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Jüdische Rundschau · 1933-03-10 · Heft 20 (10.3.1933) · p. Seite 97

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 20 (10.3.1933)
Date
1933-03-10
Page
Seite 97 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20, 10. in. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 97 Weizmanns Rede ״ Wir haben in der vorigen Nummer über das am 2. d. M. von der britischen Sektion der Jewish Agency veranstaltete Dinner zu Ehren der Palästinafreunde im englischen Parlament berichtet. Bei der Veranstaltung waren etwa 100 Parlaments■ mitglieder unter 500 Gästen anwesend. Die Veranstaltung hat in der englischen Oeffentlichkeit große Aufmerksamkeit gefanden, und die großen englischen Tageszeitungen haben dar■ über berichtet. Wir haben bereits eine kurze Inhaltsangabe der Eröffnungsansprache D r, Weizmanns veröffentlicht und bringen nachstehend den nunmehr von der J.T.A. verbreiteten ausführlicheren Bericht über diese Rede. Red. Wenn ich, begann Weizmann, heute abend vor Freunden des Jüdischen Nationalhcims und des jüdischen Volkes spreche, kann ich nicht umhin, aut einen Aspekt der jüdischen Situation anzuspielen, der heute abend in unseren Gemütern den ersten Platz einnimmt: die schreckliche Lage, in der sich die Juden in Deutschland, nicht durch eigene Schuld, heute befinden. Ich freue mich, sagen zu können, daß der Präsident des Jewish Board of Deputies Ncvillc Laski und der Präsident der Anglo-Jewish Association Leonard ü. Montefiore sich uns in unserer Sympathie für die Juden in Deutschland in der Stunde ihrer Prüfung anschließen. Wir Juden, fuhr Weizmann fort, haben in der Vergangenheit Verfolgung genug erlitten, wir werden sie auch in der Zukunft erleben müssen, sie aber — vorausgesetzt, daß wir den Traditionen unserer Väter treu bleiben — überstehen. Deutsche Juden haben viel zu der wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen und wissenschaftlichen Entwicklung ihres Laudes beigetragen. Im Kriege brachten sie — wie die Juden in allen Ländern — Opfer für das Land, in dein sie leben und dem sie seit Generationen treu anhäugen; Opfer, die denen ihrer nichtjüdischen Nachbarn in keiner Weise nachstchen. Man hätte annehmen müssen, daß den Juden in Deutschland das Recht auf vollwertige Bürgerschaft im Staate, zu dessen Wohl sie so viel beigetragen haben, nicht mehr streitig gemacht werden wird. Wir Zionisten, die wir nach nationaler Freiheit streben und aufrichtig für das Recht jedesVolkesaufSelbstbestimmung eintreten, sind die letzten, die sich in die inneren Angelegenheiten anderer Völker einzumischen wünschten. Es braucht nicht erst besonders betont zu werden, daß das deutsche Volk vollkommen frei darin ist, sein eigenes politisches und soziales Leben so zu regeln, wie es dies fiir angemessen hält. Aber als Juden können wir nicht gleichgültig bleiben — und wir glauben, daß kein unvoreingenommener Beobachter, der Gerechtigkeit und fair play achtet, gleichgültig bleiben kann — wenn heute in einem großen Lande wie Deutschland, das mit Recht stolz sein kann aut seines Volkes hohen Kulturstandard, die wirtschaftliche und die politische Existenz aller jüdischen Bürger gefährdet ist durch eine Politik, die den Antisemitismus in seiner primitivsten — man möchte fast sagen mittelalterlichen — Form als wesentlichen Teil in ihr Programm aufgenommen hat. Es bedeutet einen schweren Schock für zivilisierte Menschen — mögen es Juden sein oder nicht — zu sehen, daß ein großes Volk wie das deutsche in seiner