Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1933)
- Date
- 1933-04-25
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 33, 25. TV. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 163 Humanität und Staatsraison Offener Brief an Hant Zehrer, Herausgeber der ״T&glichen Rundschau" Sehr geehrter Herr Zehrer! Wenn sich in diesen Tagen aus dem Lager des Nationalsozialisnu:s eine Stimme erhebt, die für humane Oestaltu ng und Durchdringung der menschliehen Beziehungen cintritt (״Tägliche Rundschau“ vom 16. April: ״Deutsche Auferstehung“), ist der allgemeine Anlaß gegeben, die Frage aufzuwerfen, ob dieser Appell an das moralische Gewissen auch uns Juden gegenüber wirksam werden soll, die wir von dem ״Schicksalshaften des heutigen Geschehens“ in besonderer Weise abhängig sind. Diese Frage weitet sich zu der umfassenderen, was mit den deutschen Juden letzten Endes geschehen soll, die der revolutionäre Umgestaltungsprozeß dieser Zeit aus ihren Bindungen und Bahnen gerissen hat oder mit Gewißheit noch reißen wird; denn daß Juden noch hoffen könnten, ihr bisheriges gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben in nur oberflächlich gewandelter Weise fortzusetzen, wäre blinder Illusionismus. Das Ende des Liberalismus ist gekommen, und seine letzten, heute noch bestehenden Positionen werden nach den eindeutigen Ankündigungen führender Regierungsmitglieder und dem konsequenten Willen der nationalsozialistischen Millionen in Bälde verschwinden. Aber soll der aus dem gewaltigen Umformungsprozeß sich ergebenden Ausschaltung des jüdischen wirtschaftenden Men- Sehens die bewußte Entziehung jeder Daseinsgrundlage folgen? Hieran vermögen wir nicht zu glauben, wenn irgend die Idee der sozialen Gerechtigkeit eine Gestalt gewinnen soll, die diesen Namen zu Recht verdient. Aber nicht nur Gründe der Humanität, sondern auch die reine Staatsräson rufen nach einer organischen Lösung, einer ״Gleichschaltung“ des Judenproblems, unter der neuen deutschen Wirtschaftsverfassung. Wie sich dem italienischen Faschismus gegenüber das anfänglich große Mißtrauen der Welt in Verständnis gewandelt hat, als die leitenden Gesichtspunkte der Neuorientierung konsequent und organisch zur Anwendung gebracht wurden, so wird auch die neue deutsche Staats- und Wirtscliaftsordnung Verstehen finden, wenn der Anschein reiner Willkürakte vermieden wird, und alle notwendigen Maßnahmen ihre Legitimierung finden durch einen obersten gerechten Staatszweck. Wenn also folgerichtig der Liberalismus, das Händlcrtum, ja der Kapitalismus ausgemerzt werden sollen und an ihre Stelle ein organisches, auf den Staat ausgerichtetes Wirtschaftssystem treten soll, so mufften die fndividuen, die Träger der alten Wirtschaftsform waren, ebenfalls ein geordnet werden in die neue Wirtschalt. Man wird wahrscheinlich begreifen können, daß die Träger der überwundenen Wirtschaftsform, d. h. auch die Juden in ihren alten Positionen, ihre der Neuordnung nicht mehr adäquate Betätigung quittieren müssen. Aber man wird nie dafür Verständnis finden, daß den Juden ihre frühere wirtschaftliche Stellung gleichsam als ewige Schuld anhaften soll. Wir Zionisten waren von jeher Kämpfer gegen die ungesunde Berufsschichtung der deutschen Judenheit. Wir haben unzählige Male die Ursachen dieser unnormalen Schichtung aufgezeigt, die nicht allein auf seiten der Juden liegen. Ja, die Erkenntnis dieses Zustandes ist stets einer der stärksten Beweggründe des Zionismus gewesen, der einen Weg suchte, ein normal geschichtetes, wirklich volkliaftes Leben von Juden zu ermöglichen. Wir, gerade wir Zionisten, müßten also jeder deutschen Regierung, die nicht die Ausstoßung und wirtschaftliclie Vernichtung der Juden, sondern eine Normal!