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Jüdische Rundschau · 1933-03-14 · Heft 21 (14.3.1933) · p. Seite 103

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 21 (14.3.1933)
Date
1933-03-14
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21,14. m. 1933 JÜDISCHE küNDSCHAÜ Seite 103 Wauchopes Rede an die Araber Heber den Empfang der arabischen Abordnung beim Iligh Commissioner am 24. Februar haben wir bereits in Nr. 17 der ״Jüdischen Rundschau" kurz berichtet. Die jetzt hier eingetroffenen Zeitungen enthalten den vollen Text des offiziellen Regierungs-Communiquis, das über diesen Empfang ausgegeben wurde. Wir geben dieses Dokument wegen seiner großen Bedeutung hier wieder. Der High Commissioner empfing am Vormittag des 24. Februar eine Abordnung der arabischen Exekutive, bestehend aus Muza Kazim Pascha ei Husscini, Auni Bey Abdul Hadi, Moghanan Eff. Moghanan. Omar Effendi Bitar, Raschid Eft. Hai Ibrahim, Fahtni Eff. Abouschi, Isa Eff. Bnidack, Hamdi Efi. Nabulsi. Auni Bey Abdul Hadi sprach über die Fragen des Verkaufs arabischen Bodens an Juden und der Einwanderung von Juden. Außer ihren antijüdischen Beschwerdcn brachten die arabischen Führer noch andere Anliegen vor. Moghanan Eff. interpellierte wegen angeblicher strenger Einziehung von Steuern im Dorfe Dammun. Isa Eff. Bandack sprach über Streitigkeiten bezüglich des Friedhofes in Bethlehem. Der High Commissioner antwortete: ״Als mich vor zehn Tagen Muza Kazim fragte, ob ich diese Deputation empfangen will, antwortete ich, es werde mir ein Vergnügen sein, und zwar aus zwei Gründen: erstens weil ich die Bedeutung der verschiedenen Gruppen und Interessen, die Sie repräsentieren, würdige, und zweitens, weil ich immer die Gelegenheit begrüße, aus erster Hand die Anschauungen aller Teile der Bevölkerung zu hören. Um mit den zwei letzten Punkten zu beginnen: Was die angeb• liehen Zwischenfälle in Dammun betrifft, werde ich die genauen Tatsachen sicherstellen lassen und Sie von dem Resultat meiner Untersuchung verständigen. Ebenso bezüglich des Friedhofes in Bethlehem. Nun komme ich zu den zwei Hauptpunkten. Natürlich habe ich sehr aufmerksam zugehört und will nicht in Diskussionen cintretcn, aber ich will einige Bemerkungen allgemeinen Charakters machen. Erstens möchte ich eine Warnung aussprechen. Es wurde Bezug genommen auf Bemerkungen, die ich in Gent und in London gemacht haben soll. Es ist immer etwas gefährlich, eine Erklärung aus ihrem Zusammenhänge herauszureißen. Ich schlage daher vor, daß man lieber den ganzen Text meiner Reden in Genf liest, statt einzelne Aussprüche. Auni Bey hat sehr klar über die zwei Hauptfragen ge- *prochen: Bodenverkauf und jüdische Einwanderung. Ich hoffe, die letzten zwölf Monate haben gezeigt, daß ich zu jenen gehöre, die eine freie und offene Sprache lieben. Man kann über die Methoden in der Behandlung dieser oder jener Frage verschiedener Meinung sein, Sie werden aber, denke ich, anerkennen, daß das Ziel, aur das ich hinarbeite, das Wohl des gesamtem Palästina ist. Indem ich aber für dieses allgemeine Wohl arbeiten will, ist es meine Pflicht, die Bestimmungen des Manaates durchzuführen. Diesen Grundsätzen gemäß fühle ich mich nicht berechtigt, den Verkauf von Boden allgemein zu verbieten. Jeder Bodenbesitzer würde es als nicht fair empfinden, wenn die Regierung sich einmischen und ihm sagen würde, er begehe eine Ungesetzlichkeit, wenn