Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-03-21 · Heft 23 (21.3.1933) · p. Seite 113

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 23 (21.3.1933)
Date
1933-03-21
Page
Seite 113 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653754--23623-2686509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 23, 21. IE 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Se!te 113 Wenn nicht heute, dann wann? Aus einem Fal£sHna-Bud1 Von Armin T. Wegener. Der bekannte Schriftsteller Armin T, W egner hat vor einigen Jahren eine Palästinarcise unternommen, die er zum großen Teil auf dem Motorrad und im Faltboot zurück• legte. Er hat in zahlreichen Aufsätzen die Erlebnisse dieser Reise geschildert. Dieser Tage erscheint ein Buch in der Büchergilde Gutenberg, worin die Reiseerlebnisse zusammengefajßt werden. Wegners Palästinaschilderungen sind überaus packend und lebendig. Es ist gerade in diesen Tagen reizvoll zu beobachten, wie die palästinensische Welt und das neue jüdische Lehen auf einen Menschen rein arischen Blutes und großer Weltkenntnis wirken. Wir glauben, daß besonders mit Rücksicht ■auf die gerade fetzt wieder bcgonnene Tourislensaison unseren Lesern willkommen sein wird, Stücke aus der Palästinaschilderung Wegners kennenzulcrnen. Die nachfolgenden Abschnitte sind dem Kapitel entnommen, das die Ueberschrift trägt: ,Jm Faltboot über den Geigensee", und den Teil Galiläas behandelt, der an den Ufern des Kinerethsees gelegen ist. Bei den J&dischen Fischern An der Mündung des Jordan empfangen uns die jüdischen Fischer. ״Friede!“ ״Friede!“ erwidern sie. Die ganze Ferne über dem See ist auf einmal durch Staubwolken verhängt. Der Weststurm ist gekommen. Mannshohe Wellen rollen sich über dem Wasser auf. Wir können nicht mehr zurückkehren. Die jüdischen Fischer laden uns ein, an Land zu kommen und den Abend bei ihnen zu verbringen. Es sind acht junge Burschen, nacktfiißig, mit rauhen Leinenhosen und geöffneten Hemden, die früher an der Ostsee als Fischer tätig waren und von Litauen nach dem Kriege herüberkamen, plötzlich von einer unerklärlichen Sehnsucht nach ihrer alten Heimaterde erfaßt. Ihren eigentlichen Wohnort haben sie in Daganja, der jüdischen Siedlung, am anderen Ende des Sees; aber die meisten Tage des Jahres verbringen sie mit dem Legen ihrer Reusen hier an der Mündung des Jordans, wo sie in den finsteren Räumen einer halbzzrfallenen steinernen Karawanserei hausen. Neugierig drängen sich die Araber hinzu, als wir aussteigen. Sie befühlen die Luftkissen unseres Faltbootes und legen sie prüfend um ihre Hüften. Die weißen Gesichter der jüdischen Fischer lieben sich hell unter den dunkelhäutigen Gestalten der arabischen Hirten ab. Einer von ihnen hat sich ein arabisches Kopftuch um die Stirn geschlungcn. ״Wie heißt du?“ frage ich ihn. ״Daniel.“ Lachend wirft er den Kopf zurück, während das weiße Tuch sich auf seinen Schultern bewegt. Mit seinem hellen, etwas von Sommersprossen gebräunten Gesicht steht er da, die Fäuste in die Hüften gestemmt, stolz und schön wie ein junger hebräischer König. Der Sturm hatte zugenommen und seine grauen Schleier mischten sich bald mit den Schatten der Dämmerung. Wir traten in das zerfallene Haus. In dem finsteren feuchten Raume wimmelt es zwischen den Steinen von Skorpionen und Schlangen. Vor zwei Tagen haben die Fischer hier eine zwei Meter lange Schlange erschlagen. Auf der Erde brausen die Primuskocher, und in ihrem flackernden Licht liest Daniel in einer hebräischen Zeitung. Dann und wann streut er Salz in das Wasser