Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- Seite 58 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 58 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 12, 10. n. 1933 ״Kulturbolschewismus״* Bei einer Tagung des ,,Kampfbundes für deutsche Kultur“ in Berlin, bei der auch der neue Kultusminister Dr, Rust, eine Ansprache hielt, erklärte — gemäß ״Angriff“ — der Vorsitzende der Versammlung, Hinkel, trotz der Ernennung von Rust mm Kultusminister und Johst zum Staatstheater- Intendanten, sei die Aufgabe des Kampfbundes noch nicht erfüllt. ״Der Kampf gehe weiter bis zur vollständigen Ausrottung des Kulturbolschewisnuis. in Deutschland, in der bildenden Kunst müsse gegen die Liebermänner, in!1er Architektur gegen die Laubhütten-Bau■ :ncisicr, im Theater gegen das Ausländertum und Star- System Front gemacht werden. Die Thcaterkon/essionen werden sorgfältig nachzuprüfen sein, damit in Zukunft Fälle wie der Kotter-Skandal unmöglich sind.“ Unter!1er Parole Kulturbolschewistnus wird also ein Kampf aufvenommen, der nicht etwa nur gegen zweifelhafte Protlukte der bürgerlichen Großstadt-Zivilisation, sondern auch gegen Werke e e h t c r K!ו n s t gerichtet ist. Es ist besonders zu bedauern, daß in einer Versammlung, an der der Kultusminister tcilnimmt, i!1 demagogischen und primitiven Andesttungen alle Kulturschäden auf jüdische Provenienz zurüekgeführt werden. Bedeutende künstlerische Leistungen werden verdammt, nur weit sic von Juden stammen, weitberühmte Künstler verspottet, Fntartungs-fIrschcimmgen der Nachkriegszeit, wie sie nadi allen großen Kriegen vorgekomrnen sind, werdu! den J׳.!;:en zu.;e«ci1riebt־n. Schon vor einiger Zeit hat die ״Tägliche Rundschau“, ׳•ins der wenigen sieh von Dem.m.go freih,׳dt mini rechtsstehenden Organe, daraut hi:!•׳: ev, ie.,c!1, d:di L1i:1e Keile davon sein könne,!laß der so 'enani'te ״Kid!•1 rhoU.: he wisniu:,“, zu de.wen Aeriiturg seinerzeit schon Ifcir vo:1 P,!pai auSgcruthni hat, eine von außen e i n ׳:׳ ec h 1 e n p t!׳׳ Krankheit sei. ״Die Ha/illen dieser Krank!!;•;; s!nti im idcaß-Oiselien Bürgertum des 10. Jahrhunderts entstanden, das sieh von allen Bindungen emanzipiert!’, das das ( 1!! :׳;!׳״!;tum dureii wisseüsrha!fliehe Bibel-Kiilik zu einer .Angriegculies! des l'crshi!ulcs inacliug die Bindung au Volk und baniihc als nn k-t.niilig, be/1 iehnete,!111־ Freiheit des Mensclien und d!׳r Wirt schal ז pietngtc.“ 1 )er Verfasser tles Artikels wies daroif hin, daß Herr v. Panen und sein Kreis, die als Retter des Bur;־ ertnms und des Kapitalismus auf treten, kau!;! wiiknehe Kuiisc! jiien/en aus ihrer Proklamation s ielten können. Bei dieser tdclegenfirif sei auch auf zwei Phi eher hingewffsen, die dieses Thema von entgegengecet/fen Standpunkten!-,el'.aiidcln. 111 einer Schrift ״K 11 11 1! r f! o 1 s e 11 e w i s nt u s, eine d ente h e S c h i c k s a 1 s t r a e“ (Verla׳.; Wh Kohlliammer, Sttiltgart) legi K a r I 15 ult e n;tar, w1־s 11 ich Ansicht der konservativen Kreise nufer ״Kiilturbulsrhewisrnus“ zu verstehen ist. Es sind adle geistigen Machte gemeint, die die alten Grundlagen der ehn.