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Jüdische Rundschau · 1933-05-16 · Heft 39 (16.5.1933) · p. Seite 202

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 39 (16.5.1933)
Date
1933-05-16
Page
Seite 202 (sequence 4)
Language
German
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Seite 200 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 39, 16. V. 1933 Erziehung zum JudentumI Von L. Marx, Cannstatt. Wtr gehen den folgenden Anschauungen Raum, auch wenn wir mehl tn allen Einzelheiten der Beurteilung und derTak• tik mit ihnen übereinstimmen. Red. Die nationale Revolution bringt, wenn nicht alle Zeichen trügen, etwas zuwege, worum Jahrhunderte vorher vergeblich gerungen hatten: die deutsche Einheit. Daß sie von der Ueberzeugung lebt, dieses Ziel nicht anders verwirkliehen zu können, als unter vollständiger Ausschaltung des jüdischen Elementes, von den! ihr nur die eine, die liberalistisch-assimüatorische Wesensseite bekannt zu sein scheint, das ist für uns Juden eine Tatsache, die uns schwer trifft, an der wir aber nichts ändern können. Ein Bau, in dem viele von uns so sicher und zufrieden wohnten, als sei er unzerstörbar, ist in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus, Vorbei sind die Zeiten der ״Abwehr des Antisemitismus“, vorüber das glaubensarme Staatsbürgertum ״jüdischen Glaubens“. Aber glauben und sich wehren ist heute nötiger als je. Jetzt muß cs sich erweisen, ob wir die Kraft haben, uns zu wehren um unseren Lebensraum. Jetzt wird es sich zeigen, ob unser Glaube stark genug ist, um ein neues echteres Judentum aufzubauen. Die beiden Gruppen, die der neuen Entwicklung standzuhalten vermögen, ohne jn ihren Grundfesten erschüttert zu sein, sind die Gesetzestreuen und die Zionisten. Säe haben beide jene Bindung an das Metaphysische, an deren Fehlen der Liberalismus wie der historische Materialismus jüdischer Spielart zugrunde gehen müssen. So sind jene Gruppen die berufenen Führer in di« neue Zeit. Aber diese Berufung legt eine starke Verantwortung auf, und über diese wäre heute einiges zu sagen. Die i 11 n e r j ü d i s c!1 e n Auseinandersetzung gen haben heute zu schweigen. Die Zeit des Oegeneinanderrechthabenwollens ist vorüber. Ls sind viele unter uns, die umlernen müssen, und das Umlernen soll man einander nicht schwer, sondern leicht machen. Man soll einander Brücken bauen. Es geht nicht an, daß jede Verkleinerung oder Mißdeutung der einen Seite von der anderen Seite her sofort registriert und abgekanzelt wird. Ls ist nicht erlaubt, einander von vornherein den guten Willen ab/uspredicn. Niemand kann aus seiner Haut heraus — aber wenn wir wissen, daß wir uns alle ״häuten“ müssen, werden wir einander viel helfen können. So ist es nicht, dnii im Zionismus als solchem schon die Rettung des deutschen Judentums beschlossen läge. Er hat den Weg gezeigt, hat jüdisches .Selbstbewußtsein neu geschaffen, hat rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt; er ist der Träger eines Organs, das sich in der Feuerprobe dieser Zeit so glanzend bewahrt hat und für das deutsche Judentum so entscheidend wichtig geworden ist, wie die ״Jüdische Rundschau־'. All das sind große und unbestreitbare Verdienste. Aber auch er ist das Kind seiner Zeit, auch in ihm sind Tendenzen jener Art lebendig, die von der neuen Ent- Wicklung weggefegt worden ist. Es gibt einen Zionismus, der das Land im weitesten Sinn, d. 11. die Vcrknüpf u n g d es äußer «.