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Jüdische Rundschau · 1933-04-28 · Heft 34 (28.4.1933) · p. Seite 167

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 34 (28.4.1933)
Date
1933-04-28
Page
Seite 167 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34. 28. IV. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 167 Die Studenten-Thesen wöcgen undeutschen Geist'״ Konflikt an der Berliner Universität An der Berliner Universität ist es zu einem Konflikt zwischen Rektor und Studentenschaft gekommen, und zwar wegen Jener Aktion der ״Deutschen Studentenschaft“, die von ihren Veranstaltern als ״Aufklärungsfeldzug wider den undeutschen Geist“ bezeichnet wird. Am 13. April sind von der ״Deutschen Studentenschaft“ zwölf Thesen ״Wider den undeutschen Geist“ zum öffentlichen Anschlag gelangt.. Diese Thesen, zu denen die ״Jüdische Rundschau“ im Leitartikel der Nr. 32 bereits Stellung genommen hat, sind auch innerhalb des Berliner Universitätsgebäudes angeschlagen worden. Darüber ist es zwischen dem Rcktor der Berliner Universität, Prof. Dr. Eduard Kohl rausch, und der ״Deutschen Studentenschaft“ zu einem Konflikt gekommen, der zunächst dadurch bekannt wurde, daß die ״Deutsche Studentenschaft“ eine Mitteilung verbreitete, Professor Kohlrausch habe die Entfernung der von der Berliner Studentenschaft angeschlagenen zwölf Thesen ״Wider den undeutschen Geist“ in der Universität verlangt, widrigenfalls er das Rektorat niederlegen und die Hochschule nicht mehr betreten werde. Da die zwölf Thesen auch weiterhin aushingen, sei, — so hieß es in der Erklärung der ״Deutsehen Studentenschaft“ — anzunehnien, daß Professor Kohlrausch von seinem Rektorat zurücktrete. ״Damit dürfte“, so erklärte die. ״Deutsche Studentenschaft“ weiter, ״auch in Berlin die Gleichschaltung, die in den letzten Tagen mit Professor Heidegger an der Universität Freiburg begönnen wurde, praktisch eingeleitet sein“. Inzwischen hat Rektor Kohlrausch der Oeffentlichkeit eine Erklärung übergeben, deren Hauptteil lautet: ״Die Mitteilungen der Presse, ich beabsichtige wegen des Plakates wider den undeutschen Geist vom Rektorat zurückzutreten, bezieht sich, offenbar auf folgenden Vorgang: Als am vergangenen Freitag die Vertreter der Studentenschaft beantragten, das Plakat im Vestibül der Universität aufzuhingen, habe ich den Aushang wegen zweier Sätze beanstandet. Einmal wegen These 5: ״Schreibt der Jude deutsch, dann lügt er“, eine Wendung, die auch durch den vorangehenden Satz nicht gemildert wird: ״Der Jude kann nur jüdisch denken.“ Sodann wegen These 7: ״Wir fordern von_der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer. Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind sfe als Uebersetzung za kennzeichnen.“ Ich nannte diese Sätze U e b e r t r ei b u n g e n, die nur geeignet seien, den Kampf gegen den undeutschen Geist zu diskrediti eren, nicht aber zu fördern. Sie seien überdies (wenn auch, wie mir versichert wurde, ungewollte) Bezeugungen der Verachtung gegen Mitmenschen, die man bekämpfen, aber nicht diffamieren dürfe, und sie ständen somit im Widerspruch zu der These: ״Wir wollen den Juden als Fremdling achten.“ Als der Aufruf trotz Versagens der Genehmigung angebracht wurde, habe ich den Studierender! mein Bedauern über ihr Verhalten nicht verhehlt, und zwar nicht nur wegen jener Entgleisungen, sondern auch deshalb, weil es nicht im Einklang stehe mit dem Erlaß des Herj|1 Ministers vom 20. April: ״Ich erwarte von jedem Studenten,” daß er sich diszipliniert in die Hochschulen einordnet.“ Ich erklärte, daß ich, da der Anschlag nun einmal angebracht sei, die Entscheidungdes Herrn Ministers einholen werde, der für einige Tage von Berlin abwesend war.