Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- Seite 98 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20, 10. III, 1933 Delegieriei&tag der österreichischen Zionisten Von unserem w. st.-Korrcspondenten. Wien, 7. März. Der diesjährige Parteitag der Zionisten Oesterreichs, der am 5• März staltland, war durch die Tatsache gekennzeichnet, daß der Präsident der Wiener Kultusgemcinde, Dr. Desider Fried mann, auf der Tagung den Vorsitz führte; wohl der erste Fah dieser Art in der Geschichte der zionistischen Bewegung. Am Vorabend, sprach zunächst Adolf Böhm in einer allgemein zugänglichen Versammlung in seiner gewohnten sachlichen Weise über ״Die gegenwärtige Lage in Palästina“, worauf der nationaljüdische Abgeordnete des tscliechoslowakischeu Parlaments, Dr. Angela Gold stein aus Prag, das rhema ״Das Judentum in der Weltkrise und der Zionismus“ überaus packend behandelte. Die Referate und Diskussionen der Tagung standen durchaus im Zeichen ernsten Verantwortungsgefühis, da man sich in den zionistischen Kreisen Oesterreichs keiner Täuschung über die Möglichkeit einer ähnlichen Situation wie in Deutschland hingibt, aber andererseits auch der Sieg bei den Kultusgemcindewahlen Probleme aufgeworfen hat, die infolge der würgenden Wirtschaftsnot höchste Anforderungen an die zionistischen Mandatare und an die gesamfe Zionistische Organisation stellen. Das von Dr. Friedmann erstattete Referat über die Kulfusgemeiiuie zeigte die eigenartige Konstellation einer in sich nicht homogenen 710nistischen Majorität, die einer erbitterten Opposition gegenubersteht, ■welche seihst vor einer Zerreißung der Gemeinde nicht zurücksehrcckt, wobei sie auch noch von der A^udah unterstützt wird, die ihrerseits die Unterstützung christlicher, klerikaler Machtfaktoren zur Umänderung des Einhcitsgemcindegcsei/es zu erlangen sucht; auch’ die Parole, die Zahlung der Kultussteuer möglichst hinausznschicben, wurde ausgegeben. Bei der Konstituierung haben die Zionisten seinerzeit Konzessionen gemacht, um das ihnen wichtige Unterrichtsressort in die Hand zu bekommen. Aut zwei Gebieten sind denn auch schon bedeutsame Erfolge zu verzeichnen, in bezug aut die Demokratisierung des Wahlrechtes und bei der Bildung des Oemeindebunds. Der Bericht des Kultuspräsidenti'ii an seine Wähler und Mitarbeiter klang in den .Appell aus, mit Ruhe und Vertrauen die planvolle "und kontinuierliche. Umgestaltung der Knltnsgeincimle zu unterstutzen, um nicht durch Ungeduld die Hoffnung der Gegner, auch in Wien werde die zionistische Majorität nur eine Eni- •ode sein, 711 stärken. Der Rechenschaftsbericht, den der Präsident der Landes- Organisation Dr. Oskar Grünbaum erstattete, zeigte einen machtvollen Aufstieg der Bewegung, der in erster Linie der Opterfreudigkeit und Hingabe des Berichterstatters selbst zu danken ist. Die Zahl der im Landesverband organisierten, also Allgemeinen Zionisten ist heute weit höher als' die samtheiter anderer Gruppen zusammen. Ihre finanziellen Leistungen übersteigen hei den Aufwendungen für die Alijah auch noch dieses Verhältnis, Jn der Generaldebatte waren vor allem die Anregungen wertvoll, die Dr. Fritz Ul! mann, der als Vertreter der tschechoslowakischen Zionisten am Delegiertentag teilnahm, vorbrachte•, die Frage der Einheitsstcuer wird gründlieh erwogen werden. Das Problem des Territorialverbandes, welches von Dr, Grünbaum schon wiederholt aufgenommen wurde, dürfte erst nach dem 18. Kongreß ernstlich in Angriff genommen werden. Die Gegensätze zwischen den zionistischen Gruppen, besonders zwischen den Allgemeinen Zionisten und