Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- Seite 257 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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HU Beiblatt ״.Die jüdische Schule'׳ ££nl'9 hl- Einzelnummer RM 0,40 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. AmUndnabonnementi werden in der Währung der einzelnen Linder berechnet. Anzeigenpreis: 8 g«N»p»!tene Nonpareillereile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.lO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Postscheck Konten: Berlin 17392, Basel V 9355» Belgrad 68032, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973» Haag 140 470, Prag 594 IQ, Riga 4155. Straßburg 164 30. Warschau 190708, Wien 156030. Bank Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cernsuti {Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa. Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 48 | Berlin, 16. VI. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ב סיון תרצ״ג | xxxvra. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.** Um die neue Emanzipation Das deutsche Judentum ist durch die grundlegende Wandlung, die seine äußere und innere Stellung in Deutschland in den letzten Monaten erfuhr, in ein seelisches Chaos gestoßen worden, aber es hat sich bisher zu der schöpferischen Tat, die auf jedes Chaos, soll es nicht zu Zerstörung und Untergang führen, folgen muß, nicht aufschwingen können. Zwar darf man die Zahl der Juden, die durch die Geschehnisse sehend geworden sind, nicht unterschätzen, aber ein sehr großer Teil der deutschen Juden, und gerade die von altersher in jüdischen Institutionen, Parteien und Ehrenposten tätigen Funktionäre, haben ihre Orientierung noch nicht gefunden. Wer einmal an einer jüdischen Sitzung teilzunehmen Gelegenheit hatte, der fühlte schmerzlich die Diskrepanz zwischen den großen Ereignissen des Lebens und der inneren Bereitschaft. Man möchte gern Methoden und Einrichtungen, aber auch die Denkweise, an die man gewöhnt ist, nicht aufgeben, und sucht «ine Formel, die dies ermöglicht. So kann man häufig hören, daß Juden auf eine Darlegung der aus der manifest gewordenen Judenfrage sich ergebenden jüdischen Verpflichtungen erwidern, man könne auch in einer Zeit der Stürme, und Erschütterungen ״die Treue gegen seine bisherigen Ueberzeugungen nicht vermissen lassen“. In der innerjüdischen Polemik, die offen oder versteckt gegen die immer größere Kreise ergreifende zionistisehe Auffassung geführt wird, wird etwa gesagt: ״Wer gestern erklärte, hundertprozentig deutsch zu sein, der kann, auch wenn die äußere Wirklichkeit sich wandelte, heute nicht plötzlich dem Deutschtum innerlich die Treue aufkündigen.“ (Wir halten uns hier an einen Artikel von Dr. Ludwig Freu nd im ״Schild“, der sich mit unserem Artikel ״Ja-Sagen zum Judentum“, ״J. R.“ Nr. 39, besctiäitigt, weil dieser Artikel einige auch sonst oft gehörte Argumente formuliert.) Keine jüdische Gruppe hat die Forderung gestellt, die Juden mögen dem Deutschtum die Treue aufkündigen. Die ״Jüdische Rundschau“ als zionistisches Organ war die erste jüdische Zeitung, die nach dem furchtbaren Erlebnis des Boykotts vom 1. April in unzweideutiger Form aussprach, daß die Verbundenheit der deutschen Juden mit Deutschtum und deutschem Volk auch durch solche Ereignisse nicht zu lösen ist. Wenn man daher in einer Polemik gegen die ״Jüdische Rundschau“ solche Sätze hinschreibt, so treffen sie nicht den Kern der Sache, sondern