Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 96 JÜDISCHE RUNDSCHAU glühender Jude, der an eilen jüdischen Dingen Inneriten Anteil nahm und hierbei sogar seine ״Objektivität“ zu verlieren pflegte. Sein Interesse an jüdisch-geistigen und politischen Angelegenheiten war so Intensiv, daß ihn Jede — auch scheinbar geringere —- Frage zur Stellungnahme bewog. Er war einer jener seltenen vorbildlichen Leser der ״Jüd. Rundsebau״, der von der ersten bis zur letzten Zeile alles las und seine — zustimmende oder abweichende — Meinung oder seine Glossen äußerte. Die Position der Juden in Palästina emp* fand er durchaus als seine eigene Angelegenheit, er fühlte *ich mi. dem Lande verbunden und immer stärker wurde seine Sehnsucht, nach Palästina zu fahren. Die bereits mehrfach geplante Reise mußte stets aufgeschoben werden, und jetzt endlich ■gelang es, auch durch Mithilfe palästinensischer Freunde, alle Schwierigkeiten zu beheben, die Sclüffskarten für die ״Vul• canla“ am 5. April waren bereits bestellt. Koigen befand sich in einer gehobenen und freudigen Stimmung und er — der sich nur schwer zur Zeitungspublizistik entschloß, hatte für die ״Jüdische Rundschau“ mehrere Artikel aus Palästina zugesagt, deren Gerippe und Problemstellung in seinem Geiste schon fertig war. ״Diesmal aber wirklich“ — so versprach er uns. Er kann das Versprechen nicht erfüllen. Mit einem Lächeln auf den Lippen ist er, der häufig mit der Ruhe des echten Philosophen vom Tode gesprochen hatte und aut ihn gefaßt war, aus dem Leben geschieden. Seinem (gerade nach dem Abitur stehenden) Sohn und seiner Gattin, Frau Helene Koigen, die als Führerin und Lehrerin eines Berliner Kreises der Jüdischen Frauenarbeitsgemeinschaft verehrt und geliebt wird, wendet sich die innige Teilnahme der jüdischen Oeffentlichkeit zu. Mit ihnen haben wir alle einen großen Verlust erlitten. Die Wissenschaft und das jüdische Volk werden sein Werk bewahren. Die persönlichen Freunde aber werden diesen tiefen und zugleich heiteren, Wissenschaftlieh denkenden und zugleich menschlich fühlenden, mit eigenartigem Charme begabten Menschen, den eine ihm nahestehende Person kürzlich ״Denker und Kind zugleich“ gemnnt hat, nicht vergessen. Robert Weitsch. ♦ Prof. Dr. David Koigen, der am 27. Oktober 1870 in einem ukrainischen Ort geboren wurde und an den Univcrsiden Berhn, Bern, Zürich, München und Paris studierte, lebte bis!013 a s Privatgelehrter und Schriftsteller in Berlin, wurde dann als Professor an die Universität und die Handeishochschu!e in Kiew berufen und lebt seit 1021 wieder in Berlin. Er veröffentlichte eine lange Reihe von Arbeiten soziologisehen, geschieht«- und kulturphüosophischen Inhalts, von denen genannt seien: Zur Geschichte der Philosophie und Sozialphilosophie des Junghegelianismus; Die Kulturanschauung des Sozialismus; Ideen zur Philosophie der Kultur; Die Kultur der Demokratie; Der moralische Gott; Apokalyptische Reiter (Aufzeichnungen aus der jüngsten Geschichte); Entwurf zu einer Soziologie der russischen Revolution; Der sozio- 10gische Feidbegriff u. v. a. Er war Begründer der •Zeit- VPr s,oziologie und Kulturpliilosophie ״Ethos“, die seit * , ey?