Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1933)
- Date
- 1933-05-03
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 176 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35, 3. V. 1933 such, auch jetzt noch unsere Palästina-Idee zu bagatelll• sieren, wofür unsere Leser ein Beispiel an anderer Stelle des Blattes finden. Wir freuen uns, daß Dr. Breslau« klar zuin Ausdruck bringt, daß in der positiven Einstellung gegenüber Deutschland und der deutschen Kultur kein Unterschied zwischen Zionisten und Nichtrionisten besteht. Und wenn er in Erziehungsfragen vor nationalistischer Enge usw. warnen zu müssen glaubt, dann erweckt er (wohl unbeabsichtigt) eine!! falschen Eindruck von unserem Bildungsprogramm; er lese den Leitartikel zu dieser Frage in Nr. 33 der ״Jiid. Rundschau“ und wird sehen, daß seine Bemerkungen danebengreifen. Der tiefste Unterschied zwischen Dr. Breslauer und uns liegt tatsächlich darin, daß wir nicht wünschen, in einer späteren Zeit die jetzigen Erlebnisse zu vergessen. ״Glücklich ist, wer vergißt“ ist die Philosophie der ״Fledermaus“; jüdische Haltung ist nicht vergessen, sondern gedenken, wie wir noch heute gedenken des Auszugs aus Aegypten und all der Erfahrungen unserer grandiosen Geschichte. Wir fürchten, wenn das deutsehe Judentum sich wieder der Führung von Gruppen anvertraut, die es im Augenblick des hoffentlich wiederkchrcnden Wohlergehens zum ״Vergessen“ auf fordern, die Lehren der gegenwärtigen schweren Zeit vergeblich sein könnten und die Entwicklung wieder ähnliche Wendungen nehmen könnte, wie wir sie gerade durchgemacht haben. Widerhall im Prager Parlament (Von unserem Korrespondenten.) h. I. Prag, 28, April 1933. Im Prager Parlament hielt in der vergangenen Woche Außenminister Dr. Ben esch ein Expose zur außenpolitischen Situation. Die durch die letzten Wandlungen in Deutschland neu geschaffene Situation streifte Dr. Benesch nur ganz kurz, wobei er auf die Debatte im englischen Unterhaus hin wies und sich besonders auf Sir Austin Chamherlains Rede am 13. April im Unterhaus bezog. Eingehender beschäftigte sich Dr. Benesch mit der Frage der Erweiterung des Minderheitenschutzes, auf die wir schon in Nr. 32 der ״J. R.“ hingewiesen haben. Dr. Benesch führte aus, daß sich die Autoren des Völkerbundübercinkommens seinerzeit bewußt waren, daß sie allen Staaten, bei denen Cnenzstreiiigkeiten entstehen konnten Verträge zum Schutze <kr Minderheiten aufgenvungen haben. ״Ich selbst glaube, daß sie solche Verträge nicht nur den neuen Staaten hätten aufzwingen sollen. Heute nach 15 Jahren haben wir bereits genug Erfahrungen und wir wissen alle, daß jene recht halien, welche nach einer Verallgemeinerung und Verschärfung des Minderheitenschutzes in Europa überhaupt, nach einer Verschärfung der Kontrolle der Minderheiten rufen, damit diese wiederum umgekehrt ihren Staaten gegenüber loyal bleiben müssen. Heute ist jedem klar, daß die Freiheit der Minderheiten und das Recht auf ihr freies politisches Leben fast in allen Staaten notwendig ist, welche Minderheiten besitzen. Ehe Tschecho- Slowakei wird sich für diese Politik im Völkerbund entschieden einsetzen.