Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 47 (13.6.1933)
- Date
- 1933-06-13
- Page
- Seite 253 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 251 Nr. 47, 13. VI. 1933 MacDonalds Rede Wir haben in der vorigen Nummer kurz über die Er- Öffnung der Anglo-Palästina- Ausstellung in London berichtet. Die telegraphisch übermittelte Zusammenfassung der Rede, die P r i m e m i n i s l e r MacDonald bei dieser Gelegenheit, hielt, konnte kein volles Bild dieser bedeutsamen Kundgebung bieten. Nachdem fetzt genauere Berichte vorliegen, veröffentlichen vir nachstehend, den ]Vor Haut der Rede MacDonalds in deutscher Uebcrsetiung. Es Ist mir eine besondere Freude, führte Minister- Präsident MacDonald aus, an diesem Nachmittage hier zu weilen. Ich möchte betonen, daß meine Genugtuung, mit jüdischem Werk verbunden zu sein, inif darin begründet ist, daß ich damit meinen Tribut der Anerkennung für den großen Dienst darbringen kann, den das jüdische Volk dem Fortschritt von Wissenschaft, Kunst und Politik, dem Fortschritt der Kultur im allgemeinen, geleistet hat. Außerdem erfüllt mich die Freude, Palästina gewissermaßen nochmals besuchen zu können und vieles von dem zu sehen, dessen Anfänge Ich einst gesehen habe. Als ich in Palästina war, standen Sie am Anfang Ihres großen Werkes, des Aufbaus eines Heims. Ich habe Euch beim Straßenbau gesehen; ich sah Vertreter der besten Inteiligenzschichten des Judentums, den Hammer irr der Hand, Steinklumpen vor sich, arbeitend wie Tagiohner, weil sie Juden waren und an das fdeal des jüdischen Heims glaubten, weil sie im Dienst eines großen Gedankens standen und den Grund zu diesem Helm legten. An den Hängen Gilboas kam ich durch ein Zeitlager, in dem Leute untergebracht waren, die Oelbaumpflanzungen anlegten. ich fragte einen von ihnen nach seinem Beruf. Er sagte, er sei Zahnarzt. Ein zweiter, an den ich dieselbe Frage richtete, sagte, er sei Arzt, ein dritter Lehrer. Alle waren sie von dem herrlichen Geist des Opfermuts für ein Ideal entflammt. So lange Ihr aus solchem Stoff gemacht seid, meine jüdischen Freunde, rief MacDonald aus, könnt Ihr Aechtungen und Verfolgungen ertragen und dennoch gedeihen! Sie und ich, fuhr der Ministerpräsident fort, haben etwas sehr Wichtiges, vielleicht Entscheidendes gemeinsam: unsere religiöse Grundlage. Ich wurde in höherem Maße als ein Engländer im allgemeinen im Geist des Alten Testaments erzogen. Man lehrte mich, daß in einer bestimmten Zeit eine neue Vergebung der Sünden erfolgte, aber wenn ich auf meine prcsbyferianischen Vorfahren zurückblicke, auf John Knox und die übrigen, so sehe ich, daß die Furcht Gottes sie vom Frevel freimachte und daß seine Verheißungen ihnen Lebensmut gaben; eine Denkungsart, die mehr dem Alten als dem Neuen Testament entspricht. Dies brachte ich mit, als ich nach Palästina kam. Ich kam als .,Tourist“ und war doch mehr als das. Wenn ich fragte: ist dies die Ebene Saron, sind dort die Berge von Judäa, ist dies hier Jerusalem?, so fragte ich dies nicht wie ein Vergnügungsreisender, sondern wie ein Pilger, der ins wahre Heilige Land gekommen war, um mit den Wurzeln seiner Seele, seines religiösen Seins, Berührung zu finden. Ich sah Eure Arbeiten, Eure Eisenbahnen und Straßen, und als ich jetzt durch die Straßen dieser Ausstellung schritt, kam mir die Erinnerung an jene anderen, und ich bringe Euch meine herzlichen Glückwünsche dar. Palästina hat heute weniger als irgendein anderes Land eine Arbeitslosenfrage. Sie haben Ihr Budget ins Gleichgewicht gebracht. Wie ist Ihnen dies gelungen? Muß ich erst diese Frage stellen? Kann heute überhaupt irgend jemand, der nicht Jude oder Schotte ist, sein Budget ins Gleichgewicht bringen? Ich sah die erste Urbarmachung des Bodens in den ersten Kolonien, Kolonien, die heute hier nicht mehr nur n!s eine große Deklaraliort von