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Jüdische Rundschau · 1933-03-17 · Heft 22 (17.3.1933) · p. Seite 108

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 22 (17.3.1933)
Date
1933-03-17
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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Seite 108 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 22, 17. in. 1933 45 selbsterhaltende Dörfer Die Bilanz de» Keren Hajessod im landwirtschaftlichen Siedlungswerk In Palästina Von L. B a w 1 y, Leiter des Landwirtschafts-Departments der Jewish Agency, Jerusalem. In gewissen zionistischen Kreisen sowohl in Palästina wie 1m Auslände^ ist es seit Jahren Sitte geworden, die Leistungen der Privatinitiative für das landwirtschaftliche Siedlungswerk in Palästina zu verherrlichen und die Verdienste des Keren Hajessod auf diesem Gebiet herabzusetzen. Es wird häufig versichert, daß ausschließlich die Privatinitiative — besonders wenn sie durch Bankkredite unterstützt wird — dauernde Erfolge erzielen kann, daß die aus den Milfein des Keren Hajessod errichteten Siedlungen schlecht verwaltet und finanziel! schlecht fundiert sind, daß sie es nicht zu finanzieller Unabhängigkeit gebracht haben, kurzum, da.ß sie eher ein Passivum als ein Aktivum sind und bleiben müssen. Was ist an diesen Behauptungen richtig und was ist unrichtig? Niemand wird bestreiten, daß die Privatinitiative auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Ansiedlung sehr bedeutende Leistungen aufzuweisen hat. Die landwirtschaftliche jüdische Bevölkerung in der Küstenzone, dem Zentrum der Privatinitiative, ist von 21370 im Jahre 1027 auf 31 350 im Jahre 1031 gestiegen. Die Besiedlung der Küstenzone ist der wichtigstc Anstoß für die Welle der neuen Einwanderung geworden, die 1924 begonnen hat; durch sie hat sich im Laufe der letzten acht Jahre die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeiterbevölkerung von 2000 auf 11000 erhöht. Man kann ruhig annehmen, daß auch weiter die Privatinitiative hei 'edem Plan für die künftige Ausdehnung der landwirtschaftichen Auskeilung in Palästina eine fnhrende Rolle spielen wird, wenigstens im Orangengebiet. im allgemeinen wird man sich darüber einig sein, daß man an der Art, in der die Keren Hajessod-Mittel verwaltet wurden, scharfe Kritik üben kann. Man hat Sied- Jungen ohne richtige Pläne und Budgets begonnen. Die Ausarbeitung der Pläne nahm zuviel Zeit in Anspruch, und so wurde dabei viel Verse h w e n d 11 n g mit O e 1 d und Menschenkraft getrieben. Auch in bezug auf die richtige Zumessung von Boden an die einzelnen Siedler wurden Fehler gemacht. Während viele dieser Fehler damit entschuldigt werden können, daß den Kolonisatoren 1920 noch die notwendige Erfahrung und Voraussicht fehlte, ist es schwer, einen ernsteren und kostspieligeren Fehler zu verteidigen, nämlich den, daß bis 1928 immer neue Siedlungen gegründet wurden, obgleich sogar zur Vollendung der bereits bestehenden das erforderliche Geld fehlte. Dadurch wurde die Konsolidierung der älteren Siedlungen in unentschuldbarer Weise verzögert. Läßt sich aber auch etwas zugunsten dieses Werkes sagen? Gibt es Resultate des Keren Hajessod im landwirtschaftlichen Siedlungswerk und welche sind es? Und hätten diese Leistungen auch durch die Privatinitiative und aut rein geschäftlicher Basis erzielt werden können? Die erste und wichtigste Tatsache, die die Beantwortung dieser Frage bestimmt, liegt darin, daß die Privatinitiative sich offenbar ausschließlich auf die Küsten Zone beschränkt hat und daß jeder Versuch, über diese