“ In der Debatte zum Expose Dr. Beneschs, das weit über die Parteien hinaus, welche die Regierung*- koalition bilden, gebilligt wurde, sprach für die Jüdische Partei Abg. Dr. Angelo G o 1 d s t e i n , der erklärte, es liege ihm fern, sich in innerdeutsche Angelegenheiten einzumischen. Die Idee von der Minderwertigkeit fremder Rassen jedoch, die nun zum ersten Male in der Gesetzgebung zum Ausdruck gelangt, würde in ihrer Nachahmung nicht bei dem Begriffe ״Jude“ stehen bleiben, sondern notwendigerveise auf alles erweitert werden, was anders und fremd ist. Sie würde sieh gegen alle Minderheiten in der Welt, also auch gegen die 12 Millionen Deutschen, die außerhalb Deutschlands und Oesterreichs siedein, richten, gegen nationale und religiöse Minderheiten, ja selbst gegen Minoritäten des eigenen Blutes, wenn sie nur eine andere Weltanschauung vertreten. Deshalb sind wir Juden überzeugt, daß es sich in dieser Hinsicht nicht nur um die Judenfrage handelt, sondern um die Frage des Zusammeniebens der Menschheit überhaupt. Abg. Goldstein wirft die Frage auf, was mit den vielen tausenden Juden geschehen soll, die in Deutschland wohnen und die für die Zukunft kaum eine Existenzmöglichkeit finden werden. Er appelliert darum an den Außenminister, er möge im Rahmen des Völkerbundes auf die Abwendung dieser drohenden Gefahren hinwirken. Als eines der dam geeigneten Mittel schlägt Abg. Dr. Goldstein die Aufnahme einer Anleihe vor, wie sie der Völkerbund zum Zwecke der Repatriierung der griechischen Flüchtlinge aus Kleinasien ausgegeben hat oder eine ähnliche Aktion, wie die seinerzeitige zugunsten der ^armenischen Deportierten. Abg. Goldstein wies auch darauf hin, daß sich die kommende Welt wirf- Schafts konferenz mit der Frage der Wirtschaftliehen Eingliederung der jetzt entwurzelten Juden befassen sollte. Die Rede Dr. Goldsteins wurde unter großer Aufmerksamkeit des Abgeordnetenhauses und in An- Wesenheit Dr. Beneschs gehalten, der die Darlegungen mit sichtlichein Interesse verfolgte. Sie fand den einmütigen B ei - fall aller anwesend«! Abgeordneten. Schiedsgerichte? Mit _ Rücksicht auf die Ausschaltung der Juden aus der Justiz sind in der letzten Zeit mehrfach Vorschläge aufgetaucht, Streitfälle zwischen jüdischen Parteien durch Schiedsgerichte schüclrten zu lassen. Fiierzu ist es von Interesse, daß die Vorsitzenden der Vorstände der preuB ischen Ainvaltskararaern nach einer Sitzung, die am 27. April in Berlin stattfand, eine Erklärung veröffentlichen, worin die vom Justizministerium begonnene ״Säuberung der Rechtspflege in persönlicher und sachlicher Hinsicht“ begrüßt wird und es dann im driften Punkt weiter heißt: ״Das Präsidium der preußischen Anwaltskammern hat von den Versuchen Kenntnis genommen, die zur Reinigung der Rechtspflege getroffenen gesetzlichen Bestimmungen dadurch zu umgehen, daß Rechtsstreitigkeiten durch Schiedsvertrage der ordentlichen staatlichen Rechtspflege entzogen werden. Das Präsidium der preußischen Anwaltskammern weist auf die Rechtsbedenklichkeit eines solchen Versuches zur Sabotage der gesetzlichen Maßnahmen hin und warnt das rechtschutzsuchende Publikum vor einer Beteiligung daran.“ Nach allgemeiner Auffassung und den geltenden Gesetzen ist ein Schiedsvertrag ein durchaus zulässiges Institut und es ist daher unverständlich, worin die Anwaltskammern eine ״Rechtsbedenklichkeit" erblicken. Wie amtlich mitgeteilt wird, hat die Hamburger Landesjustizverwaltung die Zulassung von 44 Rechtsanwälten niehtarlscher Ab st ammune bei dem Hanscatisehen Oberlandesgericht, dem Landgericht und dem Amtsgericht in Hamburg zurückgenommen. Die Katastrophe des ״Berliner Tageblattes" Alter and neuer ״Charakter“ In den letzten Wochen haben viele Tausende ehemaliger Abonnenten des ״B. T.