Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 18, 3. IE 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 87 Vom Weltbürgertum Zu Feuchhvanger* Roman ״Der jüdische Krieg" Von Gustav Krojanker, Tel-Awiw. Feuchtwangers Roman ״Der jüdische Krieg“ (Propyläen- Verlag, Berlin) reißt ein entscheidendes Stück jüdischer Geschichte mit wundervoller Lebendigkeit und Plastik in diese Gegenwart. Es ist ein historischer Roman, in dem die Historie nur Anlaß ist, das ewige Problem der Anziehung und Abstoßung zwischen dem Judentum und den Völkern in vielerlei Gestalt zum Ausdruck zu bringen. Deshalb mag es gestattet sein, auch diesen Roman wieder zum Anlaß zu nehmen, um an ihm ein brennendes Problem unserer Tape klären zu helfen. Jenseits aller Kunstkritik mag die Gegenwart da, wo sie am unmittelbarsten berührt wird, auch unmittelbar wieder zurückklingen. Im früheren Rußland (im neuen aus anderen Gründen) gab die Kunstkritik den Boden zu politisch-sozialer Auseinandersetzung ab. Dort war es der Staat, der die Erörterang aller Fragen des menschlichen Zusammenlebens auf die scheinbar unverbindlichen Bahnen der Kunst abdriingte. Wir Juden sind in ähnlicher Lage. Bei uns ist es der Mangel eines Staates, will sagen: der Mangel einer Gesellschaft, deren reales Dasein mit der Welt ihrer geistigen Problematik einfach zusammenfällt. Dadurch wird jedes künstlerische Erzeugnis, das seinem Urheber oder seinem Stoff nach ״jüdisch“ genannt werden kann, leicht zum Gegenstand von Auseinandersetzungen, die eigentlich auf anderer Ebene liegen. Aber was dabei die Kunst als reine Kunst verlieren mag, wird mehr als aufgevvogen durch die Intensität einer Teilnahme, die sieh von eigenen Lebensfragen angerührt fühlt. Nicht der Kenner beurteilt den Könner, sondern ein tun die richtige Lebenserfassung bemühter Mensch setzt sich mit einem anderen auseinander, der ausgesprochen hat, was ihn betrifft. Das ist der Unterschied. Natürlich gibt es dabei keine absolute Trennung von künstlerischer Gestaltung und Inhalt. Wein der Inhalt entzündet, wird er wohl auch entzündend vermittelt sein. Das trag einer Erörterung vorausgeschickt werden, die sich an dem Kernproblem eines unendlich farbigen und in vielerlei Betracht erregenden Buches entzündet hat. I. Feurhtwangers vorletztes Buch ״Der Erfolg" spielte im Bayern dieser Zeit, sein neuestes Buch ״Der jüdische Krieg“ spielt in Judäa zur Zeit des Untergangs. In jenem ersten Roman sah der Schriftsteller Tüverlin, ein Schweizer, auf die Nachkriegsvorgänge im Lande Bayern und schrieb zum SchluS darüber ein Buch mit dem Titel: ״Ich hab's gesehen“, ln diesem jetzt vorliegenden Roman sieht der Schriftsteiler Flavius Josephus den Untergang Jerusalems durch Rom und schreibt zum Schluß ein Buch darüber, das er legitimiert mit den Worten: ״Meine Augen haben es gesehen“. Das ist keine äußerliche Parallele. Im Mittelpunkt beider Romane steht der Schriftsteller, will sagen: der Mann, dessen Tat das Wort ist. Er unterliegt besonderen Gesetzen. Seine Art und seine Aufgabe ist es, zu sehen und das Gesehene durch sich hindurchgehen zu lassen, um es dann aus Eigenem zu formen. Diese Formung aber, die künstlerisch gelungene Gestaltung, ist für Feuchtwanger, den jüdischen Schriftsteller, nicht der Zweck der Bemühung, sondern ihr Mittel. ״Meine Augen haben es gesehen“ — darin liegt: sie haben es festgehalten, auf meine Art festgehalten und so dem Gedächtnis der Generationen bewahrt, daß mein Blickpunkt ihnen ein Zielpunkt werde, fn beiden Romanen kehrt das Wort von dem ״gutgeschriebenen Buch" wieder und in beiden hat es eine Doppelbedeutung: es muß gut geschrieben sein, um zum Gilten zu