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Jüdische Rundschau · 1933-04-21 · Heft 32 (21.4.1933) · p. Seite 156

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 32 (21.4.1933)
Date
1933-04-21
Page
Seite 156 (sequence 4)
Language
German
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Seite 156 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 32, 21. IV. 1933 Palästina und deutsche Juden Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Tel-Awiw, 10. April 1933. Mit stärkster Anteilnahme und dem tiefsten Mitgefühl verfolgt die palästinensische Judenheit die Entwicklung im Schicksal der deutschen Juden. Palästina hat im letzten Jahrzehnt das Schicksal vieler Gemeinschaften in den verschiedenen Ländern des Gallith miterlebt, es hat aus den verschiedensten Ländern Tausende auf genommen, die in ihrer früheren Heimat keine Existenz mehr erhielten. Es hat die Schwankungen im Lose der Juden auf der ganzen Welt am eigenen Leibe gespürt, hat auf die Nöte der verstreuten Volksgenossen reagiert, hat von draußen die Mittel zur Arbeit erhalten und hat — soweit es in den Kräften dieses jungen, im Anfang des Wachstums stehenden Gemeinwesens lag — sich bemüht, Neuankommende aufzunehmen und bei sich heimisch zu machen. Aber vielleicht noch keine der vielen Krisen, die über Juden im letzten Jahrzehnt hingegangen sind, hat eine solche tiefe Reaktion, eine so leidenschaftliche Anteilnahme hervorgerufen wie die deutsche. Nicht umsonst hat das deutsche Judentum innerhalb der Pakistinabewegung eine besondere Stellung eingenommen. Nicht umsonst lag hier lange Zeit hindurch das Zentrum der geistigen Entwicklung, der Brennpunkt ideologischer Auseinandersetzungen. Der deutsche Jude, mit vielen Fasern fn der geistigen Welt der westlichen Kultur verhaftet, tat den Schritt zum Zionismus nicht aus Zwang lind Not, sondern aus gedanklichem Kampf, aus Ucbcr/.cugiiiig und innerem Erlebnis. Nicht das äußere Schicksal war bestimmend, nicht lebendig wirkende Tradition, sondern die Erkenntnis der Jmfenfragc, die Einsicht in die Besonderheit tind Einzigartigkeit der jüdischen (icscliichte. Daß die bittere Not plötzlich zu einem entscheidenden Faktor im Leben dieser Gemeinschaft wurde, das hat alle erschüttert, die an ihrem Schicksal teilnchmen. Die brennende Anteilnahme der palüstinensischcn Juden gilt nicht nur den einzelnen, die heute die Schwere des Schicksals spüren, sic gilt nicht nur Freunden, Verwandten und Bekannten, sic gilt der 7. e r - trümmerten Illusion, sie gilt einer judenheit, die heute eine Umwertung aller Werte, ein Schwanken des Boriens unter den Fußen, den Zusammenbruch einer gehegten und geliebten Weltanschauung erfahrt. Und die palästinensische Judenheit sieht die Ereignisse in Deutschland noch unter einem anderen Gesichtswinkel als es Juden im Galuth tun. Hier regt sich mehr als irgendwo anders der 'Erich, helfend c i n z n g r e i f e n, hier im l ande Möglichkeiten für Uehcrsiedhmg zu schaffen. Man hat sich besonders in den Tagen, als der Boykott gegen die Juden drohte, als überall Menschengruppen in den späten Abendstunden vor den Radioapparaten saßen und auf Nachrichten warteten, vor allem andern mit einem beschäftigt: wie schaffen wir hier im Lande praktische Hilfe. Und wohl selten in den letzten zehn Jahren hat Palästina so darunter gelitten, daß es noch klein und schwach ist, daß es nicht imstande ist, in großzügiger Weise zu helfen. ln den Tagen