- sierung ihrer Lage im Sinne eines organischen Staatsgebildes und einer sozialen Gerechtigkeit will, willkommene Helfer in diesem jüdischen Sektor sein. Gerade wir haben auch einem ״nationalen Sozialismus“ seit jeher das Wort geredet, wir haben — mehr als das — ihn in Palästina weitgehend in die Tat umgesetzt. Unsere Arbeiterschaft in Palästina, sehr geehrter Herr Zehrer, ist eine nationale Arbeiterschaft, ihr steht die Nation über dem Klassenkampf. Kennen Sie zufällig die Briefe eines jüdischen Arbeiters aus dem Palästina der Kriegszeit, die Briefe A. D. Gordons, die auch deutsch erschienen sind? Die Briefe wurden (im Jahre 1919!) eingeleitet durch folgende Worte: ״Für das zerrissene und unfruchtbare Denken des modernen Europa ist es bezeichnend, daß mit vielen elgentlieh zusammengehörigen Dingen auch Nationalismus und Sozialismus auseinandergerissen und in eine ihrem Wesen ganz fremde Kampfstellung zueinander gerückt wurden. . . . Die jüdischen Arbeiter in Palästina wußten im Wirken für ihr Volk, daß es nur ei n e würdige Lebensform für dieses Volk geben kann, die Freiheit und Solidarität aller seiner Glieder im gemeinsamen Werk. Sie wußten zugleich, daß nichts so sehr Menschen zu binden vermag in die Gemeinschaft, die der Sozialismus erstrebt, wie die Gemeinschaft in Blut und Sprache, Geist und Aufgabe, die wir Volkstum nennen.“ Diese Gedanken finden ihren stärksten, gültigen Ausdruck in folgenden Sätzen: ״Hier (in PalSstina) steht die Arbeit nicht auf rein ökonomischem, sondern im Grunde auf nationalem Boden. Der Kampf für die Arbeit trägt hier auch keinen Klassenkämpf-, sondern nationalen Charakter. . . . Die Arbeit muß national sein. Die Arbeit — das ist das Volk, die ganze Kraft des Volkes. Ihr Kampf ist kein Klassen-, sondern ein nationaler Kampf. . . . Nicht um die Interessen der Arbeiter (im sozialistischen Sinn) und der Arbeiterklasse darf es der Arbeit In ihrem Kampf . . . handein, sondern um die Interessen eines jeden, der sein und des Volkes Leben mit seiner, nur mit seiner Kraft schafft . . . und um die Interessen des ganzen Volkes. Der Kampf muß also auf nationaler Grundlage ruhen*).“ Selbstverständlich verkennen wir nicht die g r u n d - legenden Unterschiede, die zwischen A. D. Gordon bzvv. der jüdischen Arbeiterbewegung und dem auf einen ״totalen Staat“ hinarbeitenden deutschen Nationalsozialismus bestehen. Aber gerade bei Ihnen, der seit langem für eine *) Nicht mir als Kuriosum sei erwähnt, daß für den Namen der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas ursprünglich (1918) die Bezeichnung ״Jüdische natio- . nalsozialistische Gruppe“ vorgeschlagen wurde. (Joseph Trumpcldot: .Tagebüchw Und Briefe, S. 252-) Synthese von Nationalismus und Sozialismus eintritt, wird vielleicht die hier angedeutete Ideologie Interesse finden. Eine etwas eingehendere Beschäftigung mit dem Zionismus und seinen repräsentativen Veröffentlichungen, die Kenntnis seiner Menschen und Aufbauarbeit könnte ihnen wichtigste Aspekte für die Beurteilung der Judenfrage geben. Sie wird Jeden, der klare Erkenntnis sucht, dazu führen, die schablonenhafte Gleichsctzung von Judentum mit Händler-, Parasitentum zu revidieren, uni sich davon zu überzeugen, daß auch in. der Judenheit eine junge Generation seit Jahren und Jahrzehnten daran arbeitet, ein Volksleben auf nationaler und sozialer Grundlage aufzubauen, Ich bin Ihr sehr ergebener Berlin, 20. April 1933. Dr. Franz Mayer. SondergericMsorteile Vor dem Berliner Sondergericht wurde heute wieder ein Prozeß gegen einen Verbreiter von Greuelnachrichten verhandelt. Angeklagt war der 36jährige polnische Staatsangehörige Isaak Oliner. Der Angeklagte hatte am 31. März in einem Konfektionsgeschäft aut den Vorhalt eines Kunden, warum denn von den Juden solche Greuelmärchen in die Weit gesetzt würden, daß ein Boykott notwendig werde, erklärt: ,,Mein lieber Herr, Sie wissen nichts. Wir aber wissen, wievielen von uns die Augen ausgestochen und die Finger abgehackt wurden und wieviele zerstückelt auf den Friedhöfen begraben liegen.