Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1933)
- Date
- 1933-05-03
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. 3. Y. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 17צ Innerjfidische Tribüne Sorge um Deutschland Ein mutiges Wort von Prof. Köhler. In der ״DAZ.“ vom 23. April veröffentlicht der Berliner Philosoph Prof. Wolf gang Köhler einen Aufsatz ״Ge• sprächeia Dcutscnlan d“, der eine sehr weite Resonanz gefunden hat, weil der Verfasser als deutscher Patriot gcwissen Besorgnissen über die Folgen der allzu stürmischen üieichschaltunp auf allen Gebieten Ausdruck gibt. Prof. ICöh• ler berichtet über Gespräche mit Freunden, die Zweite! äußer• ten, ob wirklich ah Stelle der vielen jetzt beseitigten Männer überall vollwertiger Ersatz zu finden sein wird. In dem Berieht über diese ״Gespräche“ heißt es dann weiter: ״Wenn ich aber weiter frage, so zeigt sich, daß noch eine andere Sorge vorliegt, die freilich ebenfalls aus dem Prinzip der Sachlichkeit um der Nation willen entspringt. Sie betrifft die Rassenpolitik der Nationalsozialistischen Partei und des neuen deutschen Staates. Keiner von den Deutschen, die ich meine, leugnet das Vorhandensein eines Judenprobl ems in Deutschland; die meisten von ihnen glauben, daß die Deutschen das Recht haben, die Zusammen- Setzung ihres Volkskörpers zu kontrollieren und den zu proß gewordenen Anteil von Juden an der Führung aller wesentliehen Angelegenheiten des Volkes durch weise Regelung־ zu beschränken, Nur solche Maßnahmen aber können sie inner-!ich billigen, die nicht auf Umwegen Deutschland schädigen, die nicht plötzlich die Existenz von ganz Unschuldigen zerstören und die nicht die bedeutenden, vornehmen Menschen unter den deutschen Juden schwer verletzen. Denn meine Freunde wollen der These nicht zustimmen, daß jeder Jude, als Jude, eine niedere, minderwertige Form von Menschentum darstellt. Als ich fragte, griff einer nach den Psalmen und las: Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. — Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir. Auch den 90. Psalm las er noch und sagte dann: Kaum hat je ein Deutscher Menschenherzen tiefer erschüttert und getröstet, die in Not sind. Und dies ist von den Juden zu uns gekommen. Ein anderer erinnerte mich, daß niemals ein Mensch reiner um Klärung seiner Welt gerungen haben wird als der Jude Spinoza, dessen Weisheit Goethe verehrte. Er scheue sich nicht zu verehren, wo es Goethe getan hat. Ueberdies hätte Lessings saubere Feder gewiß den ״Nathan“ nicht geschrieben, wenn menschlicher Adel nicht unter Juden vor käme. Von den Deutschen, die jetzt abseits stehen, sind viele Lehrer an deutschen Hochschulen, und manche sind Naturforscher. Es scheint, daß keiner an das kurze Leben und das große Schaffen von Heinrich Hertz denken kann, ohne daß eine fast zärtliche Bewunderung in seine Augen kommt, in Hertz aber war jüdisches Blut. Einer hat mir unterwegs auf der Straße gesagt: ״Der größte deutsche Experimentalphysiker der Gegenwart heißt Franck; manche glauben, er sei der größte Experimentator dieser Wissenschaft, den eben die Welt besitzt. Dieser Franck ist Jude, ein gütiger Mensch, wenn je einer in Deutschland war. Bis vor wenigen Tagen war er Professor in Göttingen, ein Ruhm Deutschlands, um den uns draußen die wissenschaftliche Welt beneidete. Ein deutsches Gesetz hat, nicht dem Wortlaut nach, wohl aber durch seinen innerem Sinn diesen guten und großen Menschen so schwer getroffen, daß er aus unseren Reihen scheidet. Haben Sie gelesen, mit welchen Worten er seine Stellung aufgibt? Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß Juden vornehme Menschen sein können, dieser Mann hat ihn erbracht.