Haltung gegenüber einer kleinen, den Gesetzen des Staates treuen Minderheit der Staatsbürger in Barbarei zurückzufallen droht. Unseren Brüdern in Deutschland rufen wir zu: Habet Mut und Ausdauer. Unsere tiefe Sympathie ist mit euch, eine Sympathie, die von allen unseren Freunden in England Und von allen Freunden des Fortschritts' und der Humanität überall in der Welt geteilt wird. In der Stunde ihrer Prüfung sollen unsere jüdischen Brüder in Deutschland und die Juden in allen anderen Ländern, in denen sie trüben Vorurteilen ausgesetzt sind, und skrupellos den kurzsichtigen Zielen einer Parteipolitik geopfert werden, wissen, daß sie nicht allein stehen, sondern daß hinter ihnen die aufgeklärte öffentliehe Meinung, die nichtjüdische nicht weniger als die jiidische, in allen zivilisierten Ländern und besonders in England — dem England Balfours, Joseph Chamberlains, Disraelis — voll und ganz steht. Ich möchte nicht lange bei diesem schmerzlichen Thema verweilen — es ist um so viel schmerzlicher, als wir in diesem Augenblick nichts anderes tun können als warten — aber ich möchte noch ein Wort hinzufügen: das. Deutschland von heute ist ein An schauungsunterricht für die Juden in der ganzen Welt Dr. Weizmann ging nun zur Besprechung der Palästina •Frage über and führte aus: Palästina ist heute das einzige Land in der Welt, in dem ein Jude die freie Entwicklung seiner Kultur und seiner Lebensideale mit dem Erwerb seines Lebens- Unterhalts vereinigen kann. In Palästina brauchen wir uns vor niemand wegen unseres Andersseins zu entschuldigen. Und so ist Palästina nicht nur ein kleines Land, das einer Immer wachsenden Zahl Juden Heimat ist und Lebensunterhalt bietet, sondern es ist viel mehr, es hat auch mehr Bedeutung als lediglich die des Jüdischen Nationalheims. Palästina entwickelt sich allmählich zu einem Zen- *rum, das Kraft, Vertrauen und Tröstung an die geschlagenen jüdischen Gemeinschaften überall in der Welt ausstrahlt; in seinem Wachsen und Gedeihen liegt die Sicherheit, daß jüdischer Geist und jüdische Tradition nicht dem Untergang geweiht sind, sondern zu Dauer bestimmt sind. Ich bin glücklich, heute abend ein weit günstigeres Bild der Lage in Palästina zeichnen zu können, als ich dies in den letzten Jahren konnte. Nach Berichten der jüdischen und der nichtjüdischen Presse ist Palästina heute ein ״Eldorado“; in der Tat ist es nicht zu verwundern, wenn die Menschen in einer Zeit der Weltdepression, die so viele mächtige und reiche Länder bis in ihre Fundamente erschüttert, mit einem gewissen Staunen auf ein Land wie Palästina blicken, das der natürlichen Hilfsquellen bar isj, zudem unter beträchtlichen politischen Komplikationen zu leiden hat, nichtsdestoweniger aber der Außenwelt das Schauspiet einer glücklichen Insel bietet, die weder Arbeitslosigkeit, noch Einkommensteuer, noch Budget-Defizite kennt. Allein diejenigen unter uns, die mit der Lage in Palästina wohl vertraut sind und die Entwicklung des Landes seif Beginn des Mandatsregimes verfolgt haben, sind wahrscheinlich nicht geneigt, die Bedeutung der gegenwärtigen günstigen Lage zu übertreiben, wenn sie natürlicherweise auch hoffen, daß diese Lage unbeschränkt fortdauern wird. Wir wissen, daß beim Aufbau jedes neuen Landes Perioden der Depression mit solchen der Prosperität abwechseln, und daß es nicht richtig wäre, zeitweilige Rückschläge allzu ernst zu nehmen, ebenso wie es unerwünscht ist, einer ״Hausse“-Periode wie der gegenwärtigen übertriebene Bedeutung beizumessen. Jahre des Reichtums und