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Jüdische Rundschau · 1933-05-12 · Heft 38 (12.5.1933) · p. Seite 194

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 38 (12.5.1933)
Date
1933-05-12
Page
Seite 194 (sequence 6)
Language
German
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Seite 192 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 38, 12. V. 1933 Die zwei nächsten Schritte? Von Maxa Harden*). 1. Gestaltung des Arbcitsproblems. Wir brauclien neue Formen der Arbeit, Sie muß einer Menschengruppe die Existenzgrundlage geben. Sie muß sie ihr so gehen, daß die Rangordnung der Lebenswerte gewahrt bleibt. Die Rangordnung der Lebenswerte hat die gerechte Gleichgewichtslage von organischem Leben: je tiefer wir die Stufenfolge herabgehen, um so lebensbegründender sind die Werte, je höher herauf wir steigen, um so mehr sind sie lebens rechtfertigend. Es muß also der Gruppe ihre Erhaltung gesichert sein zu dem Zweck der Steigerung und Bildung des Lebens. — Stellen wir uns vor, die Pyramidenstufen schlössen sich zu Kreisen, so haben wir zugleich ein Bild davon, daß wir Gebilde vor uns haben werden von verschiedenem Allgemeinheitscharaktcr nach Anzahl und Festigkeit. D. h.: Wirtschaftliche Zusammenarbeit fordert und erträgt Zusammenfassung von mehr Menschen und ihre massivere Zusammenfassung, während entsprechend der vorher angedeuteten Stufen Freiiicit und Einsamkeit /unehmen müssen — und damit von Anfang an gerechnet werden muß — bis zum engsten Kreis des religiösen Lebens, in dem die Gemeinschaft wie in einem Rahmengesetz gerade zur einsamsten Stellungnahme zusainmcngesclilossen ist. Fs ist uns klar, daß Freiheit weder Bruch der Bindung noch Schwand der Bindung bedeutet, sondern Weg zum Wuchs, der dem Lebensgesetz restlos angemessenen Bindung, auf deren Verletzung der Tod stellt. — Praktisch ist es somit falsch, mit Lebensgemeinschaften an/ufangon oder sic ohne weiteres zugleich mit Arbeitskohcktiven 711 beginnen; sie unterliegen anderen Gesetzen. Wir mii.'sen uns das klarmachen, weil eine rein individualistische Zeit abgelöst wird von einer kollektivistischen. Das ist eine Gefahr, weil die konzentrierte und darum niemals massenhaft zu leistende Lebenspflege kein Luxus, sondern die dringlichste Aufgabe ist; dies wird nur da übersehen, wo man sich fmelltet zu sehen, was ist. Der Mensch ist auf seinem Weg zu sich sehr weit zurück, er fiat es als Anlage sehr schwer mit?;ich, so daß sich nichts von selbst versteht oder aus der Situation ergibt — so wenig die Sümpfe des Prnck Jesreel sich von selbst getrocknet haben. Arbeitskollektive fordert die neue Wirtschaft. Sie fordert sie vom geistigen Arbeiter insbesondere, aber sie erfordert die Zusammenarbeit dann nicht auf dern speziellen Bcgabungsgebiet, sondern auf einem, das jenen massiveren Gesetzen unbeschadet unterstellen kann. Das trifft zusammen mit der Forderung nach Umschichtung der Berufe; ihr Sinn kann nur sein: einstimmige Sicherung von Existenz, Bedarf und Qualität. Daß die Sicherheit der Existenzgrundlage harmonisch verlaufe mit der Qualität aller Arbeit, z. B. einer schöpferischen, ist ein unerlaubter Optimismus, der auf Verkennung der menschlichen Schwäche beruht. Das absolut wahrheitsgerichtete Suchen und Spüren in produktiver Arbeit pflegt keine Dankesstürme auszulösen, geschweige Bezahlung, und meist wird bei der Anerkennung wirklicher Leistung etwas anerkannt, was den Kern der Leistung nicht ausmacht. Und man kann nun nicht den Arbeitenden übermäßig belasten, indem man ihn zwingt, in unserer Not den Hunger zu wählen, abgesehen davon, daß das seine natürliche Grenze hat. — Wir stehen vor einem zugleich verwickelten und rohen Stoff im Menschen und um den Menschen und müssen ihn anfassen und bewältigen. Es müssen sich Arbeitskollektive bilden um wirtschaftlich zu verantwortende Arbeitsbetriebe; es muß