“ Er nahm seinen Hut ab, und mir schien, ich sollte es auch tun. Vielleicht ist hier der ernsteste ,Grund zu sehen, weshalb alle diese Leute beiseitestehen: sie fühlen den Grund und Boden ihrer moralischen Welt tangiert. Für sie gilt, daß nur die wirkliche Beschaffenheit eines Menschen über ihn zu entscheiden erlaubt, und daß geistige Bedeutung, Vornehmheit der Gesinnung und evidentes Verdienst um die deutsche Kultur bleiben, was sie sonst sind, wenn sie an einem Juden gefanden werden. Alles, was sie seit ihrer Kindheit lernten, und sicher noch tiefer liegende Kräfte verpflichten sie auf diese Haltung, von der sie schlechterdings nicht abgehen können. — Dazu aber kommt wiederum die Sorge um ihre Nation. Die gegenwärtige geistige Kultur Deutschlands ist ein mächtiges Haus, gebaut aus Steinen von mancherlei Art. Manche Steine haben sich als minderwertig erwiesen. Kein Zweifel, daß man diese entfernen muß. Indessen fürchten meine Freunde, daß die Steine nicht auf ihre wirkliche Sachbeschaffenheit geprüft, sondern alle Steine gerade nur einer Herkunft beanstandet, diese schnell herausgerissen und dabei unversehens Teile des ganzen Baues gefährdet werden könnten. Denn nie erfaßt der vom Zorn umvvölkte Sinn klar seinen Gegenstand. Meine Freunde denken, daß es unentbehrliche Träger im Haus der deutschen Kultur gibt, welche von Juden stammen. Jeder Stoß, der eben durch dies Haus geht, macht sie für das Haus und seine Zukunft zittern.“ Eine Rede Lloyd Georges London, den 2. Mai. (J. T. A.) Auf einer Tagung der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft hielt der ehemalige englische Ministerpräsident Lloyd George eine Ansprache, in der er an alle Länder der Christenheit den Appell richtete, der großen Leistungen des Judentums für die allgemeine Kultur eingedenk zu sein. Ich wünschte, sagte Lloyd George u. a., jedes Land der Christenheit wäre eingedenk eines Satzes der Bibel, in dem es heißt, das ״Heil komme von den Juden“. Die Bibel ist nicht der einzige Beitrag der Juden zur allgemeinen Kultur. Aber sie ist ihr großter Beitrag und sie ist gleichzeitig der größte Beilrag, den irgend ein Volk jemals zur Zivilisation beigesteuert hat. Gecnwärtig sind die Juden in einem der größten Länder der hristenheit schweren Zurücksetzungen ausgesetzt. Die Zurücksctzunp der Juden ist für Deutschland und die Welt ein Unglück. Deutschland gewinnt nichts durch sie, niemand wird durch sie etwas gewinnen. Die schwedische Presse veröffentlicht einen Auf- £u‘ gegen den Antisemitismus, der von über fünfzig hervorragenden schwedischen Persönlichkeiten, darunter besonders von zahlreichen protestantischen Geistlichen, untcrzeichnct ist. Unter den Unterzeichnern befinden sich der Pastor Primarius Nils Widner sowie die Witwe des Erzbischofs Nathan Soedcrblom. Die Exekutive der holländischen Zweigorganisation des Weltverbandes der protestantischen Kir* chen hat an den Permanenzausschuß der jüdischen Gemeinden Hollands ein Schreiben gerichtet, in dem sie sich gegen die Zurücksetzung der Juden in Deutschland wendet und Rassenhaß und Antisemitismus als unvereinbar mit dem Christhchen Gewissen erklärt. Der Exekutive des Weltverbandcs hat sie eine Petition überreicht, in der der Weltverband er- Sucht wird, in dieser Frage einzugreifen. Die jüdischen Richtungen im neuen Deutschland Von Dr. Walter Breslauer. In dem nachstehenden Aufsatz nimmt, der Verwal■ tu ngs-Direktor der Jüdischen Gemeinde Berlin, der der jüdisch-liberalen Partei angehört, zu einzelnen Ausführungen unseres Leitartikels in Nr. 3t der ,,Jüdischen Rundschau“ Stellung. Wir geben dem Wunsche des Einsenders, in der ,״Jüdischen Rundschau“ zu Wort zu kommen, gern statt, da auch wir eine ehrliehe Aussprache niemals auf Parteigrenzen beschränkt 1wünschten und insbesondere in diesem Moment, wo — nach dem Zeugnis vieler Zuschriften aus nichlzionistischcm Lager — die ״Jüdische Rundschau“ nicht als Parteiorgan, sondern als führendes Organ des deutschen Judentums schlechthin betrachtet wird, unsere