zwischen die siedenden, in Stücke zerschnittenen Fische. Lautlos begegnen sich unsere Schatten an der Wand des Gewölbes. Die Fischer breiten zwei Zeitungen als Tischtuch über eine Kiste und laden uns zu ihrer Mahlzeit ein. Jede ihrer Bewegungen ist voll warmer Hilfsbereitschaft, wie sie die Einsamkeit in der verlorenen Stille erzeugt, voll von jener Liebe, die alle diese zu ihrer Scholle heimgekehrten Menschen auszeichnet. Ein Fischer spielt leise auf seiner Mundharmonika. Plötzlich steht Daniel auf und beginnt zwischen den Primuskochern und der Kiste mit den Tellern voll abgegessenen Gräten auf einem zwei Schritt breiten Stück Erde zu tanzen. Die Schatten seiner Beine und Arme an der Mauer scheinen seine Glieder zu vervielfältigen, als kämpfte er im Tanz mit einer Horde dunkler Dämonen. ״We־im 10 achschaw, ejmatai? Ejmatai . . . ejmatai?“' beginnt er zu singen. Es ist das alte heilige Lied Hilleis, ein heißes Gebet von fast heidnischer Verzückung: ״Wenn nicht heute, dann wann? Wenn nicht heute-dann wann?-“ Dunkler, süßer, hinreißender Takt, die Erde erbebt unter dir wie unter dem Schauder heldischer Gefühle! Es ist so warm, daß wir die Nacht im Freien zubringen■ Die Betten der jüdischen Fischer stehen draußen am Flußufer, durch eine Schilfmatte gegen den Wind geschützt, und mit ihren weißen Moskitonetzen behängt. Daniel fröstelt. ״Morgen werde ich Fieber haben“, sagt er, als wir spät in der Dunkelheit nach den Betten tasten. Die jüdischen Fischer leiden viel an Malaria. Oft müssen sie wochenlang in die Hospitäler nach Tiberias gebracht werden. Biaß und geschwächt kehren sie an ihre Arbeit zurück, und nicht wenige gehen an den Anstrengungen ihres Berufes in der Hitze der Jordansümpfe zugrunde. Noch lange liege ich wach und blicke durch den Schleier des Mückennetzes wie durch einen zarten Nebel über mir in die Sterne. Die Schatten der Pappelbäume am anderen Ufer heben sich dunkel gegen den Himmel. Jetzt geht der Mond über den Bergen von Moab auf, ein Hund bellt. Der Sturm hat sich mit der Dunkelheit wieder gelegt. Selbst die Wasser des Geigensees sind still geworden. Nur der im Mondlicht leuchtende Jordan singt leise. Die Nacht und der Wind spielen auf ihm, wie auf der einzigen silbernen Saite dieser gewaltigen Geige, ihr schläfriges Lied. M Schon in der Frühe sind wir mit den Fischern unterwegs. Ueberall, wq ip der Flut als _ Kennzeichen an einem Strick die leqrea ßierflgsqhen schwimmen, ziehen wir die mächtigen aus, Draljt geflochtenen Reusen aus der Flut. ״Ich . habe schon, achtunddreißig Grad Fieber“, sagt Daniel, als wir aufbreeben. ״Willst du dich nicht lieber zu Bett legen?“ Er schüttelt den Kopf. ״Nein, nein ... Ihr könnt die schweren Reusen allein nicht heben.“ Zitternd und gerötet sitzt er neben uns auf der Bank und scherzt; aber man fühlt, daß ihm nicht sehr heiter dabei zumute ist. Die Fischer greifen zur Ziehharmonika und beginnen zu singen, während wir weiterfahren. ״Wenn nicht heute, dann wann?“ Das alte Lied Hillels tönt wieder über die Flut, zu dem man jetzt überall in Palästina tanzt, singt und arbeitet, und es klingt wie eine Anrufung, wie ein Opfergesang an Üas steinige, rätselhafte und unbarmherzige Land, Klatschend schlagen die Schwänze der breiten gebogenen Fische gegen das Gitter, sobald wir die Drahtreusen in die Luft heben. Das Fieber Daniels ist auf vierzig Grad gestiegen. Ermattet hat er sich an der Spitze des Bootes auf dem Boden zusammengekauert, und die hölzernen Planken zittern von den Stößen seiner vor Frost klappernden Glieder, während wir zurückfahren, um ihn zu Bett zu bringen. ״Wenn nicht heute, dann wann?