“ Als der Kunde empört derartige Aeußerungen zuriiekwies, erklärte der Angeklagte sogar, wenn er für jeden getöteten Juden eine Mark bekommen würde, wäre er ein reicher Mann. Als der Angeklagte nach einigen Tagen wegen dieser Greuelmärchen von SA-Leuten festgenommen werden sollte, versetzte er einem der SA-Männer einen Tritt in den Unterleib und versuchte zu flüchten. Er wurde entdeckt und zur Polizei gebracht. Im Laute der Vcrhandlung widersprach der Angeklagte den Zeugenaussagen. Er wurde zu einem Jahr, sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Kasseler Sondergericht verurteilte den 5r!j,:ihrigen Viehhändler Meier Buchheim aus Frankenberg an der Eder wegen Verbreitung von Greuelnachrichten zu acht Monaten Gefängnis. Der Verurteilte hatte im Laufe einer Unterhaltung mit einem Nachbarn geäußert, in Frankenberg sei zwar noch alles ruhig, aber in der Rheinpfalz sollten schon verschiedene Juden auf gehängt worden sein. — Der 45jährige Kaufmann Thilo Höxter aus Ziegenhain wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er sich in seinem Laden einer Kundin gegenüber dahin ausgelassen hafte, die deutschen Meldüngen über die Greuelhetze des Auslandes entsprächen gar nicht der Wahrheit, die Regierung verbreite die Meldungen nur, weil Hitler in Amerika Geld borgen wollte, aber nichts erhalten hätte. UeberprOfangeo Wir lesen in den ״Breslauer Neuesten Nachrichten“ vom 20. d. M.: Ueberprüfung des jüdischen Pfandleihgewerbes. Wie die Polizeipressestelle mitteilt, hat die große Anzahl von Anzeigen über Bewucherungen der Bevölkerung durch Pfandleihgeschäfte, die sich in jüdischen Händen befinden, dem Polizeipräsidenten Veranlassung gegeben, eine Ueberprüfung des Pfandleihgewerbes, soweit es von Juden betrieben, wijd, anzuordnen. Das Publikum wird auf gefordert, etwaige weitere Bcsch werden schriftlich an das Polizeipräsidium zu Händen des Sachbearbeiters, Polizeirat Eile, zu richten. — Im Anschluß daran wird in nächster Zeit eine eingehende Ueberprüfung des Betriebes der Gast- und Schankwirtschaften, deren Inhaber Juden sind, vorgenommen werden. Zu dieser Bekanntmachung ist u. a. zu sagen, daß die Aufforderung, Beschwerden einzureichen, von einem Teil des Publikums in einem Sinne mißverstanden werden könnte, der vom Breslauer Polizeipräsidium sicher nicht beabsichtigt ist. Wie die ״Nachtausgabe“ aus Breslau berichtet, hat der Polizeipräsident die sofortige Einziehung der in den Händen von Juden befindlichen Waffenscheine verfügt. Diese Maßnahme wird damit begründet, daß die jüdische Bevölkerung im Sinne des Schußwaffengesetzes als unzuverlässig anztisehen sei und darüber hinaus eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch sie zu befürchten sei. An unsere Leser! Wir erhalten in diesen Tagen eine sroße Reihe von Zuschriften aus unserem Leserkreis, worin wir darauf aufmerksam gematht werden, daß die JÜDISCHE RUNDSCHAU" in diesen Wodien, In denen die Judenfrajfe im Vordergrund des Interesses bei Juden und Nicht» Juden steht, eine überaus starke Resonanz findet. Wir werden überflutet mit Anregungen, für eine weite Verbreitung der ״Jüdischen Rundschau" zu sorgen. Insbesondere wird uns mitgeteilt, daß sehr viele christlicbe Mitbürger, besonders atidt solche, die rechtsstehenden, die