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Jüdische Rundschau · 1933-05-23 · Heft 41 (23.5.1933) · p. Seite 216

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 41 (23.5.1933)
Date
1933-05-23
Page
Seite 216 (sequence 4)
Language
German
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Seite 214 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 23. V. 1933 Was Kann Palästina den deulsdien Juden bieten? Aeußerungen von Dr. Ch. Arlosoroff, Mitglied der Palästina-Exekutive der Jewish Agency Wir haben die Berliner Anwesenheit von Dr. Chaim Arlosoroff, Mitglied der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, der auf der Durchreise von London sich hier aufhielt, dazu benutzt, um ihm eine Reihe von Fraßen vorzulegen, die sich auf die direkte Hilfe und Mitwirkung beziehen, die Palästina in der Krisis der deutschen Judenheit bieten kann. Es handelt sich hier nicht um die Ab- Schätzung des ideellen Wertes des Palästinagedankens für das Judentum, sondern um die praktischen Maßnahmen, die sofort in Angriff genommen werden können, ln dieser Richtung bewegte sich die Frage, die wir an Dr. Arlosoroft stellten. Antwort: Ich will versuchen, Ihnen in ein paar Strichen die Grundlinien eines Planes vorzuzeichnen. Dieser Vcrsuch stellt nicht anderes dar als eine Reihe von Schlußfolgerurigen, die sich mir aus meinen Eindrücken in Deutschland und Besprechungen mit Freunden aufgedrängt haben. Dieser Plan bedürfte selbstverständlich der Bestätigung durch die Exekutive der Jewish Agency und anderer mit diesen Aufgaben beschäftigten Instanzen. Ich will mich dabei gar nicht auf die theoretische Dis• kussion cinlassen. oh Palästina ״die Lösung“ für die deutsch-jüdische Situation darstellt. Ich kenne kein großes soziales und ökonomisches Problem unserer Zeit, für das es eine ״Lösung“ gibt. Ls soll aber nicht außer acht gelassen werden, daß Palästina, im Gegensatz zu manchen anderen Plänen, keine ״Zwischenlösung", kein ״Nachtasyl“ ist. Das, was wir im Lande tun können, hat die Gewähr der Dauer und vollzieht sich in einer Atmosphäre der eigenen Leistung und der jüdischen Selbstbestimmung, die eben docli kein anderes Land der Welt uns je zu bieten hat. Wieviel wir dabei erreichen können, hängt wesentlich auch von Planung und Organisation ah. Diese Planung sollte meiner Ansicht nach, sich auf ein Programm über mehrere Jahre, sagen wir einen Drei- oder Vier-jahresplan, erstrecken. Um einmal zunächst bei einer ״nichtökonomisdien“ Aufgäbe anzufangeii, die dennoch die Gehirne von vielen tausenden jüdischer Eltern in Deutschland bewegt: der Kind e r f r a g e . W'as kann Palästina planmäßig für die Erziehung jüdisch«r Kinder aus Deutschland leisten? Von den Einzelfiallen abgesehen, wo Eltern ihre Kinder in eine der städtischen Schulen in Palästina schicken werden, während sie in einer befreundeten oder verwandten Familie Unterkommen, sehe ich drei Formen, in denen jüdische Kinder aus Deutschland zum Zwecke ihrer Erziehung in Palästina untergebracht werden können: a) Internat, b) Siedlungsschule, c) Schul-Siedlungen. In den Internaten (wie z. B. der hebräischen Realschule in Haifa) ist alle:! Erweiterungspinnen zum Trotz der Raum fest umgrenzt. Außerdem sind die Internate nicht billig, werden sich aber dennoch wahrscheinlich rasch füllen. Dafür sollte es aber möglich sein, gegen geringeres Entgelt etwa 6fX)—700 Kinder in den Schulen der Siedlungen unterzubringen. Man sollte heute in En Charod, Befh Alpha oder auch Nahalal die Schulen bedeutend erweitern können, wenn die Eitern der Kinder ihre Verpflegung (die in den landwirtschaftlichen Siedlungen nicht kostspielig ist) und ein Schulgeld entrichten. Die Hauptschwierigkeif dabei liegt meines Erachtens in der angemessenen U nt e r b ri n g 11 n g der Kinder. Dafür werden in diesen Siedlungen brauchbare Gebäude schnell