Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 43-44 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- Seite 232 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 230 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 43/44, 30. V. 1933 Die deutsche Judenschaft im neuen Deutschen Reich Von Hugo Rosenthal. (Vgl. den ersten Teil in Nr. 42 der ״Jüd. Rundschau׳'.) 2. Die Eingliederung der Juden in den neuen Staat Es erhebt sich die schwere Frage: Was soll mit den Juden werden? Der Staat, repräsentiert durch die NSDAP., hat sie ausgeschaltet. Heißt das, daß er gewillt ist, einen Bevöikernngsteil von einer halben Million Menschen dem Untergang zu weihen? Einen Bevölkerungsteil, der sich keines anderen Vergehens bewußt ist, denn als Juden geboren zu sein? Die deutsche Judenschaft ist sich bewußt, ihre staatsbürgerlichen Pflichten mit ebensoviel Hingabe erfüllt zu haben wie irgendeine andere Bevölkerungsgruppe. Sie gründet darauf ihre Forderung hei der Neuordnung der Verhältnisse in Deutsch- 1 a n d, den ihr zu kommenden L e b e n s r a u m zu erhalten. Sie erwartet, daß ihre bürgerliche Gleichberechtigung wieder hergestellt wird. Weder den Juden noch den Deutschen wäre aber mit einer Wiederherstellung des alten Zustandes gedient. Deutsche und Juden stehen erneut vor der Judenfrage, die eine Lösung heischt, eine bessere Lösung als die vorige war. Die bessere Lösung zu finden, wäre eine Aufgabe des Schweißes aller edlen Deutschen und aller edlen Juden wert. Der Versuch, der hier unternommen wird, erhebt keinen Anspruch darauf, die Lösung zu sein. Fr will weiter nichts als die Rieht» n g weisen, in der die 1 ösung zu finden wäre. Sie hatte eine organische Eingliederung der ,,Judenschaft•‘ in den neuen Staat zu erstreben, bei der die leitenden Ideen der Neuordnung des Volkslebens wirksam sein mußten. Hans Zehrer schreibt im Aprilheft der ״Tat“ in seinem Artikel ״Die Revolution von rechts“: ״Erst in der S e 1 b s t v e r w a 11 u n g, die Verantwortung, Haftung, Vorteil und Nachteil in sich cinschließf, vermag der Staat wirklich die aktive Mitarbeit seiner Bürger zu gewinnen und ihre freiwillige Initiative zu wecken. . . . Die Körperschaften, die als Träger dieser Selbstverwaltung fungieren müssen, sind dreifacher Natur: konfessionell, landschaftlich und berufsständisch.“ In der Form welcher von diesen drei Körperschaften wäre die Eingliederung der deutschen Judenschaft in die Mitarbeit am Staate durch Selbstverwaltung denkbar? Als ,,konfessionelle“' Körperschaft hat das Judenfnm sich ein Jahrhundert betrachtet und dadurch, daß es etwas anderes ist als eine ״Konfession“, deren Begriff aber der staatlichen Eingliederung zugrunde legte, die ungcheure Verwirrung geschaffen, die zu überwinden es gilt. Obwohl die weitaus überwiegende Mehrzahl der Juden in einzelne Berufe zusammongedrängt sind, wäre an eine ״b e r u f s s t ä n d i s c h e“ Eingliederung nicht zu denken. Auch sind sich die Juden aller Schichten seit langem darüber einig, daß nichts so sehr zu erstreben wäre wie eine berufliche II m s c Ti i c 111 u n g. Es wäre denkbar, die Juden als eine ״nationale Minderheit“ cinzuglic-dern, die ihre kulturellen und sonstigen Belange in Selbstverwaltung nähme. Die deutschen Juden werden aber mit dieser Lösung schwerlich einverstanden sein. Die objektiven Merkmale dessen, was man im nllgemeinen ״nationale Minderheit“ nennt, treffen bei den Juden nicht ganz zu. Darum haben die deutschen Juden, einsclilicßlieb der Nationaljuden, bisher nicht die