Regierung unterstützenden Parteien angchören, von der Haltung der ״Jüdischen Rundschau" stark beeindruckt sind. Um den an uns ergangenen Anregungen nachkommen zu können, bitten wir alle unsere Leser, uns Adressen anzugeben, an die Probenummern der ״Jüdischen Rundschau" gesandt werden können. Insbesondere ist es Pflicht aller unserer Freunde und Leser, unter den Juden Abonnenten zu werben. Wir stellen zu diesem Zweck gern Probenummern zur Verfügung, Wir haben die Erfahrung gemacht, daß eine Abonnentenwerbung in diesen Tagen überaus erfolgreich sein kann. Angaben von Adressen erbitten wir an die Expedition der ״Jüdisehen Rundschau", Berlin W 15, Meinekestr. 10. Die ״JÜDISCHE RUNDSCHAU׳ muß von Hand zu Hand gehen!! Lord Allenby In Palästina Die feierliche Eröffnung■ des neuen Gebäudes der Young■ Men Christian Association (Y. M. C. A.) durch Lord Allenby fand in Jerusalem am 18. April statt. Mehr als 1501) Personen waren anwesend. Alle christlichen Kirchen, mit Ausnahm .י ck•!■ 1״:<׳i Iio'i cucu, waren vertreten. Außerdem war eine Reihe von führenden Juden und der Pjrgcnneister von Jerusalem, bekanntlich ein Moslem, anwesend. Der anglikanische Bischet hielt die Einweihungsrede, in der er sagte, daß die Institution der gegenseitigen Verständigung der drei Religionen dienen solle. Hierauf "wurden drei Psalmen rezitiert, und zwar in englischer, arabischer und hebräischer Sprache. Die Eröffnungsrede Lord Allenhys wurde durch Rundfunk in die ganze Welt übertragen. Lord Allenbv sprach von der Netigründung als einem Monument des Friedens und der Brüderlichkeit für Moslems, Juden und Christen in Palästina. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die internationale Einheit sich immer fester entwickle, da in der modernen Welt Kriege unmöglich seien. hn Anschluß an die Feier machte Lord Allenby eine Reise durch das Land. Hierüber berichtet der Korrespondent der Londoner ״Times“ am 21. April: Die palästinensische Judenschaft hat die Anwesenheit von Lord Allenbv dazu benützt, um ihrer Dankbarkeit für die Befreiung des Heiligen Landes, die die Schaffung des Jüdischen Nationaihcims ermöglicht hat, Ausdruck zu geben. Lord Allenby hat in Begleitung von Dr. Arlosoroff eine Reihe von jüdischen Kolonien besucht, einschließlich Ber Tuwia, die südlichste Siedlung, die 1929 während der Unruhen zerstört worden ist und inzwischen wieder aufgebaut wurde. Ucberail wurde dem Gast ein enthusiastischer Empfang zuteil. Eine Reihe von Siedlern sind ehemalige Soldaten, die unter seinem Kommando gedient haben. In Rechoboth hielt ein ehemaliger Soldat eine Ansprache, worin er sagte, daß die Kolonie beim Einzug der englischen Armee im Jahre 1917 800 Siedler zahlte, jetzt aber 601)!). Eine Bodenmenge, von der früher eine arabische Familie gelebt hat, vermag jetzt zwei arabische und 20 jüdische Fami'ien zu ernähren. Die Stadt Jerusalem hat Lord Allenby die Ehren- Bürgerschaft verliehen. Am letzten Mittwoch hielt der Feldmarscliall im großen Saal der Y. M. C. A, einen Vortrag über den palästinensischen Feldzug, worin er die strategischen Gesichtspunkte seiner Operationen im Weltkrieg auseinandersetzte. Dabei betonte er auch, dalf während eines großen Teils des Fektztrges die Mehrheit seiner Armee aus Moslems bestand. Allenbv gedenkt bis zum 28. April in Palästina zu bleiben und wird noch das R u t 11 e n b e r g - J o r d n n k r a f t - werk, sowie die chemischen Winke am Toten Meer und andere neue Unternehmungen besichtigen. Massenpeiition amerikanischer Jaden New York, 21. April (J. T. A.). In New York fand eine vom American Jewish Congress einberufene Konferenz statt, an der 1500 Delegierte von 60;) jüdischen