“ Auf diese Kundgebung des Rektors hat die Deutsche Studentenschaft eine Gegenerklärung abgegeben, in der es heißt: ״Herr Professor Kohlrausch, der an Einzelheiten mäkelnd sich der Aktion der Deutschen Studentenschaft entgegensetzen zu müssen glaubt, hat in seiner Eigenschaft als Rektor der Berliner Universität sein Unbehagen über die Haltung der Deutschen Studentenschaft dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er den Aushang der zwölf Sätze d{r Deutschen Studentenschaft ״wider den undeutschen Geist“ zu verhindern suchte. Wir sagen hierzu: Wir verehren die wenigen Lehrer an Deutschlands Hochschulen, die aus dem Geiste, aus dem wir leben und handeln, aus dem Geiste der SA., schaffen und lehren. Sie allein hätten das Recht der Kritik, weil sie unser Vertrauen haben. Wir werden sie hören, und wir werden von ihnen lernen, wenn sie Kritik üben. Sie haben bereits gesprochen, und sie haben die Notwendigkeit der Aktion der Deutschen Studentenschaft bejaht Die Stellung der Deutschen Studenten- Schaft zur Judenfrage ergibt sich einwandfrei aus dem Satz des Aufrufes: ״Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen." Wir wenden uns nur dann gegen das Judentum, wenn es Anspruch darauf erhebt, uns innerhalb des Bereiches des deutschen Geistes und damit in Rasse und Volkstum zu bevormunden.“ P;6f. Eduard Spränger, dessen Rücktritt vom Lehramt bereits am Mittwochabend bekannt war, veröffentlicht am Donnerstag früh eine Begründung, worin u. a. gesagt wird, es erfülle ihn mit schwerster Sorge, wenn es bisher weder dem Rektor, noch dem Herrn Minister gelang, einen ״Aufrut zu beseitigen, der bei aller guter Gesinnung ein paar Sätze enthält, die auch beim nationalsten Leser schwersten Anstoß erregen müssen“. * Diese öffentlichen Erklärungen, die von der Tagespresse mehr oder weniger ausführlich wiedergegeben werden, sprechen für sich selbst Wir wollen dazu nur drei Bernerk u n g e n machen. Erstens: Es Ist ein wuchtiges Ereignis, daß Rektor Kohlrausch sieh dem öffentlichen Anschlag der 12 Thesen widersetzt hat. Dies zeigt der weiten Oeffentlichkeit im In- und Auslande, daß Im heutigen Deutschland deutsche Männer, auch politisch rechtsgerichtete, nicht mit allen Proklamationen einverstanden sind, die man, wenn dieser WideT- Spruch nicht erfolgt wäre, als charakteristisch für die deutsche akademische Welt schlechthin betrachten könnte. Es ist auch für uns Juden wohltuend, daß sich eine Stimme erhebt, die Acußerungen ablehnt, weil sie ״Bezeugungen der Verachtung gegen Mitmenschen, die man bekämpfen, aber nicht diffamicren darf“, sind. Wenn demgegenüber die Studentenschaft sich bei ihrer Forderung nach Gleichschaltung auf Prof. Heidegger in Freiburg beruft, der als Nationalsozialist zum Rektor gewählt wurde, dann muß man die Frage aufwerfen, ob Prof. Heidegger, einer der bedeutendsten Philosophen Deutschlands, «n diesem Punkt etwa anderer Meinung sein könnte als Rektor Kohlrausch. Uns scheint eine solche Annahme eine unbegründete Geringschätzung Hcideg- *<**« «ntbntten. Zweitens: Die Studentenschaft sagt in ihrer Antwort 0. a.: ״Wir wenden uns nur dann gegen das Judentum, wenn es Anspruch darauf erhebt, uns innerhalb des Bereiches des deutschen Geistes und damit in Rasse und Volkstum zu bevormunden.“ Sollte dies wirklich die Quintessenz der Meimmg der deutschen Studentenschaft sein, dann muß man objektiv feststellen, daß sie ihre zwölf Thesen sehr u n - sachgemäß formuliert hat. Es gibt heute viele Juden — mehr vielleicht als die Deutsche Studentenschaft ahnt — die gleichfalls der Ansicht sind, daß eine derartige ״Bevormundung“ unrichtig wäre und daß in kulturellen Dingen eine natürliche Grenzlinie sich von selbst ergibt, indem Juden ohne Selbstverleugnung als Juden auftreten. Dies kann aber auch geschehen, wenn sic sich der deutschen Sprache bedienen. Die überspitzte Formulierung, die anderen Menschen den Gebrauch der eigenen Sprache und Schrift verbieten will, liegt gewiß nicht im Sinne irgendeiner ״nationalen Erhebung“. Drittens: Die Presse hat die Kundgebungen meist ohne Kommentar abgedruckt. Nur die ״D. A. Z.