Stellung einer ״nationalen Minderheit“ angestrebt. Die Juden sind eine Gruppe eigener Art, und demgemäß muß auch ihre Eingliedcrung in den Staat eigene Wege gehen. Die Judenschaft als ideelle ״Landschaft“. Vielleicht könnte man am ehesten der Art und Weise der jüdischen Sonderstellung gerecht werden, indem man die Juden unter die Körperschaften ״landschaftlicher“ Natur einreiht. Man könnte wohl sagen, die Judenschaft sei als eine vorgestelitc (״ideelle“) ״Landschaft“ zu betrachten. Sehr deutliche Eigenarten sowohl physischer als auch psychischer Natur verleihen den Juden das (iepriige von Menschen, die einer 1 harakteristischen Landschaft angeboren. Es ist gleichgültig, oh die Juden in Bayern oder Westfalen wohnen: obwohl sie, jeder einzeln gesehen, der eine Eigenarten des Bayern, der andere solche des Westfalen zeigen, das Charakteristische an ihm ist nicht seine westfälische oder seine bayerische, sondern seine jüdische Eigenart. Die Landschaft also, die der Jude in Selbstverwaltung zu nehmen hätte, ist keine materielle, sondern eine ideelle, und ihre Aufgaben erstreckten sich zunächst und vornehmlich auf das kulturelle Gebiet. Doch werden wir auch wesentliche Aufgaben anderer Art feststellen, die sich mit grundlegenden Aufgaben der deutschen Allgemeinheit decken. Eine drin g e!1 d e A u f g a b e d er J u d e n s c h a f t ist d i e Z u r ü e k f 11 h r u n g der J u 11 e n a u f s I. a n d. Eine Ztirürkfiilining aufs!.and aber, die nicht zugleich auch eine Wiederverwur/cliuig mit dem Boden wäre, ließe nur die bisherige Entwicklung auf ihren /Ausgangspunkt zuriieklührcn, die de!1 Dorf- und Kleinstadtjudcri vom Hausiererbündel über den kleinen Laden zum Engrosgeschäft in der Großstadt führte. Hier erhebt sich die Frage der Berufs umschichtung, die, bisher eine Angelegenheit jüdischer Volkswirtschattier und Philanthropen, unter dem Druck der neuen Verhältnisse nun zu einer Lebensfrage für die urft ihre Existenz ringende deutsche judenschaft geworden ist. Von der halben Million Juden, die in Deutschland ansässig sind, vermag nur ein Bruchteil auszuwandern und nur ein Teil von diesen hat die Möglichkeit der Ansiedlung in Palästina und damit der Rückkehr zu Boden und Ur- Produktion, Man wird aber die Juden, die in Deutschland bleiben müssen, nicht verhungern lassen können. Aus der Not, in die die deutsche Judenschaft geraten ist, können die Juden eine Tugend machen, wenn — der Staat ihnen die Möglichkeit hierzu gibt. BinnenkolonUailon. Der erste Gesichtspunkt, unter welchem die Eingliederung der Juden in den neuen Staat sich zu vollziehen hätte, wäre die Binnenkolonisation. Wenn bei der Durchführung eines Kolonisationsprogramms das Verhältnis der jüdischen Siedlung zur nichtjüdischen im Satze von 1 : 100 zugrunde gelegt würde, wäre damit schon eine entscheidende Veränderung der sozialen Struktur der deutschen Judenschaft gewonnen. Für die Durchführung der jüdischen Kolonisation müßten die gleichen Gesichtspunkte anerkannt werden, die für die Siedlungsbcwegungcn im allgemeinen in Betracht kommen, in bezug auf die Bereitstellung von Land und Mitteln, da es sich bei dieser Art von Kolonisation im wesentlichen um d1>״ schon verarmten bzw. erwerbslosen Teil der Judenschaff handelt. In einer Hinsicht hätte volle Klarheit zu bestehen: daß ein Werk von Wert und Dauer nur geschaffen werden könnte, wenn die Kolonisation der Juden unter dem Gesichtspunkte des Zusammenschlusses erfolgte, denn er allein bietet die Gewähr, daß der ideelle ״landschaftliche“ Charakter