“ das, Abonnement gekündigt. Sie werden, wie uns von vielen Seiten mitgcteilt wird, weiter durch kostenlose Zustellung der Zeitung, die sie nicht lesen, belästigt. Ferner erhielten viele der Abbesteller folgendes Zirkularschreiben: Verlag Rudolf Müsse Berlin SW 100 Direktion Euer Hocäwohlgeboren! Ihr« Entschließung, das ״Berliner Tageblatt“ abrubestellen, würde uns sehr schmerzlich sein, denn wir haben im Leser immer irgendwie den Kameraden und Freund gesehen und den wirtschaftlichen Zusammenhängen dabei weniger Bedeutung beigemessen. Wenn Sic uns jetrt verlassen, so tun Sic dies in einem Augenblick, der unbedacht gewählt ist, denn der Innere Zug des ״Berliner Tageblatt“ rum alten Charakter hin wird schon in den nächsten Tagen wieder erkennbar sein. Eine politische Umwälzung ohnegleichen machte es erforderlieh, die Gesamtpolitik des ״Berliner Tageblatt“, das im Ausland größten Einfluß hat, auf eine Linie zu stellen, die es verhindert, daß Deutschland in eine geistige Isolierung gerät. Die heutige Regicrung ist, wie sich der Einzelne auch zu ihr stellen mag, die Vertreterin des gesamten Volkes und hat gemäß der Verfassung ein Recht darauf, diese Stellung zu beanspruchen. Dies schließt nicht aus, daß an einreinen Punkten ihres Programms positiv gehaltene Kritik geübt wird. Selbstverständlich werden wir dabei, unserer Tradition gemäß, für Freiheit, und Gleichberechtigung aller Staatsbürger eintreten. Wir sind überzeugt, daß wir bei diesem ernsten Bestreben auch das Verständnis der Regierung finden, und daß wir Ihnen bald ein ״B. 1'.“ zustellen können, das Sie sveitcrzulcsen wünschen. Wir geben uns daher der Hoffnung hin, daß Sie unserer Zcitung auch weiterhin die Treue halten. Sollten Sie das Abonnement nicht sofort erneuern wollen, so werden wir Ihnen das ״B, T.“ eine Zettlang kostenlos zusenden, damit Sic sich selbst von der Entwicklung des Blattes überzeugen können. Mit vorzüglicher Hochachtung Verlag Rudolf Messe, Direktion. Ein aufrechter Jude, der uns diesem Schreiben zur Verfügung stellte, sagte dazu: Jetzt verstehe ich, daß man bona fidc Antisemit sein kann. Um Mißverständnisse zu verhüten, muß fesfgestellt werden, daß die Aktion derjenigen Juden, die das ״B. T.“ abbestellten, nicht als eine Stellungnahme gegen die nationale Regierung aufzufassen ist. Zum Beweis hierfür haben viele der Abbesteller an Stelle des Tageblattes die ״D. A. Z.“ abonniert, die immer in der nationalen Bewegung stand und auch jetzt die Regierung voll unterstützt. Die spontane Reaktion der Juden hat vielmehr ihren Grund in der Erkenntnis, daß die Juden, die sich jahrelang der Führung des ״B. T.“ überließen, betrogene Betrüger sind. Denn das ״B. T." erklärt zwar in seinem netten Brief, cs habe ״den wirtschaftlichen Zusammenhängen weniger Bedeutung beigemessen“, die jüdischen Abonnenten aber sind der Meinung, daß es sich übel rächt, wenn man ein Geschäftsunternehmen für eine geistige Repräsentanz hält. Wir können nur die eine Hoffnung aussprechen: Möge nie wieder die Zeit kommen, wo das ״B. T.