Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1933)
- Date
- 1933-03-31
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 26, 31. IIL 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 127 Die Boykoüakiion in Deutschland Die Tageszeitungen bringen eine Reihe von Nachrichten über die Vorbereitungen zu dem für Sonnabend angesagten Boykott sowie über bereits begonnene Aktionen in einzelnen Städten. Darin heißt es: ״Der mit der Schaffung und Leitung des Zentralkomitees zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze beauffragte Reichstagsabgeordnete Julius Streicher hat am Mittwoch die Arbeit aufgenommen. Zum stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralkomitees berief er den Schriftleiter des antisemitischen Wochenblattes ״Der Stürmer“, Karl Holz, in Nürnberg. Dem Zentralkomitee gehören ferner an: Robert Lev, Stabsleiter des Führers in der obersten Leitung der Parteiorganisation, Adolf Hiinlein, Stellvertreter des Chefs des Stabes der SA., Heinrich Himmler, Reiclisführer der SS., Rcinhold Muchow, Stellvertreter des Leiters der nationalsozialistischen Betriebszellenleitung, Hans Oberlindober, Leiter der nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung, Jakob Sprenger, Leiter des Nationalsozialistischen Beamtenbundes, Walter Darre, Leiter der agrarpolitischen Abteilung der NSDAP. Dr. von Rentein, Reichsführer des Kampfbundes des gewerbliehen Mittelstandes, Dr. Hans Frank'11, Leiter des nationalsozialistischen Juristenbundes, Dr. Gerhard Wagner, Leiter des nationalsozialistischen Aerztebundes, Willi Korber, Vertreter des Reichsjugendführers, und Dr. Achim Gercke, Leiter der Abteilung nationalsozialistische Auskunft der Reichsleitung.“ Weiter berichtet die deutsche Presse: fm Reiche haben an einzelnen Stellen inzwischen spontane Abwehraktionen der Bevölkerung und der SA.- und SS.-Abtei- Jungen stattgefunden. So wurden u. a. bis jetzt in folgenden Städten die jüdischeu Geschäfte auf den Druck der Abwchrbewegung hin geschlossen: in B e u t h e n, in Schwerin an der Warthe, in G ö 11 i n R e n, in Kiel, in M ü n s t e r und in Dortmund. Die Aktionen wurden vielfach dadurch cingeleitet, daß die Schaufensterscheiben der betreffenden Geschäfte eingeschlagen wurden, ln Göttin gen ist infolge der auf den Straßen liegenden Glasscherben der Autobus-Verkehr lahmgelegt. Polizei und SA. bewachen die gefährdeten Straßcn/üge, um Plünderungen zu verhindern. In Mimst er hatte das Einheifspreisgeschäft von Woolworth im Schaufenster ein Plakat ausgebangt, daß es kein jüdisches Unternehmen sei und auch nicht mit jüdischem Kapital arbeite. Darauf wurde der Geschäftsbetrieb in diesem Laden ungestört durchgeführt,!die Avisgärige des Landgerichts wurden von SA. besetzt und jüdische Rechtsanwälte zum Verlassen des Gebäudes veranlaßt. Auch einzelnen Hochschullehrern wurde das Betreten der wcstfälischeu Landesuniversität in Münster verwehrt. In Dortmund wurden eine ganze Reihe jüdischer Geschäffslcute, Rechtsanwälte, Aerztc und Zahnärzte in Schutzhaft genommen. Jüdische Gaststätten sind völlig stiligelegt. Im Einheitspreisgeschäft in Darmstadt wurde eine Tränengasbombe geworfen, die das Publikum zur Flucht veranlaßte. Einige Personen fielen in Ohnmacht und mußten ins Krankenhaus gebracht werden. In Frankfurt a. M. und in Görlitz wurden jüdische Richter und Rechtsanwälte in Schutzhaft