Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1933)
- Date
- 1933-03-14
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 102 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 21, 14. Hl. 1933 Schriften, Annalen, Kalendern und Berichten hervorgeholt; unveröffentlichtes amtliches statistisches Material wird erstmalig bearbeitet*); unter besonderer Heranziehung des Silbergleitschen Werkes werden — in den Etappen 1816, 1850, 1371 und 1925 — die Bevölkerungsverhältnisse der Juden in Deutschland vorgeführt, ihre soziale Differenzierung und ihre Berufsgliederung gezeigt, lestschinskys Darstellung ist sehr materialreich, sie eröffnet interessante" Ausblicke, und da sie die erste Darstellung des Stoffes überhaupt ist (Dubnows Geschichte wird im Literaturverzeichnis wohl nur aus Höflichkeit aufgeführt), so ist die Abfassung und Veröffentlichung des Werks ein Verdienst, das auch durch die notwendige Kritik nicht geschmälert werden soll. Der Interessierte, insbesondere auch unsere lernenden Jugendgruppen, werden dieses Buch oft zur Hand nehmen müssen. li. Die Zahl der in Deutschland lebenden Juden betrug 1820: 270 000 ( 1,09 »,0 der üesamtbevölkerung) und 1925: 561 379 (= 0,90 ״״ der üesamtbevölkerung). Einige Zittern zeigen gewisse Entwicklungstendenzen: 1816 lebten 6,5 30 der preußischen Juden in der Provinz Brandenburg (Berlin!; und 41,9 ״/o in der Provinz Posen; 1910 lebten 43,9 ",0 in Brandenburg und nur 7,7 »0 in der Provinz Posen. Den Zug in die Großstadt verdeutlicht weiter der Umstand, daß in den sieben größten jüdischen Gemeinden Deutschlands 1816 nur 7,7 ».0, dagegen 1925 50,3 <|0 aller deutsehen Juden lebten. In diesem Zusammenhang ist die Tat- Sache, daß 1925 in allen deutschen Städten mit mehr als 10 000 Einwohnern 82,S »« der jüdischen, dagegen nur 46,1 <0׳׳ der nichhüdischen Bevölkerung lebten, überaus aufschlußreich für die Beurteilung des Verhältnisses von Juden und Nichtjuden in allen sozialen und kulturellen Lebensgebieten. Hier sieht man das außerordentliche Auseitiamlerklaffen der jiiaisehen und der nicht jüdischen sozialen Sphäre; wie stark wird doch das Gesicht des Judentums und seiner kulturellen Interessen von der Großstadt, das der deutschen Umgebung vom Lande und von der Kleinstadt bestimmt! I.e-־tcchinskv glaubt nun unter Beibringung von viel Matcrial zeigen zu können, daß sich im Laufe des letzten Jahrhunäerts ein doppelter U m s c h i c h t u n g s p r o z e ß in! deutschen Judentum abgcvviekclt hat, der sich tür die Juden in Preußen etwa in nachstehenden Zahlen ausdrückt: zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren 70 aller preußischen Juden im Handel beschäftigt, 60 ״> allein im Klein- und Hausierhandel, 7 <'0 waren Iiandwerker, 1 % freie Berufe, volle 10ו,יי berufslos oder Bettler; dieser Masse stand damals eine ganz dünne Oberschicht von nur 2 °/0 Juden gegenüber, die im Großhandel, Bankwesen und in der Industrie tätig waren. Ls vollzog sich nun ein Uebergang aus dem Kram- und Hausierhandel und dem Luftmensehentum zu produktiver Arbeit; denn die Ziffern für 1852 lauten: im Handel Rückgang aut 51,5 <*•י, in Handel und Industrie Zunahme auf 19,4 0/0; der Anteil der Handwerker wuchs auf das Doppelte, der Anteil der Hausierer ging auf die Hälfte und darunter zurück; der Anteil der Lohnempfänger nahm um das Doppelte zu. Im Handel und Finanzwesen erstarkte die Kategorie der größeren Unternchmer, so daß sich gleichzeitig ein sozialer Aufstieg konstatieren laßt, was für die Bedeutung dieser Schicht iin jüdischcn Leben und für die Eingliederung der Juden in ihre Umgebung von Wichtigkeit ist. Die von Lestschinsky beigebrachten Ziffern für die Zeit 1861 — 1925 zeigen eine weitere Entwicklung in Preußen in folgender Weise; Der Prozentsatz der im Handel tätigen luden geht um ein Sechstel zurück, während die