Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 45-46 (9.6.1933)
- Date
- 1933-06-09
- Page
- Seite 240 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 238 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45/46. 9. VI. 1933 Schafts- und Kulturvorstellungen eine schwere Arbeit ist, die nur langsam und unvollkommen durchgeführt werden wird. Sie trösten sich mit dem Oedanken an die Kinder dieser Generation, die bildungsfähig und offenen Geistes hierher* kommen, aus denen man bodenständige Menschen wird machen können. Und es gibt andere Menschen, die die Geduld verlieren, die gerade die mangelnde Anpassungsfähigkeit des deutschen Juden, die absolute Unwissenheit mancher Einwanderer über Palästina nicht ertragen können, die auch gereizt werden durch Ungeschicklichkeiten einzelner Neulinge, die natürlich nicht zu vermeiden sind. Die deutsche Einwanderung, ihre Qualität, ihr Umfang, berühren eben alle Kreise des Landes. IV. Immer wieder taucht in den Gesprächen über deutsche Immigranten eine Frage auf: ,,Werden sie arbeiten, wollen sie arbeiten?“ Sie ist in der Tat von einschneidender Bedeutung. Mit Vermittlungsbcrufen, mit Akademikern kann Palästina ja nur in verschwindenden Zahlen etwas anfangen. Es kommt also alles darauf an, ob der Ankömmling das versteht, ob er nicht von sozialen Vorurteilen behaftet, ob er imstande ist, zu verstehen, wie dieses Land aussieht, was es verlangt und zu bieten hat, ob er arbeitsfähig und arbeitswillig ist. Es macht immer wieder einen ungeheuren Eindruck, wenn darauf die Antwort kommt, daß Kaufleute, daß Studenten zur Arbeit gehen, daß sie Siedlungspläne haben. Nach den ersten Versuchen der individuellen Arbeitsbeschaffung hat die ,,1 lifachdutli Oie Germania“ (Vereinigung der Einwanderer aus Deutschland) und die Arbeiterorganisation eingcschcn, daß diese Menschen bei ihrer Umschichtung bcsoliderer Anleitung bedürfen. Es geht nicht an, einen Mensehen, der die Verhältnisse, die Sprache, die Arbcitsbedingungeii nicht kennt, mit einem schönen Empfehlungsschreiben an das Arbeitsamt!11 einer Kolonie zu schicken und ihn dann seinem Stfii.ksal zu überlassen. Er muß Gelegenheit haben zu lernen, wie man eine Hacke hält, wie man sich mit Essen und Wohnen einrichtet, er muß Hebräisch lernen, etwas über das öffentliche Leben erfahren — er muß das Land kennen lernen. Man hat, um das zu ermöglichen, auf eine unter der Arbeiterschaft bekannte Form der Organisation zurückgegriffen, die ״Chawurah“. Es schließt sich eine Gr upp e von Menscheu /u>a.!nn1en, man verschafft ihnen in einer Kolonie eine UiiferkuiiH.'tnöglichkeif, entweder Baracken oder Zelte, man gibt ihnen ein oder zwei erfahrene Arbeiter, die ihnen als!־'!ihrer dienen, man richtet eine gemeinsame Küche ein. So hat einer 3m anderen einen Half, erhält eine Einführung in die Ai beit und die übliche Lebensweise; man sorgt in dieser Gruppe für a 11fklarcp.de Vorträge, man richtet hebräische Kurse ein. Das kostet viel Arbeit, es kostet auch Geld, aber damit erspart man dem Einzelnen viel Ungemach und sichert eine gewisse Ordnung in der Unterbringung. Es ist Um- Schichtung durch Arbeit. Sie wird für einen großen Teil der Neuen notwendig sein. Diese Typen, Menschen, die kurzentschlossen in die Arbeit gehen und sich bemühen, sich umzustellen, werden der deutsehen Judenheit als großes Plus angerechnet, Von ihnen spricht man mit Zufriedenheit und Achtung. Dasselbe gilt von den Fachleuten, die hier neuen Unternehmungen einen Anstoß geben oder alten durch Kenntnisse und Fähigkeiten dienlich werden, und von kapitalkräftigen Einwanderern, die mit Ernst und Verständnis in gesunde Investitionen hineingehen. Jedes produktive Element ist der tatkräftigen Unterstützung, der Achtung und allgemeinen Anerkennung sicher. Auf diese Eiemente hofft Palästina, es bietet ihnen ein Arbeitsfeld, und es nimmt sie mit Freuden auf. » Die Erklärung der Reichsvertretung Die ,/{r1rl1>vrr!r,'tur1rf der jüdischen htndenwrhände Deutschhrrh/‘ te'dt uns mb,?ifl der uns ursprünglich übersandte, in der voriger! .