Spalten hierfür öffnen. Auf einzelne Punkte, in denen Dr. ßreslauer unsere Haltung mißverstanden zu haben scheint, gehen wir in einer Nachbemerkung zu seinem Artikel kurz ein, um das Weilertragen dieser Mißverständnisse zu verhüten. Red. Im Leitartikel der letzten Nummer dieser Zeitung wird der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß die Gesichtspunkte der früheren jüdischen Parteigruppierung hinfällig geworden seien. Es wird hervorgehoben, daß in der jün~ gcren Generation eine wachsende Erkenntnis dieses Sach- Verhalts zu finden sei. Jeder, der im jüdischen Leben steht, wird die Richtigkeit dieser Beobachtungen bestätigen. Nur daß die Aufnahmefähigkeit für neue Eindrücke und Situationen nicht immer auf die Jugend beschränkt ist. Diese Auflösung der inneren Front hat zunächst ihren Ausdruck gefunden in dem reibungslosen Verlauf der gemeinsamen praktischen Arbeit, die in diesen Wochen in den zentralen Hilfsorganisationen des deutschen Judentums geleistet worden ist. Aber auch zur theoretischen Auseinander- Setzung, zur grundsätzlichen Klärung der neuen Situation ist der Zeitpunkt gekorninen. Denn was uns auch noch bevor• stehen mag: die geistigen Grundlagen des ״Dritten Reichs״־ scheinen für geraume Zeit abgesteckt. Mit ihnen ist bei der Auseinandersetzung mit gegebenen Tatsachen zu rechnen. Es ist erwünscht, daß die notwendige Diskussion nicht wieder so verläuft, daß jede Richtung nur in ihren eigenen Organen zu Wort kommt. Ein solches Verfahren wäre der notwendigen Formung gemeinsamer Auffassungen abträglich, Deshalb suchen diese Zeilen eines bewußten Vertreters der deutsch-jüdischen Richtung Gastrecht in der ״Jüdischen Rundschau“. Die Untersuchung muß scharf irennen zwischen der B<- urteilung des Problems für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit Entschiedenheit sei hervorgehoben: wir wollen unsere Vergangenheit nicht verleugnen. Es wäre eine unwürdige Haltung, wenn wir heute verketzern wollten, was wir noch vor kurzem mit Ernst und Eifer erstrebt. Nur dann wäre vielleicht Anlaß, unsere Hoffnung auf die Verschmelzung der deutschen Juden zur Kultur- und Volksgemeinschaft mit den Deutschen anderer Abstammung nachträglich zutn Irrglauben zu stempeln, wenn wir die Ueberzeugung hätten, daß die Eniwicklung der deutschen Politik eine zwangsläufige g־ctvesen sei. Oese Ueberzeugung aber haben wir nicht. Wir glauben, daß es in der Geschichte wohl Strömungen und Tendenzen, aber keine Zwangsläufigkeit gibt, daß die innerdeutsche Entwicklung ganz anders verlaufen wäre, wenn die Weltwirtschaftskrise einige Jahre früher oder später gekotnmen wäre, daß auch noch für die politische Entwicklung des letzten Jahres sehr menschliche, sehr zufällige Vorkommnisse von richtunggebendem Einfluß gewesen sind. Diese unsere Ansicht kann niemand widerlegen; erst nach Jahrzehnten mag der Historiker über sic richten. Man kann heute gelegentlich aus zionistischem Munde den Ausdruck der Befriedigung darüber vernehmen, daß jetzt Personen, die dem Zionismus ablehnend, ja sogar feindlich gegenübergetreten sind, ihre Zukunft in Palästina suchen. Das Gefühl der Genugtuung mag menschlich verständlich sein; man sollte es aber zurückdrängen, da es mit dem der Schadenfreude doch eine bedenkliche Verwandtschaft hat. Auch der Zukunftsglauben wird heute bei Zionisten und Nichtzionisten nach wie vor vielfach ein verschiedencr sein. Selbst in den Ländern Osteuropas, die ein ״Assimilationsjudentum“ nicht oder fast nicht kennen, besteht dieser Gegensatz. Es ist jetzt weder Raum noch Möglichkeit, ■die verschiedenen hier in Betracht kommenden Anschauungen zu erörtern. Der Hinweis muß genügen. Nur das eine muß im Zusammenhang dieser Betrachtung hervorgehoben werden, daß auch unserer Richtung ihre Hoffnungen heilig sind. So mancher von den deutschen Juden wird heute seine persönliche