“ zittert von neuem der leise Gesang der Fischer über die Jordanebene. Die Sonne über dem Geigensee ist aufgegangen. Ihr Strahl trifft die noch immer öden Hänge der Berge, um sie mit ihrer wilden Glut zu bescheincn, und bei dem Stammeln des in heißen Klagen jauchzenden Liedes sagt man sich unwillkürlich: ja diese Berge, diese Ebenen werden sich unter der Kraft, dem Opfermut und der Liebe dieser Menschen wieder begrünen, noch einmal werden sie sich mit blühenden Feldern, mit den Kronen rauschender tValdbäume, mit Glück, Fruchtbarkeit und Wohlstand bedecken — Wenn nicht heute, dann wann? Märchen in Daganja Zwischen den engen Pfeilern der hölzernen Flußbrücke sprudelt das Wasser. Es ist zwei Tage später, am anderen Ufer des Sees. Wir sind mit dem Faltboot nach Daganja herübergefahren, wo der Jordan den See verläßt, um bald darauf zwischen Steingeröll und Felsklippen durch die große Oede der verlassenen Hügel seinen einsamen Weg zum Toten Meer anzutreten. Die Strömung drückt das leichte Boot hart gegen die Pfähle; aber kaum haben wir die andere Seite der Brücke erreicht, kommen wir w ieder in stilles Wasser und landen dicht unter den Bäumen der jüdischen Kolonie. Daganja ist die älteste Gcmeinschaftssiedlung Galiläas. Sie ist heute zwanzig Jahre alt, Palmen, Pappeln und Eukalyptusbäume überragen die schönen zweistöckigen Häuser, die sauber geordneten Wege, Wohngebäude, Ställe, Maschinenschuppen reihen sich aneinander. Nach jahrelangen Mühen und Enttäuschungen mit unaufhörlichen Opfern an Arbeit, Gesundheit und Geld ist es gelungen, aus dieser verwahrlosten Ebene einen traumhaften Garten für Menschen und Tiere zu schaffen, der sich immer blühender entfaltet. Ein paar Schritte aufwärts, am Ufer des Jordan leuchten zwischen Eukalyptusbäumen zehn oder zwölf Gräber mit hebräischen Inschriften. Am Fluß ist Mirjam Singer, eine iiidin aus Prag, dabei, eine Schar von dreißig Kindern, inaben und Mädchen, in das Bad zu führen. Alle Gesichter sind braun und fröhlich. Wir sitzen im Schatten der Eukalyptusbäume und über uns bewegen sich im heißen Wind die großen schwankenden Zweige. Miriam Singer erzählt: ״Sehen Sie, was uns fehlt, sind Wasser und Schatten, Schatten für den Ruhenden nach der Arbeit . . . waren Sie schon am fünfzehnten Schwat hier? An diesem Tage, sagt man, beginnen ln Palästina die Bäume zu sprießen. Wir nennen es das Neujahr der Bäume; denn um diese Zeit werden bei uns im ganzen Lande die jungen Bäume gepflanzt! Auf den Siedlungen, in den Städten, überall versammeln sich Kinder und Erwachsene gemeinsam zu einem Fest.“ Die junge Frau hebt den Kopf. Vom Wasser schallt das fröhliche Jauchzen der Kinder, die dort mit ihren Spaten im Sande graben und kleine Hügel aufwerfen. ״Sulamith, kannst du dich noch erinnern, was du beim Fest der Bäume gewesen bist?“ ״Eine Hirtenpfeife.“ Das im Sande hockende sechsjährige blonde Mädchen antwortet, ohne vom Spiel aufzusehen. ״Hirtenpfeife nennen wir hier das Alpenveilchen,“ erklärt Mirjam Singer und lächelt selbst wie ein Kind. ״Oder noch sinnvoller die Krone Salomos, denn als Salomo die hochaufgerichtete Blüte auf dem Felde erblickte, fand er sie so schön, daß er seinen Knechten befahl, nach ihr eine Krone für ihn zu schmieden.“ ״Später aber hat Gott ihre Blüte trauernd zur Erde geneigt,“ ruft Sulamtih, die jetzt aufmerksam zuhört, ״er hat sie bestraft, weil sie durch ihre Schönheit den Neid aller anderen Blumen erweckte . . . seitdem hält sie den Kopf scliamvoll zu Boden gesenkt.