des verhängnisvollen 1. April und auch noch unmittelbar danach haben verschiedene Institutionen im Lande zu dieser Frage Stellung genommen. Man war sich an allen politischen und Hsndelsstcllen darüber einig, daß die Störung normaler Handelsbeziehungen nur zum Schaden aller Beteiligten ansschlagen kannte. Es wurde festgestellt, daß, nachdem in der ersten Erregung über die Nachrichten aus Deutschland vereinzelte spontane Versuche, deutsche Waren nicht zu kaufen, vorgekommen waren, keine der verantwortlichen Stellen mit diesem Kurs einverstanden war. Heute sind alle Instanzen bemüht, die normalen Handelsverbindungen mit Deutschland wie vorher aufrecht zu erhalten. Mit allem Ernst wird heute die Frage erwogen, was für die Vorbereitung einer Einwanderung aus Deutschland 71! geschehen hat. Es wird die Anforderung an die Exekutive der Jewish Agency gestellt, von der nächsten Halbjahrsquote eine möglichst große Anzahl von Zertifikaten für Deutschland bercitzustellen. Es wird weiter verlangt, diß die Exekutive versuchen soll, von der Regierung ־׳: ׳c zunighehe Anzahl von Ein wände rungsbewilügungen für deutsche luden zu erlangen. Aber nicht nur die Möglichkeiten der Einwanderung sind entscheidend, sondern auch die Schaffung entsprechender Bedingungen für die Immigranten. Palästäia hat bereits eine Reihe von Frfahrunpen gesammelt und weiß, daß es nicht genügt, Mensehen I!er7!1bringe1־, sondern daß alles davon abhängt, wofür sie geeignet sind und wie man sie hier unterhringt. Gerade bei den deutschen Juden, die in wenigen Berufen 7!!cnnmer!gedrängt sind und meist in solchen, die für ein Kolonisationsland nur in kleinem Maße in Betracht kommen, wird es auf die Unterbringung und auf die Umstellung der Wirtschaft auf neue Spe/ialaufgaben besonders anlommen. Fs werden bereits verschiedene Pläne ausgearbeitet, die auf eine erde Unterbringung der Immigranten, aber auch auf ihre wirtschaftlich e U tu Schichtung, auf ihre speziehe Schulung für die palästinensischen Verhältnisse und ihre Eingliederung in das Wirtschaftsleben des Landes ahzielen. Die Bearbeitung dieser Pläne, die praktische Arbeit an der Schaffung entsprechender Einxvanderungsbedingungen sind ein Trost für die Juden hier. Sie mildern 711 einem gewissen Grade das Gefühl des Zuschauen-müssens, der schweren Hilflosigkeit. Sie geben die Hoffnung, daß das jüdische Palästina, wenn auch in ungenügendem und bescheidenem Maße, dazu beitragen kann, die Zukunft der deutschen Juden zu erleichtern. * Weiter berichtet die JTA. aus Jerusalem: Die Organtsation der deutschen Juden (״Hitachduth Oie Germania“) hat eine außerordentliche Versammlung abgehalten, um Maßnahmen zur Versorgung der neuen Einwanderer aus Deutschland zu treffen. Es wurde beschlossen, daß jeder aus Deutschland stammende jüdische Einwohner Palästinas zumindest einem Neueinwanderer Unter• kunft und Verpflegung gewähren solle, bis der Betreffende eine Erwerbsmöglichkeit gefunden habe. An die palästinensische Judenheit wurde der Appell gerichtet, sofort 20 000 Pfund zur ersten Hilfeleistung an die neu Eintreffenden aufzubringen. Mit jedem Schiff kommen Juden aus Deutschland in stetig wachsender Zahl an. Viele von ihnen sind mittellos. Berufung jüdischer Gelehrter Ins Ansland Wie die Stockholmer Tageszeitung ״Nya Degligt Allehanda“ mitteilt, werden gegenwärtig Verhandlungen geführt mit dem Ziele, dem berühmten Gynäkologen Professor Bernhard Zondek aus Berlin die