Jahre des Entbehrens sind natürliche Phänomene in der Entwicklung eines jungen Landes. Eines aber kann meiner Meinung nach heute mit Zuversicht gesagt werden, das früher nicht gesagt werden konnte. Wir haben zwei Dinge bewiesen, die vor aller Welt zu beweisen wir uns vornahmen, als die Mandatspolitik cingcleitet wurde: erstens, Palästina kann aufgebaut werden; zweitens, Palästina kann <Iurch Juden auf gebaut werden. Weizmann kam dann auch auf Trantjordanien zu sprechen, er führte u. a. aus: Politisch ist Transjordanien, obwohl unter britischem Mandat, von Westpalästina getrennt; es ist ausdrücklich von denjenigen Bestimmungen des Mandats ausgenommen, die die Begründung des Jüdischen Nationalheims vorschen. Transjordanien, weit spärlicher bevölkert, dabei viel größer und fruchtbarer als Palästina, aber ohne jüdische Einwanderung, ist immer noch in die Fesseln der Armut geschlagen, ist vernachlässigt und bedarl bedeutender finanzieller Beihilfe seitens der britischen Regierung, um die Kosten seiner Verwaltung bestreiten zu können. Viele transjordanische Stämme sind dem Verhungern nahe. Die Juden wollen sich in den politischen Status Transjordaniens durchaus nicht ein mischen, allein der natürliche Gang der Entwicklung geht dahin, daß sich ihre Tätigkeit mit der Zeit von der Westseite des Jordan .־>u 1 ,׳ die Os'tseite ausdehnt, auf ein Land, das schließlich doch ein Teil Palästinas ist. Mit anderen Worten: Wenn auch die Balfour-Deklaration den Jordan nicht überquert, die Juden können es trotzdem tun. Ich möchte hinzufügen: picht in dem gleichen Geiste wie seinerzeit Joschua. Denn wir gehen nicht mit dem Schwert, sondern mit Pflug und Spaten. Hier bietet sich eine große Gelegenheit für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den beiden Völkern, eine Zusammenarbeit, von der die Zukunft dieser Länder abhängt. In den letzten Monaten wurden einige Versuche in der Richtung dieses wünschenswerten Zieles gemacht. Wir wissen, daß jede jüdische Tätigkeit in Transjordanien herzliche Beziehungen zwischen uns und den Arabern zur Voraussetzung hat. Ich kann nur sagen, daß kein in diese Richtung führender Weg unerkündet gelassen werden wird. Ungeachtet der politischen Agitation, die in diesem Zusammenhang gegen uns geführt wird, habe ich das Gefühl, daß die unerbittliche Logik der Tatsachen und der wirtschaftliche Druck aut beiden Seifen des Jordan schließlich zu einer Gemeinsamkeit des Strebens der Juden und der Araber führen wird. Ich brauche kaum zu betonen, daß eine solche Arbeit, besonders in ihrem Anfangsstadium, große Umsicht und Takt erfordert, aber ich bin sicher, daß es daran nicht fehlen wird, Wir sind, schloß Weizmann, jetzt am Ende eines Versuchsstadiums. Viele Jahre haben wir natürliche Hindernisse überwunden; in einem vernachlässigten Lande, dessen Wälder ausgerodet waren, dessen Wasser ungenutzt floß. Viel Geld war notwendig, um diese Hindernisse zu überwinden, wir haben seit Beginn unserer Tätigkeit nach dem Kriege 40 Millionen Pfund in Palästina investiert. Es müßte nicht mit natürlichen Dingen zugehen, wenn die Investierung einer so hohen Summe in einem unter britischem Mandat stehenden Lande nicht sichtbare Erfolge zeitigen würde, wenn dazu noch die mühevolle Arbeit unserer Pioniere kommt. Heute können wir sagen, daß die Früchte unserer Mühen sichtbar zu werden beginnen, dies trotz der dauernden Experten-Kommissionen, die die Pflanze mit der Wurzel herausreißen wollten, um sie zu besichtigen. Das Nationalheim ist heute fest verwurzelt, so