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Jüdische Rundschau · 1933-04-07 · Heft 28-29 (7.4.1933) · p. Seite 143

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 28-29 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
Seite 143 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 28/29, 7. IV. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 143 Originale Assimilation Ein Nachwort za Rahel Vamhagen» 100. Todestag Von Hann ah Arendt Die jüdische Assimilation scheint heute in Deutschland ihren Bankrott anmelden zu müssen. Der allgemein gesellschaftliehe und offiziell legitimierte Antisemitismus trifft in erster Linie das assimilierte Judentum, das sich nicht mehr durch Taufe und nicht mehr durch betonte Distanz vom Ost- Judentum entlasten kann. Die Frage nach Erfolg und Schcifern der Assimilation ist heute gerade für den assimilierten Juden brennender denn je, Denn Assimilation ist ein Faktum und nur sekundär, erst im Abwehrkampf, eine bestimmte Idcologie; eine Ideologie, von der man heute weiß, daß sie sich nicht mehr behaupten kann, weil die Wirklichkeit sie prägnanter und eindeutiger widerlegt als früher. Assimilation ist vor allem das Faktum des Eintritts der Juden in die geschichtliche europäische Welt. Die Rolle der Juden in dieser Welt, ist weder soziologisch noch geistesgeschichtlich eindeutig festzulegen. Was ihnen, jedenfalls in Deutschland, von dem spezifisch modernen Antisemitismus, der sich gegen die Assimilierten richtet und der so alt oder so neu ist wie die Assimilation selbst, was ihnen immer wieder vorgeworfen wird, ist, daß sie Träger der Aufklärung seien. Darauf läuft im Grunde schon die pöbelhafte Polemik Grattenauers im Jahre 1802 ebenso hinaus wie die unvergleichlich geistreiche Satire Brentanos, die den Antisemitismus der Spätromaiitik, der Christlich Deutschen Tischgesell- Schaft widerspicgelt. Diese Polemik ist nicht zufällig. Es ist richtig, daß es wenigrtens zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch keine beliebige Assimilation gab, daß Assimilation immer Assimilation an die Aufklärung bedeutete. Die Juden, denen von der Aufklärung die Emanzipation und vor allem die Argumente für die Forderung der gleichen Menschenrechte gegeben wurden, sind fast durchweg Träger der Aufklärung geworden. Aber die Problematik der jüdischen Assimilation beginnt erst nach der Aufklärung, erst jn der Generation, die aut Mendelssohn folgt. Alendclssohn konnte noch glauben, mit den Vorkämpfern der Aufklärung — und das hieß damals mit den Repräsentanten des geistigen Deutschlands — in allem Wesentlichen einer Meinung zu sein. Schon seine Schüler stießen mit dem Appell an Vernunft und moralisches Gefühl auf Widerstand. Schon Schleiermacher rechnet das ״Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter“, das David Fried- Länder verfaßte, dfr ״älteren Schule unserer Literatur“ zu. Oie Juden können vorerst das neue, in Deutschland zum ersten Male aufbrechende Geschichtsbewußtsein nicht verstehen, weil es ihnen keine Argumente mehr liefert für ihre Forderungen. Das heißt: die Juden als Gesamtheit können sich nicht mehr assimilieren. Noch Mendelssohn sprach immer im Namen ״der“ Juden, die er aufklären, die er befreien wollte. Er glaubt — ebenso wie Dohm — die Juden in ihrer Gesamth eit emanzipieren zu können. Die Taufbewegung der nächsten Generation zeigt, daß die Judenfrage zu einem Problem des einzelnen Juden geworden ist, zu dem Problem, irgendwie mit der Welt fertig zu werden. Daß trotz der jeweils persönliehen Entscheidung Typen der Lösung zu erkennen sind, spricht nicht dagegen. Die Judenfrage wird zum Problem einzelnerjuden. 