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Jüdische Rundschau · 1933-05-09 · Heft 37 (9.5.1933) · p. Seite 187

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 37 (9.5.1933)
Date
1933-05-09
Page
Seite 187 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37, 9. V. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sette 187 Waldemar Bonseis zur Judenfrage In der ״Hamburger Korrespondenz“ veröffentlicht Waldemar Bonseis einen Artikel ״Was uns vom Juden ־trennt“, worin er beklagt, daß die geistige Wurzel des Antisemitismus selbst von seinen Anhängern so selten erkannt werde. Seine Anschauung legt er folgendermaßen dar: ״Zunächst geht es uns durchaus nicht um einen Rangstreit, die Betonung von besser oder geringer, von wertvoller oder wertloser sollte als Vergleich zwischen Deutschen und Juden gleichmütiger verklingen; aufrecht erhalten läßt sich jedoch tinentstellbar der einfache Begriff der Verschiedenheit, und darum geht es wesentlich. Der Jude ist anders als wir, und dieser Unterschied wird zunächst in einer oft übersehenen Tatsache deutlich, und zwar in der Aitersverschied enheit der Völker. Die Juden haben schon vor etwa dreitausend Jahren eine außerordentlich ausgesprochene völkische Lebensform, eine Religionsgemeinschaft und Kultur besessen, die Deutschen dagegen besitzen erst seit etwa fünfhundert Jahren eine festgelegte Schriftsprache. ... Der alte, geklärte, überhelle und kritisch überspitzte Intellekt des jüdischen Menschen ist immer weit und allgemein, völkerentwicklungsgeschichtlich betrachtet, ein viel zu penetrantes Eiement der Einwirkung auf ein jüngeres Volk, da es den in natürlichem Bedürfnis und in eigenem Rhythmus fortschreitenden Prozeß des Werdens und Seins in eine ganz fremde, ,überliitzte Aufgelichtetheit reißt. Jede Blüte des Seelenlebens und der geistigen und religiösen Forderung, des Herkommens und der Ideenwelt wird gewaltsam aufgezerrt, sie wird dem höchsten, dem heiligsten Element ihres Wachstums, ihres Daseins entrissen, dem Geheimnis.“ Und weiter: ״Hier trübt das jüdische Wesen jedes klare Wässerchen schon an der Quelle. Die .Wirkung ist um so gefährlicher, als sie atmo.sphärisch ist, im Beginn für die Unbefangenen kaum nachweisbar und in der Entfaltung oft von scheinbarem Vorteil.“ Bonseis trägt dann die schon von anderwärts bekannten Klagen über die ״jüdische Vorherrschaft“ in Presse, Kritik usw. vor; demgegenüber habe das deutsche Volk das Recht, ״seine Wesensdinge in der Wahrheit oder im Geiste seiner eigenen Beschaffenheit zu führen“. Er schließt: ״Es ist immer noch besser, auf eigene Art ein Gescho 1t e n e r zu sein, als auf fremde Art ein Gelobte r.“ (!m Original gesperrt.) — Ein Satz, ■den auch mancher Jude beherzigen sollte... Kampf für Einwanderung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl, Tel-Awiw, 30. April. Im Zusammenhang mit dem Arbeitcrmangel im Lande, und den kolossalen Anforderungen, die zurzeit an die Palästina-Aemter gestellt werden, hat man die Entscheidung der Regierung über die Einwandererquote für das nächste Halbjahr mit Spannung erwartet. Wie jedes Jahr hat die Arbeiterorganisation in den Stadien und auf dem Lande Enqueten gemacht, um festzustellen, wieviel Arbeitskräfte die jüdische Wirtschaft im Laufe der nächsten sechs Monate aufnehmen könnte. Die Agency hat darauf von der Regierung etwas über 12 000 Zertifikate für die Alonate April bis Oktober 1033 angefordert. Wegen