Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1933)
- Date
- 1933-02-21
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15, 2t IL1933 den Staatszuschuß an die transjordanische Regierung nicht mehr auszuzahlen, ln einer Mitteilung an die J. T. A. erklärte die Palästina׳Regierung, sie beabsichtige nicht, irgend eine Erklärung in der transjordanisehen Boden verkaufsfrage abzugeben; dabei verwies sic darauf, daß in Transjordanien ein eigener Bevollmäehtigter der Mandatarmacht sitzt. Die arabische Presse veröffentlicht angeblich authentische Einzelheiten über den zwischen dem Emir Abdullah und einer amerikanisch-jüdischen Gesellschaft gcschlössenen Bodenkaufvertrag; danach hätte sich die jüdische Gesellschaft verpflichtet, sobald die Bodentransaktbn perfekt sein wird, eine Million Pfund in Transjordanien zu investieren. Bedenkliche Auswanderungsprakfiken Polnisch-jüdische Blätter berichten über eine jüdische A u s w anderungstragödie, die die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt und insbesondere aller verantwortlichen zionistischen Instanzen verdient. Nach diesen Berichten sind 71 jüdische Touristen aus Polen, die in Beiruth cintrafen, von dort nach Europa zurück geschickt worden. Es wird in den Berichten zugegeben, daß es sich hier in Wirklichkeit nicht um ״Touristen'‘ handelt, die nach Syrien wollten, sondern um Auswanderer, welche mit syrischen Transitvisen nach Bei r u t h kommen, um auf illegalem Wege nach Palästina über die Grenze weiter/iiwamlern. Die Personen, die von Beiruth nach Marseille zurück-geschickt wurden, befinden sieh natürlich in einer sehr unglücklichen Lage. Die Menschen erzählen, man habe ihnen in Polen versichert, dal! sie ohne große Schwierigkeiten sich über die syrische Grenze nach Galiläa werden durchschlagen können. In Wahrheit aber ist der größte Teil derer, die diesen Weg cingeschlagen haben, von der palästi- 11 e n s i s c h e 11 (i r e n / p o! i / e i aufgegriffen uml nach Syrien nirückgeschafft worden, wo sie frnn/üsisehc Oendarmerie aut ein Schiff brachte und nach Europa zurückschickte. Nach diesen Vorfällen sind darin die neuen Ankörnmlinge, die auch auf diese Weise ins Land kommen wollten, nieht mehr vom Schiff gelassen worden. Man kann sich leicht ausmalcn, welche furchtbaren Leiden diese Auswanderer, unter denen sich auch Frauen und Kinder befinden, durchmachen mußten. Auch der abenteuerliche Weg über das unwegsame Gebirge, wo arabische Wegweiser die Auswanderer iiher die Grenze bringen sollten, war überaus beschwerlich. Außerdem wurden sic von ihren sogenannten ״Führern" und ״Wegweisern" in der unverschämtesten Weise materiell ausgebeutet. Aus Bemüh wird ferner gemeldet, daß die französischen Konsuln in allen Ländern von der syrischen Regierung die Anweisung bekommen haben, bet der Ausstellung von Touristen- oder Transitvisa für Juden nach Syrien mit größter Vorsicht vorzugehen. Diese Berichte sind unter zwei Gesichtspunkten für die Jüdische Öffentlichkeit interessant. Erstens sind sie ein Beweis für die unbeschreibliche Not und V e rz w e i f 111 n g der jüdischen Massen, die unter allen Umständen zur Auswanderung drängen Und selbst die abenteuerlichsten Wege und Pläne nicht scheuen, um aus der Not in Polen herauszukommen und sich in Palästina eine neue Existenz aufzubauen. Zweitens aber wird hier das Licht der Ocffentlichkeit auf eine der skandalosesten Begleiterscheinungen der