Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1933)
- Date
- 1933-02-07
- Page
- Seite 52 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11, 7. II1933 Veto ein. Sie gestattet nicht, daß dieser arabische Boden in jüdische Hände übergeht. Ist ein Grund hierfür überhaupt auffindbar? Man könnte ihn vielleicht in der Ideologie suchen, die in den Passfieldschen Weißbüchern, im Simpson- und Frcnch-Bcricht enthalten ist: in diesen Dokumenten wird es als Englands Pflicht erklärt, den jüdischen Bodetierwerb in Palästina cinzuschränkcn, um die Araber vor Landlosigkeit zu bewahren. Ganz, abgesehen davon, daß es jetzt nicht um Pa-!ästina, sondern um Transjordanien geht, wo noch kein Expert Bodenknappheit feststellen konnte, — muß man die Frage stellen: Wenn England so starre Grundsätze hat, warum werden sie i!1 Kenya ohne weiteres geopfert? Wieso ist plötzlich nicht mehr der unveränderte Landbesitz der Eingeborenen, sondern G 0 I d die ״paramount considcration“? In den Passfield-Dokumenten wird angedeutet, daß die Juden zwar die arabischen Bodenpächter durch Geld entschädigt haben, daß aber Geld kein genügendes Aequivalent sei, weil es die Prolctarisierung <lcr Depossedicrten nicht aufhalte. In Palästina stimmt das nicht ganz, denn dort könnten die Fellachen bei entsprechender Anleitung ihr Geld vernünftig und fruchtbar verwenden, viele Araber verstehen es auch ohne Hilfe, und teilweise benötigen sie cs geradezu als Rettung vor dem sicheren Untergang. Ganz anders die Neger von Kenya, die wirklich nur durch anderen Boden, nicht aber durch Geld entschädigt werden könnten. Trotzdem verfügt man für Kenya Gcldablö- Sun gen. Vermag die Dämonie des Goldes dieses ,,zweierlei Maß“ zu rechtfertigen? Muß man nicht, nach dieser Erfahrung, der englischen Neigung, ihre Araberpolitik in Palästina mit moralischen Grundsätzen zu begründen, mißtrauisch gegen- וו i e n handelt, ein Land, das gegenüber dem eng *benachbarten Palästina um Jahrhunderte in der wirtschaftlichen und zivilisatorischen Entwicklung zurückgeblieben ist und das von der jüdischen Arbeit und Siedlung Aufschwung und Wohlstand für alle Bewohner zu erwarten hätte! Die näheren Einzelheiten über die Vorgänge, die zu dem englischen Veto bezüglich der bereits abgeschlossenen Verträge zwischen dem Emir Abdullah und einer jüdischen Gesellschaft geführt haben, sind der Ocffentlichkeif bisher nicht bekannt. Eine redlose Beurteilung des Palles ist daher noch nicht möglich. Daß die Angelegenheit nicht als rein wirtschaftliche behandelt werden kann, sondern eine politische ist, ist von vornherein klar. Aus diesem Grunde nehmen wir an, daß die Persönlichkeiten, die mit der Sache nt tun hatten, auch rechtzeitig mit der obersten politischen Instanz, dem High Commissioner, Fühlung genommen haben. Um so überraschender ist es. wenn der High Commissioner — wohl nicht ohne Wissen des Koionialministers — eine ablehnende Haltung einnimmt. Im gegenwärtigen Stadium der Palästinapölihk und beider zwischen Juden und Arabern herrschenden Spannung ist — schon wegen des Problems der Sicherheit und Ruhe — die Haltung des britischen High Comtnissioners natürlich ausschlaggebend. Wie es dazu kommen konnte, daß nach formellem Abschluß des Vertrages die Bombe des britischen Einspruchs platzte, ist vorläufig ein Rätsel, das aufzuklären die Jcwish Agency sich beeilen