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Jüdische Rundschau · 1933-03-17 · Heft 22 (17.3.1933) · p. Seite 107

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 22 (17.3.1933)
Date
1933-03-17
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22, 17. IH 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 107 Das Jubiläum einer Zeitschrift 2S Jahre ״Hapoel ־ Hazair" Das Jubiläum der Wochenschrift ״Hapoel Hazair״, das in den nächsten Tagen begangen werden wird, ist nicht nur für die Arbeiterpartei, deren Organ die Zeitschrift ist, ein bedeutendes Datum. Weit über die Kreise der Parteigenossen hinaus ist es für viele ein Gedenktag der Entwicklung des Gedankens in Palästina. Denn der ״Hapoel Hazair“ war nicht nur das Blatt einer Partei, er war durch viele Jahre der Sammelpunkt der besten Kräfte des literarischen Schaffens des Landes, und durch sein Medium vereinten sich geistige und körperliche Arbeiter in Palästina zu einer Gemeinde. Der Mann des Pfluges und der Mann der Feder waren hier wirklieh Genossen, sie nannten sich nicht nur so — bis die letzte Entwicklung der Dinge in Palästina den ״Hapoel Hazair“ zum Parteiorgan der neuen ״Vereinigten Arbeiterpartei“ machte. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die 25 Jahrgänge der Zeitschrift das wesentlichste Material zur zionistisch-palästinensischen Geistesgeschichte liefern. Hier vollzieht sich vor allem die Auseinandersetzung der großen geistigen Mächte der Zeit, im An- Schluß an die gescheiterte russische Revolution von 1905. Nationalismus und Sozialismus, Religion und Gemeinschaft, Arbeit und persönliche Verwirklichung als ethische Idee — dies sind die Probleme, mit denen ringend die Menschen des Hapoel Hazair ein neues Leben aufbauen, und die Zeit- Schrift ist kein literarisches oder journalistisches Dokument, sondern ein Spiegel dieses wirklichen Lebens. Die erste gedruckte Nummer des Hapoel Hazair — vorher erschienen zwei hektographierte Nummern — trägt das Datum Cheschwan 5668, sie ist der Zensur wegen in Kairo gedruckt worden. Der erste Redakteur des Blattes war Josef Aronowitsch. (Eine sehr schöne Charakteristik von Aronowitsch hat Brenner geschrieben. Sie steht im sechsten Bande seiner Werke, Seite 209.) Es ist interessant zu lesen, wie die Probleme, die heute im Mittelpunkte der Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft stehen, schon damals die Herzen bewegten. Die Partei des Hapoel Hazair trat mit dem Programm der ״Eroberung der Arbeit“ auf, 11m das auch heute noch der Kampf geht. In einem heftigen gegen (ihren heutigen Parteigenossen) Ben Zwi gerichteten Artikel tritt die Redaktion für die nationale Solidarität und gegen die Klassen- Solidarität mit dem arabischen Arbeiter ein. Der damalige Hapoel Hazair erhoffte noch, daß einmal auch die jüdischen Arbeitgeber sich ihm anschließen werden. ״Nicht Klassenkampf wollen wir predigen, sondern Schulter an Schulter für ein nationales Ziel arbeiten. Die kämpfenden Klassen vergessen ihren Gegensatz, sobald die gemeinsamen nationalen lnteressen das fordern. Im gegenwärtigen Augenblick verlangen die nationalen Interessen von uns, mit allen unsern Kräften das nationale Kapital heranzuziehen und nicht es zu bekämpfen zu einer Zeit, wo es noch gar nicht da ist. Um die Arbeit zu erobern, kamen wir nach Palästina, sie von denen zu erobern, welche sie heute tun. Und wenn hier der Ort eines nationalen Kampfes ist, so kann hier kein Platz sein für internationale Solidarität.