Zuversicht und Hingabe figurieren, sondern auch durch die Früchte harter Arbeit und eines reichen Bodens vertreten sind. Schreiten Sie fort in Ihrer erfolgreichen Arbeit. Ich hoffe, Sie werden Ihren Enthusiasmus für ein großes Ideal nicht ver- Heren. Ich hoffe, Sie werden weiter bereit sein, Körper und Geist in den Dienst des Aufbaus eines schöneren Heimatlandes zu stellen. Und wenn ich an die Engländer, Schotten und Waliser, die hier zugegen sind, einen Appell richten soll, so möchte ich sagen: Gehet nach Palästina! Gehet dahin, hinauf nach Nazareth, jene herrliche Straße entlang, an der jede Stelle von großen Erinnerungen spricht. Gehet durch jene wunderschönen Dörfer, deren jedes geheiligte Gedanken c,־Findungen wachruft! Gehet nach Nazareth und Tiberins, und je weiter Ihr kommen werdet, um so mehr werdet Ihr den Drang fühlen, die Schuhe von den Füßen zu ziehen, denn Ihr tretet heiligen Boden. Es ist sehr schön, in Kirche und Kapelle zu sitzen und über all dies predigen zu hören; aber weit besser ist es, den Boden unter den eigenen Füßen zu fühlen. Heute, wo Reisen so billig und der Sinn für Reisen erfreulicherweise so verbreitet ist, wohin könnte man eher reisen als nach Jerusalem und nach Palästina, um dort das Leben zu erfahren, das unserem Sein zugrunde liegt. Nach all dem aber sind wir auch Realisten, denn im Ideal ist das Praktische mit beschlossen. Vom kommerziellen Gesichtspunkt ist die Entwicklung Palästinas, die Sie durchführen, von höchster Bedeutung. Ich möchte Ihnen auch sagen, wie sehr ich mit dem Teil der Rede Lord Readings einverstanden bin, in dem er von Zusammenarbeit mit den Arabern sprach. Dies ist der Weg, der Ihnen und den Arabern zum Segen gereichen wird. Hört nicht auf die, die versuchen, Euch uneinig zu machen. Die Zukunft Palästinas wird auf gesunder, loyaler und verständnisvoller Zusammenarbeit beruhen. Sie haben auch Klagen gegenüber der Regierung. Auch ich habe solche Klagen. Es ist das Schicksal von Regierungen, allzu rasch vorwärtsdrängende Menschen zu enttäuschen. Sir Herbert Samuel weiß das. (Anspielung auf Samuels umkämpfte Politik als erster High Commissioner für Palästina — A. d. Red.) Aber ohne Regierung hätten Sie heute kein ins Gleichgewicht gebrachtes Budget und wären nicht frei von Arbeitslosigkeit. Das Problem Palästina ist ein außerordentlieh schwieriges. Es ist ein Problem von Siedlung, Entwickiung und Einwanderung, eines der schwersten Probleme, dessen Lösung von irgendeiner Regierung verlangt werden kann. Setzen Sie Ihr Drängen und Fordern fort; wir wollen nach Kräften bestrebt sein, Sie zufriedenzustellen. Es gereicht mir zur besonderen Freude, diese Ausstellung als eröffnet zu erklären, * Anläßlich der Anglo-Palästina-Ausstellung widmet die Londoner ״Times“ in ihrem ״The Times Trade and Engineering Supplement“ vom 9. Juni eine Sonderabteilung von zehn Seiten der Palästina-Wirtschaft. Neben einer ausführlichen Darstellung finden wir in dieser Beilage einen Artikel von Lord M e 1 c h e 11, der vor allein die Möglichkeiten des englischen Exports nach Palästina schil• dort, ferner Artikel über die Bodenfrage, über den Zionismus usw. Die Wochenschrift ״The Near East and India“ erschien am 8. Juni gleichfalls mit einer besonderen Palästina-Beilage von 20 Seiten, die auf Kunstdruckpapicr gedruckt und reich illustriert ist. In einer redaktionellen Notiz an der Spitze des Hauptblattes würdigt die Zeitschrift, die bekanntlich nicht immer zionismtisframdlich war, die rapide Entwicklung des Landes. Infolge des Aufwandes von Geld, Intelligenz und Arbeit seitens des Weltjudentu ms habe das Land einen Aufschwung genommen ,der normalerweise das Werk mehrerer Generationen sein müßte. In der Beilage selbst weist der Leitartikel auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus den widerstreitenden jiidischen und arabischen