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Jüdische Rundschau · 1933-03-24 · Heft 24 (24.3.1933) · p. Seite 117

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 24 (24.3.1933)
Date
1933-03-24
Page
Seite 117 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24, 24. III. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU ’ Seite 117 Presseschau Ausland und deuische Judenfrage Unter der Ueberschrift: ,,Immer die Juden. Tägliche neue Hetze gegen Deutschland.“ bringt der ״Völkische Be• obachter“ vom 22. März die folgende Meldung aus New York, 21. März: ״Die ,New York Times‘ veröffentlicht an hervorragender Stelle einen überaus scharfen gegen Reichskanzler Hitler gerichteten Leitartikel, in dein es u. a. heißt, daß die Nationalsozialisten absichtlich die niedrigsten Instinkte wachriefen. Der Verfasser weist dabei :׳tun Vergleich aut die Pogrome unter der alten Zarenpolitik lün. Es sei Hoffnung vorhanden, daß eine große Nation wie Deutschland nicht lange die eigene Vergangenheit und die Zivilisation verrate und daß sie sieh von einem vorübergehenden Wahnsinn bald loslösen werde. Der New Yorker Kirchenbund, dem Kirchen aller Bekenntnisse artgehören, hat im Namen der amerikanischen Christen eine Protestentschließung gegen die angeblichen Judenverfolgungen unter der Regierung Hitler beschlossen. Gleichzeitig gibt das amerikanische jüdische Komitee, dem führende amerikanische Juden angehöreu, bekannt, daß die Bundesregierung in aller Form ersucht worden sei, bei der deutschen Regierung ,Vorstellungen wegen der Judenverfolgungen‘ zu erheben. Sowohl die Nachricht über den Beschluß des Netv Yorker Kirchenbttndes als auch über (ffe Forderung des amerikanischen Judenkoniitees sind auf den Hauptseiten der ,New York Times‘ und der ,Herald Tribüne‘ veröffentlicht worden.“ ln seiner Ausgabe vom 23. März bringt der ״Vö 1 - k Ische Beobachter“ nachstehende Nachrichten aus A in c ri k a: ״Der amerikanische Judenführer Rabbi Stefen Wisc besntragte beim Tinwanderungsatisschuß des Repräsentantenhauses ein Einschreiten des amerikanischen Staatsdepartements gegen die ״Unterdrückung der Juden“ in Deutschland. Wise, der von Rooseveit wenig geschätzt wird, ist in Amerika als Linksradikaler bekannt. Wie nunirtehr bekannt wird, hat das Staatsdepartement beknnntgegeben, daß die amerikanische Regierung keineswegs gewillt sei, amtliche Schritte in Sachen der internen tleutsehen Judeufrage 7t! unternehmen. Amerika werde nur einschreiten, falls amerikanische Bürger irgendwie betroffen werden. Im übrigen stellt das Staatsdepartement fest, daß laut Bericht des amerikanischen Botschafters ijt Berlin Angriffe auf amerikanische Bürger in Deutschland nicht stattgefunden hätten. Der Senat des Staates New York hat am Dienstag eine Entschließung angenommen, die den amerikanischen Kongreß bittet, bei der deutschen Regierung gegen die (angebliche) Verfolgung amerikanischer Juden in Deutschland zu protestieren. Eine ähnliche Entschließung liegt dem Aliceordnetenhaus des Staates New York vor. Die Hct/e wegen der angeblichen ״Judenverfolgungen“ in Deutschland zieht in Amerika immer weitere Kreise. Nunmehr hat der demokratische Abgeordnete Ce 11 er, New York, im Repräsentantenhaus eine Entschließung eingebracht, nach der das Staatsdepartement aufgefordert werden soll, gegen die ״Judenverfolgungen“ in Deutschland zu protestieren.