-tliehen Tradition und Ordnung durch Skepsis und Kritik uml mit der Parole individueller Gedankenfreiheit atlgreifen. Die Folgen dieser falschen Freilieitsk'hre sieht der Verfasser auf reiigiüsem und sittlichem Gebiet, im Sexualleben, in der Gesellschaft ebenso wie in der Politik, wobei er Kosmopolit»mus,;Marxismus, Pazifismus als kulfurzerstörend verwirft. Wer sieh über die Gedankenwelt, aus der heraus dieses jetzt sehr aktuelle Schlagwort ״Kulturbolschewismus" stammt, orientieren will, wird dies bei Hatten tun keime,. Als Aimehrmacht erkennt der Verfasser die völkische ,dee nur mit einer bestimmten Begrenzung an. Sie könne nicht ״die oberste Spitze einer Hierarchie von absoluten Werten“ sein, dies könne vielmehr nur die Christliehe Idee. Dabei ist zu vermerken, daß das Büchlein sich erfreulicherweise von antisemitischen Schlagworten fernhält, wohl in der richtigen Erkenntnis, daß uie behandelten Probleme nichts mit Judentum zu tun haben. — Von der künstlerischen Seite 11er untersucht Paul Renner die Tragweite und den Gehalt des Schlag wort es Kulturbolschewismus (״KuRurbolschewismus?•‘ Eugen kentscli-Verlag München, 2 RM.). Paul Renner hält eine gründliche Abrechnung mit der unsachlichen, aut politische Verhetzung ab/ielcudcn Art der Behandlung von Kulturproblemen durch den vulgären antisemitischen National- Sozialismus. Als deutscher Künstler verteidigt er den deutschen Charakter der modernen Baukunst, die dein Wesen der Neuzeit e!1t-pricht. Auch in der Kunst, so zeigt Renner, dient die antisemitische Agitation im Gründe nur dazu, um die Aspiralinnen gewisser interessierter Kreise zu verhüllen. Geister zweiten Ranges, so sagt er, haben es immer verstanden, den Patriotismus für ihre Ziele eiu/uspannen, um begabtere Zeitgenossen aus dem Felde zu schlagen. Erst auf diese ״Weise ist cs dazu!;!:kommen, daß jede Kunst, die sich als ,,national“ aus.;ihr. verdächfig wird. Ehe lesenswerte Schrift von Renner enthüllt die Verlogenheit und Gedankenlosigkeit der teaktioiiiircu Propaganda, die sich bei :dien Gelegenheiten des ,Antisemitismus!);■dient, statt den wirklichen Probleinen statid/nhalteii. Die Schrift von Renner verdient um so mehr Beachtung, als wir zweifellos in der nächsten Zeit dem Schlagwort ״Kuiturbolschewismus" noch häufig begegnen werden. Symptome Aus Düsseldorf wird, uns geschrieben: ln Düsseldorf ist ein großes Plakat mit roter Schrift in einem Arbeiterviertel an eine Wand geklebt worden: ״SA. u. SS.i Ihr habt Arbeiter genug erschossen. Wann werdet I h r d e n ersten Juden hänge!1?“ Es dürfte unzwcifelhalt sein, von welcher Seite dieses Plakat angebracht worden ist. Das zuständige Polizeirevier, das aufgefordert wurde, das Plakat zu beseitigten, hatte zugesagt, es bei Dunkelheit frrtzunehmen. Am nächsten Tage hing das Plakat aber immer noch. Auf erneute Vorstellungen erklärte der stcliv. Reviervo'steher, das Plakat sei aut einem Privatgrundstück an gebracht, das ginge ihn nichts an. Man solle sich an das Polizeipräsidium wenden. Dieses hat dann auf Vorstdlungen des Gemeindevorstandes hin für die Entfernung des Plakates gesorgt. Man sieht: Ein Selbstschutz ist nicht da. Und die sofort um Hilfe gerufene Polizei greift nicht ein, sondern versteckt sich zunächst hinter Zuständigkeitsfragen. Böswilliger Zynismus. Unter der Ueberschrift ״Juden treiben Schiffahrt“ bringt der ״Völkische Beobachter“ nachstehende Notiz: »Aus Palästina kommt die erstaunliche Nachricht, daß kürzlich der 300 Bruttoregistertonnen große Dampfer ״Carmel“ (Kamel?) in das Palästinensische Schiffsregister eingetragen sei. Hierdurch besitzt das Gelobte Land das erste eigene Schiff, das in der Frachtfahrt zwischen Paiästina, Aegypten und Syrien eingestellt werden soll. Ob sich auch eine jüdische Besatzung an Bord befindet, ist leider nicht erwähnt, jedoch wohl kaum anzunehinen, da die Juden stets das Gefahrvolle und alles, was mit ״Wasser“ zusammenhängt, meiden.