gegenwärtigen Lage gelenkt. Die Sehnsucht der Massen nach Auswanderung wird von skrupellosen Elementen und Menschen zu einem A u s w a 11 d e r ti n g s s c h w j n d c 1 mißbraucht. Es heißt, daß die Veranstalter dieser ״Touristen- Reisen“ nach Syrien an ihren Opfern beträchtliche Summen verdient haben, da sie sich die Besorgung der Pässe, Visa usw. teuer bezahlen ließen. Wir haben bereits vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß in Polen die Auswanderungsangelcgenheiten nach Palästina nicht zum besten liegen. Die palästinensischen Behörden haben sich bemüßigt gesellen, bei der Erteilung von ,,TotiriMenvisen“ nach Pakistina vorsichtig zu Werke zu gehen. Bei der Ausfolgung von Pässen lind der Beschaffung von Visen sollen Unregeimäßigkeilen vorgekommen sein, die nicht nur zu einer un-;instand׳,,;en Ausbeutung der Auswanderer führten, sondern auch Aden sehen, denen man falsche Vorspiegelungen gemacht hafte, nach Palästina lockte, wo sie eine Erfüllung ihrer Hoffnungen nicht fanden. Nachdem die palästinen* si'chett lieh,»rdeii auf diese Vorgänge aufmerksam wurden und Ce g nm.iBua Innen ein leiteten, haben dann offenbar irgendwelche Elemente den Ausweg gefunden, Touriston-Reisen nach Serien zu arrangieren. Mit welchem Erfolg, zeigen die oben zitierten Bericht׳. Wie wir hören, sind auch außer den 71 Menschen, von denen in den Berichten die Rede ist,!1 0 c 11 _;1 n d ere T r a n spurte von demselben Schicksal ereilt worden. Die Exekutive der j c w 1 s 1! Agency hat eine strenge l hitersiiclinng eingelcitet. Der Referent der Palastina-Exelailive für Einwanderung, I)r. Senato r, hat sich in dieser Angelegenheit längere Zeit in Warschau aufgehalten und auch einen Untersuchungs-Kommissar nach Marseille geschlickt, iv» die zuriiekdirigierten Leute sich aufhalten. Fs ist zu hoffen,;laß auch die zionistische n O rg a 11 i - s a t i o 11 e n u n d V e r b ä n d e Pr,lens mit aller Energie diesen MiiNtändcn entgegentreten werden. Es wäre überaus bedauerlich, wenn sich zeigen sollte, daß irgendwelche zionistisch organisiewen Personen oder Gruppen* in diese Affäre verwickelt sind. Die zionistische Ocffentlichkeit hat ein großes Interesse daran, daß diese Sacht* klargestellt wird. Es ist um so notwendiger, auf diese Vorgänge die Aufmerksamkeit zu lenken, als es durchaus möglich ist, daß die Elemente, die sich mit derartigen Unternehmungen befassen, auch auf andere Länder als Polen übergreifen. Es muß daher ausdrücklich davor gewarnt wstden, unkontrollierten Versprechungen zu folgen. ln Deutschland trägt die zionistische Bewegung lediglich für das Palästina -Amt der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, das bereitwillig alle Auskünfte erteilt, die Verantwortung. Bei jeder größeren Auswanderung ist es vorgekommen, daß man sieh an Auswanderern bereichert hat. Die j ü - dische Palästina-Wanderung unserer Zeit muß von derartigen unliebsamen Erscheinungen frei bleiben. Dies ist eine Forderung, in der alle Zionisten, welcher Richtung sie immer angehören, einig sein müßten. Vereinigung dialuxischer Jugend Am 18. und 19. Februar tagten in Berlin die Bundesräte der Bünde Brith Haolim und K a d i rri a h. Die Bünde beschlossen, sich zu einem neuen Bund zu vereinigen. Der neue Bund trägt den Namen ״Habonlm, noar chaluzi“. Dieser Zusammenschluß gewinnt um so mehr an Bedeutung, als es zum ersten Male nach dem Zusammenbruch des Blau-Weiß gelungen