Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 30-31 (13.4.1933)
- Date
- 1933-04-13
- Page
- Seite 149 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30/31, 13. IV. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 149 Juden'Ausschaltung aus der Wirtschaft Verbot von Einzelaktionen Die ״Politische ZentralkommisslDn der NSDAP.“ veröffentlichte folgende Anordnung: ״Es Ist den Mitgliedern der NSBO.> SA.- und SS.- Männern oder sonstigen Angehörigen der NSDAP, untersagt, in die inneren Verhältnisse der Wirtschaftsunternehmengen, Industriewerke, Banken usw. selbständig einzugreifen, gegen Gewerkschaften vorzugehen, Absetzungen vorzunehmen und dergleichen. Zu irgendwelchen Eingriffen muß die ausdrückliche Genehmigung der Wirtschaftsbeauffragten der NSDAP, vorliegen, die nur im Einvernehmen mit der Politischen Zentralkommission handeln dürfen.“ Auf Grund dieser Verlautbarung ist zu fordern, daß die Entlassungen jüdischer Angestellter, die in zahlreichen Betrieben auf Veranlassung der hier genannten Faktoren vorgenommen werden mußten, rückgängig gemacht werden. Zu den Bestimmungen über Entlassungen im neuen ״Gesetz über Betriebsvertretungen“ vom 5. April schreibt die ״Frankf. Ztg.“ u. a.: ״Wenn eine Kündigung wegen semitischer Abstamm ung erfolgt, so findet sie in diesem Gesetz keine Stütze. Es ist ganz selbstverständlich, daß semitische Abstammung noch keineswegs den Verdacht staatsfeindlicher Einstellung rechtfertigt. Auch kann vom Arbeitgeber, wie es in einem uns bekannt gewordenen Fall geschehen ist, die Kündigung eines jüdischen Angestellten nicht etwa einfach ohne Angabe einer Begründung erfolgen. Das Gesetz fordert vielmehr die Begründung ausdrücklich.“ * Wie ״V. B.“ erfährt, sind aus dem Verwaltungsrat der_ Reichsmaisstelle u. a. Dr. Bode, Cohcn-Reuß, Reichsminister z. D. Hermes, Geschäftsführer Lübke, Kaufmann Levy-Rosenthal, Kaufmann Arthur Lehmann, Direktor Eugen Pilger, Kaufmann Heinrich Hirsch, Kaufmann Sigward Steinhart ausgeschieden. Weiter meldet der ״V. B.“, daß am 5. April eine Aktion national gesinnter deutscher Großhandelsfirmen gegen die bisher unter jüdischer Leitung gestandene Vercinigung Deutscher Tuchgroßhändler, die Interessenvertretung des deutschen Großtuchhandels, durchgeführt wurde. Durch eine Abordnung wurden die gesehäftsführenden Vorstandsmitglieder des Verbandes, unter ihnen der sich aut einer Weltreise befindende Syndikus Dr. Birnbäum, fristlos entlassen. Die Mitglieder des Hauptausschusses wurden ihrer Funktion enthoben und unter Berücksichtigung der Notwendigkeit einer Gleichschaltung mit dem neuert Deutschland Neuernennungen vorgenommen, so daß, wie ״V. B.“ schreibt, das Lfcbergcwicht des deutschen gegenüber dem jüdischen Großhandel sichcrgestellt wurde. Die Führung des Deutschen Zigarre nhändlerbundes wurde, gleichfalls dem ״V. B,“ zufolge, in der letzten gemeinsamen Sitzung des Bundesvorstandes mit dem Bundesbeirat den Nationalsozialisten eingeräumt. Im Bundesbeirat erhielten die Nationalsozialisten 51 fl0 aller Sitze. Der neue Bundesvorstand beschloß einstimmig den Anschluß der rund 5000 Mitglieder umfassenden Vereinigung an den (nationalsozialistischen) Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes. Die beiden Spitzenorganisationen des Berliner Einzeih and eis, der Bund der Handel- und Gewerbetreibenden E. V. und die Einzelhandels-Gemeinschaft‘ Groß-Berlin haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft unter nationalsozialistischer Führung zusammengeschlossen. Die Zeitungen melden: Im Interesse des Unternehmens und der Gesamtheit seiner Angestellten- und Arbeiterschaft haben die Vorstandsmitglieder der Leonhard T i e t z A.