Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 43-44 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- Seite 227 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lehren der Katastrophe Doppelnummer RM 0,40 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. AusUndsaboruuroenta werden in der Wehmut der einzelnen Linder berechn«. Anzeigenpr#»»: 8 gespaltene Nonpiredleteil« 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J1 Bismarck 716570־. AnrcIgensehluS: Dian* tag und Freitag nachmittag* 4 Uhr Postscheck - Konten: Berlin 17392, Basel V 9355. Beinrad 68032, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973. Haar 140 470, Prag 59410. Riga 4155, Straßbure 164 30. Warschau 190708, Wien 156 030. Bank.Konten: Dresdener Bank, Depositen״ Kasse Berlin, Kurlürstendamm 52: Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Paleetin* Co. in Heil», terusalem, Tel-Aviv. Nummer 43/44 | Berlin, 30. V. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ה׳ סיון תרצ״ג | xxxvm. jahrg. Der Zionismus erstrebt für das JQdlsche Volk die Schaffung einer Sffontllch ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.*• Mach unsere Rücken wieder gerade! Das deutsche Judentum der liberalen Aera lebte In bezug auf die Judenfrage in Illusionen; am banalsten kam dies zum Ausdruck in der ״Fortschntts“-Ideologie, die das Axiom aufsteilte, mit zunehmender Zivilisation und Bildung werde auch der Antisemitismus verschwinden. Nach den schweren Erlebnissen, die das deutsche Judentum in den letzten Monaten, und besonders seit dem Tage des ,,gelben Flecks" am 1. April durch machte, sind wohl manche aus ihren Illusi >nen wachgerüttelt worden, aber bei vielen finden wir die Zuflucht in neue Illusionen. Man hofft auf eine Rückkehr zu dem idyllischen Zeitalter, wo man nach der ״Konfession“ nicht fragte, und niemand so ״taktlos“ war, den Juden Juden zu nennen. Neuerdings kann man oft die Hoffnung hören, daß infolge des ungiinstigen Echos, das die deutsche Judenpolitik im Auslarid gefunden hat, Deutschland eine Schwenkung in dieser Siche vollziehen werde; merkwürdigerweise findet man solche Hoffnungen besonders in Kreisen, deren Repräsentanten nach außen hin laut gegen die ״Einmischung des Auslandes in innerdeutsche Augelegeniieiten“ protestieren. Wenn aber, so kann man hören, die Rücksicht auf die Außenpolitik ihre Wirkung getan hat, dann wird alles wieder gut sein, wir werden wieder — wenn auch vielleicht in etwas verminderten! Ausmaß — unsere Gleichberechtigung haben, und dann wird es uns gelingen, das deutsche Volk zu überzeugen, daß es eine Judenfrage nicht gibt und wir nur ״Deutsche jüdischen Glaubens“ sind. Vielleicht haben wir hier den Standpunkt, zu dem wir uns äußern wollen, etwas überspitzt formuliert; aber jeder Jude, der mit Juden spricht, wird wissen, was wir meinen. Und darum sei hier deutlich gesagt: Die Ereignisse dieser Zeit sind kein ״böser Traum“ der Juden, der verschwinden wird. Sie sind ein akuter Fiebcranfall, das Symptom für eine Krankheit, die ״Judenfrage“ heißt. Auch wenn die Fieberkurve sinken, wenn eine Beruhigung eintreten sollte, wird das Symptom vielleicht nicht so sichtbar sein, aber der Krankheit selbst muß man schon mit anderen Mitteln zuleibe gehen. Symptom- Therapie ist die gefährlichste aller Illusionen. Die Juden, die nicht sehen wollen, rechnen auf Verbesserung ihrer Lage durch äußere Ereignisse oder durch andere, die sich ihrer annehmen. Nur auf das einfachste kommen sie nicht: daß sie selbst für sich einstehen müssen, daß es auf sie selbst ankommt. Daß sie als Juden für sich einzustehen haben. In diesem Sinrc kann man das Wort Hillels anwenden: ״Wenn nicht ich für mich bin, wer ist für mich —?