Zone hinauszugehen und eigene Siedlungen in anderen Teilen Palästinas zu gründen, bisher gescheitert ist. Der Verlockung durch die Aussicht auf leichtere Arbeit und größere Gewinne in der Orangenkultur konnten in der Periode von 1928 bis 1932 auch die letzten Reste der Privatinitiative in diesem Gebiet nicht widerstehen. Die Mittel- Stands-Siedler verließen entweder überhaupt den Emek oder mußten vom Keren Hajessod übernommen werden. Die von Privatpersonen durch die Vermittlung der American Zion Commomvealth und der Meschek-Gesellschaft im westlichen und zentralen Teil des Emek gekauften Böden wären unbearbeitet geblieben und verwildert, wenn der Keren Hajessod sie nicht angekauft und durch seine eigenen Siedler hätte bearbeiten lassen (was übrigens Gewinn abwarf). Was sind demnach die wirklichen Leistungen des Keren Hajessod? Zur Beantwortung dieser Frage geben wir die folgenden Zahlen: 1728 Sicdlcrfamilien wurden in 48 Siedlunger, untergebracht, deren Bevölkerung heute i n s g e s a"m t zirka 8200 Seelen beträgt. Diese Zahl bildet etwa 18 ",0 der gesamten jüdischen!andwirtschaftlichen Bevölkerung in Palästina und etwa 40 "0 der nach dem Kriege angesiedelten ländlichen Bevölkerung. Diese 1728 Siedler besitzen heute ca. 4000 Stück hochwertiges Vieh, ca. 100 000 Stück reinrassiges Geflügel und bearbeiten annähernd 160 000 Dunam Land. Ihren Absatz durch die ״Tnuvah“ haben die Siedlungen von £ 146 000 im Jahre 1930 31 auf £ 180 000 im Jahre 1931/32 erhöht. Wieviele dieser Siedlungen erhalten sich heute selbständig? Wenn wir den Begriff der ,,Selbständigkeit‘' nicht im weitesten Sinne fassen, nämlich als die Selbständigkeit eines wohlhabenden Landwirtes, der außer zum Unterhalt seiner Familie auch noch Mittel zur Vergrößerung und Amortisation seines ganzen Gutes besitzt, sondern in dem engeren Sinne der Selbständigkeit eines Farmers, der nach Deckung aller Betriebskosten aus seinem Brutto-Einkommen einen genügenden Ueberschuf) für seine eigenen Bedürfnisse übrig behält, seine Schulden für unproduktive Ausgaben nicht vergrößert und seine laufender! Verpflichtungen erfüllt — so kann man sagen, daß die vom Keren Hajessod gegriindeten Siedlungen sich heute selbst erhalten. Seit dem vorigen Jahr hat keine von ihnen einen Beitrag zu ihren Unterhaltskosten oder zur Deckung der Betriebsschulden erhalten. Die Einnahmen und Ausgaben in allen Siedlungen halten sich jetzt die Waage. Das ist allerdings zum ersten Male in diesem Jahre allgemein der Fall, aber nach den wertvollen Erfahrungen, die man während der letzten Jahre sowohl in finanziell selbständigen wie in noch unselbständigen Siedlungen gesammelt hat, kann man mit der Fortdauer dieses Zustandes rechnen. Natürlich kann es hier und da einmal einen Mißerfolg geben, der aber zu den Ausnahmen gehören wird, wohingegen eine Siedlung, die ihren vollen Etat erhalten hat, als finanziell unabhängig angesehen werden kann. Auf welche Weise ist dieser Erfolg erzielt worden? Durch ein gründliches empirisches und stattstisches Studium der von unseren Siedlern bei der Bearbeitung ihrer Felder und der Behandlung der verschiedenen Zweige der Landwirtschaft erreichten Resultate; durch enaue Ermittlungen über Anlagekosten und Reingewinn; urch wissenschaftliche Versuche auf dem Gebiet des Köraerbaues, des Grundfutters und der Gemüse, des Fütterns der Tiere usw. und — zu guter Letzt — dadurch, daß man für jeden Teil des Emek, des Jordentales und der Küstenzone einen genauen Plan für die dem betreffenden Gebiet am besten angepaßte Bauernwirtschaft aufstellte. Auf der Grundlage dieser in 