Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 255 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 48, 16. VI. 1933 ״Boom" in Palästina Die Londoner ״Time s“ veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 13. Juni einen Artikel aus Tel-Awiw, betitelt ״The Boom in Palestin e“. in diesem Artikel wird im Zusammenhang mit der in London jetzt stattfindenden Anglo- Palestine-Ausstellung die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, daß das heutige Palästina eines der interessantesten Studienobjekte für die Welt ist. ״Zu sehen, in welcher Weise jüdisches Kapital und jüdischer Unternehmungsgeist das Land umschaffen, zwingt die Frage aufzuwerfen, ob es sich hier um einen Trick handelt, dessen Hohlheit sich bald zeigen wird, oder ob wir hier vor einem Fall stehen, wo menschliehe Wissenschaft über die Kräfte der Natur triumphiert.“ Es wird dann aufgezählt, was in den letzten zwei Jahren alles geschehen ist; Der Jordan wurde über Turbinen geleitet, von denen aus das ganze Land von Nord bis Süd mit Kraft versorgt wird; die Wasser des Toten M eeres liefern Kali und Brom, die in riesigen Lastautos über das Feisenland von Jericho nach Jerusalem geschickt werden, um von Haifa und Port Said an alle Enden der Erde verschifft zu werden; bis 1031 betrug die Orangenernte 1,5—2 Millionen Kisten jährlich, vor einem Jahre sprang sie auf 3 Millionen, in der letzten Saison auf 4,250 Millionen, und die Schätzung für das nächste Jahr beträgt 6 Millionen, und 10 Millionen werden bald erreicht sein, dabei wird immer weiter gepflanzt. Tel-Awiw, das vor 18 Monaten beim Zensus 4000 א Einwohner hatte, hat bereits 60 000 und wird bald die lOOOOQ-Orcnze erreichen. Alles dies geschieht in einem Land, dessen Hache etwa dieselbe ist wie die von Wales und zu mehr als der Hälfte aus Wüste und Felsen besteht. Die jüdische Bevölkerung hat sich in den letzten neun Jahren verdoppelt, wahrend die Araber um 35 Prozent zugenommen haben. Es wird nun in dem Artikel weiter geschildert, wie das alles vor sich gegangen ist: der Zufluß von oft entliehen! und privatem Kapital, die Einwirkung der Pfund-Devalvation, der Geschäftsaufschwung. Der jüdische Kapitalzufluß im letzten Jahre werde auf C 3 250000 geschätzt. Der Autor schildert dann das sprunghafte Ansteigen der Bmlenpreise, beschreibt die verschiedenen Kategorien der jüdischcn Siedlungen, die Merkwürdigkeiten der Chaluz-Siedhingen, deren Angehörige den ganzen Tag schwer landwirtschnftlich arbeiten und am Abend philosophische Diskussionen führen, die neuen Siedlungen in der Orangenzone usw. Von der großen gegenwärtigen. Einwanderung wird trotzdem pur ein kleiner Teil zur Landwirtschaft gehen können, aber Palästina entwickle sich gleichzeitig zu einem Handels- und I n d u s t r i e z e n t r u in. Der Ausbau des Hafens in Haifa und die erwachende Wirtschaft des arabischen Hinterlandes bis Persien wird Palästina zu einem wahren Umschlagplatz ersten Ranges machen. Trotzdem meint der Verfasser, daß diese Ent- Wicklung langsamer vor sich gehen werde als die jetzige jüd i s c 11 e Ei 11 w a n d e r 11 n g. Man könne nicht glauben, daß das!.and wirklich monatlich 2000 Neuankömmlinge absorbieren werde. Ein großer Teil der neuen Einwanderer werde vom eigenen Kapital zehren müssen, und andere, insbesondere die jm Bauwesen beschäftigten, werden bet dem