“ bringt am 26. d. M. einen Aufsatz, worin gegen die Studenten Stellung genommen wird. Der Verfasser erwähnt Friedrich den Großen als Vorbild der Duldsamkeit, hat aber eigentlich nur ein einziges Argument gegen den Aufruf der Studentenschaft, nämlich daß durch ״übersteigerte Formulierungen ... die schwierige Auslandsarbeit des Propaganda-Min i s t e r s gehemmt wird“. ״So etwas wird im Ausland als willkommenes Propagandamaterial gegen uns ausgewertet.“ Wir Juden bedauern ebenso wie der Schreiber dieses Artikels, wenn dem Ausland Propagandamaterial gegen Deutschland geliefert wird. Aber dies sollte doch gerade für einen nationalen Deutschen nicht das Entscheidende sein. Das sind doch nur Gesichtspunkte einer opportunistischen Taktik. Nicht weil es schadet, sollten solche Formulierungen unterbleiben, sondern weil sie ein Unrecht sind. Dies müßte eine nationale Zeitung aussprechen, ln revolutionären Zeiten sind junge Menschen begreiflicherweise in gehobener und erregter Stimmung, und sic glauben, der Sache der Nation zu dienen, indem sie möglichst extremistische Proklamationen von sich geben. Und da die Parole der deutschen nationalen Erhebung besonders stark gegen die Juden gerichtet war, bewegt sich auch der Extremismus der Studenten in dieser Richtung. Eine wirkliehe Kenntnis der Judenfrage darf man dabei nicht voraussetzen. Wenn aber die Studentenschaft ihren persönlichen Mut beweisen will, so ist sie auf der falschen Fährte. Z u Extremismus gehört heute kein Mut, vielmehr zeigt sich der Mut heute in einem Bekenntnis zur Mäßigung und in der Gerechtigkeit auch gegenüber dem angegriffenen Gegner. Die ״D. A. Z.“ gibt schließlich der Hoffnung Ausdruck, man dürfe von Prof. Kohlrausch annehmen, ״daß er selbstverständlich einen so nichtigen Anlaß nicht für wichtig genug hält, um zurückzutreten“. Natürlich ein sehr ״nichtiger Anlaß“! Es handelt sich ja nur — um die Ehre der Juden.... Benriaabongen von Hochschulprofessoren Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat Kultusminister Rust eine Anzahl von Professoren, varwiegend solche jüdischer Abstammung, an den Universitäten Frankfurt a. M., Marburg, Göttingen, Königsberg und Kiel, sowie an verschiedenen Handels- und Kunsthochschulen beurlaubt. Unter den Beurlaubten befindet sich von Persönlichkeiten, die unsere Leser besonders interessieren, auch Prof. Gott hold Weil, der früher die Orientalische Abteilung der Berliner Staatsbibliothek leitete, Mitglied des Kuratoriums der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, des Vorstandes der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und des Akademischen Rates der Universität Jerusalem. Ferner Prof. Adolf Frankel, der Kieler Mathematiker, der auch mehrere Semester an der Jerusalemer Universität lehrte. Weiter in Frankfurt die Dozenten Nahum Glatzer, Martin Plcßn c r, Ernst Kahn. Beratungsstelle Iflr Eltern in Schnlfragen Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat im Hause Meinekestraße 10 eine Beratungsstelle für Eltern in Schulfragen eingerichtet, die von geschulten Pädagogen geleitet wird. Schriftliche Anfragen sind dahin zu riehten. Die Veröffentlichung der Zeiten der Sprechstunde erfolgt in der nächsten Nummer. Bei dringenden Fällen mündliehe Rücksprache nach telephonischer Vereinbarung (Bismarck 7165). In jedes jüdische Haus die ״Jüdische Rundschau“! Dar Monat Ijar (27, April bis 25. Mai) wird zum Werbemonat für die ״Jüdische Rundschau“ erklärt. Tausend■ Zuschriften beweisen