Berufs- Kategorie ,,Industrie und Handwerk“ um ein Drittel nmimrnt. Ein Vergleich der jüdischen und nichtjüdischen Beteiligung am Handel in dieser Periode zeigt, daß 1861 bei den Juden 58,3 •־, vom Handel lebten, das waren 21 0'0 der überhaupt im Handel beschäftigten Einwohner Preußens, wohingegen 1925 nur noch 49,3 »0 der Juden, nur noch 5 «> der insgesamt im Handel Tätigen, diesem Beruf angchörten. Freie Berufe und Beamte verdreifachen sich; Hausbediente und Lohnarbeiter wechselnder Art nehmen ab von 10,4 0״ bis aut 2,8 "וו. Es hat ein wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg stattgefunden; gleichzeitig ist aus dem wirtschaftlich und sozial sehr einheitlichen deutschen Judentum des ausgehenden 18. Jahrhunderts ein außerordentlich differenziertes, beruflich und sozial gegliedertes Judentum geworden. 1925 waren fast 50",ו der indischen Bevölkerung Lohnempfänger, davon drei Viertel Angestellte (während von den nichtjüdischen Lohnempfängern drei Viertel Arbeiter waren). Diese Zittern tuhren Lestschinsky zu eigenartigen Befrachtungen. Fr findet (S. 112): ,,die determinierenden Kräfte des historischen Geschehens bewirken... die Eingliederung der jüdischen sozialen Gruppen und Klassen in die sozialen Gruppen und Klassen der niehtjüdischen Bevölkerung: die monsfrose Sonde! Inge und Isoliertheit der jüdischen Einwohnerschaft lösen sich allmählich auf.“ ״Die bestehenden Unterschiede und Gegensätze (werden) durch einen fortschreitenden Annäherungs• und Angleichungsprozeß stetig verringert.“ Hier erweist sich der erste der fundamentalen Mängel der Lestschinskyschen Arbcits- und Denkmethode. Es läßt sich doch Wirtschafts- und Sozi,ilgeschichte nicht lediglich auf Grund der Statistik und nach der statistischen Methode bearbeiten. Wenn die Zahlen für die Verteilung von Handel und Handwerk hei den Juden und den Nichtjuden im Laufe der betrachteten 100 Jahre ährdicher werden, zeigt das dann wirklich, daß eine ״Annäherung und Angleichung'* und ״Eingliederung“ stattgetunden hat? Sie hat stattgefunden, aber nur in der Statistik! Das ״wirtschaftliche“ und soziale Schicksal der deutschen Juden ist jedoch aut diese Weise noch keineswegs erkennbar, und Lestschinskys Folgerungen sind doch gar zu voreilig und unrichtig. Seine statistische Darstellung könnte das Gerippe zu einer eigentlichen Darstellung der Wirt- Schafts- und Sozialgeschichte sein, es müßte aber die Ent- Wicklung der Wirtschaft selbst, mit der der Jude Jn dieser Entwicklung und in der sie tragenden Gesellschaft verknüpft ist, riargestellt werden. Da müssen manche großen Komplexe neu betrachtet und ausgewertet werden: Agrarent- Wicklung und Agrarkrisen des letzten Jahrhunderts, die lndustrialisierung, Rückgang des Handwerks und Kleinhandels, Umschichtung durch die Welthandels- und Kolonialentwicklung, Entstehung internationaler Wirtschaftsgebilde, die Gründerzeit und ihre Auswirkungen, die Bürgertumsentwicklung des letzten Jahrhunderts, die letzte Umschichtung durch Krieg, Kriegswirtschaft, die Nachkriegsentwicklung und Krise, — dies sind Rahmen und Hintergrund der wirtschaftlichen und sozialen Erlebnisse der Juden, die ja aut diese Vorgänge wiederum in eigentümlicher Weise reagiert haben. Und diese Betrachtung führt dann gar nicht zur Erkenntnis eines anderen, nicht des von Lestschinsky aus den Zahlen gedeuteten Schicksals der Juden: nicht Annäherung, sondern Parallel- Entwicklung, sodann aber nicht Eingliederung, s on ־ dern allmähliche Ausgliederung sind die Stichworte, die die Richtung der wirklichen Entwicklung charakterisicren. Aber auch das Ziffernmaterial selbst ist keineswegs geeignet, die von Lestschinsky dargestellten Etappen als Stufen einer Entwicklung im deutschen Judentum zu markieren. Das deutsche Judentum hat in dieser Zeit keine so einfach überblickbare innere Entwicklung