“ Der Kampf zwischen den Gedanken der nationalen und der internationalen Solidarität hat seither nicht aufgehört, die Arbeiterschaft zu beschäftigen, wenn er auch heute bedeutend abgeschwächt ist und die nationale Ideologie, die so klar und ungeschminkt in dem ersten Hefte der Zeitschrift verkündet wurde, sich durchgesetzt hat, so daß heute die damals in ihrem Namen Bekämpften sie sich zu eigen gemacht haben. Die Funktion des Hapoel Hazair war jedoch nicht in erster Linie der Kampf um eine Ideologie, sondern der Kampf um die Bildung einer Gemeinschaft, eines Bundes der Arbeiter, wie er nur in den kleinen Verhältnissen des damaligen Palästina entstehen konnte. So wurde der Zibbur Hapoalim (die Gemeinschaft der Arbeiter) geschaffen, keine ״Partei“, sondern ein Bund. Aeußerlich tritt in den Bänden der Zeit- Schrift dies dadurch hervor, daß die Genossen aus allen Teilen des Landes Korrespondenzen schicken, so daß die Leser über die Vorgänge in den einzelnen Kolonien und ״Punkten“ der Siedlung vorzüglich unterrichtet werden. Diesem Bunde der Arbeiterschaft gehörten von Anfang an die besten Schriftsteller des Landes an. Brenners Artikel Im Hapoel Hazair müssen vor andern schon desw׳egen hervorgehoben werden, weil sein Feuilleton im Hapoel Hazair vom 24. November 1910 (jetzt im 6. Bande der gesammelten Werke) einen Sturm hervorgerufen hat. Der Artikel war freilich des Sturmes nicht wert. Ein typisch freidenkerischer Artikel, der — anläßlich der Diskussion über Judentaufen — hervorhob, daß für den nationalen Juden die Frage der Religion bedeufungslos sei, daß er sich von der ״Hypnose der Bibel“ befreit habe, daß er als freier Mensch das neue Testament als ״Fleisch von unserem Fleische“ anerkennen könne, sich zur christlichen Theologie stellen könne wie er wolle oder auch dem theologischen Gezänke gleichgültig gegenüberstehen könne, ohne deswegen mit seiner jüdischen Einstellung irgendwie in Konflikt zu geraten. Dieser Artikel erregte A c h a d Haam, der unbegreiflicherweise bei Brenner Neigungen zum Christentum vermutete, und auf seinen Antrag hin wurde dem Hapoel Hazair die Subvention des Odessaer Chowewe Zion- Komitees entzogen. Dieser Beschluß gab Anlaß zu vielfacher Polemik und zu Protestresolutionen der Schriftsteller —- das Bestehen des Hapoel Hazair wurde dadurch nicht gefährdet. Unter den literarischen Unternehmungen der Redaktion vor dem Kriege verdient eine besondere Erwähnung die Herausgäbe zahlreicher populärer Broschüren über Fragen der Wissenschaft und des Lebens, die weite Verbreitung fanden. Im Kriege erschienen, herausgegeben von der Redaktion der Wochenschrift, eine Anzahl sehr guter Sammelbücher. Der Hapoel Hazair führte damals einen leidenschaftlichen und heroischen Kampf gegen die Propaganda für eine jüdische Legion. In einer späteren Periode hat dann die Persönlichkeit von A. D. G o r d o n nicht nur die Partei Hapoel Hazair, sondern auch die Wochenschrift bestimmt. Gordon war ein erbitterter Gegner des marxistischen Sozialismus, den er als eine lebensferne Mechanisierung betrachtete. Nicht eine neue ״Gesellschaft“, so war seine Parole, gilt es aufzubauen, sondern ein neues Volk. Gesellschaft sei etwas Mechanisches, Volk etwas Organisches, und der Aufbau des Volkes, so verkündete Gordon, kann nur dadurch kommen, daß sich das Individuum selbst befreit von den Schlacken einer falschen Intellektualität, einer erstarrten Begriffswelt und eines von der Natur losgelösten ״parasitären“ Lebens und sich wieder dem Rhythmus der Natur und des Kosmos hingibt und durch die Arbeit seiner Hände mit der Erde verbindet. An Stelle der ״Partei“ mit ihren Programmen und Proklamationen sollte die Lebensgemeinschaft und die unmittelbare Verwirklichung treten. Diese Ideen, die in der Zeitschrift verkündet wurden, fanden ein lebhaftes Echo auch in der j i'1 d i - sehen Jugend Mittel- und Osteuropas. Besonders in Mitteleuropa empfand man eine Verwandtschaft mit der Gedankenwelt, die der jüdischen Jugend durch Martin Buber und die diesem nahestehenden Kreise vermittelt worden war. Während aber im damals entstandenen ״mitteleuropäischen Hapoel Hazair“ diese Ideen vielfach im Literatentum stecken blieben, sah man in der palästinensischen Wirklichkeit die reale Erfüllung. Die Prager Konferenz 1920 schuf den organisatorischen Rahmen für eine Verbindung beider Gruppen. Für die Wochenschrift bedeutete dies eine neue Periode. Der Hapoel Hazair hat das große