daß in Zukunft den untersuchenden Geistern die Lust zu ähnlichen Experimenten vergehen wird. Xin. Kartelltat des K. J. V. Wir erhalten nachstehenden Bericht: Vom 25. bis 27. Februar 1033 fand in Leipzig unter größerer Beteiligung aus allen Teilen des Reiches, Insbesondere der jüngeren Bundesbrüder, der XIII. Kartelltag des Kartells Jüdischer Verbindüngen statt. Der Kartelltag wurde mit einer öffentlichen Kundgebung am Sonnabend Abend eröffnet. Die jüdischen Organisationen hatten Vertreter entsandt, welche den Kartelltag begrüßten. Es fiel hierbei auf, daß die jüdische Gemeinde in Leipzig ihre Beteiligung an der Kundgebung abgelehnt hatte. Auf der Kundgebung sprachen nach der Eröffnungsansprache des Präsidenten Dr. Paul Hirsch die Bundesbrüder Dr. S. K a 11 ow i t z ־ Berlin und Prof. Dr. S. Ros e n b a u m - Leipzig über das Thema ״Der Weg des deutsehen Juden“ und schilderten hierbei die augenblickliche Sittiation, in welcher sich die Juden in Deutschland befinden. Die Kundgebung klang in der Forderung aus, daß die zionistische Bewegung die Führung des deutschen Judentums im Kampf um seine Rechte übernehmen muß• Am Sonntag Vormittag fand nach der offiziellen Eröffnung des Kartelltages im Anschluß an ein Referat von Bbr. Dr. Herbert F o e r d e r - Berlin über ״Zionistische Politik in Deutschland“ eine Aussprache über Grundsätze und Mög- Iichkeiten zionistischer Politik statt In der Debatte kamen die verschiedenen heute im Zionismus über diese Frage bestehenden Anschauungen zum Ausdruck. In der Nachmittagssitzung hielt Herr Prof. Ci fron- Berlin ein Referat mit Lichtbildern über die Universität Jerusalem und forderte zur tatkräftigen Unterstützung des Deutsehen Verbandes zur Förderung der Universität Jerusalem auf. Die spätere Nachmitfagssitzung und der folgende Tag waren im wesentlichen inneren Fragen des Kartells, insbesondere Erziehungsfragen gewidmet. Dieser Teil der Tagung wurde eingeleitet durch einen vom Präsiden Bbr. Dr. Paul Hirsch- Berlin gegebenen Rechenschaftsbericht und ein Referat des Bbr. Franz B r ii 11 - Berlin über die zukünftige Kartcllarbeit. In dem Referat von Bbr. Brüll war als Programm für das künftige Kartell Jahr eine intensive zionistische Erziehung und Bewährung gefordert. Es wurden hierzu bestimmte Vorschlage erzieherischer und organisatorischer Art gemacht. In der Debatte nahm einen erheblichen Raum ein die grundsätzliehe Frage der Stellung deutscher Zionisten zur bestehenden jüdischen und hebräischen Kultur und ihren Formen. Referat ttnd Debatte haben eine Reihe von neuen Gesichtspunkten gegeben, die eine Fortsetzung der Diskussion und eine Bescltäftigung mit deren sachlichen Voraussetzungen veranlassen werden. Die Tagung schloß mit der Annahme einer Reihe von Resolutionen erzieherischer und organisatorischer Art. welche im wesentlichen den Vorschlägen des Referates von Bbr. Brüll folgten und mit der Wahl des neuen Präsidiums, welches sich jetzt aus folgenden Bundesbrüdern zusammensetzt: Dr. Paul Hirsch, Präside: Franz Brüll, Vizepräside; Rct. Rudi Abraham, Georg Hirsch, Hermann Jacobi, Dr. Konrad Jacobv, Ref. Hans Klee, Dr. Heinz Levinsobn, Emst Lewin, Gerhard Liebes, Dr. Hans Lipschitz, Ref. Karl Nathan, Dipl.-lng. Kurt Stein. Der ״A n g r i f f“ vom 1. März zeigt Tn seinem Inseratenteil eine von seinem Verlage zu beziehende angebliche U ebersetz ung des Talmud (232 Seiten in 6 Heften) an und empfiehlt sie seinen Lesern mit folgenden Worten: ״Was steht im Talmud? Neben langatmigen und baarspälterischen rituellen Regeln finden wir im Talmud verschiedene Anweisungen zum Betrügen, zur Beraubung und Ausbeutung der Nichtjuden; nach dem Talmud ist' alles Eigentum der Juden; weiterhin ganz deutliche Lehren, nach denen die Nichtjuden keine Menschen, sondern Vieh sind, deren l eben und Seele gänzlich wertlos ist. Jeder Nichtjndc muß den Talmud kennen!