genommen. Lest- *) Um so mehr ist zu bedauern, daß Lestschinsky fast den meisten der von ihm gebrachten Tabellen keine Quellenangabe hinzufügt, schinsky berücksichtigt noch den Zufluß, den das preußische Judentum zu Beginn des vorigen Jahrhunderts aus Posen eralten hat; er versucht auch, die Auswanderung aus Deutschland zu fassen (wenn auch nicht statistisch auszuwerten); die wirtschaftliche Umschichtung der Juden ist aber in zulänglicher Weise nur dann zu übersehen, wenn der enorme Abgang durch Taufe (und teilweise durch Mischehe) nicht einfach abgeschrieben wird und vor allem, wenn eine Behandlung der jüdischen Zuwanderung aus dem Osten und ihres Einflusses auf die berufliche und soziale Gliederung des deutschen Judentums erfolgt. Aber ohne Einbezichung von Auswanderung, Taufe und Mischehe und der ostjüdisenen Zuwanderung kann auch das zahlenmäßige Bild, das von der Berufsschichtung des deutschen Judentums gegeben wird, nicht annähernd als vollständig gelten. Endlich wäre noch ein Gesichtspunkt herauszuarbeiten, der für die behauptete ״Eingliederung“ der Juden in die ״Gruppen und Klassen“ der Nichtjuden von großer Bedeutung ist: der Tendenz der Einbeziehung der Juden in die Wirtschaft steht aut der anderen Seite eine Tendenz aut jüdischer Seite gegenüber, gerade in jüdischen Betrieben tätig zu sein, bei Juden Stellungen zu suchen, sich an jüdische Betriebe als Gesellschafter, durch ״Einheirat“ oder auf andere Weise anzulehnen. Der Textil- und Metallhandel beispielsweise war nicht nur aut der Unternehmerseite, sondern auch bei der Angestclltenschaft sehr stark jüdisch, und das Unterkommen von Juden in dem Angestelllenstand hat oft geradezu dazu beigetragen, jüdische ״Wirtschaftsinseln“ zu schaffen. Auch hier sind die Juden in der Statistik zwar richtig'in die Umweit eingeordnet, im Leben aber, in der Gesellschaft und heute im sozialen und wirtschaftlichen Kampf zeigt sich in vielen Gewerben, wie die ״Angleichung und Eingliederung“ nur sehr mangelhaft sein konnte. III. Lestschinskys Neigung, die fortschreitende Eingliederung der Juden in die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft nachzuweisen, entspricht einer sich durch die ganze Arbeit als Leitgedanke hindurchziehenden politischen Tendenz: dieses Buch gibt nicht nur Material, es geht vielmehr von bestimmten Anschauungen aus und will die Richtigkeit dieser Anschauungen durch Interpretation des Zahlenmaterials ״wissenschaftlicn“ erweisen. Lestschinsky ist — im Gegensatz zu einigen anderen, ihm sonst sicher zustimmenden jüdischen Gruppen — der Ansicht, daß sich Angleichung und Eingliederung der Juden in Richtung nach unten vollziehen; er konstatiert eine beständige Entwicklung in der Richtung einer ״Produktivierung“ der Juden, einer Umschichtung in den Stand der ״Lohnempfänger“ und dadurch eine Eingliederung in das deutsche Proletariat: ״Industrialisierung und Proletarisierung... in denselben Bahnen wie bei allen anderen Völkern... historisch vorgeschriebene Richtung“ (S. 13). Aber auch in diesem Bezirk geht Lestschinsky bei seiner Dcutung des Zahlenmaterials weit über die Grenze des Zulässigen hinaus. Was muß nicht alles herhalten, um diesen Begriff der ״Industrialisierung und Proletarisierung“ zu decken. Welche Uebertreibung liegt in der Anwendung dieser Termini, wenn man allein bedenkt, daß 1925 in Preußen von den 31,4 0;״ der jüdischen Lohnempfänger, die in der Industrie registriert wurden, 89,2 °/0 kaufmännische Angestellte waren! Die jüdischen Lohnempfänger nennt Lestschinsky ״die jüdischen Proletarier“, die 1925 schon fast die Hälfte aller Erwerbenden ausmachten (S. 87) und von da ab spricht er nur noch von dem ״jüdischen Proletariat“. Die Tabelle S. 113 zeigt nun, daß ingesamt 9,2 ״/o der Juden Arbeiter mit und ohne Berufsbildung einschließlich Heimarbeiter w׳aren. Ist es auch