der starken Anforderungen aus Deutschland sind erst einmal 1000 Zertifikate nach Berlin gesandt worden. Dieses Entgegenkommen der Regierung und die gute Arbeitslage im Lande ließ einen günstigen Beschluß des Oberkommissariats in der Zerlifikatsfrage erwarten. Der Jischuw wurde jedoch enttäuscht und überrascht, als nur ein Bruchteil der geforderten Einwanderungserlaubnisse bewilligt wurde. Statt der geforderten 12090 hat die Regierung nur 5500 Erlaubnisse bestätigt. Die Gründe für dieses Vorgehen sind vielfach: Die Beliörden sind in letzter Zeit durch die illegale ״Tou• ristik“ nervös geworden. Sie hat sich in den letzten Wochen mehrfach gesträubt, Touristengruppen landen zu lassen und in einem besonders krassen Falle, wo es sich um über hundert Menschen handelte, haben alle Bemühungen der jüdischen Instanzen nichts auszurichten vermocht. Die Situation liegt aber gerade in diesem Falle keineswegs eindeutig und ist mit einem Anziehen der administrativen Schraube nicht zu lösen. Dadurch, daß die Erlangung von Visen erschwert ist, finden viele keinen anderen Weg, als als ״Touristen“ einzuwandern und später hier für eine Aufenthaltserlaubnis zu sorgen. Außerdem gibt es viele Fälle, wo Leute nur zu einem Besuch ins Land kommen, jedoch die Lebensverhältnisse hier so ansprechend finden, daß sie sich zum Bleiben entschließen. Das geschieht natürlich hauptsächlich in den Fällen, wo sich ein entsprechendes Betätigungsfeld lindet, also Menschen ohne weiteres Posten finden oder sich entschließen, ein Unternehmen zu gründen. Daß bisher durch diese Form der Einwanderung dem Lande kein Schaden geschieht, erkennt man an dem Arbeitsmarkt, der unverändert |prt ist und immer wieder für neue Einwanderer Aufnahme bietet. Die Regierung will sich jedoch mit der Situation wie sie heute ist, nicht begütigen, versucht für Zeiten vorzusorgen, wo die Hochkonjunktur abschwillt und weiß sich dafür keinen anderen Rat als eine Einengung der Einwanderung. Es scheint außerdem, daß die Haltung der Mandatsk o m in i s s 1 o 11, insbesondere die Warnungen von R a p p a r d vor einer überstürzten Einwanderung, ihren Eindruck nicht verfehlt haben, daß sie jedoch sozusagen im falschen Zeit• punkt ihren Einfluß ausüben und zu einer Verkleinerung des Zertifikatpakets beigetragen haben. Die Regierung steht zudem der Einwanderung kleinerer Kapitalisten einigermaßen skeptisch gegenüber. Sie fürchtet anscheinend, daß nicht nur die Inhaber von Zertifikaten den Arbeitsmarkt in Anspruch nehmen, sondern auch Angehörige der sogenannten Mittelklasse, die mit einigem Geld einwandern,!her über kurz oder lang doch als Arbeitnehmer sich bemerkbar machen. Es scheint jedoch, als ob alle diese ökonomischen Gründe nicht die ausschlaggebenden sind. Hier handelt es sich vielmehr um politische Rücksichten. Die Opposition der Araber gegen die verstärkte Einwanderung ist in den letzten Monaten ständig laut geworden. Die Lavierungspolitik der Regierung bezweckt, beruhigend cinniwirken. Sic ist nicht geneigt• den Einwanderungsstrom über ein gewisses Maß anschwellen zu lassen. Es läßt sich vermuten, daß die Immigration bei den bisher bewilligten Zertifikaten für das vorige und das jetzige Halbjahr gegen 20 000 Menschen betragen wird und was darüber wäre, scheint vermutlich in Regierungskreisen nicht erwünscht. Wir haben es also mit einem poütischen Entschluß zu tun, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß unter den heutigen Verhältnissen, ein paar tausend Zertifikate mehr noch keine Arbeitslosigkeit hervorgerufen hätten. Wie wir hören, hat der High Commissioner Anweisung gegeben, daß von jetzt an die Bedingungen für Einwanderer mit kleinen Kapitalien großzügig gehandhabt werden sollen. Das bedeutet wenigstens eine gewisse Erleichterung, besonders für kleine Handwerken» die heute im Lande ganz besonders gesucht end. Die Reaktion des Jischuw auf den Zertifikatsbeschluß ist sehr scharf. Die Arbeiterorganisation hat sofort eine Kampagne begonnen, die sowohl in der Presse als auch in Versammlungen durchgeführt wird. Andere Kreise des Jischuw schließen sich an, und die gute Arbeitslage, die Tendenz, neue Unternehmungen zu gründen und alte atiszuweiten, kommt der Forderung nach einer größeren Einwanderung entgegen. I Die Bodenfräse in Tel Awiw Von Bankdirektor S. Hoofien, Tel Awiw. Der Vorsitzende der Handelskammer von Tel Awiw und Jaffa, Direktor der Anglo Palestine Bank Ltd., Herr S. Hoofien, stellte uns seine Ausführungen über die Frage der städtischen Bodenspekulation zur Verfügung, die er auf der Generalversammlung der Kammer gemacht hat. Unsere Leser können daraus entnehmen, welch hohe Bedeutung für die städtische Bodenpolitik in führenden Kreisen des palästinensischen Wirt- Schaftslebens der Tätigkeit des KKL. beigemessen wird. Man erblickt im Keren Kajemetb die einzige Institution, die einer ungesunden Entwicklung rechtzeitig steuern kann — wenn das jüdische Volk ihr die hierfür nötigen Mittel zur rechten Zeit, d. h. ständig, zur Verfügung stellt. Hoofien sagte u. a.: Zu der in der letzten Zeit so viel erörterten Frage der städtischen Bodenspekulation : Die Schattenseiten dieser Spekulation sind offensichtlich; sie schafft eine ungestmde Atmosphäre; sie kann nur vorwärts und aufwärts und niemals zurück und muß also mit Sicherheit zu einem Krach führen, einem Krach, der einen großen Widerhall finden und in der allgemeinen Wirtschaft recht peinliche Wirkungen auslösen wird, ohne daß er notwendigerweise durch die sonstige Entwicklung der Wirtschaft bedingt wäre. Die Spekulation verteuert unnötigerweise die Bodenpreise und dadurch auf die Dauer auch die ganze Lebenshaltung. Alle diese Dinge sind bekannt, und ich konstatiere sie hier nur, ohne Beschönigung, aber auch ohne Uebertrcibung. Die Aufregung, mit der jetzt die städtische Bodenspekulation besprochen und verurteilt wird, kommt mir aber wenig sinnvoll vor. Sie kommt zu spät! Wenn eine ganz neue Emwanderung־$־welle auftaucht und große Mengen weiterer Einwanderer erwartet werden, und wenn die große Mehrheit dieser Menschen sich in Tel Awiw konzentriert, so gibt es neue Wohnbedürfnisse und also auch neue B o d e n b e d ü r f n i s s e. Diese Böden zu beschaffen, ist ein gewinnbringendes Geschäft, und die Einwanderer selbst mit ihren ungenützt herumliegenden Kapitalien sind vielfach die ersten, die sich mangels einer anderen Tätigkeit auf dieses Geschäft werfen. Sie erfüllen damit eine Wirtschaftliehe Aufgabe, und wenn die Art und Weise, in der diese notwendige Aufgabe von ihnen erfüllt wird, alle großen Nachteile mit sich bringt, die ich soeben geschildert habe, so ist dies bedauerlich, aber unter den gegebenen Verhältnissen unvermeidlich. Mit Moralpredigten und sittlicher und nationaler Entrüstung wird man nichts ausrichten! Entrüstung und Mißbilligung sind überhaupt eine zu billige Methode, sich das Problem vom Halse zu schaffen. Taten werden verlangt, und gerade hier ist vieles versäumt worden, nicht von den neuen Spekulanten, sondern von uns und vom ganzen Volke. Hat man die städtische Bodenspekulation nicht haben wo!