< 11 I) a s e i n s des Volkes mit dem Lande, in den Mittelpunkt seiner Bestrebungen setzt; der die ״beste aller denkbaren Welten“ uns eben in diesem besonderen Land für dieses besondere Volk verwirklicht sehen will. Und es gibt einen anderen Zionismus, dem es um das Volk geht — um seine Bewährung, um die Verwirklichung des in die Seele des V o I - kes gelegten Auftrags. Auch sein Streben zielt auf das Land, aber auf das Land als Halt und Heimat des Volkes, das im Blick auf diese Heimat erst wieder neu geschaffen werden muß. Wäre der Zionismus nur in seiner einen Wesensseife lebendig, so würde auch er den Stürmen dieser Zeit nicht standhaften, obwohl — oder vielleicht gerade weil vielfach Juden, die den Zionismus bisher scharf bekämpft haften, sich in dieser Form am ehesten mit ihm befreunden werden. Vielleicht sind es diese, von denen gesagt ist, sie wollten den Zionismus bagatellisieren. Sie könnten es nicht, wären sie nicht verwandten Geistes. Aber der andere, der wirkliche Zionismus, der ein Glaube ist, lallt sich nicht verkleinern, geschweige denn vernichten; der ein Glaube ist — der Glaube an das Volk. Auf ihn, und nur auf ihn kommt es an. Nur auf ihn, wenn die andere Gläubigkeit, die der Ort hod o x i e, den Anruf der Zeit nicht versteht und sich abseits hält, S o n d c r u n g i n «IcrSonderu!1 g, wie immer bisher. Aus dem Glaube n an das Volk wollen Deutsche das Deutschtum erneuern. Wie sie das anfassen, ist ihre Sache. So schmerzlich uns manche ihrer Maßnahmen in ihren Auswirkungen auch treffen — es bleibt eine Einwirkung von außen. Innen ist der Glaube an unser Judesein. Aus ihm — aus dem Glaub e n an das Volk werden Juden das Judentum erneuern! Und mm wollen wir — dieser Ruf will auf allen Seiten gehört werden — nicht mehr Länger von unseren Scheidungen sprechen! Was haben vor dem Orkan, der an uns rüttelt, all unsere Ismen noch für einen Sinn, unsere Liberalismen, Sozialismen, Internationalismen und Zionismen in 25 fein ausgeklügelten Spielarten? Wir wollen ihnen ein sanftes Grab graben! Sie werden der Nährstoff sein, aus denen der eine lebendige, starke und doch biegsame Baum wächst, der alle Stürme überstehen wird, das Judentum. Ihn zu pflegen und zu stärken, das wird — nicht zu reden von den selbstverständlichen Pflichten der Tagesarbeit und des Broterwerbs, die nur bisher viel zu sehr in den Mittelunkt des Daseins gerückt waren —, die künftig jedem uden aufgegebenc Forderung sein. Der einzige Weg aber, auf dem es gilt, diese einzige Pflicht auszuüben, heißt — Erziehung. Selbsterzieh u n g, Erziehung der Jugend, Erziehung der Erzieher — Erziehung der Seele, des Körpers, der Hände — Erziehung zur Ehrfurcht, zum Glauben, zur Treue und zu echtem Wis״ sen — Erziehung zur Wehrhaftigkeit der Hand und des Herzens — Erziehung zur Einheit unter uns, zum Verstehen der Umwelt und zur rechten Mischung zwischen Stolz 1111c! Demut — in einem Wort: Erziehung zum Judentum... . Wir dürfen es als ein Geschenk des Schicksals begrüßen, daß uns Juden nur diese einzige Aufgabe gestellt ist unter Ausschluß alles Politischen, alles Wirkens nach außen. Wir haben es schwerer, zu atmen, das Dasein zu fristen — die anderen haben es schwerer, sich vor der Fülle der Forderungen und ״Umschaltungen“ zurechtzufinden und vor dem Forum der Geschichte gerecht zu bleiben. — Und der Zionismus? Soll er auch hier bagatellisiert werden, weil ihm keine besonderen Aufgaben zugewiesen sind? Nichts weniger als das. Aber uns scheint, die