Verdienst, der starken geistigen Bewegung, welche in den letzten Kriegsjahren und den ersten Nachkriegsjahren die jüdische Jugend Mitteleuropas erfaßte und die damals vor allem im ״Juden“ ihren Ausdruck fand, den Weg zum hebräischen Leser geebnet zu haben. Die Synthese dieser beiden Welten war durchaus keine einfache Sache, denn zwischen der engen, in sich gefestigten, erschweren Ein- Stellung des jüdischen Arbeiters und der weiten, aus allen Queller! Europas gespeisten, und doch wieder wurzellosen Welt der jüdischen Intelligenz Mitteleuropas lag eine weite Kluft, Sie durch mehrere Jahre überbriiekt zu haben, ist ein wesentliches Verdienst Lufbahns, der bald nach Kriegsende die Redaktion von Aronowitsch übernahm. Die Bände aus dieser Zeit sind Ausdruck einer beginnenden Gedanken- und Gefiihlsverschmelzung, die von wichtigen Folgen für Palästina und für das mitteleuropäische Judentum hätte werden können. Die Prager Konferenz, so wichtig auch ihre geistigen Wirkungen waren, hat aber zugleich eine neue Wendung für den palästinensischen Hapoel Hazair und damit auch für die Zeitschrift angebahnt. Der Hapoel Hazair, der früher eine etwas sektiererische Gruppe war, wurde dadurch zu einer Massenpartei, die allen Gesetzen des Parteiwesens unterlag. Immer mehr geriet das Parteimäßige in den Vordergrund. Durch die mächtige Entwicklung des Zionismus und der Palästina-Siedlung wurde dann später eine Annäherung des Hapoel Hazair an die früher bekämpfte sozialistische ״Aehduth Awodah“ bewirkt, und seitdem sich vor drei Jahren die beiden Parteien vereinigten, ist der ״Hapoel Hazair“ in das Parteiorgan der vereinigten Arbeiterparteien verwandelt worden. Dadurch hat sich sein Charakter etwas geändert; die geistige Vielfältigkeit, die der Zeitschrift früher das Gepräge gab, ist einer größeren Uniformierung gewichen — eine Erscheinung, die wir auch im europäischen Parteilebcn beobachten können. Es wäre schade, wenn die heutige Jugend, besonders auch die in Palästina geborene, ohne jede Kenntnis dessen aufwüchse, was die Zeitschrift ״Hapoel Hazair“ in den 25 Jahren ihres Bestehens in Palästina repräsentiert hat. Vielleicht gelingt es der Festpublikation, die anläßlich des Jubiläums angekündigt wird, die Bedeutung dieses Vierteljahrhunderts ins rechte Licht zu rücken. b. w. Presseschau Nahum S o k 0 1 0 w sprach kürzlich in Liverpool bei verschiedenen Veranstaltungen zugunsten des Keren Hajessod. Wie wir dem Bericht der ״Liverpool Post and Mercur j“ entnehmen, hat er bei dieser Gelegenheit auch auf die Lage der Juden in Deutschland hingewiesen, welche ein trauriges Beispiel dafür bietet, wie sich das Leben der Juden im Gallith unter ungünstigen Verhältnissen entwickeln kann. Die Juden Deutschlands, so sagte Sokolow, haben die größten Opfer fiir Deutschland gebracht und haben zum deutschen kulturellen Leben mehr beigetragen als Juden in anderen Ländern. Sie sind daher ein klassisches Beispiel für die Tragik der Juden frage. Sokolow erklärte, die Versammlung sende Grüße der Solidarität an die deutschen Juden. Im Anschluß daran legte er die Notwendigkeit des Zionismus dar und forderte die englischen Juden auf, sich mit aller Energie und Aktivität für das Aufbauwerk einzusetzen. * Eine Reihe deutscher Zeitungen veröffentlicht anläßlich des 100. Todestages von Rahel Varnhagen einen Aufsatz ״Das jüdische Element in der deutschen Kultur“ von Dr. Wilhelm Schulte. Der Verfasser schildert das Wirken der Rahel und kommt dann zu folgenden int eressanten Konklusionen: ״Diese ihre untadeihafte Haltung kann jedoch nicht verhindern, festzustellen, was für die Auswirkung des jiidischen Elementes in der deutschen Literatur verhängnisvoll werden mußte: Ihre Re i i g i o n s 1 o s i g ־ keit. Sie wäre am liebsten nicht Jude gewesen. Wie nach ihr Börne, erstrebte sie den Ersatz der Religion durch die Literatur im Geiste der ,,Emanzipation“, d. h. der ״Befreiurig“ von der Religion. Seit dieser Zeit wollen die Durchschnittsjuden