Aspirationen ergeben. Die leidenschaltliehe Begeisterung, die auf der einen Seite durch Erhöhung der Leistlingen dem Lande zugute komme, erhöhe auf der anderen Seite die nationalen Spannungen. Die Regierung habe hier ausgleichend lind fördernd einzugreifen. —■ Die großen palästinensischen Wirtschaftszweige werden dann eingehend in Einzeiartikein dargestellt. Eine schwedische Stimme zur Judenfrage Der schwedische Professor Fredrik Book, der vor einiger Zeit Deutschland bereist hat, veröffentlicht jetzt im ״Svcnska D a g b I a d“ eine sehr ausführliche Artikelserie über seine Eindrücke im neuen Deutschland. Book, der als der bedeutendste und maßgebendste Publizist Schwedens betrach־ tet wird, ist ein leidenschaftlicher Freund des deutsehen Volkes, und die Kritik, die er an der Politik der jetzigen Regierung vom Gesichtspunkt eines Ausländers übt, ist von freundschaftlichem Geiste getragen. Bei den engen Beziehungen, die einzelne Persönlichkeiten der neuen Regierung gerade zu Schweden haben und angesichts der Tatsache, daß die Schweden vielleicht als das reinste Volk nordischer Rasse anzuselien sind, kommt der Stellungnahme der schwedischen öffentlichen Meinung eine große Bedeutung zu, obwohl es sich nicht um eine europäische Großmacht handelt. Prof. Book, der ein echtes Empfinden für Traditionstreue und für die Regeneration nationalen Empfindens hat, hat sich bereits vor Jahren lebhaft für die zionistische Bew e g u n g interessiert. Er war auch in Palästina und repräsentierte bei der Einweihung der Universität Jerusalem am 1. April 1925 die schwedischen Universitäten. Er hat auch später in einem Blich seine Palästina-Eindrücke be schrieben. Es ist nicht unsere Sache, uns mit den Betrachtungen zu beschäftigen, die Prof. Book zur deutschen Politik macht. Dagegen ist sicher für unsere Leser sehr interessant zu hören, wie ein solcher Mann die jüdischen Verhaltnisse in Deutschland betrachtet. In seiner Artikelserie bespricht Book in einem ausführlichen Artikel vom 4. Juni die deute 710 Judenpolitik. Book hat für den Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Judenpolitik viel Verständnis. Er beginnt seinen Artikel mit folgenden Worten: ״Eine Politik, die beabsichtigt, den Einfluß des Antigermanismus auf das deutsche Gesellschaftslcben und die deutsche Ocffcntlichkcit zu beschränken, die Elemente, die Träger illoyaler Tendenzen sind, zurückzudrängen, hätte sowohl berechtigt wie nützlich sein können, denn Deutsch- Land ist das Land, in dem vieles, das bei iustinktsirheren Nationen sich von seihst unter der Hand und in diskreteren Formen regelt, durch ein direktes Eingreifen durch Ver- Ordnungen und Vorschriften geordnet werden muß.“ Der Verfasser meint jedoch, daß der Zweck, den der Nationalsozialismus in bezug auf die Juden erreichen wollte, auch mit anderen Mitteln hätte herbeigeführt werden können. Er findet die rigorose Anwendung der Rassentheorie nicht zweckmäßig. Vor allem bedauert er, daß durch die Art der Behandlung der deutschen Judenfrage manchen anderen Nationen die Gelegenheit gegeben wurde, ״mit Tugendmiene“ als moralischer Lehrmeister Deutschlands sich aufzuspielen, so z. B. den Polen, die seihst in der Judenfrage genug Verfehlungen zu verantworten haben. Der Verfasser hebt dann hervor, daß er während seines Anfenthaltes in Deutschland nichts mit eigenen Augen gesehen hätte, was Judenverfolgungen ähnlich gewesen wäre. Dagegen sei aber nicht zu verkennen, daß die Maßnahmen der sogenannten Gleichschaltung die Juden in ihren wirtschaftliehen und gesellschaftlichen Positionen sehr schwer treffen. Er bedauert auch den Ruf ״Juda verrecke“, den er bei einer bestimmten Gelegenheit gehört haben will. Was die Juden betrifft, so seien vor allem die psychischen Folgen der antisemitischen Aktion schwerwiegend. Diese ״seelischen Leiden sind die wirklichen, verhängnisvollen