\unnner 1!er .Jüdischen Rundschau‘' veröffentlichte Text der Eridininq der Rr:rhscrri rrtung nur ein Entwurf war, der noch nield dcfmiUc beschlossen war. Die Resolution würde bei der cnd~ giil'ojcn Ursel!!!! pfessung noch m cinioen Riinldrn ah ge׳ändert. Um den Irrfnm, der durch unsere 1 rste VerofjratUehiinq entstehen hon nie, 0 'oder <! n ׳;׳;׳>., drücken wir nachstehend nochmals den e n d o 1i I f i q e n T e .7 t der Erklärung ah. Die deutsche Judenfrage verlangt ein klares Wort der deutschen Juden. Vor dein deutschen Judentum steht das Schicksal, zum Entrechteten in der deutschen Heimat zu werden. In ihrer Ehre getroffen, können die deutschen Juden als die Wenigen sich nicht verteidigen; aber es darf ihnen nicht verwehrt sein, ihre Haltung offen und aufrichtig kundzutun. Die deutschen Juden weisen es von sich, als die Anhänger oder Urheber irgendeines ״Systems“ angeprangert zu werden, während sie in Wahrheit immer bewiesen haben und auch jetzt zu beweisen bereit sind, daß sie sich jeder Staatliehen Ordnung willig und freudig unterordnen, wenn sie ihnen Würde, Arbeit und Freiheit läßt. Die deutschen Juden lehnen es ab, immer wieder auf ihre jahrhundertealte deutsche Kultur zu verweisen, auf ihre dauernde Verbundenheit mit deutschem Land und deutschem Geist. Die Wirklichkeit der Geschichte spricht für sie, spricht Von ihrer Arbeit, ihrem Willen und ihrer Treue, von ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Volke. Wir dürfen erwarten, daß auch die Auseinandersetzung mit uns auf dem Boden des Rechtes und mit Waffen der Vornehmheit geführt werde, daß ehrliche Klarheit Uber unseren Plalz und unseren Weg in dem Raume des Lebens geschaffen werde. Eine offene Aussprache mit der Reichsver* tretung der deutschen Juden, welche die Gemeindeverbände und die großen jüdischen Organisationen und damit die Gesamtheit des deutschen Judentums umfaßt, vermag zum Ziele zu führen. Das Wohl Deutschlands erfordert es ebenso wie das der deutschen Juden. Die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands. Der Präsident des British Board cf Deputies Neville Laski und Norman Be nt wich trafen letzte Woche in Amsterdam ein, um mit Professor Dr. D. Cohen und den übrigen Mitgliedern des Komitees für jüdische Fragen in Holland über die Lage der in Holland und anderen Ländern aus Deutschland cingetroffenca Juden zu beraten. Palästina als Hille für deutsche Jaden Dis Londoner Büro der Jewish Agency versendet an die gesamte Presse nachstehenden Aufruf: An die Jaden aller Länder Das Schicksal, das über die deutschen Juden hereingebrochen ist, hat die Judenheit der ganzen Welt auts tiefste erschüttert In der Hilfsaktion für die Flüchtlinge in den Nachbarländern Deutschlands, sowie für die Juden In Deutschland selbst hat das Gefühl brüderlicher Solidarität seinen ersten spontanen Ausdruck gefunden. Tausende von deutschen Juden, Insbesondere wette Teile der deutsch-jüdischen Jugend, sehen in der Verwurzelung in Palästina den Weg zu einem neuen Leben. Die Einwanderung deutscher Juden nach Palästina hat bereits eingesetzt. Wenn Ihr wollt, Juden aller Länder, kann Palästina mit seiner stetig sich entwickelnden Landwirtschaft und Industrie, mit seiner dauernd steigenden Aufnahmefähigkeit in immer wachsender Zahl deutsche Juden aulnehmen und ihnen und ihren Kindern, denen die übrige Welt bis auf schmale Spalten verschlossen ist, dauernde Heimat werden. Als Beauftragte der auf Grund des Palästina-Mandats des Völkerbunds geschaffenen und von der Mandatsregierung anerkannten Jewish Agency for Palestine und als Freunde des jüdischen Volkes und des Jüdischen Nationalen Heims In Palästina, rufen wir Euch auf zur Schaffung des Palästinafonds für deutsche Juden. Komitees, die die Mitte! für diesen Fonds aufzubringen haben, müssen