Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 43-44 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 43/44 30. V. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU ■ der fädisdien Rands'h au* vom 21. Mai 1920 abgedrudti Seite 227 Die Kinder Die Kinder erleben was geschieht und schweigen, aber nachts stöhnen sie aus dem Traum, erwachen, starren ins Dunkel: die Welt ist unzuverlässig geworden. Man hatte einen Freund, der Freund war selbstverständlich wie das Sonnenlicht, nun plötzlich sieht er einen fremd an, die Mundwinkel spotten: Hast du dir etwa gar eingebildet, ich machte mir wirklich was aus dir? Man hatte einen Lehrer, unter allen den einen; man wußte: es gibt diesen Menschen, also ist alles in Ordnung; nun hat er keine Stimme mehr, wenn er zu einem spricht; auf dem Hof ist der Raum zu ihm hin nicht mehr offen. Die gute Landschaft selber, in der man wanderte und spielte, ist unheimlich geworden. Was ist geschehn? Man weiß ja so allerlei, aber man versteht dennoch nicht, wie das zusammenhängt. Um an der Seele dauern und wachsen zu können, braucht das Kind das Stetige, das Verlaßliehe. Da muß etwas sein, das nicht versagt. Das Haus genügt nicht, die Welt gehört dazu. Was ist mit der Welt geschehn? Aus dem vertrauten Lächeln ist eine Fratze geworden. Das Kind ängstigt sich, aber es kann seine Verängstigung keinem sagen, auch der Mutter nicht. Das ist nicht etwas was sich sagen läßt. Es kann auch keinen fragen. Niemand weiß ja Bescheid, warum alles so ist wie es ist. Das Kind empört sich, aber für diese Empörung gibt es keinen Ausbruch, sie schlägt in die Tiefe zurück. Das ist eine Leidenschaft, die nicht auflodern darf; sie schwelt und verderbt. Die Seele mündet nicht mehr in die Welt, sie verstockt sieb. So wird man schlecht. Eltern, Erzieher, was ist gegen das Schlechtwerden, gegen das ״Ressentiment“, zu .tun? Ich weiß nichts andres als dies: ein Unerschütterliches in der Welt des Kindes sichtbar zu machen. Etwas, was nicht versagen kann, weil es den Wechselfällen der geschehenden Geschichte, ihrer Labilität, nicht unterworfen ist, nicht von der Stunde ist, sondern von urher. Etwas, das unser ist, unentreißbar unser. Wir müssen dem Kind in seiner Welt, als ein Vertrautes, Vertrauliches, ewigen Vertrauens Wertes, Israel erfahrbar machen. Das heißt nicht: einem völkischen Menschenbild reaktiv ein andersvölkisches gegeniiberstelien. Es heißt nicht: sagen, wir seien ״auch“ ein Volk, wir hätten auch unsere Art, auch unsern Wert. Wir sind nicht ein andres Exemplar der Gattung Nation, wir sind das einzige Exemplar unserer Gattung. Wir sind Israel. Heruntergekommen, preisgegeben, sind wir uneinreihbar geblieben. Alle Gewalten der Erde haben den Zugriff auf uns, die Kategorien der Begrifflichkeit haben ihn nicht. Ich sage das nicht in selbstsicherm Stolz, ich sage es mit Furcht und Zittern. Zu ״Israel“ gehört geschichtlich dieses Schicksal, so in das Schicksal der Völker verflochten und so aus ihm entlassen zu sein, — so aus ihm geworfen zu werden und so ihm eingetan zu bleiben. Aber zu Israel gehört auch die Gnade, je in solcher Not den Urbund zu erneuen, durch den es entstanden ist. Den Kindern ist Israel nicht als ein Ersatz aufzuschließen, sondern als die wahre Einzigkeit, aus der wir leben und die wir vergessen haben. Wieder einmal läßt uns die Not unsern Namen wiederfinden. Nicht als ein Ding des Berühmens: ״sowas haben wir auch“, nicht als eins der Zeichen auf den Fahnenwimpeln der Erde, vielmehr als die Bezeichnung eines Bundes, mit Bundesrecht und Bundespflicht. Israel bedeutet: um einer Verbundenheit willen, in der unser Sein begründet ist, Gemeinschaft üben. Die Gemeinschaft zwischen Wesen und Wesen, zwischen Mensch und Mensch, auf die hin die Schöpfung erschaffen ist, lebensmäßig üben. Und das bedeutet heute: Unmittelbarkeit hüten in einer immer mittelbarer werdenden Menschenwelt. Der Selbstgerechtigkeit der Kollektivitäten gegenüber das Geheimnis der Beziehung wahren, ohne das ein Volk dem