ist, in Deutschland einen chaluzisehen Erziehungsbund von annähernd 3000 Menschen zu schaffen׳ Oie Tagung der Organisations - Kommission Wie bereits kurz gemeldet, fand vom 12. bis 15. Februar in Berlin eine Tagung der von der Zionistischen Exekutive gemeinsam mit dem Präsidium des Aktions-Komitees gemäß einem Beschlüsse des letzten Kongresses eingesetzten Ständigen Kommission für Organisation und Propaganda statt. An den Beratungen nahmen folgende Mitglieder der Kornmission teil: Rabbiner ör. S. Federbesch-Hclsingfors, Dr. G. Halpern-Berün, Dr. M. Kollenscher-Bcrlin, R. Lichthcim-Bcrlm, M. Neustadt-Warschau, Ing. Rciß-Warschau, Dr. M. Rosenhlüth-Berlin, Ing. Scheskin-Warschau, Dr. A. Tartakower- Lodz, Dr. N. Ooldmann-Berlin sowie F. Bernstein-Rotterdam; in Vertretung der Exekutive die Herren: B. Locker und Dr. L. Lauterbach; der Präsident des Aktions-Komitees L. Motzkin, weiter die Herren R.-A. Groncmann, Dr. A. Barth, Dr. Hantke, A. Pollak sowie eine Anzahl von eingeladenen Sachvcrständigen und Vertretern von zionistischen Jugendverbänden und Frauenorganisationen. Das Programm der Tagung gliederte sich in vier Hauptpunkte: 1. Organisatorische Reformen, 2, Zionistische Propaganda, 3. Zionistische Jugendbewegung, 4. Reorganisierung der Jewish Agency. Beim ersten Punkt, über den Dr. Lauterbach referierte, wurden zwei Fragenkomplexe besonders behandelt, und zwar die Form der Zusatnmenfassung der Zionisten in den einzelnen Ländern, sowie Vorschläge zur Reform des Scliekelwcsens. Konkret wurde die Gründung von zionistischen T erritorialvcrbändcn in allen Ländern sowie die Einführung des zweijährigen Schekels als Voraussetzung des Kongreßwahlrechts vorgeschlagen. Beim zweiten und dritten Programmpnnkte wurden auf Grund von Referaten der Herren Dr. Gold mann und Dr. G. Landauer verschiedene Anregungen zur Erneuerung und zentralen Leitung zionistischer Propaganda sowie zur Bekämpfung destruktiver Tendenzen gegeben. Die Diskussionen, an denen sich alle Mitglieder der Kommission und ein großer Teil der übrigen Sitzungsteilnchmer beteiligten, brachten eine Fülle wertvoller konkreter Anregungen. Nach Beendigung der Plenarberatungcn traten die Mitglieder der Kommission am Mittwoch, dem 15. Februar, nachmittags, zu einer internen Beratung zusammen, auf der das während der Tagung angesammclte Material an Anschaumigen und Vorschlägen in Entschließungen formuliert wurde, die der Exekutive zur Bearbeitung und Stellung entsprechender Anträge an die zionistische Ocffentlichkeit und an den diesjährigen Kongreß übergeben wurden. Im Anschluß daran tand dann unter dem Vorsitz von Locker am 16. und 17. Febr. in Berlin eine Konferenz der vom Administrative Committee der Jewish Agency eingesetzten Kommission statt, die die Aufgabe hatte, die Vorschläge _ tür den Umbau und die Festigung der Jewish Agency zu prüfen. An der Konferenz nahmen teil: Rabbiner Dr. Leo Baeclc, Berlin, Kurt Blumenfeld, Berlin, Rabbiner Dr. S. Federbnsch, Helsingfors, Dr. Nahtim Goldmann, Berlin, Dr. Georg Halpern, Berlin, Dr. Arthur Hantke, Jerusalem, Dr. Bernhard Kahn, Berlin, Leo Motzkin, Paris, Ing. A. Reiß, Warschau, Dr. Werner Senatorjerusalem, Direktor Oscar Wassermann, Berlin, B. Zuckermann, New York. In einer zweitägigen Debatte, die durch ein Referat von Herrn B. Locker eingcleitct wurde, wurden mehrere Vorschläge erörtert, die daraut hinausliefen, dem nichtzionistischen Teil der Jewish Agency