unverzüglich an ihr Werk gehen. Aus den Mitteln dieses Fonds soll, im Zusammenwirken mit den bestehenden Finanzinstitutionen der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, dem Keren Hajessod und dem Jüdisehen Nationalfonds, Boden in Palästina erworben und durch deutsche Juden besiedelt werden, sollen handwerkliche und industrielle Unternehmungen gefördert, Kredite bereitgestellt, die Privatinitiative bemittelter Elemente unterstützt, der Uebergang zu neuen Berufen ermöglicht werden. Dieser Fonds soll deutschen Juden, jungen Chaluzim, Handwerkern, Angehörigen der freien Berufe, Gelehrten und Kaufleuten zur Begründung einer neuen Existenz der Arbeit verhelfen. Der Hebräischen Universität in Jerusalem, der Landwirtschaftlichen Versuchs- Station, dem Technikum in Haifa soll die Aufnahme von Männern der Wissenschaft erleichtert werden, die die Mög- Hchkeit verloren haben, an deutschen Stätten der Lehre und Forschung zu dienen. Die großen wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte der deutschen Juden, die durch Jahrhunderte eine so hervorragende Stellung in der Gesamtjudenhelt eingenommen haben, sollen dem Aufbau der Jüdischen Nationalen Heimstätte In Erez Israel im Zusammenwirken mit allen schöpferischen Eiementen der Gesamtjudenheit eingefügt werden. Ihnen in Pa• lästina den Aufbau eines neuen Lebens in Freiheit und Ehre zu ermöglichen, ist eine große urtd verpflichtende Aufgabe. Zu ihrer Erfüllung bedarf es der Anstrengung aller Juden der Welt. Nicht müde Gaben, sondern wirkliche Opfer sind erforderlich, wenn das große Ziel der Verankerung Tausender von deutschen Juden in Palästina erreicht werden soll. Die Juden Palästinas haben als erste diese Aktion organfsiert. Die Sammlungen für den Palästina-Fonds für deutsche Juden Sind In Palästina unter der Autorität der Jewish Agency und unter Beteiligung aller Kreise des Jischuw bereits eingeleitet. Die Juden aller Länder werden aufgerufen, diesem Beispiel durch Opfer und Leistung unverzüglich zu folgen. C ec!!, D. Lloyd George, Herbert Samuel, J.C. Smuts, Cyrus Adler, Morris Rothenb e r g, Nahum S o k o 1 o w, Felix W a r b u r g, Chaim Weizmann. * Es ist besonders bedeutungsvoll, daß hier ein Aufruf für die Palästina-Aktion zugunsten der deutschen Juden nicht nur von jüdischen Führern, sondern auch von einer Reihe nichtjüdischer Persönlichkeiten unterschrieben ist. Lord Robert Ce eil ist ein Mann, der seit vielen Jahren für alle bedrängten Minderheiten mit dem vollen Gewicht seiner Persönlichkeit eintritt und seine Aktivität für eine Her- Stellung besserer Formen des Zusammenlebens der Völker einsetzt. Erst kürzlich hat er in einem Artikel, der in der ״Neuen Züricher Zeitung“ und anderen Blättern veröffentlicht war, darauf hingewiesen, wie er stets die Forderungen des deutschen Volkes zugunsten der bedrängten deutschen Minderheiten unterstützt hat, und unter diesem Gesichtspunkt hat er dann auch Kritik an der judenpolitik der deutschen Regierung geübt. Lloyd George, der Prime Minister des englischen Kabinetts, das die Balfour-Deklaration gegeben hat, ist bis zum heutigen Tage der Palästina-Idee treu geblieben. Ais genauer Bibelkenner und Bibelfreund verbindet er mit dem Zionismus historische und religiöse Gedanken. Seine Rede vor der englischen Bibelgesellschaft, in der er für ״fair play gegenüber Deutschland und ebenso für fair play gegenüber den 600 Q00 Juden in Deutschland“ eintrat, wurde von der ganzen deutschen Presse, besonders auch vom ״Völkischen Beobachter“ wiedergegeben. Der Burengeneral Smut s, einer der Väter des Völkerbundes und der Mandatsidee, war als Mitglied des englischen Kriegskabinetts auch für die Balfour- Deklaration mitverantwortlich. Er hat später In einer Reihe von Reden hewiesen, daß er den ideellen Wert des Zionismus und der jüdischen Regenerationsidee ganz tief erfaßt hat. Von jüdischen Unterzeichnern des Aufrufs stehen neben W eizraann und