darauf gesehen werden: 1. daß er rentabel ist, 2. daß der Einzelne eine Existenzgrundlagc findet, 3. bei welcher Arbeitsstundenzahl das erreicht wird, 4. bei welcher Arbeitsstundenzahl und Arbeitsart wird die totale Lebenskraft und Lebensleistung gefördert (Beispiel: es ist kein Weg, wenn ein Dichter schlechte Zeitungsartikcl schreibt, um Geld zu verdienen, — es ist kein Weg, wenn einer, dessen Begabung Menschenführung ist, 25 ״Fälle'1 am Tag hinter sich bringt — aber sie könnten sich die materielle Grundlage wohl in einem geeigneten Wirtschaftsbetrieb erarbeiten, wenn dort bei guter Luft, ohne Hast und irr einiger Sammlung gearbeitet wird; jedenfalls kann man das versuchen). — Unsere jüdischen Versuche sollten von Anfang an das ganze Problem, aber in kleinem Umfang zu erfassen suchen, so werden sie auch anderen Pionierdienste tun. Es muß in den Anfängen darauf geachtet werden, daß der Umgang der Menschen untereinander um so mehr Aufgabe selbst ist, je mehr man zusammengepreßt ist. Es ist wie in der Dingwelt: je weniger Platz, da ist, um so exakter muß die Ordnung sein. — Man glaube ja nicht sagen zu können: daran kann inan jetzt nicht denken. Alles, woran man nicht im Anfang denkt, sprengt die Fortsetzung. Wir Juden aber haben das Glück, daß sich unsere Fehler jedesmal deutlich rächen. 2. Gestaltung der Bildung. Die Beschränkung der Möglichkeit, unsere Kinder auf höhere Schulen zu schicken, wollen wir zum guten verwenden. Ich rede jetzt mit Absicht nicht von der praktischen, sondern von der geistigen Seite der Sache. Unsere Wirtschaft nicht nur, sondern die Kulturlage, die Ucberfüllc des Stoffes und seine Differenzierung, und die menschliche Aufgabe, das! geistige Leben der Persönlichkeit natürlicher zu gestalten, d. h. letztlich: frömmer — fordern eine ״Elementarschule“; das wäre ein Schultypus, der den Stoff streng ausgelesen nach Wertgehalt und Beispielhaftigkeit bringt (im Sinn des ״klassisehen Falls“) und dahin gerichtet, nicht Abschlüsse der Bildüng, sondern Anknüpfungen der Weiterbildung zu geben. Zu dieser Weiterbildung haben wir im Beth Hamidrasch ein Vorbild, besonders in dem Willen, alles Geistige konkret beziehen zu wollen. Ob rein jüdischer Bildungsstoff geeignet ist, kann diskutiert werden. Ich möchte meinen: nein. 1. Der europäische Jude ist nun einmal durch die europäische Kultur hindurchgegangcn, aber leider in der — man möchte sagen ״schlampigen“ Form, in der in der hoffentlich vergangenen Zeit eigentlich alles geschah: man schlüpfte herein und heraus wie in Kleider — sie färbten manchmal ab, hier ein grüner Fleck, hier ein blauer. Man heftete ein Fleckchen Liberalismus an ein Fleckchen Orthodoxie und nähte ein Knöpfchen Klassisches Altertum auf ein Restchen materialistisch verwertete *) Vgl. den ersten Aufsatz der Verfasserin ״Unsere pädagogisdte Lage״ in Nr. 36 der ״Jüd. Rundschau“. Naturwissenschaft. Bildende Begegnung sollte aber immer ein angreifender und eingreifender Prozeß sein, der den Organismus ruhig etwas rütteln darf, um ihn zu kräftigerer Eigenreaktion zu bringen. Dafür fehlte der vergangenen Geschichtscpoche meist der Sinn. Kein Zufall, daß es nie zum Drama kommt, daß selbst heut noch mißglückte Fragmente miteinander streiten — und kein Ringen echter und konsequenter Gestalten da ist, die sich dann nämlich in einem überwölbenden Raum finden würden. Wir wollen und müssen, wenn irgend möglich, die Motive zum fruchtbaren Austrag bringen. — 2. Das jüdische Bildungsgut hat notwendig Zeichen des Exils und kann Ergänzungen zur Seite gebrauchen. Wir müssen die Naturkräfte heranholen, nicht Indem wir sie so wie wir sie finden, in törichtem Naturalismus präsentieren, sondern indem wir ihre Lichtung und Gliederung erstreben. Wir haben nachzuholen an bildnerischem Leben. Man kann dabei an eine ungemein reiche Berührung mit der griechischrömischen Weit, der anderen