Fortsetzung der Forschungsarbeiten in Schweden zu ermöglichen. In den Kreisen der Warschauer Medizinischen Fakultat verlautet, daß der Berliner Professor Dr. Hermann Z 0 n d e k auf die derzeit vakante Lehrkanzel für innere Medizin berufen *erden soll Cunliffe-Lister in Palästina Der Minister für die Kolonien, Sir Philip Cunüffe- Lister, hatte am 12. April in Jerusalem eine Unterredung mit dein politischen Leiter der Exekutive des Jewish Agency in Palästina, Dr. Arlösoroff. Am 13. April besuchte Sir Philip Tel-Awiw und Rischon Le Zion. Am Nachmittag fand zu seinen Ehren im Hause des Bürgermeisters von Tel-Awiw, Dizengoff, ein Tee statt. Der von der Arabischen Exekutive ausgegebenen Non-Cooperation-Losurig folgend, haben es die arabischen Führer abgelehnt, mit dem englischen Kolonienminister zusammenzukommen. Bürgermeister Dizengoff überreichte dem Kolonienminister ein Memorandum, in dem verschiedene Forderungen der Stadt, u. a, die nach dem Bau eines Hafens für Tel-Awiw, niedergeiegt waren, Sir Philip erklärte, er glaube, es müsse zunächst der Hafen von Haifa ausgebaut werden. Die Oberrabbiner von Tel-Awiw forderten in einem Memorandum die baldige Einführung eines Sabbath-Ruhe Gesetzes für Tel- Awivv. In Jaffa verlangte der Bürgermeister im Namen der palästinensischen Araber die Einsetzung eines Legislative Council. Sir Philip Cunliffe-Lister hat auf einer Reise durch Galiläa die Kolonie Rosch Pin a 11 besucht, wo für ihn ein Empfang veranstaltet wurde, an dem auch die Scheichs der benachbarten arabischen Dörfer leilriahmen. Einer der Scheichs erklärte im Namen der arabischen Bevölkerung, diese wünsche eine Kooperation mit den Juden, von denen sie sehr viel, insbesondere auf dem Gebiet der Landwirtschaft, gelernt habe. Sir Philip erwiderte, er freue sich über das freundschaftliche Verhältnis der jüdischen Kolonisten zu ihren arabischen Nachbarn und brachte seine Anerkennung über die Erfolge der Rothschildschen Kolonisation zum Ausdruck. Hierauf besuchte er einige Kwuzoth, unter ihnen auch Kfar Gun, wo deutsche Chaiuz. im arbeiten. Der Jerusalemer Korrespondent der Londoner ״Times" stellt fest, daß diese Ostertage einen seltenen Höhepunkt im Leben Palästinas bedeutet haben, insbesondere durch das Zusammenfallen der Feste aller drei Religionen und durch die große Zahl von Touristen aller Nationalitäten, unter denen diesmal freilich auffallend wenig Amerikaner sind. Die Anwesenheit von Lord Allenby und Sir Philip Cunliffe-Lister, so schreibt die ״Times" weiter, habe den arabischen Politikern eine Möglichkeit gegeben, ihre Beschwerden dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß sie die offiziellen Zeremonien boykottieren. Am Freitag, dem 14. April, wurde eine Demonstration arabischer Frauen organisiert, bei der die Redner erklärten, Großbritannien habe das den Arabern gegebene Wort gebrochen und unterstütze zu unrecht die christlich-missionarische Tätigkeit. Diese Dcmansirationen jedoch klingen hohl, so schließt die ״Times“, mitten in der in die Augen springenden Prosperität, die überall zu bemerken ist und von der die Araher nicht weniger als die Juden profitieren. Die Propaganda zeige bloß, daß die arabischen Führer, verblendet durch das Irrlicht des Nationalismus, sich der Möglichkcit begeben, an der konstruktiven Entwicklung des Landes mitzuarbeiten. In aller Kurze Nach langen Verhandlungen wurde dieser Tage ein Abkommen zwischen der französischen Regierung und der Regierung von Syrien unterzeichnet, demzufolge Frankreich das Mandat über Syrien aufgeben wird. Nur das Libanon-Gebiet soll weiter unter französischem Mandat bleiben. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Irak und Syriens wird Palästina das einzige Mandatsland im Nahen Osten sein. Dr. Chaim Weizraann hat am 19. April Palästina verlassen. Der politische Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbnnd in Genf, Dr. Victor Jacobsohn, ist aus Palästina nach zweiwöchigem Aufenthalt abgereist. High Cominissioner Wauchope veranstaltete, zu Ehren Dr. Jacobsohns ein Abschieds-Dinner, bei dem Fragen der Durchführung des Paiästina-Mandats besprochen wurden. Wie verlautet, sollen für das nächste Halbjahr von der Palästina-Regierung 5500 Zertifikate (darunter auch die für die Einwanderung deutscher Juden ausgegebenen 1000 Zertifikate) bewilligt werden. In Rechoboth fand die feierliche Grundsteinlegung zum Weizmann-Laboratorium für chemische Bakteriologie, das aus den Mitteln der von Herrn und Frau Sieff zum Andenken an ihren vor einigen Wochen verstorbenen Sohn gemachten Stiftung errichtet werden soll, statt. Ansprachen hielten Dr. Wcizmann und Dr. Arbsoroff. High Commissioner Wauchope kündigte in einem Begrüflungstelegramm an, daß er und Kolonienminister Cunliffe-Lister den Bauplatz für das Laboratorium besichtigen werden. König Ibn Saud vom Hedschas und Emir Abdullah von Transjordanien haben ein Friedensabkommen ge* trofren, dem außerordentliche politische Bedeutung für die weitere Entwicklung der arabischen Länder beigelegt wird. Während der Peßach-Feiertage kam cs in Tanger zu ernsten Unruhen und Straßenkämpfen zwischen Arabern und Juden, in deren Verlauf mehrere Personen schwere Verletzun* gen erlitten. Mehrere Araber und Juden wurden verhaftet. Der mit einigen hundert amerikanischen Touristen an Bord in Palästina eingetroffen« amerikanische Dampfer ״Laconia“ führte beim Einlaufen in den Hafen von Haifa die blau*weiße zionistische Flagge. Die arabische Presse Palästinas protestiert dagegen. Wozu bedarf es wirklich solcher Demonstrationen? Das Jerusalemer Gericht hat acht Araber, die im Februar d. J. in den jüdischen Baumpflanzungen bei N a h a 1 a 1 9000 junge Bäume ausg«rissen hatten, zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung dieser Strafe werden die Verurteilten sich w׳eitere sechs Monate hindurch täglich beim Polizeiposten ihres Wohnortes zum Nachweis des Wohlverhaltens einzufinden haben. Am 2. und 3. April fand in Belgrad der Kongreß des Landesverbandesder Kultusgemeinden Jugoslawiens statt. In den Resolutionen solidarisiert sich der Kongreß mit den Zielen der erweiterten Jewish Agency, begrüßt den Fortschritt des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina, erklärt seine Bereitschaft, am Aufbau des Landes mitzuarbeiten und fordert auch die anderen Länder auf, sich an dieser Arbeit zu beteiligen. Die Wiener ״Kadim ah“, die älteste zionistische Studentenverbindung, hat in feierlicher Weise ihr SOjähriges Stiftungsfest begangen. Im Rahmen des Stiftungsfestes land auch ein Gang zum Orabe Theodor Herzls statt. Der Chefingenieur der ehemaligen österreichisch-ungartsehen Kriegsmarine, Siegfried Popper, ist in Wien im Alter von 85 Jahren bei einem Stra ßenbahnzusammenstoß tßd* lieh verunglückt, Echo in der Tschechoslowakei Von unserem Korrespondenten h. 1. Prag, 17. April Die Ereignisse in Deutschland haben