führen auf ein unerwünschtes Nebengeleise, auf das wir dem Schreiber nicht folgen wollen. Es sind allzu magere Banalitäten, wenn man von ״Vaterlandsfreüdigkeit“ spricht und Ver- Sicherungen abgibt, die nur Selbstverständliches besagen. Worin wir uns unterscheiden, ist etwas ganz anderes. Wir glauben, daß Treue sich zunächst einmal dort zu bewähren hätte, wo man nicht damit vor Mächtigen paradieren kann. Darum ist es nun einmal unsere Lieberzeugung, daß eine offen bekannte und betätigte Treue zum Judentum viel mehr charakterliche Beweiskraft hat als die immer wieder betonte Treue zum Deutschtum, von der man sich Vorteile versprechen konnte. Der seinem Judentum treue Jude ist auch als deutscher Bürger höher zu werten als ein Mann, der durch feige Loslösung und Verleugnung seiner Abstammung aus Angst vor etwa sich hieraus ergebenden Nachteilen zeigt, daß seine ״Treue“ nicht hoch zu bewerten ist. Wenn wir gesagt haben, die durch die äußeren Geschehnisse zum Bewußtsein des Judentums erwachten Juden dürfen sich nicht als ״Zwangsjuden“ fühlen, sondern müssen zu ihrem Judentum Ja sagen, so meinten wir nicht, daß jemand seine ״seelischen Inhalte verraten oder verleugnen“ soll. Niemand soll etwas verleugnen, aber er soll auch nicht vor Tatsachen die Augen schließen. Natürlich erkennen auch wir, daß der engere Zusammenschluß der Juden, der jetzt vor sich geht, einen äußeren Anstoß hat. Aber es wäre doch eine Verkleinerung des geschichtlichen Tatbestandes, wollte man dies nur als zufällige Konstellation gelten lassen, nach deren Vorübergehen man wieder zum alten Zustand zurückkehren kann. Was jetzt in Deutschland geschehen Ist, halte gewiß nicht in dieser Form und in diesem Ausmaß, nicht verbunden mit soviel Dernütigung und Ehrenkränkung, nicht in dieser umfassenden Gründlichkeit geschehen müssen; aber die Kraßheit der Erscheinungsformen ändert nichts daran, daß wir es mit einer tief innerlich begründeten Auseinandersetzung zu tun haben» die ihren Ausgangspunkt von der J u - denfrage nimmt. Und wenn Juden bisher die Judenfrage geringschätzig behandelt haben, wenn man ihr Zutagetreten nur als ״Kulturlosigkeit“ deutete, dann muß doch heute in der Glut des Geschehens die Erkenntnis gereift sein, daß solche Auffassung ein Irrtum war. Es ist keine Schande, zuzugestehen, daß gewaltige Ereignisse einem die Augen geöffnet haben für Zusammenhänge, die man vorher nicht durchschaut hat. Dies zuzugeben, bedeutet keine Absage ans Deutschtum, keiner! Bruch mit dem Vaterland, man könnte umgekehrt sagen, daß man dem Vaterland einen Dienst leistet, wenn man eins seiner entscheidenden Probleme sachlich würdigt, auch wo man selbst schmerzlich betroffen ist. Gewiß ist die Ausgliederung aus dem deutschen Leben für die Juden eine ״zwangsweise“ Isolation, aber das Judentum ist damit keine ״erzwungene“ Gemeinschaft Wann wurde von den Kreisen, die sich gegen unsere Vorhaltungen verwahren, versucht, aus dem Judentum eine lebendige Wirklichkeit zu machen? Die jüdische Betätigung erschöpfte sich meist in Abwehr und Apologetik, in Verteidigung des Judeseins gegen äußere Angriffe. Das muß uns immer mehr schwächen. Es kommt nicht darauf an, ein Judentum von Gnaden seiner Angreifer zu konstituieren, sondern man muß wissen, warum man Jude ist, was das bedeutet, was die jüdische Geschichte uns lehrt, was jüdisches Schicksal und jüdische Sendung ist. ״Ja-sagen zum Judentum“ bedeutet nicht Bejahung einer gegebenen jüdischen