Hälfte der europäisch-vorderasiatischen Kultur, denken, mit ihrer kontradiktorischen Weltenfscheidung. — 3. Denn das biblische Judentum ist tatsächlich in seiner Haltung entschieden und folgerichtig lebendig. Es ist vielleicht vorstellbar, daß es in seiner Ent- Scheidung zum Einen Gott die Weit etwas schnürte. Wir wissen nicht, wie die nächsten Generationen Palästinas sein werden und ihre Fragen. Aber wir können wissen, wie wichtig es ist, daß einer sein Ohr zu den zu wenig aufgenommenen Stimmen des Schöpfungsganzen, dessen Teil der Mensch ist, neigt, dem die letzte religiöse Entscheidung des Judentums unantastbar ist. Jüdischer Sport Von Dr. Alfred Rabau. Die nationalsozialistische Revolution in Deutschland, die mit unbeugsamer Energie nicht nur den Staatsapparat erobert, sondern auch das gesamte Volks- und Wirtschaftsleben des deutschen Volkes umgcstaltet hat, mußte auch an die Neuordnung des Sportes herangchcn. Daß diese Neuordnung im Sinne des nationalsozialistischen Programms erfolgt, ist nur selbstverständlich. Die Richtlinien des Reichssportkommissars haben daher auch die völkische Grundlage des Sports ausdrücklich betont. Für die jüdische Jugend, die in diesen Tagen seelische Belastungen nie geahnter Stärke ertragen muß, gibt es daher nur einen Weg, will sie nicht darauf verzichten, ihre physische Erziehung und Stärkung mit doppelter Kraft zu betreiben: hineinzugehen in diejenigen Vereine, die schon immer auf der Grundlage jü disciien Zusammenschlusses Sport getrieben hahen. Mägen auch noch einzelne deutsche Sportvereine Juden in ihren Reihen — an unsichtbarer Stelle—• dulden, es liegt weder im Interesse dieser Vereine noch im Interesse der Juden, bei ihnen zu bleiben. Denn eine freie Entwicklung dieser Juden zu geschlossenen Persönlichkeiten ist dort nicht möglich, Es ist auch mit jüdischer Würde unvereinbar, an Stellen um unser Verbleiben zu bitten, wo wir unerwünscht sind. Auch die deutschen Kreise werden lieber mit solchen Juden zu tun haben wollen, die ihre jüd i s c h e Art offen bekennen. U 11 erträglich aber ist es. wenn heute in Deutschland gerade diejenigen Menschen zur Sammlung jüdischer Sportler in einem neuen jüdischen Sportverband aufrufen, die bis vor wenigen Monaten jeden Zusammenschluß in jüdischen Vereinen bekämpft haben. Grotesk muß es anmuten, wenn jetzt Vertreter der extremsten jüdischen Assimilation sich an die Spitze einer ,,Bewegung“ zur Schaffung einer jüdischen Sportorganisation stellen, während sie noch vor wenigen Monnten gegen jüdische Sportplätze waren, weil es nicht zu den Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft gehöre, für die sportliche Betätigung ihrer Jugend zu sorgen! Und die der jüdischen Jugend den Rat gaben, in nichtjüdisehen Vereinen Sport zu treiben! Das können nicht die Führer der jüdischen Jugend sein! Jüdische Sportvereine dürfen nicht Lückenbüßer sein, gegründet in der Hoffnung, daß recht bald wieder die deutschen Vereine sich Juden öffnen möchten. Es gilt, unsere jüdische Jugend mit jüdischen Idealen zu erfüllen und in ihnen den Stolz auf unser Volk lebendig zu machen, auch zu zeigen, daß die größte Aufgabe der jüdischen Jugend die Sicherung jüdischer Zukunft durch Mitarbeit am Aufbau Palästinas ist. Mögen die Alten und Unbelehrbaren abseits bleiben. Wir sind überzeugt, daß wir auch unseren Gegnern gegenüber um so besser bestehen können, je ehrlicher und mutiger wir uns zu unserer Art bekennen. Es genügt nicht, Vereine oder Verbände zu schaffen, in denen Juden Sport treiben, sondern es gilt in diesen Vereinen Sport zu treiben als eines der Mittel, unsere Jugend zu aufrechten, selbstbewußten, stolzen Juden zu erziehen, die wissen, wohin sie ge* hören. In diesem Sinne gibt es einen jüdischen Sport, an dessen Spitze nicht ״neutrale“ Juden stehen können, sondern nur Juden, die es ablehnen ״neutral“ zu sein. Daher gibt