er sein eigenes Besitztum veräußert. Andererseits hege ich — wie Sie wohl wissen werden — große Sympathie für die Fellachenpächter, die ihre Besitzer nicht daran hindern können, die Pachtbüden zu verkaufen. Ich bin mir klar darüber, daß manchmal durch solche Verkaufe die Pächter die Mittel zu ihrem Lebensunterhalt ver- Heren. Die Lage dieser Pächter und die Auswirkung der geltenden Protection of Culiivators Ordinance verdienen ernste Erwägung seitens der Regierung. Nun zur Frage der Einwanderung: Für die Regierung gilt nach dieser Richtung als leitendes Prinzip die Aufnahmefähigkeit des Landes. Ich halte dies für ein faires Prinzip. In Zeiten, in denen eine starke Nachfrage nach Arbeiterhäriden besteht, können mehr Einwanderer in das Land gelassen werden. Wird die Nachfrage geringer, so müßten weniger Arbeiter einwandern. Ich bedaure, daß viele Einwanderer ohne Erlaubnis der Regierung nach Palästina gekommen sind. Ich kann Sie versichern, daß ich in der Zukunft bestrebt sein werde, diese illegale Einwanderung hintanzuhalten. Palästina hat lange Grenzen und es ist klar, daß es für die Regierung nicht leicht ist, illegale Immigration vollständig zu verhindern. Nichtsdestoweniger haben die Maßregeln, die von der Regierung jetzt ergriffen werden, die Zahl der ohne Erlaubnis ins Land kommenden Personen bereits sehr vermindert und ich werde alles daran setzen, daß von Monat zu Monat diese Zahl noch weiter zurückgeht. Die letzte Frage, die angerührt wurde, ist die Frage des Hafens von Jaffa. Ich verstehe vollständig die Wichtigkeit des Hafens von Jaffa. Ich glaube, daß für jetzt und auch für die Zukunft Platz genug ist, sowohl für Haifa als auch für Jaffa. Das Gerücht, daß die Regierung den Hafen von Jaffa nach der Audja-Mündung verlegen will, ist unwahr, Ich selbst habe nach einem Besuch in Jaffa Ende vorigen Jahres Anordnungen getroffen, um den jetzigen Hafen räumlieh zu erweitern. Vor einigen Tagen habe ich mich mit Ingenieuren über die weitere Entwicklung beraten und heute früh hat mir Omar Bittar weitere Pläne vorgelegt. Ich hoffe, daß die Verbesserungen bald durchgefühlt werden können.“ Der High Commissioner schloß mit der Versicherung, daß alle vorgebrachten Anschauungen mit aller Sorgfalt berücksichtigt werden sollen. Die arabische Zeitung ״Felestin“ veröffentlicht nähere Einzelheiten aus der Rede, die Auni Abdul Hadi anläßlieh des Empfanges beim High Commissioner gehalten hat. Danach habe Auni u. a. gesagt: Nach den Unruhen von 1929 hat die Regierung untersucht, welches die Ursachen der Unruhen waren. Diese Frage wurde von der Shaw-Kornmission beantwortet. Die Shaw-Kommission hat vorgcschla* gen, daß eine arabische Kommission die jüdische Einwanderung kontrollieren solle. Nach dem Erscheinen des Berichtes fuhr eine arabische Delegation nach London. Damals habe ich der Regierung gesagt: Obwohl wir Gegner des Mandates sind und die Unabhängigkeit fordern, sind wir doch nicht hergekommen, um dieses Ziel zu erreichen, da wir wissen, daß die Regierung nicht darüber mit uns verhandeln will. Wir kamen nur, um über Mittel zu beraten, künftige Unruhen zu vermeiden. Diese Verhandlungen blieben erfolglos. Später erschien das Weißbuch, das zugab, daß Bodenknappheit Im Lande herrscht. Dann kam der MacDonald-Brief an Dr. Weizmann, worin noch immer eine gewisse Bodenkaufsregelung in Aussicht genommen wird. Ein Entwurf wurde der Arabischen Exekutive