־ len, von der jedes kleine Kind voraussehen konnte, daß sie unabwendbar eintreten mußte mit einer neuen Einvvanderungswelle, so hätte man für eine genügende städtische Bodenreserve sorgen müssen. Das war praktisch durchaus möglieh, und ein wirklich voraussehendes Gemeinwesen hätte es zustande gebracht. Woher hätte die Bodenreserve kommen können? Von der Stadtverwaltung? Gewiß nicht! Sie hat die Jahre vor dem jetzigen Aufschwung gebraucht, um sich von den Folgen ihrer falschen kommunalen Bodenpolitik des Jahres 1925 zu erholen. Für eine großzügige neue städtische Bodenpolitik fehlten und fehlen ihr auch heute alle Voraussetzungen: die Geldmittel, der gesetzliche Rahmen, die Zustimmung der Regierung, der treibende Wille der Bürgerschaft und die eigene planmäßige Entschlußkraft. Von ihr kann man nichts erwarten, und man kann ihr keine Vorwürfe machen. Auch von der Regierung war und ist nichts zu erwarten. Bodenpolitik in positivem förderlichen Sinne steht noch nicht in ihrem Programm. Nur eine Institution hätte ein greifen können: der Jüdische Nationalfonds. Unsere Schuld und die Schuld des ganzen Volkes ist es, daß er seine Aufgabe aus Mangel an Mitteln nicht erfüllt hat. Wundern Sie sich nicht, daß ich in dieser Versammlung der Handelskammer über die Aufgaben des Nationalfonds spreche. Es sind dies nicht abseitsliegende Dinge allgemeiner Natur, die man in politische Versammlungen, in Kongresse und Propagandameetings verweisen kann. Heute sehen wir, wie sehr die Bodenfragen an die Grundlagen unseres Wirt- Schaftslebens rühren und diese brennende und dringende Bodenfrage, über die wir uns jetzt unterhalten, kann nur vom Nationalfonds, von ihm allein, gelöst werden. Er war und ist bereit, sie zu lösen. Er ist dazu da. Aber wir sind es, die ihm die Mittel zur Erfüllung seiner Aufgabe vorenthalten. Wenn ein Jugendlicher uns eine Büchse vorhält, und wir werfen einen Piaster hinein, glauben wir mit dem Nationalfonds fertig zu sein. Mit Spielereien. wollen Sie Ihre lebenswichtigen Fragen lösen? Gehen Sie in Ihrem Privatleben auch in dieser Weise an die Lösung Ihrer Schwierigkeiten heran? Die ganze Entwicklung unserer Stadt wird gehemmt und gefährdet, weil wir es versäumt haben, den Nationalfotuis zur Führung einer weitaussch au enden Boden- Politik für die einzige jüdische Stadt der Welt anzuhalten und in den Stand zu setzen. Die Bodenpolitik des Nationalfonds ist eine Sache von höchster praktischer Bedeutung. Riga, den 2, Mai. (J. T. A.) Der Führer der Allgcmeinen jüdischen Arbeiterorganisation, Ben Gurion, wurde bei seinem Eintreffen auf dem Bahnhof in Riga von Mitgliedern des Brüh Trumpeldor mit faulen Eiern bcworfen. (Gegen Ben Gurion ist schon einige Tage vorher in einer Versammlung in Polen von Mitgliedern des Brith Trumpeldor ein Anschlag verübt worden. Ein Mäddien aus dem Betbar, das gegen ihn einen mit Ziegelsteinen und Sand gefüllten Sack geworfen hatte, wurde damals festgenommen.) Es entspann sich auf dem Bahnhof in Riga ein Handgemenge. Zwölf Mitglieder des Brith Trumpeldor wurden wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt verhaftet. Finden Sie, daß die ״Jüdische Rundschau“ zur Stärkung des jüdischen Seihstbewufitseins