der Judenschaft bewahrt würde. Jüdische Bauerndörfer in Deutschland sind nicht weniger möglich als In Argentinien und Sowjet-Rußland. Es wäre anzunehmen, daß auch der jüdische Bauer Deutschlands seiner Eigenart entsprechende Fähigkeiten entwickeln würde, die, ohne zur Verfälschung seines Wesens zu führen, im Leben des deutsehen Volkes einen Eigenwert repräsentierten. Die Binnenkolomsation hätte eine Ergänzung zu erfahren durch die jüdische Stadtrand-Siedlung. Während die Randsiedlung, wie sie für die städtische Arbeiterbevölkerung vorgcschlagen wird, vor allem die Aufgabe hat, die städtischen Lohnarbeiter unabhängiger zu machen von den Schwankungen des Arbeitsmarktes — eine Lösung, die von der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas seit einem Jahrzehnt etwa in Angriff genommen ist und zu guten Erfolgen eführt hat —, so hätte die Randsiedlung der Juden einer tadt mehr die Aufgabe einer allmählichen Ueberfiihrung der Betreffenden in den landwirtschaftlichen Beruf überhaupt. In den Kleinstädten leben zahllose Juden, die sich von ihrem Handel kümmerlich ernähren, die gern bereit wären, den Hausierpacken mit dem Spaten zu vertauschen, wenn ihnen die Möglichkeit dazu geboten wäre. Da in den meisten dieser Fälle auch die Frau im Geschäft mit tätig ist — sie besorgt das ״Hausgeschäft“, während der Mann über Land geht —, so könnte der Uebergang vom Handel zur Land- Wirtschaft allmählich erfolgen, was eine Verringerung der dafür notwendigen Mittel bedeutete. Freiwilliger Arbeitsdienst u. Arbeitsdiensipflicht. Eine große Schwierigkeit, die sich der Verwirklichung solcher Pläne in den Weg stellt, liegt in der historisch begründeten Entfremdung der Juden vom Boden und seiner Bearbeitung. Ein großstädtischer Fabrikarbeiter, dessen Großvater wahrscheinlich auf dem Lande gelebt hat, trägt in sich das Erbe einer jahrhundertelangen Verbundenheit mit der Scholle. Ihm wird es darum meistens leicht fallen, zur Bodenbearbeitung zurückzukehren. Das ist bei den Juden anders. Jedoch haben die Erfahrungen der jüdischen Ko- Ionisation in Palästina und anderswo gezeigt, daß auch die Söhne eines Volkes von Händlern binnen kurzer Zeit tüchtige Landwirte werden können, wenn — wie es in Palästina der Fall ist — die Idee einer Erneuerung der Gemeinschaft den Willen spannt und die Kräfte vervielfacht. Bei aller Berücksichtigung des Unterschiedes zwischen Palästina und einer deutschen Judensiedlung ist nicht zu bezweifeln, daß auch hier die zur Siedlung entschlossenen Juden mit Begeisterung und Opferbereitschaft an ihr werk schreiten werden. Aber ohne tatkräftige Unterstützung des Staates ist das große Werk nicht möglich. Hier setzen die Voraus- Setzungen eines ״freiwilligen Arbeitsdienstes“ ein. Seine Aufgäbe wäre es, jeden, der willens und dazu geeignet ist, durch freiwilligen Dienst in den Aufgabenkreis des allgemeinen freiwilligen Arbeitsdienstes einzureihen. Auch hier wäre das Moment des Zusammenschlusses jüdischer Arbeitsdienstwilligcr zu beachten und ihnen Gelegenheit gegeben, in edlem Wettstreit ihre Kräfte mit denen der christlichen Arbeitsdienstwilligen zu messen. Ferner wäre die Heranziehung der Judenschaft zur Arbeitsdienstpflicht in dieses Programm einzufügen, wobei auch hier der (vorgestellte) ״landschaftliche“ Charakter der Judenschaft zu wahren wäre. Mit der Ueberfiihrung eines Teils der deutschen Juden in die Landwirtschaft ist zwar die Berufsumschichtung nicht vollzogen, wohl aber angebahnt. Hier ist das palästinensische Beispiel lehrreich. Wo