übergeben, dann aber hörte man nichts weiter. Obwohl wir das Mandat ablehnen, müssen wir doch feststellen, daß die Regierung nicht einmal die im Mandat zugunsten der Araber enthaltenen Bestimmungen erfüllt. Die Araber haben das Gefühl, daß Eure Exzellenz das Land verwaltet wie vor dem Jahre 1925. Die Ursachen, die za den .Unruheo von 1929 gef ührt haben, bestehen weiter fort, und das britische Regime tut nichts, um diese Ursachen zu beseitigen. Im Gegenteil, von Tag zu Tag mehren sich die Ursachen, und wenn 1929 Unruhen ausbrachen, dann kommt einem der Gedanke, daß in Zukunft ähnliche oder noch größere Unruhen ausbreclen können. Eure Exzellenz möge nicht antworten, daß die Polizei ausreicht, um Ausbrüche zu verhindern, denn keine Macht ist so groß, daß sie die kochenden Leidenschaften niederhalten und Menschen, die sich in Gefahr sehen, zum Schweigen bringen könnte. Diese Sachlage wollten wir darlegco als Begründung für unsere Wünsche, mit aller Beschleunigung ein Gesetz zu erlassen, das den Verkauf von Boden an. Juden verbietet und die Einwanderung einstellt. Presseschau Die englische Zeitschrift ״Nsar East and I!1 d i a“ widmet den Leitartikel ihrer Nummer vom 9. März den letzten öffentlichen Kundgebungen der Palästinafrage. Der Artikel beschäftigt sich vor allem mit dem zu Ehren der parlamentarischen Freunde der Paiästinasache veranstalteten Weizmann-Bankett und mit dem neuen arabischen Vorstoß in Palästina im Anschluß an den Empfang der arabischen Delegation beim High Commissioner. Ausgehend von den Schilderungen der relativ günstigen Lage in Palästina, erwähnt das Blatt die einzelnen auf dem Londoner Bankett gehaltenen Reden und weist darauf hin, daß mehrere Redner, darunter Sir Herbert Samuel, erklärt hatten, Palästina habe noch Platz für ״Millionen“ Menschen, ohne Beeinträchtigung der Araber. Samuel war dafür eingetreten, daß die Juden bewußt eine Politik der Hebung des arabischen Standards betreiben. Niemals und nirgends, habe er gesagt, weicht der Haß dem Hasse; der Haß weicht nur der Güte. Es habe sich, so fährt ״Near East“ fort, gezeigt, daß die arabischen Behauptungen von der Depossedierung durch jiidische Siedlung übertrieben waren und die Volkszählung habe umgekehrt bewiesen, daß die Araber vom der jüdisehen Siedlung profitieren. Aber Statistik genügt nicht; es bedarf vielmehr eines persönlichen Kontaktes und des Bewußtseins gemeinsamer Staatsbürgerschaft, gemeinsamer Interessen und eines gemeinsamen Zieles. Der High Commissioner habe der arabischen Delegation die einzig mögliehe Antwort gegeben, aber es könnte eine neue politische Spannung im Lande entstehen, die überwunden werden muß durch einen Versuch ehrlicher Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern. Bei den Juden sei deutlich die wachsende Neigung zu einer Zusammenarbeit festzustelien, zugleich aber fürchten sie die Einrichtung eines Gesetzgebenden Rates. Es käme darauf an, die Araber zu überzeugen, daß sie von einer fortschrittlichen Politik des Jüdischen Nationalheims nichts zu fürchten haben, und die Juden zu überzeugen, daß das Nationallleim in keiner Gefahr ist, sogar wenn ein gewisses Maß von Volksvertretung zugebilligt wird. In ihrem Wirtschaftsteil bespricht dieselbe Zeitschrift die kürzlich im Unterhaus gegebene Antwort, daß mit Rücksicht auf juristische Schwierigkeiten eine Einbeziehung Palästinas in das Zollvorz ugssystem (Imperial Preference) unmöglich