“ ״Und ich war ein Feigenbaum! Ich eine Maulbeere! Eine Anemone, eine Pechnelke! . . , Und ich ein Mandelbaum!“ Die Knaben und Mädchen haben ihren Platz am Ufer verlassen. ״O, Sie hätten dabei sein sollen, als wir im Frühling nach den Hügeln bei Kinereth aufbrachen.“ Mirjam Singer blickt sinnend auf den Fluß. ״Am Abend prasselten noch Blitz und Donner nieder, aber am Morgen waren alle Berge in purpurne Nebel gehüllt. Jedes Kind trug zur Feier ein Kleid aus Zweigen und Blättern: Pfeffer, Dattel- und Zierpalmen, Eukalyptusbäume und Johannisbrot hüpften ungeduldig und lachend auf zwei Beinen umher. Ueberall aus Beth Sera, aus Tel Josef und den anderen Siedlungen warteten die Wagen an der Landstraße auf uns. Große Palmenwedei waren vor unserem Hofe zu einem Tore gebunden, sogar den Maultieren hatten wir Kränze aufgesetzt. Langsam wand sich der Zug über die Jordanbrücke, die noch regensatten Schollen der Hügel hinauf. In gleichen Abständen waren Löcher in die Erde gegraben und neben jeder Grube lagen in Papier gehüllt die jungen Pflanzen . . .“ Ueber das Gesicht Mirjam Singers läuft das zarte Erröten einer jungen Mutter, als sie weitererzählt: ״Wie Säuglinge in ihren weißen Windein lagen sie da, die zarten Eukalyptussetzlinge! Eine Trompete blies, die Kleinen zerstreuten sich über den Acker, ihre Spaten senkten sich in den Boden, und wenige Augenblicke später war alles mit zarten Pflänzchen bedeckt. Es war wie ein Wunder. Vor wenigen Minuten stand hier noch nicht ein einziger Baum, doch jetzt reihte sich Pflanze an Pflanze über den ganzen Hügel . . . Ein kleiner Wald, wird dort wachsen!“ Die Kinder sind zu ihrem Spiel zurtickgekehrt. Mirjam Singer schweigt einen Augenblick, dann fährt sie mit einer dunklen veränderten Stimme fort: ״Auf zwei große Schilder hatten wir Verse aus der Bibel gemalt: ,Wenn ihr in das Land kommt, sollt ihr pflanzen!‘... O, es liegt etwas darin, das die Grenzen sprengt und uns über alle Wechselfälle der Geschichte hinweg an diesen kleinen Winkel der Erde bindet, an die Natur, an das Weltall!“ Die Bodenfrage In Trausjordanien Amman, 20. März. (J. T. A.) Die Unabhängige Arabische Partei Transjordaniens (lstiklal) hat in der transjordanischen Gesetzgebenden Versammlung einen Gesetzentwurf eingebracht, der darauf hinausgeht, jeden Nichtaraber vom Bodenbesitz in Trans jordanien auszuschließen. Gemäß dem Entwurf sollen Bodenkäufe oder Bodenpacht nur solchen Personen erlaubt sein, die von einem arabischen Vater gezeugt oder in einem arabischen Lande ״arabisiert" wurden. Es besteht wenig Aussicht für die Annahme dieses Antrages. Vom Warschauer Hauptbahnhof haben sich vorige Woche 500 Juden aus Polen zu dauerndem Äufenthalt nach Palästina begeben. Einige tausend Personen gaben ihnen das Geleit. Als der Zug sich in Bewegung setzte, erklang der Hvmnus ״Hatikwah“. Unter des Abreisenden befanden sich übet 20Q Chaliuim, Ein jüdisch - christliches Gespräch? Unter dem Titel ״Streit um Israel — Ein jüdisch* christliches Gespräch“ erscheint (im Hanseatischen Verlag) ein Briefwechsel zwischen Ilans Blüher und Hans JoachimSchoeps, wobei es sich um eine Diskussion über Blühers Bücher: ״Der Aufstand Israels gegen die christlichen Güter“, ״Der Standort dos Christentums in der lebendigen Welt“ handelt. (RM. 3,80.) Es kommt hier wohl ein literarisches Unternehmen zustande, aber kein ״jüdisch-christliches Gespräch“. Ueber Schoeps wurde anläßlich seines Buches ״Jüdischer Glaube in dieser Zeit“ (Philo-Verlag) in der ״JücL Rundschau“ vom 20. 4. 