Zukunft iin Ausland, eine weit größere Zahl als bisher die ihre in Palästina suchen. Die Mehrzahl der deutschen Juden aber wird (vorbehaltlich der etwaigen Ein- Wirkung weiterer umstürzender Ereignisse) ihr Geschick auch weiter in Deutschland erfüllt sehen. Sie wird sich dessen wohl bewußt sein, daß es nicht 1n ihrer Macht steht, auf eine Aendcrung der geltenden Staatsauffassung Einfluß zu nehmen, die vom Rassenstandpunkt ausgehend die Juden als Fremdstämmige von der Volksgemeinschaft ausschiießt. Es wird ihr insbesondere auch fern liegen, sich die Wiederherstellung ihrer Gleichberechtigung erbitten oder erschmeicheln zu wollen. Sollte aber das deutsche Volk von sich aus in irgendeiner nicht zu übersehenden Zukunft dazu gelangen, als «ntscheidendes Element für die Bindung an eine Volksgciminschaff Kultur und Willen statt der Biutszugehörigkeit anzusehen, so werden unsere alten Ideale neue Lebenskraft gewinnen. Von zionistischer Seite wurde die Befürchtung ausgesprochen, die deutschen Juden könnten, wenn einmal vorübergehe, was wir jetzt erleben, vergessen, was ihnen geschehen sei. Wir fürchten nicht, sondern wir hoffen, daß *ine Zukunft uns mit der Gnade dieses Vergessens segnen könne. Und wir unterscheiden uns darin auch jetzt noch von der zionistischen Lehre Aber wir sind Realisten genug, um zu erkennen, daß solche Hoffnungen auf eine ungewisse Zukunft nicht unser gegenwärtiges Handeln bestimmen können. Denn die Gegenwart steht klar und deutlich vor uns. Sie trifft einen jeden von uns empfindlich in seiner moralischen, zerstört vielen zugleich die materielle Existenz. Im Reichsgesetzblatt und in der Verwaltungspraxis, im Rundfunk und in der Presse wird uns gesagt, daß wir nach der Meinung, die jetzt in Deutschland gilt, nicht zum deutschen Volke gehören. Wir müssen bereit sein, die logische Konsequenz daraus zu ziehen. Sie wird für niemanden bestehen in der Loslösung von den Gütern deutscher Kultur, in der wir aufgewachsen sind, in deren Lauten wir sprechen, mit deren Gedankengängen wir verwachsen sind. Sie wird für niemanden bestehen in der Versuchung zürn Ungehorsam gegen die staatliche Ordnung. Zionistische und deutsch-jüdische Kreise sind hierin völlig einig. Ja, oft genug haben wir von Freunden, auch solchen zionistischer Gesinnung, die jetzt eine neue Heimat suchen, vernommen, wie schwer es ihnen wird, von der alten zu scheiden und wie sie das deutsche Kulturgut als eigensten Besitz mitndimen, sei es nach Palästina, sei es anderwärts hin. Aber die gegebene Folge der herrschenden Auffassung vom Volke und Staat wird, wieder für uns alle, gleichgültig aus welchem Lager wir kommen, die sein, daß wir — über das Maß der religiösen Bindungen, über die Anhänglichkeit zum Judentum hinaus, unser gemeinsames Jude sein empfinden und betonen. Dieses intensivierte Gemeinschaftsgefühl muß sich auswirken in absoluter Verlnmdenheit in allem jüdischen Wirken auf dem Gebiete der Religion und der Wohlfahrt, aber auch auf dem Gebiet »der Einstellung zur Umwelt und auf dem der Erziehung unserer Jug e n d. Aus dem zionistischen Lager wird die Forderung aufgestellt, die Schulen, die die jüdischen Gemeinden unterhalten und, hoffentlich, noch werden errichten dürfen, müßten jüdischc sein. Diese Forderung kann heute allen Richtungen des deutschen Judentums gemeinsam sein. Dabei darf sie freilieh nicht falsch verstanden werden. Es ist sicherlich nicht gemeint, daß auf diesen Schulen die Werte deutscher Kultur minder geachtet oder gepflegt werden sollen. Es darf auch nicht gemeint sein, daß der Geist des Unterrichts ein eng nationalistischer, kein wcltoffener sein solle. Die Forderung wird vielmehr nur in dem Sinne verstanden und allgemein akzeptiert werden können, daß jüdische Werte aller Art, ob sie aus Religion, Sprache, Schrifttum oder Sfammesverbundenheit fließen, ihre Pflege finden, der