sei. Wir stehen hier, so schreibt das Blatt, vor einer völlig anormalen Lage, die sich aus dem Mandatssystem ergibt: Großbritannien als größter Konsument von Jaffa-Orangen darf einem Lande, mit dem es so eng verknüpft ist, die wohlverdiente Ermutigung für die Erzeugutjg dieses Hauptproduktes nicht gewähren! Diese absurde Situation ist eine weitere Illustration des Mangels an Voraussicht, der in den Nachkriegsjahren geherrscht hat. (Gemeint mit diesem Tadel sind wohl die Friedensverträge und die übrigen internationalen Abmachungen nach dem Krieg. — A. d. R.) Kleine Nachrichten Der ״Völkische Beobachter“ veröffentlichte das Faksimile eines angeblichen Briefes der Firma Hermann Tietz an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, in dem davon die Rede ist, daß die Firma ״einen namhaften Betrag für den Wahlfonds“ der KPD. zur Verfügung gestellt hat. Die Firma Hermann Tietz veröffentlicht eine Erklärung, in der festgestellt wird, daß der Brief und der Stempel der Firma gefälscht wurden. Es ist festgcstellt worden, daß kein Brief an das Zentralkomitee der KPD. herausegangen ist. Für den Wahlfonds der KPD. sind von der irma Hermann Tietz niemals Gelder zur Verfügung gestellt worden. Im Hinblick aut die in Europa und auch in Holland eingetretenen außerordentlichen Verhältnisse, namentlich was das Anwachsen des Antisemitismus betrifft, ist in diesen Tagen in Amsterdam ein ״Komitee zur Wahrnehmung jüdischer Interessen“ gebildet worden. Vorsitzender dieses Komitees ist der Präsident der aschkenasisch-jiidisclten Gemeinde Hollands, A. Asscher, als Sekretär fungiert Prof. Dr. D. Cohen, Mitglieder des Komitees sind ferner Dr. L. E. Visser, Prof. Dr. A. C. Josephus Jitta und Senator S, van den Bergh jr. In London wurde eine neue palästinensische Plantagen- Gesellschaft gebildet, die das Ziel verfolgt, in der von belgischen Zionisten zum Andenken an Jean Fischer begründeten Kolonie Kfar Jona, die an Tel Mond, Kadirna und Chedera angrenzt, Orangen-Haine anzulegen. Die Ge- Seilschaft, die den Namen Hascharon Ltd. trägt, bietet außerhalb Palästinas lebenden Personen Gelegenheit, Plantagen gegen jährliche Ratenzahlungen zu erwerben. Sie übernimmt auch die Verwaltung der Ausländern gehörenden Orangen- Haine, sowie die Verwertung der Produkte, Die Vereinigung Radikaler Zionisten hielt in Warschau eine Konferenz ab, an der Grün bäum, Dr. Nachum Gold mann, Dr. Emil Margulies und eine Reihe weiterer Vertreter radikal-zionistischer Gruppen tcilnahmen. Nach einer eingehenden Aussprache wurden Rcsolutionen gefaßt, die gewissermaßen das Kongreßprogramm der Radikalen Zionisten für die Wahlen zutn 18. Zionisten-Kongreß darstellen. Die Radikalen Zionisten treten für eine ״maximalistisehe politische Zielsetzung“ und für eine ״demokratische und in sozialen Fragen progressive“ Einstellung ein. Demgemäß fordern sie eine ״feste und kampfbereite Führung der zionistischen Politik, vor allem hinsichtlieh der unbeirrten Ablehnung aller parlamentarischen Experimente“ und Fortsetzung der Bemühungen um Einbe- Ziehung Transjordaniens. Die Gruppe tritt ferner für ein Programm sozialen Ausgleichs ein, wobei sowohl dem Arbeiter als auch dem Mittelstand Erfüllung seiner berechtigten Interessen zugesagt wird. Der Zionismus als Bcfreiungsbewegung des jüdischen Volkes müsse über allen Gruppeninteressen stehen. In organisatorischer Beziehung treten die Radikalen Zionisten für