Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 28-29 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 28/29, 7. TV. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 139 Grundsätzliches zur gesetzlichen Regelung Die Judenfrage als Politikum Früher als die meisten es erwartet haben, ist in Deutschland durch die Entwicklung der Dinge die Judenfrag״ zu einem der vordergründigsten Probleme der deutsehen 1 ■olitik geworden. Man kann heute ohne Uebertreibung sagen, daß diese Frage nicht nur die Innenpolitik zu beherrschen scheint, sondern in beträchtlichem Maße auch die deutsche Außenpolitik überschattet. Vor dem Krieg gab es ein jüdisch-politisches Problem eigentlich nur in bezug auf zwei Staaten: Rußland und Rumänien. Rumäniens Verpflichtung, den Juden Staatsbürgerrechte zu gewähren, war sogar in einem internationalen Vertrag, dem Berliner Vertrag von 1878, niedergelegt, und seine Weigerung, die Bestimmungen dieses Vertrages zu erfüllen, bildete ein Element der europäischcn Unzufriedenheit bis zum Weltkrieg. Im zaristisehen Rußland wurde das Judenproblem einmal zu einem gewichtigen außenpolitischen Belang, als nämlich der russisch-amerikanische Handelsvertrag wegen der Behandlung der Juden in Rußland 1912 gekündigt wurde. Abgesehen von diesen beiden Fällen aber betrachtete man die jüdische Frage im allgemeinen als ein gesellschaftlich, kulturell und sozial bestehendes Faktum, nicht aber als ein Politikum ersten Ranges. ln der Nachkriegszeit ist die Judenfrage polttisch relevant geworden besonders bei der Festsetzung des Minoritätenschutzes. Die Ausbildung des internationalen Minoritätenrechtes ist weitgehend beeinflußt von der jüdischen Situation. Aber was sich auch in der Folge in osteuropäischen oder Balkan-Staaten zugetragen haben mag, fand in der Welt relativ geringe Beachtung, weil diese jungen Staaten, bei allem Respekt vor ihrer neugewonnenen Souveränität, nicht als Mitglieder des kleinen Kreises führender Weltnationen empfunden wurden. Heute stehen wir vor einem Nov u in. Vorbereitet durch eine jahrelange Agitation, ist die Judenfrage in Deutschland zu einer wilden Flamme aufgelodert. Tiefe Instinkte, Gefühle, Ressentiments und Leidenschaften entladen sich in einer Zeit, die bis zum Uebermaß mit politischer Erregung erfüllt ist. Daß die Vorgänge in Deutschland ein weiteres Echo gefunden haben als etwa die in Rumänien, ist bei dem großen Respekt, den man überall der deutschen Nation entgegenbringt, nur selbstverständlich. Mehrere Wochen waren in der Aufmerksamkeit gerade der beiden angelsächsischen Länder, auf deren Freundschaft, wie von Nationalsozialisten oft verkündet, das nationale Deutschland den größten Wert legen muß, die meisten anderen außenpolitischen Vorgänge zurückgedrängt hinter dem Interesse an dem Schicksal der deutschen Juden. Jetzt erst, nachdem — gemäß den Feststellungen der nationalen deutschen Presse — die sensationslüsterne Verbreitung־ unwahrer Greuelnachrichten abgeflaut ist, kann man erkennen, worum es hier geht. Die Aufregung der jüdisehen Strumpfhändler in Ostlondon, so schreibt z. B. der Londoner Korrespondent der ״D. A. Z.“, ist nicht wichtig, wohl aber die Stellungnahme der nicht jüdischen englischen Oeffentlichkeit, die eine Negierung des Grundsatzes der Gleichheit aller vor dern Gesetz nicht versteht. Das ist es, was die Außenwelt irritiert hat; und man muß bedauern, daß gerade die Freunde Deutschlands in ihrer Haltung besonders erschüttert wurden. Denn gerade jene Kreise, welche aus Motiven der Gerechtigkeit für Gleichberechtigung Deutschlands eingetreten sind, sehen sich — wie ״D. A. Z.