11. Solche ״Einzelne“ sind die Rahel, die Henriette Herz, die Dorothea Schlegel, die Schwestern Meyer. Gemeinsam ist ihnen nur, daß sie aus dem Judentum herauswollen, und daß es ihnen allen irgendwie gelingt. Henriette Herz versucht es mit Lernen. Sie lernt Latein, Griechisch, etwas Sanskrit, Mathematik und Physik. Das Christentum, das Schleiermacher ihr vermittelt, wird ihr zum selbstverständlichen Bildungsgut. Sie ist geachtet, sie ist schön, sie wird viel geliebt. Man nennt sie kalt, weil sie unberührt bleibt, weil nichts zu ihr dringt. Sie wehrt sich mit gutem Instinkt gegen jede Leidenschaft, gegen jedes ernsthafte Eingehen auf die Welt. Sie glaubt, man kann die Weit lern en; sie hofft, man kann die Welt durch Tugend bestechen. Und die Welt gibt ihr Recht, indem sie sie achtet. Dorothea Schlegel, die jüngste Tochter Mendelssohns, läuft ihrem Mann, einem achtbaren jüdischen Kaufmann, fort und Friedrich Schlegel zu. Sie lernt nicht die Welt kennen, sondern Schlegel, sie assimiliert sich nicht an die Romantik, sondern an Schlegel, sie wird nicht zum Katholizismus bekehrt, sondern zu Schlegels Glauben. Ihm möchte sie ״einen Tempel errichten“. Ihre Liebe ist völlig unreflektiert, nur der reflektorische Ausdruck für ihr Gebanntsein. Was bleibt, ist das Faktum, daß es ihr wirklich gelungen ist, sich aufzugeben, sich au einen Menscheu zu hängen und von ihm sich durch die Welt schleifen zu lassen. Die Welt — nichts als die vergehende Folie für die Gefühle, für die ganze aufgeregte Leidenschaftlichkeit ihres Innern. Marianne und Sarah Meyer kommen aus einem reichen Hause, das ihnen ״eine vornehme Er- Ziehung und bildenden Unterricht“ vermittelte. Ihre Klugheit, ihre Bildung sind identisch mit Weltgewandtheit. Marianne heiratet den Fürsten Reuss und führt nach seinem Tode den Titel einer Frau von Eibenberg. Sarah lebt viele Jahre in einer glücklichen Ehe mit einem livländischen Baron Grotthus. Beide leben in der großen Welt, umgeben von Anerkennung und Schmeichelei. Sie sind in die Gesellschaft auf^enommen wenn sie auch liier und da noch plötzlich zurückgewiesen werden, wenn es auch Häuser gibt, in die selbst sie keinen Zutritt erlangen, wenn auch Gentz meint, ihre Geselligkeit grenze doch immer an ״inauvaise societe“, und wenn das Wort des Prinzen Ligne, der Baron Arnstein sei ״le premier baron du vieux testament״, durch ganz Wien geht. Diese kleinen Krankungen, aut die jede jederzeit gefaßt sein mußte, erzeugten bei Frau von Grotthus die maßlose Eitelkeit und bei Frau von Eibenberg die ,,feindliche Menschenkenntnis“. Sie erzeugten aber auch Klugheit, Wachsamkeit und die Kunst, ״selbst die Langeweile unterhaltsam“ zu machen. Dies sind nur einige Einzelfälle, die sich beliebig vertnchren ließen. Für alle diese Frauen ist es charakteristisch, daß sie verstanden, ihre Spuren zu verwischen, daß es ihnen glückte, in die Welt cinzudringen, daß sie gar nicht mehr erst zu betonen brauchten: ״Aus dein Judentum muß man heraus“ (Rahel). III. Es scheint müßig angesichts des Risikos und der Notwendigkeit der Assimilation zu fragen, ob sie gelang oder nicht. Es ist auch nicht möglich auszumachen, ob sie der Rahel gelang. Sicher ist, daß es ihr nie gelungen ist, die Spuren zu verwischen, ihre Herkunft faktisch zu verleugnen, obwohl es gerade von ihr die bösesten und verbittertsten Bemerkungen über ihr Judeseit) gibt. Sie hat dennoch die Bodenlosigkeit ihrer Existenz niemals durch Surrogate aufzubessern versucht, und sie hat es verstanden, jede Verzweiflung, auch die über ihre Herkunft, bis zur letzten Konsequenz zu verfolgen. Dadurch ist sie —weniger das, was sie sagte als der Gang ihres Lebens selbst — exemplarisch geworden für eine Situation, die nicht nur die ihre ist. Rahel hat nichts gelernt. Sie betont schon ihrem Jugendfreunde Veit gegenüber ihre ״Ignoranz“ und daß sie sie nicht ändern könne, ״man müsse sie so aufbrauchen“. Keine Tradition hat ihr etwas übermittelt, bt keiner Geschichte war ihre Entere vorhergesehen, .Ungebunden schlechthin, weil ia keine Der leidende Gottesknecht (Jesaia 