Stärkung der Zionistischen Organisation (vor allem auch durch Zurückweisung der revisionistischen Disziplinbrüche) und für Liquidierung der Erweiterten Jewish Agency ein. Palästina ״Wirtschaftsnachridiien Die Industrialisierung Palästinas macht wei« ter rasche Fortschritte. Es werden ständig neue Fabriken und Werkstätten eröffnet und neue Produktionszweige eingeführt. So hat vor kurzem eine neue Fabrik in Haifa die Her« Stellung von Automobiluntergestellen und einzelnen Automobilteilen aufgenommen. Aus Holland werden zurzeit die Maschinen einer Silberwaren-, Schmuckartikel• und Eßbesteckfabrik nach Palästina überführt. Eine Alumi« ni umwarenfabrik soll ebenfalls demnächst eröffnet werden. Geplant sind des ferneren Fabriken zur Herstellung von eisernen Fensterrahmen, Fahrrädern, M ö 6 t in, Baumwollgarn, Asphaltpräparaten, verzinkten und unverzinkten eisernen Behältern für minera• I i s c h c O e 1 e, sowie von Isolier- und Bauplatten aus Asbest und Zement. Auch hört man, daß verschiedene der seit längerem erwogenen größeren Projekte, wie der Plan der Errichtung einer Zuckerfabrik und einer Brauerei, sich rasch der Verwirklichung nähern. Von den bestehenden Unternehmen haben einige ihren Betrieb vergrößert, vor allem einige Textilfabriken in Tel- Awiw, die sich neuerdings z. T. auch der Herstellung von wollener Unterwäsche zugewandt haben. Dieser Artikel findet unter der arabischen Bevölkerung guten Absatz. Insgesamt sind, wie die Wirtschaftszeitschrift ״Palesiine and Near East“ mitteilt, in den Wirkereien von Tel-Awiw zurzeit etwa 200 Arbeiter beschäftigt. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die Erzeugung von Rasierklingen, die schon einmal ohne Erfolg versucht wurde, kürzlich in Tel-Awiw׳, nach Ausstattung der betreffenden Fabrik mit neuen, modernen Maschinen, neu aufgenommen worden ist. In Tel-Awiw ist auch die baldige Wiederinbetriebnahme einer Fabrik für hygroskopische Kaurnwolle, die seit mehreren Jahren stilliegt, geplant. In fast allen Gegenden Palästinas werden zurzeit größere Landstücke zur Bepflanzung mit Apfel-, Pflaumen- und Olivenbäume 11 vorbereitet, was in den Gebirgstälern u. a. mit ausgedehnten Terrassierungsarbeiten verbunden ist Beträchtliche Mengen veredelter Obstbäume sind in Italien und Frankreich bestellt worden. Auch neue Weinberge werden in zunehmender Zahl angelegt. Zum 70. Geburtstag Bernard Tags Am 11. März d. J. feierte in Wien ein Mann seinen siebzigsten Geburtstag, der, obwohl in der lauten Oeffentlichkeit weniger bekannt und in der Art seiner Leistungen schwer im gewöhnlichen Sinne taxierbar, durch seine in edlem ^Sitane menschenverbindende Tätigkeit in kleineren und größeren Kreisen, im nationalen und kulturellen Leben ein nicht eben häufig anzutreffendes und gerade heute so notwendiges Eie« ment repräsentiert, ln Przemysl geboren, kam Tag 1886 nach Wien und stand zuerst dem Sozialismus nahe, doch schon im Beginne der neunziger Jahre zog ihn die nationale Bewegung in ihren Bann, wie sie in kleinen, mehr schön« geistig-kulturellen als politischen Zirkeln gepflegt wurde. Dieselben wurden dann durch das Erscheinen von Herzls ״Juden* Staat“ mächtig aufgerüttelt. Aber auch innerhalb des politischen Zionismus vertrat Tag als Vortragender und Schrift« steiler vor allem eine universelle, vom Geistigen bis ins Matur« hafte gehende Renaissance. In diesem Sinne wirkte er als Mitarbeiter der ״Welt“ (zeitweilig