« Ob es wohl einen Leser des ״Völkischen Beobachters“ ibt, dem angesichts dieses banalen Gewitzcls die Augen f ber den böswilligen Zynismus aufgehen, mit dem sein Organ 'ede jüdische Sache behandelt?, Verband Jüdischer Gemeinden Oesterreichs In der letzten Plenarsitzung der Wiener Israelitischen Kultusgcmeinde wurde mitgeteilt, daß die Gründung eines Verbandes j ü d i s c h er G emeinden ganz Oesterreichs Tatsache geworden ist. Von den in den österreichisclicn Bundesländern bestehenden 33 jüdischen Gemeinden haben 26, unter ihnen 3 orthodoxe Gemeinden im Burgenlande, den Anschluß an den Verband vollzogen, während 5 burgenländische Gemeinden bis jetzt eine positive Antwort nicht und 2 einen ablehnenden Bescheid gegeben haben, in den nächsten Tagen wird die Konstituierung des Getneindeverbandes und die Wahl einer Repräsentanz der gesamten österreichischen Judenheit vor sich gehen. Demnächst sollen Verhandlungen mit der Regierung über die Forderungen der österreichischen Juden aufgenommen werden. Die Schaffung des Gemeindeverbandes ist ein Erfolg der neuen zionistischen Führung der Wiener Gemeinde. Bisher war die organisatorische Zusammenfassung des österreichischen Judentums an dem Widerspruch der Wiener Großgemeindc gescheitert, die befürchtete, durch den Zusammenschluß Verpflichtungen gegenüber den kleinen leistungsschwachen Gemeinden auf sich zu laden. Das Fehlen einer Gesamtrepräsentanz machte sich bei allen Versuchen, vor der Regierung die jüdischen Rechte (z. B. auf finanzielle Beteiligung des Staates an den Kiiltuseinrichtungcn) wirksam zu vertreten, fühlbar. Nun ist durch das energische Vorgehen der Zionisten dieser unhaltbare Zustand endlich beseitigt. Der Präsident der Wiener Kultusgcmeinde, Dr. Desider Friedmann, sprach inzwischen heim österreichischen Bttndeskanzleramt und beim Kultusminister Dr. Riritelen vor und brachte die Forderung nach einer Subventionierung des jüdischen Kultus aus Staatsmitteln vor. Die Mitglieder der Regierung erklärten, sie erkennen die Berechtigung der ׳ ü d 1' s c!1 e ת Forderung an, aber die österreichische Regierung sei im Hinblick auf die beschränkten Staatsmittel nicht in der Lage, eine Staatssubvention zu gewähren. Wie der JTA.-Vertreter erfährt, ist das Präsidium der Israelitischen Kultusgcmeinde entschlossen, beim Vcrwaltungsgerichtshof eine Klage gegen die Regierung auf Subventionierung des jüdischen Kultus einzureichen. Bauernkonferenz in Palästina Kritik an einer Rede Dr. Welzmanns. Im Januar fand in Tel-Awiw die Jahreskonferenz des Verbandes der palästinensischen Landwirte statt. In diesem Verband sind die Privatwirtschaftliehen Kolonisten (Pflanzer) zusammcngcschlossen. Die Konferenz befaßte sieh eingehend mit verschiedenen Fach- und Wirtschaftsfragen, u. a. auch mit der durch die engfische Zollgesetzgebung geschaffenen Situation. Die auf palästinensische Produkte, insbesondere Orangen und Grape Fruit, in England erhobenen Zölle bilden eine schwere Beeinträchtigung der Orange ne infuhr nach England. Es wurde dagegen protestiert, daß Palästina als Mandatsland handelspolitisch entm ii n d i g t wird, da es keine eigene Zollpolitik treiben darf, während seine eigene Ausfuhr durch die Zölle anderer Länder behindert wird. Die Konferenz nahm ferner gegen die Pläne auf Einführung einer Einkommensteuer Stellung. Ein großer Teil der Debatten war der Frage der jüdischen Arbeit in den Kolonien