einen festen Unterbau zu geben. Vor allem ständen zur Diskussion die Anregungen, das Wahlrecht zum nichtzionistischen Teil des Council der Jewish Agency den Keren-Hajessod-Zahlern in einzelnen Ländern, bzw. in anderen Ländern den bestehenden jüdischen Organisationen öffentlich-rechtlichen und anderen Charakters zu gewähren. Die Debatte, an der sich sämtliche Anwesenden beteiligten, endete mit dem Beschluß, sämtliche vorgelegten Lösungsvorschläge den Organen der fewish Agency sowie einer breiteren jüdischen Oeffentlichkcit als Diskussionsmatcrial vorzulegen und auf diese Weise die Beratungen der im Sommer stattfinderiden Tagung des Council der Jewish Agency vorzubereiten. Sokolow bei den Italienischen Jaden Rom, 19. Februar. (J. T. A.) Der Verband der jüdischen Gemeinden Italiens gab zu Ehren des Präsidenten der Jewish Agency. Nahuni Sokolow, einen Empfang, dem außer dem Präsidium des Gemeindeverbandes mehrere Vorsitzende von Einzclgemcinden und andere prominente italienische Juden, Männer der Wissenschaft und der Wirtschaft, beiwohnten. Im Namen des Gemeindeverbandes begrüßte der Regierungskommissar Advokat Ravenna Sokolow als den Ehrengast des italienischen Judentums. In längerer Rede schilderte dann Sokolow das Werk der Regeneration des Judentums in Pakistina. Die Ausführungen Sokolovcs fanden den enthusiastisehen Beifall der versammelten italienischen jüdischen Führer. Das Schlußwort hatte der Oberrabbiner von Rom, Professor Dr. Angelo Saeerdoti, der erklärte, die Jüdische Gemeinde Roms betrachte es als eine große Ehre, den obersten Repräsentanten der zionistischen Bewegung und des Aufbauwerks in Erez-Israel in ihrer Mitte begrüßen zu können. Sokolow wird in den nächsten Tagen Florenz, Mai* land, Livorno und andere italienische Städte besuchen. Ueberall treffen die Jüdischen Gemeinden und die zionistischen Ortsgruppen Vorbereitungen zu seinem Empfang, Die zionistisehe Föderation Italiens verbindet mit dem Aufenthalt Sokolows in Italien eine großangelegte Propaganda für Keren Hajessod und Keren Kajemcth. Diese Woche wurde als die ״Sokoiow-Woche‘‘ (La Settimana Sokolovi’ana) proklamiert. Sobernheliri-Trauerfeier. Am 15. Februar abends veranstattete die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums im großen Tempel des Lcgenhauses eine Trauerfeier für ihren verstorbenen Vorsitzenden Legationsrat Prof. Sobernheim. Neben zahlreichen Mitgliedern aus Berlin und dem Reiche und ausländischen Mitgliedern der Gesellschaft wohnten Vertreter fast aller jüdischen Kulturorganisationen der Feier bei. Rabbiner Baeck und Prof. Mittwoch geleiteten die Mitglieder der Familie Sobernheim in den Saal, woraufhin die Versammlung einige Minuten schweigend verharrte. Nach einer Begrüßungsrede von Dr. Baeck gedachte Dr. Ernst S c 11 a e d e r, Professor der orientalischen Sprachen an der Universität in Berlin, zunächst des verstorbenen Staatsministers Dr. h. c. C. H. Becker, der sich mit Sobernheim in der Arbeit zusammenfand, und würdigte dann die Tätigkeit und das Wirken Sobernhcims für Juden und Judentum und für die Orient-Wissenschaften. Zurr» Schluß appelliertc er an die judenheit, sich der hohen Kulturmission der Wissenschaft des Judentums bewußt zu bleiben und Sobernheims Werk fortzuführen. Dr. Friedrich Ollendort gedachte im Namen der Zcntralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und der Hauptsteile für jüdische Wanderfürsorge des