und die lebensentscheidenden, während die lingiücks-Chronik der Krisenzcif vergessen wird“. Die Lage der ״jüdischen Kinder, die mit Verzweiflung den leeren Raum bemerken, der sich tun sie herum bildet, die nicht einmal direkten Demütigungen und offenem Schimpf entgehen", müsse einen mit Bedauern erfüllen. Diese Demütigungen und Herabsetzungen treffen besonders empfindlich die stolzen und aufrechten Eiemente unter den Juden, während die vulgären, gemeinen und gewissenlosen sich leicht auch in eine solche Situation finden; auf diese Weise wandte sich der Antisemitismus zu einer Waffe, die die Unuwralischen schone und die Unschuldigen treffe. Der Verfasser führt dann eine Reihe von Einzelfällen an und erwähnt die Erklärung von Prof. James Franck in Göttingen, die in ihrer Vornchmjieit Respekt und Bewunderung verdient hätte. Trotzdem habe Francks Auftreten sogar bei Universitätsprofessoren scharfe Kritik gefunden. ,,Wer keine Achtung für einen Mann wie!1rof. Franck hat, hat wirklich etwas Unersetzliches verloren.“ Hier fährt Prof, Book fort: ״Dieses Unersetzliche, das man auch Mut und Selbstlndigkelt nennen kann, zeigt sich in reichem Maße in dem zionistischen Lager; davon zeugt jede Nummer der ״Jüdischen Rundschau“. Tapferer und intelligenter kann man kaum eine gerechte und unpopuläre Sache verfechten, und die, die den Juden moralisches Pathos und Idealismus abspreehen wollen, sollten sich erst in die Gedanken und Gesichtspunkte hineinversetzen, die dort aufrechterhalten werden, in die Gefühle, die sich dort Luft machen. ״Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!“ lautete die Ueberschriit eines der Leitartikel. Inmitten des Drangsais und der Verzweiflung, der Prüfung und der Heimsuchung spürt man eine Art intelfc' .!׳;r Genugtuung, daß die Tage der Verkleidung und des Verstcckspieiens vorüber sind. Der verhängnisvolle Irrtum, daß man jüdische Interessen unter einem anderen Deckmantel vertreten könnte, ist dabin. In dem welthistorischen Sturm wächst die fruchtbare Saat.“ Die Frage, die man sich vorlegen müsse, sei die, zu welchem Ziel die Judenpolitik des Nationalsozialismus füllren soll; denn das Verderblichste wäre, wenn sie einfach nur in einer Sackgasse endete. Seine eigene Meinung spricht Book folgendermaßen aus: ״Nach dem, was nun geschehen ist, gibt es nur einen Weg, auf den man zum Waffenstillstand und Friedens- Schluß vorwärts kommen könnte, und man muß sich nur darüber wundern, daß die nationalsozialistische Regierung ihn nicht schon seit langem gefunden hat. Er besteht aus einer Annäherung an die zionistische Gruppe unter den deutschen Juden, und das ist eine Gruppe, die in den, letzten Monaten unerhört an Stärke und Autorität zugenommen hat. Mit den Zionisten wäre es für die Nationalsozialistcn nicht unmöglich, eine positive Zusamme n a r b e i t zu beginnen, und w׳er nicht vom Fanatismus verfinstert ist, sollte cinsehen können, daß w׳enn man für die Lösung des Judenproblems arbeiten will, dies durch eine Verständigung mit dem jüdischen Volke geschehen muß, in Verbindung mit dessen eigenen Krälten und Ideen, und nicht durch ein aufgezwungenes Regime, eine mechanische Despotie. Nichts hindert die nationalsozialistische Regierung, die Auswanderung nach Palästina zu begünstigen und zu erleichtern; für die englische Regierung wäre ein solcher Anstoß sicherlich nicht unwillkommen, und damit würde sich eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit zwisehen Deutschland und England eröffnen. Sicherlich ist es nur. ein sehr geringer Teil des deutsehen Judentums, der instand gesetzt werden könnte, auszuwandern; aber das entscheidende Moment liegt nicht in dem materiellen Resultat, sondern in der grundsätzlichen Einstellung. Durch Zusammenarbeit mit dem Zionismus wäre es möglich, das deutsche Judentum als eine nationale Minorität