*£e Ja^re erschien. Auf den Soziotogenkongressen ist er als Referent und Redner hervorgetreten, die offiziellen Protokolie enthalten seine Reden. Zu erwähnen ist auch sein Reer iüdische Religion auf der jüdischen liberal-religiösen wc.ikonferenz in London 1930. Die Besorgnisse der englischen Juden London, 6. März. (J.T. A.) In der am 5. März abends in London abgehaltenen Sitzung der Anglo-Jcwish Association hielt der Präsident der Association, Leonard O. Montefiore, eine Ansprache, in der er sagte: Ich habe das Gefühl, daß ich mit den! Ausdruck meiner tiefsten Besorgnis hinsichtlich der Lage der Juden in Deutschiand nicht zurückhalten darf, einer Besorgnis, die von all jenen geteilt wird, die die letzten Aeußerungen des Nattonalsoziaijsmu* vernommen haben. Es ist wahr, daß der Reichskanzler Hitler in seiner Königsberger Rede keinen speziellen Hinweis auf die Juden machte, desto deutlicher aber sprach sein Freund Herr Goebbels, der sich in seiner die Rede des Reichskanzlers einleitenden Ansprache dahin ausgelassen hat, daß die deutsche Bauernschaft unter dem Druck der jüdischen G e I d v e r 11 i h e r stöhnt; eine Behauptung, die in Anbetracht des Umstandes, daß den Bauern ein Moratorium bewilligt wurde, daß die meisten Geldverleih- Institute halbruiniert sind und daß das Geldverleihgeschäft in Deutschland heute weniger denn je eine jüdische Domäne ist, durch nichts begründet ist. Neville L a s k i, Präsident des Jewish Board of Deputiej, sagte darauf: Es ist heute das erstemal, daß ein Präsident des Jewjsh Board ot Depuiies auf Einladung des Council der Angio-jewlsh Association einer Tagung der Association beiwohnt. Meine Anwesenheit in dieser Sitzung soll die Kampf- und Zieleinheit de« Board of Deputier mit der Anglo-Jewish Association angesichts der Gefahr, in der sich unsere dcutsehen Glauberisbrüder befinden, dartun. Chacham Dr. Ga st er regte die Abhaltung einer öffentlichen Protestversammjung an, in der der Entrüstung der englischen Judenheit über die unaufhörliche Haßpropaganda gegen die Juden in Deutschland Ausdruck gegeben werden soll. Präsident Monteflore erwiderte, eine solche Protestkundgebung werde abgehalten w׳erden, sobald ein besonderer Anlaß dazu vorliegen wird; wir hoffen aber aufrichtig, daß ein solcher Anlaß nicht gegeben sein wird. * Die Ec..-oncr ״Times" vom 4. März veröffentlicht ein Schreiben von Neville Laski und G. Montefiore, in dem es etwa heißt; Die von Dr. Welzmann in seiner Ansprache in die ״Freunde Palästinas im Parlament" gesprochenen inhaltsschweren Worte mit Bezug aut die gegenwärtige Situation In Deutschland und die den Juden Deutschlands drohenden Gefahren übertreiben in keiner Weise die wirkliche Situaiion. Von allen jenen Bevölkemngsteilen, denen die Feindschaff der jetzigen Regierung gilt, sind die Juden zahlenmäßig bei weitem der schwächste. Besonderen Qefahren hinsichtlich der persönlichen Sicherheit sind die Juden in den Kleinstädten und in den Dörfern ausgesetzt. Seit Jahren sind die deutschen 1Julcn Opfer eines Haßfeldzuges mittels Flugblätter, Zeitschriften, Tageszeitungen, sowie Reden in Versammlungen, deren Heftigkeit nicht ihresgleichen hat. Heute sind die Urheber dieses Haßfeldzuges verantwortlich für die Gesetze und die Ordnung in großen Oebieteu Deutschlands, besonders in Preußen. Unter solchen Umständen ist die in jüdtsehen Kreisen außerhalb Deutschlands gehegte Besorgnis mit Bezug auf das Schicksal Ihrer Oiaubenibrüder in Deutschland ohne weiteres verständlich. In dieser Stunde bitterer Prüfung für ihre Oiaubenibrüder in Deutschland glauben und vertrauen die Juden in der ganzen Welt, daß die öffentliche Meinung In allen Ländern, über die wahren Tatsachen aufgeklärt, den Gefährdeten die Unter- Stützung nicht versagen wird. Nr. 20, 10. JI1. 