Sozial- Politikers Sobernheim. Es folgten Musikvorträge des Geigers Alfred Wittenberg. Im Anschluß an die Feier fand die Hauptversammlung des Vereins der Gesellschaft statt. Die Gesellschaft wählte an Stelle von Sobernheim Prof. Dr. Eugen Mittwoch, Direktor des Orientalischen Seminars, zu ihrem Vorsitzenden. Presseschau Jüdische Selbstbesinnung In der ״Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ (Nr. 4) veröffentlicht deren Schriftleiter, Dr. Ludwig Feuchtwanger, unter der Ueberschrift ״Zwischen 30. Januar und 5. März. Versuch einer Klärung der jüdischen Situation“ einen bemerkenswerten und symptomatischen Artikel. Der Verfasser gibt zuerst einen kurzen Umriß des Ideengehalts und der Gefühlswelt des italienischen Faschismus und stellt dann die folgenden Fragen: 1״. Gibt es eine ursprüngliche, unverlierbare, etwa vom Wesen des Judentums herrührende Neigung des deutschen Juden zu Demokratie, Sozialismus, Pazifismus und zur liberalen Staatstheorie, also zu den dem . ansteigenden ,europäischcn Faschismus‘ ausgesprochen feindlichen Prinzipien? 2. Wie steht es mit dem alten, unverbrüchlichen jüdischen Grundsatz: ,Jedes Gesetz der Regierung ist für die Juden vorbehaltlos verbindlich‘ (dina d’malchutha dina) unter einer Regierung, die ausschließlich von Parteien geführt wird mit dem Prinzip, die deutschen Juden nicht als gleichberechtigte Volksgenossen anzuerkennen?“ Die erste Frage ist nach Feuchtwanger fasch und eindeutig zu beantworten. Die deutschen Juden sind vveltanschaulich und politisch nicht homogen. Eine Elinneigung des deutschen Juden seit der Emanzipation zu den demokratischen, liberalen und sozialistischen Grundsätzen ist aus leicht begreiflichen Gründen festzustcllen. Die Grundein- Stellung des Juden nach seiner Herkunft und der Lehre seiner Väter ist aber eine konservative. Viel schwerer, fährt Feuchtwanger fort, ist die zweite theoretische Frage zu lösen: Die Loyalität zu einem ausgesprochen judenfeindlichen Regime, das seinerseits den Juden nicht als Volksgenossen und loyalen Staatsbürger, sondern als Quelle für alles Staatsfeindliche, Volksschädigendc ansieht. Die Legalität der judenfeindlichen Obrigkeit macht jeden Widerstand und jede Gegenwehr zum Unrecht und zur Reclitswidrigkcit, zur ״Illegalität“. Feuchtwanger erörtert den Begriff der Legalität, wie ihn zuletzt der Staatsrcchtlchrcr Carl Schmitt behandelt hat, und meint, theoretisch biete auch die Weimarer Verfassung einen ״legalen“ Weg, mittels qualifizierter Mehrheiten die Juden zu entrechten; allerdings bliebe dabei immer die Hoffnung, daß die Waage sich später auch wieder nach der anderen Seite neige. Feuchtwanger schließt: ״Die deutschen Juden sind diesmal vollzählig in der Opposition. Die letzten Jahre haben uns gelehrt, nichts für unmöglich zu halten, Beteuerungen, Proteste oder den Appell an den Gerechtigkcitssinn zu unterlassen und mit kühlster Aufmerksamkeit, die verstärkt wird durch das Bewußtsein der völligen Aussich ts- und Wirkungslosigkeit irgendeines praktischen Schrittes im gegenwärtigen Stadium, den Gang der deutschen politischen Tragödie zu verfolgen. Ueber Menschen- und Bürgerrechte eines Teils des deutschen Volkes kann nicht abgezählt werden. Ohne Furcht, ja zuversichtlich und gelassen schreiten wir den Ereignissen entgegen. Ein erhärtetes und völlig sicher gewordenes, geachtetes Judentum wird aus den Wechselfällen unseres staatlichen und politischen Lebens hervorgehen.