beiträgt? Dann helfen Sie uns bei der Verbreitung der Zeitung! Der Monat Ijar iat der Werbemonat für die ״Jüdische Rundschau“. Aus zionistischer Frühzeit Bin Brief von Leon Kellner Die Witwe des 1928 verstorbenen Prof. Leon. Kellner sendet uns einen Brief, den Kellner in den allerersten Anfangszeiten der zionistischen Bewegung an seinen Freund Quittner geschrieben hat. Dieser Brief zeugt nicht nur für den warmherzigen Menschen, den begeisterten Lehrer und treuen Juden, sondern enthält auch Gedanken, die heute aktuell sind. Mag auch der Zionismus seit 1897 eine ideologische und praktische Entwicklung durchgemacht haben, — das Problem, dessen Lösung er gilt, ist das gleiche gebliehen. Viele Juden beginnen erst im Deutschland von 1933 dort zu stehen, wo Leon Kellner und seine Freunde 1897 standen. Vielleicht wird dieses Dokument dazu beitragen, solche Juden zum Weiterdenken zu veranlassen. Red. 6. 6. 1897. Hochgeehrter Freund! Besten Dank für die freundliche Antwort und die freundlichere Einladung. Sie haben leicht einladen: Sie wissen aber, daß ich nicht abkommen kann. Ich hätte so viel zu tliun, aber ich thue nichts. Es ist das alles lauter Spielerei. Ernst hat mich in den letzten Monaten nur Eins beschäftigt, aber hören Sie mich geduldig an, bevor Sie lachen: die Judenfrage. Es sind über das Wort Zionismus so wahnsinnige Dinge im Umlauf, daß ich persönlich das Bedürfnis habe, Ihnen eine Art Generalbeichte abzulegen; von Ihnen möchte ich um Alles in der Welt nicht mißverstanden werden. Vor Allem muß ich ein Wort über mein persönliches Verhältnis zu Herzl sagen. Ich stehe seit vorigem Jahre in einem fixen Verhältnisse zum ״Neuen Wiener Tagbl. und habe also mit Herzl dem Journalisten absolut nichts zu tliun. Einen Versuch seinerseits, meine Mitarbeiterschaft der ״Neuen Freien Presse“ zu erhalten, habe ich entschieden abgclehnt. Persönliche Momente irgend welcher Art kommen also nicht in Betracht, was Sie übrigens von vornherein bei mir nicht vorausgesetzt haben. Ich hin mit Leib und Seele Zionist und bringe einer rein idealen Sache viele Opfer von Geld und Zeit. Was wollen wir? Ich habe eine sehr einfache Formel für mein Wollen: ich will in der Gegenwart den Grundstein legen helfen zu einem Gebäude, welches vielleicht in i e r - ner Zukunft gerau m i g genug sein wird, um unsere U r - u r e n k e I vor Sturm und Ungewitter zu schützen. Wir wollen so viele arme Juden, die arbeiten wollen und können, als nur möglich, nach den fruchtbaren Teilen von Palästina und Serien bringen und ihnen dort Selbstverwaltung sichern — das ist alles. Wird aus diesem bescheidenen Anfänge etwas, gut; wird es nichts, so haben wir immerhin soundsovielen verkommenden Existenzen zu einem menschenwürdigen Dasein verholten und keinem Merisehen geschadet. Denn unsere Bestrebung ist auf die Zukunft gerichtet. Ich bin ein guter Oesterreiclier in jeder Beziehung, bereit, mit dem Vaterlande Leid und Freud zu teilen, wie es ja auch in Wirklichkeit geschieht. Ich lebe mit Christen, arbeite mit ihnen, erziehe christliche Kinder und bin jeden Tag, so oft ich meine Classe betrete, voll stolzer Genugtuung darüber, daß es mir gegönnt war, die Schranken des Vor- Urteils zu durchbrechen und allen Hindernissen der Geburt, der Erziehung und der bösen Zeitströmung zum Trotz dem menschlichsten, schönsten aller Berufe obliegen zu können. Ich fühle mich auch vollkommen als Deutschen. Die deutsche