“ Und darum gilt es, als Jude die judenfrage anzupacken; die Judenfrage, wie sie wirklich ist, wie sie sich nicht wegdisputieren läßt. Wenn wir uns dazu aufrafften, wir hätten längst auch die Achtung der anderen für uns erzwungen. * Um aber Mißverständnisse zu verhüten, sei etwas vorausgeschickt. Der Nationalsozialismus wird von jüdischer Seite an allerwenigsten einen Rat anzunehmen geneigt sein; daher ist es müßig, die Frage aufzuwerfen, ob es vom Standpunkt des Nationalsozialismus wirklich nötig war, die Position des neuen Deutschland in der Welt durch seine Judenpolitik zu erschweren. Die deutschen Juden bedauern diese Schwierigkeiten auf das tiefste, und gerade wir zionistischen Juden, die stets die Existenz einer Judenfrage b ej a 111 haben, haben ein Recht, dies in aller Offenheit zu sagen. Denn wenn wir es sagen, so ist damit nicht gemeint, daß in dem neuen, auf ganz anderen Grundlagen aufgebauten Staat gerade die Position der Juden im Zustand der liberalen Aera hätte verbleiben sollen. Diese Meinung, die von liberalen Juden vertreten wird, teilen wir nicht Unser geschichtliches Denken verbietet uns, in so kindlicher Weise für uns Juden eine Extrawurst zu verlangen, nur damit wir nicht in unserer Bequemlichkeit gestört werden, während so viele andere umdenken müssen. Aber wir glauben, daß die Umgestaltung des Status der Judenschaft in ganz anderer Weise hätte erfolgen können, wenn der Nationalsozialismus die Judenfrage wirklich so gesehen hätte wie sie ist, und freilich muß man hinzufügen: wenn auch die deutschen Juden die Judenfrage begriffen hätten. Das neue Deutschland hätte, wäre nicht das antisemitische Ressentiment so stark gewesen, eine Lösung finden können, die für den neuen Geist Zeugnis abgelegt hätte. Gerade weil die Hitler-Regierung so stark ist wie keine zuvor, hätte sie die Möglichkeit gehabt, mit Ueberlegenheit und ohne Rücksicht auf Vorurteile diese dornige Sache zu bewältigen. Die Scheidung einer durch Jahrhunderte vollzogenen Symbiose läßt sich aber nicht sturmartig vollziehen; diesen Vorgang müssen die Betroffenen als Unrecht empfinden. Die Schmähung und Diffamierung von Juden und Judentum, gegen die man im Inland nur machtlos und resonanzlos protestieren kann, bringt die Juden in die sch\v־1,׳ste moralische Depression. Wäre den Juden gegenüber nach den Grundsätzen verfahren worden, die der Reichskanzler in seiner Friedensrede für das Völkerleben proklamiert hat, dann hätte der Uebergang zu dem neuen Staatssystem zweifellos für sehr viele Juden noch immer schmerzliche Einbußen mit sich gebracht, aber das Judentum als solches wäre Wir bringen in der heutigen Nummer den zweiten Beitrag von Martin Buber: ״Die Kinder״ Der erste Beitrag, der den Titel führte ״Das Erste‘‘, erschien in Nr. 32 der ״Jüdischen Rundschau“. Diese Beiträge sind als Teile einer Serie gedacht, in der Martin Buber die jüdische Situation in der Krise des deutschen Judentums beleuchten wird. Die Serie wird fortgesetzt. nicht so tief verwundet worden. Deutschlands außenpolitische Position, die aus allgemein bekannten Gründen schwer genug ist, hätte nicht noch eine weltanschaulieh gefärbte Erschwerung erfahren. Darüber hinaus kann es heute wohl als feststehend betrachtet werden, daß Deutschlands Stellung in der Frage der Minderheiten durch eine konstruktive Behandlung der Judenfrage international gefestigt worden wäre. Es ist kein Zufall, daß deutsche Minderheiten-Vertreter, z. B. der nationalsozialistische Abgeordnete Jung in derTschechoslowakei, an die deutsche Regierung in dieser Frage appellierten, und daß man in manchen deutschen Zeihingen anläßlich der üblen Attacken auf den •deutschen Professor Bieter in Ungarn Plädoyers für den Gcdanken der ״Toleranz gegenüber Minderheiten“ lesen konnte, die auch auf die deutsche Judenfrage hätten angewandt werden können. In verschiedenen deutschen Kundgebungen der letzten Tage ist der ״Volkstums-Gedanke“ stark in den Vordergrund gestellt worden. Die Himmelfahrt-Rede des Vizekanzlers von Papen war ihm gewidmet und ein angesehenes deutsches Blatt bezcichnet als den eigentlichen historischen Kern der Reichskanzlerrede die ״Proklamation der Volkstums-Rechte“, die über die französische ״Proklamation der Menschenrechte“ hinausführt. Daß wir Juden unter der Parole dieser großen Gedanken nicht auch eindeutig für uns gleiche Behandlung in Anspruch nehmen können, liegt wohl an der Besonderheit des jüdischen Falls, liegt aber auch an dem Verhalten der Juden selbst, die gar nicht als Gruppe betrachtet sein und nicht als Gruppe 11andein wollten. Sie hielten fest an dem liberalen Prinzip des Individualismus; nur als Individuen, als einzelne ״Deutsche jüdischen Glaubens“ (wobei man womöglich nach dem ״Glauben“ nicht fragen soll), wollten sie im deutschen Leben auftreten. Daher werden sie nicht der Ehre und Achtung teilhaftig, die — nach den Reden von Hitler und Papen — jeder für sich einstehenden, andere nicht angreifenden Gruppe gebührt. * Die Judenfrage von jüdischer Seite furchtlos anzupacken, ist der Sinn des Zionismus. Der größte Teil der deutschen (!