errichtet werden müssen. Alles das kann bei sachgerechter Organisation so rasch erledigt werden, daß keine Verzögerung in der Ueberfülirung der Kinder in die palästinensischen Siedlungsschulen ein- 7ufreten braucht. Demgegenüber brauchen besondere Schul- Siedlungen (nach dem Muster des Kitiderdorfcs Ben Schemen) größere Auslagen und eine kompliziertere finanzielle Organisation. An und für sich aber ist nicht einzuschen, warum nicht .nur Ben Schemen nicht noch bedeutend erweitert werden soll, sondern warum Ben Schemen nicht mit zehn multipliziert und in zehn neuen Schulsiedlungen für 2000— 3000 Kinder Platz geschaffen werden kann. Diese Schul-Siedlungen oder Kinderdörfer, wo unsere Jugend in einer eigenen Gemeinschaft, in Freiheit und dem Roden und der Arbeit nahe aufwächst und mit ihren Erziehern lebt, sind ja keine Profitunternchmungen, die von MnrktvorlüiltnUscn und Rentabilität abhängig sind. Sie brauchen die finanziellen Zuschüsse, die jedes Erziehungswerk dieser Art braucht. Es hängt alles nur vor! den Fonds ab, die für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden, um festzustellen, wo die Grenze für die Entwicldungsmöglichkeit solcher Schul-Siedlungen liegt. Dagegen wäre es notwendig, sofort mit der Palästina-Regierung in Unterhandlungen einzuirefen, um die Prozedur der Ueberführung von Kindern der Schulalter nach Palästina zu erleichtern. Ich zweifle nicht daran, daß, wenn die Jewish Agency, in deren Schulen ja auch bisher etwa 25 000 Kinder erzogen worden sind, ein solches Schulwerk für 3000 —4000 Kinder aus Deutschland zu organisieren unternimmt, sie bei der Regierung auf Verständnis und Unter- Stützung rechnen kann. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß in allen Schulen der Kategorien, von denen ich gesprochen habe, nicht auf Buchwissen allein gesehen werden wird, sondern daß ihre allgemeine Richtung auf die Arbeit, ein Leben in handwerklichen oder garten- und landwirtschaftlichen Berufen gehen wird. Die nächste Frage, die zu dein im eigentlichen Sinne ökonomischen Teil des Plans überleitet, ist die sogenannte Umschichtungs-Frage. Sie berührt im wesentlichen die Altersklassen von 17—22 Jahren. Sie geht vor allem die älteren Gymnasiasten an, die den Plan aufgegeben haben, die Universität zu besuchen, die jüngeren Studenten, die zu der späten Erkenntnis gekom• men sind, daß cs sinnios ist, heute Medizin oder Jura odet Literatur weiter zu studieren, die jüngeren kaufmännischen Angestellten, die ihre Betriebe haben verlassen müssen. Für sie alle ist heute die Frage der Berufs Umschichtung ein dringendes Lebensproniem. Nun fragt es sich sehr, ob in größerem Maßstab auch das Problem der Berufsumschichtung in Deutschland oder in den Nachbarländern Deutschlands gelöst werden kann, ich glaube cs nicht. Wenn es sich darum handelt, auch nur einige Tausende der Menschen dieser Altersklasse heute in Arbeitsberufe iiberzuführeii, so weiß ich nicht, ob und wo man Plätze dafür hier wird finden können. Seihst in dem weit begrenrteren Ausmaß, in dem die Hechaluz- Organisation für ihre Hachscharah Bauernstellen sucht, ist die Aufgabe heute nicht ganz leicht. Daraus komme ich zu dem Schluß, daß wir soweit als möglich die Hachscharah, den Anpassungsübergang an manuelle Arbeit selbst nach Palästina verlegen müssen. Um das für eine solche Zahl von jungen Menschen tun zu können, die bisher der manuellen Arbeit überhaupt ferngestanden haben, ist es nötig, besondere Uebcrgangsformen der Umschichtung zu finden. Das ist wieder im wesentlichen eine Organisationsaufgabe. Wir sollten diese Menschen in besonderen Abteilungen zusammenfassen, die planmäßig zunächst etwa für ein Jahr an öffentlichen Arbeiten volkswirtschaftlich nützlichen Charakters beschältigt werden und sich im Laufe dieses Jahres an manuelle Arbeit, an das Klima des Landes, die