gewidmet. Der Vorsitzende der Bauern vercinigung, M. S m i I a n s k y, zugleich Herausgeber der Zeit- Schrift ״Bousfenai“, nahm in seiner Einleitungsrede Stellung gegen eine Rede, die Dr. Weizmann in London auf der Konferenz der E. Z. F. gehalten hat. Dr. Weizmann habe in dieser Rede sich abfällig über die Privafkolonistcn geäußert; er stellt dem Chaltiz den Privatkolonisten entgegen, den er ״Boas“ nennt, und erklärt, auf dem Boden, auf dem ein derartiger Boas sitze, könnten zehn arbeitende Familien angesiedelt Werden. Aus diesen Worten Weizmanns spreche eine Verkennung des großen Wertes der Privatinitiative, der allein es zu danken ist, wenn heute auch wieder Einwanderungsmöglichkeiten für Chaluzim und Arbeiter vorhanden sind. Die nationale Kolonisation sei nicht durch die ״Boase“ behindert worden, sondern einzig und allein dadurch, daß sie kein Geld hatte. Ueber den ״Boasismus“, der schnell zu einem neuen Schlagwort in Palästina geworden ist, hat sich bereits eine Kontroverse in der palästinensischen Presse entwickelt. Interessant ist, daß Smilansky sich auch gegen eine andere Bemerkung Dr. Weizmanns ansspricht, Weizmann hane — und zwar nicht zum ersten Male — angedeutet, daß die neuen Einwanderer geeignet seien, selbst für Aufrechterhaitung des Friedens und “der Sicherheit im Lande zu sorgen. Diese Bemerkung, die eine Art ״Tribut an den Revisionismus“ darstelle, möge Weizmann, so rät Smilansky, in Zukunft unterlassen. Kleine Nachrichten Einige tschechische Blätter brachten Mitteilungen, daß in Nordböhmen ein Zustrom von reichsdeutschen Flüchtlingen, namentlich von Juden, eingesetzt habe, die in den deutschen Städten Nordböhmens Asyl Suchten. Nach Informationen, die der Prager Korrespondent der ״Vossisehen Zeitung" erhielt, sind diese Behauptungen abs o I u t unrichtig. Dr. Alexander Go Idstein wurde In Jerusalem vom High Commissioner empfangen und berichtete über seine Erfahrungen in den verschiedenen Ländern, die er im Interesse des Keren Hajessod bereist fiat. Zum. Schluß wünschte Wauehope Dr. Goldstein einen guten Erfolg in seiner weiteren Tätigkeit zugunsten des Keren Hajessod. Die Regierung des Irak bat einen Juden, Abraham Bev Ef-Kabir, zu ihrem Finanzberater in London ernannt und ihn dem Irak-Konsulat in London attachiert. Der neue rumänische Unterstatssekretär für die. Minderbeiten, Professor Scherban, legte vor der Presse die Politik der rumänischen Regierung gegenüber den Minderheiten dar und erklärte, nach den Prinzipien Manius sei eine gewaltsame Romanisierung zu verurteilen. Scherban äußerte auch Sympathien für die zionistische Bewegung. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bukarest und des Jüdischen Gemeindebundes für Altrumänien, Dr. W. Fildermann, hat seine Demission zurückgezogen. Man rechnet mit einer baldigen Ueberwindung der finanziellen Schwierigkeiten der Gemeinde. Eine aus dem Mittefalter stammende Synagoge wurde in Bruck a. d. Mur (Steiermark), am Kirchplatz zwischen Mesnerhaus und Schulhaus, entdeckt Das österreichische Bundeskanzleramt wird das Gebäude unter Denkmalschutz stellen. Aus Dokumenten geht hervor, daß die Synagoge Ende des 14. Jahrhunderts erbaut worden war. Die alte jüdische Gemeinde in Hohenems i n Tirol hat zu existieren aufgehört und wurde aus dem Register der Gemeinden gestrichen. Diese einst blühende Gemeinde zählte zuletzt nur noch 5 jüdische Familien. Jewish Agency-Abend in Breslau (Von unserem Berichterstatter.) Als Auftakt für eine