Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 43-44 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- Seite 228 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 226 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 43/44, 30. V. 1933 Der Wille, zur T a t zu gelangen, wird uns auf den richtigen Weg führen. Schon der bloße Versuch einer unvoreingenommenen Aussprache müßte wie eine Erlösung wirken. Die Juden werden sich bequemen müssen, die Judenfrage mit ihren Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Die Nichtjuden aber werden verstehen, daß auch für sie die einseitige Behandlung der Judenfrage keine Vorteile bringt; wir denken dabei nicht so sehr an äußere Folgen, wie sie sich etwa in der Außen- Politik ergeben, als vielmehr an geistige innere Oefahren, wie sie für jedes Volk in einer gegenüber einer Minderheit betätigten nationalen Hybris liegen, Wenn man sich nicht zu einer gründlichen Klärung entschließt, wird die Judenfrage in dieser oder jener Gestalt wiederkehren und das öffentliche Leben weiter beunruhigen. Der Staat, der das Rassenprinzip bejaht, erkennt damit an, daß die Juden, ob sie wollen oder nicht, Juden sind. Er muß sie daher als Juden seinem Ganzen eingliedern. Sie können durch Oesetz zu Staatsbürgern minderen Rechtes gemacht werden, aber nicht zu Menschen geminderten Menschentums. Und am wenigsten kann man ihnen einen Vorwurf daraus machen, wenn sie zu ihrem Judentum ein ganzes und offenes Ja sprechen, wo sie doch auch nach der Ansicht des Staates nichts anderes sein können als Juden, ja sogar dann Juden sind, wenn sie es selbst gar nicht wissen, daß in den Adern des Großvaters jüdisches Blut floß. Es gibt natürlieh auch jetzt im Judentum Leute, die die Tatsachen auf den Kopf stellen wollen; sie versuchen, sich bei den neuen Machthabern dadurch in Szene zu setzen, daß sie, natürlich unter Abrücke 1! von anderen jüdischen Gruppen, sich als ״nationaldeutsch“ im Sinne des neuen Staates vorstellen. Wir wollen hierüber kein Wort ver- Heren, sondern nur auf folgendes aufmerksam machen: das eigentliche Judenproblem ist das Problem jener Gruppe, die zum Judentum ja sagt und jüdisch leben will. Da der Staat die Juden ausgiiedert, muß er sie als Juden gelten lassen. Di« jüdische Gesamtheit innerhalb des organischen Staates wird nicht minder zu allen Belangen des Staates stehen wie alle anderen Staatsbürger. Nationaldeutsche Phraseologie im Munde eines Juden macht ihn weder zum besseren Deutschen noch zum besseren Juden; sie erzeugt nur von neuem jene Verwischung und Tarnung, die endgültig beseitigt werden muß, wenn nicht immer wieder die Beziehungen von Jude und Nichtjude von Mißtrauen beherrscht sein sollen. Und hier kehren wir zum Ausgangspunkt dieser Betrachtung zurück. Die Juden sollen wissen, daß sie um die Behandlung der Judenfrage im jetzigen Moment nicht mehr herumkommen. Weder durch eine — freiwillig oder unter dem Druck des Auslandes erfolgte — Aenderung der deutschen Judenpolitik in diesem oder jenem Punkt, ja nicht einmal durch die (ja schwerlich bevorstehende) Wiederherstellung der formalen Gleicliberechtigung ist die Judenfrage aus der Welt zu schaffen, noch durch ein Hinüberretten des einzelnen Juden in bessere Gefilde. Viele Juden meinen, sie könnten durch Uebersiedlung in ein anderes Land die Frage wenigstens für sich lösen; suchte man im;׳origen Jahrhundert eine individuelle Lösung durch die Taufe, die damals das ״Eintrittsbillett zur europäischen Kultur“ war, so glaubt man jetzt, durch geographische Veränderung die Bürde loszuwerden. Wir fürchten, daß schon in kurzer Zeit die schwere Täuschung sich offenbaren wird. Die Völker haben , ad::e Sorgen als das Los der deutschen Juden; manche Anzeichen sprechen dafür, daß in anderen Ländern auch antisemitische Neigungen sich geltend machen, und zionistische Erkenntnis lehrt, daß wandernde Juden die Judenfrage häufig von einem Land in ein anderes verschleppen. Individuell und nebenbei ist die Frage nicht zu losen. Nicht einmal durch