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Jüdische Rundschau · 1933-05-30 · Heft 43-44 (30.5.1933) · p. Seite 234

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 43-44 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
Seite 234 (sequence 8)
Language
German
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Seite 232 JUED1 SCHE RUNDSCHAU Nr 43/44, 30. V. 1933 Eine füdische Welt-Hilfszentrale Von Ernst Moses. Die Jucienheit der gesamten Welt mag es beklagen, daß die zwangsweise überstürzte Emigration aus dem Deutschland der letzten Wochen sie völlig unvorbereitet überraschte; nie aber werden wir es vor der Geschichte verantworten können, daß wir heute, wie vor fünfzig Jahren, ohnmächtig waren — geistig, seelisch und organisatorisch —, solchen Erschiitterungeii in ihren schlimmsten Auswirkungen heilsam zu begegnen. Leider gilt heute noch wie je die scharfsichtige Erkenntnis der Väter des Zionismus: ״Die tausendjährigen Leiden haben aus uns nur ein Volk von ״barmherzigen Brüdern“ gemacht, aber keine rationellen Volksärzte geschaffen. Wir folgen dem alten Schlendrian, indem vir immer nur zur Palliative der Wohltätigkeit greifen. Aber wir wollen es nicht verstellen, unser Siechtum an seiner Wurzel zu fassen, um es radikal zu heilen.“ (Pinsker, Autocman zipation.) ״Es ist ein heimlicher Jammer der Assimilierten, der sich in wohltätigen Unternehmungen Luft macht. Sie gründen. Auswanderungsvereitle für z!!reisende Juden.“ (Herzl, Der Juden staat.) Es ist wahr, die seit langem bestehenden Organisationen und die rasch neugeschaffenen Hilfe- und Aufbaustellen haben in allen Emigrationslrimicrn rühmlichstes geschaffen, diesmal, wie immer, Uebermetischliches getan und steten Dankes werte Maßnahmen über Nacht getroffen. Aber alles war jeweils und auch diesesmal Stückwerk, aus dem Augenblick geboren und keine Endlos ung bietend. Und diese Endlösung heißt: Palästina, für das der Zionismus kämpft und wirkt. Wir Zionisten, die klar sehen, daß trez Israel jetzt ne.eh nicht imstande ist, die ganze Aus- Wanderung aus Deutschland zu bergen, wir Zionisten wissen, daß eine nicht geringe Schn kl an dieser Tatsache jene trifft, die in Deutschland die judenfrage durch Beteuerungen aus der Weit zu schaffen vermeinten, statt durch Mitarbeit am Palästina-Werk und durch Vergrößerung seiner Möglichkeiten <11 r die eigene Zukunft vorzusorgen. _ Lin es jedoch haben wir Zionisten, jenen Palliativ-Juden gleich sündhaft, versäumt: Eine den heutigen Kenntnissen und Möglichkeiten adäquate Zentralstelle für Cmigratinn — auf international fundierter Grundlage — zu schaffen. Rif uns, die ewigen Wanderer, ist eine solche einzige, zusamim'iifasscntie, einzigartige SammeSstelle alles Wissens um Hilfe und aller finanziellen Aktionen zur Hilfe wichtiger als lur irgendein Volk der Erde, dem durch seinen Staatskörper oder durch seine räumliche Vereinigung ein solches Zentrum von Natur gegeben ist. Denn, wie wiederum Pinsker sagt, ״Lin!lauernder Friede ist Luch nicht beschieden..,. Wir müssen uns ein für allemal mit der Idee hefreunden, daß die anderen Nationen vermöge eines ihnen innewohnenden naturgemäßen Antagonismus uns ewig ausstoßen werden. Vor dieser Natmkraft, welche wie jede andere Element,irkraft wirkt, dürfen wir unsere Augen nicht ver* schlieffen; wir müssen von ihr Notiz nehmen. Beklagen dürfen wir uns über dieselbe nicht. Verpflichtet sind wir dagegen, uns selbst zusammen/unehmen, uns aufzuraffen und darauf zu achten, daß wir nicht in Ewigkeit das Aschenbrödel, der Amboß der Völker verbleiben.