wirklich berechtigt, gerade die Kategorie der jüdischen Angestellten so primitiv einem jüdischen ״Proletariat“ zuzurechnen? Die Tatsache, daß man ein Gehalt bezieht, macht noch keinen Pro• letarier. Sogar die Tatsache, dal! das Gehalt sehr niedrig ist oder werden kann, macht noch keinen Proletarier. Gerade der Jude zeigt eine auffallende Neigung, eine selbständige Berufs- Stellung anzustreben; aus der jüdischen Angestelltenschaft gehen die Prokuristen hervor, die Chefs, die Mitinhaber und Teilhaber. Die Bewegung aus der Angestelltenschaft heraus aufwärts ist geradezu charakteristisch für die Juden (interessanterweise auch im heutigen Rußland, was eine besondere Problematik in den russischen Betrieben schafft); viel wichtiger aber noch ist, daß der jüdische Angestellte im allgemeinen weder eine proletarische Mentalität, noch ein soziales proletarisches Verhalten, insbesondere kein proletarisches Bewußtscin und dadurch bestimmtes politisches Verhalten zeigt. Es hängt ja zum großen Teil nur mit der Umbildung der Wirtschaftsformen, der Ausbreitung der Handelsgesellschaften und Aktiengesellschaften zusammen, daß zahlreiche früher selbständige Existenzen in der Kategorie der ״Angestellten“ erscheinen. Die jüdische Angestelltenschaft muß ohne Zweifel zum größten Teil sozial, politisch (und bis 1925 jedenfalls auch dem Einkommen nach) zur bürgerlichen Klasse gerechnet werden und Lestschinskys Terminologie erweist sich als eine petitio principii. Wenn Lestschinsky eine Untersuchung darüber, ״wie sich die Verhältnisse in der nahen Zukunft gestalten werden“ als ״außerhalb der Aufgabe“ seiner Arbeit nblchnt, so ist dies zwar doppelt bedauerlich, weil er uns auf diese Weise seine doch auf so guter Materialkenntnis fundierte Meinung vorenthält, dadurch allerdings auch der großen Schwierigkeit ausweicht, seine ausgesprochenen oder unausgesprochenen Grundthesen im Lichte der gegenwärtigen Entwicklung zu erweisen, kann aber über die von ihm prognostisch dargestellte und angestrebte Richtung nicht täuschen: er sieht und unterstreicht das jüdische Sonderschicksal und gleichzeitig eine Eingliederung der Juden in eine vom Proletariat bestimmte und geführte zukünftige Wirtschaft und Gesellschaft; er erstrebt Erhaltung der Juden in der Diaspora und doch Beseitigung ihrer Sonderstellung durch den Sozialismus. Welch innerer Widerspruch! Wie soll das Judentum bei Beseitigung seiner Sonderstellung, bei Angleichung und Eingliederung, zumal in einer sozialistischen, aut Assimilation der zersplitterten Nationalitäten gerichteten Welt, sein Ei gen sch icksal erleben und sich erhalten? Welcher Weg wird eigentlieh empfohlen — Angleichtmg und Eingliederung, oder Bewußtbleiben des eigenen Schicksals und Selbsterhaltung? Es ist zu befürchten, daß Lestschinsky, auch wenn er es versucht hätte, eine Harmonisierung der Antinomie nicht gelungen wäre. Ja, hätte Lestschinsky das jüdische Kulturproblem in seiner ganzen Tiefe, in seiner unausweichlichen Verknüpfurig mit dem wirtschaftlichen und sozialen Schicksal aufgedeckt, so hätte ihn das zu einer größeren Klarheit gezwungen. Selbst der von einigen Gruppen _ heute gesuchte merkwürdige Kompromiß eines spezifisch jüdischen religiösen Sozialismus besteht für den Materialisten Lestschinsky nicht. Das macht die Schwierigkeit seiner Position noch klarer. Er spricht von ״Angleichung“ tmd meint einen rein wirtschaftlichen und sozialen Vorgang; ist diese Angleichung denn nicht auch verbunden mit kultureller Assimilation? Er spricht von dem sozialen Aufstieg einer jüdischen Oberschicht; ist dieser Aufstieg nicht verbunden mit einer erschreckenden Flucht ans dem In seiner Sonderstellung verbliebenen Judentum? Er spricht von einer ״politischen und kulturellen Differenzierung des deutschen Judentums“; ist diese Differenzierung denn nicht auch eine