Revisionisten, die־ bisher in der Kultusgemeinde reibungslos miteinander gearbeitet haben, sind wesentlich geringer geworden; es ist anzunehmen, daß auch mit den Radikalen ein Einvernehmen erzielt werden wird, da hier mehr persönliche Verärgerung aus der Zeit der Kiiltuswahlkämpfe als sachliche Differenzen den Eintritt in den Landesverband hindern. Der Kulturarbeit und der Hebraisierung waren die ausgezeichneten Referate von Dr. Rimalt und Dr. Ch. Tartakower gewidmet, so daß der Mangel, den seit jeher die Tätigkeit der Österreichischen Zionisten aufweist, deutlich genug fühlbar wurde, um in Zukunft ernsthafte Bemühungen aut diesen Gebieten zu fördern. Erfreulich wirkte die Fest- Stellung, daß die Wiedergewinnung der Jugend in letzter Zeit große Fortschritte gemacht hat; andererseits muß aber für diese Jugendlichen, die von den marxistischen Parteien umworben und verwöhnt werden, mehr geschehen; die Gründmig eines Jugendheimes ist ein dringliches Gebot. Die dankbare Anerkennung, die Dr. G r ü n b a 11 m s erfolgreiche Tätigkeit fand, veranlallte ihn und seine treuen Mitarbeiter von ihrem Vorhaben, nicht wieder die Leitung zu übernehmen, abzugehen und sich wiederum an die Spitze des Landcskrmiitces zu stellen, verstärkt durch neue, unverbrauchte Menschen die vornehmlich dem ״Herzl-Klub“ angehören, so daß die in diesen kritischen Zeiten notwendige Kontinuität gewahrt bleibt und doch für Auffrischung gesorgt ist. Agency ״Arbeit in Schlesien Die Aktion des Keren Hajessod in Schlesien, über die an dieser Stelle schon berichtet wurde, nahm nach erfolgreicher Arbeit in Breslau und Beuthen ihren wirkungsvollen Fortgang in Veranstaltungen der Keren Hajessod-Komitees in Hindenbürg, Oppeln und Ratibor. ln Hindenburg fand am 5. Februar eine Kundgebung des Keren Hajessod unter Leitung von Herrn Direktor Mandowsky statt. Zunächst setzte sich R.-A. Foerd er aus Breslau in seinen Ausführungen mit den Gegnern des Palästina-Aufhaus auseinander und betonte die einigende Kraft des Aufbau-Werkes. Dr. Michael T raub schilderte ״Jüdisches Wirtschaftsschicksal in Osteuropa, Deutschland und Palästina“, um dann die Bedeutung des aufblühenden Palästina vor einem aus allen Kreisen stammenden und lebhaft interessierten Publikum an Bildern und Zahlen aus dem modernen Jischusv zu entwickeln. Die tiefbewegte Stimmung des Abends fand ihren Ausdruck in einem glänzenden Resultat der nach dem Abend durchgeführten Zeichnungsaktion. Auch in Oppeln und Ratibor dasselbe Bild aufgeschlossen lauschender Menschen, ln Oppeln fand neben der öffentlichen Veranstaltung auch ein gut besuchter Abend im Hause von R.-A. Dr. Deutschmann statt. In diesen Städten sprach Dr. Traub über ״Palästina 1933 — Tatsachen und Entwickiungsmöglichkeiten“ und über ״Weltwirtschaftskrise und Judenfrage'‘. In aiien Städten gaben die Veranstaltungen Anlaß zu angeregten Diskussionen über Einzelfragen des Palästina-Aufbaus. Die im Zusammenhang mit den verschiedenen Vorträgen eingeleitete Keren Hajcssod-Arbeit brachte besonders beachtliche Erfolge. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage ist es in atlen Städten gelungen, nicht nur dem K. H. neue Zeichner zuzuführen, sondern auch bei vielen bisherigen Zeichnern erhöhte Zeichnungen zu erzielen. Als besonders erfreuliche Tatsache muß verzeichnet werden, daß in immer steigendem Maße zionistische und nichtzionistische Freunde des Keren Hajessod ihre Persönlichkeit in den Dienst der Sache stellen, um die Juden in ihrer Gesamtheit immer mehr zur Gestaltung ihres Schicksals autzurufen. Entarteter Chassidismus Von unserem Korrespondenten. h. 