in ihrer Religion nichts mehr von innerlicher Bedeutung erblicken, und sie sind schon deshalb nicht geneigt, besonderen Wert darauf zu legen, weil sie davon nur die Rechtfertigung ihres Ausschlusses aus Deutschland erwarten. Man darf gewiß nicht übersehen, daß es neben diesen ,dissidenten‘ Juden, die ihre Rasse und ihren Glauben verleugnen, noch viele höchst beachtenswerte Sondertypen jüdischen Denkens und Lebens gibt, ja, daß es unter den mannigfachen Schattierungen der sich religiös mehr oder minder stark gebunden Fühlenden eine absolut religiöse Gruppe gibt, mit einem kosmisch-hymnischen Schwung, der die Christen gleichermaßen angeht, wo auch sie ihre Seele an die Erde verloren. Gleichwohl ist zu sagen, daß diese Kreise noch klein sind im Vergleich zu jenen dissidenten Literatur-Juden, von denen infolge ihrer inneren Haltlosigkeit immer mehr negative Kräfte ausgehen. . . . So ist denn das jüdische Element in unserer Literatur nicht einheitlich-gleichartig, sondern ebenso mannigfaltig, als es verschiedene Prägungen des Judentums gibt. Je art- und religionsbewußter der Jude ist, um so wert voller sein Beitrag zu unserer Kulturgemeinschaft. Doch — das wollen wir immer bedenken — auch um so tragischer, wie es Jacob Wassermann in seinem Bekenntnis: ,Mein Weg als Deutscher und Jude‘ offen gesagt hat.“ In diesen Bemerkungen von Dr. Schalte ist richtig gesehen (worauf gerade die ,,Jüdische Rundschau“ bereits häufig hingewiesen hat), daß der Zwang zur A s s i m i - lation und die Sorge, bei Betonung des Judentums im Staate inindergestellt und mindergeachtet zu sein, jenen Typ des selbstverleugnenden Juden erzeugt haben, der dann von der Umwelt als Element der kulturellen Negation und als ״zersetzend“ betrachtet wird. Vorgänge der Woche Der ״Völkische Beobachter“ und andere nationalsozialistischc Zeitungen veröffentlichen den Inhalt einer . Unterredung, die der Vertreter der N. S. K. (Nationalsozialistische Korrespondenz) mit dem Reichsführer der SS., Himmler, der das Amt des Kommissarischen Polizeipräsidenten in München übernommen hat, hatte. Polizeipräsident Himmlet erklärte u. a.: ,,!)er Staat schützt das Leben aller Staatsbürger. Leider läßt sich dieser Schutz bei manchen PersönlichKeiten nur dadurch gewährleisten, daß die Betreffenden in den direkten Schutz der Polizei, in Schutzhaft, genommen werden. Die betroffenen Persönlichkeiten, die vielfach jii disehen Glaubens sind, haben sich durch ihr Verhalten gegenüber dem nationalen Deutschland, durch Verletzung nationaler Gefühle usw. beim Volk derart mißliebig gemacht, daß sie ohne die von der Polizei getroffenen Maßnahmen der Wut des Volkes ausgeliefert wären.“ * Das Stuttgarter Polizeipräsidium teilt mit, daß im Verlauf des Dienstag, 14. März, eine Reihe von Persönlichkeiten, gegen die irr den letzten Tagen Gewalttätig k eiten begangen oder versucht wurden, auf Weisung des Polizeikommissärs' zur eigenen Sicherheit in polizeijiche Schutzhaft genommen worden sind. Der Polizeikommissar hat in einem öffentlichen Aufruf unter Hinweis auf die in den letzten Tagen erfolgten mehrfachen Schließungen und Bedrohungen von Geschäften die Polizeibehörden angewiesen, diesen Uebergriffen nachdrücklich entgegenzutreten. Die SA- und SS-Führer hätten die Polizeibehörden zu unterstützen und weitere derartige Vorkommnisse zu verhindern. * Die ״Frankfurter Zeitung" meldet: Montag vormittag erschienen wieder wie am Samstag Trupps uniformierter Nationalsozialisten vor den Warenhäusern und Einhcitspreisgeschäften und besetzten die Zugänge. Es wurden zeitweise auch Sperrketten gebildet, so daß das Betreten der Geschäfte unmöglich war. Die sich vor den Häusern ansammeinden Menschenmengen wurden von SA-Leuten zum Weitergehen aufgefordert. Gegen Mittag wurde dann, auf Weisung vom Polizeipräsidium und der nationalsozialistischen Parteileitung, das Vorgehen derart geändert, daß die Sperrketten aufgegeben wurden und die SA-Leute durch Schilder und z. T. durch