1933 Presiekhau Purim Zu Dcafochlaadt Judenfrage Das ״Neue Wiener Journal“ vom Dienstag, den 7. März, veröffentlicht ein Interview seines Berliner Korrespondenten mit dem Herrn Vizekanzler von Papen über die Neugestaltung der Dinge in Deutschland, in dessen Verlaut Vizekanzler von Papen auf die Frage nach der Position der Juden in Deutschland unter dem neuen Regime die Antwort gab! ״Die jüdischen Staatsbürger in Deutschland dürfen versichert sein, daß ihnen die gleiche Behandlung mit allen guten Staatsbürgern zuteil werden wird. Jeder jüdische Bürger, der die Sfaatibürgerpflichten erfüllt, darf auf eine gleiche Behandlung seitens der Staatsautoritäten rechnen.“ * Die ״Frankfurter Zeitung“ befaßt sich in ihrem Leitartikel vom 7. März mit dem Phänomen des nationalsozialistischen Sieges und seinen tieferen Ursachen. Zweifellos stecke in der jungen Generation ein tiefes Bedürfnis, wieder glauben zu können. Wenn wir, fährt die ״Frankfurter Zeitung“ fort, von dieser menschlichsten Seite der Nationalsozialistischen Bewegung sprechen, so müssen ,1wir allerdings im gleichen Atemzug erneut festitellen, daß diese sehr mensenliehe Sehnsucht, die in ihr steckt, eine furchtbare Verzerrung durch die Empfindungen des Hasses erfahren hat, die zugleich mit dieser Sehnsucht von Millionen ln eben diesen Millionen geweckt worden sind. Es ist ganz unmöglich, zu vergessen, es habe der Nationalsozialismus einen großen Teil seines Erfolges seinem antisemitischen Wesen zu verdanken. . . . Vieles, ja fast der Kern alles dessen, was in der nationalsozialistischen Presse der Vergangenheit zu lesen war, legte den Schluß nahe, es sei der Antisemitismus, der an und für sich schon fragwürdig ist, neuerdings in Deutsch- Iand verwendet worden, um vom Denken abzulenken. Es wird, schließt die ״Frankfurter Zeitung“, Sache der Führerschaft und besonders derjenigen Kräfte des Nationalsozialismus sein, die eine Verpflichtung gegenüber dem Geist spüren, diese trübste Quelle, aus der die Emotion in den Massen sich gespeist hat, nicht weiter zu nähren. Der Nationalsozialismus könnte es heute, nachdem ihm die Mehrheit des Volkes ihr Vertrauen schenkt, und nachdem er also aut Grund eines dentokratlschen Prinzips zur Macht gekommen ist, sich leisten, die Methoden seines Machtkampfes zu verändern. * ״Das Judemtück" In der ״Neuen Züricher Zeitung" berichtet E. K. (Eduard Korrodi) unter ״Deutsches Tagebuch“ über die Premiere von Hofmannsthals .,Großem Welttheater" in Berlin, wobei er u. a. schreibt: ,,Von Heget wird erzählt, daß er während der Schlacht bei Jena unbekümmert der Kugeln seine ״Phänomenologie des Geistes" in die Druckerei getragen habe. Und jetzt führt Reinhardt sein Christenstück zur Feuertaufe: im Augenblick, wo ein Teil der nationalistischen Presse dag jüdische Theater beprangert. ... Oben Engel — im Parkett Smokings, und nun ist cs nicht mehr zu