“ hervorhebt — nun dem Einwand gegenüber, daß Deutschland selbst einer kleinen Minderheit seiner eigenen Bevölkerung die Gleichberechtigung verweigert. Die Vehemenz, mit der die Judenfrage liier in Angriff genommen wurde, wird anscheinend in England und anderswo nicht verstanden. Natürlich wird England nicht für die deutschen Juden intervenieren, was gegen den Grundsatz der Souveränität verstoße. Aber die deutschen Juden, die nie mal s eine ausländische Einmischung angerufen haben, sind bestürzt darüber, daß um ihretwillen — ohne ihr Zutun — eine Ver- Stimmung um sich greift, die in der europäischen Mächtegruppierung Spuren hinterlassen könnte. Es wäre eine Schädigung des deutschen Vaterlandes, diesen Sachverhalt zu übersehen. Nun zur Innenpolitik. Hier muß auch gesagt werden, daß die plötzliche Brotlosmachung so vieler jüdischer Familien ernste Folgen für die wirtschaftliche und soziale Ordnung mit sich bringt. Die Regierung hat mit Unterstützung der nationalsozialistischen Partei die Stellung der Juden durch administrative oder einfach tatsächliehe Akte geregelt. Nicht nur Richter, Anwälte, Lehrer, Aerzte usw. sind an der Fortsetzung ihres Berufslebens gehindert worden, sondern auch zahlreiche jüdische Angesielite aller Art mußten entlassen werden, so daß ein jüdisches Arbeitslosenheer entstellt, das unter den obwaltenden Umständen keine Aussicht auf ein Unterkommen hat. Außerdem ist durch Agitation, durch Gerüchte und durch die Unmöglichkeit sachlich-ruhiger Ueberlegung der Gemütszustand der Bevölkerung aufs äußerste gespannt und mit Affekten geladen. Aus dieser Psychose muß ein Ausweg gefunden werden. Es erhebt sich die Frage, was weiter geschehen soll. Die ״Deutsche Allgemeine Zeitung“ und andere Orgare treten dafür ein, daß die Judenfrage von der Regierung im Wege der ordentlichen Gesetzgebung auf Grund des Ermächtigungsgesetzes sobald als möglich gelöst wird. Die Regierung hat sich dazu noch nicht geäußert. Aber da es allen Anschein hat, daß wir über kurz oder lang zu einer gesetzlichen Regelung gelangen, also Ausnahmegesetze für Juden bevorstehend nachdem eine faktische Ausnahmebehandlung bereits offiziell durchgeführt wurde, ist es am Platze, darüber einige Worte zu sagen. Bei jeder Regelung der Judenfrage muß man dessen eingedenk bleiben, daß es sich um die Angelegenheiten derjenigen Juden handelt, die Juden bleiben und als Juden leben wollen. Wenn der heutige Staat von der Voraussetzung ausgeht, daß der Jude durch spezifische Merkmale gekennzeichnet ist und wegen dieser Merkmale «ine Sonderstellung im Staate haben soll, dann kann man nicht gleichzeitig auch noch innerhalb des jüdischen Bezirks die Juden um ihres Judeseins willen verfemen und gewissermaßen die als die besseren Juden betrachten, die weniger ,,jüdisch“ sind. Es liegt sogar im Sinne der Staatsräson, den Juden die Möglichkeit zu geben, nach ihrer Art zu leben. Eine Organisationsform, die an das Judesein der Juden ankniipft, darf nicht dieses Judesein künstlich auf ein Mindestmaß herabdiücken oder innerlich verkrüppeln. Eine weitsichtige Politik muß einsehen, daß dem Staate nicht damit gedient ist, wenn er jüdische Bürger hat, die zwar formell und rechtlich als ״Juden“ gelten, denen man aber so sehr den Stempel der Minderwertigkeit aufdrückt, daß in ihnen der Wunsch, so wenig als möglich Jude zu sein, gefördert wird. Es wäre ״liberalistiscli“ Ehre, Freiheit, Glück in Palästina! Bereitet Euch Boden! Schafft Arbeitsplätze! Spendet zu Pessachf Überweisungen an Postscheckkonto Berlin 282 47 Keren Kajemeth Lejisrael Jüdischer Nationalfonds E.V. gedacht, wenn eine gesetzliche Regelung der Judenfrage davon ausginge, wie man das Judentum am besten abschaffen könne; die nationalen Parteien mit ihrer grtmdsätzlichen Anschauung von der jüdischen Rasse, mit ihrem Widerstand gegen Mischehe und Rassenvermischung, mit ihrem Wunsch nach reiner Abgrenzung in allen kulturellen Funktionen, können nicht die Inkonsequenz begehen, nun auch jenseits der von ihnen selbst gezogenen Grenzen ihre antijüdischen Maßsiäbe anerkannt wissen zu wollen. Wir sind in Deutschland nicht mehr weit von einem neuen Ghetto entfernt, jeder Jude ist als solcher stigmatisiert, und wir hören die Ankündigung, daß jeden Tag die Organisation aktionsbereit ist, die jedem Juden das Schild mit der Aufschrift ״Jude“ an seine Türen zu kleben das Recht hat. Wenn der Staat die ihm ungehörigen Juden eingliedert, so kann er das nur durch Bejahung ihres Judeseins. Darum