“ Dieses unentrinnbare Schicksal der Judenheit müssen wir stets vor Augen haben und daher dem einzig möglichen, wenn auch noch so späten Ziel —- Palästina — unsere ganze Kraft widmen. Vorläufig aber wissen wir nicht, welche Ent- Wicklung die Dinge heute oder morgen nehmen werden; darum ist jetzt die letzte Stunde da, um die Zusammenfassung aller Hilfskräfte in einem Zentrum in Angriff zu nehmen; ein solches wird lange noch immer wieder neuen Anlaß zur Betätigung finden, leider in kürzeren Abständen als bisher; das haben uns Einsicht und neuerdings geschärfte Ahnung nun wohl gelehrt. Dieses Zentrum muß unter Beiseitedrärigung aller Eitelkeiten und Hemmnisse, freilich auf förderativer, einz.elstaat• lieber Grundlage raschest atifgehaut werden. Die Judenheit muß, eben wegen ihrer internationalen Verstreutbeit, alle überall gesammelte Erfahrung im Austausch lind in der Verwirklichung ersprießlicher Vorsorge und Organisation als lebendigen Kern einer systematischen und energiesparenden Verteiiungs-Instifution für Wandernde in diesem Ict/fen Augenblick ins Leben rufen, wenn sie es bisher versiininf hat, sie 7.11 realisieren. Wir erkennen schon jetzt: Die Spontaneität, ja Kopflosigkeit der individuellen Entsrlieidling bei der Wahl des Zidianiies, der vergebliche Versuch der Ltnigranten, an Zufallsorten ihre Fvisfenz zu finden, wird in tausenden Fällen unsagbare, die Stunden der Flucht noch übersteigende Qualen und Vergeudung kosten. All dem — und der unerm eil liehen Anstrengung, der hereingcstiir/tcn verpflichtenden Aufgaben Herr zu werden — hätte seit langem durch die zentrale Einrichtung begegnet werden müssen, deren Aufgaben hier zunächst anregungsweise nur mit einem Strich Umrissen seien, nämlich mit der Hauptforderung an eine solche Institution, ständig in allen Staaten, insbesondere aber für Palästina, einer fortlaufenden zusainnit'rifas.senden Statistik der Rerufsmögüchkeiten und ihrer Fluktuation eine eingehende Berichterstattung gegemiberzustellen, die ein klares Blid über die Einordnungsgrundlagen für ZtiwancL'rnde sowie eine Uehersicht der Erfordernisse und Vorteile gutahgewogener Spezialvorbereitung, Bcrufsum- Steilung 1:sw. böte. Voraussetzung solcher Informationen seitens extensiv und intensiv überblickender Persönlichkeiten und Institutionen müßte z. B. die Führung von stets aktuell gestalteten Katastern sein, die von allen zionistischen örtlichen und Landesverbänden regelmäßig up to (late gehalten würden und immerfort ein Reservoir lebendigster Anregungen zu bilden hätte. Im Einzelnen müßte ein solches ״Amt“, dem sein Amt Aufgabe und nicht Amtlichkeit sein darf, jederzeit praktisch sagen können, z. B. welcher Branche, Berufsvorbildung, Erfahrung usw. im jeweiligen Lande noch Gelegenheiten offenstehen, welche Branche etwa noch völlig linvertreten ist und in weichem Grade aussichtsreich; welche noch Zuzug erlaubt oder für welche in der Gesa nitwirtschaft des betreffenden Landes noch gar kein Raum vorhanden ist; welche berufliehen Betätigungen hinwiederum vorteilhaft inauguriert werden konnten, oder ferner: für welche Spezialisten in welchem Lande, für welche Fabriken in welchem Lande, in welchen Branchen für zielbewußte Umstclliingstätigkeit sicher Platz ist. Ohne (fiese Grundlagen ist eine Vorausschall und Regehing zu bewußter beruflicher Eingliederung der Ratsuchenden unmöglich; und da für die judenheit die Aufgabe immer drängender wird, den Ueberblick für die berufliche Neuschichtung der durch jüdische Katastrophen aus ihrer Bahn Geworfenen g e s a m 111 e i 11 i c 1» zu gewinnen, ist auch die Vorbereitung hierzu eine absolute