8—10 Jahren gesammelten Erfahrungen wurden sechs verschiedene wirtschaftspläne für die einzelnen Siedlungstypen ausgearbeitet. Ehe technischen Leistungen der Siedler, die bei jedem einzelnen ihrer Schritte durch die .Wanderlehrer der Versuchsstation und andere Beamte des Landwirtschafts- Departments unterwiesen und unterstützt wurden, sind sehr bedeutend, und obgleich sie in Palästina wie eine ganz alltägliche Erscheinung behandelt werden, möchten wir hier kurz darauf eingehen. Körnerbau: Versuche zur Auswahl der besten Samensorten für Weizen, Gerste, Mais, Flachs; Ausprobieren der Methoden zur Vorbereitung und Bearbeitung des Bodens mit verschiedenen Sorten von Dünger (Tier- und Pflanzendünger, chemischer Dünger), mit verschiedenen Zeiten der Aussaat und verschiedenem Fruchtwechsel in den einzelnen Gebieten von Palästina; Ausprobieren moderner landwirtschaftlicher Maschinen und Geräte. Von den angewandten Methoden und den damit erzielten Resultaten wurden die Siedler in Kenntnis gesetzt. Es zeigte sich, daß die Fruchtbarkeit des Bodens wieder bedeutend gehoben und die Produktion dadurch erheblich vergrößert werden konnte, so daß von Feldern, die vor 10 Jahren 60 bis 70 kg Weizen ergaben, jetzt ein Ertrag von 120—160 kg pro Dunam erzielt werden kann. Neue Kulturen wurden eingeführt oder verbessert, z. B. Mais, Leinsamen, Klee und Alfalfa. In der Milchwirtschaft wurden als Ergebnis von Versuchen mit Kreuzung, Gattungsauswahl und Fütterung hochproduktive Rindviehrassen erzielt, bei denen die Kühe 3500—4500 Liter Milch geben (gegen 1000—1500 Liter vor 10 Jahren). Die Kosten der Milchproduktion wurden bedeutend verringert. Krankheiten wurden erfolgreich bekämpft. Moderne Stallungen, die den jetzt allgemein anerkannten Erfordernissen entsprechen, wurden mit geringeren Kosten nach einheitlichen Plänen angelegt. Auf denselben Grundlagen beruht die Geflügelzucht. Durch sorgfältige Auswahl der besten Sorten wurde eine Produktion von 150—180 Eiern im Jahr (gegenüber früher 70) erreicht. Die besten Inkubatoren wurden eingeführt. Krankheiten wurden bekämpft. Moderne Htihnerställe nach den Standardplänen anderer Länder wurden erbaut. Edlere Sorten von Tafeltrauben wurden gezüchtet, und die modernen Weingärten im Emek tragen jetzt 600 bis 1500 kg pro Dunam; neue Gemüsearten oder -abarten wurden erfolgreich eingeführt (Kartoffeln, Tomaten, Blumenkohl usw.). Die besten Methoden zur Gemüsezucht, Bewässerung und Düngung wurden festgelegt. Aufs neue ergab sich die große Bedeutung der Be wass e r u n g für die Erzielung von Futtermitteln und Gemüse. Durch sie wurde es den jüdischen Bauernwirtschaften im Emek und Jordantal ermöglicht, grundlegende Veränderungen der Klee-, Mais- und Alfalfaproduktion auf bewässertem Boden einzuffthren und neue Gemiisesarten zu züchten. Auch künstliehe Bewässerungsmethoden mit Hilfe von Regen-Apparaten wurden eingeführt und ausprobiert. In dieser modernen Form des gemischten Betriebes ist die Ertragsfähigkeit des Bodens (durch Wiederherstellung der Fruchtbarkeit, große Ernten, neue Kulturen, Bewässerung) erhöbt und ein großer Teil seiner Erträgnisse zur Förderung der hochwertigen tierischen Produktion venvendet worden: Milch und Milchprodukte, Fleisch, Eier. In allen diesen Zweigen der Landwirtschaft wurden die Zahlen für Produktion, Ausgaben und Einnahmen in einer Zeit von 8—10 Jahren sorgfältig gesammelt und bearbeitet. Diese Zahlen ermöglichten es den Sachverständigen der Landwirtschädlichen Abteilung, detaillierte Pläne und Budgets für die Einrichtung der modernen intensiven Landwirt- Schaft