“ ״Deutsche Juden in Erez Israel" — die andere Seite Von Dr. Ernst Simon, Haifa. Der Artikel von Heinz Boß über deutsche Juden in Palästina (״Jüd. Rundschau“ Nr. 14) enthält keinen einzigen falschen Satz, bedarf aber einer Ergänzung. Gewiß: ״Es ist notwendig, gegen diesen Begriff (des Jecken), oder vielmehr gegen die ihn erzeugende Mentalität vorzugehen“, aber nicht n 11 r dadurch, wie Heinz Boß es verdienstvoll tut, daß man die deutschen Juden dazu anhält, ihre ״jeckenhaften“ Eigenschatten abzulegen, sondern auch dadurch, daß man den Geist der Ueberhebung über alles Westjüdische, der i!1 manchen ostindischen Kreisen Palästinas herrscht, auf seine psychologischen Wurzeln zuriiekführt und so unschädlich macht. Der ״dcutschsiichtige“ Ostjude im Lande, den B0B beschreibt, tritt nämlich nicht selten in iiberkompensierter Umkehrung auf und wirkt dann alles andere eher als deutschjudenfreundlich. Eine andere Quelle der gleichen Haltung ist ein ostjüdisches Ressentiment gegen westjüdische Assiniilanten, das oft aus bösen Erinnerungen an überhebliche Behandlung in Deutschland und anderswo stammt, sich aber nun unlogischerweise häufig auch gegen westjüdischc Zionisten wendet, die doch gerade jenen Assimilantengeist stets bekämpft haben. Ein denkwürdiges Beispiel dieser Haltung gab ein Haifaer Vortrag von Benzion Diinaburg, dem bedeutenden Elistoriker und Pädagogen, den ich den Lesern der ״jüdischen Rundschau“ bereits als Autor eine:- aus Quellcnstückeri zusaimnengesetzten ״Jüdischen Geschichte“ vorgestellt habe. Er sollte das Thema ״Die Zionsliebe in Ost und West“ behandeln, sprach aber in Wahrheit, wie einer der (russischjüdischen!) Zuhörer formulierte, über ״Zionsliebe im Osten und Zionshaß im Westen“. Moses Heß wurde überhaupt nicht, der Baron Rothschild nur gelegentlich seiner ungünstig beurteilten Identifikation mit der bevormundenden Administration genannt, ebensowenig fielen die Namen von Moritz Dorn, Heinrich Löwe, Rabbiner l)r. Ruelf und vielen anderen, welche die vorherzische westjüdische Zionsliebe repräsentieren, Bedenklicher noch als diese polemische Zuspitzung des 1 hemas aber war seine affekthafte Wertbetonung: anstatt in historischer Analyse das Schicksalsmäßige der westjüdischen Assimilation und des ostjüdischen Nationaljudentums zu zeichnen, wurden die (zum Teil leider gelungenen) Versuche jener Assimilation dargestellt, die Palästinaplänc der ostjüdischen Masse und ihrer Führer zum Scheitern zu bringen. Damit wird nicht nur ein historisches Verständnis von Assimilation und Chihbath Zion verfehlt, sondern auch der Blick auf die eigentümliehc Leistung des assimilierten Juden für den politisehen Zionismus versperrt, die Moses Calvarv — und Kurt Blumenfeld — meinten, wenn sie den Zionismus als ״ein Geschenk Europas an das Judentum“ definierten. Heilte freilich liegt die Tiefe des Problems eher in entgegengesetzter Richtung als der jener Definition. Wo, das lehrt etwa der Ausspruch eines Kollegen, der mir nach dem erwähnten Dünaburgschen Vortrag sagte: ״Ich verstehe jetzt, warum Im Brith Schalom vor allem Deutsche sind.