notwendig zu gewärtigen Nachlassen der Konjunktur arbeitslos werden. Es sei jedoch ein Glück, daß die Regierung eine schöne Reserve aus ihrem Budgetii berschuß angesammelt habe, so daß sie für die Zeit einer etwaigen künftigen Arbeitslosigkeit die Möglichkeit hat» vorzusorgen. Ble Umsledlüöß der BcdnUien von Wad! Chawarith Jerusalem, 8.. Juni. (]. T. A.) Die Umsiedlung der auf Nationalfonds-Boden in Wadi Chawarith provisorisch angesiedelten Beduinen auf das ihnen von der Regierung in Tel Shok Im Beisan-Gebiet zur Verfügung gestellte Land hat nach langwierigen Verhandlungen begonnen. Ungefähr 20 Beduinenfamilien haben einen Vertrag mit der Regierung unterzeichnet, in dem sie sich bereiferklären, Wadi Chawarith zu verlassen und sich nach Tel Shok zu begebet!. Die restliehen Siedler verweigern vorläufig noch ihre Zustimmung zur Umsiedlung. Auf Grund des Abkommens mit der Regierung werden den Beduinen von Wadi Chawarith folgende Bedingungen geboten: Sie erhalten 12000 Dunam fruchtbaren Bodens, der innerhalb von 12 Jahren abzuzahlen ist. Die erste Rate ist erst nach drei Jahren zu zahlen. Die Regierung hat sich verpflichtet, die ersten Ameliorierungsarbeiten durcli/uführen, Wohnhäuser für die Siedler zu errichten, ihnen für den Umzug aus Wadi Chawarith eine Ent- Schädigung zu bezahlen und ihnen Kredite zu gewähren. Für die Erwerbung des Bodens in Tel Shok hat die Palästinaregierung etwa 40000 Pfund ausgegeben, weitere 100000 Pfund werden zur Durchführung der Umsiedlungsaktion erforderlich sein. Bei den Vorbereitungsarbeiten in Tel Shok sind derzeit 105 arabische Arbeiter beschäftigt. Mit dieser Umsiedlung findet eine komplizierte Angelegenheit, die in Palästina viel Erregung hervorgerufen hat, einen begrüßenswerten Abschluß. Durch die jüdische Erwerbung des Bodens von Wadi Chawarith wird diese Landstrecke der intensiven Bebauung zugeführt und ihre Produktivität vervielfacht; zugleich werden die Beduinen, die mit Hilfe der Regierung auf anderen Boden verpflanzt werden, seßhaft gemacht und aut eine höhere Stufe des Lebensstandards gehoben. Die Regierung kann hierfür um so eher Mittel zur Verfügung sielten, als dank der jüdischen Siedlung und Steigerung des Landesertrags ihre Kassen gefüllt sind und sie — vielleicht als einzige Regierung der Welt — einen erheblichen Budget-Ueberschuß hat. Statt sich in Streitereien zu erschöpfen, Ist der Fall durch eine konstruktive Lösung zum Besten aller Beteiligten ausgetragen worden. Die Reichsvertretung der indischen Landesverbände Deutschlands teilt durch ihre Presse-Abteilung offiziell mit: Die Reichsvertreturig trat am 11. Juni zu einer Sitzung zusammen. Vor Beginn der eigentlichen Beratungen wurden im Anschluß an die zur Einigkeit mahnenden Begrüßungsworte des Präsidenten, Kammergerichtsrat Wo!ff, die Grundlagen für die politische Arbeit der Reichsvertretung erörtert; es wurde in einer Entschließung ausdrücklich festgestellt, daß keine der jüdischen Richtungen Irgend* wie eine unterschiedliche staatsre c htliche Behandlung anderer Richtungen verlangen dürfe. Die weiteren Beratungen galten dieses Mal nicht nur der politischen Lage, die selbstverständlich eingehend besprochen wurde, sondern auch Fragen des inneren jüdi» sehen Lebens, besonders dem Stande der Schulfrage. Von mehreren Seiten wurde die Errichtung eines Bll* dungsamtes bei der