auf schwerem Boden auszuarbeiten. Die Parole ״minimale Ausstattung“ wurde nicht umsonst ausgegeben. In den Musterbudgets, die 1929—1931 fiir die verschiedenen Gebiete des Emek ausgearbeitet wurden, war diese Forderung in die Praxis umgesetzt. Diese Ziffern sind allerdings immer noch höher als in Griechenland oder Rußland, da sie auf der Voraussetzung eines gewissen Lebens- Standards beruhen, unter den unsere Siedler nicht heruntergehen dürfen. In jedem Budget ist ein zweizimmriges Betonhaus vorgesehen, sowie die Bereitstellung von Produktionsmittein, die dem Siedler ein Nettoeinkommen von £ 70—80 pro Jahr für die Uebergangsperiode zusichern. Der jetzt für die Ämiedlung eines Farmers Im Emek erforderliche Betrag wurde demnach auf £ 630 bis £ 650 festgesetzt. Diese Pläne sind iri allen Details ausgearbeitet und werden denjenigen, die das Siedlungswerk fortzusetzen haben, sehr dienlich sein. Auf Grund dieser Pläne erhielt der Keren Hajessod 1931/32 endlich die Möglichkeit, einen Schritt weiterzugehen. Während er einerseits allen Siedlungen die Produktionsmittel zur Verfügung stellte, die notwendig waren, um sic endgültig aut eigene Füße zu stellen, schloß er gleichzeitig mit jeder Siedlung einen Kontrakt über die Rückzahlung der gewährten Darlehen, wodurch die finanziellen Beziehungen zwischen dem Fonds und den Siedlern geregelt und stabilisiert wurden. Die Höbe des investierten Kapitals wurde sorgfältig abgeschätzt, Verluste wurden abgeschrieben, und in bezug auf den Ueberscliuß erkannten die Siedler formell ihre Schuld an und verpflichteten sich zur Rückzahlung. Das Ergebnis dieser Maßnahmen läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: Kontrakte wurden abgeschlossen mit 45 Siedlungen (darunter 6 Siedlungen, mit denen man sich auf Unterzeichnung der Kontrakte geeinigt hat und von denen diese Unterschrift jetzt geleistet wird). Der Gesamtbetrag der in diesen Siedlungen bis Ende 1932 investierten Summen beträgt £ 1 105 534 Der in diese Siedlungen noch zu investierende Endbelrag, hauptsächlich für Wohnhäuser, beläuft sich auf £ 124 008 Die gesamte Investierung wird also betragen £ 1 229 542 Es wurde anerkannt, daß ein bestimmter Betrag für Verluste, die besonders zu Beginn der Siedlungsperiode (d. h. zu einer Zeit, als die Baukosten um 60 «/o höher waren als jetzt) eingetreten sind, abgeschrieben werden soll: £ 427638 Rückzahlungskontrakte wurden abgeschlossen in Höhe von £ 801 904 oder für 65V! ¥» des gesamten Anlagekapitals. Dieser Prozentsatz variiert in den älteren Siedlungen vors 55 «/״ bis 65 ״/«, in den neuen Siedlungen von 85 0/0 bis 100 ״/o- . Wie bereits oben erwähnt, sind von diesem Betrag noch £ 124 000 zu investieren. Demnach ergibt sich als Wert des vom Keren Hajessod in seinen Siedlungen bisher investierten Kapitals eine Summe von £ 677 904 Als Zusammenfassung der obigen Punkte ist also zu sagen: Abgesehen von der Ansicdlung von 1728 Bauernfamilien hat der Keren Hajessod etwas geleistet, was niemand außer ihm in Palästina erreichen konnte, nämlieh die erfolgreiche Einrichtung des selbständigen, niedernen, gemischtwirtschaftlichen, intensiven Farmbetriebes auf schwerem Boden und die Ausarbeitung der wissenschaftlichen Methoden, die der moderne Landwirt in allen Zweigen seiner Arbeit anzuwenden hat. Außer seinem aktuellen Wert hat dieses Werk auch noch die größte Bedeutung für die Zukunft Palästinas, da ja das jüdische Nationalheim nicht ausschließlich auf die Küstenzone beschränkt bleiben kann, Auf dieses Gebiet wird sich die Privatinitiative konzentrieren, da es diejenigen Bedingungen