genommen, in Frankfurt auch der Universitätsprofessor Dr. Sinzheimer. Die Stadt Frankfurt, bzw, der kommissarische Bürgermeister, hat verfügt, daß alle im Dienste der Stadt stehenden Juden zum nächstzulässigen Termin entlassen werden. Der Oberbürgermeister von Wuppertal hat die Wuppcrtaler Stadtverwaltung angewiesen, vorläufig keine Bestellungen bei jüdischen Firmen und Warenhäusern zu tätigen, bzw. Waren jüdischer Geschäfte -zu kaufen. Vom Berliner Magistrat sind die zentralen Dienststellen und Bezirksämter angewiesen worden, vom 1. April an ihren gesamten Einkauf ausschließlich bei solchen Firmen zu decken, die eine sichere Gewähr dafür geben, daß sie auf dem Boden der nationalen Regierung stehen. Das Berliner Beschaffungsamt wird in den nächsten Tagen ein Verzeichnis der Firmen herausgeben, deren Zulassungsverträge zurzeit noch laufen, die aber durch Nichtinanspruchnahme ausgeschaltet werden sollen. Ferner sollen Juden keine Steuer- Vergünstigungen mehr erteilt werden. Aehnliche Verfiigungen sind auch in Provinzstädten ergangen. * Die ״Berliner ili. Nachtausgabe“ vom Donnerstag Abend meldet ferner: In Schlesien erfolgten in der Abwehr des jüdischen LügcnfeUI/uges weitere Gegenaktionen, ln Breslau wurde 28 jüdischen Aerztcn, die in den städtischen Anstalten tätig waren, gekündigt. Der neue Breslauer Polizeipräsident Hei'- n es hat, ״um einer weiteren verlogenen Hetze gegen die nationale Regierung des Reiches und der Länder durch Reichsdeutsche, auch Breslauer Juden, vorzubeugen und die Volkswirtschaft schädigenden Verstoße gegen die Devisenbestimmungen zu verhindern“, heute angeordnet, daß die reichsdeutschcn Angehörigen jüdischen Glaubens oder ehemals jüdischen Glaubens, die im Besitze eines Reisepasses sind, diesen persönlich bis zürn 3. April in dem zuständigen Polizeirevier vorzulegen haben. Die Pässe werden nach Beschränkung ihrer Gültigkeit auf das Inland den Paßinhabern zurückgegeben. In Schweidnitz und Waldenburg wurden samtliehe jüdischen Geschäfte geschlossen. In Görlitz wurden bisher 40 Juden in Schutzhaft genommen. In Hindenbürg nahm das Stadtparlament einen Dringlichkeitsantrag der NSDAP, an, den Magistrat aufzufordern, an jüdische Firmen sowie an Warenhäuser keine Aufträge mehr zu vergeben und die jüdischen Angestellten aus der städtischen Verwaltung zu entlasse״. Steuerstundungen für jüdische Firmen sind bis auf weiteres cinzusteilen. In St01p führen SA.- und Stahlhclmposten gemeinsam die Abwehraktian durch. Vor jüdischen Geschäften zogen Posten auf, die die Kauflustigen durch aufklärende Worte vom Einkauf in jüdischen Geschäften abhielten. Auch in Essen hat die Boykottbcwegnug ihren Fortgang genommen. Die Aktionen wickelten sich in völliger Ruhe ab. In Oldenburg nahmen SA.- und SS.-Posten vor den jüdischen Geschäften Aufstellung und gaben dem Publikum Kenntnis von den Boykottmaßnahmen und deren Gründen. Eine Reihe jüdischer Geschäfte stellte darauf den Verkauf ein. Zwischenfälle haben sich nicht ereignet, ln Nord hausen wurden heute sämtliche jüdisehen Geschäfte sowie die Büros der jüdischen Rechtsanvvältc und Acrzte von der hiesigen SA, und SS. geschlossen. Vor einzelnen Geschäften sind SA.- und SS.-Leute aufgezogen, die an den Schaufenstern grafte weiße Plakate mit der Aufschrift ״Geschlossen!