Sprache ist mir zum zweiten Vateriande, zur geistigen Heimat geworden, und ich bin ein deutscher Schriftsteller trotz alledem und alledem. Das ist meine Gegenwart, meine Gegenwart. Aber wie viele meiner Stammes- und Glaubensgenossen haben eine Gegenwart, eine solche Gegenwart? Sie haben die erste Hälfte ihres Lebens mit der Vorbereitung für ihren Beruf verbracht, und siehe da! alle Berufe sind ihnen verschlossen! Sie wissen schon in Troppau von der Not der Juden in den sogenannten gelehrten Berufen zu erzählen — wenn Sie erst wüßten, wie es in Polen ausschaut! Und weiß ich, was meinem Kinde bevorsteht? Nun sagen Sie selbst: was tliut ein Staat, der an Uebcrbevölkerung leidet? Er organisiert die Auswanderung, er fördert die Organisation. Das hat England, das hat Deutschland von jeher gethan, das fhtm die Juden in allen Ländern der Welt, und wir sind ja die ersten, um sie fortzuschicken. ״Nur fort!“ war immer das Schlagwort in Wien, so oft arme Teufel aus Ungarn, Galizien oder Rußland auf dem Wege nach Amerika bei uns hier vorsprechen. Fort mit Schaden! Und kein Opfer war zu groß, wenn es galt, die Auswanderer weiterzuschicken. Wir sind also nicht gegen die Auswanderung, sind es nie gewesen — nur darf der Auswanderer nicht nach Syrien gehen!! Ja, um des Himmels willen, warum nicht? Nach New York schicken wir ihn mit Vergnügen; dort darf er den Buckel auf die Schulter nehmen und das Heer der Hausierer um einen neuen vermehren, aber ein Acker- und Weinbauer oder Gärtner in Syrien oder Palästina — das ist ein Bödsinn! Warum? Verehrter Freund, ich bin ausführlicher und pathetischer geworden als ich wollte. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis zu bekehren, ich wollte nur eine Seite meiner Tätigkeit dem Freunde erklären, dem ich während des letzten Jahres etwas fremd geworden bin. Ihnen und Ihrer I. Frau die herzlichsten Grüße! Prosit Feiertage! Ihr ihnen herzl. ergebener L. Kellner. Kurleben au! Toten Meer Am Toten Meer wird gegenwärtig ein Bade- und Kurort angelegt, dessen erste öffentl. Einrichtungen, ein großes Restaurant am Seeufer mit Badeanstalt, soeben in Anwesenheit von Vertretern der Behörden und Interessenten jüdischer und arabischer Gesellschaften feierlich eröffnet wurden. Von der Regierung in Jerusalem waren der stellvertretende erste Sekretär Nurok, der Direktor des Departments für öffentliche Arbeiten, Pudsey, und der Direktor des Einwanderungsamtes, Hyamson, erschienen. Der Vorsitzende der Kallia Seaside and Health Resort Ltd., Major T. G. T 111loch, hielt eine Ansprache, in der er erklärte, man habe tiir den neuen Badeort den Namen Kallia in Anlehnung an die altarabische Bezeichnung für Pottasche (Kali) gewählt, um einerseits auf den Kalireichtum des Toten Meeres hinzuweisen, andererseits an die Blütezeit der arabischen Kultur im 8. und 9. Jahrhundert zu erinnern, eine Zeit, in der sich jüdischer und arabischer Geist vereinigten. Tulloch und die übrigen Mitglieder des Direktoriums der Gesellschaft, Dr. F. A. Van Vriesland, Horowitz und Green, führten die Besucher durch die Anlagen und erklärten, es sei beabsichtigt, mit dem Bau eines großen Hotels zu beginnen, in dem Touristen und Kurgäste billige Unterkunft finden sollen. Es wird ferner ein großes Diesel-Motorboot für 80—100 Passagiere in Dienst gestellt werden, das regelmäßig Fahrten rund um das Tote Meer unternehmen wird.

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