Eisestod verfallen muß. Aber haben wir uns nicht selber auf den Weg begeben, eine selbstgerechte Kollektivität zu werden? Dürfen wir noch der Gnade gewärtig sein, den Urbund zu erneuen? Steht es uns noch zu, jene Einzigkeit zu vertreten? Vermögen wir noch den Kindern das Unerschütterliche sichtbar zu machen? Sind wir noch Israel? An uns ist es, diese Frage zu beantworten. Nicht durch pathetische Erklärungen, die nichts beweisen, aber durch unsre Wesenshaltung im Gang des Alltags, mitten in seinen bestürzenden Anomalien. Es gilt viel, daß wir wahrhaft inne seien unsrer Grundwerte, unsrer Sprache und unsrer Geschichte; das muß uns allen nicht bloß ins Bewußtsein, sondern ins Blut eingehn. Aber mehr noch gilt, daß wir als Israel leben: Gemeinschaft üben und Unmittelbarkeit wahren. Nach außen ist das tausendfältig erschwert oder unterbunden. Dennoch, nichts darf uns davon abbringen, unbefangen, grollfrei, in ungebrochner persönlicher Ganzheit zu den Menschen des deutschen Volkstums zu stehen, wo immer wir ihnen so begegnen, daß man einander zu sehen, einander zu erkennen vermag. Auch heute, gerade heute, so grausam sie uns erschwert ist, tut menschliche Aufgeschlossenheit not. Innerhalb der Judenheit, sollte man meinen, seien alle Riegel gesprengt. Aber, wenn ich von all den kleinen Gemeinden absehe, die in der Notzeit zu großen Familien zusammen- und emporgewachsen sind: ich nehme mehr Organisationsgetriebe, ja Organisationsleerlauf wahr als personhaftes Draufloshandeln, mehr ״Fürsorge“ als brüderliches Sorgen, mehr Routine als Initiative, mehr Erledigung als Hingabe. ״Wer weiß“, sagte der Berdyczewer Rabbi von den unbarmherzigen Sodomitern, ״vielleicht hatten auch sie eine Gemeindebüchse, darin die Wohlhabenden ihr Almosen taten, um den Armen nicht ins Aüge zu schauen!“ Die Büchsen heißen heute Fonds. Niemand meine sich durch seinen Beitrag loskaufen zu können! Wer hier nicht Unmittelbarkeit bewährt, verleugnet Israel. Ist auf einen Umschwung, auf einen Durchbruch zu hoffen? Ich frage euch, die ihr dies lest. Lehrt eure Kinder jüdische Gehalte, sucht ihnen das Leben jüdisch zu formen, — aber daran ist’s nicht genug. Ihr müßt mit euch selber beginnen. Israel ist mehr als Form und Gehalt, es will in unsrer ganzen persönlichen, mitmenschlichen, gemeinschaftlichen Wirklichkeit verwirklicht werden. Es liegt an uns, den Kindern die Welt wieder zuverlässig zu machen. An uns, ob wir ihnen, uns zusprechen dürfen: ״Getrost, die Mutter ist da“. Freiheit verpflichtet Frage doch in den früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit der Zeit, wo Gott Menschen auf der Erde geschaffen hat, und von einem Ende des Himmels bis zum andern, ob je so große Dinge geschehen sind oder ob je dergleichen gehört wurde: Ob jemals ein Volk Gott vernehmlich mitten aus dem Feuer heraus hat reden hören, wie du es gehört hast, und am Leben blieb! Oder ob je ein Gott versucht hat zu kommen und sich ein Volk zu nehmen mitten aus einem Volke, mit Zeichen und Wundern, mit Krieg, mit starker Hand und ausgestrerktem Arm und mit großem Schrecken, wie das alles mit euch der Herr euer Gott in Aegvpten getan hat vor deinen Augen! V. M. 4, 32 ff. Wenn du in das Land hineinkommst, das der Herr dein Gott dir gibt, so sollst du die Greuel jener Völker nicht nachahmen lernen. V. M. 18, 9. Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebe, übersteigt deine Kräfte nicht und ist dir nicht unerreichbar. Nicht im Himmel ist es, daß du sagen könntest: Wer steigt in den Himmel, um es uns herabzuholen und es uns zu verkünden, damit wir danach handeln? — Auch ist es nicht jenseits des Meeres, daß du sagen könntest: Wer fährt über das Meer und holt es uns und verkündet es uns, daß wir danach tun? Sondern überaus nahe liegt dir die Sache: in deinen Mund und in dein Herz ist es gelegt, daß du danach tust. Siehe, ich lege dir heute vor das Leben und das Oute, den Tod und das Böse . . . V. M. 30, 11 ff. Niemals hat eine Generation von Juden die jüdischen Feste so