50,4—51,8) Wir geben nachstehend einen Abschnitt aus dem kürzlich erschienenen Jesaia* Band der neuen deutschen Bibel-Übersetzung von Martin Buber wieder. Gegeben hat ER, mein Herr, mir eine gelehrige Zunge. Daß ich wisse, den Matten zu erquicken mit Rede, weckt er sie am Morgen. Am Morgen weckt er das Ohr mir, daß ich wie die Lehrlinge höre. Gisöffnet hat ER, mein Herr, mir das Ohr. Ich aber, ich habe nicht widerstrebt, ich bin nicht zurück gewichen, den Schlagenden gab ich hin meinen Nacken, den Raufenden meine Wangen beide, mein Antlitz habe ich nicht verborgen vor Schimpf und Bespeiung. Mir hilft ER, mein Herr: darum wurde ich nicht zum Schimpf, darum konnte ich mein Antlitz kieselgleich machen, ich wußte, daß ich nicht enttäuscht werde: nah ist, der mich bewährtspricht! Wer will mit mir streiten? treten miteinander wir vorl wer ist mein Rechtsgegner? er stelle sich mirl Da, mir hilft ER, mein Herr, — wer ist’s, der mich bezichtigen mag? da, allsamt zerfasern die einem Gewand gleich, die Motte frißt sie auf. Wer unter euch ist SEIN fürchtig, gehorsam der Stimme seines Knechts, daß im Finstern er gehn kann, wo ihm kein Strahl ist: er verläßt sich auf SEINEN Namen, er stutzt sich auf seinen Gottl Ihr alle da, die ihr Feuer entzündet, euch ausrüstef mit Fackeln, geht nur zu beim Licht eures Feuers, bei den Fackeln, die ihr entbrannt habtl Von meiner Hand geschieht euch dieses: in die Pein müßt ihr euch niederlegen. Hört auf mich, die ihr nachj'agt der Wahrheit, die ihr IHN suchetI Blickt auf den Fels, daraus ihr wurdet gehauen, auf die Brunnenhöhlung, daraus ihr wurdet erbohrt! blickt auf Abraham, euren Vater, auf Ssara, die mit euch kreißte! denn als Einzelnen habe ich ihn berufen, daß ich ihn segnete, daß ich ihn mehrte. Ja denn, ER tröstet Zion, tröstet all ihre Trümmer, macht Eden gleich ihre Wüste, SEINEM Garten gleich ihre Steppe, drin wird Lachen und Lust gefunden, Danklied und Saitenspielschall. Merket auf mich, du mein Volkl meine Nation du, auf mich lauschet! denn Weisung, von mir fährt sie aus, und mein Recht, zum Licht der Völker wink ichs heran. Nah ist meine Wahrheit, ausfuhr meine Freiheit, meine. Arme werden Völker richten, auf mich harren Ozeanküsten, sie warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen zum Himmel, blicket zur Erde drunten: ja denn, rauchgleich verfledern die Himmel, gewandgleich muß die Erde zerfasern, einem Mückcnschwarm gleich müssen ihre Sassen sterben, aber meine Befreiung, für die Weltzeit ist sie da, aber meine Bewährung, nie stürzt sie ein. Hört auf mich, die ihr die Wahrheit kennt, du Volk mit meiner Weisung in den Herzen! Fürchtet nimmer den Hohn von Menschen, durch ihre Schmähungen laßt euch nimmer bestürzen! Denn gewandgleich frißt sie die Motte, wollzeuggleich frißt sie die Schabe, aber meine Bewährung, für die Weltzeit ist sie da, aber meine Befreiung bis ins Endgeschlecht der Geschlechter. Bildimgswelt hincingebqj'en, vorurteilslos, weil scheinbar keiner vor ihr geurteilt hat, gleichsam in der paradoxen Situation des ersten Menschen, ist sie gezwungen, sich alles so anzueignen, als ob es ihr zum ersten Male begegnete. Sie ist angewiesen auf Ursprünglichkeit. Herder hat einmal expressis verbisVor- Urteilslosigkeit von dem ״gebildeten Juden“ verlangt. Das Freisein von allen Inhalten ist bei Henriette Herz!ungeschlagen in das Freisein für schlechthin alle. Alles wird erlernbar. Ihre Ungebimdenheit wird zu einer sinnlosen Begabtheit für alles. Da Rahel auf ihrer Ignoranz besteht, dokumentiert sich in ihr wirklich die Freizügigkeit und Unfixiertheit an eine bestimmte historisch gegebene Weit; daher stammt ihre schlagende Art, Dinge, Menschen, Situationen zu beschreiben. Alles präsentiert sich in ihr gleichsam zum ersten Male. Für nichts hat sie eine angelernte Formel bereit. Ihr Witz, der schon das junge Mäddien gefürchtet sein