sind maßgebend für die Fragen des Judentums nicht jene jüdischen Kreise, die offene oder verhinderte Renegaten sind, sondern jene, die an ihr Judentum glauben, sich dazu bekennen und weiter als Juden leben wollen. Für jeden Staat sind diejenigen Bürger ein Aktivum, die stolz und selbstbewußt sind und Charakter haben. Wendet man das auf die Juden an, so wird ohne weiteres klar, daß nur die Juden, die auch in schweren Zeiten und trotz äußerer Erschwerungen ihre Art und Geschichte nicht verleugnen,Repräsentanten des Judentums sein können. Außerdem ist aus der Ausscheidung der Juden die Konsequenz zu ziehen. Die Juden müssen fordern, daß ihnen gestattet wird, ihre eigene Sonderart zu pflegen, insbesondere durch Errichtung jüdischer Schalen, in denen neben der allgemeinen Bildung auch eine spezifische jüdische Bildung vermittelt wird, damit der jüdische Mensch weiß, was Judentum ist. Die nationale Regierung muß die Pflege jüdischen Wissens durch Juden fördern, da n u r durch eine solche innere Konsolidierung des Judentums, die durch hundert Jahre im Zeitalter des Liberalismus verhindert worden war, die Gefahr vermieden wird, daß Juden die ihnen gesetzten Grenzen vergessen und sich deutsche Positionen anmaßen, vor denen sie zurückscheuen sollten. Der übermäßige Einfluß der Juden auf verschiedenen Kulturgebieten, über den so oft geklagt wurde und der einen der Hauptgründe des Antisemitismus bildet, ist nur dadurch möglich gewesen, daß man die Betätigung von Juden im deutschen Leben als einen besonderen Beweis aktiver patriotischer Gesinnung hinnahm. Je stärker man sich im Deutschtum beteiligte, um so mehr schien der Makel des Judentums paralysiert. Das war der große psychologische Fehler des Liberalismus, der — was gerade von Zionisten vorausgesehen wurde — eine heftige Reaktion in der Riehtung des Antisemitismus zur Folge hatte. Juden und Nichtjuden wollten die Judenfrage ignorieren und sich darüber hinwegsetzen. Das hierdurch entstandene fiktive Gebäude sehen wir in unseren Tagen donnernd zusammenbrechen und mehr Opfer als nötig unter seinen Trümmern begraben. Bei dem Neuaufbau können verhängnisvolle Fehler nur dann vermieden werden, wenn die herrschende Partei die Juden als Juden ernst zu nehmen beginnt. Eine dauernde Verächtlichmachung und Pauschalverdächtigung des Judentums liegt ebenso wenig im Interesse Deutschlands wie im Interesse einer Lösung der Judenfrage. Die deutsche Regierung muß, wenn sie an die gesetzliche Regelung hcrangeht, die Stimme der Juden hören. Sie muß, gerade wenn sie von der Tatsache der jüdischen Sonderart ausgeht, solche Verhandlungspartner wählen, die diese Sonderart zu repräsentieren wünschen und für ihre Ehre einstehen. Die deutschen Juden haben in diesen Wochen Schweres durchlebt. Aber in der Politik kommt es nicht auf Ressentiments an und nicht auf Empfindlichkeiten, sondern auf die konstruktiven Aufgaben des Augenblicks. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als darum, die jüdische Sache in jene Form zu bringen, die für das Deutsche Reich, für das neue Deutschland und zugleich fiir Juden und Judentum am erträglichsten und den größten Nutzen bringt Dabei müssen die Juden positiv mitarbeiten. Sie werden damit dem neuen Staat den besten Dienst leisten und zugleich werden sie Sorge zu tragen haben, daß trotz der Verschlechterung ihrer materiellen Lebensbedingungen die jüdische Existenz einen inneren Halt be• kommt. Juden und deutsches Kunstleben Alle größeren Tageszeitungen veröffentlichen ausführlich ein Gespräch, das ein Vertreter von W. T. B. mit dem Kommissar zur besonderen Verwendung iin Preußischen KultusminDtcrium und preußischen i.andeslührer des Kampfbundes für Deutsche Kultur, Reiehstngsabgeunlneien Hans Hinkel, über die k 11 n s t p o 1 i t i s c 11 e 11 Richtlinien der neuen Regierung gehabt hat. Im ersten Teil n״Berte sich der Kommissar zu den im Ausland viel beachteten Pallen Bruno Walter ״eigentlich Schle-iiiger“, MaxReinhard t, ״ei :entlieh Goldmami“, und Otto Klemperer, Daß jüdischen Künstlern, die