uns, daß die ״Jüdische Rundschau“ in weitesten jüdischen Kreisen ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit ein zuetimmendes Echo findet. Um unsere Aufgabe erfüllen zu kOnnen, müssen wir die Abonnenfenzah! verdoppeln. Jeder Leser gebe diese Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ an einen Nichtabonnenten weiter und (ordere ihn zum Abonnement auf. Wir brauchen die Mithilfe unserer Laser und Freunde. Jeder Leser der ״Jüdischen Rundschau“ wirbt in dieser Woche mindestens einen neuen Abonnenten! Probenummern stehen auf Wunsch zur Verfügung. Neueintretende Abonnenten erhalten, soweit der Vorrat reicht, dl• Aprilnummern oder unsere .MonettMfeg•()*" »n«049»lt>icb nechgeiiefert Aufruf zur Hilfe Ihr ״ZentraUiusschuß der deutschen Juden für Hilfe und Auf• bau“ (Charloltenburg, Kantstr. 158) ersucht uns um Abdruck eines Aufrufes, den vir (mit kleinen Kürtungen) nachstehend wiedergeben. Groß Ist die - Aufgabe, die der Gemeinschaft der deutsehen Juden heute gestellt ist. Die Not steht vor den Türen unserer Menschen, ihre Kraft droht zu zerbrechen. Von uns, von der Kraft der Gesamtheit, muß die Rettung kommen. Neue Aufgaben in ungekanntem Umfange treten an uns heran. Es genügt nicht, denen, die nicht wissen, wovon sie die nächsten Tage fristen sollen, das tägliche Brot zu reichen. Gewiß ist es unsere erste Aufgabe, dafür zu sorgen, daß niemand der Unseren zu hungern braucht und des Daches über seinem Kopf entbehrt. Gewiß müssen wir dafür sorgen, wie wir es gewohnt sind, daß die Anstalten erhalten bleiben, die wir errichtet haben für unsere Kinder, für unsere Alten und Kranken. Sie sind heute nötiger denn je, wenn die Not uns auch zwingen wird, die Ansprüche an die Ausstattung dieser Anstalten erheblich herabzuschrauben. Aber mit alledem ist es nicht getan. Wir wollen, und wir dürfen uns nicht damit begnügen, unseren Brüdern und Schwestern Almosen zu geben, für ihre einfachsten Bedürfnisse zu sorgen. Unsere Pflicht ist es, ihnen zu helfen, daß sie eine neue Grundlage ihrer Existenz finden, eine Arbeit, mit der sie sich selbst erhalten, die ihnen wieder eine Aufgabe, ihrem Leben einen Inhalt gibt! Sinnlos allerdings wäre cs, wenn unsere Menschen sich wahllos auf einzelne Berufe stürzen wollten, die Ihnen irgendwie nahezuliegen scheinen. Aufgabe der dazu berufenen Stellen wird es sein, sorgfältig zu prüfen, wo Platz und Raum für Arbeit jüdischer Menschen ist, dann aber ihnen auch die Möglichkeit zu geben, sich auf diese Arbeit umzustellen. Großes ward verlangt wcdc-n von der Fähigkeit unserer Menschen, sich um/.ustellen, sich in neue Arbeiten und neue Verhältnisse zu finden. Großes muß aber auch verlangt werden von der Opferfähigkeit der anderen, denen eine solche Umstellung erspart bleibt. Wer das Glück bat, Arbeit und Einkommen zu haben, muß dem helfen, der alles verloren hat. Wer noch die Möglichkeit hat zu geben, muß bis zum äußersten seines Könnens opfern! Von jedem einzelnen muß das Höchste gefordert werden! Wer sich der Pflicht entzieht, Ist ein Feind der Gemeinschaft. Schande über den, der durch mangelnden Opferwillen, durch str'ifliehe Steuerschei׳ unsere Gemeinden zwingt, Beamte oder Angestellte zu entlassen. Keiner unserer Menschen darf durch uns brotlos und existenzlos werden! Nur in Einigkeit und Geschlossenheit können die Aufgaben, die unserer harren, erfüllt werden. Alle Melnungs- Verschiedenheiten zwischen uns, alles, was uns trennt, muß zurückgestellt werden. Die großen Organisationen und Hilfswerke des deutschen Judentums sind in dieser Richtung vorangegangen. Sie haben sich zusammengeschlossen zu gemcinsamer Arbeit im ״Zeniralaustchufj der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" In ihm schweigen alle Soriderinteressen und eigensüchtigen