Situation, sondern gerade das Gegenteil: ״Wenn wir uns bejahen, dam! fühlen wir die ganze Entartung mit, aus der wir unsere kommenden Geschlechter befreien müssen“ (Buber). ״Ja-sagen zum Judentum“ bedeutet Selbstentdeckung, bedeutet den Beginn einer großen Aktivität, des Aufbaus einer besseren und vvürdigeren Zukunft; es bedeutet auch aufrechtes und furchtloses Bekennen, selbst angesichts feindlicher Schmähungen. Die Not der Gegenwart hat für uns etwas Gutes, weil sie etwas Aufrüttelndes hat. Das gibt auch Dr. Freund zu, obgleich er die jüdische Wiedergeburt lediglich in einem Aufleben des ״alten Märtyrergeistes“ des Judentums sieht. ״Aber“, so sagt er, ״inan soll deswegen die Not nicht anbeten.“ Zwar lehrt Not beten, aber wir glauben nicht, daß die Not seihst es ist, die angebetet wird. Man kann dem Zionismus nicht den Vorwurf machen, daß er den ״grauenvollen Notzustand für ein Glück für die jüdische Gemeinschaft hält“. Denn gerade der Zionismus ist es, der seit Jahrzehnten seine warnende Stimme erhoben hat und die Juden für eine Aktion zur Lösung der Judenfrage sammein wollte. Das deutsche Judentum aber lebte in der platten Atmosphäre eines bourgeoisen Wohlbehagens und wollte sich darin nicht stören lassen. Es wäre uns allen wohler und gewiß den Zionisten lieber gewesen, wenn die Juden ohne diesen Notzustand ihre jüdische Gemeinschaft gefunden und bejaht hätten, wenn sie ״zum Judentum ja gesagt“ hätten, auch in einer Zeit, da diese Treue nicht von außen ihnen aufgezwungen war. Wahrscheinlich können solche Erkenntnisse und Entschlüsse nicht durch bloße Ueberredung in einer Zeit der äußeren, wenigstens scheinbaren Sekurität sich durchsetzen. Aber wenn dann in einem geschichtlichen Moment tiefster aufwühlendster Erregung die Irrtümer der Vergangenheit riesengroß vor uns stehen, dann sollen wir nicht die Entschlußkraft haben, eine Wendüng zu vollziehen, und uns darauf zu besinnen, daß unser Leben auf neue Grundlagen gestellt werden muß? 1111m11111111111u111m11111111111n1H1n11nt11m11*M1tn1i1111111n1n11H111111111111[1111n1w1tn111111m11n11111111־!M11'[1n111nn111111111[11i Unser starker Lebenswille hat uns in unge*׳ wohnlicher Weise bis heute erhalten, er wird uns auch durch ungewöhnliche Kraftaufwendung als Nation auf eigenem Boden wiederherstellen. Weil wir an uns geglaubt haben, sind wir nicht unter* gegangen. Wenn wir an uns glauben werden, dann werden wir auch za neuem Leben erstehen. Von uns und unserem Willen hängt hier alles ab. Gewiß ist die Judenfrage auch eine Frage der Völker. Aber diese können und werden uns — um ihretwillen - nur dann helfen, wenn w i r •wollen. So laßt uns vor allem wollen! Max Joseph, Das Judentum am Sdieidewege (Berlin 1908) Die Lage der Juden in Deutschland kann nicht so bleiben, wie sie jetzt ist. Dies würde auch für das neue Deutsche Reich große innere und äußere Schwierigkeiten mit sich bringen. Die deutschen Juden müssen einen Status bekommen, der es ihnen ermöglicht, in Ehren in diesem Lande zu leben und sich dem neuen Gemeinwesen in einer der inneren Gesetzlichkeit seines Lebens entsprechenden Form nützlich einzuglicdern. Die Juden selbst müssen ein positives Programm haben, auf das sie hinarbeiten. Es ist jetzt häufig die Rede davon, daß ein ״neuer Emanzipationskampf“ beginnen müsse. Aber es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wollte man diesen Emanzipationskampf wieder im Sinne der liberalen Ideen des vorigen Jahrhunderts führen, die in ihrer