neue Werbeaktion der Breslauer Arbeitsgemeinschaft für die Jewish Agency sprachen am Sonntag, dem 29. Januar, mittags, die Herren Dr. Friedrich Brodnitz-Berlin und Dr. Michael T raub- Berlin. Dr. Brodn i t z behandelte in klar durchdachten, in ihrer ruhigen Sachlichkeit besonders überzeugend wirkenden Ausführungen die Situation des deutschen Judentums, die in ihrer immer stärker zutage tretenden Abkehr vom Religiösen und seine damit verbundene Auflösung, der gegenüber die rein negative Bindüng durch die Bedrohung von außen unmöglich eine Abhilfe bringen kann, am allerwenigsten in einer Zeit materieller Nöte und seelischer Bedrückung. Es tue not, den deutschen Juden eine neue stärkere Bindung durch neue Werte zu geben, ein neues Svmbol efer Gemeinschaft zu schaffen. Ein solches scheine sich ihm im Palästina-Aufbau zu gestalten, auch für diejenigen Juden, die für sich die zionistische Idee ablehncn. Ihren Ausdruck finde diese Idee in der Jewish Agencv, die eine Zusammenfassung aller Richtungen irn Judentum darstelle und daher als solche von höchster Bedeutung für den Bestand des Judentums sei. Redner widerlegt schließlieh in sehr wirkungsvoller Weise die Einwände, die noch immer von mancher Seife gegen das Palästinawerk־ vorgebracht werden. Eine ausgezeichnete Ergänzung zu seinen Ausführungen bildete die •daraut folgende Rede von Dr. T r a u b, der den Breslauer Juden bisher ein Unbekannter war. Auch er, ein sich nur an das Sachliche haltender Redner, schildert die trostlose und immer verzweifelter werdende Lage der Juden im europäischen Osten, Früher das nie versiegende Kräftereservoir für das schon immer etwas blutleere westliche Judentum, drohe ihnen jetzt der völlige Untergang. Um so notwendiger sei für den, der das Judentum mit seinen großen immanenten Werten der Welt erhalten wolle, die Schaffung eines neuen naturwüchsigen Judentums in Palästina. Redner schildert dann die von allen objektiven Betrachtern auls höchste bewunderte Entwicklung in Palästina an Hand eines umfangreichen Zahlenmaterials, das er dem Hörer in leicht faßlicher und einprägsamer und keinesfalls ermüdender Weise zu Gemüte führt, um schließlich als Abschluß darzulegen, wieviel Weiter dieses große Werk schon hätte gediehen sein können, wenn das gesamte Judentum ihm gegenüber seine Pflicht erfüllt hätte. Beide Reden, verschieden in ihrer Artung und durch das Temperament der Redner, aber beide gleich ausgezeichnet in ihrer strengen Sachlichkeit, wurden von den Anwesenden mit stärkstem Beifall aufgenommen. Leider vermißte man viele, denen man gern Gelegenheit gegeben hätte, gerade diesen Ausführungen zuzuhören. Doch hatte es sich nicht vermeiden lassen, wie der Leiter der Versammlung, Rechtsanwalt Foerder, ausführte, daß um die gleiche Stunde zwei andere jüdische Versammlungen stattfanden. Drei Tage später, am Mittwoch Abend, sprach Dr. Traub noch einmal vor einer viel größeren Zuhörerschar im Rahmen einer von der Zionistischen Ortsgruppe veranstalteten öftentliehen Versammlung über das Thema: ,,ß i r o - B1 d s ch an und Palästina“. Trotz mehrfacher Aufforderung durch den Leiter der Versammlung, Rechtsanwalt Jacobsohn, meldete sicli nur ein Diskussionsredner zum Wort, der dem Redner des Abends nichts Tatsächliches entgegenhalten konnte und dessen ideologische Ausführungen unschwer zu widerlegen waren. Dies und einige schriftlich eingereichte Anfragen gaben aber Dr. Traub noch Gelegenheit, in seinem Schlußwort seine Darlegungen in