“ anbringen ließen. Zu Zusammenstößen ist es nirgends gekommen. * W. T. B. meidet: ״In den fetzten Tagen kam׳es wiederholt zu Ausschreitungen, in deren Verlauf bei zahlreichen jüdisehen Geschäften Schaufensterscheiben eingeschlagen wurden. Von besonderer Saite wird darauf hingewiesen, daß bei solchen Handlungen die wirklich Geschädigten nicht die betreffenden jüdischen Firmen sind, sondern die d e u t - sehen Versicherungsgesellschaften und daß dadurch letzten Endes deutsches Volksvermögen mutwillig vernichtet wird.“ Erklärung des Reichskanzlers Ueber einen am 29. März in Berlin abgehaltenen Ministerrat wird von der Presse ein Bericht veröffentlicht, worin es u. a. heißt: Der Reichskanzler äußerte sich zu den angekündigten Boykott-Maßnahmen und betonte, diese Bewegung habe organisiert werden müssen, weil sie sonst spontan aus dem Volke selbst bervorgegangen wäre und u n c r - wünschte Formen angenommen hätte. Durch die Organisierung dieser Abwehrmaßnahmen habe man nun die Aktion In der Hand und es werde verhindert, daß Belästigungen persönlicher Art und Gewalttätigkeiten Vorkommen. Das Judentum müsse erkennen, daß ein jüdischer Krieg gegen Deutschland das Judentum selbst mit voller Schärfe treffen würde. Auch heute lägen wieder Telegramme aus London vor, wonach plakotierte Fahrzeuge durch di« Stadt fahren und zum Boykott gegen Deutschland auffordem. Dieses Vorgehen mache durchaus den Eindruck, daß es wohl organisiert sei. Auch aus New York werde gemeldet, daß die Haßpropaganda gegen Deutschland weitergehe und daß in Massenversammlungen und im Radio gegen amerikanische Bürger deutscher Abstammung gehetzt werde. in diesem Communique wird die Darstellung des Reichs kanzlers nur zusammenfassend wiedergegeben, so daß nicht beurteilt werden kann, ob die dort zitierten Formeln von ihm wörtlich gebraucht wurden. Die deutschen Juden sind in einer objektiv schwierigen Lage, weif man sie für etwas verantwortlich macht, was vollständig außerhalb ihres Einflußkreises liegt, Die Bemühungen der deutschen uden haben dazu geführt, daß die Propagandawelle gegen Deutschland, soweit sie auf irreführender Darstellung über das Schicksal des deutschen Judentums beruhte, deutlich abgeebbt ist. Die deutschen Juden haben alle Bemiihungen der Reichsregierung, der Greuelhetze entgegenzutreteu, aut das energischst« unterstützt. Wir glauben, dal) in dieser Hinsicht auch künftig mit vollem Erfolg autklärend gewirkt werden könnte, wenn nicht die Kampagne innerhalb und außerhalb Deutschlands mit einer falschen Adresse geführt wird, so daß die eigentlichen Hetzer von der Abwehrpropaganda gar nicht betroffen werden. Die Presse zum Boykottaufruf Der ״Völkische Beobachter“, das Zentralorgan der NSDAP, beschränkt sich darauf, den Aufruf, in dem die Erklärung des Reichskanzlers in der Reichsfagssit/ung vom 23. März, die Regierung könne ״nicht dulden, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder einer bestimmten Rasse eine Entbindung von allgemeinen gesetzlichen Verpflichtungen sein könnte oder gar ein Freibrief für straflose Begehung oder Tolerierung von Verbrechen“, dahin variiert wird, daß ״die Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse oder zur mosaisch en Konfession so wenig ein Freibrief für Verbrecher sei, als es die Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession oder zu unserem eigenen י 'olke sein könne“, im vollen Wortlaut wiederzugeben, ohne weitere Bemerkungen daran