politische und kulturelle Auflösung des jüdischen Volkstums — in gleicher Weise bei der Gruppe, deren sozialer Aufstieg sie in die herrschende Gesellschaft brachte und bei denen, deren sozialer Abstieg sic in das kämpfende Proletariat führt? Die Nichtübereinstimmung de*־ ökonomischen und sozialen ,Tendenzen mit der nationalen und kulturellen Problematik des jüdischen Lebens macht eben in diesem Bezirk das Wesen der Judentrage aus. Die Neigung Lestschinskys, das Judentum nur als einen Verband mit ökonomischem und sozialem Sonderschicksal zu betrachten und das kulturelle Schicksal nicht zur Debatte zu stellen, als ob es getrennte ״Schicksale“ geben könnte, ist eben eine auch in dfer Wirt- Schafts- und Sozialgeschichte unerlaubte Methode, wenn man nicht den inneren Widersprüchen zum Opfer fallen will. Es kann kein jüdisches Eigenschicksal ohne L.ua.t der kulturellen Sonderart geben und gibt keine Angleichung und Eingliederung ohne Aufgabe dieser Sonderart. IV. Lestschinsky empfiehlt dennoch den jüdischen Organisationen und Institutionen eine gewisse Sozialpolitik. S. 13 meint er: ״Es ist die Aufgabe der jüdischen Sozialpolitik, ihre Maßnahmen in dieser historisch vorgeschriebenen Richtung (der Industrialisierung und Produktivierung nämlich) zu lenken und nicht die Sonderstellung der Juden in der Wirtschaft zu fördern.“ Zu lenken? Ueberschätzt hier nicht Lestschinsky die Möglichkeiten einer planmäßigen Beeinflussung des jüdischen Geschichtsablauts in der wirtschaftlichen und sozialen Sphäre? Es tragt sich, aus welchen Motiven den Juden die vorgeschlagene Stellungnahme möglich wäre. Es scheint doch wohl ■klar zu sein, daß es jedenfals nicht Motive der wirtschaftlichen und sozialen Stärkung und Selbstbehauptung der Juden sein können. Immerhin ist doch die ökonomische Position des höheren Angestellten besser und gesicherter als jede folgende in sinkender Linie, von der echten prolctarisehen Situation ganz zu schweigen. Lestschinskys Einleitung über ״die gegenwärtige Krise im Leben der deutschen Juden“ (w׳omit natürlich allein der wirtschaftliche und soziale Vorgang gemeint ist) schildert den Niedergang des jüdischen Bürgertums und die besondere Auswirkung der großen Krise aut den jüdischen Bestand, mit einem kleinen Ausblick auf die politischen Aspekte, ganz ausgezeichnet; diese Einleitung ist ein besonders gutes und wichtiges Kapitel des Buches. Die jüdischen Bemühungen aber gehen naturgemäß dahin, die selbständigen Existenzen zu schützen, durch Kredithilfe und organisatorische Maßnahmen, durch Entwicklung des Genossenschaftswcscns und auf andere Weise. Der gegen die «den gerichtete Wirtschaftsboykott muß aber noch weiter- (ihren: die jüdische Qcffeiiflichkeit muß sich in einer Zeit, wo dem jüdischen Angestellten der Boden in den nichfjüdischeti V/irtschaftsbetrieben unter den Füßen weggezogen wird, mit einem dringenden Appell an die jüdischen Arbeitgeber wenden und sie wenigstens auffordern, Juden Arbeit und Brot zu geben. Nicht ״Anpassung und Eingliederung“ und ״Beseitigung der Sonderstellung“ ist die Abwehrmaßnahine der Juden, sondern: Halten der bestehenden Position und Einfügung in jüdische Gebilde, solange diese zu halten sind. Wenn es aber nicht Gründe des wirtschaftlichen Selbstbehauptungskampfes sind, die zu den Lestschinskyschcn Ratschlagen führen, dann liegen doch die Motive offenbar auf politischem Gebiet. Hier wird aber den Juden nur ein neuer Weg zur Emanzipation empfohlen. Soweit ehedem die liberalen Emanzipationstendenzen seit Anbeginn dieser Bewegung beispielsweise auf Eingliederung der Juden in die Landwirtschaft gerichtet waren (und Lestschinsky schildert dieses Bestreben und auch seine Erfolglosigkeit) und wie sie keinen Ausweg bieten konnten und wie auch die heutigen Versuche, etwa des Frontbundes, auf diesem Gebiet keinen Ausweg bieten