es nur eine Parole für alle aufrechten jüdischen Sportler und Turner: Hinein in den Deutschen Makkabikreis! Kleine Nachrichten In London fand vor einigen Tagen eine Besprechung hervorragender •Vertreter des englischen Unterrichts- Wesens statt, in der, wie ״Daily Sketch“ erfährt, ein Plan erörtert wurde, demzufolge bekannten deutschen Gelehrten, die in letzter Zeit genötigt waren, ihre Heimat zu verlassen, Lehrstühle und Stipendien an englischen Universitäten angeboten werden sollen. Die Ausarbeitung der Einzelheiten dieses Planes wurde einer zweiten Versammlung Vorbehalten, die in 14 Tagen unter Teilnahme von Vertretern der Universitäten von Oxford, Cambridge, London und anderen Städten stattfinden soll. Zürich, 5. Mai. (J.T. A.) Der Prorektor der Ziirieh er Universität, der bekannte Theologe Professor Dr. Ludwig Köhler, wies in seiner anläßlich der Immatrikuiationsfeier zu Beginn des Sommersemesters gehaltenen Rede darauf hin, daß die Züricher Universität eine der ersten war, die Frauen zur Dozentur zuließ, und daß ihre erste Dozentin Jüdin war. In einer Zeit, erklärte Professor Köhler, in der in einem auf kulturelle Führerschaft Anspruch erhebenden Nachbarlande sagaT an den Stätten der Wissen- Schaft das Gefühl der Rassengegensätzlichkeit _ begünstigt werde, sei es bedeutsam, festzustellen, daß die Züricher Universität konfessionelle oder Rassenunterschiede nicht kennt. Das Mitglied der politischen Exekutive der Agudas isroel, Generalkonsul Saily Guggen heim, und der Maiander Rabbiner de Fano erstatteten dem Papst, der sie in längerer Privataudienz empfing, Bericht über die Lage der Juden in Deutschland. Rabbi de Fano ist der ehemalige Hebräisch-Lehrer des Papstes. Zum Schlüsse soll der Papst erklärt haben, er werde auf eine Besserung des Loses der deutschen luden hinwirken. Briefe an die Redaktion Seltsame ״Beratungsstelle" Berlin N, 10. Mai. Sehr geehrte Redaktion! In der fetzten Nummer der ״Jüd. Rundschau“ stellt Blumenfeld ln einem breit angelegten Sihiationsbericht die Frage, ob heute die deutschen Juden eine echte oder nur scheinbare Wandlung durchmachen. Wir täuschen uns nicht, wenn wir bei unseren jüdischen Gegnern eine aus innerer Wandlung heraus vollzogene Umkehr nur in geringem Maße vermuten. Schwerste seelische Erschütterungen naben bei einer großen Anzahl Panikstimmungen Hervorrufen; solche plötzlich aufgetretenen, reflektorischen Reaktionen führten einerseits zu Depressionen nach innen, wie fluchtartigen Ersclicintingen nach außen. Bei weitem iiberwiegen die Gefühle des Verletztseins, des Verkennens, der ungerechten Behändhing; es fehlt leider eine verstandesmäßige ruhige Beurteilung der gegebenen Tatsachen. Es haben sich zwar Erschütterungen vollzogen, die Gefühle mancher Art ausgelöst haben, sic haben aber im großen und ganzen nicht zu einer Reinigung des Menschen und zur Umwandlung geführt. Dazu bedarf cs bei der alten Führerschaft wie auch in der Masse noch eines größeren Anstoßes, und zwar positiver Art, damit sie die Auffassung von einem unteilbaren, ganzen Judentum begreifen. Ein kleines Beispiel illustriert am besten die geistige Einstellung und Verblendung, welcher man heute noch fähig ist. Kursiert da ein Rundschreiben der j ü d. -ärztl. Beratungsstelle, Oranienburger Straße, mit der Empfehlung, auf den jetzt vom Groß- Berliner Aerztebund zugesandten Fragebogen die Rubrik ״R a s s e z 11 g e 11 ö r i g k e i t“ mit ״Deutscher j ii d. Glaubens“ auszufüllen, obwohl dort vorgedruckt steht ״arisch, bzw. deutsch, jiid. od. sonst frenidstämmig“. Es gehört doch heute ein beträchtlicher Grad von Selbst- Verleugnung und Heuchelei dazu, die jüdische Abstammutig verschleiern zu wollen. Und der erste Grad der Selbstbcsinnung nach den erfolgten Schicksaisschlägen wäre doch zumindest das stolze Bekenntnis und der Mut zu sich selbst. Es erübrigt sich eigentlich für