bietet, die das private Kapital anziehen, nämlich feststehende Anlagebedingungen, eine leichte Lebensweise, leichte Transportmöglichkeiten, persönliche Sichern eit und die Aussicht auf großen Profit. Vor dem Kriege hat niemand außer der PICA, deren Kolonien sich nicht in demselben Maße entwickelten wie diejenigen des Keren Hajessod, versucht, über die Orangenzone liinauszugehen. Diese u n« dankbare Aufgabe wurde nur vom Keren Hajessod übernommen und erfolgreich durchgeführt und dadurch wurden die Grenzen des jüdischen Palästina entsprechend erweitert. Ohne die treue Hilfe und harte Arbeit einer ergebenen Schar von Siedlern, die sich ihrer historischen Aufgabe voll bewußt waren, hätte dieses Ziel nicht erreicht werden können. Diese Siedler sind es, welche die landwirtschaftliehen Sachverständigen angefeuert haben, sidt mit jedem Problem, das sich vor ihnen aufrichtete, zu befassen, und sie, die durch keinerlei Tradition gehemmt waren, haben sich immer bereit gezeigt, den Rat der Sachverständigen anzunehmen und ausruführen. Durch sie ist die Landwirtschalt in Palästina revolutioniert worden. Sie haben unter großen Schwierigkeiten gearbeitet und ihre Stellung behauptet, auch dann, wenn die Arbeit eines ganzen Jahres durch Naturereignisse — Dürre oder Feldmäuse-Invasionen — in wenigen Tagen oder Wochen vernichtet wurde. Sie haben sich nicht durch die leicht zu erwerbenden Gewinne der Orangenkultur verlocken lassen, sondern waren von Anfang an entschlossen, am Emek festzuhalten, selbst wenn sie durchschnittlich nicht mehr als £ 80 oder £ 400 im Jahr verdienen konnten. Sie haben den Typus des modernen gemischte landwirtschaftlichen Betriebes geschaffen, der für die genmte künftige Ansiedlung in Palästina außerhalb des Orangengebietes als Muster dient und der im volkswirtschaftlichen Sinne vielleicht der gesündere Wirtschaftstyp ln Palästina ist, da er durch Wirtschaftskrisen kaum berührt werden kann. Nahuin Siousch, der bekannte hebräische Schriftsteller und Gelehrte, vollendete In diesen Tagen sein 60. Lebens!- jahr und war aus diesem Anlaß Gegenstand vielfacher Ehrungen seitens literarischer und wissenschaftlicher Organisationen Palästinas. Auf einem ihm zu Ehren vom hebräischen PEN-Klub veranstalteten Bankett hielt Bialik eine Anspräche, in der er darauf hinwies, daß Nahum Siousch der erste jüdische Dozent war, der Vorlesungen über neuere hebräische Literatur an Universitäten von Weltruf gehalten hat: er habe seinerzeit als Inhaber des Lektorats für hebräisehe Literatur an der Sorbonne in Paris viel zur Aufklärung über das junge hebräische Schrifttum beigetragen. Siousch habe auch das erste Buch über die moderne hebräische Literatur in französischer Sprache veröffentlicht. — Siousch wurde 1873 in Odessa geboren und lebt seit 1920 In Jerusalem. Er promovierte ln Paris mit den Arbeiten: ״La Renaissance de la Litterature Höbraique“ und ״Höbraeo- Phöniciens et Judco-Berböres“ und wurde Lektor an der Sorbonne für neu-hebräische Literatur. Er widmete sich insbesondere dem Studium der Geschichte der Juden und Phönizier in Nordafrika und unternahm im Aufträge Iranzösischer wissenschaftlicher Institute mehrere Forschungsreisen nach Afrika. Zuletzt machte er archäologische Ausgrabungen in Tiberias und Jerusalem. Siousch übersetzte auch Zola, Maupassant, Flaubert u. a. aus dem Französischen ins Hebräische. Eine Zeitlang war er Redakteur des zionistischen Zentralorgans der zionistischen Bewegung ״Die Welt“. Bileski über Palästinapoiitik. Wir erhalten nachstehenden Bericht: Die Tagung des Zionistischen Gruppenverbandes