in der benachbarten Tschechoslowakei ein lautes Echo hervorgerufen. Die geographische Nähe, das Zusammentreffen mit Immigranten und die außenpolitischen Zusammenhänge geben einer Diskussion über die Umwandlungen jenseits der Grenzen unerschöpfliche Nahrung. Ueber das Ausmaß dieses Echos scheint der deutsche Zeitungsleser jedoch — soweit es sich von hieraus beurteilen läßt — nicht genügend unterrichtet zu sein. So zeichnet z. B. das ״Berliner Tageblatt“ die Rückwirkungen der deutschen Vorgänge im Auslande recht schief. Man betrachtet heute hierzulande den Judenboykott und die anschließenden Ausschaltungen von Juden vom Standpunkt der Minoritäten politik aus. Die Tschechoslowakei ist ebenso wie Polen und einige andere Länder durch die Minderheitenschutzverträge zu einem bestimmten Verhalten!?;egenüber ihren Minoritäten, deren stärkste die über drei Millionen zählende d e u t s c h c ist, verpflichtet. Es wäre hierzulande schon rein auf Grund dieser Verpflichtungen unmöglich, die Minderheiten pauschaliter so aiiszuschaiten, wie es in Deutschland bezüglich der Juden geplant und praktiziert wird. Nun behält man aber auch hier deutlich in Erimierung, daß gerade Deutschland in den vergangenen Jahren irn Völkerbunde häufig als Schützer der M i n d c r h c i - tenrechte aufgetreten ist. Es ist daher in der t s c h c c h i - sehen Presse das Problem des Minderheitenschutzes neu zur Diskussion gestellt worden, und zwar zugleich von zwei divergenten Gesichtspunkten aus: die fortschrittlichen Kreise verlangen eine Ausdehnung der Minderheitenschutzverträge aut alle Mitgliedsstaaten des Völkerbundes; die nationalistisehen Rechtskreise hingegen sehen in den bestehenden Ver״ trägen eine Einengung der Souveränität der durch sie verpflichteten Staaten, mit der sic sich heute nicht mehr zufricden geben wollen. Sic verlangen eine Zurückdrängung des Einflusses der Minderheiten und eine stärkere Hervorkchrung des Nationalstaatgcdankens. ln der Tschechoslowakei wären es vor allem die Lieiitsclien, die bei einer eventuellen Revision des Standpunktes des Staates zu seinen Minderheiten die größten Opfer zu tragen hätten. Heute sind sie noch in der Regierung vertreten, stellen eine große Anzahl staatlicher Beamten, besitzen ein weitreichendes und gut ausgebautes Schulwerk. — Aus all diesen Positionen müßten sie im Gefolge mit der von den Rechtskreisen geforderten bmorientierung gedrängt werden. Es sind deshalb in den letzten Tagen in den Kreisen der deutschen Minderheit starke Bedenken und Befürchtungen laut geworden, daß in den tschechischen nationalistischen Kreisen der Appetit zu einem analogen Vorgehen den Minderheiten gegenüber, wie es aus dem Verhalten der neuen deutschen Regierung zu den Juden bekannt geworden ist, wachsen und zur Bcfriedigung drängen wird. In diesem Zusammenhänge gewinnt ein Artikel des deutschen nationalsozialistischen Senators Dr. Franz Jesser in der Troppaucr ״Deutschen Post" Beachtung, der anknüpfend an die Nachricht von der ״Sclbstauflösung" der Turnvereine ״Sokol“ der in der Lausitz lebenden Wenden, auf die Rückwirkung gewisser Vorgänge in Deutschland für das Deutschtum in Polen, Rumänien Südslaxvien, Ungarn und der Tschechoslowakei hinweist: ״Die Politik des deutschen Volkes im Reich und in manchen deutschen Minderheitsgebieten gleicht der Echtermachschen Springpro- Zession, nur mit dem Unterschiede, daß auf drei Sprünge vorwärts nicht zwei Sprünge rückwärts folgen, sondern deren vier.