hebräische Sprache und die allgemeinen Lebensbedingungen des Arbeiters anpassen würden. Sie würden in Arbeiten bei Straßenbau, Aufforstung, Drainageund Bewässerung sanlagen u. dgl. beschäftigt werden. Am Ende des Jahres würden sie je nach Eignung in die eigentlich fachliche Arbeit entweder zur Beschäftigung durch Pflanzer in den Orangenkolonien oder in die städtischen Arbeitsberufe übergeleitet werden. Man könnte dies einen ״Arbeitsdienst“ nennen. Es handelt siel! vor allem um eine Umschichtungs-Organisation (״Irgune Hachscharah“). Die Kosten einer solchen Arbeits-Organisation, die zwar volkswirtschaftlich produktiv, aber nicht unmittelbar rentabel ist, würden sich meiner Berechnung nach bei einer jährlichen Rekrutierung von 3000 auf etwa 60 000 Pfund belaufen. Ueber ein derartiges Projekt müßten allerdings besonderc Verhandlungen mit der Palästina-Regierung in Angriff genommen werden, insofern als diese Arbeitsabteilungeil in keinem Falle in die reguläre Arbeiterei!!Wanderung eingerechnet werden dürften. Es ist ja gerade ein charakteristisches Merkmal eines solchen ״Arbeitsdienstes“, daß er den normalen Arbeitsmarkt überhaupt nicht berührt. Die Palästina- Regierung müßte dem Rechnung tragen, daß es für die jüdische Jugend heute diese bittere Notwendigkeit der Berufs- Umschichtung gibt, für die sie besonders zu sorgen imstande ist. Erst in dem Augenblick, wo die ״umgcschichteten“ Arbeiter aus den Lagern in die Kolonien oder Städte überführt werden würden, würden sic in die Arbeiterstatistik eingerechnet werden und auf diesem Wege der Kontrolle der Arbeitereinwanderuug durch die Regierung unterworfen sein. Die Regierung dürfte meines Ermessens einem solchen Plan 2ustirnmen, wenn die Jewish Agency durch Fonds, die ihr zur Verfügung gestellt werden, in die Lage versetzt wäre, ihrerseits die Garantie für den Unterhalt der in den Lagern beschäftigten jungen Menschen zu übernehmen. Heute, wo viele Hunderte von ihnen an die Türen der Palästina-Beratungsstellen klopfen, gibt cs keinen Ausweg für sie, da die Arbeiterzertifikate soweit als möglich für Chaiuzim und fachlich bereits qualifizierte Kräfte reserviert sein müssen. Was nur! die eigentiiehen kolonisatorischen T eile des Programms anbetrifft, so möchte ich zunächst einige Anmerkungen zum Punkt landwirtschaftliche Sledlungsmögllchkeiten machen. Wenn wir von sehr großen und etwas vagen Projckten absehen, deren Durchführung und Vorbereitung längere Zeit in Anspruch nehmen würde, zum Teil auch mit der Er- Werbung von Konzessionen und dem Abschluß politischer Vereinbarungen verbunden ist, so glaube ich, die Situation so zusammenfassen zu können, daß ohne lange Verzögerung etwa 85 000—90 000 Dunam bewässerbaren Bodens für intensive Kolonisation teils in unseren Händen sind, teils ohne langen Aufschub erworben werden können. Das gäbe Raum für etwa 4000 selbstarbeitende Kleinsiedlerfamilien. Ehe Kosten solcher landwirtschaftlichen Siedlungen sind von Ruppin (siehe ״Jüdische Rundschau“ Nr. 32 d. J.) bereits mitgeteilt worden. Sie werden hier zum großen Teil aus den privaten Mitteln der Einwanderer aufgebracht werden können. Wenn dagegen das Kapital zum Erwerb des Bodens dem Jüdischen Nationai-Fonds zur Verfügung gestellt wird, so werden die Ansiedler von der überflüssigen und schweren Bürde der Bodenkosten entlastet, so daß sie alle ihre Mittel zum Ausbau ihrer Wirtschaft vcrwenden können. Was bedenklicher ist, ist, daß so wenige der jüdischen Familien mit auch nur einem 1000-Pfund-Kapital irgendwelche Arbcitserfahrung in der Garten- und Landwirtschaft im allgemeinen und intensiven bewässerten Betrieben im besonderen besitzen. Die Schwierigkeiten einer sachgerechten Führung eines solchen Betriebes werden im allgemeinen unterschätzt. Die Aussichten sind dabei wohl am besten für Leute, die Kinder im arbeitsfähigen Alter