Bauern den Boden bearbeiten, werden auch Schlosser, Schmiede, Stellmacher, Tischler, Mechaniker, Elektrotechniker usw. benötigt werden, lind für alle diese Berufe haben die Juden Geschick und Können bewiesen. Das Vorurteil, daß Juden zu schwerer, körperlicher und manueller Tätigkeit ungeeignet seien, ist längst widerlegt worden. Man gebe ihnen Möglichkeiten, und der Erfolg wird nicht ausbleiben. Kulturelle Aufgaben und Bildungswesen. Aus der Vorstellung der Judenschaft als einer ideellen Landschaft ergibt sich als Basis für unsere kulturellen Aufgaben die Formel: ״Juden im deutschen Raum.“ ״Deutsche, geprägt durch die jüdische Landschaft.“ Diese Formulierung gestattet kein Vertuschen und kein Verwässern mehr. In der ganzen Fülle unseres durch «ine 3000jährige Kultur geformten Wesens, als ״Glaubensnation“, als ״Schicksalsgemeinschaft“, als ״Nationalität“ oder wie die einzelnen ihre jüdische Verbundenheit ausdrücken mögen, bauen wir ein neues ludesein in den deutschen Raum hinein. Aus unserem ״kollektiven Unbewußten“ (C. G. Jung) strömt uns die Urkraft zu neuer jüdisch-kultureller Gestaltung zu. ״Juden im deutschen Raum“ bedeutet in diesem' Sinne ein Doppeltes: Es bedeutet zunächst das Aeußerste an Sammlung in uns selbst. Wir dürfen nicht wieder in den criodischen Zerfall der die zeitliche Gestaltung der Völker (•stimmenden Ideen hineingezogen werden. Dazu brauchen wir wieder eine Judentumsverbundenheit, die sich auf Wissen und Kenntnis stützt: auf das Wissen von der Einmaligkeit dessen, was sich nicht in die Begriffe jüdische Religiosität, jüdische Kultur oder jüdische Nation zwängen läßt, das vielmehr alle drei als eine Einheit in sich schließt. Wir brauchen eine Judentumsverbundenheit, die sich aut die Kenntnis der hebräischen Sprache und die Kenntnis unserer Geschichte stützt. Nur wenn wir so mit der ganzen Wucht unserer Jüdischkeit unser Leben im deutschen Raum gestalten, dürfen wir sicher sein, daß wir nicht aufs neue in die bodenlose Verworrenheit hineingeraten, in die die mißverstandene Emanzipation uns gebracht hat. Juden im deutschen Raum bedeutet noch ein anderes: wir vermögen unsere wertvollsten Kräfte nicht zur Entfaltung zu bringen, d. h. wir können nicht unseren stärksten Fähigkeiten nach Juden sein, wenn der Raum, in welchem wir leben, derart verengert ist, daß wir nicht atmen können. Raum muß uns wieder werden. Das soll so verstanden werden, wie es in den vorigen Abschnitten dargestellt wurde und wie cs der letzte noch weiter erläutert, Betonte die erste These unserer Formel das Judescin, so betrifft die zweite unser Deutschsein. Es ist heute schwer zu entscheiden, ob das Wagnis, die beiden Thesen zu einer Synthese zu vereinigen, auf dieser neuen Grundlage noch einmal unternommen werden dürfte. Doch die nüchterne Uebcrlegung der realen Notwendigkeiten zwingt uns, auch weiterhin von unserem Deutschsein und den daraus sich ergebenden Aufgaben zu sprechen. Wenn vorhin vom ״kollektiven Unbewußten“ die Rede war, als der tiefen Scelcnsehkht, in der das 3000jährige Leben des jüdischen Volkes sich zu Bildern, Vorstellungen, Anschauungen verdichtete, so tritt als jüngster Inhalt dieses Unbewußten das Erlebnis der Emanzipation in Wirksamkeit. Ein Zeitraum von hundert Jahren ist, gemessen an einer 3000jährigen Geschichte, eine kurze Spanne. Aber in keinem anderen Abschnitte der Geschichte unserer Zerstreuung war das Judentum so Welt-oficn und Welt-zugewandt wie in dieser kurzen Zeit, Ihre Spur im Judentum wird nicht untergehen. Aber wir haben