zu organisieren, mit eigenem Unterrichtsw׳esen und eigenen kulturellen Einrichtungen. Das ist die logisehe Konsequenz der Abschließung der deutschen Kultur von dem jüdischen EinLuß. Die Frage der Verwertung der jüdischen Arbeitskraft kann nur gelöst werden durch gegenseitiges Entgegenkommen und Einverständnis; wenn der Nationalsozialismus von seinem Standpunkt aus die Billigkeit der Berufsverteilung zwischen Deutschen und Juden in Deutschland bestritt, so hat der Zionismus au( seiner Seite schon seit langem gepredigt, daß die Juden nicht als parasitierende Oberklasse bei anderen Nationen existieren können. Hier, sowie bei einer Menge anderer Punkte, sind Nationalsozialismus und Zionismus ideologisch verwandt. — Was hindert sie, sich gemeinsam an die große Aufgabe zu machen: eine Umlagerung, ״Um sch ichtung“ der jüdischen Massen, die sie ln ein anderes und weniger einseitiges Verhältnis zu der sozialen Schichtung und zu den Aufgaben der Gesellschaft stellt. Das ist das große jüdische Problem, und das ist das einzige, das auf die Dauer den Stäche! aus dem Antisemitismus brechen und die Frage lösen kann. Alle anderen wohlgemeinten und liberalen Ausgleichsvorschläge sind nur palliativ: man wirft Tünche über die Risse; wenn aber das nächste Erdbeben die Grundmauern erschüttert, so klaffen die Risse von neuem. Wenn man alle Phrasen streicht, so ist die einfache Wahrheit die, daß, wenn die Juden eine reine Oberklasse, eine intellektuell arbeitende und führende Klasse sein wollen, so könnten sie nur eine unendlich kleine Minorität sein: man bekommt sonst einen Rassengegensalz zwischen Oberklasse und Unterklasse, und schon ist der Antisemitismus da. Der Kern des Zionismus ist die Forderung einer unabhängigen völkischen Existenz für die Juden. Wäre die Verwirklichung dieser Forderung nicht ein würdiges Ziel für den Ehrgeiz eines Staatsmannes? Das ist größer und fruchtbarer, aber auch schwerer, als dem Haß und der Verbitterung Luft zu geben, als die Summe des Leides und der Verwirrung in einer schon verfinsterten und von Haß zerrissenen Welt zu mehren. Ist dies im Grunde eine undenkbare Selbstüberwindung für die Nah»- nalsozialisten, zum jüdischen Volke eine andere Stellung einzunehmen als die negative? Als Hitler am 17. Mai vor dem Reichstag sprach, führte er aus, daß der National- Sozialismus, gerade weil er seinem eigenen Geiste treu sein muß, niemals die Lebensrechte anderer Völker angreifen könne. ״Indem wir uns in grenzenloser Liebe und Treue zu unserem eigenen völkischen Erbe bekennen, respektieren wir aus dieser Gesinnung heraus die nationalen Forderungen anderer Völker und wünschen aus tiefstem Herzen, mit ihnen in Frieden und Freundschaft zu laben.“ Diese Worte sind nicht die des Agitators; sie erscheinen ehrlich und wohlüberlegt. Aber Worte verpflichten. Sind die Juden nicht ein Volk? Haben sie nicht das Recht zu einem völkischen Dasein in Palästina oder in Europa, damit sie in grenzenloser Liebe und Treue ihr Erbe wahren, dessen die Völker der ganzen Weit teilhaftig geworden sind? Haben sie kein Recht, einen wesentlichen Teil der leitenden Klasse Deutschlands auszumachen, so haben sie in jedem Fall das Recht, eine nationale Minderheit darzustellen; und daß diese Minorität gerecht, ja gut behandelt wird, ist nicht nur ein jüdisches, sondern auch ein deutsches Interesse, in Anbetracht dessen, daß Deutsche und Juden dasselbe Los teilen: Europas ausgeprägtestes Minoritätsvolk zu sein, das überall innerhalb frernder Nationalitäten wohnt. Es ist kurzsichtig, dies zu vergessen.“ Diese Bemerkungen des schwedischen Deutschenfreundes, der aus einer Sackgasse zu einer konstruktiven L ö snng im Interesse Deutschlands den Weg zu finden helfen will, verdienen als Richtlinien, auch wenn man nicht in allen praktischen Einzelheiten derselben Meinung ist, di« größte Beachtung.