verkugnen: Jüdische Intelligenz, dies theaterfreundliche Publikum von je und je, integrierender Bestandteil aller Theater, war die Majorität des Hauses. Nationales Deutschland erkennt zurzeit den Weltliteraturgedanken Goethes nicht an, es gibt nicht zu, daß deutscheste Deutsche Shakesneare bezwungen, um Calderon gerungen haben," — Und nach einer (recht absprechenden) Beurteilung der Aufführung schließt der Verfassen ״Da saßen also in der Hauptsache jene, die einst in jenem humorvollen Gedicht Fontanes die ersten waren, die {hm zum 70. Geburtstag gratulierten (״Kommen Sie, Kohn!“) — und nicht der märkische Adel, der ihm für seine Schöpfungen hätte danken sollen. Ais wir das Theater verließen, hörte ich mit Staunen einen Herrn dozieren: ״Das ist auch wieder 90 ein Judenstück.“ Ist es unter diesen Umstünden nicht höchste Zeit, daß dieser Teil der deutschen Nation, der Kritik nur noch rassenmäßig betreibt, mit beschleunigtem Verfahren bessere Stücke als Calderon de la Barca schreibt — in dem, wer kann es wissen, ein Tropfen maurischen Blutes, ein Tropfen Orient rann?" Amerikanische Touristen In Not Jerusalem, 8■ März- (J.T. A.) Mehrere hunderte jüdische Touristen aus Amerika, die gerade in dieser Woche in Palästina eintrafen, wurden von der gegenwärtigen ameri- Ionischen Finanzkrise schwer betroffen, da die na'ästinensischen Banken amerikanische Schecks nicht honorieren und auch nicht zum Inkassoannehmen. Man befürchtet, daß die amerikanische Finanzkrise das palästinensische Kolonisationswerk insofern empfindlich treffen könnte als das Verbot der peldausfuhr aus Amerika die Einwanderung von zahlreichen Personen der Kapitalistenklasse, die bereits ihre Uebersiedlung nach Palästina vorbereitet hatten, sowie sonstige amerikanische Investierungen in Palästina verhindern könnte. Ferner haben viele aus Amerika stammende Unternehmer in Palästina noch ihr Kapital in den Vereinigten Staaten und können es bis auf weiteres nicht herausziehen. Laut amtlicher Statistik lebten im Sommer 1932 3113 amerikanische Bürger, hauptsächlich Juden, in Palästina. Diese Zahl hat sich inzwischen erhöht. Die N0D-€00per«U0B-Bewegung Jerusalem, 7. März. (J. T. A.) Die arabische Presse ist sich einig darin, daß von der für den 26. März einberufenen arabischen Konferenz kein besonderer Erfolg in der Durchführung der Non-Cooperation erwartet werden könne. Die Konferenz wurde bekanntlich unter dem Eindruck der Antwort des High Commissioner an die arabischen Führer am 24. Februar einberufen und sollte Riehtlinlen für eine Nichtzusammenarbeit mit der Regierung ausarbeiten. Die arabische Presse bedauert, daß die damals emporgekommene begeisterte Stimmung für Fortführung des Kampfes gegen jüdische Einwanderung und jüdischen Bodenkauf heute beträchtlich abgekühlt ist. Die Araber befürchten, daß diese Begeisterung bis zum Termin der Konferenz gänzlich verpufft sein wird. Bei den In Griechenland durchgeführten Parlamentswählen wählten die Juden Salonikis wie gewöhnlich in einem besonderen Kataster zwei Abgeordnete. Von etwa 11 000 Wahlberechtigten beteiligten sich rund 8000 Wähler. Gewählt wurden aer Kandidat der Tsaldaristen Alialouf mit 5500, der Venizellst Ascher Malah mit 5000 Stimmen. Ir Amman (Transjordanien) wurde kürzlich ein fcekannter moslemischer