die Uebersiedlung nach Palästina, die jetzt manchen, die nie zuvor an Palästina gedacht haben, als Erlci ־hterung ihres Loses vorschwebt. Die Situation gibt den Juden Schwereres auf. Sie müssen aufhören, ״Nichtarier“, verhinderte Arier, zu sein, und mit vollem Bewußtsein Juden werden, jüdisches Schicksal auf sich nehme jüdische Zukunft bejahen. Und dann — dann werden wir auch anders als heute unsere Feste feiern können, * Es war eine Eigentümlichkeit des assimilierten Judentums des 19. Jahrhunderts, daß es neben den anderen Verlusten an jüdischer Substanz, die es kennzeichnen, auch das Wesen der jüdischen Feste verwässert hat. Seien wir aufrichtig: wieviele deutsche Juden haben heute noch ein echtes und unmittelbares Gefühl für den Sinn und die Größe dieser Feste, die man ja dadurch begreiflich machen wollte, daß man sie den gleichzeitigen christlichen Festen anpaßte und aus Pcßach das ״jüdische Ostern“, aus Schawuoth das ״jüdische Pfingsten“ machte? Wir haben uns auf die Einzigartigkeit dieser Feste zu besinnen. Schawuoth ist die Erinnerung an die Begegnung des Volkes mit Gott, der unter Donner und Blitz dem Volke ein Gesetz gibt, dessen Essenz in zehn Worten auf zwei Steintafeln eingemeißelt wird. Diese zehn Worte aber, die am Schawuoth-Fest vor der versammelten jüdischen Gemeinde verlesen werden, sind nicht nur an Israel gerichtet, sondern an die Menschheit. Jedes christliche Kind, das in der Schule die Zehn Gebote lernt, muß erfahren, daß dieses Gesetz dem jüdischen Volk verkündet worden ist, jenem Volk, von dem dieses Kind jetzt wohl hier und da noch anderes zu hören und zu lesen bekommt Die nichtjüdische Welt ist mit dieser Tatsache noch nicht recht fertig geworden. Haben wir heute z. B. im deutschen Protestantismus eine tiefgreifende, an die letzten Wurzeln der Kultur rührende Debatte darüber, ob das Christentum von seiner jüdischen Grundlage losgelöst und den völkischen und rassischen Ideen des jungen Deutschland angepaßt werden kann, oder aber ob — wie manche befürworten — das national erwachte deutsche Volk sich Überhaupt vom Christentum loslösen und zu einer nordischen Urreligion zurückkehren soll (wie kürzlich auch in einer Kundgebung an der Berliner Universität verfochten wurde), so gibt es noch eine Spezialdebatte darüber, ob die jüdischen Zehn Gebote wirklich als verpflichtende Ethik der Menschheit anerkannt werden können. Stapel stellt dies in seinem Buch ״Der christliche Staatsmann“ in Abrede; ihm ist das Zehn-Gebot nur ein Teil der jüdischen Volkssitte, dem die Volkssitte (״Nomos“) anderer Völker als Schöpfungen Gottes gleichberechtigt an die Seite treten. In der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ (Heft 2) ist ein protestantischer und ein katholischer Theologe dieser Stapelschen Auffassung mit Entschiedenheit entgegengetreten. Der Protestant Prof. Althaus schreibt in diesem Zusammenhang: ,,Das Mose-Gesetz hat einen zwiefachen Charakter: Es ist einmal besonderer nationaler Nomos, sodann aber Ausdruck des einen Gotteswillens, der jeden Menschen im Gewissen bindet.“ Zwar haben auch andere Völker ihr Volkstum und ihren nationalen Brauch (Nomos), ״Heilsgeschichtlich bedeutsam kann nun aber ein Nomos sein nur, sofern er in besonderer Prägung der Nomos ist, Ausdruck des einen Willen Gottes, der ans alle, durch alle Völker hin, in die eine und selbe wesentliche Wirklichkeit des Menschseins und seiner Beziehung zum Du und zum Es gesetzt hat“. Und der protestantische Theologe fährt fort: ״Keinem Volke auf Erden aber — Geheimnis der Wahl Gottes! — wurde so wie Israel gesagt, was Gott heißt, daß er der Schöpfer der Erde und des Himmels ist, der Heilige, der Eifrige; daß er die Geschichte der Völker und der einzelnen waltet; was es heißt: ihn allein anbeten, ihm dienen, ihm glauben.