-G., Köln, Dr. Alfred Leonhard Tietz, Julius Schloß, Franz Levy, Franz Baumann, Gerhard Tietz dem Aufsichtsrat ihre Aemtcr zur Verfügung gestellt. Ferner haben die Herren Max Grünbäum, Max Baumann, Albert Bendix, Fritz Hochheimer, Kurt Meyer, Louis Schloß, Dr. Fritz Oppenheimer, Dr. P. Rosenberg ihre Aemter als Mitglieder des Aufsichtsrats der Gesellschaft nicdergelegt. Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats wurde der neu eingetretene Industrielle Frowcin, Wuppertal-Elberfeld, gewählt. Dr. Alfred Tietz hat sich auf Wunsch bereit erklärt, dem Unternehmen als Mitglied des Aufsichtsrats seine wertvollen Erfahrungen weiterhin zur Verfügung zu halten. Bei der Tochtergesellschaft des Unternehmens der Ehape A.-G. für Einheitspreise, Köln, sind die Herren Dr. Eliel, Franz Levy, Julius Schloß und Gerhard Tietz aus dem Aufsichtsrat, die Herren Emst Baumann und Hans Cahen-Leudesdorff aus dem Vorstand ausgeschieden. Reichsminister Hilgenberg hat, wie die ihm nahestehenden Blätter mittcilen, in den seinem Ministerium angegliederten Gesellschaften dafür Sorge getragen, daß ״die jüdischen und_ marxistischen Elemente ausgeschieden sind“. Es handele sich im einzelnen um das Ausscheiden jüdischer und marxistischer Personen aus dem Verwaltungsrat des Maismonopols, dem Beirat der deutschen üetreide’nandelsgesellschaft und dem Verwaltungsrat der deutschen Bodenkultur A.-G. Auch bei der Getreideindustrie und Kommissions A.-G. sei affen Juden gektindigt worden. Bei der Neubesetzung würden die Vorschläge des deutschen Landhandelsbundcs weitgehend berücksichtigt werden. Auch aus einer großen Anzahl anderer Betriebe und Unternehmungen liegen Berichte über Ausscheiden jüdischer Leiter und Entlassung jüdischer Angestellter vor. * Zum Problem der wirtschaftlichen ״Gleichschaltung“ schreibt die ״Frankf. Ztg.“ am 9. April: ״Wer ״marxistisch“ vorbelastet und wer jüdisch ist, muß gehen. Wir brauchen nicht zu betonen, daß die bessere Parole hieße: Wer nichts taugt, oder wer den Staatszweck stört, der muß verschwinden. Sich dogmatisch auf eine Parole festzulegen, bringt Schaden, denn wie könnte man erwarten, daß bei solcher schematischen Bereinigung sicht große Fehler gemacht werden? Menschliche Rücksichten haben zur Zeit keine gute Konjunktur. Aber sicht man nicht den wirtschaftlichen Schaden, der angerichtet werden muß, wenn man sich stur auf die Parole versteift: Juden heraus? Gewiß ,,Radau-Antisemitismus“ soll es nicht mehr geben, aber was liegt an einem Wort? Man kann mit sanfteil Mitteln genau ebensoviel Unheil anrichten wie mit groben. Ein Zurücktreten des Judentums wird ohnehin die sichere Folge der Umwälzung sein.“ Die ״D. A. Z.“ bemerkt im Leitartikel vom 10. April: ״Im freien Wirtschaftsleben haben manche Kreise nach dem 5. März noch nicht zum inneren Gleichgewicht zurückgefunden. Die Neigung zur kampflosen Selbstaufgäbe ist in höherem Maße verbreitet, als es die neuen Männer selbst annehmen konnten. Verbände und Personen lassen sich ״gleichschalten“, von denen man es kaum für möglich gehalten hätte. Ihnen und nur ihnen ist ein Vorwurf zu machen, weniger den nationalsozialistischen Parteiungehörigen, die von sich aus Irgendwelche Veränderungen, berechtigte oder unberechtigte, durehzusetzen versuchen.