“ Die Anteilnahme deriüdi sehen Oeffentlichkeit an den! Schicksal der deutschen Juden ist überaus groß. Vielen Juden wurden zum ersten Male und noch dazu so gründlich die Augen für das Erkennen und Verstehen der ״Judenfrage“ geöffnet, die Diskussion darüber erreicht eine noch nie gekannte Intensität. Die zionistischen Kundgebungen und Vorträge sind überfüllt, das Interesse für Palästina nimmt ständig zu. Große Schichten der jüdischen Bcvölkerung, die bisher die zionistischen Bestrebungen abgelehnt oder gar bekämpft hatten und bewußt abseits von den Vorgangen im jüdischen Leben standen, sind aus ihrem Gleichgewicht geraten und suchen nach einer neuen Orientierung, Viele von ihnen haben bereits den Weg in die Zionistische Organisation gefunden, für die sich dadurch neue und schwere Aufgaben ergeben. Es gilt die vielen Neulinge, die meist über erstaunlich naive Vorstellungen vom Zionismus, insbesondere aber von Palästina verfügen, aufzuklären und zur zionistischen Arbeit zu erziehen. Andererseits rücken aber auch solche seelische Explosionen, wie sie heute die meisten Juden erleben, die Gefahren des Sprunges von einem Extrem ins andere nahe. Wir sind jetzt häufig Zeugen, wie Juden, die bisher fest in den Reihen der deutsch-jüdischen Assimilation standen, sich über Nacht in — tschechisch -jüdische Assimilanten verwandeln und mit diesem ״Nationalitätenwechsei" eine genügende Versicherung für die Zukunft eingegangen zu haben vermeinen. Die tschechisch-jüdische Ässimilation hat so einen neuen Auftrieb erhalten, der nicht unterschätzt werden darf. Nichtsdestoweniger hat der Zionismus heute im Kampfe um den jüdischen Menschen größere Chancen denn je. * Am‘ 12. April wurde in Prag ein Hilfskomitee gegründet, das Aktionen zugunsten der in der Tschcchosbwakei weilenden Juden aus Deutschland unternehmen wird. Das Komitee besteht zunächst ans Vertretern der Bnei Brith- Kreise, der Jüdischen Partei, der Tschecho-Juden und der jüdischen Frauen, Die Denunzianten Im ״Berliner Börsen-Courier“ finden wir eine Erklärung des Verbandes nationaldeutscher Juden ״Gegen die englische Einmischung“ abgedmekt, in der es heißt: ״Insbesondere England erscheint uns nicht berufen, den Fürsprecher der deutschgesinnten Juden zu spielen. Wir haben nicht vergessen, daß gerade durch die zügellose Propaganda für die englische Kolonie Palästina das deutsche Empfinden gewisser jüdischer Kreise xvährend des Krieges und in der Nachkriegszeit in Deutschland schwer erschüttert worden ist. Die untragbaren Zustände, die sich Infolge dieser Treibereien entwickelten, haben nach unserer Ucberzeugung wesentlich dazu beigetragen, den Zustand der Gereiztheit und Entfremdung herauszubilden, auf dem in letzter Linie die jetzigen Vorgänge beruhen.“ Diese Denunziation, für die uns eine parlamentarische Be- Zeichnung fehlt, wird wohl nicht dazu beitragen, in den Kreisen des nationalen Deutschlands den Respekt vor jener Gruppe, die sich ״nationaldeutsche Juden“ nennt, zu erhöhen. Sie werden darin den Versuch einer schäbigen und unrittcrliehen Anbiederung sehen. Die ״Gereiztheit und Entfremdüng“ der nationalen Deutschen ist nach ihren eigenen Erklärungen auf die Zudringlichkeit jener Juden zurückzuführcn, die sich unentwegt zu Bannerträgern deutscher Angelegenheiten machen wollen. Die Palästina-Sache hat damit wirklich nichts zu schaffen.

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