Schule ihr Gepräge geben sollen. Vielleicht werden die Erörterungen in den hierzu berufenen Körperschaften zeigen, daß mancherlei Schattierungen der Auffassung bestehen. Vielleicht mag es sich als zweckmäßig erweisen, diesen Abweichungen auch innerhalb der Schulsysteme Raum zu gehen, derart, daß in der einen Schule mehr diese, in der anderen mehr jene zu Worte kommt. Aber die Einheitlichkeit des Erziehungswerkes, die Gemeinsamkeit des Strebens braucht darunter nicht zu leiden. Und wie beim Schulwerk, so sollte man auch sonst niemanden ablehnen, der an der jüdischen Geineinschaftsarheit teilnehmen will. Man soll mich nicht, wie cs der eingangs zitierte Leitartikel fordert, die ältere Generation beiseite schieben wollen, weil es i!1r zum Teil besonders schwer fällt, der neuen Sachlage Rechnung zu tragen. Nur den wird man ausscheiden müssen, der aus persönlichem Ehrgeiz oder Verranntheit die Einigkeit des deutschen Judentums absichtlich! stört. Sonst mögen alle Zusammenwirken, damit wir bei allem Schwerem, das wir erfahren haben und das uns noch auferlegt werden sollte, den Stolz, den Glauben an uns selbst und die Zuversicht uns erhalten. Nachbemerkung der Redaktion Die Ausführungen Dr. Breslauers sind uns als ein offenes Wort willkommen. Daß aufrechte Menschen ״ihre Vergangenheit nicht verleugnen“, finden wir selbstverständlich und respektieren wir. Da8 aber Irrtümer der Vergangenheit korrigiert werden können, halten wir für ebenso sicher. Und so sehr wir alle die gegenwärtige Situation in Deutschland bedauern und die Ausschaltung der Juden wegen ihrer Fremdstämmigkeit für ungerechtfertigt halten, so glauben wir doch, daß es falsch wäre, die Tatsache der Fremdstänimigkeit nebst einigen sich daraus ergebenden Konsequenzen als unwesentlich abzulun. Denn wir halten die Geringschätzung dieser Tatsache seitens der assimilatorischen Juden für einen der Hauptgründe für das phantastische Anwachsen des Antisemitismus. Darüber wird vermutlich noch bei vielen Gelegenheiten zu sprechen sein. Wenn dagegen Dr. Breslauer meint, daß die Zionisten den Nichtzionisten, die jetzt ihre Zukunft in Palästina suchen, mit ״Schadenfreud c“ begegnen, dann mißversteht er uns wirklich gründlich. Nichts macht die Zionisten glücklicher, als daß in dieser schweren Krise des Judentums wenigstens ein Ort da ist, der allgemein heute als Lichtblick in einem dunklen Bilde anerkannt wird. Wenn man den Nichtzionisten, die sich jetzt für Palästina interessieren, etwas entgegenhält, so ist es dieses: Menschen, die der Entwicklung des Palästina-Aufbaus stets Hindernisse in den Weg zu legen versuchten, sollten nicht in einem Moment, wo sie ihren Irrtum einsehen müssen, mit Prätentionen auftreten, die durch nichts gerechtfertigt sind. Sie sollten, auch wenn Palästina ihnen persönlich gar nichts zu bieten hat — und es wird viele deutsche Juden geben, die Palästina nicht aufnehmen kann — ganz bescheiden sich in den Kreis der Mitarbeiter an dieser Sache, deren Wert sie jetzt anders beurteilen, einstellen. Nur, wo das nicht geschieht, nur wo man mit einer durch nichts berechtigten Arroganz an diese Sache herantritt oder aber deutlich erkennen läßt, daß man persönlich von einer Konjunktur profitieren will, wird man von zionistischer Seite mit Skepsis betrachtet. Manche derartige Auskunftsuchende lassen deutlich durchblicken, daß die Palästina-Sache jedes Interesse für sie wieder verliert, wenn ihnen persönlich nicht sofort durch das Werk, das andere getan haben, geholfen werden kann. Dagegen setzen wir uns zur Wehr. Juden, die, wenn sie schon — wie Dr. Breslauer es ausdrückt — ״ihre Zukunft in Palästina suchen“, sich auch wirklich zu Palästina bekennen, werden von allen Zionisten und von allen Palästinensern mit offenen Armen brüderlich aufgenommeu werden. »Was wir uns aber nicht gefallen lassen müssen, ist der Ver-