind ganz besonders geeignet, als zentrale Ausgangspunkte Wesen und Werte des Judentums und Jude-Seins zu vermitteln. Daß es nicht schwer ist, Charmkkah oder Purim, Sukkoth oder den Sederabend in den Mittelpunkt des Unterrichts der Grund- oder der Volksschule zu stellen, wird keines besonderen Beweises bedürfen. Ihr geschichtlicher Ursprung, vor allem aber die Sinnfälligkeit ihrer Gebräuche^ machen sie für das Kind leicht faßbar und geben bekanntlich reichste Anregung zu konzentrischer Gestaltung des Unterrichts. Schwieriger dürfte es schon erscheinen, die Feste, bei denen wir heute mehr den geistigen Inhalt betonen, in unserem Sinne zu behandeln. *) In Preußen besuchten 1931 4491 jüdische Schüler private Volksschulen, io private jüdische ,Volksschulen gingen von dies« 3974.• t