“ Dr. Goebbels an England ״Das deutsche Volk will die Judenfragc ruhen lassen.“ Der Londoner ״Observer“ vom 9. d. M. veröffentlicht ein Interview mit Minister Goebbels, das der Vorsitzende der AI! Peoples Association Sir Evelyn W r c n c h in Berlin hatte. In der Erklärung wird ausgeführt, daß die deutsche Judenfrage ganz anders liege als etwa die Judenfrage in England, weil Deutschland ein Durchgangslnnd vom Ostzum Westjudentum ist und das Ostjudentum der Absorption widerstrebe. Die Ostjuden wären in Korruptionsskandaie verwickelt, ferner hätten sie eine trostlose Mißwirtschaft auf dem Gebiete der Presse, des Films und der üffentliehen Meinung geschaffen, die den Widerstand ganz Deutschlands hervorruft. 111 England wäre es nie möglich gewesen, daß ein jüdischer Autor erklärt hätte, jüdische (?) Soldaten seien für Dreck gefallen oder daß englische Soldaten ״auf dem Felde der Unehre“ gefallen sind, oder daß ein jüdischer Literat das Staatsoberhaupt mit einem Mörder vergleicht. Ans all diesen Dingen müsse man die Aversion verstehen, die im deutschen Volk gegen die Juden entstanden ist. Dr. Goebbels fährt fort: ״Die erfolgreichen Geschäftsleute leben in Berlin auf dem Kurfürsten da mm, das ärmere Elcment in der Grenadierstraße. Diese wurden ausgesprochen jüdische Stadtviertel. Dort waren auch zum größten Teil die praktischen und geistigen Organisationen der k o m!11 u - nistischen Bewegung errichtet. Wir haben durch Haussuchungen festgestellt, daß die Terrorgruppen der komnumisfischen Partei in der Grenadiersfraße lebten und die geistigen Inspiratoren des Kommunismus im Western! von Berlin. Dieses Gefühl kann man nicht ändern. Es wurde von der Regierung nicht geschaffen, sondern ist aus dem Volk als ganzen hervorgegangen. Die Regierung hat die Sache in einer großzügigen Weise in Angriff genommen, sie hat keine antijüdischen Gesetze veröffentlicht, sondern sie hat versucht, dieses Gefühl in regulierte Kanäle zu lenken, indem sie einen Prozentsatz für Juden in den juristischen und medizinischen Berufen festsetzte.“ Erst als eine Anzahl von jüdischen Renegaten — fährt Dr. Goebbels fort — im Ausland die Greuelpropaganda gegen Deutschland inszenierte, kam es zu der Boykoftaktion gegen die Juden in Deutschland, die in voller Disziplin verlief. Sodann erklärte Dr. Goebbels wörtlich: ״Das deutsche Volk ist jetzt bereit, diese Frage ruhen zu lassen, wenn das Judentum das deutsche Volk ln Ruhe läßt. Wir haben durch den Abbruch der allweltliehen Greuelhetze gegen Deutschland gesehen, daß das Judentum in der Welt die Möglichkeit hat, diese Treibjagd zu beenden.“ Sir Evelyn Wrench, der im übrigen für ein besseres Verständnis der Hitler-Bewegung in England eint ritt, bemerkt, daß er während seines Aufenthaltes in Deutschland keinen Versuch gemacht hat, seine Anschauung über die nationalsozialistische Juden politik zu verhehlen. Er habe jedoch, abgesehen von Mitgliedern der Regierung, nur eine einzige Person getroffen, die die antijüdische Politik gutgeheißen hat. Judendebatte im Unterhaus ltn englischen Unterhaus fand am 10. ds. Mts. wieder eine lebhafte Aussprache im Zusammenhang mit der deutschen Juden frage statt. Zunächst stellte Gol. Wedgwood die Frage, ob der Außenminister auf Grund Art, li des Völkerbimdsstafuts beziehungsweise aut Grund des deutsch-polnischen Vertrages von 1022 die Frage der Zurücksetzung deutscher Juden in O b e r s c 11 I e - sicn vor den Völkerbund bringen wolle. Außenminister Sir