sollte. Mögen aber auf jüdischer Seite auch Fehler geschehen sein, das Problem als solches kann nicht von der Tagesordnung verschwinden. Die Ausdehnung der jüdischen Siedlung über den Jordan hinüber wäre eine willkommene Entlastung auch für den palästinensischen Raum und insofern eine Erleichterung des von Simpson und French aufgeworfenen Bodenproblems. Dali aber diese Versuche nicht ohne gründliche politische V o r a r be i t nach d er englischen und ar a b i s c h e n Seit c hin gelingen können, ist eine Erkenntnis, die endlich auch in den Köpfen der verantwortlichen Politiker der Jcwish Agency Platz greifen sollte. Was die englische Haltung bctrifft,^ so schien es uns ,•ingezeigt, auf die Vorgänge, in in Transjordanien hinzuweisen. Die Winter - Makkabiade ln dem Kurort Zakopane in der polnischen Tatra wurde am 1. Februar abends die Winter-Makkabiade des Weltmakkabi feierlich eröffnet.!Mehr als 250 jüdische Sportler aus der Tschechoslowakei, Oesterreich, Jugoslawien, Deutschland, ltali.cn, Danzig und aus anderen Ländern, sowie 150 Sportler aus Polen hatten sich cingcfiimleri und nahmen wahrend der Eröffnungsfeier'.״־! der grandiosen S p o r t a k a cl e m i e teil. Den Darbietungen wohnten neben etwa 10 0IH (!ästen aus Polen über 500 Gäste ans dem Auslande bei. Das staatliche Amt für plivsische Ertüchtigung war durch seinen Chef Oberst Kilinski und seinen Vizechef Oberst Kr/yski vertreten, ferner das polnische Außenministeritirn. Auch viele andere polnische Institutionen und die großen jüdischen Organisationen Polens sandten Abordnungen nach Zakopane. Alle Gäste wurden vorzüglich untergebraeht, die nichtjikiiselie Bevölkerung des Kurortes verhielt sich freundlich zu den jüdischen Gästen. Das von Menschen überfüllte Zakopane prangt in den polnischen und jüdischen Farben. Der Ehrenpräsident des Weltmakkabi, Lord Melchett, hat sein Fernbleiben telegraphisch entschuldigt und nach Zakopane eine Skulptur gesandt, die die physische Ertiichtigung der Juden symbolisiert. Dem Präsidium der Makkabiade gehörten außer dem polnischen Makkabi-Präsidenten S. Rtiszecki der Vizepräsident des Weltmakkabi Dr. Alexander Rosenfeld und Vertreter vieler Länder an. Dr. Rosenfeld eröffnet« die Akademie in hebräischer Sprache. Am 2. Februar morgens begannen die Sport wettkämpfe mit einem 18-Kilometer-Lauf für Männer, an dem sich Sportler aller Länder beteiligten. Es folgte ein 8-KiIometer-Gartenlauf für Fragen und ein Gartenlauf für Jugendliehe. Um 12 Uhr mittägs begann im großen Stadion die eigentliche Makkabiade im Beisein von mehr als 6000 Zuschauern — eine Rekordzahl bei Wintersportveranstaltungen. Bei den Klängen einiger Orchester ging das Defil6 der Sportler vor sich, an dem sich neben den polnischen Sportlern die Sportdelegationen der Tschechoslowakei, Oesterreichs, Ungarns, Jugoslawiens, Deutschlands, Norwegens, Italiens und Danzigs beteiligten; jede Delegation führte ihre Staatsfahnc. Dr. Alexander Rosenfeld nahm den Führern der Delegationen den Schwur, Sportloyalität zu üben, ab und kündigte in seiner Ansprache an, daß die künftige Makkabiade im Jahre 1935 in Palästina abgehalten werden wird. Zum Schluß der Feier ertönten die Klänge der polnischen Hymne und der Hatikwah. _ Die vom 28. bis 31. Januar in Saloniki abgehaltcne neunte Jahreskonferenz der Zionisten Griechenlands beschloß die Gründung einer