zu knüpfen. Die ״Deutsche Allgemeine Zeitung“ stellt fest, daß die Greuelhetze In der ausländischen Presse sich einigermaßen beruhigt hat. ״So kann man vielleicht hoffen“, schreibt das Blatt, ״was aufs dringendste zu wünschen wäre, daß am Freitagabend die politische Situation, zu deren Abwehr die nationalsozialistische Parteileitung ihre Anordnungen erlassen hat, sich anders darstellen wird, als am Dienstagabend. Wir halten es für selbstverständlich, daß nationalsozialistische Parteileitung und Rcichsregi^rung vor dem tatsächlichen Beginn des Boykotts die Lage noch einmal vom Standpunkt des Gesamtinteresses der deutschen Nation aps überprüfen werden, und bitten sie dabei auch etwaige Rückwirkungen für 12 Millionen Deutscher in Rechnung zu stellen, die außerhalb der Reichsgrenzen in fremden Staaten Europas leben.“ Die ״V ossis che Zeitung“ schreibt: ״Wird der hier von den Nationalsozialisten angeordnete Boykott bis zum Ende durchgeführt, so würde er den wirtschaftlichen Untergang von hunderttausenden deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens ohne Unterschied von Alter und Geschlecht bedeuten. Er würde die Ausstoßung der deutschen Juden aus der Volksgemeinschaft sein. Die deutschen Juden, bewährt in Krieg und Frieden, in guten und bösen Zeiten der deutschen Geschichte, haben sich dieser Volksgemeinschaft verbunden gefühlt, waren ein Teil von ihr. Sie wollen es bleiben und wollen an Land und Heimat unerschütterlich festhalten.“ ״ß. Z. am Mittag“ erklärt: ״Es wäre aufs tiefste zu bedauern, wenn die Rückwirkungen der ausländischen Greuelhetze gegen Deutschland so weit reichen sollten, daß nicht allein die Schuldigen, sondern im Uebermaß die Unschuldigen getroffen würden, Deutsche Juden, ob sie nun Geschäftsleute, Aerzte oder Anwälte sind, deren Familie seit Jahrhunderten im Lande ansässig ist, und die im Krieg und Frieden ihre vaterländische Pflicht erfüllt haben, müßte es schwer treffen, wenn sie nun unter der Hetze der Ausländer zu leiden haben.“ Der ״Volk. Beobachter“ reagiert im Leitartikel vom 30. d. M. darauf wie iolgt: ״Wir verbitten uns deshalb die schon seit langem betriebene Sabotagepolitik der ״Deutsehen Allgem. Zeitung“, des vom Judentum am meisten zitierten Organs, das sich nicht entblödete, den Gegnern der Regierung Waffen zu liefern und auch jetzt wieder sich bemüht zur Freude der alljüdisc'nen ״B. Z. am Mittag“ — die Abwehr- Waffe des deutschen Volkes stumpf zu machen. Sie weist sogar —- ein Skandal für sich —- auf 12 Millionen Auslandsdeutsche hin, wobei unser Aufruf die Ausländer in Deutschland ausdrücklich unter Schutz stellt. Das famose Blatt zieht also eine Gleichung zwischen den jüdischen Hetzern und dem unbeteiligten Deutschen im Auslande. Auch die ״B. Z. am Mittag“ stößt d en u n zi a tor isc h ins gleiche Fforn.“ Unter der Ueberschrift ״Angriff gegen die Lügen Juden! Deutschlands Geduld ist zu Ende“ schreibt der ״Angriff“: ״Mit einer beispiellosen Verlogenheit und mit den verwerflichsten Mitteln hat das Weltjudcntum in den letzten Wochen fast im gesamten Ausland eine Greuelpropaganda gegen Deutschland aufgezogen. . . ״ Aber die Langmut des deutsehen Volkes ist jetzt erschöpft. Es wird jetzt aus der Abwehr zum Angriff übergehen und der alljüdischen Lügenhydra die gifigeschwollenen Köpfe herunterschlagen. Mit bewundernswerter Nachsicht und vorbildlicher