heute erkannt, daß bei diesen! Prozeß der Welteinverleibung eine Verfälschung unseres eigenen Wesens sich cinschlich, die auch das Bild der aufzunehmenden «Welt notwendig verfälschte. Noch efnraäl, von unserem reinem Jüdischsein her müssen wir die umgebende Welt aufnehmen, damit die Emanzipation erst Ihren rechten Sinn erhalte. Dadurch erfährt die These — ״Deutscher, geprägt durch die jüdische Landschaft“ — gleich der ersten eine doppelte Bedeutung. Wir können nicht anders Deutsche sein als unter der Wiederherstellung unserer Bürgerrechte. Wir erheben, dem Sinne unserer neuen Eingliederung in den deutsehen Staat nach, keinen Anspruch darauf, Träger oder gar ״Sachwalter“ der deutschen Kultur zu sein. Aber wir haben die Ueberzeugung: wenn in der Geschichte der Menschen überhaupt ein Sinn zu finden ist, so liegt er für unsere deutsch-jüdische Geschichte in der wechselseitigen Befruchtung deutschen und jüdischen Geistes. Damit ist auch schon die andere Bedeutung der zweiten These gekennzeichnet. Nur wenn die jüdische Prägung unserer kulturellen Schöpfung in voller Reinheit vorhanden ist, nur dann dürfen wir erwarten, daß auch der deutsche Geist sich so willig dem unseren hingibt, wie wir uns ihm hingegeben haben. Aus solchen Voraussetzungen ergeben sich die praktischen Kulturaufgabcn der deutschen Judenschaft, die durch ein Bildungswesen von besonderer Eigenart zu lösen sind. Es umfaßt zwei Kreise: den deutschen und den jüdischen Kulturkreis. In beiden hat der jüdische Mensch heimisch zu werden. Er befindet sich in der Situation der Bewohner einer Grenzprovinz, die auch in zwei Sprachen und in zwei Kulturkreisen heimisch ,sein sollen. Der Hauptfaktor des Bildungswesens ist die jüdische Schule, deren Charakter sich aus allem Vorhergehenden ergibt. Sie hat ״w e s en s-jüdisch“ zu sein, um mit Buber zu sprechen. Das ist allerdings nur möglich, wenn der Staat sie nicht als ״konfessionelle“ Schule ansieht, deren religiösen Bedürfnisse mit 2—4 Religionsstunden zu befriedigen wären. Eine ״wesensjüdische“ Schule ist nur möglich auf einer breiten Grundlage jüdischer Bildungsvermittlung. Das bctrifft im besonderen die Kenntnis der hebräischen Sprache. Ihr muß der Lehrplan soviel Raum gewähren, daß der Schüler die Möglichkeit hat, unsere alte Kultur aus den Quellen kennenzulernen und die Verbindung mit der neu entstehenden hebräischen Kultur Palästinas aufnehmen zu können. Darüber hinaus verlangt der Charakter einer wesensjüdischen Schule Durchdringung ihres ganzen Lebens mit jüdischen Inhalten. Wie das etwa in der Gestaltung des Lehrplans im einzelnen sich auszudrücken hätte, das darzustellen ist hier nicht der Ort. Auch die Frage nach den Schultypen gehört nicht hierher. Ein neuer Wille und eine neue Absicht bedürfen neuer Formen und neuer Möglichkeiten. Für sie brauchen wir die Hilfe und die Zustimmung des Staates, der damit der deutschen Judenschaft eine Aufgabe in Selbstverwaltung übergibt, die seinem eigenen Besten dient. Selbstverwaltung. Bisher war noch nicht mit genügender Deutlichkeit gesagt worden, welcher Körperschaft die Durchführung aller genannten Aufgaben obliege. Soweit es sich um die rein religiösen, also konfessionellen Angelegenheiten handelt: Oottesdienst, Religionsunterricht in engerem Sinne, religiöse Vereinigungen usw. hat man es mit konfessionellen Aufgaben zu tun. Aber schon bei den sozialen und Wohlfahrtseinrichtungen — Krankenhäuser, Altersheime, Waisen- und Fiirsorgeanstalten — tritt der Staat als übergeordneter Faktor in Aktion. Das