Zeit seiner Eigenlebigkeit sei vorüber, jetzt, da er, einmündend in den großen und lebendigen Strom des Judentums, sich von selbst versteht. Zion wird gebaut werden im Volk und aus dem Volk. Ist das Volk erst reif, so wird es sieh dem Land, seinem Land, von selbst eintun. Völkerbnodsaktlon für Palästina gefordert New York, 9. Mal. (J.T. A.) ln einer Versammlung der amerikanischen Mitglieder des Councils der Jewish Agency wurde eine Resolution gefaßt, in der die Exekutive der Jewish Agency aufgefordert wird, sich an die Mandatarmacht mit dem Verlangen zu wenden, einer größtmöglichen Zahl von Juden, die in letzter Zeit gezwungen waren, ihre bisherige Heimat zu verlassen, die Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen. Die amerikanische Regierung wurde ersucht, gemeinsam mit dem Völkerbund ein Programm für eine internationale Hilfsaktion zugunsten der deutschen Juden nach dem Muster der vom Völkerbund bei früheren Gelegenheiten eingeleiteten Aktionen zur Repatriierung verschiedener Volksstämme aufzustellen. Insbesondere solle dem Völkerbund die Aufgabe gestellt werden, eine Kommission einzusetzen, die zur Durchführung der Kolonisation jüdischer Flüchtlinge in Palästina bevollmächtigt sein soll. m Der WaadLeum! (Nationalrat der Juden Palästinas) hat am 10. Mai in einer Sitzung unter Hinzuziehung von Delegierten der Gemeindevorstehungen jüdischer Städte und Ortschaften beschlossen, von der Mandatarmacht nachdrücklich die Gewährung freier Einwanderung für Juden aus Deutschland zu fordern. Der Waad Leumi hat ferner einen Aufruf an alle Völker erlassen, in dem diese unter Hinweis aut die Lage der deutschen Juden aufgefordert werden, mitzuhclfen. daß die Errichtung des jüdischen Nationalheims verwirklicht werde. An den Völkerbund wird appelliert, eine internationale Anleihe zwecks Durchführung einer großzügigen Kolonisation deutscher Juden in Palästina autzulegen. AgcncyKonlerenz ln New York New York, 14. 5. (J. T. A.) Der ehemalige Präsident des Board of Deputies und Vorsitzende des Councils der Jewish Agency, O. E. D’Avigdor Golds mid, erklärte in New York in einem Gespräch mit dem JTA.-Berichterstatter, der Zweck seiner Reise in die Vereinigten Staaten sei, Beratungen mit einigen seiner amerikanischen Freunde, betreffend die Fortsetzung und Beschleunigung des Palästina-Aufbaus unter besonderer Berücksichtigung der Lage der Juden in Deutschland abzuhalten. Gleichzeitig mit D’Avigdor Goldsmid, der hei seiner Ankunft von Felix M. War bürg und vom Generalsekretär des Joint Distribution Committee C. Hyman begrüßt wurde, sind Dr. H e x t e r und Leib J a f f e, der sofort nach Kanada weiterreist, in New York cingetroffen. Der Ehrenvorsitzende des Agency-Councils, Felix M. Warbtirg, und die stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Cyrus Adler und Stephen Wise haben alle ordentlichen und stellvertretenden Mitglieder des Agency- Councils zu einer Besprechung mit Goldsmid eiiigcladen. Bei dieser Gelegenheit wird Dr. Hexter über den gegenwärtigen Stand des Palästina-Werkes referieren. ln aller Kürze Die Exekutive der Zionistischen Weltorganisation kündigt offiziell die Einberufung des 18. Zionistenkongresses für den 16. August an. Die Verhandlungen über die Wahl des Kongreßortes sind noch, nicht abgeschlossen. In Jaffa ist der Dampfer des Lloyd Triestino ״Martha Washington“ mit 1200 Passagieren, darunter sehr vielen Ein- Wanderern und Touristen aus Deutschland, eingetro'ffen. Unter