“ * Es ist sehr beachtenswert, daß auch in nichtzionistischen Kreisen allmählich Klarheit darüber entsteht, daß Beteuerungen und Proteste eine ungenügende Juden- Politik sind. Jahrzehntelang hat man die deutschen Juden in der falschen Richtung geführt, indem man ihnen einredete, es komme darauf an, möglichst wirkungsvolle Loyalitätsbeteuerungen abzugeben und sich mit der Umwelt zu identifizieren, wobei diese Identifikation freilich einseitig blieb. Durch das fortgesetzte Betonen, daß es ״keine Judenfrage gäbe“ — ein Satz, der auch heute noch z. B. in der ״C.-V.-Zcitung“ unbegreiflicherweise seinen Platz finden kann — hat man das Gefühl dafür verwischt, daß gerade aus dem B e w u ß t m a c h e n der wirklichen juderifrage mit allen ihren Schwierigkeiten und ihrer Problematik, der Jude Kraft und Sicherheit schöpfen kann, weil er durch Erkenntnis der Judenfrage selbst zu seinem Mutterboden, einem positiven Judentum, zuriiekgeführt wird. In sehr später Stunde hören wir aus dem anderen jüdischen Lager den Satz, daß aus den jetzigen Verwicklungen ein ״erhärtetes und völlig sicher gewordenes, geachtetes Judentum“ hervorgehen wird. Wie begrüßen diese mannhafte Stellungnahme eines nichtzionistischcn Autors. Es ist freilich ein tragisches Geschick, daß erst durch die Leiden und furchtbaren Erniedrigungen der Gegenwart die deutschen Juden zu solcher Selbstbejahung zurückkehren. Der Aktionskreis der Histadrntti Jerusalem, 19. Februar. (J. T. A.) In der vierten Konferenz der Allgemeinen jüdischen Arbeiterföderation (Histadruth) hielt der Vorsitzende der Histadruth, Ben Gurion, eine großangelegte, zwei Stunden dauernde Rede, in der er die Rolle der jüdischen Arbeiterschaft im Aufbau Palästinas darlegte. Ueber 70000 Palästina-Einwohner, also mehr als ein Drittel der jüdischen Gesamtbevölkerung Palästinas, sagle Ben Gurion, ist direkt oder indirekt mit der Arbeit der Histadruth verbunden. Die eigentliche M i t g 1 i e d e r z a h 1 der Histadruth übersteigt die Ziffer 35 000. Von diesen 35 000 Arbeitern sind 13 000 verheiratet und haben rund 22000 Kinder. Die Histadruth-Institutionen verfügen heute über ein festes Kapital von 218 000 Pfund, der Jahres- Umsatz erreichte die Höhe von 878 000 Pfund. Von den Mitgliedern der Histadruth wohnen 56 ®,,o in den Städten und 44 0,ö in den Kolonien. 152 000 Dunam Keren-Kajcmcth-Boden werden von jüdischen Arbeitern in erster Hand bebaut. In den durch privates Kapital aufgebauten Kolonien ist die Zahl der der Histadruth angeschlossenen jüdischen Arbeiter in den letzten Jahren von 8000 auf 18000 gestiegen. Noch heute aber — fuhr Ben Gurion fort — beschäftigten 30 «/* aller jüdischen Plantagenunternehmungen Palästinas arabische Arbeiter. Jüdisch-arabischer Arbeitskonflikt Jerusalem, 15. Februar. (J. T. A.) In dem Matalon- Levin-Orangcnhain kam es zwischen jüdischen Arbeitern aus Ramat Hascharon in der Nähe von Hcrzliah und von der Hain- Leitung neu eingestellten arabischen Arbeitern zu einem Zusammenstoß, bei dem drei jüdische Arbeiter v e r - letzt wurden. Die Polizei verfügte, daß die gesamte Arbeit im Hain vorläufig ruhen soll. Das Fürsorgeamt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde erläßt einen Aufruf für die Auffüllung des völlig erschöpften Hilfsfonds der Gemeinde für jüdische Notleidende. Etwa 50000 Wiener Juden, mehr als der vierte ,Teil der Wiejt« luden, ist auf öffentliche Hilfe angewiesen,