Gemeinschaftsangelegenheit. Die Berufs -Umschichtung, besonders mit der Blickrichtung auf großzügige Abkehr und Ablenkung von inteilektiialistischer Berufswahl auch im Galuth wird dann ihre brennende Problemhaftigkeit verlieren, zumal sie auch den wichtigen Nebenzweck (*Süllen wird, jene immer latente Haß- und Brandtirsache: ate innerpolitische Einflußnahme von Juden, auszuschalten. Mit dieser ersten Anregung sollte bekräftigt werden, daß angesichts der noch lange nicht und wohl niemals be* reinigten Judennot und gegenüber der Schwere des Problems der Judenwanderung es nicht angcht, den Dingen ihren Lauf zu lassen und diesen Lauf bestenfalls zu regulieren durch einzelgängerische, wenn auch edel und noch so gut gemeinte Bereitwilligkeit zersplitterter, voneinander nichts wissender, in Hast ad hoc gebildeter Aktionen und Komitees. Die allererste Aufgabe, und unter allen Umständen sofort in Angriff zu nehmen, ist jedoch wenigstens dieZusammcnfassung dieser Komitees gemäß obigen Gesichtspunkten, zumal — um es nochmals zu sagen — kein Mensch weiß, vor welche immensen Aufgaben uns die Zukunft stellt. Wie keine zweite wäre eine solche zentrale Institution — wenn nur würdig aufgebaut —, dank ihrer überstaatlichen Sinngebung und Praxis maßgebend, befähigt und berechtigt, unmittelbar dem Völkerbund angesclilossen zu werden. Nochmals ״Die füdischen Ärzte" Wir haben in Nr. 42 der ״Jüdischen Rundschau“ nochmals auf den im ״Groß-Berliner Aerzieblatt“ veröffentlichten Aufruf ״Fort mit den jüdischen Aerzlen!“ hingewiesen, den wir in Nr. 38 vom 12. Mai abgedruckt hatten. Gegen diesen /Aufruf scheint ein Sanitätsrat Doktor Freund protestiert zu haben; sein Schreiben ist uns nicht bekannt, aber in Nr. 21 des ״Groß-Berliner Aerzteblnttes“ finden wir im Beiblatt ״Berliner Aerzte-Korrespondenz“ einen ״Offenen Brief an den Herrn Sanitätsrat D r. Freund“ von Dr. Franz Dörbeck, dem offiziellen Schriftleiter dieses offiziellen Organs. Der Brief geht nicht nur den Adressaten, sondern alle diejenigen an, die über den Aufruf erstaunt und entrüstet waren. Er lautet: ,,S׳ie sind empört über die ״Brutalität“ des Aufm!, des Dr. Ruppin, den ich hier wiedergegeben habe, .Sie sind so ersdn'iücit, (laß ■Sie die Nacht ohne Schlafmittel nicht schlafen können! Sagen Sie doch mal an! Sie konnten aber ruhig schlafen, als unsere SA.- Kameraden fast jede Nacht überfallen und niedergeschlagen wurden, 7.u Hunderten gelötet, zu Tausenden verwundet wurden, wiihrend Ihre Rassegenossen im Berliner Polizeipräsidium, Grzesinski und Beiß, diese Ueberfiiiie und Morde ruhig geschehen ließen, ohne etwas Ernstes dagegen zu unternehmen. War cs nicht brutal, wie Ihre Rassegenossen Litten, Apfel u. a. die festgcnmninmcn Mörder in Schutz nahmen und so lange das Recht verdrehten, bis sie straflos oder mit geringen Strafen aus dem Prozeß hervorgiugen? War es nicht brutal und grausam, wie Ihr Rassegenosse K. Kisner in München wütete? War es keim: Brutalität, als jüdische Eaii-btib.-n 1918 den lifimkchrendcn Soldaten die Achselstücke und Kokarden ln den Straßen Berlins heruntercissen? War es nicht brutal und niederträchtig, wie die durch die Arbeiter- und Soldaten rät e zu Ministein gewordenen Juden hohe, verdiente beamte, auch iri der Medizinaiverwa Itung, aus ihren Aemtcrn jagten und durch Juden ersetzten? War es nicht empörend, daß in den Krankenhäusern die metsten Posten mit Juden besetzt wurden und hochbegabte, junge deutsehe Acute, die sich nur um einen Assistentenposten bewarben, abgewiesen wurden, weil sic sich an einer völkischen oder nationa'- sozialistischen Kundgebung beteiligt