den Einwanderern befinden sich viele Aerzte, Ingemenre und andere Intellektuelle. Die Palästina- Regierung hat beschlossen, die Zuschüsse f ii r die jüdischen Institutionen in Palästina, einschließlich des hebräischen Schulwerks, im Finanzjahre 1933/34 um 16 000 Pfund zu erhöhen. Von diesem Betrag sind 6000 Pfund zur Erhöhung der Subvention des jüdischen Schulwesens bestimmt. Im Rahmen der Chicagoer Weltausstellung wird am 3. Juli ein ״Jüdischer Tag“ veranstaltet werden, an dem zahlreiche jüdische Organisationen ihre Jahresvcr- Sammlungen in Chicago abhalten werden. An den Eröffmmgsfeierlichkeiten soll u. a. Dr. Chairn Weizmann teilnehmen. Aut dem ״Soldier Field“ wird an diesem Tage vor 100 000 jüdischen Besuchern die Freilichtaufführung eines Ausstattungsstjicks ״Romanze eines Volkes“ stattfinden. In Anwesenheit des französischen Konsuls in Jaffa fand in Tel-Awiw ein feierlicher Empfangsabend für den berühmten Pariser Mathematiker Professor Hadamar, der sich aut einer Reise durcli Palästina befindet, statt. Eine Reihe von Rednern, unter ihnen Bürgermeister Dizengoff, Maxa Nordau (die Tochter Max Nordaus) und Prof. Sloush hielten Ansprachen. Nach einem von der Exekutive der Jewish Agency auscarbeiteten Plan soll die jüdische Siedlung Nanalal im mek im Laufe dieses Sommers ausgebaut werden. Zunächst sollen 40 Familien, die seit der Gründung der Kolonie in Holzbaracken wohnten, in neu zu errichtenden dreizimmerigen Einfamilienhäusern untergebracht werden. Die Häuser weiden aus Beton in durchaus neuzeitlicher Architektur hergestellt und kosten 200 Pfund. Wie der JTA. aus agudästischen Kreisen mitgeteilt wird, hat die Palästinaregierung der Leitung der Weltorganisation Agudas Jisroel eine besondere Serie von 50 Einreise- Zertifikaten für orthodoxe Familien aus Deutschlaud zur Verfügung gestellt. Unter dem Namen ״Gesellschaft zur Erlösung des Wassers“ wurde in Palästina eine neue jüdische Vereinigung gegründet, die in allen Teilen Palästinas Wasserbohrangen vornehmen und moderne Brunncnanlagen schaffen will, die au die Bevölkerung der einzelnen Ortschaften verkauft oder verpachtet werden sollen. Die Jerusalemer Exekutive der Jewish Agency und der Waad Leumi haben ihre Amtsräume in cm neues auf Nationalfondsboden in der Nähe des Verwaltungsgebäudes des Keren Kajemeth errichtetes Gebäude in dem neuen erusalemer jüdischen Viertel Rechawia verlegt. Das Geäude enthält 39 Zimmer, von denen 24 der Jewish Agency und 15 dem Wad Leumi zugetcilt wurden. Das polnische Innenministerium hat das sog. ״Akademische Hauptkomitee“, bz.w. später ״Hauptkonferenz‘‘ genannt, das als oberstes Organ der nationaldemokratischen antisemitischen Studentenschaft Unruhen und Streiks an einer Reihe polnischer Hochschulen organisiert hatte, aufgelöst. Der Präsident des irischen Freistaats, De Va- I e r a, empfing den Oberrabbiner von Irland, Isaac H c rt z o g, und erklärte, das Schicksal der deutschen Juden bekümmere ihn tief. Er hoffe, daß der Grund für die Besorgnisse bald beseitigt sein werde. Planlose Mittelstandseinwanderung? Von Dr. Weic h s el b a 11 m, Bamberg. I Der nachfolgende Artikel erscheint wegen Raummangel I mit Verspätung. Inzwischen brachte die ״Jüd. Rundschau“ הו I r. SS einen Bericht ihres palästinensischen Korrespondenten, I aus dem hervorgeht, daß manche der hier gegebenen An. I regungen bereits im Stadium der Verwirklichung sind. Rai. I Plötzlich interessieren sich Tausende von deutschen Juden für die