Disziplin hat das deutsche Volk im Verlauf der nationalen Revolution die Juden geschont. . . . Zum Dank dafür organisierte das Welt- Judentum die verbrecherischste Greuel- und Liigenpropaganda, die die Welt jemals sah. . . . Versucht man, im Ausland deutsche Waren zu boykottieren, so wird das deutsche Volk es durchzusetzen verstehen, daß in Deutschland kein Jude mehr Beschäftigung findet, daß keinem Juden mehr etwas abgekauft wird, daß die jüdischen Warenhäuser gemieden, daß die jüdischen Zeitungen nicht mehr gelesen;Werden,‘« Appell der Reidisvertretung 1 der deutschen Juden Die Reichsvertretung der deutschen Juden und der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin haben an den Herrn Reichspräsidenten, den Herrn Reichskanzler, die Herren Reichsminister und an den Herrn Polizeipräsidenten von Berlin folgendes Schreiben gerichtet: ״Die deutschen Juden sind tief erschüttert von denf Boykottaufruf der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpariei. Wegen der Verfehlung einiger Weniger, für die wir nie und nimmer Verantwortung tragen, soll uns deutschen Juden, die sich mit allen Fasern ihres Herzens der deutschen Heimat verbunden fühlen, wirtschaftlicher Untergang bereitet werden. In allen vaterländischen Kriegen haben deutsche Juden in dieser Verbundenheit Blutopfer gebracht. Im Großen Kriege haben von 500 000 deutschen Juden 12 000 ihr Leben hingegehen. Auf dem Gebiete friedlicher Arbeit haben wir mit allen unseren Kräften unsere Pflicht getan. Den Greuel- und Boykott-Feldzug im Auslände haben die jüdischen Organisationen Deutschlands mit äußerster Anstrengung und erfolgreich bekämpft. Sie haben hierfür alles getan, was in ihrer Kraft steht und werden es weiter tun. Trotzdem sollen jetzt die deutschen Juden, als die angeblieh Schuldigen, zugrunde gerichtet werden. Wir rufen dem deutschen Volk, dem Gerechtigkeit stets höchste Tugend war, zu: Der Vorwurf, unser Volk geschädigt zu haben, berührt aufs tiefste unsere Ehre. Um der Wahrheit willen und um unserer Ehre willen erheben wir feierlichst Verwahrung gegen diese Anklagen. Wir vertrauen auf den Herrn Reichs- Präsidenten und auf die Reichsregierung, daß sie uns Recht und Lebensmöglichkeit in unserem deutschen Vaterlande nicht nehmen lassen werden. Wir wiederholen in dieser Stunde das Bekenntnis unserer Zugehörigkeit zum deutsehen Volk, an dessen Erneuerung und Aufstieg mitzuarbeiten unsere heiligste Pflicht, unser Recht und unser sehnlichster Wunsch ist. Berlin, den 29. März 1933. Die Reichsvertretung der deutschen Juden. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.“ * Der Aufruf der ״Reichsvertretung der deutschen Juden" weist mit Recht die gegen das Judentum in der Oeffentlichkeit erhobenen Beschuldigungen zurück, und alle deutschen Juden werden cs begrüßen, wenn von dieser leider allzu lange inaktiv gebliebenen Stelle der Versuch gemacht wird, die Folgen des nationalsozialistischen Boykotts zu mildern. Leider ist das Schreiben an die Reichsregierung in einem Stil abgefaßt, der beweist, daß diese führende Stelle der deutschen Juden an einer starken Ueberalterung leidet. Die Herren sprechen in der Sprache von 1880 und vergessen, daß sich die Welt inzwischen geändert hat, Wir nehmen an, daß wir die Stimmung der jüngeren Generation alier jüdischer Gruppen aussprechen, wenn wir sagen, daß diese Führung einer Auffrischung und Verjüngung dringend bedarf. Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe Wir erhalten folgenden Bericht: Der Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden veranstaltete am 26. März unter Hinzuziehung der in Betracht kommenden, jüdischen. O.rganisationen eine eingehende Beratung über die gegenwärtig die deutsche Judenheit bewegenden wirtschaftlichen und sozialen Sorgen. Insbesondere wurde die Lage der freien Berufe (Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller) und der verschiedenen Beamtengruppen behandelt. Einhellig wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß die drohende Wirtschaftskrise der deutschen judenheit nur durch eine die Bedürfnisse der verschiedenen Beruie berückslchtlgen de wirtschaftliche Selbsthilfe gemildert werden kann. Der Wirtschaftsausschuß hält es für wichtig und notwendig, daß alle Juden, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz durch ungesetzliche Handlungen geschädigt fühlen, ihre Ansprüche auf dem durch die deutschen Gesetze gegebenen Rechtsweg wahren. Der Wirtschaftsausschuß steht hierbei für Rechtsberatung und Wirtschaftshilfe zur Verfügung. Der Wirtschaftsausschuß wird bestrebt sein, bei unmittelbaren Notsländen nach Möglichkeit Hilfe zu gewähren; er wird in Zusammenarbeit mit den in Betracht kommenden Stellen bcmiihf sein, Wege zu finden, die wirtschaftliche Existenz der deutschen Juden zu erhalten. Es wurde einstimmig beschlossen, den Wirtschaftsausschuß als Zentralstelle für jüdisch« Wirtschaftshilfe — für wirtschaftliche und soziale Beratunp — zu konstituieren. Der Vorsitzende wurde ermächtigt, sofort Vorkehrungen zu treffen, um eine einheitliche Durchführung der sich ergebenden Aufgaben innerhalb aller jüdischen Gemeinden Preußens sicherzustellen. Die Zusammenarbeit mit den außerpreußischen Landesverbänden soll angestrebt werden. Die Schaffung eines Hilfsfonds, der von Gemeinden, Organisationen und Einzelpersonen aufgebracht werden soll, ist in die Wege geleitet. Die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe hat ihren Sitz in Berlin, Charlottenburg 2, Kantstraße 158. S$ Die Zentralstelle hat sofort ihre Tätigkeit aufgen 0 m m e n. Um den dringendsten Notständen zu begegnen, ist bereits eine Abteilung für Wirtschaftshilfe und eine weitere für Rechtshilfe eingerichtet worden, ferner eine Beratungsstelle für akademische Berufe (Abteilung Aerzte). Alle in Betraciit kommenden Aerzte und .Med.izinalprakt.ikanten werden gebeten, sich vorerst schriftlich an die Beratungsstelle zu wenden. Die Beratungsstelle für akadänische Berufe hat ihren Sitz in Berlin, Charlottenburg 2, Kantstraße 158. Die am 28. März in Berlin abgehaltene Sitzung der Reidisvertretung der deutschen Juden, die aus allen jüdischen Landesverbänden besteht, hat beschlossen, das Wirkungsgebiet der beim Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden geschaffenen Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe auf־ ganz Deutschland zu erstrecken. Die ״Vossische Zeitung“ teilt mit: Die bekannten Aus* lassungen von Lion Fcuchtwa n g e r in einer englischen Zeitung über die augenblickliche Lage in Deutschland haben dem Propyläen-Verlag Veranlassung gegeben, den Vertrieb von Feuchtwangers Roman ״Der jüdische Krieg“ einzust ellen, obwohl dieses zur Zeit Neros spielende Werk in keiner Weise Beziehungen zur Gegenwart hat '