wirken. In dem schriftstellerischen Bestreben nach Erkenntnis der Dinge, das Feuchtwanger in seinem Tüverlin wie in seinem Josephus verkörpert, liegt auch schon der leidenschaftliche Drang zur Wirkung, die bewegende Kraft des Aufrufs und damit auch die Rechtfertigung der fragwürdigen Existenz des Schriftstellers, der sehend geschehen läßt, um in der Zukunft desto nachhaltiger zu wirken. . Es ist eine höchst interessante und aufschlußreiche Dreieinigkeit in den drei Männern Tüverlin, Josephus und Feuchtwanger. Der Schweizer Tüverlin sah die Vorgänge im Lande Bayern, wie eben ein humanistisch gesinnter Schweizer die Nachkriegsgreue! dieses Landes sehen konnte: sehr über-!egen, nur langsam entschlossen, sich überhaupt von den Dingen anrühren zu lassen, und dann auch nach dem Ent- Schluß angerührt wohl von dem tragischen Schicksal eines Einzelnen, aber fremd und nichts als angewidert von den besonderen Bedingungen jenes Landes, in dem es sich vollzog. Der Jude Feuchtwanger sah Bayern, will sagen: er sah es so nahe, wie nur ein Landeskind das kann, und so fern, wie nur ein Landeskind, das eben Jude ist. Ein Weltbürger sah auf einen Winkel, ein schwebender Geist auf bäurische Dumpfheit. Und damals schrieb ich (״Jüdische Rundschau“ vom 28. 7. 31): Dieser Tüverlin begebe sich in seine Schweiz. Es wäre doch interessant, zu wissen, ob sein Gerechtigkeitsgefühl auch dort im Heimatland so allgemein, so losgelöst, in aller Menschlichkeit so unmenschlich bleiben würde, wie es sich in seinem Hochgefühl ethischer Ueberlegenheit auf fremdem Boden präsentierte. Und mit dieser Aufforderung war die Frage des radikalgesinnten Juden unserer Tage gestellt. II. Es war notwendig, darauf zurückzukommen, denn siehe, inzwischen hat sich Tüverlin tatsächlich in seine Schweiz begeben. Oder anders: Feuchtwanger hat die Gestalt des iuden Flavius Josephus angenommen. Wieder sieht ein Weltürger auf einen Winkel, aber diesmal ist es der eigene Winkel: Judäa, die Stadt Jerusalem. Und wenn wir min vergleichen, wie Feuchtwanger dies im Gegensatz zu Bayern betrachtet, so wende man nicht ein, daß immerhin ein kleiner Unterschied in der menschheitlich-historischen Bedeutung der beiden Länder besteht. Hier handelt es sich doch nicht um die objektive Bewertung eines Geschichtskritikers, sondern um die subjektive Wahl eines Schriftstellers, für den es schließlich keinen Unterschied zu machen braucht, ob er eine Dienstmagd oder einen König zum Helden wählt. Und es wäre durchaus denkbar, daß jemand die verbissene Hartnäckigkeit der Makkabi-Leute, der Rächer Israels, grundsätzlich nicht anders sieht als die sture Querköpfigkeit bayerischer Bauernschädel. Feuchtwanger, jetzt in seiner Schweiz, sieht sie anders. Er ist nicht auf ihrer Seite, sein Verstand ist gegen sie, aber ein Stückchen Herz ist bei ihnen geblieben: er sieht sie mit Liebe. Er verweilt gern bei den Taten heroischen Wahnsinns, die sie vollbringen, und er gefällt sich darin, die Wirkungen aufzuzeigen, die diese von ihrem Gott und ihrem Land besessenen Tollköpfe noch auf die Römer ausüben, die bei aller Nüchternheit und praktischer Klarheit doch oft genug von dem Geist des jüdischen Landes wundersam angerührt werden. Er trägt eben selber einen Hauch vom Geiste dieses Landes in sich und daher kommt das lebendige Fluidum, mit dem er hier jede Art von Lebensregung warm umhüllt. Und dies alles, obwohl seine Grundhaltung sich nicht geändert bat. Sein Heid Josephus. Priester der ersten Reihe, wird zu Flavius Josephus, einem römischen Granden. Er geht aus der judäischen Enge in die römische Weite; er erkauft den Vorteil, durch Rom an der Kultur der Welt teilzuhaben, bewußt