Thüringen in Erfurt war aus mehreren Städten des Bezirks gut besucht und nahm dank der ausgezeichneten Referate Dr. Bileskis einen guten Verlauf; In seinem Referat über Palästinapolitik führte Bileski aus, daß sich gegenüber dem System ständiger politischer Forderungen, das von einigen Seiten befürwortet wurde, das System Weizmanns durchgesetzt habe, dessen Grundsatz sich dahin zusammenfassen lasse: Wenn ־wir wirtschaftlich stark genug sind, wird sich alles weitere finden. Bileski kennzeichnete kurz den Charakter der drei Mächte, die in Palästina wirksam sind, englische Verwaltung, Araber und Juden. Er wies darauf hin, daß es nicht nur Fragen gäbe, die eine dieser Mächte betreffen, sondern auch Fragen der Landespolitik, die gelegentlich der letzten Sitzung der Mandatskommission vom High Commissioner besonders hervorgehoben worden seien. Dazu gehöre die Frage des Schutzes der Landesgrenzen. Der High Commissioner sehe seine Hauptaufgabe in der Sicherung des Friedens im Inneren.־ Das Mittel hierfür sei die Stärkung der gemäßigten arabischen Strömungen mit dem Ziele einer Herbeiführung der Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern. Dieses _ Ziel könne insbesondere auch Veranlassung sein, die zionistische Haltung in der Frage des Legislative Council zu ändern. Bileski schloß seine Ausführungen damit, daß es keine vernünftige Politik sei, auf Feindschaft mit Feindschaft zu reagieren; Sir Herbert Samuel habe erst vor kurzem gesagt, Feindschaft könne man nur durch Güte entwaffnen. — Die Diskussion über das Referat gestaltete sich sehr rege, ln seinem Schlußwort ging Bileski ausführlich auf die Krise des Nationalismus ein, die in der Diskussion eine wichtige Rolle gespielt hatte. Bileski ging davon aus, daß die nationale Idee geeignet sei, Menschen zu einer geistigen Einheit zusammenzuschließen. Dies komme auch in der Volksgeist - Theorie (Herder) zum Ausdruck, die am Anfang der nationalen Idee stehe. Die Idee des nationalen Staates führte zur jetzigen Krise des Nationalismus. Der Begriff der Nation verband sich mit dem Begriff der Macht. Die Nation hatte nicht mehr nur geistige Aufgaben. Die Tendenz zur immer weiteren Ausbreitung, die der Idee der Macht inncwolmt, führte vor dem Kriege zum nationalen Imperialismus. Die Staaten, die immer neue Interessengebiete für sich beanspruchten, verlangten diese nicht im Namen des Kapitalismus, sondern im Namen, der Nation. Der Imperialismus führte zum Weltkrieg. Nach dem Weltkrieg sind zwei Gruppen von Völkern zu erkennen. Der Imperialismus der einen Gruppe ist saturiert Der Imperialismus der anderen Gruppe findet keine Möglichkeit der Betätigung nach außen, sondern sucht Kampfobjekte im Inneren. Mit dieser Kennzeichnung der Krise des Nationalismus wandte sich Bileski gegen eine Wertung des europäischen Nationalismus, der auch in unseren Kreisen vielfach vertreten wurde, und fand bei den Hörem starken Beifall. Zum Schluß erörterte Bileski einige Fragen des Völker- und Staatsrechts Palästinas, insbesondere die interessante Frage, ob das Palästina-Mandat palästinensisches Recht darstelle. — Nach Bileski sprach Fritz Lichtenstein über die Aufgaben und die Arbeit des Hechaluz. Die von uns oft gerühmte Zweimonatsschrift ״Corona'*' (Verlag R. Oldenbourg, München-Zürich) hat beim Eintritt in ihren dritten Jahrgang den Preis auf fast die Hälfte des bisherigen ermäßigt: er beträgt nun für das Jahr zehn Mark, für das Einzelheft von mindestens 120 Seiten 1,80 M. Umfang und Inhalt der Hefte erfahren keinerlei Acnderung.

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