Wünsche. Die Menschen, die in ihm Zusammenwirken, arbeiten nur mit dem einen großen gemeinsamen Ziel vor Augen: Das Hilfs werk der deutschen Juden! Diese zentrale Stelle wird dafür sorgen, daß alles geschieht, was geschehep muß. Sie wird daiiir sorgen, ('aß nicht nebeneinander und nicht gegeneinander, sondern miteinander gearbeitet wird. Ihr werden die einzelnen Organisationen und Stellen ihre finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, so daß nicht der Zufall des Vermögensbesitzes und der Aufbringung entscheidet, welche Mitte! für den einzelnen Zweck zur Verfügung stehen, sondern die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Mittel mit jeder einzelnen Mark da verwandt wird, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Deutsche Juden, zeigt Euch der Größe der Aufgabe gewachsen! Glaubt nicht, daß die Probleme des deu'schen Judentums ohne äußerste Opfer durch eine zügellose Auswanderung gelöst werden können. Es ist kein V'erdienst, Deutschland zu verlassen, um frei von dem Los der Brüder in Deutschland in Sorglosigkeit seine Zinsen zu verzehren. Niemandem wird dadurch geholfen, daß er ziellos ohne Aussicht auf eine Existenz ins Ausland wandert, um nun dort die Schar der Erwerbs- und Mittellosen zu vergroßem. Es wird jede Aussicht geprüft werden, jede Möglichkeit benutzt, um Menschen, die im deutschen Vaterlande nicht mehr die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Existenz haben, eine Existenz im Auslande gründen zu helfen! Aber verlaßt nicht sinnlos Deutschland! Erfüllt hier Eure Pflicht! Schiebt nicht blindlings Menschen ab einem ungewissen Schicksal entgegen. Keiner entziehe sich seiner Pflicht in der Stunde der Prüfung! Jeder trage an seinem Orte und nach seinem K"nnen zu dem Werke der Hilfe bei! Die Stunde des deutschen Judentums ist gekommen, die Stunde der Verantwortung und die Stunde der Bewährung. Das deutsche Judentum möge sich ihr gewachsen zeigen! Kleine Nachrichten Im Londoner Stadthaus fand eine von 300 j ü - di sehen Aerzten und Zahnärzten besuchte Ver״ Sammlung statt, in der eine Vereinigung jüdischer Aerzte mit der besonderen Aufgabe geschaffen wurde, Mittel und Wege zu suchen, um das Los ihrer jüdischen Kollegen in Deutschland zu erleichtern. Unter dem Vorsitz des Amsterdamer Pharmakologen Prof. Dr. P. van der Wielen hat sich ein Komitee j ü d i - scher und nichtjüdischer Professoren aller holländischen IJ n i v e rs i t ä t e n gebildet, das die Aufgäbe auf sich genommen hat, jüdische Studenten, die in Holland ihre Studien fortsetzen wollen, und jüdische Gelehrte, die in Deutschland ihre wissenschaftliche Tätigkeit nicht fortsetzen können, bei ihrer Niederlassung in Holland zu beraten und zu unterstützen. Der Pharmakologe der Universität Leyden, Prof. Dr. L. van Italic, bat im Hinblick auf die Lage der deutscheu Juden die Ehrcnmitgliedschaft des deutschen Apothekervereins und der deutschen Pharmazeutischen Gesell- Schaft niedergelegt. Wie die Zeitungen berichten, hat der preußische Justizminister Kerrl die Öberlandesgerichtspräsidenten aufgefordert, Vorschläge für die Ernennung eines d e ut s c h s t ä m m i g e 11 Notars an Orten, wo nur ein jüdischer Notar ansässig ist, einzurcichen. Ferner hat der Justizministcr die allgemeine Verfügung vom 16. Oktober 1030, derztifolge Richter bloß aus dem Grunde, weil sie Juden sind, nicht ohne weiteres wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden dürtten, außer Kraft gesetzt. Der kommissarische zweite Bürgermeister von Spevef hat angeordnet, daß im Sommer in den städtischen Badeanstalten besondere Badezeiten für Juden eiligerichtet werden. Begründet wird diese Maßnahme mit dem Interesse da öffentliches Rübe und Ordnung.

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