“ Wir können hier den Einzelheiten dieser für uns Juden höchst lehrreichen theologischen Kontroverse nicht nachgehen. Für die dem Nationalsozialismus verbundene Gruppe des deutschen Protestantismus liegt zweifellos eine enorme Schwierigkeit darin, das Christentum zu bejahen, wo doch das Volk, dessen religiöser Produktivität die Grundlagen des Christentums entstammen, leidenschaftlich abgelchnt wird. In revolutionären Zeiten, wo das Sicherheitsbewußtsein des Bürgers in seinen tiefsten Grundlagen erschüttert ist, werden Spannungen fühlbar, die man früher nicht so empfand. Dazu gehören auch die sich aus der Beziehung von Politik und Religion, von Religion und Volkstum, ergebenden Konflikte, und die Notwendigkeit, den Universalitäts-Anspruch der Religion mit dem Partikularitäts-Willen des Volkstums in Einklang zu bringen. Vielleicht hat die Botschaft des Christentuins ״Denn das Heil .kommt von den Juden“ eine empfindliche Stelle im Bewußtsein der Völker getroffen, gerade jener Völker, die in ihrer inneren Entwicklung mit sich selbst nicht recht fertig werden können. Aber wir Juden, wie steht es mit uns? Wir haben das Gesetz am Sinai empfangen, aber wir haben keinen Anlaß, uns als ״Lehrmeister“ der Völker zu fühlen. Wir selbst haben die Verschlungenheit von nationalem und menschheitlichem Sein nicht voll bewältigt. Das Erelgnis am Sinai ist für unsere ganze Oeschichte und bis in unser heutiges Leben hinein wirkend geworden. Kein Volk hat etwas Aehnliches aufzuweisen. Aber ist dies nun ein Grund, eingebildet zu sein? Der biblische Berieht ebenso wie unsere Volkslegende bewahrt uns davor, in nationale Ueberheblichkeit zu verfallen. Niemals vielleicht ist ein heroischer Höhepunkt einer Volksgeschichte so ganz ohne Eitelkeit, so fern von jeder selbstgefälligen Idealisierung erzählt worden. Denn was erfahren wir? Das Volk benützt den ersten Anlaß, sich von der strengen Führerschaft zu befreien und umtanzt das goldene Kalb. Moses zerschlägt die Tafeln im Zorn. Das Volk Israel war nicht besser, ist nicht besser als andere Völker. Es hatte nur ein besonderes Schicksal. Die Legende erzählt, daß Gott, als er den Menschen die Thora geben wollte, von Volk zu Volk ging, um sie jedem anzubieten. Alle lehnten ab, sie wollten sich dem strengen Joch nicht beugen. Da kam Gott zu Israel, aber auch Israel lehnte ab; auch dort waren die natürlichen Lebenstriebe dem Volk näher als das Gesetz des Geistes; auch Israel wollte nicht ״auserwählt“ sein. Da nahm — so heißt es weiter — Gott einen Berg und stülpte ihn über sie wie ein Faß: Kapha alehem har keglgith. Nun waren sie Gefangene, und unter diesem äußeren Zwang erst nahmen sie die Thora entgegen. Man kann nach dieser Die heutige Nummer der »Jüdischen Rundschau4* ist eine Doppelnummer. Die nächste Nummer kann wegen der Jüdischen und der darauffolgenden Christliehen Feiertage erst Freitag, den 9. Juni (in verstärktem Umfange) erscheinen. Volkslegende wahrhaftig nicht behaupten, daß die Judei sich brüsten, das ״auserwählte Volk“ zu sein. Sie wisse! genau, daß sie nicht besser sind als andere; kleine schwache, von egoistischen Trieben beherrschte Men sehen: immer aber zugleich Gefangene des Geistes. Die ganze jüdische Geschichte, das ganze Volksleben ist ein unterirdischer Kampf dieser zwei Gewalten Oewiß ist diese Polarität von Trieb und Geist, von Eigennutz und Gebot, bei a 11 e n Völkern zu finden; abei nirgends steht sie so im Mittelpunkt der Existenz wie be: den Juden. Darum mögen die Gegensätze krasser sichtbar sein, aber in jedem Geschlecht sind beide vorhanden, die Abfallenden und die Hinaufstrebenden. Die Völker, die uns mit einem uns oft unbegreiflichen Haß ablchnen, weisen mit dem Finger auf das Schauspiel von Juden, die das goldene Kalb umtanzen. Wir leugnen es nicht; schon der unbarmherzige Bericht unseres großten nationalen und religiösen Buches sagt es offen vo! aller Welt: es gibt solche Juden, vielleicht tanzen sie sichtbarer um dieses Kalb als andere Menschen, deren Liebe zum Gold nicht geringer ist. Aber was die Völker nicht sehen wollen und was wir selbst nicht in eitler Prahlerei verkünden, sondern in der Wirklichkeit unseres Lebens erfahren müssen, ist: daß zu derselben Zeit, wo Juden den Tanz des ״Materialismus“, wie man