1. Prag, 6. März 1933. Am 15. März wird in Munkacz (Karpathorußiand) die Hochzeit der Tochter des dortigen Wunderrabbis Spira mit dem Sohne des Rabbiners von Siedlec (Polen) gefeiert. Die hiesige Presse beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit diesem ״Ereignis“, insbesondere mit den kostspieligen Vorbereitungen der Hochzeitsfeier, die einige Tage in Anspruch nehmen soll. Die Hochzeit selbst wird an einem Tage gefeiert, während der darauffolgenden Woche werden Segenssprüche und Begrüßungen der vielen Gäste — man spricht von einer in die Tausende gehenden Zahl — erfolgen. Die Kosten der Hochzeit werden an 10D 000 Mark betragen, die die Anhänger des ״Wunderrabbi“ beisteuern müssen. Diese immense Summe erregt selbstredend Aufsehen und berechtigten Unmut, zumal die fürchterliche Not, unter der gerade die karpothorussischen Juden zu leiden haben, im jetzigen Winter weiter angestiegen ist. Diese unzeitgemäße Feierlichkeit in Munkacz hat wieder einmal blitzartig die unhaltbaren Zustände erhellt, die im Osten der Tschecho- Slowakei unter den Massen herrschen, die noch in einem mittelalterlichen Untertänigkeitsverhältnis zu ihrem ״Wunderrabbi“ stehen, der selbst seine Macht in skrupelloser Weise mißbraucht. Wir haben bereits öfter in der ״J. R.“ berichtet, mit welch fanatischem Haß diese Kreise der Orthodoxie alle Regungen verfolgen, die Licht in ihr finsteres Reich zu bringen versuchen, wie sie das moderne hebräische Schulwerk und die zionistische Bewegung in Acht und Bann legen, anläßlich von Wahlen den nichtjüdischen, antisemitischen tschechischen Agrariern Hilfe leisten 11. dgl. mehr. Nim beschattigen sich auch die nichtjüdischen Zeitungen mit der Tätigkeit dieser Kreise. So schreibt das offiziöse Organ der Prager Regierung, die ״Prager Presse“, über die u n - haltbaren Zustände in Karpathorußiand, die noch dadurch verschärft wurden, daß sich hier durch Jahre hindurch zwei Wunderrabbis als Konkurrenten auf das hitzigste bekämpften; Im Osten der Republik ist das unheimliche Treiben des beiderseitigen Gefolges von erbitterten Rivalen zum bösen Verhängnis geworden. Nicht der Chassidismus ist schuld mit seinem Glauben an die Macht der Wundertäter, mit seiner Verzückung und Hingabe. Aber der Inhalt hat sich verflüchtigt. Seine Visionen und Legenden sind für den Westen Literatur geworden, während drüben im Osten ein neues jüdisches Geschlecht andere Wege suchte und fand. Nicht auf die Heiligung des göttlichen Namens kommt es an, sondern auf dem Chilul haschem, seiner Entweihung ist hier eine Welt aufgebaut. Vor einigen Jahren gab es in der großen Synagoge von Munkacz eine regelrechte Cheremverhängung (Bann) mit Thorarollen, Schofarblasen, geschwärzten Kerzen und haßerfüllten Formeln. Die betroffenen Beizer rächten sich noch in derselben Nacht bei vertauschten Rollen in einem ihrer Bethäuser. Oder ein anderes Bild: In der Gemeindestube von Munkacz gab es ungefähr vor einem Jahre eine unglaubliche Debatte. Einige Mitglieder, Anhänger des Rabbiners Spira, verlangten die Umbenennung von zwei Kommunikationen, und zwar der Jehuda Halevy- und Chajim Naclimann Bialik-Gasse. Nach der Auffassung des Rabbi sei der eine zeitlebens ein Sünder gewesen, der andere ein berüchtigter Thoraleugner. Eine derartige Lassagung von allem Anstand ist keineswegs auf bloße Ignoranz zurückzuführen. F11 frischer Erinnerung ist noch jener abstoßende Fall, der sich beim Begräbnis eines — übrigens frommen und thorakundigen — Gegners von Spira abgespielt hat. Das Ausspucken vor dem Sarge mochte durch die Erklärung des an geklagten Seelsorgers dahin