ihre jüdisch klingenden Namen abgelegt haben, diese Namen jetzt vorgehalten werden, wird vielleicht für diese Herren selbst, und für viele Juden überhaupt, ein lehrreiches Erlebnis sein. Nichts vermag Menschen so sehr bloßzustellen, wie wenn man sie demaskiert, und damit zeigen will, daß sie offenbar etwas zu verbergen hatten, weil sie sich eine Maske vorhSelten. Der Irrtum dieser Künstler jüdischer Abstammung lag darin, daß sie der Ein- Wirkung einer judenfeindlichen Welt erlagen und ihr Judesein bagatellisierten. Wird doch von einem von ihnen die Anekdote kolportiert, er habe auf die Aufforderung, sich zwecks Erlangung einer hohen künstlerischen Position taufen zu lassen, .telegraphisch geantwortet; ״Einverstanden,- drahtet welche Konfession״. So leicht" wog diesen Menschen das Judentum. Aber in dieser tragischen Stunde soll nicht mehr hierzu gesagt werden. Der Staatskommissär Hinkel hat in der Unterredung auf die Frage nach der künftigen Stellung der Juden im Kunstbetrieb folgendes gesagt: ״Zu dieser Frage habe ich folgende grundsätzliche Ausfiihrungcn zu machen: Wagner, Beethoven, Brahms und Bach sind urdeutsche Meister. Wir wissen, was in den letzten vierzehn Jahren wir Deutschen an Persiflagen dieser Meister erlebt haben. Wir wissen, in welchem Ausmaße jüdische Karikaturisten und Marxisten dabei beteilig! waren, deutsche Meister der Musik ebenso wie Schüler, Goethe und Kaut zu verhöhnen oder als längst überwunden zu erk ären. Wir wissen, daß die jüdische intellektuelle Vorherrschaft in Deutschland schließlich dahin geführt hat, daß insbesondere auf kulturpolitischem Gebiet wir Deutschen kein Hausrecht mehr nesaßen. Daß solche Zustände einfach untragbar für jeden chrlicbenden Deutschen sind, werden Sie wohl verstehen. Selbstverständlich soll der freischaffende jüdische deutsche Künstler die Möglichkeit seiner Betätigung haben, wem! er sich den Pflichten des deutschen .Staatsbürgers, das heißt natürlich des Bürgers unseres neuen Staates, restlos unterzieht, ln den staatlichen, den beamteten Stellungen werde!! wir Deutschen uns gerade auf künstlerischem Gebiete unser Hausrecht Vorbehalten und es, wenn es notwendig, mit allen Mitteln verteidigen. Im übrigen verweise ich darauf, daß י auch jüdische Künstler als Freischaffende, bemessen an ihrer persönlichen Leistung, sich durcl1z11setz.cn auch künftighin immer Gelegenheit haben werden. Wir lehnen — noch dazu auf diesem Gebiet — auf das schärfste alles ah, was irgendwie mit Radau-Antisemitismus etwas zu tun hat oder als solcher bezeichnet werden könnte. Wir wissen zur Geniige, daß es sich hier um die ernsteste Frage unseres völkisehen Lebens überhaupt handelt, Denken Sie bitte daran, was Alfred Kerr, Emil Ludwig-Colin. Lion Feuchtwanger, Ignaz Wrobcl und ähnliche Literaten in Deutschland und jetzt außerhalb der Grenzen uns angetan haben.“ Alle Zeitungen bringen Hinkels Ausführungen ohne Kommentar. Wir halten uns aber zu der Feststellung verpflichtet, daß die überwältigende Mehrheit der Juden zu Schiller, Goethe und Kant, zu Wagner, Beethoven, Brahms und Bach mit Ehrfurcht und Bewunderung aufblickt, und daß in dem Dienst an diesen Großen des Geistes Juden in ihrer Art und mit ihren Kräften ihr Bestes zu!eisten bestrebt waren und auch geleistet haben. Jede ״Verhöhnung״ dieser Geister wird vom Judentum nicht nur mißbilligt, sondern gar nicht verstanden. Man denke (um einen Linzclfall aus unzähligen herauszugreifen) nur an Hermann Cohen; sein Werk im Dienste Kants sollte so manches aufwiegen, was von jüdischen oder nichtjüdischen Karikaturisten etwa gesagt worden sein kann. Gegen Beschimpfungen jüdischer Schulkinder Der Staatskommissar für die Unterrichtsverwaltungen in Baden hat die Lehrer darauf hingewiesen, daß Beschinipfungen jüdischer Schulkinder durch ihre Mitschüler n i c h t geduldet werden können. Ein derartiges Vorgehen entspräche nicht dem Geist der christlichen und nationalen Erziehung, wie sie das neue Deutschland wünsche. Auch in der Schule müsse die nationale Bewegung unbedingt Dis/iplin halten.