können, weil die Eingliederung in die Land- Wirtschaft voraussetzt, daß der Jude bewußt die Position des städtischen Bürgertums verläßt, sieh in eine wirtschaftlich keineswegs gesicherte Stellung begeben und dabei in die deutsche Dorfgemeinschaft einglicdern müßte, die ihn, den Andersartigen, keineswegs aufnimmt, — genau so wird jetzt als Methode der Emanzipation vorgeschlagen, der Jude müsse sich in das Industrieproletariat eingüedem und in der proletarischen Revolution dann seine Emanzipation finden. Aber ebendieselben Gründe, die den Weg in die Landwirtschaft versperrt haben, weisen die Juden auch heute in andere Richtung. Warum aber kommt Lestschinsky nicht auf den Gedanken, Auswanderung zu empfehlen? Gewiß, die Weltwirtschaftskrise hat auch die Möglichkeiten der Aus- Wanderung im allgemeinen fast zunichte gemacht. Aber der Zionismus hat den Juden den Ausweg auf Einwanderung nach Palästina und die Errichtung einer eigenen. Wirtschaft, wirkliche (nicht scheinbare) Produktivierung, wirkliche (nicht scheinbare) Eingliederung, weil Eingliederung des Einzelnen in die eigene, nicht eine andere Volksgemeinschaft und der eigenen Volksgemeinschaft in die Völkerfamilie eröffnet. Für uns Zionisten führt eine Betrachtung von Lest־ schinskvs Arbeit zu ganz eindeutigen Erkenntnissen: alle Versuche, ein jüdisches Galuthleben zu verselbständigen, eine eigene und befriedigende soziale Entwicklung, die den Bestand des Judentums sichern und dennoch die Juden durch Eingliederung von der Galuth-Problerr.atik befreien soll, sind erfolglos. Selbst das wirtschaftliche Schicksal der deutsehen Juden zwingt sie, die jüdische Position zu kräftigen und zu erhalten und die jüdische Solidarität zu v־ermehren. Die Erkenntnis seines Geschichtsablaufs aber könnte dem deutschen Judentum die Augen öffnen über die Notwendigkeit, angesichts der Gefahr, zerrieben und vernichtet zu werden, einen neuen, einen jüdischen Ausweg zu suchen und seine Kräfte in den Dienst des Palästinaaufbaus zu stellen. Ein Andenken an Augusta Weldler-Steinberg. Neben Ihren Verdiensten um die Förderung der zionistischen Frauen- Arbeit und der KKL-Arbeit in der Schweiz hat sich die zu früh verstorbene Frau Dr. Weldler-Steinberg mit besonderer Intensität den Fragen der schweizerisch-jüdischen Jugend gewidmet, die sie zur Aktivität und zum Durchdenken des Zionismus erziehen wollte. Um ihr Andenken zu ehren, gaben mehrere zionistische Jugendbiinde in Zürich gemeinsam mit dem Jugendressort des Schweiz. Zionisten-Verbandes als Vermächtnis eine ״Rede an die j üdisch e J u gen d“ heraus (Verlag Haruach, Zürich-Wollishofen 1933). Die Schrift, verziert durch lebenswahre Bilder aus dem Wirken der Verstorbenen, enthält die schönen, eindringlichen Worte, die sie bei der Delegiertentagung — nicht Konstituierung, wie im Vorwort steht, die hatte im Februar 1928 in Zürich stattgefunden — des ״Verbandes der jüdischen Jugendvercine in der Schweiz“ 1m Herbst 1929 in Basel sprach. Wir freuen uns, daß dieser begeisterte Aufruf zum lebendigen Mittun der Jugena am Aufbau unseres Volks werk es in Palästina nicht verlorenging und jetzt vielleicht neue Erfolge zeitigen kann. Mit Frau Pr. weldler hat die jüdische Jugend in der Schweiz einen Menschen verloren, der sie aus ihrer sanften Unentschiedenheit in die Situation der Entscheidung führen wollte, der als Bewacher der Ideologie aufrüttelnd wirkte, wo es notwendig war. Der Glaube an das neue Zentrum, das die Jugendarbeit fruchtbringend beeinflussen muß, durchdrang Frati Dr. Weldler in ihrem ganzen Wirken und spricht aus dieser Rede an die Jugend. Die ״Jüdische Rundschau“ hat bei ihrem Ableben ihre Persönlichkeit gewürdigt, äusfiilirlicher geschieht es in der hier genannten Broschüre in dem Geleitwort von Riwkah Schärf, die als eifrige Mitarbeiterin Frau!Weldler unterstützte. L. R,