abgetan sein, daß keine beleidigende Absicht, sondern durch Erkältung verursachter Husten vorlag. Die Tatsache aber, daß das Rabbinerkollegium eine gewisse Anwendung von Steinen und Niederlegung eines geschlachteten schwarzen Hahnes am Grabe des wehrlosen Geächteten anordnete, spricht Bände. Hier angelangt, ist man erst halbwegs in der Latte, sich in diesem Kreise seelischer Verfehlungen ein System von Ursachen und Wirkungen zurechtzufinden. In erster Reihe taucht die Frage auf, wie beschaffen die tiefgläubige Gemein- Schaft ist, in welcher jene Cliquen ihr Unwesen treiben dürfen. Und da sieht man: Reiche Leute, aber auch!deine Kaufleute, Krämer, Handwerker, Droschkenkutscher, Tage- Iöhner, vor allem aber solche, die keinen Erwerb haben, Luftmenschen. En kernach, en thora,— wo es kein Brot gibt, fehlt auch die richtige Thorawissenschaft. Gilt vielleicht dieser Satz in Munkacz verkehrt, herrscht hier vielleicht soviel Elend, weil die Thora in ihrem wahren Wesen unbekannt ist, ihre Deuter abscheuliche Wege der gegenseifigen Denunziation bei den Behörden verfolgen und durch abgefeimte Winkelzüge zerstörende Unruhe schaffen? Und die Not in den Judengassen von Munkacz ist groß; sie ist so tief verankert, daß sie nicht plötzlich gebannt werden könnte, selbst wenn das Prager Hilfskomitee mit zehnfachen Mitteln ausgestattet wäre, wenn die Wizo, der Joint mit seinen Anstalten und alle anderen guten Geister diesem Ghetto noch mehr beistünden. Aber mitleidige Tränen genügen hier nicht. Solange man jüdische Menschen so erziehen darf, und jüdische Gemeinden so verwaltet werden wie es in Munkacz der Fall ist, solange statt sozialer Maßnahmen den ärmsten Massen für jedes Kilogramm Fleisch 3 Kronen Religionssteuer abverlangt werden, solange wird jede Hilfe nur symptomatisch wirken. Im Bereiche dieser Macht der Finsternis ist es möglich, statt für ratlose Väter, verzweifelte Mütter und hungernde Kinder, protzige Sammlungen für die Mitgift einer Rabbinerstochier zu veranstalten, deren Höhe vielleicht übertrieben wird, deren Tatsache jedoch unbestritten das Herausforderndste ist, was sich bisher das dunkle und dünkelhafte Munkacz geleistet hat. Es wäre durchaus verfehlt, für diese beschämenden Zustände die Orthodoxie verantwortlich zu machen. Nicht nur Beiz und die ״gottlosen“ Zionisten, sondern auch ganz hervorragende Größen des gesetzestreucn, nüchternen Judentums strengster Observanz wurden bereits von Rabbi Spira des öfteren verketzert. Wenn man einen Vorwurf erheben kann, so beschränkt er sich darauf, daß orthodox־e Autoritäten und Verbände zum Beispiel die Verunglimpfung von lebenden und toten Gelehrten und Dichtern geduldet und dadurch eine Verwilderung sondergleichen und Entwürdigung der Lehre einreißen ließen. Eine große Verantwortung gerade in diesen Tagen! Um so höher ist der Kampf jener jüdischen Kreise von Karpathorußiand cinzuschätzen, die sich inmitten dieser Kräfte intoleranten Aberglaubens zusammengetan, ein Bollwerk aufrecht strebender Kultur geschaffen haben. Das hebräische Gymnasium in Munkacz hat dem Ansturm der entfesselten Reaktion standgehalten und stellt mit seinen 300 Schülern eine große Leistung dar. Es ist ein Lichtstrahl in diesem karpathorussischcn Dunkel, der von Jahr zu Jahr an Stärke gewinnt. Von hier aus droht dem Mittelalter des Wunderrabbi Spira die größte Gefahr. Duisburg. Bel der Wahl des Vorstandes der Gemeinde- Vertretung wurde Frau Anna L e v y (zion.) zur ersten Vorsitzenden gewählt. Das ist der erste Fall, daß eine Frau .erste Vorsitzende .einet jüdischen Gemeindevertretung ist, Zur jüdischen