32 durch Verfasser dieses, in der ״Bayrischen israelitischen Gemeindezeitung“ vom 15. 8. 32 durch Gerhard Scholem festgestellt, daß sein Glaubensjudentum ein ganz spirituelles Ideenjudentum sei, das er um der Parallelität zum christlichen Glauben willen konstruiert, ■wobei dann der jüdische Glaube ganz analog zur christlichen Situation im Sinne eines Bekenntnisses gefaßt wird. Es muß aber gerechtorweise festgestellt werden, daß Schoeps in seinen hier vorliegenden Briefen sein protestantisch gedeutetes Judentum doch an manchen Punkten korrigiert hat. Bubers Uebersetzung von ״goj kadosch“ (Ex. 19, 6) mit ״heiliger Leib“ gibt Schoeps Gelegenheit, durch seine theologischen Formeln über das Judentum doch auch die jüdische Wirklichkeit manchmal durchscheinen zu lassen. Aber dort, wo er endlich begreifend feststellt, daß ״emunah“ gar nicht; ״Glaube“ heißt, sondern ״Treue“, wird diese Feststellung, aus der sich doch so viel ergäbe, in der sich sofort anschließenden Definition (S. 108) gleichsam unwirksam gemacht: ״Glauben ist jüdisch ein das Sein formender Bewußlseinszustan d.“ (Gesperrt vom Vcrf. dies.) Das ist nun wieder Umdcutung der jüdischen Wirklichkcit an einem dieser Wirklichkeit fremden Maßstabe. Das Judentum ist als E xiston z vom Glauben des Christentums verschieden. Diese Existenz ist stumme Existenz, die natürlich in manchen Epochen der jüdischen Geschichte vom Theologen in die Bewußtheit des Bekenntnisses erhoben und zum Sprechen gebracht wurde. Aber für die Entscheidung ist maßgebend, daß sie füllt. Das religiöse Judentum besitzt in seiner stummen Existenz eine religiöse Tiefe und Lebendigkeit, an die keine Dogmatik, weder jüdische noch christliche, heranreicht. Jüdische Theologie ist damit nicht als nebensächlich anzusehen. Aber sic muß bescheiden feststellen, daß dem, der jüdisch betet, der im Leben des von Sabbat zu Sabbat, von Festtag zu Festtag abrollenden jüdischen Jahres steht, auch wenn er die Bewußtheit eines Bekenntnisses nicht hat, — um dos formulierle Bekenntnis gehl es der Theologie — nichts fehlt. Das ist die jüdische hierin von der christlichen verschiedene Situatioii. Schließlich muß noch festgestellt werden, daß man jüdisehe Theologie — für die christliche Theologie ist es nicht anders — nicht treiben kann, wie man in unbeteiligter Sachlichkcit Jurisprudenz, Philologie oder Archäologie treibt, sondem nur als Jude. Dazu gehört:, daß der, der• die jüdische Gemeinschaft begrifflich zu erfassen sich bemüht und — sagen wir — sie als ״heiligen Leib“ definiert, — diese Definition, entspricht sehr gut der Wirklichkeit —, davon Notiz nehmen muß, daß dieser ״Leib“ in Biro-Bidschan zugrunde geht und in Palästina Brot und lluhe hat. Die Bagatellisierung des Palästina- Aufbaus, der Schoeps das W'ort gibt, kann Wegfällen, auch wo man einer positiven Stellung zum deutschen Staat Ausdruck gibt. Und nun zu Blüher. Der Briefwechsel Blüher-Schoeps ist inszenierter Briefwechsel. Der Abdruck war von vornherein geplant. Das erklärt vieles. Würde Schoeps z. B. in scharfen Formen geschrieben haben: Sie, Herr Blüher, sind alles andere als ein berufener Vertreter christlicher Gläubigkeit, so wäre es natürlich zum Abbruch des Briefwechsels gekommen, und das literarische Unternehmen, das beide Teile wollten, wäre gescheitert. Hier aber kann und soll es ganz besonders unterstrichen werden, daß mit Hans Blüher ein jüdisch-c 11 r i s 11 i c h e s Gespräch nicht möglich ist. Es wäre leicht, an Hand der literarischen Produktionen von Blüher auch als Jude darüber zu sprechen. Aber lassen wir lieber den christlichen