Advokat überfallen und ermordet. Die Täter wurden nicht entdeckt. Eine Anzahl palästinensischer Araber haben wegen dieses Versagens der Polizei eia Protesttelegramm an den Emir Abdullah gesandt Das Pur Im fest bt eine« der umstrittenen jüdischen Feste. Es wurde oft vermerkt, daß in der Megillath Esther, die den Bericht über die dem Purimfest zugrunde liegenden Ereignisse enthält, der Name Gottes überhaupt nicht vorkommt. Es ist also im gewissen Sinne ein ״gottfernes“ Buch, ein Buch des Menschlichen-Allzumenschlichen, und in der merkwürdigen, jeder einseitigen moralischen Schönfärberei fernen Erzählungsweise der Bibel wird Licht und Schatten auch bei den Juden und Lieblingsfiguren verteilt. Die jüdischen Charaktere werden keineswegs als Uebermenschen, Heroen und Propheten dargestellt, sondern als Menschen mit ihren Sorgen, Schwächen und Listen. Die Idealgestalten Israels, die für die geistige Formung jüdischen Wesens von historischer Bedeutung sind, werden in anderen Büchern der Bibel, vor allem im Fünf-Buch und in den Prophetenbüchern, vorgeführt; im Buche Esther finden wir sie nicht. Dennoch hat gerade dieses Buch eine große Popularität erlangt, und der naive Volkssinn nahm es zum Anlaß von Komödie und Spiel. Die wirklichen Geschehnisse dieser reichlich märchenhaften Erzählung sind längst in den Hintergrund gedrängt gegenüber der üppigen Volksphantasie und den Volkssitten, die das Fest umrankt haben. Soweit die ernste Seite in Frage kommt, ist nur ein Grundgefühl geblieben: daß Gefahren das jüdische Volk in jedem Zeitalter umlauern, daß die bloße Existenz unseres Volkes schon Anstoß erregen kann und daß dennoch, wenn auch oft auf wunderbare Weise, das Volk gerettet wurde. Purim, die jüdische Fastnacht, der Tag bunter Ausgelassenheit, wird diesmal vom jüdischen Volk nicht gerade in gehobener Stimmung gefeiert. Die Lage der Juden ist überall in der Welt so düster wie noch nie. Die Zuspitzung der politischen und wirtschaftlichen Krise läßt die Abnormalität der jüdischen Situation viel stärker empfinden als ruhige Zeiten. Nur in einem Land wird zweifellos auch dieses Jahr Purim lustiges Treiben herrschen: In Palästina hat sich in den letzten Jahren das Purimfest wieder als riehtiges Volksfest eingebürgert. Purim in T e l - A w i w ist ein bunter Karneval, der die ganze Stadt ergreift, ein langer Karnevalszug durchzieht die Straßen, die Menschen bewegen sich in Masken und Kostümen im Freien, und insbesondere die Kinder haben®einen guten Tag. Das Purimfest lockt viele tausende Besucher aus ganz Palästina nach Tel-Awiw, Die Regierung ermäßigt die Fahrpreise der Bahn, die um diese Zeit meist in großen Massen in Palästina befindlichen Touristen aus dem Auslande lassen sich die Teilnahme an dein Fest nicht entgehen. Um diese Zeit ist im Lande schon herrlieber Frühling, und die erwachende Natur beflügelt Stimmung und Feier. Bei aller Lustigkeit des Treibens in der Oeffentlichkeit und in den geschlossenen Räumen wird von jüdischen und nichtjüdischen Besuchern aus Europa stets mit beson• derem Erstaunen hervorgehoben, daß nicht die leiseste Spur von indezenter Haltung vorkommt und auch Trunkenheit so gut wie gar nicht zu bemerken ist. Wir nehmen an, daß auch in diesem Jahre Purim in Tel-Awiw wieder einen