John Simon erwiderte, daß eine Anrufung des Völkerhundes auf Grund des genannten Vertrages bisher nicht stattgefunden habe. Im weiteren Verlaut der Aussprache erklärte der Außenminister, daß die Lage der Juden in Deutschland große Aufmerksamkeit finde und daß er Informationen eingeholt habe. — Der zweite Teil der Debatte beschäftigte sich mit der Frage der Zulässigkeit von B o y k 0 11 - P 1 a k a t e n gegen deutsche Waren. Solche Plakate wurden von der Londotier Polizei im Judenviertcl entfernt, später aber wurde ihre Anbringung wieder gestattet. Der Innenminister Sir John (i i 1 - m ou r erklärte in seiner Antwort, daß inan jetzt alles unterlassen solle, was geeignet sei, die ohnedies erregte Stimmung noch weiter zu reizen. Die Aussprache gestaltete sich sehr lebhaft und der Innenminister sagte aut eine Frage Churchills, es solle niemandem verwehrt werden, in geziemender Form seine freie Meinung über die mit diesen Dingen zusammenhängenden Fragen zu sagen. Ueber diese lebhafte Debatte im Londoner Unterhaus haben die meisten deutschen Zeitungen Berichte veröffentlicht. Die ״D. A.Z.“ schreibt in ihrer Glosse zu dem neuen Reichsgesetz über die Rechtsanwaltschaft: ,,Wir glauben nicht zu übertreiben, wenn wir sagen, daß das aufgeregte Frage- und Antwortspiel, das gestern nachmittag im englischen 1111t c r 11 a u s wieder einmal im Hinblick aut Deutschland stattfand, wenigstens zum Teil unterblieben wäre, wenn den englischen Abgeordneten dieses neue Gesetz bekannt gewesen wäre. Enthält es doch gegenüber der revolutionären Praxis der ersten Tage und auch der neuen Leitung der Berliner Anwaltskammer erhebliche Milderungen.“ Was die Fortsetzung des antideutschen Bovkotts und die Aushängung von Boykott-Plakaten betrilit, ist von deutsch-jüdischem Standpunkt nur zu sagen, daß derartige Demonstrationen schädlich und abzulehneri sind. Wie uns bekannt ist, haben die Führer des englischen Judentums, insbesondere unter dem Eindruck der von deutschen Juden nach London entsandten Emissäre, sich entschieden g e g e n diese Boykott-Plakate ausgesprochen, ohne jedoch die sponfane Aktion im Judenviertel ausreichend kontrollieren zu können. Widersprüche Der ״Völkische Beobachter“ berichtet in seiner Nummer vom 6. April über ״A nwachscn des A 111 i s e m i t i s ־ mus bei den Sowjets“. Auch in Rußland, so schreibt das Blatt, gelte die Devise ״Der Jude ist schuld", und aus einem Bericht der GPU. gehe unzweideutig hervor, daß ״der Haß der Bevölkerung S o w j e t - R u ß - lands gegen die Juden während der bolschewistisehen Herrschaft stetig angewachsen und gegenwärtig zu einem aktuellen Problem geworden ist“. Es werde von der GPU. die Frage aufgeworfen, ob cs richtiger sei, die antisemitische Bewegung zu bekämpfen oder aber sic zur Befestigung der Sowjetherrschaft auszunützen. — Es läßt sich schwer nachprüfen, ob der vom ״Völkischen Heobachter” zitierte Bericht der GPU. authentisch ist oder nicht, bzw., ob er sinngemäß zitiert ist. Aber unbegreiflich ist, wieso man beides behaupten kann: sowohl daß die Juden die Hauptträger und Verbreiter des Bolschewismus sind, als auch daß der Bolschewismus die offizielle Annahme des Antisemitismus erwägt. Wenn die GPU. als Kronzeuge des Antisemitismus zitiert wird, dann ist zumindest erwiesen, daß sie nicht gleichzeitig jüdisch sein kann. Hilfswerk für Auswanderer Die Leitung des jüdischen Verbandes für Auswanderungshiffe Hicem, in dem die Organisationen Ica (Jewdsh Colonisation