“ * Elne Erklirung der Refchsreglerung י Jm Anschluß an diese Aleldungen berichtet der ״V. B,“ weiter aus Washington unter dem 22. März: ,.Der deutsche Botschafter versicherte auf Veranlassung der Reichsregierung dem Staatsdepartement, daß die R c g i e r u n g H i t 1 e r in Deutschland Recht und Ordnung aufrechterhalten werde. Es,ist zu hoffen, daß nacii dieser eindeutigen Erklärung endlich die von gewisser Seite in Amerika betriebene Hetze gegen die neue Reichsregierung, vor allem wegen der angeblichen ,.Judenverfolgungen“ aufhören wird.“ * Der ..B e r 1 i!1 c r Lokalanzeiger“ meldet aus New York vom 22. März: ״Das Staatsdepartement hat die Ber* 1 i 11 e r Botschaft beauftragt, einen ausführlichen Berieht über die Lage der Juden in Deutschland einzureichen.“ (Eine ähnliche Nachricht wird auch von Reuter verbreitet.) Im weiteren Verlauf des Berichtes behauptet der Korrcspondent des ״Lokalanzeigers“, August W. Hälfe! d, die zionistischen Organisationen in den Vereinigten Staaten hätten sich der ״Hetze gegen Deutschland angenommen“. Einen Beweis für diese Behauptung, zu der wir im Leitartikel Stellung nehmen, erbringt׳ er nicht, erwähnt lediglich, daß ״die Regierung in Washington nach dem Besuch eines Ycrtreters der zionistischen Organisationen Zurückhaltung übt.“ Nach unserer Meinung dürfte hier übrigens ein sachlicher Irrtum voriiegeti, da die zionistische Organisation Amerikas sich mit politischen Aktionen, die nicht Palästina betreffen, nicht zu befassen pflegt. Vielleicht handelt es sich uni den ״Amerikanisch-jüdischen Kongreß“, eine freigewählte demokratische Körperschaft amerikanischer Juden, deren Ehren- Präsident auch der mehrfach in den Berichten erwähnte Stefan Wise ist? * Die ״Frankfurter Zeitung“ meldet aus New York: ״Ein Protest gegen die behaupteten Verfolgungen wurde u.a. von folgenden bekannten Persönlichkeiten unterzeichnet: Newton D. Baker (Kriegsminister in Präs. Wilsons Kabinett), Ebner E. Brown (Kanzler d. New York Univcrsity), Samuel Parkes Cadman (Präsident der Federal Contieil of Clturches of Christ in America), Bainbridge Colby (ehemaliger Staatssekretär), Royal S. Copeland (Senator), John Davis (Präsident der Bar Association of the City of New York), James W. Gerard (früherer Botschafter in Berlin), William Green (Präsident der American Federation of Labour), Alfred E. Smith (früherer Gouverneur von New York, demokratLchcr Präsidentschaftskandidat 1928), Robert F. W a g n c r (Senator), G. W. W. i c k e r s 11 a m (früherer Generalstaatsanwalt).“ * Die ״Times“ veröffentlicht in ihrer Briefserie über die Lage der Juden in Deutschland am 20. März neben einem Brief von Sir P. Hartog, der die berühmten deutschjüdischen Physiker aufzählt, eine bemerkenswerte Zuschrift eines Mannes _ namens E. W. D. T c n n a 111, die darum intcressant ist, weil daraus zu ersehen ist, welche Auffassungen in manchen nationalsozialistischen Kreisen i!1 Deutschland herrschen. Der Briefschreiber berichtet, er habe während eines vierzehntägigen Aufenthaltes in Deutschland Gelegenheit zu engem Kontakt mit mehreren prominenten Nationalsozialisten gehabt und auf Grund seiner Erfahrungen warnt er die englische!