“ sein Versprechen wahr macht, zum ״allen Charakter“ zurückkehrt und dadurch wieder den Eindruck erweckt, es sei ein ״Judenblatt“, während es in Wahrheit nur ein Geschäftsunternehmen ist! Wie aber der ״innere Zug zum alten Charakter hin“ sich gegenwärtig oftcnbait, dafür gab es in dieser Woche ein schönes Beispiel, in der ״Times“ haben 20 englische Gelehrte sich für die wissenschaftliche Bedeutung von Prof. Bernhard Zondek eingesetzt und dafür plädiert, ihm in England eine Forschungsstätte zu gewähren. Ueber diesen Brief, der im Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 34 kurz zitiert wird, wurde das deutsche Publikum durch eine Meldung der T. U. informiert. Die Zeitungen, die diese Meldung brachten, enthielten sich jedes Kommentars. Nur das ״Berliner Tagebiatt“ sieht hier eine Gelegenheit, seinen ״neuen Patriotismus“ schön zur Schau zu tragen und bringt am 28. April eine Notiz unter der Ueberschrift ״Warum Zondek entlassen wurde“. Darin heißt cs: ״Von gut informierter Stelle wird, da auch gewisse Auslassungen der skandinavischen Presse vorliegen, hierzu erklärt, daß die Gründe der Enthebung Professor Zond e k s, der eine Reihe von Jahren als Kliniker und Direktor im Urban-Krankenhaus Dienst tat, weder auf seine politische Einstellung, noch auf die Tatsache, daß Zondek Jude ist, ziirückzuführen seien. Maßgebend für die Entlassung sei vielmehr gewesen, daß unter der Leitung Zondcks sowie auch des zweiten Direktors Dr. Schlick Verhältnisse cingerissen seien, die ein sofortiges Eingreifen erforderten... Wir können nicht nachprüfen, ob die Angaben des ״B. T.“ richtig sind. Was uns aber unzweifelhaft zu sein scheint und auch von niemandem geleugnet wird, ist die Tatsache, daß viele Professoren, weil sie Juden sind, entlassen werden. Was anderes bedeutet denn die Untersuchung der Frage der ״arischen Abstammung“? Der in Deutschland regierende Nationalsozialismus hat Prinzipien, und auch der Andersdenkende muß anerkennen, daß die Bewegung an ihren Prinzipien festhält, sogar wenn damit gewisse Nachteile verbunden sind. Kein ehrlicher Nationalsozialist wird diese Prinzipien leugnen. Nur das ״B. T.“ beeilt sich, zu dementieren. Und dabei passiert ein Malheur. Wir können nicht annehmen, daß in der Redaktion des ״B. T.“ kein Exemplar der Londoner ״Times“ vorhanden ist. Der Brief der Londoner Gelehrten bezieht sich nämlich auf Dr. Bernhard Zondek, den Hormonforscher und Sexologen, der am Spandaucr Krankenhaus arbeitete und niemals etwas mit dem Krankenhaus Am Urban zu tun hatte. Die Engländer sprechen von einer wissenschaftlichen Leistung, die auch außerhalb Deutschlands bekannt ist. Durch die Notiz des ״B. T.“, mag sie also richtig sein oder nicht, wird jedenfalls d i e Angelegenheit, für die sich die englischen Herren einsetzten, nicht berührt. Der Fall dient aber als gute Illustration für die Tendenz des ״B. T.“ zu seinem ״alten Charakter“ hin, Ja, d a s ist sein ״Charakter“; und durch dieses Blatt haben sich Juden eine ganze Epoche hindurch geistig und politisch vertreten gefühlt! Wenn man die ganze Tiefe dieser Zusammenhänge durchschaut, dann könnte die Katastrophe des ״B. T.