Reichsvertretung als zentraler Stelle für alle Schulangelegenheiten angeregt. Das Präsidium wurde beauftragt, bis zur nächsten Sitzung die Schaffung eines der* artigen Bildungsamts vorzubereiten. Für die politische Arbeit wurde besonderer Wert darauf gelegt, daß sie in eingehender Zusammenarbeit mit den großen jüdischen Ver* bänden erfolge. Deren Führer sollen in einem besonderen Ausschuß der Reichsvertretung zu gemeinsamer Arbeit zwecks Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Gesamtheit zu* sammengefaßt werden. Mussolini über Zionismus Vor einiger Zeit hat Mussolini dem europäischen Kor* respondenten der amerikanisch-jüdischen Zeitung ״The Jewish Exponent“ (Philadelphia) ein Interview fiber jüdische Fragen gewährt, das in der betreffenden Zeitung veröffentfieht war. ln diesem Interview, das von dem amerikani* scheu Journalisten in der üblichen feuilletonistischen Weise aufgemacht ist, spricht Mussolini seine bekannten Anschauungen zur Judenfrage aus, auf die wir schon wiederholt hingewiesen haben. Mussolini ist ein entschiedener Gegner des Antisemitismus und erklärt, daß er religiöse oder Rassen-Unterschiede in der Bevölkerung Italiens nicht zu machen wünscht. Die Juden nehmen in Italien vollen Anteil an allen öffentlichen Angelegenheiten und spielen auch in der faschistischen Partei eine Rolle. In Italien gebe cs kein Judenproblem. Das ״Israelitische Familienblatt“ (Hamburg) hat einen Teil dieses Interviews in seiner Ausgabe vom 8. Juni wiedergegeben. Es ist aber auffallend und höchst bed a u e r I i c h, daß gerade jene Stelle, die sich mit dem Z i o - n i s m u s beschäftigt, hierbei weg gelassen wurde. Gerade diese Stelle ist aber zweifellos die interessanteste in der ganzen Aeußerung Mussolinis. Wir geben daher nach* stehend die vom ״Israelitischen Famiiienbiatt“ ausgelassene Stelle der Veröffentlichung des ״Jewish Exponent“ wieder: Der Interviewer fragt: ״Sind Sie über die zionistischen Bestrebungen irgendwie informiert?“ Mussolini: ״Ja, sehr gut. Der palästinensische Zeitungsherausgeber Ben Avi (Herausgeber der ״Doar Hajom“ — Red. ״J. R.“) hat mich öfters besucht und wir haben dann ganze Stunden im Gespräch über den Zionismus verbracht. Ich habe mich aufrichtig über alle Nachrichten gefreut, die ich über das Fortschreiten des jüdischen Palästina-Aufbaus bekam. Wenn ich mich nicht irre, war die italienische Regierung überhaupt eine der allerersten, die ihre Sympathien für dies Werk öffentlich zum Ausdruck brachte. Ünd erst vor kurzem habe ich irgendwo gelesen, daß sogar schon Theodor HerzI, als seine Bewegung noch in den Kinderschuhen steckte, am freundlichsten von unserem italienisehen König empfangen und angehört wurde. Ueberdies bin Ich wirklich rein menschlich befreundet mit dem jetzigen Fiihrer der Bewegung, Dr. Weizraann, einem ganz außerordentlich begabten Diplomaten, der auch, wenn Ich recht orientiert bin, die ihm gebührende Verehrung bei den hiesigen Juden genießt. LJeberhaupt müssen Sie wissen, daß wir hier in Italien und im Faschismus ganz speziell geradezu zu einer be* wundernden Haltung gegenüber dem Palästinawerk genötigt sind. Eine solche Aufbauarbeii, die mit geeintem Willen von einer Masse aus nationalen Gründen geleistet wird und niemandem etwas zu Leide tut, alle bestehenden Gesetze respektiert, — hat von vomherein unsere Sympathien. Ich persönlich glaube auch, daß sie viel zur Völkerversöhnung jm allgemeinen beitragen kann.