Association), Hias (Hebrew Immigrant Shelter and Aid Society) und Emigdirect zusammengeschlossen sind, hat sich, wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, mit allen Ländern, in die Juden aus Deutschland sich in letzter Zeit begeben haben, in Verbindung gesetzt. Es wurden Bespreehungen mit Delegierten aus der Schweiz, Holland, Belgien, Polen und der Tschechoslowakei abgehalten. Die Hicem-Leitung hat die ihr angcschlossenen Organisationen in diesen Ländern aufgefordert, regelmäßig genaue Berichte über Zahl, Beruf und Zukunftsabsichten der dort eintreffenden Juden aus Deutschland einzusenden. Die gegenwärtigen Unterhandlungen mit den zentralen Organisafionen in diesen Ländern zielen vor allem darauf ab, die Hilfsaktionen zu koordinieren und zu vermeiden, daß die Aus- «׳anderer zwecklose und kostspielige Reisen von einem Land in das andere unternehmen. Gleichzeitig steht Hicem in dauernder telegraphischer Verbindung mit allen Ländern, die für die Einwanderung von Juden aus Deutschland rechtlich und wirtschaftlich in Betracht kommen. Zu diesen Ländern gehören Chile, Brasilien, U rtiguay, S p a n i e n (hier hat Hicem zwei Auf nahm ekomitees organisiert, das eine in Madrid, das andere in Barcelona), Südafrika, A 11 s t r a I i e n und P a 1 ä s t i ח a. Aus einigen dieser Länder sind bereits ermutigende Mitteilungen eingetroffen, in denen bekanntgegehen wird, daß die offiziellen Kreise der eventuellen Aufnahme von Einwanderern aus Deutschland sympathisch gegeniiberstehen. Chile hat telegraphisch vollste Unterstützung der auf Unterbringung deutscher Juden in diesem Lande gerichteten Bemühungen zugesagt. An die Organisation Ilias in New York _ und an Freunde der jüdischen Auswandcningsliilfsbewcgung in Kanada hat sich Hicem mit der Aufforderung gewandt, sich für die Erschließung von Eiiiwanderiingsinöglkjikeifen in diesen Laudem einzttsefzeri. Dem Kongreß in Washington wurde bereits ein Antrag auf Aufhellung der von Präsident I loover i!n September’ 1930 verfügten Einwandeningsbe-schränkiingen unterbreitet. In einem weiteren Antrag wird die Gewährung von Erleichterungen für die Einreise in die Vereinigten Staaten an Juden aus Deutschland gefordert. Wie die Hieom-Leituiig niidoiit, sind zahlreiche Juden aus Deutschland in Frankreich eingetroffen, Hunderte haben in den letzten Tagen das Pariser Hiceni-Ruro in An- Spruch genommen. Es wurde veranlaßt, daß auf allen Bahnliöfen ein ständiger Dienst durch Abteilungen freiwilliger Hilfskräfte, hauptsächlich [ugendlirher, versehen werde. Diese Hilfskräfte bähen die Aufgabe, aus Deutschland cintreffende Juden zu empfangen und ihnen zweckdienliche Auskünfte betreffend ihren Aufenthalt in Frankreich zu geben, bzw. sie zu jenen Stellen zu bringen, die zur Erteilung von Rat und Hilfe berufen sind. Dieser Bahnhofsdienst wurde sowohl in Paris als auch auf den verschiedenen Grenzstationen, wie Straßburg, Metz, Mülhausen usw. organisiert. Die aus Deutschland cingctroffenen Juden — heißt es weiter — sind durchwegs Menschen von hoher Bildung und Kultur. Es gibt unter ihnen zahlreiche Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Architekten usw. Unter den Frauen und Mädchen gibt es viele Lehrerinnen, Laboratoritimsassistentinnen und andere Angehörige intellektueller Berufe. Audi Kaufleute sind unter ei eil Auswanderern stark vertreten. Ferner gibt es unter ihnen höchstqualifizierte Arbeiter, z. B. Elektriker und Angehörige anderer in vielen Ländern gesuchter Berufe. Die jokalcn Hicem-Komifees werden den _ Eimvandern bei der Suche nach F.rwcrbsinögliclikeifen behilflieli sein. Ein Mitglied der I ficein-Exekutive hat sich nach Genf begeben, um die Frage der aus Deutschland auswandernden Naiisenpa!!