S o k o 10 w, den zionistischen Führern, Lord Reading und Herbert Samuel, beide frühere englische Minister, ferner aus Amerika Felix Warburg, der frühere Präsident des Administrative Committee der Jewish Agency, CyruS Adler, der gegenwärtige Präsident des Administrative Committee und Morris Rotenberg, der PrlSident der Zionistischen Organisation Amerikas. Dr. Frank über die Judenfrage ״Ueber die Judenfrage werden wir niemals mit der Welt in eine Diskussion ei n treten, weil es sich um die Sicherung unserer Volkskraft handelt“, sagte, wie die ״Vossische Zeitung“ berichtet, Reichskommissar Dr. Frank II in einer am Donnerstag abgehaltenen Gründungskundgebung der Nationalsozialistischen Front des deutschen Rechts. Dr. Frank II behandelte u. a. die Aufgaben des nationalsozialistisehen Juristenbundes und erklärte: ״Wir werden uns hüten, dem Liberalismus eine Wendung zum Nationalsozialismus zu befehlen. Ich behalte mir vor, sehr scharf zu sieben, denn vor einem wollen wir uns bewahren, vor der Verfälschung unserer Idee. Wir wollen die Freiheit der Rechtsberufe und die Unabhängigkeit des deutschen Richters sicherstellen, sie wird aber nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie sich einreiht in die nationalsozialistische Gedankenwelt.“ ״Volkerbundligen" zur Judenfrage Die ״V 0 s s i s c h e Zeitung“ berichtet aus M 0 n - treux vom 7. Juni: Der 17. Kongreß des Weltverbandes der Völkerbundligen ist heute mittag geschlossen worden, ln der heutige« Sitzung erstattete die Holländerin Frau Bakker van Bosse ihren Bericht über die Lage der Juden in Deutschland. Eine Resolution, die unter Stimmenthaltung der deutschen Völkerbundliga angenommen wurde, spricht die Hoffnung aus, daß mindestens die gleichen Rechte, die den Minderheiten der Sprache, Religion oder Rasse durch die Vertrflge garantiert sind, von allen Mitgliedstaaten des Völkerbundes beachtet werden. Sie erinnert an das ständige Eintreten der deutschen Delegationen beim Völkerbund für die Beachtung der Minderheitenrechte und gibt der Meinung Ausdruck, dal) die Aufrechterhaltung der Maßnahmen, die in Deutschland ergriffen worden sind, geeignet sein könnte, das gute Einvernehmen zwischen den Völkern zu stören. Schließlich ersucht die Resolution den Präsidenten des Weltvcrbandes, Lord Robert C c c i I, sich in einem Appell an die deutsche Liga zum Dolmetsch der Gefühle des weitverbandes der Völkerbundgesellschaften zu machen. Lord Robert Ce eil richtete an den Führer der deutsehen Delegation, Oouverneur Dr. Schnee, ein Schreiben, in dem es heißt, der Weltverband erkenne an, daß er nicht das Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten eines Landes einzumischen, und er wünsche das auch nicht zu tim. Immerhin hätten die Ereignisse in Deutschland, in Europa und in den Vereinigten Staaten ein sehr ernstes Unbehagen hervorgerufen und das gute Einvernehmen beeinträchtigt. Die Antwort Dr. Schnees stellte mit Genugtuung fest, daß der Weltverband sich nicht in innere Angelegenheiten irgendeines Landes elnmischen wolle. Um so schmerzlicher berühre es, daß Lord Cecil ein Urteil über die gesetzgeberischen und administrativen Maßnahmen der deutschen Rcgierung abgebe, ohne die schweren Mißstände zu berücksichtigen, die dazu geführt hätten. Er könne dies Urteil nicht als begründet und nicht als berechtigt anerkennen. Dr. Schnee schloß mit der Hoffnung, daß über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg die Zusammenarbeit im Weltverband zu einer weiteren Annäherung der Völker und zur Förderung des Weltfriedens beitragen werde. Zur Frage der Rassenmischung Der Leiter des Referats Volksgesundheit und Volkswohlfahrt im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. med. C. Thomalla, gab einer Konferenz der ärztlichen Mitarbeiter der Berliner Tageszeitungen Aufschlüsse über die Ziele, die die Regierung sich auf dem Gebiet der Bevölkerungspolitik und Rassenpflege gesteckt