ließ, ist nur die völlig unbeschwerte Art zu sehen. Sie lebt in keiner bestimmten Ordnung der Welt, sie weigert sich, eine Ordnung der Welt zu lernen; sie kann das Entfernteste im Witz zusammenbringen, sie kann im Zusammenhängendsten die Zusammenhangslosigkeit aufdecken. Dies rühmen ihre Freunde als Originalität, dies empfinden ihre Feinde als Stillosigkeit, als Unordnung, als unmotivierte Lust am Paradox. Ihre Art sich auszudrücken, ist vielleicht wirklieh stillos, denn sie hat kein Vorbild, keine Tradition und kein strenges Bewußtsein davon, welche Worte zueinander gehören und welche nicht. Aber sie ist wirklich ״originell“: sie wird nie einem gewöhnten Ausdruck zu Liebe eine Sache verdecken. Bei aller Originalität, bei aller Eroberungssucht dokumentiert sich in Rahel nicht nur die Vorurteilslosigkeit, sondern zugleich auch die Leere dessen, der restlos auf Erfahrungen angewiesen ist, der für jede Meinung das ganze Leben braucht. Eine Meinung in der fremden Welt haben, ist ein wesentlichcr Faktor der Assimilation. Rahel ist für diese Meinung auf ihr Leben angewiesen, angewiesen darauf, daß Menschen, Schicksale, Geschehnisse sie nicht im Stich lassen, sie nicht vergessen, sondern auf sie treffen. Sie hätte sich dieser Angewiesenheit auf das eigene Leben entziehen können durch sinnloses Lernen oder durch Heirat. Sie hat es einmal versucht, als sie den Grafen Finckenstein kennen lernte, als er sie liebte, als sie sich mit ihm verlobte. Sie hatte über Finckenstein Macht genug, um ihn zu einer Heirat zu zwingen. Noch viele Jahre spater ist es ihren Freunden unbegreiflich, warum sie diese Macht nicht ausgenutzt hat. Der Grund ist sehr einfach: was die Geschichte ihrer Assimilation hätte werden können, wurde ihre persönliche Liebesgeschichte. Sie ״ergab sich dem Zufall, wo sie alles hätte berechnen können“. Denn nur 1m Zufall konnte die Welt, die ihr indefinit war, auf sie treffen; sie hätte den Zufall, daß gerade Finckenstein der erste war, le premier <!ui a voulu que je l'aime, umlügen können;11 einer Notwendigkeit, und sie wäre aufgesogen worden wie Dorothea Schlegel. Die einzige Chance für Rahel, die Welt kennenzulernen, obwohl sie keine soziale Stellung hat, die eine Orientierung selbstverständlich macht, ist ihr eigenes Leben. Daß sie sich aut dieses Leben und seine Erfahrungen verläßt, ist die Voraussetzung dafür, daß es ihr schließlich gelingt, in die Realität vorzustollen. Aber auch kaum mehr als die Voraussetzung.,. Denn um wirklich in die fremde Geschichte einzugehen, in der fremden Welt zu leben, muß sie sich und ihre Erfahrungen mitieilen können. IV. Man hebt oft als die größte Merkwürdigkeit der Rahelsehen Assimilation, ja gleichsam als ihre Probe aufs Exempel, hervor, daß sie eine der ersten war, die Goethe w irklich verstanden hat. Zweifellos mit Recht. Nur darf dabei nicht übersehen werden, daß es sich bei diesem Verstehen weder um eine besondere Klugheit noch um eine besondere Einfühlungsgabe handelt, daß dieses Verstehen vielmehr aus einer Zwangslage stammt, aus der Zwangslage, sich mitteilen zu müssen und für diese Mitteilung eine Sprache zu sprechen. Sie muß, soll ihr Leben nicht völlig ins Bodenlose versinken, versuchen, sich irgendwie durch Mitteilung der Geschichte zu übermitteln. Dieser Versuch wäre völlig aussichtslos und ohne Orientierung, hätte sie nicht in Goethe den ״Vermittler“, den, dem sie sich anschließefl, dem sie nachsnrechea kan®, Goethe ist der große Giiicksfal! in Rahels Leben. ״Durch all mein Leben begleitete der Dichter mich unfehlbar“. .,Kräftig und gesund brachte der mir zusammen, was ich, ',nglück und Glück zersplitterte, und ich nicht sichtlich zusammenzuhalten vermochte“. Er lehrt sie den Zusammenhang: daß ülflck und Unglück nicht einfach auf eine Kreatur vom Himmel fallen, sondern daß es Glück und Unglück nur in einem Leben gibt, das