uns, darauf hinzuweisen, daß ihres Wertes bewußte und stolze Juden wissen, wie sie sich in dieser Zeit und in jeder Lage zu verhalten und zu bewähren haben. Hochachtungsvoll Dr. E. Salonion. * Arbeitender Jude verschafft sich Respekt Bärenklau, 5. Mai. Sehr geehrte Redaktion! Wegen eines Konfliktes kam ich ins Konzentratfonslager nach Oranienburg. Ich fürchtete, als Jude schikanöse Behandlung zu finden. Aber durch freiwillige praktische Arbeit bei Anlegung des Sportplatzes und Verpflanzung von Bäumen und Sträuchern konnte ich den Wachmannschaften und der Leitung des Lagers den neuen Typ des jungen arbeitenden Juden zeigen; ich konnte feststellen, daß dies Erstaunen erregte, denn in ihrer Vorstellung sind alle Juden Parasiten und Schieber. Auf Grund dieser meiner Haltung begegnete man mir seitens der Leitung und der Wachmannschaften respektvoll und korrekt, und ich habe das Bedürfnis, dies öffentlich vor einer jüdischen Leserschaft auszusprechen. Die Behandlung im Lager uns Gefangenen gegenüber war durchaus human. Ich kann aus eigener Erfahrung den falschen Nachrichten, die über das Lager verbreitet waren, entgegentreten. Der Tag in Oranienburg spielte sich folgendermaßen ab: Die Belegschaft war ca. 100 Mann aus allen Schichten der Bevölkerung, darunter nur wenige Juden. Die Nacht verbrachten wir in einem großen Schlafsaal, auf Stroh gebettet, aber hygienisch einwandfrei. Von 6—7 Uhr waren gymnastische Uebungen, 1/28—8 Uhr Frühstück, 8—1/21 Arbeitsdienst. Auf Kranke und Alte wurde besondere Rücksicht genommen; die Arbeit selbst war leichter Natur. 1/21—1/22 Mittagessen, 6״׳ 1—2; נ Sport und Exerzieren. Dann kam Abendbrot und Freizeit bis zum Zapfenstreich um 9 Uhr. Politische Unterhaltung war gestattet. Auch Rauchwaren und Eßwaren können gebracht werden. Diese Schilderung dürfte diejenigen Leser interessieren, die Angehörige in einem Lager haben. Hochachtungsvoll Rudolf Lubelsky. * Eine Anregung Sehr geehrte Schriftleitung! Sehr verbunden wäre ich Ihnen für die Veröffentlichung folgender Zeilen: In unserem jüdischen Dasein ist ein Augenblick von kaum ausmeßbarem Ernst eingetreten. Eine jener tief geheimnisvollen Schicksalsstunden, wo sonst längst erstarrte geschiehtliehe Bildungen biegsam und fügsam werden, wo Wunderbares möglich ist. Aber nur dann, wenn wir in dieser unsagbar kostbaren Zeitspanne alles oberflächliche Denken abtun und mit prophetischer Geschichtsdurchdringung in die Wesenstiefc unseres Heute vorstoßen. Dazu aber ist vor allem not die unermüdliche Aufklärung breitester jüdischer Kreise mit allen erdenklichen Mitteln und vor allem möglichst rasch. Daher schlage ich vor, daß jeder Bezieher der ״Jüd. Rundschau“, dem es seine Verhältnisse erlauben, noch ein zweites Abonnement, etwa auf drei Monate, stiftet. Als Bezieher kämen wohl am besten in Betracht solche Stellen, wo das Blatt in recht viele Hände, auch von Nichtzionisten, kommt, also z. B. jüdische Schulen, Vereine, Wohltätigkeitsanstalten, Jug;endbünde, Warteräume jüdischer Aemter u. ä., aber auch Nichtjuden, besonders solche völkischer Richtung. Oder man könnte auch diejenigen, die so das Blatt ohne eigene Kosten beziehen, ersuchen, es nach einer beigelegten Liste weiterwandern zu lassen, so daß es mindestens in zehn verschiedene Häuser käme. Auf diese Weise könnte das Blatt sehr wirksam, vielleicht geradezu nach einer Art Schneeballsystem, verbreitet werden. Zugleich aber wäre dies ein kleines Zeichen des Dankes an jene Männer, deren Wort der großen Stunde gewachsen war und damit so manchem von uns den Druck vom Gemüte nahm. Ich eröffne die vorgeschlagene Stiftung von Abonnements, indem ich dem Postscheckkonto der ״Jüd. Rundschau“ den Bezugspreis für ein Vierteljahr überweise. Hochachtungsvoll Ihr sehr ergebener Berlin, 7. Mai 1933. Friedrich Korner. Inseratenteil

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