Kooperativgesellschaft mit einem Kapital von 10 000 Lstgs. zwecks Errichtung einer Kolonie griechischer Juden in Palästina binnen zwei Jahren. Hanns Johst zur Judenfrage Der neue Intendant hat auch zur Judenfrage Stellung genommen. In dem Buche ״Klärung, 12 Autoren und Politiker über die Juden)rage“ (Verlag Tradition Wilhelm Kolk, Berlin) hat Hanns Johst sich geäußert. Sein Beitrag ist, wie auch in der Besprechung des Buches in der ,Jüdischen Rundschau“ vorn 20. Mai 1932 hervor gehoben wurde, einer der ernstesten und wichtigsten, die von nicht jüdischer Seile za diesem Buche hcigesleuerl wurden. Jolisl wendet sich in Ausführungen, die für den jüdischen Leser, der sie unpolemisch auf sich wirken, hißt, lehrreich sind, gegen das, ivas er als bewußte oder unbewußte Verhöhnung deutschen Volkstums durch jüdische Literaten bezeichnen, die, wie Johst schreibt, auch den deutschen Schriftsteller, der ohne antisemitische Tendenz in deutselwölkischer Weise wirken wolle, zum Konflikt mit Juden bringe. Johst weiß aber, daß die von ihm bekämpften Erscheinungen nicht im jüdischen IFesen liegen, sondern eine Frucht der Assimilation sind, und er verwirft bewußt die Assimilation, wobei er die Möglichkeit offen läßt, daß zwischen rolksbewußtcn Deutschen und volle sbewußton Juden ein erträgliches Verhältnis des Zusammenlebens hergestellt iviril. (Es ist vielleicht kein Zufall, daß in der Anordnung des Buches auf den Beitrag von Johst der Beitrag von Robert Well sch folgt.) Der Aufsatz von johst schließt mit folgenden charakteristisehen Absätzen: Der deutsche Jude, der angeblich voraussetzungslos denkt und handelt, ist in seiner letzten Substanz weder deutsch noch Jude, er ist Zwischenträger zwischen allen wahrhaften Polaritäten. Und diese, seine Unruhe führt oft zu fast schöpferischen Reizen, zu interessanten Folgerungen und Neuerungen, führt aber nie zu einer bodenständigen, naturnotwendigen Einmaligkeit, nie zu jener rätselhaften, metaphysischen Bedeutung, die im Charakter und in der Gestalt ihr letztes Wunder preisgibt und im einzelnen Charakter und in der einzelnen Gestalt einem ganzen Volk den veredclndcn Spiegel vor Augen hält. So wurde ich gezwungen — um meine konkrete Aussage persönlich zu schließen — aus Liebe zu einem naiven Volkscrhalt, einer Bewegung mich anzuschließcn, die, aus der gleichen Liebe heraus antisemitisch werden mußte, weil ihre Selbstverständlichkeit auf Gegenkräfte stieß, die sic leidenschaftlich als fremd empfand und die sie letzten Endes als ״jüdisch“ anspricht. Wobei sie exakt formuliert vielleicht aus der Abwehr heraus den gleichen Fehler begeht, der an ihr begangen wurde, als man ״Deutsch“ dem dcutselten Menschen zcrkrittclte, zcrwitzelte . . . zersetzte . . . Der Jude sollte, wie wir jungen Deutschen, den Mut aufbringen und sich erneuern. Der Jude, der Halb-Jude, oder wie immer er geistig oder seelisch durch Blut oder Zucht der jüdischen Sphäre zugehörig sei, der Jude sollte sich auf sein Volkstum besinnen. Dann brauchte er gar nicht die schöne und edle Ueber• treibung, die gläubige Utopie des Zionismus, dann könnte er als Einheit, als klar begrenztes Ethos und einheitliche Substanz neben uns Deutschen, mit uns wirksam sein. Uns trennt nur Mimikry, Verleugnen . . . Verwischen . . . In-Abrede-Stellen ... (Hervorhebung von uns. — Red .,,J. R.