mit seiner Heimatlosigkeit: von den Juden gemieden, den Römern ein Fremder. Auch die Gestalt dieses Josephus ist abermals ein Bekenntnis zum Weltbürgert um, zur letzten Freiheit um des Geistes der Menschheit willen. Aber wie anders kommt dies Bekenntnis hier heraus: aus welchem Zwiespalt, aus welchem Bruch, ln diesem Josephus bleiben auch in Rom die Bindungen seiner Herkunft, er weiß um die Besonderheiten und die Absonderlichkeiten, in denen sich der Geist manifestiert. Er sieht auf das römische Wesen, dessen er teilhaft zu werden wünscht, und fühlt, daß es ihm ewig versagt bleibt. Er ringt um die Synthese, er müht sich in Richtung eines ganz nie erreichbaren Ziels. Feuchtwanger läßt ihn singen: ״Reiße dich los von deinem Anker, spricht Jahve.“ Er ist also verankert und bedarf der Bemühung zur Lösung. Und weiter: ״Ich liebe nicht, die im Hafen verschlammen.“ Er weiß also doch um den Hafen, in dem das Schiff gebaut wurde, von dem es ausgeht und zu dem es ztiriickkehrt. Das ist der Unterschied zu Tüverlin oder anders: zum radikalgesinnten Juden dieser Tage, der fix und fertig; aus der Retorte kommt, der seine Ethik und damit die Welt hat. Diesmal nämlich sieht Feuchtwanger von jenem Hafen her, in dem der Mensch nach ihm nicht verschlammen soll, in dem er aber doch wohl erst den Blick für die gewachsenen Dinge gewinnt. Es ist wahr, losephus wendet sich schließlich von seinem Volk. Aber vorher hat er in Galiläa den heldenhaftesten Kampf gekämpft, und erst als er die jüdische Sache endgültig verloren glaubt, geht er hin, den Osten in sich an den Westen zu binden. War diese Sache wirklich verloren? Hier scheiden sich nun allerdings unsere Wege. Denn da ist ein Zeitgenosse des josephus, namens Jochanan ben Sakkai, der auch seinerseits den jüdischen Staat, aber damit nicht die jüdische Sache verloren sieht. Der geht nicht nach Rom, der geht nach Jabne und gründet dort die Kleine Universität, die von so unermeßliehen Folgen sein sollte. Aber wir wollen diese Folgen hier gar nicht allgemein betrachten, wir wollen sie nur ganz speziell aut unseren Fall atmenden. Wenn nämlich Feuchtwanger heute, da er den Flavius Josephus nachlcbt, imstande ist, ihn nachzuleben; wenn er also etwa im Imperator Vespasian, dem sabinischen Bauerntyp, oder im Hauptmann Pedan, dem Liebling der Armee, die Völker dieser Erde schlechthin charakterisiert, ihr zufriedenes Schreiten auf dieser Welt, die ein Gott dem Stärkeren gab, sie zu genießen; und wenn er dies alles gleich dem Priester Josephus mit jenem sarkastisehen Vorbehalt sieht, bei aller physischen Schwäche mit jenem Ueberlegenheitsgefühl, das im Geiste Judäas wurzelt, in eben dem Geiste, der so viel mächtiger und nachhaltiger durchbrach als das römische Schwert — wenn also Feuchtwanger das heute in dieser Art fühlen und bilden kann, dann dürfte er das wohl Jochanan ben Sakkai zu danken haben, der nicht nach Rotn ging, der in seinem Winkel ״verschlämmte“, aber von diesem Winkel aus die Welt bis auf den heutigen Tag zu formen half. So stark, daß noch im Blut des späten Enkels etwas vom Geiste jener Schriftzcichen blieb, die der Alte damals der Welt des Siegers entgegengestellt hat. Durch jochanan ben Sakkai ist Josephus der Historiker eines noch heute lebenden Volkes geworden, und er war es, der Feuchtwanger die Möglichkeit gegeben hat, in diesen josephus zu schlüpfen, um an ihm sein heutiges Problem darzustellen. Ilf. Es ist auch unser Problem. Nirgends vielleicht kann man Feuchtwangers äußerst lebendiges, in der Fülle seiner Problematik unendlich erregendes Buch mit einem solchen Gefühl persönlichsten Betroffenseins lesen wie hier in Palästina. Soweit