Einwanderung nach Palästina. Die Büros der Z. V. f. D. sind, wie man weiß, von Auskimftsuchendcn förmlich heia• gert. Der Verfasser dieses Artikels, der vor wenigen Wochen von einer Palästina-Touristenreise zurückkam, ist von Dützen- 1 den naher und entfernterer Bekannter um Auskunft über die Verhältnisse in Palästina angegangen worden. Auch wenn man damit rechnet, daß nur ein kleiner Prozentsatz dieser Aus- I kunftsuchenden sich zur Uebersiedlung entschließt, werden cs j Tausende sein, die innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit ins Land strömen. Die Tatsache, daß Palästina heute Gelen Heimatlosen eine neue Heimat werden kann, beglückt uns. Aber der drohendc Verlauf der Immigration muß dennoch Sorgen bereiten. Wird Palästina diesen Immigrationsstrom ohne Verdauung?- Schwierigkeiten aiifnehmeu können? Das deutsche Judentum gehört zum überwiegenden Teil dem Mittelstand an. Es wird daher überwiegend mittelständische Schicht sein, die ins Land strömt. Große Kapitalien können, auch wenn die deutschen Devisenbewirtschaftung?- stellen weitgehendes Entgegenkommen zeigen, nur den allerwenigsten Einwanderern zur Verfügung stehen, weil der aus Deutschland kommende jüdische Mittelstand eben keine großen Kapitalien mehr hat. Man rechnet daher vielleicht richtig, wenn man davon ausgeht, daß den einwandernden Familien jeweils 500—1000 Pfund zur Gründung einer Existenz in Palästina zur Verfügung steht. Wie wird sich nun eine nach Palästina einwandernde Familie verhalten, wenn ihr dieser Betrag zur Verfügung stellt und — wenn man sie bei ihrer Ankunft ihren Weg gehen I ä ß t? Besten Falles haben die mittelstämlisehen Einwanderer einige zionistische Schulung, aber nur die allerwenigsten von ihnen kennen bereits das Land von früher her. Den meisten wird sogar die zionistische Schulung abgehen. Sie werden sich zunächst einmal je nach Tomperament und Charakter mehr oder minder der Freiheit freuen und von Tel-Awiw und Haifa begeistert sein; vielleicht auch — wenn dem keine persönlichen Hinderungsgriinde im Wege stehen — werden sie durch das ganze Land eine mehrwöchige Wanderung machen. Dann aber — das wird die Ansicht jedes gewissenhaften deutschen Juden sein — wird e; ״höchste Zeit“ werden, an die Gründung der Existenz, zu gehen; man ״kennt“ jetzt ja schon das Land und seine ״Möglichkeiten“! Man wird also versuchen, sich irgendwo niederzulassen. Wahrscheinlich in einer der Städte, lind als mittelständischer Einwanderer denkt inan an den Aufbau einer mit• telständischen Existenz. Am liebsten würde man den Bern! ergreifen, dem man eben in Deutschland Valet gesagt hat, aber — man weiß ja, daß man sich ״umstellen“ muß; notfalls wird man zwar auch einen anderen Beruf ergreifen; nur liegt es in der Natur der Sache, daß der Akademiker, der aus Deutschland kommt, doch wenigstens irgendwie akademisch tätig bleiben will und daß der aus Deutschland stammende Kaufmann doch irgendwie den Handelsberuf auch weiter ausüben will. So werden die meisten Einwanderer gezwungen sein, ohne eine wirklich tief schürfende Kenntnis des Landes und seiner Bedürfnisse sich rasch für einen Beruf zu entscheiden, der ihnen zwar ״liegt“, dessen Wert für das Land und dessen Rentabilität aber außerordentlich fraglich ist. Wirklich von allem Anfang an sich mit der Wirts c,11 a f t des Landes verflechten werden sich nur wenige; schon weil die Kenntnis der hebräischen Sprache fehlt, wird es nicht anders möglich sein. Man wird also in