hatten? War cs nicht eine empörende Brutalität, wie der Jude Grzesirrski unseren Führer beschimpfte? Kann man sich etwas Brutaleres verstellen, als die Art und Weise', wie die Nationalsozialisten auf Geheiß des jüdischen Polizeipräsidenten und des jüdischen Vizepräsidenten bei jeder Gelegenheit niedergeknüppelt wurden? Das wurde aber von Juden und .Sozialdemokraten als Bagatelle angesehen, in jüdischen Zeitungen gar nicht erwähnt. Die Juden mit ihrer ״seelisch feinen Struktur“, die Sie ihnen andichten, konnten dabei ruhig bleiben, denn sie wußten, daß ihnen nichts geschah. Sie wagen es, unseren Heiland Jesus Christus für ihre Rasse in Anspruch zu nehmen, den Ihre Vorfahren verraten, bespien, geschlagen und gekreuzigt haben. Sie sind empört darüb -r, daß Dr. Ruppin sagt: ״der Jude ist die Inkarnation der Lüge und des Bctruges“, was übrigens schon Dr. Martin Luther gesagt hat. Aber wer hat denn in letzter Zeit die ganze lügnerische Greuelpropaganda gegen das geduldige, harmlose deutsche Volk, das keinem Juden ein Haar gekrümmt hat, im Auslande zuwege gebracht? Waren es nicht Juden? Tut Ihr Rassegenosse G. Bernhard nicht noch jetzt in Genf dasselbe? Wer hat denn das deutsche Volk uni seine Spargroscltcn betrogen? Waren es nicht Dr. Hilferding, Hnrinat, Kutisker und die drei Sklareks, um nur die Prominentesten zu nennen? Und da erheben Sic noch!Einspruch dagegen, daß die Juden aus den Krankenanstalten und aus der Rechtspflege entfernt werden? Nachdem die Juden in den letzten 14 Jahren ihr Gewissen gegeniilter den! deutschen Volk so schwer belastet haben, kann ihnen allen derselbe Rat erteilt werden, den Oberpräsident Kubt: ihren Gesirmungsgenossen, de» Sozialdemokraten, im Landtag erteilt hat: ״sich zu schämen und zu schweigen“. Franz Dörbeck. Soweit der Brief. In einem anderen Artikel derselben Nummer ״Die medizinischen Zeitschriften im Dritten Reich“ kündigt Dr. Dörbeck an: ״Wir wollen in einer der nächsten Nummern dieses Blattes eine Zusammenstellung solcher Zeit- Schriften bringen, in deren Redaktionen noch immer jüdische Aerztc in verschiedener Weise sich hetütigen — Leberbleibsei einer glücklich überwundenen traurigen Epoche.“ Und schließlich wird — was gar nichts mit Aerzte- Schaft zu tun hat — das Zitat aus Walther Ralhenaus nachgelassenen Schriften ״An Frankreich“ abgedruckl, mit dem wir uns schon am 4. April auf Grund derselben Veröffentlichung im ״Völkischen Beobachter“ befaßt haben. Darüber setzt das Aerzteblatt folgendes Motto: ״Deutsches Volk, vergiß es nie: Den Haß und Verntchtungswillen Deines jfldi sehen Gegners! Lies und handele danach!“ Unsere Leser wissen bereits, was es mit dem Rathenau- Zitat auf sich hat. Rathenau erklärte, um die Absurdität der französischen Politik nachzuweisen, Frankreich müßte Deutschland völlig vertilgen, wenn es auf dem bisherigen Weg fortfahre; der Aufsatz klingt aus in einem Appell zum Versöhnungsfrieden. Wir fragten am 4. April, oh sich im nationalen Lager ein Einziger finden wird, der die Beleidigung eines Toten durch Richtigstellung des Zitats wiedergutmachen wird. Es hat sich keiner gefunden. Aber zwei Monate später druckt das ״Aerzteblatt“. obwohl Rathenau kein Mediziner war, plötzlich dieses unvollständige und daher irreführ e n d e Zitat als einen Beweis für ״jüdischen Vernichtung»- willen“ ah. Hat wirklich kein arischer Arzt Rathenau im Original gelesen? Weiß keiner der Leser des ״Aerztcblattcs“, daß der bisher bedeutendste außenpolitische Erfolg der nationalsozialistischen Regierung, die Erneuerung des Berliner Vertrages mit Rußland, auf einem Akt Rathenaus, der den