“ den deutschen Juden die Augen dafür öffnen, w׳as not tut, damit das Judentum in Deutsch- Und wieder ehrlich wird. So geht cs nicht! Die ״Jüdische Rundschau“ ist als erstes jüdisches Blatt dafür eingetreten, daß in dieser Zeit unnötige innerjüdische Polemik zurückgestellt wird; ja noch mehr, wir glauben, daß das deutsche Judentum in einem Zustand der Gärung sich befindet, daß die alten, seit Jahrzehnten ängstlich behüteten Parteischranken fallen und neue Erkenntnisse sich Bahn brechen, die auch zu neuen Gruppierungen führ«! müssen. Nichts scheint uns da weniger am Platze als kleinliehe Aufbauschung alter Differenzen. Aber dennoch können wir nicht schweigen, wenn man im anderen jüdischen Lager versucht, den eigenen Anhängern die Notwendigkeit eines Umdcnkens mit Formulierungen plausibel zu machen, dl« nicht fördernd, sondern schwächend wirken müssen. Nach dem Umschwung hat die Zionistische Vereinigung und das Palästina-Amt die Erfahrung gemacht, daß zahlreiche Juden, die bisher weit außerhalb der zionistischen Reihen standen, sich für Palästina interessieren. Gerade in diesen Kreisen setzte man übertriebene Hoffnungen aut Palästina, vor denen die ״Jüdische Rundschau“ wiederholt gewarnt hat. Zionisten wissen aus langjähriger Beschäftigung mit den Dingen naturgemäß besser Bescheid und werden sich nicht in Illusionen wiegen, die man bei Nichtzionisten häufig findet, die noch obendrein ״beleidigt“ sind, wenn man ihnen nicht sofort eine gute Stellung in Palästina verschafft. Palästina kann nicht alle deutschen Juden und kanh vor allem nicht die intellektuellen, die iltre Berufe behalten wollen, aufnehmen. Aber cs kann viel von dem jüdischen Nachwuchs aufnehmen, weit mehr als andere Länder, und besonders zu begrüßen ist es, wenn jüdische schaffende Menschen mit Energie, Fleiß und Unternehmungsgeist hingehen, um an dem Aufbau des Landes mitzuwirken und gleichzeitig für sich und ihre Nachkommen eine Existenz aufzubauen. Wir können aber nicht zulasset!, daß sich die veränderten Verhältnisse In den Köpfen der Mitglieder des C.-V. so malen, wie es die ״C. - V. - Ze i t u n g“ wünscht, wenn sie in ihrem Leitartikel am 13. April schreibt: ״Der drohend verengte L.ebensraum für unsere Mensehen wird wie in früheren Epochen dazu zwingen, Existenzmöglichkeiten auch außerhalb des Vaterlandes zu suchen. Es spricht nicht gegen die deutsche Gesinnung eines Menschen und es bedeutet keine Anerkennung nationaljüdischer Gedanken, wenn er auf der Suche nach einem Existenzraum für seinen Sohn oder seine Tochter das Land Palästina ebenso wertet wie England oder Spanien oder Nordamerika.“ Dazu ist zu sagen: die Antithese von ״deutscher Gesinn urig“ und ״nationaljiidischcn Gedanken“ in diesem Zusamnienhang und in diesem Zeitpunkt ist eine unerlaubte Entgleisung, die gerade diesem Autor nicht hätte passieren dürfen. Aber wenn man Palästina den C.-V.-Mitglicdcm dadurch akzeptabel machen will, daß man es mit Spanien oder Nordamerika (warum nicht Südamerika?) vergleicht, entspricht das weder der Sache noch der Situation. In Palästina haben seit fünf Jahrzehnten Juden gearbeitet, weil es eben P a 1 i 5 t i n a und nicht Spanien oder Chile war; dieser selbstlosen Arbeit von Generationen, die um des Namens ״Erez Israel“ willen zum Teil in den Sümpfen umkamen, hat cs der deutsche Jude zu danken, daß er heute wenigstet!s eine kleine Hoffnung auf eine würdige Auswanderung*- möglichkeit hat. In Palästina kommt der Auswanderer im Gegensatz zu anderen Ländern in