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Jüdische Rundschau · 1933-03-10 · Heft 20 (10.3.1933) · p. Seite 95

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 20 (10.3.1933)
Date
1933-03-10
Page
Seite 95 (sequence 1)
Language
German
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Purim Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Frei Jag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark,/,vierteljihrlich 5,75 Goldmark. Auslandoabannernenta werden in der Währung der eirurlnm Lind« berechne(• Anzeigenpreis: 8 gesp. Nonpftrgmezede 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anzeigenechluß: Diene tag und Freitag n.chmltt.ga 4 Uhr Poitieheck-Konten: Berlin 17392, B««el V 9355, Belgrad 6S0 32. Brüeeel 394 33, Budepeet 596 93, Danrig 1973, H«ag 140470, Prag 59410, Rigi 4155. Straßburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Bank Ko nt r n: dresdener Bank, Depositen ־ Kasse Berlin, Kuriiirstendamro 52; Rumänische Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Pilestine Co. in Haiia, Jerusalem, Tel.Aviv. Nummer | Berlin, 10. III. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ב אדר חרצ״ג 1 XXXVIII. Jahrs. Der Zkmlsmftf» erstreb« «Or das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. .,Baseler Programm.'• Aktionen gegen ramsche Geschalte Einschreiten des Polizeikommandanten Die Telegraphen-Union meldet aus Essen: In einer Reihe von Städten des Industriege bi et es sind am Dienstagabend und im Laufe des Mittwochvormittag zahlreiche Warenhäuser und jüdische Oeschäfte geschlossen worden. In den Straßen der Essener Geschäftsstadt herrschte am Vormittag buntes Leben. An den Toren und Eingängen zahlreicher jüdischer Geschäfte, dem Karstadt-Warenhaus Althoff, auf dem eine Hakenkreuzfahne weht, den Epa- und Woolworth-Einheittpreisgeschäften hatten sich große Menschenmengen angesammelt. Starke SA.- Posten verhinderten mit dem Hinweis ״Deutsche, kauft in deutschen Ge schäften“ ein Betreten der Geschäftshätiser und sorgten im übrigen für die Aulrechterhaltung der Ruhe. Die von diesem Vorgehen betroffenen Kauf- und Warenhäuscr haben ebenso wie die übrigen jüdischen Geschäfte angesichts dieser Lage ihre Verkaufsräume geschlossen, das Personal einstweilen nach Hause geschickt und sich im übrigen beschwerdeführend an die zuständigen Stellen gewandt. Zu ZwischenfällA ist es bisher nirgends gekommen. Nach anderen Meldungen wurden auch in Bottrop alle jüdischen Geschäfte geschlossen. In Mühlheim- Ruhr nahmen Trupps uniformierter SA, Aufstellung vor den jüdischen Geschäften und hinderten das Publikum am Eintritt. Die meisten Inhaber haben daraufhin ihre Gesc hüftsräume geschlossen. Auch hier entstanden im Stadtinnern große Menschenansammlungen, denen von Sprechchören der SA. die Aufforderung, nicht in jü- (lisch en Geschäften zu kaufen, zugerufen wurde. Die Polizei hat das Vorgehen der SA. geduldet und erklärt, es handle sich nur um eine Protestkundgebung, die bis zum Oeschäftsschluß am Mittwoch dauern soll. Von nationalsozialistischer Seite wird hierzu mitgeteilt: ״Von nationalsozialistischen Parteidienststeilen sind Anordnungen an die SA., eine Schließung dieser Geschäfte durchzuführen, nicht ergangen. Vielmehr stellt sich der Vorgang so dar, daß die nationalgesinnte Bevölkerung sich offensichtlich das Weiterbestehen der jüdischen Warenhäuser und großen jtidischen Geschäfte nicht mehr gefallen lassen will und dementsprechend die Schließung dieser Geschäfte fordert. In den Städten, wo eine derartige Bewegung im Gange ist, haben einzelne SA.