mitbringen. Die übrigen werden wohl kaum ohne Lohnarbeit auskormnen. Das erfordert aber wiederum eine größere Boden fläche, um die Hilfsarbeit bezahlt zu machen und deshalb größere Auslagen. Wenn die öffentlichen Mittel ausreichen, so wird es auch in der Zukunft, wie in der Vergangenheit, die Ansetzung junger Arbciter, die im Laufe einer Reihe von Jahren sich Arbeitserfahrungen haben erwerben können, geben. Dieser Typ des Siedlers scheint mir für den intensiven Betrieb auf der Grundlage der Selbstarbeit noch immer die größten Erfolgschancen zu besitzen. Hier sollte der Plan von Ing. Rutenberg, der die Schaffung einer Palcstine Development Corporation mit einigen Millionen Pfund Aktienkapital als Siedlungsgesellschaft vorsieht, in den Rahmen des gesamten Programms eingegliedert werden. Was die industriellen Möglichkeiten anbetrifft, so ist es da wohl am schwersten, den konkreten Umfang des praktischen Programms vorauszubestimmen. Die Möglichkeiten sind zu mannigfaltig und von der persönlichen Initiative und Anpassungsgabe des Einzelnen abhängig. Keine zentra'.e Planstelle wird jemals das erfinderische Talent des Einzelnen, der sich eine Existenz auf der Grundlage gewerbiieher Unternehmung in Palästina aufbauen will, ersetzen können, Ich habe ia diesen Tagen Pläne gesehen, die oft bis Ins Detail durchgearbeitet waren, von Reißverschluß-Fabrikation, bis zur Erzeugung von Gebrauchsporzellan und Baccalitgegenständen, die weit jede ״behördliche“ Phantasie übersteigen und dennoch, wie meine Kenntnis der Marktbcdingungen in Palästina und seinen Nachbarländern mir sagt, durchaus nicht ins Reich der Phantasie zu verweisen sind. Wir dürfen niemals vergessen, welche Zähigkeit die kleinen und mittleren Industrien schon bisher in Palästina gezeigt haben, und welche geradezu erstaunliche Absorptionskraft für Arbeit sie repräsentieren. Ich weiß nicht, ob man beachtet hat, daß Tel-Awiw allein in seinen Gewerben für das ganze Jahr eine mehr oder minder fest beschäftigte Arbeiterschaft aufgenommen hat, die nicht viel kleiner ist als die der ganzen Orangenzone zusammen. Es gibt in den Piantagenkolonien heute etwa 15 OCX), in Tel-Awiw etwa 12 000 jüdische Arbeiter. Was jedoch in diesem Bereich meiner Meinung nach unbedingt erforderlich wäre, ist eine spezielle Stelle, die einige Funkfionen erfüllen müßte, die mir von sehr großer Bedeutung scheinen. Die erste wäre, Industrieprojekte, die praktisch vor der Ausführung stehen, zu registrieren und Interessenten mW sachlirh verwandten Projekten miteinander in Verbindung zu bringen, um ein nutzloses Nebeneinander und Gegeneinander zu vermeiden und die Pläne soweit als möglich zu koordinieren. Die zweite Funktion wäre, für bestimmte Projekte, die größere Investitionen brauchen, die Kapitalien mehrerer Personen zu kombinieren. Die dritte wäre, Menschen mit Kapitaiien und Menschen init Plänen in Verbindung zu bringen. Ich kenne eine Anzahl von praktisch durchaus brauchbaren Vorschlägen, die daran scheitern, daß die erforderlichen Mittel nicht voll vorhanden sind, während auf der anderen Seite es viele Menschen gibt, die nach Anlagemöglichkeiten fragen, ohne von diesen Plänen zu wissen. Diese Stelle sollte am besten mit einem Palästinenser mit Wirtschaftserfahrung besetzt werden. Ein allgemeiner Zusatz: industrielle Untcrnehmutigen in Palästina sollten nur dann in großem Maßstabe begonnen werden, wenn ihre Kapitalkräftigkeit siciicr verbürgt ist. In jedem anderen Falle ist es gesünder, von unten aufzubauen. Ais der gefülirdefste Typ der Unternehmungen hat sich in unserer Praxis derjenige erwiesen, der einerseits sich so schwer mit allgemeinen Geschäftsunkosten belastet, daß er sofort auf größere Umsätze angewiesen ist, andererseits aber nicht kapitalkräftig genug ist, um durchzuhalten, bis er sich seinen Markt erarbeiten konnte. Das