gilt in vollem Ausmaße für alle genannten Aufgaben, die das Leben der Juden als deutsche Bürger und ihre Eingliederung in den neuen Staat betreffen. Das sind Aufgaben, die ״dem Staat heute selber gestellt sind und die er seinen Bürgern in Selbstverwaltung zu geben hat“. Hier eröffnet sich für die deutsche Judenschaft ein weites Feld, hier hätte sie Gelegenheit, ihre Krafl und ihren Willen zu bewähren und dem Drang Einzelner nach öffentlicher Betätigung Ventile zu öffnen. Die deutsche Judenschaft steht heute an dem Punkt, an dem sie vor dem Jahre 1812 sich befand. Eine neue Emanzipation muß sie erkämpfen, aber auf neuen Wegen. Sie muß anknüpfen an die alten Bedingungen, die im Jahre 1812 in Unkenntnis ihrer inneren und äußeren Not- Wendigkeiten zerrissen wurden, muß anknüpfeti an das alte Kulturgut ihres Stammes. In dem Maße, in dem wir als wiederverwurzelte stammhafte Juden dem deutschen Aufbau dienen, werden wir die Fehler und Klippen vermeiden, über die wir in unser heutiges Unglück stürzten. Der Jode — Kriegshetzer? Der ״Fränkische Kurier“ (Nürnberg) vom 20. Mai enthält einen Bericht über eine Massenkundgebung der NSDAP, in Nürnberg, bei der der Frankenführer Julius Streicher (der Vorsitzende des Zentralkomitees zur Organ!- sierung des Judenboykotts am 1. April) eine Rede hielt. Nach dem Bericht der genannten Zeitung hat Streicher, unter Bezugnahme auf die Reichtagssitzung, u. a. folgendes gesagt: ״Nicht die Engländer, Amerikaner, Franzosen usw., sondern einzig und allein der Weltjude wolle und brauche den Krieg.... Der Jude wisse, daß ein in sich geeintes deutsches Volk auch ohne Waffen eine Macht darstelle, die nicht unterzukriegen sei. ... Mehr denn je komme es heute darauf an, daß das deutsche Volk die wahren Urheber der Kriegshetze erkenne. Wenn die Welt wisse, daß es bei uns keinen Internationalismus mehr gebe und daß das deutsche Volk im Falle eines kommenden Krieges jeden Juden in Deutschland totschlagen werde, dann komme bestimmt kein Krieg, Wenn es dem Juden auch schwer fallen werde, Hitlers große Friedensrede umzufälschcn, so werde er doch nicht unversucht lassen, die Hetze weiter zu treiben. Der Jude, der eigentliche und allei״ nigeSieger des Weltkrieges, kenne kein Mitleid; er brauche den Krieg, um das deutsche Volk wieder von seiner Regierung loslöseti und erneut in Deutschland Boden fassen zu können. Nur mit der Lösung der Judenfrage werde die deutsche und die Weltfrage gelöst werden können.“ (Sperrungen von uns. — Red. ״J. R.“.) * In der Jacobi-Halle in Bremen fand ein Werbeabend der Bremer SS. statt, auf dem der Führer der 24. SS.-Sfandarte, Berckelmann, — einem Bericht der in Bremen erscheinenden ״Weser-Zeitung“ zufolge — u. a. erklärte, die SS. habe zuverlässige Nachrichten, daß man Pläne schmiede, um die Führer zu beseitigen, vor allem den Volkskanzler Adolf Hitler. Wenn auf einen der maßgebenden Führer heute ein Attentat verübt werden würde, und sollte es auch fehlschlagen, dann könnte man gewiß sein, daß von diesem Gesindel, insbesondere auch den jüdischen Drahtziehern, binnen 24 Stunden kein einziger mehr am Leben sein werde. Der ehemalige Ministerpräsident von Südafrika, General Smuts, hat an die in Kimberley tagende 14. Jahreskonferenz der Zionisten Südafrikas eine Botschaft gerichtet, die u. a. besagt, es sei heute mehr denn jemals klar, daß die Politik zur Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina die richtige Politik sei. Er werde stets bestrebt sein, dieser großen Sache seine Unter- Stützung zu leihen,