geht dies Betroffenwerden, daß man fast vergißt, es mit einem Roman zu tun zu haben, und infolgedessen mit dem Autor rechtet, als hätte er eine Streitschrift geschrieben. Zu denken aber auch im Lesen, daß wir nun wieder, hartnäckig verbissen, in Judäa sitzen und daß wir es wieder mit einem weltbeherrschenden Römervolk zu tun haben. Und da sind auch wieder in anderer Form ganz ähnliche Parteiungen in unserem Lager, und wieder ist alles, was wir tun, entsetzlich unpolitisch, von praktischer Politik, noch wenn wir sie treiben und gelegentlich sogar richtig betreiben, doch unendlich entfernt. Es ist die alte Sache, und es kann auch nicht anders sein. Denn für ein wirklich politisches Volk muß die Politik das Primäre sein. Politik, nicht als gelegentlich geübte Taktik, Politik als Wesenszug setzt den Utilitarismus׳ als letztes Ziel voraus. Und vielleicht ist das das Geheimnis politischer Völker, daß ihr Zweck und ihr Mittel auf einer Ebene liegen. Natürlich hat die Tatsache, daß die Juden so ein eminent unpolitisches Volk sind, auch ihre historischen Ursachen, die behoben werden könnten. Aber entscheidend bleibt doch, daß der letzte Beweggrund ihres Handelns immer auf einer ganz anderen Ebene liegt als das politische Mittel, dessen sie sich natürlich auch bedienen müssen. Deshalb ist alles, was sie getan haben und tun, politisch, und das heißt rational betrachtet immer fast unbegreiflich. Kein Römer hat das begriffen; der Engländer ist der Sache schon näher, aber immer noch so fern, wie seine anglikanische Bibel von unserem Tenach. Es war immer Wahnsinn, der immer Methode und in seiner Art immer Erfolge hatte. Feuchtwanger läßt eine ganze römische Legion zugrunde gehen, weil ihr Befehlshaber durch die Wahnsinnstat dreier ausgemergelter jiklischer Greise völlig aus der Fassung gebracht wird. Es ist ein Symbol. In diesem Sinne war der Krieg gegen Rom ein ״Wahnsinn“; ein ״Wahnsinn“ die zweitausendjährige Folge von Jabne; ein ״Wahnsinn“, daß nun wieder jüdische Mensehen ins alte Land strömen. Es gibt kein rationales Kalkül, vor dem alle diese Taten bestellen könnten. Aber sie bestehen trotzdem, und das hohe Wort, das ihren Urgrund angibt, mag sich jeder selbst in seiner Sprache formen. Trotzdem bleibt das Problem des Josephus, wie Feuchtwanger es darstellt, auch unser Problem. Wollen wir denn im Hafen ״verschlammen“? Wollen wir denn ein neues Krähwinkel errichten, sind wir wirklich aus der Weite in die Enge gegangen? IV. Es gilt zunächst festzuhalten, daß das Weltbürgertum des Juden vom Weltbürgertum aller anderen Völker so weit getrennt ist, wie der besondere Zustand des j ü d i - sehen Volkes von dem aller anderen. Es muß eine herrliehe Aufgabe für den Sohn eines europäischen Volkes sein, nun auch wirklich ein Europäer zu werden. Ein solcher Mensch wurzelt nämlich mit einer so selbstverständlichen und natürlichen Gebundenheit in den Gegebenheiten seines Landes, daß alles, was er sich nun aus fremdem oder übernationalem Bereich hinzufügt, der Erweiterung seiner Personlichkeit sowohl wie der Verständigung unter den Völkern potentiell wenigstens dienen kann. Für diese Völker mag wirklich gelten, daß Gott nicht die liebt, die im Hafen ver- Schlammen. Aber kann das auch für die besondere jüdische Situation gelten? Dem Juden ist nichts selbstverständlich gegehen. Was heute, anderthalb Jahrhunderte nach Erschufterung seiner letzten Grundlagen, noch in ihm wirkt, ist nichts als ein schwacher Ueberrest, ein letzter Nachhall entschwundener Gegebenheiten, deren Wirkung sich mit jedem Tag verringert. Und dieser Mangel ist es, der sich heute als Weltbürgertum deklariert. Insofern ist der Jude