-Männer sich in dankenswerter Weise in den Dienst der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung gestellt und von sich aus veranlaßt, daß diese Schließung in ordnungsmäßiger Ruhe vor sich geht. Dadurch ist zum mindesten vorläufig vermieden worden, daß Unruhen entstanden sind, Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte eingeschlagen und die Geschäfte womöglich von verbrecherischem Gesinde! geplündert wurden. Die Diszipliniertheit der SA.-Männer hat jedenfalls bewirkt, daß die Schließung der Geschäfte in aller Kühe vor sich gegangen ist, so daß die Bevölkerung dem Zugreifen der einzelnen SA.-Männer in jeder Weise dankbar sein kann.“ Auch ir! Berlin ereigneten sicli Donnerstag mittag Demonstrationen gegen jüdische Geschäfte, die jedoch bald beendet wurden. * Der neuernannte Höhere Polizeiführer West hat nach amtlicher Mitteilung durch RundsprQche an die unterstellten Pohzelverwaltungen verfügt, daß unter allen Umständen die Offenhaltung der Geschäfte gewährleistet bleiben muß, erforderlichenfalls auch durch Einsetzung von Schutzpolizei in Verbindung mit Hilfspolizei. NSDAP verurteilt FrledhoIschSndungeo Warnung vor Provokateuren Die Reichspressestelle der NSDAP, teilt mit: ״Nach Zeitungsmeldungcn sollen in Berlin Amerikaner und andere Ausländer von SA.-Männern be- Iästigt worden sein. Es handelt sich um k o m m u - nistische Spitzel oder Provokateure in SA.- Uniform, die den Zweck verfolgen, das Ansehen der NSDAP, im Auslande zu schädigen. Alle Parteistellen sind angewiesen, ihr besonderes Augenmerk auf diese provokatorisehen Subjekte zu lenken und — falls derartige Belästigungen festgesteltt werden — die Täter unverzüglich festzunehmen und der Polizei zu übergeben. Es wird weiter berichtet, daß in Königsberg ein Feuerwerkskörper in die Synagoge gelegt worden sein soll, wobei man ebenfalls Nationalsozialisten der Täterschaft verdächtigte. Auch hier sind ganz offenbar gegnerische Subjekte an der Arbeit. Wir erinnern nur an die zahlreichen systematischen Verleumdungen der NSDAP, mit den sogenannten Friedhofsschändung e'n. Bekanntlich gelang es damals, Marxisten einwandfrei der Täterschaft zu überführen und in Berlin ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Auch hier ist im Interesse der NSDAP, schärfste Beobachtung und Feststellung der Provokateure im Benehmen mit der Polizei erforderlich.“ In die gleiche Kategorie von Provokationsakten gehört möglicherweise auch das Hissen der Hakenkreuz fahne aut der Synagoge in Bochum, die, wie mitgeteilt wird, auf Veranlassung der Behörden mit Rücksicht auf den rcligiösen Charakter des Gebäudes wieder entfernt wurde. * Wir erleben heute in Deutschland eine Revolution, und es ist damit zu rechnen, daß in solchen Tagen ungewöhnliehe Akte Vorkommen, daß die obersten Stellen nicht alle Lintergruppen vollständig in der Hand haben und daß es daher zu lokalen Zwischenfällen kommt, die gewiß nicht die Billigung der Zentralregierung finden. Wir können nur der Meinung Ausdruck geben, daß es bei den Vorfällen, die aus Essen und anderen Städten des Ruhrgebietes gemeldet werden, sich um derartige Aktionen handelt, die ja auch teilweise schon von offizieller nationalsozialistischer Seite desavouiert worden sind. Mit Genugtuung ist festzustellen, daß der Höhere Polizeiführer West strenge Anweisungen gegeben hat, den ungestörten Geschäftsverkehr und das Offenhalten sämtlicher Geschäfte im Notfälle auch durch Einsatz von Polizei zu sichern. Wir glauben, daß, ganz abgesehen von dem jüdischen Gesichtspunkt, in der heutigen Zeit so schwere Störungen des Wirtschaftslebens, wie sie durch Terrorakte entstehen können, nicht riskiert werden dürfen. Dies ist gewiß auch die Ansicht der Regierung und der für die deutsche Wirtschaff verantwortlichen Zentralstellen. Daß die nationalsozialistische P-artei sich der durch die Regierungsübernahme entstandenen Verantwortung bewußt ist, beweist auch die eindeutige Verurtei- 1 u n g, die in