als solches der Zusammenhalt sein kann. Glück und Unglück sind im Wilhelm Meister bildende Elemente. In Meisters Leben hat die Frage nach Glück oder Unglück kaum einen Sinn: so sehr hat alles, was geschieht, seine Bedeutung, daß es kaum noch eine Stelle gibt, wo das schlechthin Zerstörerische einbrechen kann. Selbst der Zufall ist nier ein ״gebildeter Mann“ (Schlegel). Rahels Leben hat vorerst keine Geschichte und es ist dem Zerstörerischen ausgesetzt: aber die Folie dieses anderen Lebens lehrt sie verstehen; lehrt sie, daß Liebe, Angst, Hoffnung, Glück und Unglück nicht nur der blinde Schreck sind, sondern daß sie an einer bestimmten Stelle, ans einer bestimmten Vergangenheit mit einer bestimmten Zukunft etwas bedeuten können/was der Mensch verstehen kann. Ohne Goethe sähe sie ihr Leben nur von außen, in seiner gespenstischen Kontur. Sie könnte es nicht in Zusammenhang bringen mit der Welt, der sie es doch erzählen muß. ״Mit seinem Reichtum machte ich Kompagnie, er war ewig mein einzigster und gewissester Freund“; denn er ist der Einzige, den sie so lieben muß, daß ״■das Maß nicht in mir, sondem in ihm abgesteckt ist“. Er zwingt sie, einmal sich dem Gegenstände zu beugen, d. h. nicht ohne Maß und Ziel originell zu sein. Weil sie ihn versteht und von ihm aus sich versteht, kann er ihr fast so etwas wie ein Ersatz für Tradition sein. Sie bekennt sich zu ihm, macht mit ihm Kompagnie und stellt damit in der deutschen Geschichte, Rahel lernt von Goethe zwar nicht die ״Kunst zu existieren“ (Schlegel), aber sie lernt bis zur Meisterschaft die Kunst, das eigene Lehen mitzuteilcn, sich selbst darzustellen. Daß sie sich auf Goethe mit Recht berufen kann, daß sie in der Berufung auf Goethe sich den Andern nicht nur verstandlieh machen, sondern mit ihnen solidarisch sein kann, verdankt sie einer eigentümlichen Kongruenz ihrer Situation mit der ihrer Umweit: ob ihr Leben gelingt oder mißlingt, hängt davon ab, ob sie zur Realität der Welt verstoßen kann oder nicht; aus ganz anderen Granden steht die ganze Generation, die Generation der Humboldt, Schlegel, Gentz, Schleiermacher in einer ähnlichen Situation. Die Träger der Aufklärung, deren eine Fortsetzung die Romantik ist, sind die Bürger. Diese Bürger gehören keinem Stande mehr an, sie repräsentieren nichts mehr. Der Bürger kann nur präsentieren was er hat; will er etwas ״scheinen“, so ist er ״lächerlich und abgeschmackt“. Er kann sich nicht ״darstellen“, er ist keine ״öffentliche Person“ (Wilhelm Meister), sondern nur ein Privatmann. In der Repräsentation war der Mensch sichtbar. Im Bürgertum, •das aut Repräsentation verzichten muß, entsteht nach Auflösung der Stände die Angst, nicht mehr sichtbar zu sein, nicht mehr in der eigenen Realität garantiert zu werden. Wilhelm Meister versucht durch Bildüng das Sichdarstcllcn zu erlernen. Gelingt ihm dies, so ist er eine ״öffentliche Person“ und nicht mehr einer, der ״nur ist, was er hat“. Im Salon treffen sich die, die darstellen können, was sie sind. Ihre Darstellung ist das Gespräch. Der ״Salon“ ist Rahels soziale Chance und Rechtfertigung. In ihm findet sie den Boden, auf dem sie leben kann, den Raum, in dem sie sozial anerkannt wird. Der Salon ist ihre soziale Realität. Solange diese Realität besteht, hat sie weder Heirat noch Taufe nötig. Erst ais der Salon nach dem Unglückliehen Krieg untergeht oder wieder in die Hände derer gelangt, die von vornherein und fraglos zur_Gesellschaft gehören, ist sie gezwungen, sich eine andere Möglichkeit der Existenz zu suchen, eine andere Möglichkeit, nicht vergessen, von der Geschichte nicht üb ergangen zu werden. Sie heiratet 1S11 Varnhagen und tritt zum Christentum über. Varnhagen wendet last ein ganzes Leben daran, ihr Leben, ihre Briefe, ihre Person atifzubewahren und der Nachwelt zu übermitteln.

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