-Inhaber und sonstigen Staatenlosen mit den zuständigen Behörden zu erörtern. Antwerpen, 7. April. (J. T. A.) Alle aus Deutschland eintrefiemie״־ Züge bringen neue jüdische Ein war.- derer. Die belgische Grenzpolizei bereitet der Einvvanderung deutscher Juden, von denen bisher etwa 3000 eingetroffen sind, keinerlei Schwierigkeiten. In Brüssel und in Antwerpen wurden Hilfskomitees gebildet, an deren Spitze der belgische Gberrabbiner Dr. Wiener und der Präsident des jüdischen Konsistoriums, May, ein Bruder des belgischen Gesandten in Washington, stehen. Die Fiüchflingsfürsorge im Spiegel des ״V. B." Der ,,Völkische Beobachter“ entsandte einen Sonderberichterstatter nach Hollaml, der im Auto die deutschholländische Grenze passierte. Heber den Empfang an der holländischen Grenze berichten die Herren, die sich im zweiten Teil ihres Artikels über die verschiedenen antideutschen Maßnahmen in Holland verbreiten, aber im übrigen einen ״Rückzug der (ireuclpropaganda“ feststellen, folgendes: ״Auf holländischer Seite sind die ersten Fragen der Beamten: ,Sind Sie Israeliten? Was mochten Sie in Holland tun? Wieviel Geld haben Sie für Ihren Bedarf bei sich? Wie lange wollen Sie bleiben? Haben Sie Angehörige in Holland?‘’ — Die Papiere werden viel gründlicher durchgesehen als jemals zuvor. — Dann: freie Wciterfalirt! — Aber bevor wir den Wagen besteigen, erscheinen zwei Herren: ,Sie sind Flüchtlinge? Wir stehen zu Ihrer Verfügung mit Unterkunft und Hilfe.‘ — Die beiden Fremden, — es ist halb drei Uhr morgens! — versehen den permanenten Wachdienst des alljüdischen Hilfskomitees für die Flüchtlinge aus Deutsch- (and. I)cn-.flüchtenden Juden wird Quartier gegeben, Nahrang, auch kleinere Geldmittel. Dann erfolgt, je nach der Lage des Falles, die weitere Behandlung der Flüchtigen bei den örtlichen Komitees der Reiseziele.' —- Als .wir auf die Frage, ob wir verwundet, verprügelt worden seien, verneinenden Bescheid geben, läßt das Interesse merklich nach. Als wir uns als Nicht jaden ausweisen, verschwinden beide Herren, deren weiße Armbinden der sechseckige Stern kennzeichnet. — 1111 Hotel sind noch mehrere Gäste wach. Es sind geflüchtete Juden. Keiner hat irgendwelche Verletzungen davongetragen, noch weiß er über solche zu berichten. Ursache der Flucht: Besorgtheit, daß ihnen etwas geschehen könnte, weil sie sich vielleicht exponiert hätten. Bei anderen: materielle Sorgen, weil sie wirtschaftlich nicht weiterzur kommen glauben und nun bei holländischen Geschäftsfreunden Unterkunft suchen. Ein jüngerer Mann erzählt, daß er von der SA. ausgehoben, verhaftet, verhört, — und dann wieder auf freien Fuß gesetzt worden sei. Ihm sei nichts passiert, aber andere Juden habe man geschlagen. Wo und wem vermag er nicht anzugeben, er hat es eben halt gehört. Es soll in' Krefeld gewesen sein, kann aber auch sein, daß es in Düsseldorf war. Ein Jude sei von SA.•Männern ermordet worden, dann seien ihm die Haare geschoren worden, — und auf die glatte Kopfhaut wurde ihm mit weiß,- glühendem Eisen (natürlich mit weißgliihemlein!) ein Hakenkreuz eingebrannt. Die Leiche wurde dann mit einer Perrücke begraben,J damit die Angehörigen nichts sähen. Schwer, auf derlei noch etwas zu erwidern“