erleben können wie wir. Der Auferstehung unseres Körpers geht das Erwachen unserer Seele voraus; wir beginnen wieder den tiefen Sinn unseres Erbgutes zu verstellen, der von Geschlecht zu Geschlecht weitergegebenen Botschaft. Durch Jahrhunderte waren uns die Feste hohcitsvolle Symbole; heute sind sie uns eine Lehre für unsere unmittelbare Wirklichkeit. Unsere Feste knüpfen nn an nationale Ereignisse; aber sie sind zugleich Andeutungen kosmischer Vorgange, Spiegelungen des schaffenden Wirkens der Natur, und Sinnbilder ewiger menschlicitlicher Gesetze. Pcßacli ist der Auszug aus Aegypten, Schawiioth die Offenbarting am Sinai; Peßach ist das Erwachen der Natur im Frühling, Schawiioth die Zeit der erster! Früchte, die menschliche Arbeit dem Boden abgerungen; Peßaeli ist die Befreiung vom Joch der Knechtschaft, Schawuoth ist die Berufung zur sittlichen Aufgabe. Durch Jahrhunderte war nur der nationale Sinn dieser Feste deutlich; sie waren geschichtliche Gedenktage. Der naturhafte Sinn war mit dem Verlust der palästinensischen Heimat zur Erinnerung verblaßt. Der menschheitliche Sinn mußte verborgen blei• ben, seitdem die erste Voraussetzung für seine Erfüllung, das freie nationale Leben, geschwunden war. Die Größe dieser Stunde liegt darin, daß wir spüren: die drei Seiten unserer Feste sollen wieder zusammenfallen. Wenn wir jetzt nach Erez Israel kommen, wird Peßach wieder Frühling, Schawiioth wieder Erstlingsfest sein. Wenn wir wieder ־zur Freiheit gelangen, dann verstehen wir die doppelte Bedeutung des großen Wortes Freiheit, formuliert in den zwei Fragen: Freiheit wovon — und Freiheit wozu. Auf die erste Frage gibt Peßach die Antwort!: Knechte sind wir gewesen im Lande Aegypten. Auf die zweite Frage gibt Schawuoth die Antwort; Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk. Als das Volk aus Aegvpten zog, war es ein unorganisierter Haufen, kleinmütig, ungläubig, widerstrebend, rebellierend gegen den gottgesandten Führer und nur besorgt um sein materielles Wohlergehen. Es war dem Pharao entlaufen, aber es war bei jeder auf tauchenden Schwierigkeit bereit, zu den Fleischtöpfen der Sklaverei zurückzukehren; es war nicht ergriffen von der Idee. Erst als es vor den Sinai kam, wurde es geformt vom Gesetz des Geistes, hier erhielt es seine Bestimtnung, hier wurde es nun erst eigentlich Volk. Der Sinn seines Seins wurde enthüllt, das Volk entdeckte sein Ich. Denn am Anfang der wahren Befreiung steht das Durchringen zum Bewußtsein der Freiheit, das höchste Verantwortlichkeit bedeutet. Befreiung ohne sittliehe Selbstentdeckung ist sinnlos, führt zu Entartung und Zerstörung; wir heutigen Menschen wissen genau, wie der geheiligte Name der Freiheit zu einem Freibrief für Gewalt und Verbrechen mißbraucht werden kann. Nicht durch den Auszug aus Aegypten wurde uns die Freiheit zuteil, sondern durch die Gesetzgebung am Sinai, die mit dem ״Ich bin“ anhebt und mit dem ״Du sollst“ endet; als deren erster Grundsatz der Satz gilt: Du sollst keine andern Götter haben vor mir. Kein Schwanken, kein Hin- und Herpendeln, keine offene Rückzugslinie nach Mizraim; sondern ganz und ungeteilt und ohne Vorbehalt hast du der zwingenden und kompromißlosen Stimme des Geistes zu folgen. Dies erst ist Freiheit, daß du dich loslösest von den Fesseln deiner eigenen Selbstsucht und von dem Schutt, den die Verbannung in die fremde Welt auf deine Seele gehäuft hat. Dann erst kannst du erkennen, was du zu tun hast. Am Sinai schloß das Volk den Bund, es übernahm eine einseitige Verpflichtung; bis dahin war es aus Erdenstoff gebildet, am Sinai wurde ihm der Atem des Geistes eingeblasen. Schawuoth ist das Fest der Bändigung der auseinanderstrebenden niederen Volkstriebe durch die Kraft des Geistes. Damals wurde unser Volk geboren. Heute soll es wiedergeboren werden. Es gibt keine Wiederholungen in der Geschichte; aber wenn wir heute am Festtage verkünden, daß der Tag der Befreiung für unser Volk anbricht, dann soll «ns dieses Fest auch erinnern: Frei- Martin B über.