Üeffeat« lichkeit vor übereilten Urteilen. Die ״Nazi-Bewegung“ (wie der Nationalsozialismus in England allgemein genannt wird) sei die Bewegung der Frontgeneration, die sich zwar in ihren politischen Anschauungen von der alten Generation unterscheidet, aber keinen Krieg wünscht. Man müsse damit rechnen, daß die Nazi-Herrschaft in Deutschland fest gegründet ist. Hitler sei einer der größten Redner aller Zeiten und ein Schüler von Houston Chamberlain. Die Engländer sollten, selbst wenn sie seine Anschauungen ablehnen, versuchen, sie zu verstehen. Die Errichtung der Monarchie sei gegenwärtig keine aktuelle Frage, sondern die 25 Punkte, die Hitler 1919 als sein Programm erklärte, bleiben bis heute im wesentlichen 1! n - verändert und sie, nicht die Weimarer Verfassung, werden Deutschlands Innen- und Außenpolitik für die nächsten zehn Jahre entscheiden. Hitlers Hauptziel sei es, den nationalen Geist zu erneuern, und diesem Ziel wird alles andere untergeordnet. Tennant erklärt auch, es sei ihm /!!gesichert worden, daß die Freundschaft mit England ein fundamenGles Prinzip der Nationalsozialisten sei. Man wolle einen Wirtschaftsblock, bestehend aus Deutschland, Italien, Oesterreich, Ungarn und Rumänien, bilden, der dann in der Handelspolitik England bevorzugen soll. Für die Leser der ,,Jüdischen Rundschau“ ist besonders der letzte Absatz des Briefes interessant, der folgendermaßen lautet: Was die Juden betrifft, wird man gut tun, daran zu denken, daß es 1914 keine Jndenfrage gab und damals nur 400 000 Juden in Deutschland lebten. Gegen diese ״akklimatisierten“ Juden bestellt auch noch heute keine Feindschaff. Die antijüdische Bewegung ist mehr gegen die nahezu 1250 000 Juden gerichtet, die in Deutschland während und nach dem Kriege von P o I e n und Galizien e i n g c w a 1t d e r t sin d. Meine Ueberzeugung ist, — so fährt der Briefschreiber fort — daß, wenn erst der jetzige Ueberschwang sich beruhigt hat, das Leben derjenigen Juden, die vor dem Kriege in Deutschfand ׳angcsiedclt waren, so wie bisher weitergehen wird, aber die, weiche seit 1914 dazttgekommen sind, werden ein schweres Lehen haben. In diesem Punkt dürfte Hitler nicht na ch geben. Aber auch hier können wir am besten helfen, wenn wir die gegenwärtigen Ereignisse nicht verdammen oder unterschätzen, sondern indem wir sie zu verstehen suchen. Am 21. März veröffentlicht die ״Times“ eine Zuschrift von Neviile L a s k i, dem Vorsitzenden des Jcwish Board of Deputies in London, der die Angaben von Tennant richtigstellt. Laski erklärt, daß die 1250 000 Juden, die in Deutschland seit dem Kriege aus Polen und Galizien emgewandert sind, nur i ח d e r Phantasie v o!1 Mr. Tennant und seiner nationalsozialistischen Inform atoren existieren. In Wahrheit gibt es in Deutschland im ganzen 600 000 Juden, von denen unter 100000 im Auslande geboren sein dürften. Vor allem aber stellt Laski lest, daß die antisemitische Kampagne keineswegs nur gegen ausländische Juden gerichtet ist, sondern gegen das Judentum als solches. Bei der’ Verdrängung von Juden aus den verschiedenen akadempchen Positionen und Berufen, sowie aus dem Theater, dem Beamtentum usw. schont man keineswegs die im Inland geborenen Juden. Dasselbe gilt bezüglich des ökonomischer! Boykotts. Schließlich weist Laski auch darauf hin, daß unter den 25 Punkten, die Mr. Tennant als das nationalsozialistische Programm zitiert, auch diejenigen Punkte sind, die den Juden das