Rufen aufforderten, nicht in jüdischen Warenhäusern und Einheitspreisgeschäften zu kaufen. * Mehrere Angehörige der NSDAP, drangen in Köln in die Wohnung eines jii dischen Kaufmannes ein und forderten unter Vorhaltung von Pistolen die Oeffnung des G e I d s c h r a n k e s, aus den! sic $00 RM. entwendeten. Drei an der Tat beteiligte Personen wurden festgenommen. Die SA-Leitung schloß diese drei Leute sofort aus und zog ihnen die Braunhemden auf der Stelle aus. Das Strafverfahren wegen räuberischer Erpressung ist eingeleitet worden. * Confi-Pressedienst meldet: Vor den Karlsruher Warenhäusern und mehreren jüdischen Geschäften kam es am Montag nachmittag zu Ansammlungen, die den Polizeipräsidenten veranlaßten, eine vorübergehende Schließung aus Gründen der öffentlichen Sicherheit anzuordnen» * Unter der Uebersclirift ״Die Säuberung des Rundfunk s“ schreibt der ״Völkische Beobachter“: ״Die Reichsrundfunk-Gcsellschaft hat dem Chef-Ingenieur Schaffer gekündigt. . . . Mit dieser Maßnahme ist eine der empörendsten Blüten des November-Systems aus dem Funkwesen verschwunden, denn es war von jeher das Geheimnis der Reichspost, warum an der Spitze des technischen Rundfunkwesens gerade ein jüdischer C h e f - I n g e n i e uri stehen mußte.“ Behinderte Rechtsanwälte in Breslaa Nach der Entfernung der jüdischen Richter und Anwälte aus dem Breslauer Landgerichtsgebäude am 11. März, durch Nationalsozialisten in SA.-Üniform ist bekannflicli laut Mitteilung der Justizpressestelle ein Stillstand in der Rechtspflege heim Landgericht, Amtsgericht und Arbeitsgericht in Breslau eingetreten, und zwar zunächst für den 13., 14. und 15. März. Wie nur! die nationalsozialistische ״Schlesische Tageszeitung“ meldet, hält nach Rückspräche mit dem Oberlniidesgcrichispräsidcnteu, dem Stell- Vertreter des Polizeipräsidenten und den! Gruppenführer Heines die Stabswache der SA. das Breslauer Gerichtsgebäude bis zur Beendigung des dreitägigen Justiz-Stillstands besetzt. Es wird an den Eingängen des Gerichts eine Kontrolle zu dem Zweck vorgenommen, daß kein Jude das Gebäude betreten kann. Der Stellvertreter des Landgerichtspräsidenten hat die richterlichen Beamten jüdischer Konfession davon benachrichtigt, daß sie vorübergehend an der Ausübung ihres Amtes behindert seien. Auch die Anwaitskammer hat an ihre Mitglieder entsprechende Rundschreiben erlassen. Nach Ablauf des dreitägigen Rechtsstillstands ist die Lage am Donnerstag noch immer nicht restlos geklärt. Der Verein Breslauer Landgerichtsanwälte in der Ortsgruppe des Deutschen Anwaltvereins hat an seine Mitglieder folgendes Rundschreiben erlassen: ״Nach Mitteilung der Justizverwaltung sollen die Sitzungen beim Amtsgericht am Donnerstag wieder beginnen. In den Landgerichtskammer- Sachen sind die Termine zum größten Teil bis Sonnabend aufgehoben. Der Vereinsvorstand hat versucht, von der Justizverwaltung Aufklärung darüber zu erhalten, ob und in welcher Weise beim Erscheinen jüdischer Anwälte in dem Gericht Sicherungen dafür getroffen werden können und getroffen werden, daß die Anwälte unbehelligt ihre Geschäfte abwickeln körnten, und zwar mit folgendem Ergebnis: Ansammlungen vor den Toren des Gerichtsgebäudes sollen von der Polizei verhindert werden. Eine Abteilung Polizei ist in dem Hauptportal stationiert. Nur durch dieses Tor soll der Verkehr sich in den nächsten Tagen abwickeln. Es ist uns mitgeteilt worden, daß voraussichtlich in den Straßen um das Gericht nationalsozialistische Streifen stattfinden sollen. Aus diesem Grunde hat der Herr Oberlandesgerichtspräsident mitteilen lassen, daß er den jüdischen Anwälten das Fernbleiben vom Gericht bis auf weiteres empfiehlt.“ Die jüdischen richterlichen Beamten gelten weiterhrn als ״in der Ausübung ihres Amtes b c h i n d e r t“. * Wie wir bei Redaktionsschluß erfahren, ist die Behinderung der Breslauer jüdischen Rechtsanwälte b e i g e 1 e g t worden. ___ f

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