“) ״Kronkolonie Phönizien"? Ein englischer Vorschlag zur Pal&stlnafrage Douglas V. Duff veröffentlicht in der ״Q ti a r t e r 1 y R c - view“, einer der ältesten und besten englischen Zcitschrifteti, einen höchst merkwürdigen langen Aufsatz ״Die Mand a t e in Syrien und P a 1 ä s t i n a“. Der Verfasser dieses Aufsatzes ist uns kein Unbekannter. Er war früher Polizei- Offizier in Palästina und war vom Schicksal bestimmt, die entscheidende Rolle in jener Szene zu spielen, die die unruhige Zeit 1923 1930 cinleitcte. Am Jom Kippur des Jahres 1928 war Duff der Kommandant der englischen Polizei-Abteilung, die die tirnkämpfte Scheidewand an der Klagcmaucr entfernte. Nach diesem Vorfall wurde Duff von jüdischer׳ Seite sehr angegriffen. Später jedoch stellte es sich heraus, daß er zwar seinen Befehl, ausgefiilirt hatte, in seiner persönlichen Gcsinnung aber den Juden und dem Zionismus wohlwollend gegen- Überstand. Während der Unruhen 1929 hat Duff bei der Verteidigung jüdischer Siedlungen in Galiläa hervorragendes geleistet. Kurz darauf verließ er Palästina und hat dann bereits mehrmals in englischen Zeitungen sich zum Palästinaproblem geäußert. Wenn Duff auch heute keinerlei offizielle Stellung hat, ist es doch interessant, die Meinung eines .Mannes zu hören, der lange in Palästina Beamter war. Von den Gerüchten ausgehend, die Franzosen wollten ihr Mandat über Syrien aufgeben, aber dafür das von den Frankreich ergebenen christlichen Maroniten bewohnte Libanon-Gehi et mit Beyruth als Kolonie annektieren, erklärt Duff diesen Plan für außerordentlich vorteilhaft für Frankreich, das auf diese Weise ohne die enormen Kosten und Schwierigkeiten, die ihm jetzt das Mandat verursache, einen •als Handels- und Flottenbasis ausgezeichneten Hafen bekommen und gleichzeitig seine moralischen Verpflichtungen gegen die Libanesen erfüllen würde. Frankreich könne aber diesen Schritt nur unternehmen, wenn England zu einem ähnlichen Vorgehen in Palästina zu bewegen wäre, da sonst England große strategische und kommerzielle Vorteile und vor allem einen entscheidenden Prestige-Vorsprung vor Frankreich haben würde. Tatsächlich sei aber, so meint Duff, ein ähnlicher Schritt für England höchst ratsam. Die Palästinenser, die eigentlich gar keine Araber noch überhaupt eine Nation seien, sondern ein wüstes ievantinisches Rassengemisch, seien jeder Dankbarkeit gegen ihre Wohltäter ebenso unfähig wie des Vertrauens zueinander; die ungebildeten, fanatischen, verschlagenen und grausamen Fellachen seien gegen England aufgehetzt von gerissenen Agitatoren, die ihnen erzählten, die Ungläubigen wollten sie durch zionis•Nclie Sied- 1er von ihren Wohnsitzen verdrängen lassen. Durch diese Agltation hofften sie den Engländern den Aufenthalt im Lande so zu verleiden, daß sie das Feld räumten. Aber was würde dann, im Ernstfall, die Folge sein? Sobald die Araber nichts zu befürchten hätten, als daß der Völkerbund ihnen eine Kommission hinschickte, würde das Los sämtlicher jüdischer Kolonien besiegelt sein, und die Massaker von 1929 würden sich in hundcrtfach vergrößertem Umfang wiederholen; danach würde die christliche Minorität an dicRcihe kpmmen, die von den Mohamedanem, trotz der zurzeit scheinbar guten Beziehungen, fanatisch gehaßt werde; dann würden sich die einander totfeindlichen Familien der Nashashibls und Husseinis bekämpfen, bis das Land in voller Anarchie