“ Mussolini fragte dann nach der Beteiligung amerikanischer Juden an der Palästina-Siedlung und schloß: ״Ja, — es ist eine große Aufgabe. Durchaus der Anwendung von amerikanlscher Kraft- und Energiefülle wert. Die vermögenden amerikanischen Juden könnten mehr als irgendwer sonst für die Sache leisten.“ * Die ״Leipziger Neuesten Nachrichten״ berichte« über einen Vortrag, den Prof. Guido Bortolotto (Rom) auf einer Veranstaltung der kulturpolitischen Abteilung der NSDAP, und des ״Kampfbundes für deutsche Kultur“ in Leipzig gehalten hat. Der Redner zog einen Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Faschismus, wies zuerst auf die Ärmlichkeiten der beiden Bewegungen hin und sagte dann (dem Bericht der ״L. N, N.“ zufolge) u, a.: ״Verschieden seien beide Bewegungen, insofern sie aus verschiedenen Welten kämen: der Faschismus von der Romanität, von der italienischen Renaissance und vom Humanismus her. Der Faschismus habe den Mythos der Nation aufgenommen, der Nationalsozialismus den Mythos des Blutes. Der Mythos des Blutes rechtfertige den Rassenkampf und den Kampf gegen das Judentum, den es in Italien nicht gebe, wo unter 42 Millionen Einwohnern nur 750 000 Personen nichtkatholisch und 40 000 Juden seien.“ Es wäre noch daran zu erinnern, daß der Führer der italienischen Delegation auf der Londoner Weltwirt־ Schaftskonferenz, Finanzminister Jung, ein Jude ist — der einzige jüdische Delegationsführer der Konferenz. Zur Lage in Oesterreich Die tragische Zuspitzung des Konflikts zwischen dem Deutschen Reich und Oesterreich und die politische Erregung in Wien haben auch jüdische Opfer gekostet. In W'ien wurden mehrere Bombenatteutatc verübt, darunter auch solche gegen jüdische Geschäfte, wobei Todesopfer zu beklagen waren. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden gegen jüdische Geschäfte Steine und faule Eier geworfen. Auch in der Produktenbörse im zweiten Bezirk wurde in einem Koffer eine Höllenmaschine gefunden. Im Zusammenhang damit verhaftete junge Leute sollen erklärt haben, man würde Juden auf der Straße überfallen und niedermachen. Man kann nur die Hoffnung aussprechen, daß es gelingt, die Ursachen der jetzigen Erregung zu beseitigen und daß weitere unüberlegte Terrorakte unterbleiben. Wie immer man die politischer. Hintergründe des deutsch* österreichischen Konfliktes beurteilen mag, mit jüdischen Angelegenheiten haben sie gewiß nichts zu tun. Die Christlich-soziale Partei, die in Oesterreich herrscht, ist im Zeichen des Antisemitismus groß geworden. Dennoch schreibt der ״Völkische Beobachter“ in seinem Leitartikel vom 13. Juni über die österreichischen Verhältnisse: ״Es scheint sogar, daß die christlichsoziale Regierung, die einst von dem großen Bürgermeister Wiens, Lueger, zu einer antisemitischen Partei gemacht wurde, nunmehr vollkommen unter all jüdischem Einfluß zugunsten dunkler Habsburgischer Pläne arbeitet.