Wirischaftskunde I Von Mark Wischnitzer. I Die Sektion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen I Wissenschaftlichen Instituts in Wilna hat nach vierjähriger I Unterbrechung im Jahre 1932 den zweiten Band ihrer Schrif. I ten hcrausgebracht*). War im ersten Bande der Akzent auf I Statistik und Wirtschaft gelegt, so wird im zweiten die I Statistik in einem weit geringeren Maße berücksichtigt. Fünf I von elf Beiträgen sind jüdischen wirtschaftsgeschichtlichen I Problemen in Osteuropa gewidmet. Dr. I. Schipper schildert I an Hand umfangreichen Aktenmaterials den finanziellen Zu- I sammenbruch der jüdischen Autonomie in Polen. Zum Aus- I gangspunkt seiner Betrachtungen wählt er mit Recht das I dritte Jahr der Kosakenerhebung Chmielnizkis (1650), die I das polnische Reich in seinen Grundfesten erschütterte. Auch I die jüdische Bevölkerung vermochte es nicht, sich von den I Schlägen zu erholen, die den polnischen Staat getroffen hatten. Die Organe der jüdischen Selbstverwaltung, der Waad und die Provinziahvaade, sahen sich gezwungen, Anleihen aufzunehmen zur Deckung der steuerlichen Fehlbeträge und Bestreitung der kulturellen und sozialen Bedürfnisse der Gemeinden. Im Verlaufe eines Jahrhunderts wuchsen die | Schulden des jüdischen Gemeinwesens auf über zwei Millionen Zloty an. Die aus fiskalischen Gründen von der Regierung ins Leben gerufene jüdische Autonomie wurde vom Reichstag 1764 abgeschafft und durch direkte persönliche Besteuerung ersetzt. Für die Juden war der Waad mehr als eine Steuern regulierende und einnehmende Instanz gewesen. Sie verloren in ihm ihre geistige Führung. Dr. E. Ringel blum veröffentlicht die Statuten der jüdischen Schnciderzunft in Plozk, ein geschichtliches Dokument aus dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, das, wie die von mir vor einigen Jahren bearbeiteten Statuten der jüdischen Handwerker in Kejdany (Litauen), die Fragen der Konkurrenz unter den Znnftmitgliedern bzw. der Maßnahmen zu deren Verhütung, behandelt. Das letzte Wort über die jüdische Zunftverfassung in Osteuropa ist noch nicht gesprochen (vgl. meine Abhandlung in der Vierteljahresschriit für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1927), es harren noch manche Zunftbücher ihrer Veröffentlichung. Ringelbiums Beitrag Ist daher besonders willkommen. Simon Dubnow bringt einige Auszüge aus dem handschriftlichen Gemeindebuch (Pinkas) seiner Vaterstadt Mstislaw. Man schrieb das Jahr 1808. Tausende von jüdischen Familien waren aus den Dörfern, wo sie sieh als Schankwirte und Pächter durchgeschlagen hatten, vertrieben. Das Gemeindebuch von Mstisiaw unterrichtet über die Auswanderer, die sich in das Gouvernement von Ekaterinoslaw und Cherson, wo die Regierung eine judensiedlung eingeleitet hatte, begeben wollten, über deren Zahl und Zusammensetzung nach dem Geschlecht, über die Hoffnungen, die sie erfüllten, und über die Vorbereitungen zur Uebersiedlung. Ein rühriger jüngerer Historiker, Dr. Weinryb In Breslau, hat in Warschauer Archiven Namenlisfen von Fabrikbesitzern des Königreichs Polen aus dem Jahre 1867 aufgestöbert und versucht, an Hand dieses Materials den Anteil der Jaden an der Industrie des Landes abzuschätzen, wohlgemerkt der Unternehmer und Pächter, nicht der Arbeiter. Von 977 Fabriken waren, wie mit ziemlicher Sicherheit ermittelt werden konnte, 239 (34.5 ״/o) in jüdischen Händen und beschäftigten 7919 Arbeiter (38,2 %). Sehr interessant ist der Aufsatz von Dr. Landau, Poniewiesch, über den Anteil der russischen luden an der Entwicklung des Kredits und Verkehrs. Der Verfasser schiidert die