der oben abgedruckten Kundgebung die Attacken gegen Synagogen und jüdische Friedhöfe erfahren. Diese Roheitsakte haben im Inlande und Auslande Aufsehen erregt. Bisher hatte die NSDAP, eine deutliche, offene Verurteilung dieser Taten nicht ausgesprochen. Daß nunmehr auch von dieser Seite aufgefordert wird, in solchen Fällen die Täter schleunigst zu ergreifen und zu entlarven, wird sicherlich dazu beitragen, künftighin derartige Vorfälle zu verhindern. Im übrigen werden uns auch aus Berlin und anderen Teilen des Reiches verschiedene Angriffe auf jüdische Bürger und Passanten gemeldet, ln der Dragonerstraße in Berlin wurde ein siebzigjähriger chassidischer Rabbi von drei unbekannten Männern in seiner Wohnung niedergeschlagen. Ein jüdisch aussehender Geschäftsangestellter wurde in der Berliner Innenstadt angehalten und verprügelt und zu verschiedenen demonstrativen Handlungen gezwungen. Aehnlich wurden andere jüdisch aussehende Passanten angerempelt. In den meisten Fällen dieser Art gelingt es nicht, die Täter, die schnell entkommen, festzustellen. In so aufgeregten Zeiten besteht die Gefahr, daß allerlei unkontrollierte, zu Gewalttaten neigende Elemente die Gelegenheit ausnützen und unter politischer Maske ihr Unwesen treiben. Schon aus diesem Grunde müssen die Behörden solche Uebergriffe streng ahnden. Die Polizei und Hilfspolizei sollte darüber wachen, daß in der Bevölkerung nicht Unruhe und das Gefühl verminderter Sicherheit entsteht. Professor David Koigen | In seiner Berliner Wohnung starb plötzlich an Herzschlag am 7. März Professor Dr. David Koigen iiri 5♦. Lebensjahr. Ipllli s liili mMMä Mitten aus vollem Leben und Schaffen, aus Hoffnungen und Plänen, ist David Koigen plötzlich abberufen worden. Noch ist cs für seine Freunde und die ihn näher kannten, kaum zu fassen, daß dieser gedankenreiche, tätige, von Leben und Interesse am Lebendigen übersprudelnde Mann nicht mehr unter uns ist. Erst wenn die Stunde der unmittelbar hereingebrochenen Trauer vorbei sein wird; wird man feststellen können, was wir und die Wissenschaft an ihm verloren haben. Koigen war eine Denkernatur vori großer Spannweite. Ausgehend von seinem engeren Gebiet, der Soziologie, der er einen streng logischen, formal-wissenschaftlichen Unterbau zu geben bemüht war, bewegte sich seine Forschung in die Bereiche der Historie, der Geschichtsphilosophie, der Religions- Philosophie und Metaphysik. Zugleich aber blieb dieser Mann, der als Schriftsteller mit seinem strengen Stil und seiner oft abstrakten Ausdrucksweise einem größeren Publikum nicht so leicht zugänglich war, in engstem Kontakt mit dem konkreten Leben, in diesen Tagen befand er sich in einem Zustand hoher Erregung, da er — ganz unabhängig von seiner persönfichen Beurteilung der Tagespolitik — das Geschehen als Material für den Wissenschaftler erlebte, und erfüllt war von dem Bewußtsein, mitten in einer historischen Umwälzung zu stehen, die Erfahrungsstoff liefert für die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit menschlicher Gemeinschaftsvorgänge. Bei der Lektüre der Zeitungen verschiedener Richtung pflegte er zu sagen, dies sei gewissermaßen sein ״Laboratorium“. Mit echter Gclehrten-Leidenschaft und Entdeckerfreude ging er den soziologischen Zusammenhängen nach, und so bilden auch seine Arbeiten ein einheitliches Lebenswerk, dem nun leider freilich der Abschluß und die Krönung versagt blieb. Schon in seinem Buch ״Ideen zur Philosophie der Kultur“ (Der Kulturakt), das 1910 erschienen ist, gibt Koigen eine soziologische Kategorienlehre, die heule im Lichte der letzten zwanzig Jahre Geschichte geradezu verblüffend und prophetisch wirkt. Von hier führt eine gerade Linie zu dem jüngsten Hauptwerk, ״Der Aufbau der sozialen Welt im Zeitalter der