unter dem Pseudonym B. Sopher) in jüdischen Almanachs und Kalendern, später in Birnbaums ״Neuer Zeitung“ und im ״Juden“. Zugleich aber suchte er für seine über das Nationale hinausgehenden modernreligiösen Tendenzen Anschluß an gemischt-nationale Kreise. So betätigte er seinen Sinn für religiöse Problematik und feingeistige Geselligkeit vor allem in dem von Th. Hertzka und Baron Suttner gegründeten ״Kulturpolitischen Diskussbnsklub“, dessen Ehrenpräsident er ist. Dieser Klub war damals in ähnlichem Sinne Mittelpunkt geselliger Zusammenkunft feingeistiger Persönlichkeiten, wie es die ״Noctes Judaicae“, an denen auch Theodor Herzl teilnahm, für den Zionismus waren. Nach dem Krieg schloß sich Tag Bestrebungen an, die teilweise auf jüdischem, teilweise auf ,,jungösterreichischem“ Boden kulturelle Erneuerung erstreben, und unermüdlich arbeitet er auch in den Jahren der Depression in kleinen, religiös* kultureller Erneuerung dienenden Kreisen, ln diesen Jahren sammelte Tag Ungedrücktes in einem 1923 erschienenen Bande ״Morgenland“. Und auch von unveröffentlichten feirtsinnigen Jugenderinnerungen ״Aus dem Garten der Kindheit“ wünschten die Freunde des Jubilars, daß sie einem weiteren Kreise zugänglich gemacht würden. Ernst Müller, Wien. Ein Interview mit Sokolow Der Pariser ״M a t i n“ vom 10. März veröffentlicht an erster Stelle des Blattes ein Interview' mit Nahum So ko« low ״Israel dans la Terre Promisc“ (Israel im Gelobten Land). Sokolow schildert dem Korrespondenten seine Eindrücke von der letzten Palästinareise, insbesondere die xvirtschaftliche Konjunktur im Lande und die durch die jüdische Arbeit hervorgerufenen Veränderungen. Das jüdisch« Volk, so sagte Sokolow weiter, steht heute zwischen zwei Fein• den: auf der einen Seite der R a s s e n a n t i«11 ־־׳ י׳ m n s, wie er seine deutlichste theoretische und praktische Anspräung in der Hitler-Bewegung gefunden hat, auf der anderen eite der Kommunismus, der alles Jüdische zu vernichten droht. Der Vertreter des ״Matin“ machte hier den Ein« wurf, daß doch nach landläufiger Meinung der Kontmu. nismus die Juden begünstige, worauf Sokobw darlegte, daß zwar die Kommunisten erhoffen, daß ein /ermiirbtes und wurzelloses jüdisches Proletariat geeigne cs Materia! für den Kommunismus stellen wird, daß sic aber gleichzeitig die erbittertsten Feinde der jüdischen Renaissance-Bewegung sind, weil sie verstehen, daß der Zionismus ein ״Gegengift“ gegen den Kommunismus ist. Die Kommunisten betrachten Zion als eine Art ״Konkurrenz“, und in Rußland wirft man jeden des Zionismus Verdächtigen ins Gefängnis. Was den Antisemitismus betrifft, so erzählt Sokolow, welches gewaltige Aufsehen in Palästina die Machtergreifunp Hitlers erregt hat. in Tel-Awiw v.-r eine große Menschenmenge auf den Straßen, die die neuesten Nachrichten der Zeitungen mit Spannung ent׳־e2ennahm. Dieses Interesse, sagte Sokolow, erklärt sich aucli dadurch, dab es — trotz dem russisch-zaristischen An i emKLinus — in der Geschichte der Neuzeit zum ersten Male ist, daß ein Mann, dessen Bewegung mit Hilfe einer radikal antisemitischen Argumentation groß geworden ist, an die Spitze einer Regierung tritt. Zwischen der Bedrohung durch den Antisemitismus und der Bedrohung durch den ״Kommunismus hat das jüdische Volk nur einen Ausweg: Zion. Diesen!Weg muß es mi« Unterstützung der Großmächte sehen.

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