Vertrag von Rapallo schloß, zurückgeht? Walther Rathenaus Auffassung vom Judentum und der Judenfrage war nicht unsere Auffassung; aber wir sind befugt, Einspruch zu erheben, wo man die Ehre eines toten Juden wegen seines Judentums angreift und aus Ent- Stellungen Waffen gegen Juden auf ganz anderen Gebieten schmieden will. * Und nun — fast hatten wir es vergessen! — kommt auch die ״Reichs Vertretung der deutschen Juden“ und teilt uns in einem Cotnmunique ihrer Presseabteilung vom 25. Mai mit: ״Das Groß-Berliner Aerzteblatt“ veröffentlicht in seiner Nummer 20 vom 20. Mai 1933 einen Aufruf des Kommissars im Provinzialverband der Aerzte der Provinz Brandenburg und Grenzmark im »Aerzteblatt der Provinz Brandenburg, Grenzmark und Pommern‘: ״Fort mit den jüdischen Aerzten!“ (folgt Inhaltsangabe). Die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände hat in einem Schreiben an den Reichskommissar der ärztlichen Spitzenverbände gegen diese alles Maß überschreitende Verunglimpfung entschieden Verwahrung eingelegt und darauf hingewiesen, daß diese Art des Kampfes gerade mit dem Wesen des ärztlichen Berufsstandes besonders unvereinbar sei.“ Es ist doch erfreulich, daß die ״Reichsvertretung“ sich zu einer ״Tat“ aufgerafft hat, nachdem die ״DAZ“, ״Frankfurter Zeitung“, ״Berliner Tageblatt“ und ״Vossische Zeitung“ den Aufruf abgedruckt und scharf kritisiert hatten. Boykott deutscher Heilmittelpräparaie Die ״Vossische Zeitung'1 vom 28. Mai berichtet: ״Auf Veranlassung der Obersten politischen Leitung der NSDAP ist innerhalb der Abteilung Volksgcsundheit eine Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft der Heilmittel- Industrie geschaffen worden. Ihr können Einzeiunternelimer arischer Abstammung eines reindeutschen Heilmittelbctriebes der chemisch-pharmazeutischen, der diätetischen und der lleilmiUelindustrie beitreten und entsprechende Verbände, soweit sie als nationale von der Leitung der NSDAP anerkannt sind. Pflicht jedes deutschen chemischpharmazeutischen Unternehmers sei, dem Boykott deutsc 11 er chemischer Präparate entgegenzutreten, zu dem sich im Auslände jüdische Aerzte zusammengeschlossen hätten. Alle Personen, die sich im Ausland an diesem Boykott beteiligen, sollen namhaft gemacht werden. Die auswärtigen Vertreter und Geschäftsfreunde sollen darauf hinweisen, daß der Fnbrikationsbetrieb deutscher chemischpharmazeutischer Produkte uneingeschränkt weitergeführt wird.“ Dazu bemerkt die ״Vossische Zeitung“: ״Angesichts des großen Ansehens und der Beliebtheit deutscher Arzneimittel in der ganzen Welt und der sich daraus ergehenden Bedeutung für die deutsche Wissenschaft und Wirtschaft kann dem Boykott nicht entschieden genug entgegengetrefen werden. Leider ist man aber in Deutschland selbst teilweise vorangegangen. Es sei diesbezüglich an das Verzeichnis von Präparaten, deren Produktionsstiilte in j ii discli cm Besitz war, erinnert, das die Arzneikommission im NSD-Aer/.tebund veröffentlicht hat mit dem Aufm f: ״Deutsche Aerzte, meidet die Präparate jüdischer Herkunft, wo es nach gewissenltaftem ärztlichen Ermessen angeht.“ Am wirksamsten würde sicherlich die Boykottbekämpfung im Auslande werden, wenn man ihr die Begründung entzieht.