Theologen urteilen. In ״Zwischen den Zeiten“ Heft 5, 1932, werden Stapel und Blüher zusammen besprochen, und es wird feslgcstellt, daß ״das Evangclium und die mit der Berufung Abrahams beginnende Kirche zusammengeliörcn. Stapel sieht meines Erachtens richtig, daß Genesis 11, wo vom Turmbau zu Babel erzählt wird, der vermessen« Traum der Menschen, von sich aus sich einen Namen! zu machen, seiner Verblendung überführt wird. Aber Gott hat dann eben nicht sich in jene von Stapel geträumte ,inetaphysische Sphäre‘ begeben, in der er sowohl als Jahwe wie als Wodan wie als Jupiter wie als Athene erscheint, sondern er hat, wie Genesis 12 erzählt, Abraham als den erwählt, in dein alle Völker auf Erden gesegnet werden sollen . .. Die Voraussetzungen aber, mit denen er (Stand) ein Imperium Teutonicum als Forderung christlicher 'Theologie aufstellt, stehen außerhalb des Bereiches evangelischer Theologie . . . Von da aus ist verständlich, daß Stapel eine gewisse Sympa״ thie für die Bücher von Hans Blüher, ,Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter‘ und ,.Der Stundort des Christentums in der lebendigen Welt‘ hat, in denen eine Deutung des Christentums versucht wird, die nicht mehr die christliche Offenbarung als Grundlage der Kirche kennt:, sondern ״das Christentum zu erfassen sucht in Analogie zur Mysterienfrömntigkeit der Heiden.“ Dieser ruhige, sachliche Ton, der aber das vernichtende Urteil über Blüher darstellt, steigert sich zur Empörung, mit der Prof. Th i eme in ״Religiöse Besinnung“, 1932, Heft 2, über Blüher spricht: ״Wir müssen die Leser der ,Religiösen Besinnung‘ um Verzeihung bitten, daß wir sie mit dergleichen bemüht haben; das Machwerk (gemeint ist ,Di« Erhebung Israels‘) ist ohne unser /,,!!tun hei der Redaktion eingelaufen und ... ist auch leider für eine gewisse Art von heutiger ,Antichrist‘-Bekämpfung symptomatisch genug, um nicht einfach mit dem gebührenden Stillschweigen übergangen und doch zu empörend, um mit kühlen Worten abgetan zu w erden; es ist vielmehr der frechste Mißbrauch echten deutschen Christentums, der uns hier begegnete — und wäre der gefährlichste, würde er nieht fast unschädlich •— durch Fächerliehkeit. Aber tötet sie wirklich noch — heutzutage?“ — Als dritte Stimme sei Prof. Theophil Spoorri, Zürich, genannt. In seinem schönen und tiefen, jetzt in dritter Auflage erscheinenden Buch ״Die Götter des Abendlandes — Eine Auseinandersetzung mit dem Heidentum in der Kultur unserer Zeit“ kämpft Spoerri gegen das moderne Eros zum Gott erhebende Heidentum und muß dabei auch auf Blüher zu sprechen kommen, der in ״Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ und jetzt auch in seinen beiden ״theologischen“ Büchern ein widerliches Gebäude von Erotik verbunden mit Religion errichtet. Spoerri spricht von dem ״affenhaft liturgischen Geschwätz“ Blühers, und er schreibt über dessen heidnische, weil erotische Sakralität folgendes: ״Wer eine radikale Entgiftung.־)- kur gegen sakrale Erotik machen will, der nehme irgendein Buch des erosbesessenen Hans Blüher zur Hand. Es ist überhaupt auffällig, wie unter den Homosexuellen der Drang zum Sakralen besonders stark ist. Schon Paulus hat in seinem ungeheuren Entwurf über das Wesen des Heidentums (Römer 1) die geschlechtliche Verkehrung als unmittelbare Folge des gestörten geschöpflichen Verhältnisses dargestellt.“ In einem jüdisch•christlichen Gespräch ist Hans Blüher kein ״christlicher“ Partner. Rabbiner Dr. I. May bäum, Frankfurt a. O. & Ai

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.