Höhepunkt darstellen wird, obwohl auch dort die Festesfreude gedämpft ist durch die Nachrichten aus fast allen Ländem des Galuth. Aber das Purimfest erlangt einen gewissen neuen Sinn dadurch, daß in diesen Tagen die Gedanken des gesamten Judentums sich hinwenden zu dem Lande, wo allein ein volles, fröhliches und unbefangenes jüdisches Volksleben wieder möglich ist. Der Arbeilermangel In Palästina Jerusalem, 8• März. (J.T. A.) Um dem Mangel an Arbeitern in den jüdischen Kolonien abzuheften, hat der Waad Lcumi die Rektoren aller hebräischen Schulen in Palästina ersucht, ab kommenden Sonntag bis nach den Peßachtagen sämtliche Schüler von 16 Jahren aufwärts vom Schulbesuch zu beurlauben, damit sie sich jüdischen Kolonisten als Arbeiter zur Verfügung stellen können. Auch die Lehrerseminare wurden geschlossen. Die Studierenden begaben sich als Arbeiter in die Kolonien. Ebenso haben viele Jeschiwoth hunderte ihrer Zöglinge beurlaubt, damit sie sich in den Kolonien als Arbeiter betätigen können. Keine Maßnahmen gegen Ausländer Im Zusammenhang mit Gerüchten über beabsichtigte administrative Maßnahmen gegen russische Emigranten in Berlin, insbesondere gegen jüdische Emigranten, hatte der russische Rechtsanwalt M. Merkin eine Unterredung mit einer autoritativen Persönlichkeit, die an der Spitze einer Behörde steht, in der über das Schicksal der Ausländer ir. Berlin entschieden wird. Merkin berichtet hierüber in der in Berlin herausgegebenen russischen Wochenschrift ,,Naseii W j e k“. Danach soll die erwähnte autoritative Persönlichkeit folgendes erklärt haben: Alle Gerüchte über beabsichtigte Massenausweisungen oder andere Maßnahmen gegen russische Flüchtlinge entbehren jeder Grundlage. Es existieren keine Listen von zur Aus- Weisung bestimmten Emigranten, alle Gerüchte über die Anlegung solcher Proskriptionslisten gehören in das Reich der Phantasie, ebenso wie die Märchen über beabsichtigte Repressivmaßnahmen gegen jüdische Flüchtlinge. Die autoritative Persönlichkeit dementierte kategorisch alle diese Gerüchte und unterstrich die Loyalität der zuständigen instanzen gegenüber den Juden. Was das Arbeitsrecht der Flüchtlinge betrifft, so ist auch nach dieser Richtung eine Acnderung der bestehenden Vorschriften nicht beabsichtigt. Die Dienststellen des Arbeitsministeriums arbeiten hierin in vollem Einklang mit den entsprechenden Polizeibehörden und verhalten sich gegenüber den werktätigen Elementen unter den Emigranten durchaus loyal. Die Persönlichkeit erklärte zum Schluß, daß die Polizei absolut keinen Unterschied zwischen den Inhabern von ״Nan- 1en“-Pässen und solchen von neuen Paßbüchern oder von ״gelben Personalausweisen״ macht. Allen wird die gleiche Behandlung zuteil. Aut Bitten des Leiters des Nansen-Amtes Generalkonsul Stobbe und der Rechtsanwälte Falkowsky und Oerschun wurde davon abgesehen, einen einheitlichen Flächtlingspaß einzuführen, da die Inhaber von ״Nansen“־Pässen Vorteile bei Reisen ins Ausland oder bei Regelung von Erbscbaftsangelegenheiten usw. genießen. Tn Haifa wurde an der Realschule (Direktion Dr. Bir&m) der neu errichtete Flügel des Gebäudes, der die Vorbereitungsschule beherbergen soll, unter Teilnahme des Distriktskommissärs, sowie des (arabischen) Bürgermeisters der Stadt küriljch eingeweiht,