hat. Ministerialrat Dr. med. Conti gab einen Ueberblick über die Forderungen und Ziele einer bewußt biologischen Politik. Nach dem Bericht des ״Berliner Tageblatt“ hat Dr. Conti U. a. gesagt, daß zum ersten Aufgabengebiet der praktischen Rassenhygiene die Pflege des Familiengedankens in jeder nur denkbaren Weise gehöre; jede spöttische oder abfällige Bemerkung sowie jeder der früher so beliebten Scherze über den kinderreichen Familienvater sei zu unterlassen. Aüt der anderen Seite sei aber bei jeder nur möglichen Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß irgendein im öffentlichen Leben erfolgreich hervorgetretener Mann aus einer kinderreichen Jfamilie stamme. Im zweiten Teil seines Referats stellte Dr. Conti die Rassenmischung in den Vordergrund. Die Judentrage muß in Zukunft sachlich, nüchtern, aber absolut klar behandelt werden. Haßgesänge gegen den angeblich oder wirklich minderwertigen Fremdrassigen dürfen in Zukunft nicht mehr an gestimmt werden. ״Deutscher“ sei aber nur derjenige, der deutscher Volks- Zugehörigkeit sei, nicht aber derjenige, der lediglich dem deutschen Staat oder Reich zufällig angchöre. Zu diesen Erklärungen des für die Rassenpolitik des preußischen Innenministeriums verantwortlichen Beamten wäre vom jüdischen Standpunkt zu bemerken, daß auch von der großen Mehrheit der Juden die Mischehe abgelehnt wird. Wogegen vom jüdischen Standpunkt aus protestiert werden muß, war vor allem die beleidigende Art, in der man gewöhnlich gegen die Rassenmischung Stellung nahm. Wenn nun Dr. Conti selbst betont, daß in Zukunft zwar eine S c h e idüng vollzogen, aber ״keine Haßgesänge gegen angeblich oder wirklich minderwertige Fremdrassige angestimmt‘‘ werden sollen, dann können wir nur die Hoffnung aussprechen, daß die einschlägigen Organisationen und Zeitschriften sich an diese Weisungen des Ministeriums halten werden. Sehr viel könnte zur Entgiftung der Jude «frage und damit auch zu einer Entlastung des deutschen politischen und geistigen Lebens beigetragen werden, wenn dieser von Dr. Conti vertretene Grundsatz zur allgemeinen Direktive bei der Behandlung der Judenfrage gemacht würde. Inneifüdischer Plakat-Krieg In dieser Zeit einer kritischen Wende für das deutsche Judentum, wo jüdische Menschen zutiefst erschüttert sind und um den Sinn ihres Judeseins ringen, hält es Dr. Max Naumann, der Führer des ״Verbandes nationaldeutscher Juden“, für angezeigt, an den Anschlagsäulen in Berlin große Plakate anzubringen, worin er den ״deutsehen Staatsbürgern jüdischen Glaubens“ das Schreckgespenst vor Augen stellt, daß ihre ״Führer“ ״gemeinsam mit den Zionisten“ sie ״ins Ghetto zurückführen“ wollen. Als Heilmittel zur Abwendung dieser Gefahr empfiehlt das Plakat die Lektüre der Zeitschrift des ״Verbandes natioiialdeutscher Juden“. Wer sich zu einem innerlich freien Judentum durehgerungen hat, wird bei dem Anblick dieses Plakats nur tiefe Scham empfinden. Die Veranstalter dieser bedauerliehen Demonstration haben damit bewiesen, daß sie selbst seelisch im Ghetto stecken geblieben sind. Die deutschen Juden können, so hoffen wir, heute nicht mehr irregeführt werden. Sie können mit einem Achselzucken an dielen Plakaten vorübergehen. Die Aufgabe der deutschen Juden ist die innerliche Befreiung durch Aufbau eines stolzen und seiner Würde bewußten Judentums und die Schaffung äußerer Lebensmöglichkeiten, die im neuen Staat in stetem Ringen um Verständnis der jüdischen Frage durchgesetzt werden müssen. Solche Lebensmöglichkeiten können niemals erkämpft werden durch neue Anbiederung oder durch Öffentliehe Bloßstellungen. Der jüdischen Würde ist aber damit am wenigsten gedient. Die ״Foundation“ hat in Wien unter Vorsitz Dr. Bernh. Kalins Besprechungen über die Fortsetzung des jüdischen Hilfswerks abgehalten. Es wurden einige wichtige Dotierungen beschlossen, so für die medizinische und Kinderfürsorge m Polen, ebenso für Sommerkofoafen.