Wissenschaft“. Schon in den ״Ideen“ wird in dem Kapitel über das ״theokratische Gemeinschaftsprinzip“ als weltgeschichtliches Beispiel der ״Hypertrophie des Gemeinschaftswillens“ das Judentum behandelt. In den Jahren nach dem Kriege schob sich das Judentum immer stärker in den Vordergrund von Koigens Forschung. Er kam durch intensives Studium der Bibel zu ganz neuen und eigenartigen Konklusionen und Bewertungen der antiken jüdischen Geschichte, worüber er einiges bereits in Berliner Vorträgen rnitgetcilt hat. Seine vollständige jüdische Geschichtsphilosophie ist leider zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht worden, Koigen hatte überhaupt das Unglück, daß er — Emigrant im doppelten Sinne —- keinen angemessenen Wirkungskreis finden konnte. Obwohl an deutscher Wissenschaft erzogen und eng mit ihr verwachsen, Wieben ihm die deptsciien Hochschulen in dieser Nachkriegs- Periode, trotz der Bemühung maßgebender christlicher Kollegen, verschlossen, und auch Publikationsmöglichkeiten waren begrenzt. Die Neuauflage der ״Ideen“, für deren zweibändige Umarbeitung auf Grund des gewaltig angewachsenen Materials er fertige Pläne hatte, fand keinen Verleger, seine großen jüdischen Werke sind noch nicht publiziert. Man muß hoffen und wünschen, daß die!unterlassenen Manuskripte möglichst weit fortgeschritten sind und daß seine Gattin und treue Mitarbeitcrin in der Lage sein wird, die Herausgabe dieser Schriften durchzuführen. Koigen bezeichnete sich gewöhnlich als ״Nichtzionisten“; er wollte ein ״unpolitischer“ Mensch sein, ein objektiver V e r arbeitet der Politik. Was das Judentum betrifft, ist ihm das nicht gelungen, Denn in Wahrheit war dieser Mann ein In aller Kürze Dr. Weizmann beabsichtigt, Pressemeldungen zufolge, zum Peßachfest nach Palästina zu fahren, Er soll am 21. März in Alexandrien eintreffen und sich von dort nach Palästina begeben. Wie die palästinensische Presse meldet, wird Dr. Victor Jacobsohn, der Leiter der politischen Stelle der Jewish Agency in Gent, im März in Palästina erwartet. Der Gouverneur von New York, Herbert H. Lehmann, hat von der gesetzgebenden Körperschaft des Staates für die Dauer der Finanzkrise weitgehend« Vollmachten zur Regelung und Kontrolle des Finanzwesens erhalten. Er Ist faktisch Finanzdiktät0r des Landes und ist ermächtigt, Gesetze, betreffend Bank- und Versieherungswesen, außer Kraft zu setzen. (Lehmann ist führender amerikanischer Jude.) Zwischen der Irak Petrol Co. und den jüdischen Wirtschaffen im Emek Jesreel wurde ein Vertrag unterzeichnet, der den Kampf gegen die Mäuseplage in der durch das Emek führenden Strecke der Pipe Lias betrifft, Demnach zahlt die Gesellschaft an die Wirtschaften 100 Pfund pro Dunam jährlich für die Ausführung der damit zusammenhängenden Arbeiten und stellt unentgeltlich Material zur Ver* fügung. Zu Ehren des in Paris eingetroffenen Lord M e 1 c h e 11, Ehrenpräsidenten des Wclt-Makkabi, gab Baroneß Edouard de Rothschild in ihrem Hause einen Empfang, dem etwa 200 führende Juden Frankreichs beiwohnten. Lord Melchett sprach in Paris auch in einer großen öffentlichen Kundgebung vor über tausend Personen. In Jerusalem wurde in einem Hause eine große Menge kommunistischer illegaler Literatur beschlagnahmt. Darunter fanden sich Broschüren, die die fcllachischen Pächter gegpn die jüdische Besiedlung von Wadi Chawarith aufhetzten. Unter dem Material sollen auch Instruktionen der Komintern gefunden worden sein. Zum erstenmal seit Bestehen der Hebräischen Universität sind in Palästina Aktionen im Gange, um der Universität aus dem Lande selbst Mittel zu verschaffen. Zwei Pro University-Committces, das eine in Jerusalem, das andere in Tel-Awiw, wurden gebildet

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