Öffentlichkeit und besonders dl: jetzt erst im politischen!.eben aktivierten Massen haben nicht die leiseste Vorstei- 1 u n g, was Zionismus eigentlich ist. Man liest in Zeitungen das Wort ״zionistisch“ mit einem besonders ge-!lässigen Klang, man verbreitet in allen möglichen Formen den Unsinn der ״Geheimnisse der Weisen von Zion“, eines im Anschluß an ein 1S63 erschienenes französisches Pamphlet zusammengefälschten Machwerkes; sonst hört der deutsche Durchschnittsleser kaum etwas von der Wirklichkeit. Der Zionismus ist diejenige jüdische Bewegung, die ausgeht von einer illusionslosen Diagnose der Judenfrage und statt des Symptoms die Krankheit selbst kurieren will. Darum wendet er sich gegen jene Juden, die die Judenfrage verschleiern wollen und in der Meinung, sich zu retten, das Uebel nur vermehren. Seine Idee war: im Einvernehmen mit den nichtjüdischen Völkern die Judenfrage zu regeln. Der Zionismus erkennt die tieferen Gründe des Antisemitismus, der von ihm nicht als Bosheit und Dummheit der anderen Völker betrachtet wird, sondern in seinen geschichtlichen Zusammenhängen als ein Ergebnis der abnormalen Lage des jüdischen Volkes. Der Zionismus will, daß von Juden und Nichtjuden über die Judenfrage sachlich und leidenschaftslos geredet wird, und seine Hoffnung war, daß die Völker ihm bei seiner Anstrengung helfen werden. Zionismus heißt nicht: sich abfinden mit dem Antisemitismus, heißt vielmehr schärfste B c k ä m p f u 11 g des Antisemitismus, aber auf wirksame Weise. Es ist keine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus, wenn man die Bedeutung des Judeseins bagatellisieren will. Eine wi.ksame Bekämpfung des Antisemitismus ist nur der Aufbau eines Judentums, das durch seine Existenz so stark für den jüdischen Namen zeugt, daß alle Schmähungen zuschanden werden. Dieses neue Judentum zu schaffen, ist die Aufgabe, der wir uns zu unterziehen haben. Es ist eine harte Arbeit an uns selbst und unserem eigenen Volkskörper, in geistiger ebenso wie in ökonomischer, in sozialer wie in kultureller Beziehung. Dazu bedarf es freilich gewisser äußerer Voraussetzungen; sie uns zu schaffen, das ist es, was wir von den Völkern verlangen können, es ist das Minimum an fair p 1 a y. In der großen Juden-Debatte im englischen Unterhaus am 13. April 1933 sprach der frühere High Commissioner von Palästina, Sir Herbert Samuel, von der Aufnahmefähigkeit dieses Landes für deutsche Juden und fügte hinzu: ״Wenn ich an den Typus der jüdischen Bevölkerung denke, den ich dort auf dem Lande arbeitend vorfand, wenn ich an diese jungen Männer beim Pflügen, Graben, Pflanzen, Säen denke, die schwitzend in der Sonnenhitze Hunderte von Meilen aus Wüste in Gärten verwandelt haben, wenn ich an die herrlichen jungen Frauen, die ich dort sah, mit ihren klugen Gesichtern und ihren furchtlosen Augen denke, wenn ich denke an die Abende in diesen Siedlungen, wo die jungen Leute sich zu Musik oder Vorträgen und Diskussionen über Politik, Religion, Wirt- Schaft und Philosophie versammelten, wenn ich sehe, wie dort eine Gemeinschaft aufwäcitsl, die zeigt, was Juden unter den Bedingungen von Freiheit und Unabhängigkeit leisten können, dann kommt mir besonders kraß zum Bewußtsein, welche Verzerrung der nationalen Merkmale der Juden in manchen Schriften der antisemitischen Literatur Deutschlands gegeben wird.“ Nicht durch Worte, nur durch lebendige Taten werden wir den Antisemitismus ausrotten. Der neue Typus des jüdischen Menschen wird es sein, der über den Antisemitismus schließlich triumphiert.