führt mich geradenwegs auf eine Frage, die ich für eine zentrale Frage im Zusammenhang mit der ganzen deutschjüdischen Situation halte. Das ist die Frage der Liquidation derjenigen deutsch-jüdischen Vermögenswerte, die den Auswanderern gehören. Solange wir um dieses Abwickiungsproblem herumgehen, haben wir für eine beträchtliche Anzahl von Mensciien, deren Vormögen größer ist als das im Rahmen der geltenden Devisen- Bestimmungen den Auswanderern gewöhnlich bewilligte, keinen Ausweg. Nach einer ziemlich vorsichtigen Schätzung haben bei den Palästina-Beratungsstellen in Berlin und in der Provinz 1m Laufe der letzten zwei Monate etwa 40000 Einzelne und Familien nach Palästina gefragt. Wenn auch mir ein Teil von ihnen letzten Endes nach Palästina gehen wird, so zeigt diese Ziffer deutlich, mit welcher Schärfe das Wanderungsproblem besteht. Es ist unsinnig, darüber hinwegzusehen oder anzunehmen, daß es ohne ein Abkommen mit der deutschen Regierung gelöst werden kann. Es ist ein Erfordernis des fair play, denjenigen Juden, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen sich eine Chance außerhalb Deutschlands suchen müssen, ihr Vermögen zu lassen, das ihnen diese Zukunft sichern kann. Aber es ist klar, daß Deutschland seine Währungs- und Devisenposition keiner Spannung aussetzen wird, um den Juden besonders entgegenzukommen. Ein Ausweg kann nur so gefunden werden, daß ein Ausgleich zwischen den Interessen geschaffen wird. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es sollte möglich sein, zu einem Abkommen zu gelangen, das die für die Palästina- Wanderung freigegebenen Vermögen durch deutsche Warenexporte nach Palästina aufwiegt. Es wäre vielleicht möglich, eine Treuhand- G e s e 11 s c h a f t ins Lehen zu rufen, an der das Reicli direkt beteiligt wäre, an der sich auch andere europäische Interessen beteiligen könnten, die die langsame Abwicklung der betreffenden Vermögenswerte auf sich nehmen könnte, während ihre Pfandbriefe schon jetzt von palästinensischen und etiropäischen Banken bis zu einer gewissen Grenze beliehcn werden könnten. Ein Garantiefonds, von den öffentlichen jüdischen Institutionen geschaffen, könnte diese Beleihungsgrenze so hoch als möglich treiben. Vielleicht sind diese Vorschläge mit großen Schwierigkeiten belastet, vielleicht gibt es andere einfachere. Auf jeden Fall kann man nicht darum hcrumkommen, einen Ausweg zu finden. Dieser Ausweg kann nur in Verhandlungen mit der Regierung gefunden werden. Ich bin überzeugt,'daß die öffentliche Meinung der Welt diese Verhandlungen mit großer Aufmerksamkeit und Sympathie verfolgen wird und in einer den Interessen aller Beteiiigten gerechten Lösung einen wichtigen Fortschritt auf dem Wege zu einer konstruktiven Behandlung der Judenfrage in Deutschland erblicken wird. Diese wenigen Grundlinien des auf Palästina eingestellten Arbeitsplans berühren nur sofort in Angriff zu nehmende dringliche und praktisch durchführbare Aufgaben. Sie sind im Laufe des gegenwärtigen Jahres in Angriff zu nehmen und auszuführen. Sie stellen sozusagen die erste Jahresrate des Drei- oder Vier-Jahresplans dar. Ob das damit zu Erreichende ״groß“ oder ״klein“ ist, kann man ruhig einem späteren Urteil überlassen. Wenn, wie einmal gesagt worden ist, die Welt vom jüdischen Standpunkt heute in zwei Kategorien von Ländern zerfällt, nämlich in solche, aus denen die Juden auswandern müssen und in solche, in die sie nicht einwandern können, so ist Palästina froh und stolz, so viel oder so wenig geben zu können, wie es geben kann. Was an öffentlichen Mitteln zur Durchführung des Plans notwendig ist, wird von dem Palästina-Hilfswerk aufgebracht werden müssen, das heute unter der Führung von Dr. Weizman n im Auftrage der Exekutive der Jewish Agency organisiert wird. Eine

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