Organisationen teilnahmen. Es wurde beschlossen, eine Unters c h r i f t e n s a m tn I u :1 g für eine der Regierung der Vereinigten Staaten und dem Völkerbund zu überreichende Massenpetition einzuleiten, in der die Regierung der Vereinigten Staaten resp. der Völkerbund aufgefordert werden, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Lage der deutschen Juden verbessert werde. Aus dem Naumann •Lager Herr Dr. Max N a 11 וזו a ח ת (Verband nationaldeutscher Juden) versendet an seine Mitglieder ein Zirkular, worin er mitteilt, daß er sich bemüht, bei den Behörden durchzusetzen, daß in der Rechtsanwaltsfragc eine allgemeine Regeiung getroffen werde, die Milderungen ,,für ganze Kategorien von Persönlichkeiten“ gewahrt. Es würde dann nur des Nachweises bedürfen, zu den ,,bewährten Mitgliedern des Verbandes nationaldeiitschcr Juden“ zu gehören. Dr. Naumann fordert auf, ilim Aufzeichnungen zukommen zu lassen, worin die besondere Qualifikation des Petenten u. a. durch folgende Gesichtspunkte erhärtet wird: Langjährige Mitgliedschaft im Verband nationaldeutscher Juden, Auftreten egen marxistisch internationalistische und jüdisch-nationale estrebungen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Schädigang durch gegensätzliche Einstellung der anderen jüdischen Gruppen (Jüdisch-nationale, C.-V.) u. dgl. ,Man kann sich danach vorstellen, wie die Gesuche aussehen, mit denen die Herren vom ״Verband nationaldeutscher Juden“ sich materielle und berufliche Vorteile auf Kosten anderer jüdischer Gruppen zu verschaffen versuchen . Persönliche Tragödie Aus Stuttgart wird uns geschrieben: Unter den Fallen, in denen die Geschehnisse unserer Zeit jüdische Menschen dazu treiben, ihr Leben wegzuwerfen, ist durch seine Begleitumstände einer bemerkenswert, der sich in Stuttgart abgespielt hat.. Ein junger Kaufmann von Si Jahren, begeisterter Anhänger des deutschen Turn- und Sportwesens und Riegenführer eines Turnvereins, in geordneten Verhältnissen lebend, hat sich erschossen. Unter seinen Papieren fand man angestrichen eine Pressenotiz über den Beschluß der deutschen Turnersehnit, den Arierparagraphen einzuführen und außerdem folgenden nn seine Freunde gerichteten Brief. Ihr lieben Freunde! Hierdurch ein letztes Lebewohl! Ein deutscher Jude konnte es nicht über sich bringen, zu leben in dem Bewußtsein, von der Bewegung, von der das nationale Deutschland die Rettung erhofft, als Vnterlandsverriiter betrachtet zu werden! Ich gehe ohne Haß und Groll. Ein inniger Wunsch beseelt mich — möge in Bälde die Vernunft Einkehr halten! Da mir bis dahin überhaupt keine — meinem Empfinden entsprechende — Tätigkeit möglich ist, versuche ich durch meinen Freitod, meine christlichen Freunde aufzurüttcln. Wie es in uns deuts״hen Juden aussieht, — mögt Ihr aus meinem Schritt ersehen. Wie viel lieber hätte ich mein [.eben für mein Vaterland gegeben! Trauert nicht —, sondern versucht aufzuklären und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. So erweist Ihr mir die größte Ehre! Euer F....') Dieser Fall und dieser Brief kennzeichnen eine in diesen Tagen immer neu zu beobachtende Erscheinung: Schutzloser als der irgendwie metaphysisch, sei c1;':• י ■ben•;- mäßig oder bluthaft, an das Judentum Gebundene ist in dieser Zeit schwerster Erschütterung der inneren und Süßeren Existenz der Jude preisgegeben, dessen Leben um einen Mittelpunkt kreist, nus dem er die Tatsache seines Judeseins ausgeschaltet hat. F. wollte als Zeuge für sein Deutschtum sterben, aber durch seinen Ted ist er, über sein Wissen und Wollen hinaus, auch zum Zeugen für die Sache des Judentums geworden. m. ן *) Auf Wunsch der Familie soll der Name nicht genannt werden.