Anwendung auf die Judenfrage zu der Meinung führten, der Jude müsse als Individuum den anderen Individuen der Bevölkerung gleichgestellt werden. Das Ziel des neuen Emanzipationskampfes kann nicht die Gleich- Stellung des Individuums sein, sondern die E״׳anzipation als Gruppe. Man unterschätzt in jüdischen Kreisen häufig die Tiefe des blutmäßig völkischen Bewußtscins in der deutschen nationalen Bewegung. Mau beruft sich darauf, daß der oder jener Nationalsozialist von dem oder jenem Juden gesagt habe, er sei ״auch ein guter Deutscher“. Solange wir mit diesen Illusionen spielen, werden wir die jüdische Sache nicht führen können. Die nationale Erhebung der Deutschen wäre mit dieser Schwungkraft nicht denkbar gewesen, wäre sie nicht erfüllt von dem Glauben an den ״neuen Mvthos“, und maßgebende Theoretiker des Nationalsozialismus, die sich über die Tagespolitik erheben, verankern den Antisemitismus tief im Metaphysischen. Gerade der Typ des Assimilationsjuden, so können wir z. B. im neuesten Heft der Zeitschrift ״Hochschule und Ausland“ lesen, ist ihnen ein Gegenstand ״metaphysischen Abscheus“. Auch innerhalb des neuen Deutschlands werden wir eine geachtete Stellung und eine wahrhafte Emanzipation nur dadurch erreichen können, daß wir unserem Judesein wieder ein geistiges Gesicht geben. Heute sind wir ohne Gesicht, wie die Lügner in Dantes Inferno. Bei der alten Emanzipation war die Parole, das Judentum möglichst unkenntlich z!1 machen, um gleichgeschaltet zu werden; heute heißt es, das Judentum bewußtinachen, seinen Ehrenschild Hochhalten, es mit lebendigem Inhalt erfüllen, dem Namen, der uns von außen aufgehrannt wurde, einen Sinn geben, nur dies dient der Emanzipation des Judentums. Tun wir es nicht, dann verurteilen wir uns selbst dazu, verkriippeltc Menschen zu werden, die ihre eigene STesc’nicbtliehe Bindung mißachten, von denen aber, denen sie sich zurechnen, mit blutigem Hohn abgewiesen werden. Darum ist auch die Führung des Judentums in dieser Zeit eine Aufgabe für Juden, die wirklich juden sein wollen. Bisher herrschte im jüdischen Leben, nur verständlich durch die völlige Uninteressiertheit der meisten Juden, die paradoxe Entnrtungscrsehehiung, daß Juden, die Zugaben, daß für sie Judentum kein Wert ist, zu repräsentativen Stellungen berufen wurden, weil sie Geld oder gesellschaftliches Ansehen hatten. Diese Leute begründen heute ihre Legitimation als jüdische Führer damit, daß sie ״bessere Deutsche“ seien. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. Im jüdischen Leben soll der bessere Jude führen und nichts anderes. Und der bessere Jude wird — in einem mehr als forma' äußerliehen Sinn gesehen -- meist auch der bessere Deutsehe sein. Es ist jetzt nicht die Zeit, sich über solche Frager! zu streiten. Alles ist heute im Fluß, viele Juden revidieren ihre bisherige Haltung, wir alle sind berufen, dabei mitzuhelfen, niemand soll sich überheben, niemand auf ererbte Auffassungen sich etwas zugute tun. Wir haben Ehrfurcht vor der Geschichte, Ehrfu.cht vor dem seelischen Ringen der Menschen, die durch neue Erkenntnisse innerlich tief verwundet wurden. Parteidogmen aller Art sind ein kleinliches Requisit für eine solche Zeit. Worauf es ankommt, ist, zur jüdischen T a t zu schreiten. Hierbei freilich ist keine Zeit mehr zu verlieren, und wer von dem tragischen Erwachen des Judentums unberührt geblieben ist, darf nicht hindernd in den Weg treten, wo eine neue jüdische Zukunft gebaut wird.