heute sagen würde, aufführen, andere Juden, oder noch deutlicher: ein anderer Teil des unteilbaren jüdischen Volkes, Angesicht in Angesicht vor dem Geist steht, in der verzehrenden Flamme oben auf der Spitze des Berges. Darum ist auch in Zeiten äußerster Not unser wahres jüdisches Problem nicht ein äußeres, sondern ein i n n e - res. Der Widerstreit der polaren Mächte wird uns in dieser Zeit stärker bewußt als in Zeiten beruhigter Sicherheit. Heute, nach einem Jahrhundert völligen Vergessens der jüdischen Zusammenhänge, ist schon viel erreicht, wenn wir uns zunächst einmal besinnen. Wenn wir sehen, wo wir stehen. Jüdische Feste sollen uns zum Nachdenken bringen. Das Judentum unserer Zeit macht einen tiefen Wandlungsprozeß durch. Die offiziellen Repräsentanzen wollen es nicht wahr haben, sie lieben zu sehr ihre eigene Verknöcherung, aber unterirdisch gärt es in den Herzen. Nein, die deutsehen Juden brauchen keinen zweiten 1. April. Sie wissen jetzt, auch ohne daß es ihnen ans Fenster gescliri:! en wird, daß sie Juden sind. Wir blättern in alten Jahrgängen der ״Jüdischen Rundschau“ und lesen, was dort zu jüdischen Festen gesagt wurde. Wir drucken einen Aufsatz ab, der vor dreizehn Jahren erschienen ist; er enthält keinen Hinweis auf das Erlebnis von 1933, und doch vielleicht etwas Trostliches, nämlich die Erkenntnis: die wesentlichen Dinge unseres jüdischen Erwachens haben sich nicht verändert, sind nicht veranlaßt von äußerem Geschehen. Worte verhallen, solange es gut geht; erst das Leben mit seiner Unerbittlichkeit zwingt Menschen zum Standhalten, erst der Zorn, der in Blitz und Donner niederfährt. Wenn das Volk gezwungen wird, wie durch ein Faß, das darüber gestülpt wird, dann vermag es zu hören. Und nun wird vielleicht auch das Gefühl für dieses Fest, das wir jetzt feiern, lebendiger werden in den Herzen der Menschen, der Blick über die Jahrtausende wird uns aufrichten. Es gibt nämlich noch eine andere kleine jüdische Volkssage; die erzählt, daß Gott nach dem Auszug aus Aegypten den Israeliten die Thora nicht geben wollte, weil sie von der jahrelangen Knechtschaft und der schweren Fronarbeit verkrüppelt waren. Erst mußten ihre Rücken wieder gerade gemacht werden. —■Herr der Weit, mach unsere Rücken wieder gerade! Erklärung der Reichsvcrhxhing Die ״Reichsvertretung der deutschen Juden“ hat in ihr« Sitzung vom 29. d. M. die nachstehende Erklärung beschlossen: Die deutsche Judenfrage verlangt eh klares Wort der deutschen Juden. Vor dem deutschen Judentum steht das Schicksal, zum Entrechteten In der deutschen Heimat zu werden. In ihrer Ehre getroffen, können die deutschen Juden als kleine Minderhelt Im Deutschen Volke sich nicht verteidigen. Aber es darf ihnen nicht verwehrt sein, ihre Haltung offen und aufrichtig kundzutun. Die deutschen Juden weisen es von sich, als die Anbänger oder Urheber irgendeines ״Systems“ angeprangerf zu werden, während sie in Wahrheit es immer bewiesen haben, daß sie sich jeder staatlichen Ordnung willig und freudig unterordnen, wenn sie ihnen Würde, Arbeit und Freiheit läßt. Die deutschen Juden lehnen es ab, immer wieder auf ihre jahrhundertealte deutsche Kultur zu verweisen, auf ihre geschichtliche Verbundenheit mit deutschem Land und deutschem Geist; sie lehnen es ab, ihre für Deutschlands Ehre gefallenen jüdischen Brüder immer wieder als Zeugen aufzurufen. Die Wirklichkeit der Geschichte spricht für sie, spricht von ihrer Arbeit, ihrem Willen und ihrer Treue. Unsere Ueberzeugung Ist, es erwarten zu dürfen, daß auch die Auseinandersetzung mit uns auf dem Boden des Rechtes und mit Waffen der Vornehmheit geführt werde, daß eine ehrliche Klarheit über unseren Platz und unseren Weg In dem Raume des Lebens geschaffen werde. Eine offene Aussprache mit der Reichsvertretung der deutschen Juden, weiche die Gesamtheit des deutschen Judentums, die Gemeindeverbände und die großen jüdischen Organisationen umfaßt, vermag zu einem Ziele zu führen- Das Wohl Deutschlands erfordert es ganz ebenso wie das der deutschen Juden.