“ ״Abwehr gegen die Volkigilte" In einer Anzahl deutscher Zeitungen veröffenilicht der Sachverständige für Rassetorschung beim Reichsministerium des Innern, Dr. Achim öercke, unter der Ueberschrift ״Arzt und Judcnfrag e“ einen Artikel, in dem u. a. erklärt wird, die Judenfrage sei ein völkisches Problem, mit dem der Arzt sich ernsthaft befassen und dessen anzustrebende Lösung ein Teil der Abwehr gegen die Volksgifte sein müsse. Die Assimilation der Juden scheiterte nach Dr. Gercke daran, daß zwischen deutschem und jüdischem Volkstum grenzenlose Fremdheit bestehe. Bei solcher Fremdheit zeige der Versuch einer Mischung folgende Ergebnisse: entweder er mißglücke völlig (Kinderlosigkeit) oder er mißglücke im Geistigen (Blödsinnigkeit, seelische Zerrissenheit) oder im Körperlichen (Entartungserscheinungen, besonders in sexueller Hinsicht). Dr. Gercke behauptet, daß diese Merkmale bei solchen Mischungsversuchen tatsächlich deutlich auftreten. Jüdischer Bluteinschlag sei eine nicht wiedergutzitmachende Tatsache. Deshalb müsse man in jedem Einzelfalle vor einer Mischehe warnen, und zwar solle dies vor der Volksöffentlichkeit geschehen, damit die Warmmg erzieherisch wirke. Möglicherweise könne man durch sorgfältige Auslese in einigen Generationen den jüdischen Blutseinschlag verdrängen. Dagegen bedeute der Vorschlag, ״minderwertiges Blut verdauen zu wollen“, ein Verbrechen am Volke. Judenamt und ״Gelbe Bücher״ ln den Berliner deutschvölkischcn ״Deutschen Nachrichten“ begründet Gerhard Rudolph die deutschvölkische Forderttng nach Errichtung eines besonderen ״Judenamtes“ und Anlage von sogenannten ,,gelben Büchern“. Nach einer entschiedenen Absage an die Mischehe heißt es weiter: ״Der Jude hat sich bewußt in unser Volk hineingefressen, um es völkisch zu zersetzen. Diese Zersetzung muß unerbittlich verhindert werden. Daher fordern wir Deutschvölkischen als ein Ziel des völkischen Staates die Schaffung eines Judenamt es und die Anlegung von gelben Büchern, ln diesen gelben Büchern werden die unter Fremdenrecht gestellten Juden geführt. Weiterhin aber auch die ursprünglich deutschen Familien, die durch Mischehen zu jüdisehen geworden sind. Dieses Judenamt hat aus Kirchenbüchern die — nicht nur früher, sondern auch jetzt noch häufigen — Judentaufen festzustellen und die unter falscher Flagge segelnden Juden ihrer Volksgemeinde wieder zurückzugeben. Fernerhin sind sämtliche Deutsche gezwungen, vor ihrer Eheschließung dem Rasseamt und dem Judenamt genaue Angaben über Herkunft usw. anzugeben, so daß von beiden Aemtern die Rassenfrage geklärt und die Eheschließung zugelassen werden kann. Auch eine Mischehe kann zugelasscn werden, denn in Liebesfragen wird ein Gesetz allein keine Vorschriften machen, aber nur unter der Bedingung, daß der betreffende Volksgenosse nach Eheschiuß mit einem fremdvölkischen, in unserem Falle also jüdischen, Ehegatten der Volksgemeinschaft des fremdvölkischen Ehegatten fortan angehört, desgleichen die Nachkommenschaft. Rückwärts gesctien gelten also die aus deutschjüdischen Mischehen stammeriden Menschen, gleich welcher Religion, als Juden und müssen als Juden in den Oelbbiichern geführt werden.“ Das Mitglied des amerikanischen Kongresses, Hamilton Fish, hat int Repräsentantenhaus einen Antrag eingebracht, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten aufgefordert wird, bei der deutschen Reichsregierung in freundschaftlicher Form dahin vorstellig zu werden, daß diese die bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechte der jüdischen Bürger respektiere und der Zurücksetzung aus Gründen der Rassen- oder Rcligionsverschiedenheit ein Ende bereite. In der niederösterreiclüschen Stadt St. Pölten wurden die Schaufenster jüdischer Geschäfte und die Fenster von Wohnungen jüdischer Burger zertrümmert. Jüdische Frauen wurden auf der Straße von Demonstranten mit Steinen be\vorfett. Zwei junge Mädchen wurden verletzt.

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