wirklich ein .Weltbürger, der einzige Weltbürger, den es überhaupt auf der Erde gibt: er hat nämlich kein anderes Bürgertum als das der Welt. Deshalb steht hinter seinem Weltbürgertum das Bestreben nach Eingliederung: er sucht den Hafen, in dem er ״verschlammen“ kann. Und da sich die Länder als Halt seines Ankers versagen, wählt er die Welt, das Land in den Sternen. Jene zahllosen Einzelnen aber, denen immer wieder eine reale Eingliederung glückt, werden schnell ebenst» reale Bürger und höchst entschiedene Verfechter ihrer jeweiligen nationalen ״Belange“. Die Masse hingegen, die uneingegliederte, stellt die Repräsentanten jedes Radikalismus, den die Entwicklung des Lebens jeweils heraufbringt. Nur liegt eine ungeheure Uebcrschätzung, es liegt ein jüdischer Chauvinismus in der Annahme, daß sich im Leben der Völker durch die jüdische Beteiligung irgend etwas Wesentliches vollzöge oder auch nur anders vollzöge, als es auch ohne sie der Fall wäre. Es ist doch wohl richtig, daß sich die französische Revolution und nicht nur sie selbst, sondern auch die ganze geistige Vorbereitung des 18. Jahrhunderts auf dies Ereignis, ohne Juden vollzogen hat, daß sie nur das überraschte Objekt einer fremden Entwicklung waren. Das ist gewiß ein Gemeinplatz. Aber heute, wo man gewöhnt ist, Juden nicht nur in jeder fortschrittlichen Bewegung anzutreffen, sondern w0׳ weltbürgerlich empfindende Juden ausgesprochen oder unausgesprochen für sich auch noch in Anspruch nehmen, sozusagen das ״Salz der Erde" zu sein, hält man es beinahe für unglaubhaft, daß es damals auch ohne dies Salz gegangen sein soll. Es ist ganz gut gegangen. Sehr fraglich, ob die Juden den Prozeß der Entwicklung auch nur beschleunigen!. Wohl stoßen sie auf die progressiven Bewegungen und fördern sie in gewissem Maß, aber sie sind es auch, die in wahrscheinlich noch höherem Maß die Ab- Wehrkräfte rege machen. Denn in dieser Abwehr wirkt neben aller Interessenvertretung, neben aller Heuchelei, die den Juden nur als ein Bild im Kampfe vor sich herträgt, doch auch ein gesundes Gefühl, ein Gefühl nämlich dafür, daß die wcltbiirgerlichen Juden in den ganz anders gearteten Kampf etwas von jener Ideologie hineintragen, die aus ihren besonderen objektiven Bedingungen stammen, daß sie bestimmte Tendenzen überbetonen und daß ihre Gedankenweit aus einem abstrakten Idecnbercich kommt, der im Grunde mit dein natürlichen Boden, mit dem er sich verbindet, durchaus nicht identisch ist. So hat das jüdische Weltbürgertum einen besonderen Beiklang bekommen, wie cs auch tatsächlich von besonderer Art und mit dem Weltbürgertum aller arideren Völker schlechthin unvergleichbar ist. Anderen Wesens und mit den heutigen Trägern jeder aut irgendeine Art von Mcnschhcitsbcglückung gerichteten Idee nicht zu verwechseln ist das alte Geisteserbe des J u d e n t u m s, das auf vielerlei Wegen in die heutige Menschheit gedrungen ist und entscheidend an ihrer Formung gewirkt hat. Von solchem Einfluß konnte das Judentum werden, weil es als erstes Gedanken formuliert und ihnen nachznleben versucht hat, die mächtig sind in des Menschen Brust, die auch ihrerseits ״organisch gewachsen“ sind und deshalb in sich eine Macht, letzten Endes die stärkste Lebensmacht darstellen. Aber daß das Judentum sie formulieren konnte, daß dieser geistige Schöpfungsakt möglieh war, hat den Körper vorausgesetzt, diesen einmaligen Körper eines bestimmten Volkes in seinem Lande. Geist und Körper gehören zusammen. So unwahr und abstoßend der platte Materialismus ist, der heute in Reaktion aut den heuchlerischen Mißbrauch des Geistes meint, den Menschen als Wirtschaftstier definieren zu können — so