mehreren Punkten zu erganzen und sich dabei auch ein wenig mit der deutschen öeserd-Organisation und ihrem Organ auseinanderzusetzen. Die sehr zahlreich Erschienenen dankte dem Redner aufs herziichste in der Hoffnung, ihn bald wieder in Breslau begrüßen zu können. Sch. Hakenkreuzler-Bubcnsttlck. In der Buchhandlung Gon« zer, Berlin Oranienburger Str., wurden in der Nacht vom' 7. zum b. Februar zum zweiten Male die Schaufenster emgeschiagen, die Bücher auf die Straße ge• w o r f e n und zum Teil zerrissen. Die Täter ließen folgenden Zettel zurück: ״Heil Hitler! Juda ver• recke! Zur Erinnerung an den 7. Februar 1933•*. (Der erste Einbruch erfolgte in der Nacht vom 30. Januar aut de« 1. Februar.) — Ist der Reichskanzler einverstanden, daß sein Name für ein derartiges Bubenstück in Anspruch genommen wird? Kooperativen für Uebersiedlung nach Palästina. Wir werden um folgende Veröffentlichung ersucht: Es besteht die Absicht, in Frankfurt a. M. Kooperative für mittlere Wirtschaftsschichten zu gründen, die die Scßhaftmachung in Palästina aus eigenen Mitteln ermöglichen soll. Weite Schichten der jüdischen Bevölkerung sollen hiervon ergriften werden. Auch die Gründung von Jugend- oder Massenkooperative ist beabsichtigt. Diese stellt an ihre Mitglieder bescheidenere Forderungen und ist mehr eine Art von uebersiedlungslotterie. Sie ist hauptsächlich für solche Personen bestimmt, deren Einkünfte so unbedeutend sind, daß es fiir sie unmöglich ist, an regulär größere Ersparnisse, die zu einer für die Uebersiedlung erforderlichen Summe führen, zu denken. Interessenten werden gebeten, sich an Rechtsanwalt Max Bachrach, Frankfurt a. M., Kaiserstr. 2, zu wenden. Gruppenverband Sachsen-Anhalt. Sonntag, den 12. Februar 1933, vorm. 11 Uhr, findet in Dessau, Gemeindehaus, Steinsfraße, ein Gruppenverbandstag statt. Tages ordnung: ״Die neueste Entwicklung in der Palästina-Politik״ Ref.: R.-A. Dr. M. Bileski (Berlin). Anschließend findet eine Aussprache statt. Gemeinsames Mittagessen. Nachmittag: Aussprache über die Ortsgruppenarbeit. 16.30 Uhr: Aufführung der Dessaucr jüdischen Jugend, ״Ahasver“ Bilder von jüdischer Not und jüdischem Aufbau. Alle Ortsgruppen und Vertrauensleute des Bezirks werden darum gebeten, an dieser Tagung teilzunehmen. Rechtzeitige Anmeldungen zum Mittagessen werden umgehend erbeten an Frau Lore Cohn, Dessau, Kavalierstr. 25. Zionistischer Gruppenverband Süd Westdeutschland. Der Gruppenverbandstag findet Sonntag, den 12. Februar, in Wiesbaden, großer Saal des Hotels Metropole, Wilhelmstr. 8—10, statt. — Tagesordnung: Vormittags, 10.30 Uhr, öffentliche Sitzung: 1. ,,Die Bedeutung der Zionistischen Organisation für den Palästina-Aufbau“. Referent: Kurt Blumenfcld. 2. Diskussion. — 1.30—3 Uhr Mittagspause. — Nachmittags 3 Uhr: 1. Sitzung des Arbeitsausschusses. Organisationsreferat: Dr. M. Plessner, Frankfurt a. M.. 2. Oeffentliche Sitzung 5 Uhr pünktl. ״Was bedeutet uns die Zionistische Ortsgruppe? (Kritischer Streifzug durch die Ortsgruppenarbeit)“. Referent: Kurt Locwenstein, Frankfurt a. M. 3. Bericht des Arbeitsausschusses und Diskussion. 4. Abstimmungen und Wahlen. 5. Schlußwort des Vorsitzenden der Z. V. f. D. Anmeldungen und Anfragen nach Frankfurt a. M., Unterlindau 21, Zionistisches Sekretariat. Bei genügender Beteiligung kann gemeinsames koscheres Mittagessen eingenommen werden. Es wird erwartet, daß alle Gesinnungsgenossen des Bezirks, die cs ermöglichen feönnen, am Gruppenverbandstag teilnehmen.