ein j üdisches Volksleben, er hat jüdische Pflichten mitzutragen, und der Ein- Wanderer, der nach Palästina nur zufällig so wie nach Chile geht, wäre fehl am Ort. Statt den deutschen Juden zu sagen, dal> durch ihre ebenso wie aller anderen Juden Mitarbeit die Aufnahmefähigkeit Palästinas für Einwanderer um vieles hätte gesteigert werden können, daß diese Pflicht, für eine gesichelte Zukunft des jüdischen Volkskerns einzustehen, auch heute auf ihnen lastet, spricht man in einer wegwerfenden Nebenbemerkung von Palästina, dessen Existenz nur dadurch zu ״entschuldigen“ ist, daß es ja schließlieh auch noch andere Länder auf der Welt gibt, nach denen man auch auswandern könnte. Nein, unter so kleinem, reim egoistischem Aspekt ist die Palästinasache nicht zu behandeln. Wer sie nicht als Sache der Gesamtheit bereift, an dem ist die Tragik des jüdischen Schicksals uneinerkt vorübergegangen. Eia Erlaß Aber Sdintzhättiloge Die ״Frankfurter Zeitung“ und die ״Germania“ geben Kenntnis von folgendem Erlaß, der in der ״Frankenthaler Zeitung“ (Pfalz) abgedruckt ist: Bekanntmachung des Gauleiters der NSDAP. Eine Reihe von Gesuchen liegen hier vor, die sieh mit der Freilassung von politischen Schutzhaftgefangenen bcfassen. Es muß festgestellt werden, daß die Gesuchsteller sich in der Hauptsache für verhaftete Juden und bessergestellte Schutzhäftlinge einsetzen. Nicht zuletzt möchte ich in diesem Zusammenhang auch auf die vorliegenden ärztliehen Gutachten hiinveiscn, die die Haftunfähigkeit, insbesondere von Juden, feststellen. Um arme Arbeiter, die sich in Schutzhaft befinden, hat sich bis jetzt noch kein Mensch angenommen! Ich halte cs daher für richtig, bekanntzugeben, 1. daß in erster Linie jene inhaftierten Arbeiter freigelassen werden, um die sich bisher niemand angenommen hat, 2. jene politischen Gefangene, für die die in eisten Gesuche vorliegen, werden zuletzt entlassen. Unter diesen wiederum endlich werden am Schluß diejenigen entlassen, für die sich selbst Kommerzienräte eingesetzt haben. 3. Juden können in Zukunft nur noch entlassen werden, wenn je zwei Bittsteller bzw. die die Juden krankschreibenden Aerzte an Stelle der Juden die Haft antrete n, (Von uns gesperrt. — Red. ״J. R.“) Neustadt, den 18. April 1933. Der Gauleiter. Die Reichsvertrc-tung der Jüdischen Landesverbände Deutschlands teilt mit: Am 23. April fand unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Kammergerichtsrat Wolff eine Sitzung der Reichsvertretung der Jüdischen Landesverbände Deutschlands statt, an der außer den Berliner Mitgliedern die Vertreter Bayerns, Badens, Württembergs und Hamburgs sowie Herr Rabbiner Dr, Horovitz (Frankfurt a. M.), der in der vorigen Sitzung neu to das Präsidium der Reichsvertretung gewählt worden war, und schließlich ein Vertreter des Halberstädter Verbandes teilnahmen. Es wurdet! alle Fragen, die mit der augenblicklichen Situation der Juden in Deutsch-!and Zusammenhängen, an Hand ausführlicher Berichte eingehend erörtert. Im besonderen waren alle Fragen wirtsch ältlicher Hilfsmaßnahmen Gegenstand gründlichster Beratung, und zwar einschließlich der akuten kulturellen Fragen. Es ergab sich volle Uebereinstimmung über die Wetterführung der Arbeit, besonders über den planmäßigen Ausbau der Hilfe jeder Art für diejenigen Juden, die in Not geraten sind.