“ Der ״Völkische Beobachter“ nimmt hier ohne weiteres an, daß die Gemeinsamkeit des Antisemitismus eine so starke Verbindung schaffen müsse, daß alle anderen politischen und geistigen Unterschiede demgegenüber verblassen müßten. Es müßte doch bekannt sein, daß die Christlichsozialen die pro* minenten Vertreter der sogenannten ״österreichischen“ Tra* dition sind und zum großen Teil Iegitimistisch denken. Die Pläne zur Restauration der Habsburger, die jetzt häufig in verschiedenen Zeitungen als ״jüdisch“ bezeichnet werden, haben mit dem Judentum ebenso wenig zu tun wie der siebenjährige Krieg oder der Krieg von 1866. Im Interesse der geschichtlichen Bildung und des politischen Urteils des deutsehen Volkes sollte man vermeiden, durch Berufung auf die Juden den Blick für die wirklichen schwierigen politischen Tatbestände zu verdunkeln. Von der Woche Einer soeben erschienenen Verordnung zufolge haben die Leiter sämtlicher Privatschulen (allgemein bildende Volks-, Mittel- und höheren Schulen; Sprachschulen, Vorbereitungsansfalten, Kunstschulen; Tanz-, Ballett-, Gymnastik-, Turn-, Theater- und Filmschulen) sowie alle Inhaber von Unterrichtserlaubnisscheinen bis zum 1. August dem zuständigen Schulrat Ihre arische oder nichtarische Abstamm ung sowie ihre deutsche oder nichtdeutsche Staatsangehörigkeit nachzuweisen. Der Nachweis hat durch Vorlage der Geburtsurkunde sowie der Geburtsurkunden oder Heiratsurkunden der Eltern zu erfolgen. Die Berliner Stadtverordnetenversamm- 1 u n g hat in ihrer Sitzung vom 13. Juni bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten den im Mai d. J. vom Magistrat gefaßten Beschluß bestätigt, daß Schülern und Schülerinnen der städtischen höheren Lehranstalten und Mittelschulen, die vm jüdischen Eltern oder Großeltern abstammen, keine Schulgeidermäßigung gewährt werden soll, solange die Zahl der Schüler jüdischer Abstammung über den Beteiligung־- satz der jüdischen Einwohner an der GesamtbcvöSkermig des Deutschen Reiches hinausgeht. Die neue Bestimmung soll am 1. Oktober d. J. in Kraft treten. Die Berliner städtische Wirtschaftsdeputation hat beschlossen, die Belieferung städtischer Unterstützungsempfänger mit Kleidern in Zukunft ausschließlich einer Lieferung־- genossenschaft des deutschen Schneiderhandwerks und einer beschränkten Anzahl ausgesucht zuverlässiger Konfektionsfirmen zu übertragen. Die Maßnahme wird damit begründet, daß die Unterstützungsempfänger früher durch die Firma Sklarek und andere jüdische Kleidergeschäfte durch Lieferung minderwertiger Ware übervorteilt worden seien. Berichtigung. Wie uns aus Berliner Universitätskreiscn mitgeteilt wird, entspricht die in unserer letzten Nummer veröffentlichte Nachricht, daß N i c h t a r i e r nicht mehr zu Doktorpromotionen zugelasscn werden, in dieser Form nicht den Tatsachen. Eine derartige Vertugung wurde, wie uns mitgeteilt wird, lediglich an der Brcslauer und Frankfurter Universität erlassen. Keine Jaden in Landw. Genossenschaften Auf dem 69. Verbandstag der hessischen Landwirtschaftliehen Genossenschaften im Städtischen Saalbau ln Darmstadt hielt Staatskommissar Dr. Wagner eine Rede, die sich u. a. auch mit der Judenfrage befaßte. Er erklärte, bei einer Reise durch das hessische Weingebiet habe er mit großer Sorge festgestellt, daß wegen der gemeinen Zurückhaltung der jüdischen Händler der Absatz des Qualitätsweins sterbe; er habe deshalb dringend zur Gründung von Weinabsatzgenossenschaften geraten. Im Vogelsberg habe er wieder festgestellt, wie schwierig der Absatz von Vieh gegenwärtig ist; hier müßten die Juden ausgeschlossen werden. Nachdem die Wahlen zum Verbandsausschuß beendet waren, erklärte Staatskommissar Dr. Wagner beim Punkt ״Anfragen“ unter großem Beifall der Versammlung, er hätte bereits Anweisung gegeben, daß ’Juden nicht mehr in den Genossenschaftsverband aufgenommen werden dürften, sämtlich? Genossenschaftler müßten rein arischer Abstammung sein. In dieser Frage g e b e cf keine Kompromisse, In der Aussprache wurde noch die Frage der Gleichschal• tung der landwirtschaftlichen Konsumvereine aufgeworfen, bei deren Gründung ja antisemitische Gedankengänge maß■ gebend gewesen seien. Ungestörter Badebetrieb zugesichert Die Magistratspressestelle der Stadt Frankfurt a. M. teilt mit: Für die ungestörte Durchführung des Badebctriehes in den städtischen Strandbädern übernimmt die Städtische Bäderdirektion jede Garantie. Irgendwelche Belästigungen aus politischen und anderen Motiven sind völlig ausgeschlossen. Die städtischen Strandbäder stehen allen Volkskreisen zur Verfügung. Der Gemeinderat von Wildbad verlautbart: ״In Wildbad, das vollständig auf Kurbetrieb und Fremdenverkehr eingestellt ist, sind trotz der politischen Umwälzungen keinerlei Ausschreitungen irgendwelcher Art gegen Kurgäste vorgekommen, ln seiner letzten Sitzung brachte der Gemeinderat einstimmig zum Ausdruck, daß auch künftig jeder Gast, gleichviel welcher Nationalität, Konfession und Herkunft, in Wildbad vor jeder Belästigung gesichert ist.“ Aehnliche Er• klärungen wurden bereits von den Kurverwaltungen Wies• baden und Homburg a. H. abgegeben, ♦ Dagegen versendet die Gemeinde- und Kurverwaltung des Ostseebades Heringsdorf einen hakenkreuz-geschmückten Prospekt mit der Aufforderung ״Werte deutsche Volksgenossen, besucht das anerkannt schönste Bad der Ostsee und verhelft ihm dadurch wieder zu dem Rufe und Charakter eines nationalen Kurortes!“ In dem Prospekt heißt es: ״Trotz der überwiegend fremdrassigen und daher auch antinational eingestellten Besucher haben sich die Heringsdorfer in den Wahlen unerschrocken und überwiegend zum Nationalsozialismus bekannt... Mögen die über den Strand wellenden Symbole des neuen nationalen Vaterlandes auch dn Zdchen für den nationalen Neuaufbau unseres schönen Heringsdorf sdn; wir werden alles tun, unseren nationalen Gästen einen angenehmen Erholungs-Aufenthalt zu gewährleisten.“ Das Ostseebad Heringsdorf ist bekanntlich stark von Juden besucht worden und hat den jüdischen Kurgästen seinen materiellen Aufschwung zu danken. Es wird ־den ehemaligen Besuchern von Heringsdorf interessant sein, daß die Kur- Verwaltung sich so wegwerfend über die ״fremdrassigen“ Be- Sucher ausspricht. Jodenlrage vor dem amerikanischen Senat New York, 12. Juni. (J.T.A) Im amerikanischen Senat fand eine Aussprache über die Lage der Juden in Deutschland statt. Der Führer der demokratischen Regierungspartei Senator Robinson verlas eine Erklärung, in der unter Hinweis auf das Regierungsprogramm in Deutschland die augenblickliche Lage der deutschen Juden geschildert wird. Zum Schluß gab Senator Robinson der Hoffnung Ausdruck, Deutschland werde sich binnen kurzem aus den eisernen Banden des Rassenhasses befreien. Die Ausführungen Robinsons wurden sowohl von der demokratischen als auch von der republikanischen Fraktion des Senats mit großem Beifall aufgenommen. Nach ihm ergriffen die Senatoren Copeland, Metcalf. Walsh und Hatficld das Wort, um ihre Zustimmung zur Erklärung des demokratischen Fraktionsftihrers zum Ausdruck zu bringen.