Siaatsbürgerrecht absprechen. Es bleibt unerfindlich, so schließt Laski, wie auf Grund dieser Sachlage Mr. Tennant sagen kann, es gäbe keine Feindschaft gegen die Juden. Mit diesenWaffen Von Hans Kaiser-Bliith (Frankfurt). Schwer lastet das Schicksal auf dem deutschen Judentum. Viele Juden, die in einer ״zu rationalistischen, mcchanisiiseben Denkweise“ einer vergangenen liberalen Aera bis zuletzt gelebt haben, kommen jetzt zur Erkenntnis der Judenfrage, zum Zionismus, zum Judentum schlechthin. Ihre Erkenntnis ist noch lückenhaft, sie sehen mir die nackten politischen Tatsachen und die Vernichtung ihrer Existenz. Was diesen Menschen fehlt, — es soll kein Vorwurf, nur ein Wegweiser sein —, ist etwas Wichtiges, die Wurzel: die Liebe zum Judentum. Denn nicht von außen her, durch Drang lind Zwang der Verhältnisse, nicht von der Vernunft her, von der Aufklärung und Erkenntnis: ״im Gallith gibt es keine Lösung der Judenfrage“ schaffen wir ein neues Judentum, die Erneuerung kann nur von innen kommen, von unserem Herzen, unserer Liebe und unserem Glauben. Und unsere Liebe zum Judentum muß so groß und herrlich werden, daß sie weiter um sieh greift, zündet, uns und unser Leben strahlend hell erleuchtet. Dann werden die Juden wieder liehet! können die Erde und das Wasser, die Sonne und die Sterne, die Tiere und die Pflanzen und — den EWIGEN. Mit dieser Liebe erst wird sich die unbändige Kraft cinstellen, mit der allein wir uns und Erez Israel gestalten können. ״Uns“ gestalten heißt: Hart sein gegen uns selbst, strenge Forderungen stellen an tms, vollkommen Herr werden unseres Geistes und Körpers, Berufs Umschichtung um jeden Preis. Das ist׳ es, was vir begreifen müssen. Und in diesem Augenblick sind wir nicht mehr von den anderen abhängig, wir ruhen in ups selbst. Das, was uns ari Deutschland und deutschem Wesen teuer ist, können wir deshalb doch leise für uns verehren, denn die anderen glauben es uns doch nicht, und Ehrfurcht haben und behalten vor deutschen Denkern und Dichtern und ihrem Idealismus. Aber einen stolzen Kampf wollen wir führen der Gemeinheit und Ehrlosigkeit des Antisemitismus. Dann kann man uns wohl äußere Gesetze geben, die inneren Gesetze geben wir uns selbst. Man kann uns auch die Existenz, rauben, nie und nimmer unser Judentum. Denn die Zukunft nehmen wir selbst in die Hand. Wir freuen uns, daß die Aufgabe groß und schwer und weit ist, daß wir die Kraft haben, an sie heranzutreten. Und das wollen wir uns merken: Es kommt nicht darauf an, mit welchen Ideen, Idealen wir an unsere Ernetierung und an den Aufbau Erez Israels herantreten, wie wir diese Erneuerung und diesen Aufbau gestalten, darauf kommt cs einzig und allein an. Der Allgemeine Rabbinerverband übermittelt uns folgende an die Adresse der deutschen Juden gerichtete Erklärung mit der Bitte um Veröffentlichung: ״Es widerstrebt uns, gegenüber Angriffen, die Versicherung dessen abzugeben, was unser Judentum ist. Der wahre Geist unserer Religion spricht zu jedem, der hören will. Unsere Geschichte zeugt von dem, was wahrhaft in ums lebt. Wir wissen um das, was unser deutsches Vaterland uns ist. Seit altem lehrt uns unsere Religion in Treue dem Staate zu dienen. Unseren Glaubensbrüdem rufen wir zu: Haltet die Treue und die Zuversicht fest! Bewahrt den Stolz und die aufrechte Kraft! Bleibt der Väter wert! ־— Der Allgemeine Rabbiner-Verband in Deutschland.