“ Das Faktum selbst ist unbestreitbar; nur die Erklärung dürfte zu einfach sein. Die Funktion des — allerdings: hebraisierten! — Westjuden in Palästina ist närniieh keineswegs nur die vor allem technische und organisatorische, die Heinz Boß ihm zuweist. So viel er vom Ostjuden jüdisch zu lernen hat: oft hat er ihm auch jüdisch etwas zu geben. Gerade dadurch, daß er durch Europas Nationalismus und seine Kulturseügkeit bereits hindurchgcgangcn ist, vermag er häufig den Weg zu den höchsten jüdischen Werten leichter zu finden, als der oft noch mitten im Rausche der ״Normalität“ schwelgende Ostjude. Wir wollen uns nicht mißverstehen: ohne die unübertreffliehe Hingabe, ohne die elastisch sich immer wieder anpassende Entschlußfreiheit, die gerade aus dem Schicksalszwang des Ostjuden geboren wird, könnte Palästina nicht aufgebaut werden. Diese Grunderkenntnis muß jeder westjüdische Zionist besitzen und stets festhalteu. Sie darf ihn aber nicht zu einem Salto mortale aus seiner eigenen geistigen Existenzform heraus verleiten. Er soll Jude werden, nicht ,,Ostjude“. Auch der Ostjude muß Jude werden. Und gerade weil die Westjuden in Palästina immer in der Minderheit und manchmal ־— durch eigene Schuld und ohne eigene Schuld — isoliert sind, muß dieser Prozeß der gegenseitigen Annäherung jenseits des Majoritatsprinzipcs erfolgen. Wir sind keine Samaritaner, die von eien Volljuden in Judäa die Erlaubnis erbitten, am Bau des Tempels helfen zu dürfen. Jakob Wassermann feiert am 10. d. M. seinen 60. Geburtstag. Wassermann ist einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Romanschriftsteller, dessen erstes Buch, ״Die Juden von Zirndorf“, bereits jüdische Gestalten zum Problem macht und der sich immer wieder — dichterisch und essayistisch — mit seinem Judentum auseinandersetzte. In seinem Buche ״Mein Weg als Jude und Deutscher“ gibt er selbst ein Spiegelbild seines inneren Zwiespalts, den er nicht zu überwinden vermochte, weil er nicht die Stärke aufbrachte, sein jüdisches Wesen als die primäre Gegebenheit und die tiefere Schicht seines Wesens zu erkennen und zu bejahen. Zuweilen allerdings finden wir bei Wassermann Andeutungen einer andersgearteten Stellung zum Judentum, so z. B. in seinem 1912 erschienenen Buch ״Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit“, worin er ausspricht, daß der ״Jude als Orientale“ wieder Schöpfer sein könne, während er im abendländischen Bezirk der Gefahr des Literatentums anhcimfällt. Wir verdanken Wassermann meisterliche Schi!״ derungen jüdischer Dekadenz-Menschen, aber auch Stücke wie die großartige (von Gnessm ins Hebräische übersetzte) Schilderung der Sabbatai Zwi-Bewegung im Vorspiel zu den ״Juden von Zirndorf. Die Nachkriegsjahre mit ihrer Hochflut des Antisemitismus gaben auch Wassermann wieder Anlaß zur Stellungnahme. Er hat sich dabei mehrmals zu Aeußerungen hinreißen lassen, die vom jüdischen Standpunkt zurückgewiesen werden mußten, so z. B. wenn er es für richtig hielt, sich selbst als Abkömmling alteingesessenen fränkischen Judentums abzugrenzen von den eingewanderten barbarischen Ostjuden. Aber trotz saldier Entgleisungen darf nicht übersehen werden, daß es dem Dichter ernst ist um sein Judentum und daß er einen schweren inneren Kampf führt, eine repräsentative Figur der jüdischen Generation innerer Zerrissenheit, die unter günstigen Bedingungen auch produktiv werden konnte, aber keine jüdische Dauerposition darsteiler! kann. Als eine der bedeutendsten Figuren dieser — abgelaufenen — Epoche deutsch-jüdischen Lebens grüßen auch wir lakob Wassermann zu seinem 60. Geburtstag.

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