unwahr und so jedem gesunden Gefühl zuwider ist jener schwebende ״Geist“, der auf Menschen zu wirken begehrt und dabei nur den Begriff der ״Menschheit“, nicht aber den Menschen in seinem natürlichen Raum kennt und liebt. Oder wäre das vielleicht eine ״Arbeitsteilung“, etwa nach Art jenes Rousseau, der seine Kinder ins Findelhaus schickte und währenddessen eit! Erziehungsbuch schrieb? Aber an dieser schmalen und gefährlichen Grenze des Menschentums kann und muß gelegentlich der schöpferische Einzelne seinen immer fragwürdigen Weg suchen . einem ganzen Volke ist er versagt. V. Aus solchen und ähnlichen Gründen also sahen wir uns veranlaßt, den Hafen zu suchen, statt uns ihm zu entreißen. Umgekehrt wie Josephus gehen wir aus der Weite in den Winkel, in der Hoffnung aber, von hier aus gerade eine um so innigere und wahrere Beziehung zum Kosmos finden zu können. Dabei ist keinen Augenblick die Gefahr zu verkennen, die selbstverständlich auch in diesem Beginnen liegt. Man m u ß nicht im Hafen ״verschlammen“, aber man kann es. Der Winkel braucht nicht zu einem Krähwinkel zu werden, aber die Gefahr ist gegeben. Sie abzuwenden, ist es wesentlich, ihrer bewußt zu bleiben. Was Feuchtwanger uns durch Tüverlin und Josephus predigt, ist nicht unser Weg. Aber es gab für jeden von uns einer» Zeitpunkt, wo er es hätte sein können, wo wir zu wählen und uns zu entscheiden hatten. Und diese Entscheidung war fruchtbar nicht nur durch die Richtung, in der sie fiel, son« dem auch dadurch, daß sie überhaupt fiel: daß wir von beiden Welten wissen und daß wir, indem wir uns der einen zuwenden, der anderen nicht vergessen und sie immer im Blickpunkt halten. Das ist unser ״Weltbürgertum“, und es bedarf wie das ganz andersgeartete des Josephus einer immer lebendigen Bemühung, des Kampfes nämlich um das Gleichgewicht zwischen der Verankerung und dem Getriebenwerden. Dies aber ganz im Gegensatz zu dem Weltoiirgertum der Tiivcrlins, das nicht errungen, sondern durch bestimmte Umstände angeboren ist, das sich als Verdienst maskiert und ewig eine Not bleibt. Öas ״Haolam“- Jubiläum London, 27. Februar. (J. T. A.) Aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des hebräischen Hauptorgans der zionistischen Bewegung, ״Haolatn“ fand am 26. Februar abends im Park Lane Hotel zu London unter dem Vorsitz von Professor Dr. Adolph Büchlcr ein Festdinner statt, das sich zu einer Huld!« gung für den ersten ״Haolam“-Redakteur Nahum Sokolow gestaltete. Auch der jetzige langjährige Redakteur des ״Haolam“, der populäre hebräische Publizist Moses Kleinm a 11 n war Gegenstand sehr ehrender Aufmerksamkeit. Den Toast auf Sokolow brachte Chacham Dr. Moses Gaster aus. Rev. J. K. Goldbloom sprach einen Toast auf Sokolow auf hebräisch, den Sokolow hebräisch erwiderte, woraufhin Prof. Brodeisky den Toast auf ״Haolam“ und die hebräische Presse ausbrachte. Das Unterhausmitglied Major fi. A. Procter, ein Nichtjude, stellte sich als Bewunderer der Tra* ditionen und der Literatur der Juden, bei denen die ganze Welt in tiefer Schuld steht, vor. Er sei ergriffen von der Schönheit der hebräischen Sprache und freue sich, daß sie immer mehr zu einer lebendigen Sprache wird. M. H. Davis, Präsident der Federation of Synagogues, sprach den Toast auf Moses Kleinmann und überreichte ihm im Namen der Federation einen Scheck über 100 Pfund zur Erleichterung der Finanzlast der Zeitung. Es sprachen noch Redakteur Kleinmann, Leon Simon (Schatzmeister des ״Haohm“-Jubiläums-Fonds), der Dichter Humbert Woolfe, der ״Daily Express“-Redakteur A. L. Easterman u. a. m. Verlesen wurden Glückwunschkundgebungen von Prof, Einstein, Chief Rabbi Dr. Hertz u, v, a.