“ Vom Sinn der Geschichte Von S. M e i s e 1 s. In dem bekannten katholischen Verlag Herder & Co. in Freiburg im Breisgau hat jetzt eine Weltgeschichte unter dem Titel ״Geschichte der führenden Völker“ zu erscheinen begönnen. (Bands dieser Weltgeschichte wird ״Das Judentum als religiöse Großmacht“ behandeln.) Bei der heutigen Fülle des Stoffgebiets wird Weltgeschichte in umfassender Art und wissenschaftlicher Gestaltung am besten durch Einzeldar- Stellungen der führenden Völker gegeben. Nur durch solche Darstellungen ist heutzutage eine tiefere Erfassung der Geschichte der Menschheit möglich. Uift aber gleichsam den Versuch zu rechtfertigen, aus den einzelnen Völker-Biographien die Lebensgeschichte der Menschheit aufzubauen, ist an die Spitze des großen Geschichtswerkes eine Monographie ״Sinn der Geschieht e“ von Dr. Joseph Bernhart gestellt. Es ist gewiß sehr sinnvoll, ein allumfassendes Geschichtstverk wie Herders Weltgeschichte mit einer Abhandlung über den Sinn der Geschichte zu beginnen. Die Frage nach den! Sinn der Geschichte ist eigentlich so alt wie die Geschichte selbst. Seit unvordenklichen Zeiten bis auf den heutigen Tag hat die Sinnfrage den Menschen beschäftigt. Der Mensch hat immer nach Sinn und Wert jenes menschlichen Geschehens, das sich in unzähligen Ablaufformen als Geschichte darstellt, zu ergründen gesucht. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß noch keiner, der um Geschichte forschend sich bemühte, um die Sinnfrage herumgekommen ist. Von welcher Seite immer mail sich der Geschichte nähert, sie wird immer als ein Weg zu einem Ziele vvahrgi'iiommen. Aber die Wissenschaft vermag nur die Wegstrecke, nicht aber auch die Zielrichtung anzugeben. Denn die Zielrichtung der Geschichte ist kein dunkles Rätsel, das die Wissenschaft auflösen könnte, sondern ein tiefes Geheimnis. Und eben weil es ein Geheimnis ist, kann hier allein nur die Religion ein Wissen um das in der Zeit Gesc'nehencn und Geschehenden vermitteln; nur sie allein kann den Sinn der Geschichte aufscheinen lassen. Auf Grund solcher Erkenntnis versucht nun Joseph Bernhart seine Geschichtsdeutung. Da die Geschichte selber, nach ihrem Sinn betragt, keine Auskunft erteilt, da überdies auf die Sinnfrage jede innerweltliche Antwort versagt, so tritt Bernhart für eine Theologie der Geschichte ein. Man müsse, meint Bernhart, über alle geschkhtsphilosophischen Erwägungen hinweg zu einer Metaphysik der Geschichte gelangen, tun den Sinn der Geschichte zu erfassen. Wir können an dieser Stelle den feinsinnigen, tief gedachten, doch vorwiegend den rein christlichen Standpunkt vertretenden Ausfiihrungen des Verfassers nicht folgen. Uns interessiert hier vor allem, wie sich Bernhart zum ältesten Geschichtswerk der Menschheit, zur Bibel, stellt. Obwohl der Verfasser als überzeugter Katholik die eigentliche Sinnenthüllung im Neuen Testamente sucht und findet, verschließt er sieh dennoch nicht der Erkenntnis, daß der geoffenbarte Sinn der Geschichte schon im Alten Testamente gegeben ist. Klar und eindeutig drückt er dies in dem Satze aus: ״Das Alte Testament wirkte durch das Neue hindurch, aber dieses Neue wirkte nicht ohne das Alte.