dem Ort, in dem man sein Geschäft anfangen will, eine Wohnung mieten und muß dafür einen erheblichen Mietpreis zahlen. Man wird sein Kapital ganz oder zum großen Teil in dem erkorenen Beruf investieren —• und dann wird man aber vielleicht eines Tages entdecken, daß man sich für einen anderen Beruf hätte entscheiden sollen, wird sich erneut umstellen wollen und — nicht mehr genügend Geldmittel hierzu haben! Es ist anzuerkennen, daß bereits verschiedene Organisationen, vor allem die ״Hitachduth Oie Germania“, dem Ucbel planloser Existenzgründung durch systematische Beratung zu steuern sucht. Diese Arbeit wird auch in Zukunft nicht 711 entbehren sein. Aber sie genügt nicht; denn 1. wird sie, wenn Tausende ins Land kommen, nicht mehr individuell beraten können und 2. wird sie vielleicht täglich durch die Ent- Wicklung überholt werden. Vielmehr müßte den Einwanderern Geleg e!1 h e i t gegeben werden, sich selbst in Muße und nach eingehender Vorbereitung im Land nach einer neuen Existenzmöglichkeit um zusehen. Die Jugend, die auf Zertifikate ins Land strömt, hat ihre Vorbereitungszeit durchgemneht. Die Mittelstandseinwanderung müßte die Hachscharah in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft im Laude nehmen. Wenn im Jahre 1925 mittetständische Einwanderer aus Polen scheiterten, nach Polen zurückwanderten, dann aber in den Jahren 1931 und 1932 mit Erfolg sich eine neue Existenz in Palästina gründeten, so waren die Fehlschläge des Jahres 1925 gewissermaßen auch eine Art Hachscharah, — aber solch teuere Hachscharah können sich die Massen nicht leisten. Die Fragestellung lautet daher: Gibt es eine Möglichkeit, den nach Palästina kommenden Einwanderer dort auf das Land noch vorz 11 bereiten, bevor er seine Geldmittel bereits investiert hat und ohne daß die Hachscharah ihn zu teuer kommt? Ich glaube — und der nachfolgende Vorschlag stammt gar nicht von mir, sondern von einem Herrn, der in der palästinensischen Wirtschaft recht angesehen ist —, diese Frage bejahen zu können. Findet man nämlich einen Weg, dem Einwanderer auf einige Monate das Leben in Palästina zu verbilligen, so wird er nicht gezwungen sein, sofort an die Gründung der neuen Existenz zu gehen und seine Geldmittel festzulegen. Je billiger der Einwanderer im Anfang in Palästina leben kann, desto länger kann er sich Zeit lassen, sich für einen Beruf zu entscheiden, desto eingehender wird er das Land kennen lernen, bevor er sich entscheidet. Und es gibt Möglichkeiten, dem Einwanderer das Leben zunächst zu verbilligen (ich spreche von solchen Einwanderern, die gewillt sind, die Realität Palästina so zu nehmen, wie sie ist). Das Teuerste in Palästina sind die Mieten. Man muß also für billige Unterkunftsmöglichkeit sorgen. Schon das lenkt die Gedanken in eine ganz bestimmte Richtung: man muß Ein- Wanderern die Möglichkeit geben, wenn sie wollen, zunächst einige Zeit in Baracken zu kampieren. Man muß ihnen ferner die Möglichkeit geben, billig zu essen, und das ist durch Schaffung von Gemeinschaftskiiehen möglich. Für den Palästinenser, der den Begriff der Kwuzah kennt, ist die Gemeinschaftsküche kein Novum. Auch der Deutsche kennt den Begriff der Volksküche. Und somit ergibt sich die Kombination von selbst: Man schaffe — über die Auswahl der Plätze nachher! — einige Blocks von 50— 60 oder auch mehr Holzhäusern mit großer Gemeinschaftsküche, vermiete diese Holzhäuser so, daß die

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