Rolle der russischen Juden in Eisenbahnbau, Schifffahrt, Versicherungswesen und Bankfach. Man staunt über die ungeheure Entfaltung von Energien, die sich erst in den. sechziger Jahren, in der Periode des politischen Liberalismus, zu regen beginnen und bis zum Ende des Weltkrieges wirken. Dr. 1. Goldberg, der im sechsten Band der Encyclopacdia judaica die Monographie über Juden in Finanz- und Bankwesen der Welt geschrieben hat, liefert als Gegenstiiek zu Landaus Darstellung eine Uebersicht der Leistungen der Juden in England und den Vereinigten Staaten im Finanz- und Bankwesen. Die Juden in der Filmindustrie behandelt J. Klinow. Sie treten in gleichem Maße als Unternehmer, Regisseure, Darsteller und Verfasser auf. In den Vereinigten Staaten sind von den führenden Firmen Gebr. Warner und Adolf Zucker (Paramonnt) zu nennen. Maßgebende Bedentung haben nicht so sehr deutsch-jüdische wie Osteuropaische Einwanderer auf diesem Gebiete. Die Behauptung, daß die Kinoindustrie in Amerika nicht weniger jüdisch ist als die Nadclindustrie, scheint durchaus berechtigt zu sein. Klinow kann in Deutschland keinen starken jüdischen Einfluß im Großunternehmertum feststellen, hier sind es die mittleren Unternehmen, die zum großen Teil in jüdischem Besitz sind. Dr. Alfred Marcus, durch seine Untersuchungen über die Berufsschichtung der deutschen Juden bekannt, liefert eine Studie über Juden im deutschen Unternehmertum, und zwar im Metallhandel, Bankwesen, Textilwirtschaft und Getreidehandel. Mit Ausnahme der Textilwirtschaft läßt sich auf allen Gebieten Schrumpfung nachwcisen. Auf die Ursachen׳ dieser Entwicklungstendenz kann hier aus Raummangel nicht eingegangen werden. Ich möchte noch zwei statistische Arbeiten — über Zahl und Verteilung der Juden in U. S. A. von Dr. H. Frank, New York, und über die Kriminalität der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung in Polen von Prof. L. Hersch, Genf, dem wir manche statistische Untersuchungen verdanken — vermerken. Ferner sei auf einen Aufsatz hin■' gewiesen, der die Leser der ״Rundschau“ besonders interessieren dürfte, über ״Die Hauptfonds für Palästina“ von S. Mais lisch. Auf Grund von statistischen Tabellen wird ein Bild von den Eingängen des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth vermittelt. Dem Herausgeber Jakob Lestschinsky gebührt volle Anerkennung für die Zusammenstellung des Werkes. In der Einleitung wird von ihm die Frage aufgeworfen, ob von einer spezifischen jüdischen Wirtschaftsform die Rede sein kann und ob es nicht richtiger •wäre, von der Betätigung der Juden in der Wirtschaft der Völker, unter denen sie leben, zu sprechen. Lestschinsky führt aus, daß, wenn es ein besonderes, von den Juden geschaffenes wirtschaftlichsoziales Gebilde gegeben haben soll, wie manche glauben, so ist es dem Veriall preisgegeben und dürfte unter dem Druck der neuen Wirtschaftsordnung verschwinden, oder aber seine Formen ändern und sich den neuen — kapitalistischen oder sozialistischen — Bedingungen anpassen. Das Thema, das in den weiteren Veröffentlichungen des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts zur Bearbeitung stehen soll, kann auch, meiner Ansicht nach, nicht lauten: Die Wirtschaft der Juden, sondern vielmehr: Die Juden im Wirtschaftsleben, wobei natürlich gewisse Besonderheiten zu berücksichtigen sein werden, die sich aus der Sonderstellung in Vergangenheit und Gegenwart und den dadurch bedingten psychologischen Eigentümlichkeiten herleiten lassen. •) Schriften zur jüdischen Wirtschaftskunde, Bd. II, her. von Jakob Lestschinsky, ,Wilno 1932, XV. 2QQ S, 4®.