“ Die Bibel ist ihm ״die älteste Urkunde universaler Anschauung der Geschichte“. Das Buch der Bücher ist nicht ״der Einfall und Versuch eines Autors oder einer Gesellschaft von Autoren, die Geschichte einmal universal und in der festen Einheit eines iibergeschiclitlichen Sttand- Ortes zu betrachten, sondern es erzählte und bezeugte, wasi in der Geschichte Israels bis zu seiner Zersplitterung als Geschichte Gottes mit den Menschen und der Menschen mit ihm erfahren oder in diesem Sinne gedeutet worden ist“. Nicht Historie schlechthin oder Chronik ist die Bibel, sondern die ״von religiöser Pragmatik bestimmte Darstellung einer Volksgcschichte“. Keine andere Urkunde der Welt — so schreibt Bernhart — hat eine so bestimmte Anschauung des historischen Geschehens begründet wie die Bibel. Sie ist Bericht und Zeugnis von dem göttlichen Walten in der menschlichen Geschichte. In der Bibel ״offenbart sich Gott redend den Füllren! Israels, er macht Geschichte im Streit der Heere, im Jagen der Reiter und Rosse, er heißt die Propheten die Vergangenheit aufblättern, damit sein Wirken am erwählten Volke nicht vergessen werde, und sie begreifen unter seinem Anhauch, (laß die ganze Weltgeschichte, Assur und Babylon, Perser, Griechen lind Römer, in! Schaffen mul Zerstören, im Heil und Unheil nur den Willen und den Plan des unnahbar Baben Vollstreckern Der Mensch im Anblick des dunkeln Waltens mochte verzagen; aber in der ßeugsamkeit des Frommen versteht er, wie der heilige Gott siel! heiligt iit der Gerechtigkeit, er findet wie Hiob auf dem Dinger einen Sinn im Schicksal und ergibt sich wie die Sänger der Psalmen jubilierend dem Herrn der Natur und der Geschichte“. Hier zeigt sich der Weg offen zu einer rechten und befriedigenden Sinnerfassung. Es gilt eben, den geschichtlichen Sinn der Bibel als den biblischen Sinn der Geschichte zu erweisen. Sehr seliön faßt dies Bernhart in die Worte zusammen: Wer das Vertrauen in ein Meinen Gottes mit aller Geschichte besitzt, wird den Sinn der Geschichte erfassen. In diesem einen Punkte begegnet sich Joseph Bernhart mit der jüdischen Geschichtsauffassung. Schon im Talmud wird auf die enge Verbindung zwischen Offenbarung und Geschichte verwiesen und überzeugend mit der Fest- Stellung bekräftigt, daß der Dekaiog nicht mit den Worten beginnt: ״Ich bin der Ewige, dein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat“, sondern: ״Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Lande Aegypten geführt hat“. Danach wird die Offenbarung am Sinai an das wichtigste Ereignis in der Geschichte Israels geknüpft, wodurch das Walten einer hohem Macht in der Geschichte anerkannt ist. Das Judentum hat nimmer in den historischen Ereignissen etwas Willkürliches, Planloses, Zufälliges gesehen; es hat vielmehr immer eine geheime Ordnung im scheinbar C h a o t i - sehen, ein Ziel im Dunkel des Weges, einen Plan im Durcheinander des geschichtlichen Ablaufs gläubig empfunden. Und eben dieser Glaube a!1 den Sinn der Geschichte bewirkte es, daß das Judentum trotz aller Vor- und Rückfälle, trotz, aller widrigen Ereignisse und Zeichen sittlichen Niederganges, die im Verlauf der Geschichte zum Vorschein kamen, an der Entwichlung der Menschheit und am Siege der Gerechtigkeit in der Welt nicht verzweifelte. Denn gäbe es solche Hoffnung nicht, es lohnte sich weder Geschichte zu machen noch Geschichte zu erleiden.

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