den Beduinen aus Tra״sjordanicn zur Beute fallen würde. Das Ende würde wahrscheinlieh eine gewaltige Ausdehnung des Wahabiten-Rciches sein, mit allen verhängnisvollen Konsequenzen für England. — Würden also die Engländer durch einfache Aufgabe des Mandats eine untragbare Verantwortung auf sich nehmen, so gebiete auch ihr eigener Vorteil, vor allem mit Rücksicht auf den Suez-Kanal, dauernd im Lande zu bleiben. Hierfür liefere das Völkerbundsmandat, nach dem England die Errichtung des jüdischen Nationalheims fördern solle, die erwünschte Rechtfertigung; denn solange diese Aufgabe nicht erfüllt sei, könne keine andere Nation von England die Aufgabe des Mandats verlangen. Auch sei — und hier wird Duff erstaunlich offenherzig! — ״ein gewisser Grad von Non-Kooperation zwischen Zionisten und Arabern wolil ratsam“ für England, um die Notwendigkeit des englischen Schutzes zu beweisen. Allerdings handle es sich hier um äußerst delikate Aufgaben, für die hervorragende Beamte nötig, aber nur eine im allgemeinen gänzlich ungeeignete Horde zusammengewürfelter mittelmäßiger Funktionäre vorhanden sei. Daß die Klagen der Araber über ihre Verdrängung durch die Zionisten sachlich völlig unberechtigt seien, könne gar keinem Zweifel unterlicgen; mit Ausnahme der Kolonie Afuleh könne man wahrscheinlich überhaupt kein Beispiel finden, in dem zionistische Siedler Araber von ihren Böden verdrängt hätten, und selbst in diesem Falle sei von den Juden alles Erdenkliche zugunsten der Pächter getan worden, nachdem die Juden schon einen ungeheuerlichen Preis für den Boden selbst an die Sursoks gezahlt hätten. Meistens hätten die Zionisten mit schweren Opfern an Arbeit und Kapital, und oft an Menschenleben, aus Sumpf und Wüste blühendes Fruchtland geschaffen. Duff geht besonders auf den skandalösen Fall von Tul Kerem ein, wo die Juden auf früher wertlosem Gelände Orangengärten geschaffen, die früher dort wohnenden Beduinen sich aber zu einer dauernden Gefahr für •Sicherheit und Leben der Juden entwickelt hätten und fortwährend Gelder zu erpressen suchten. Trotzdem habe sich die arabische Agitation gerade dieses Falles in wahrheitswidrigster Weise bemächtigt. — Wenn aber sachlich die arabische Beschwerden gegen die Zionisten unberechtigt seien, so müsse sich England doch fragen, ob nicht eine dauernde Beibehaltung des Mandats zu teuer werde: cs sei zu bedenken, daß England durch die Zwistigkeiten zwischen Arabern und Juden in schwere internationale Konflikte hineingezogen werden könne, ferner daß das Mandat sehr viel Geld koste, und die ständige Gefahr des Zusammen- Stoßes mit starken Wüstenstämmen mit sich bringe; und bei alledem sei das Land für England selbst nur strategisch von Wert. England stehe also vor einem Dilemma: es könne das Land nicht räumen, und doch sei es nicht ratsam, darin zu bleiben. Duff schlägt nun eine Regelung vor, die den besprochenen französischen Plänen für Syrien parallel läuft. England solle den Distrikt um Haifa zur ״Kronkolonie Phönizien“ machen, und den Rest Palast inas, nach Schaffung der nötigen Garantien, räumen. Eine solche Kolonie würde wenig kosten, und Haifa würde sich wahrscheinlich zu einem ״Hongkong des östlichen Mittelmccrs“ entwickeln. Zwischen der neuen Kolonie und den Wüstenstammen würde glücklicherweise ein größerer Pufferstaat (Pa-!ästina) eingeschaltet sein. Was nun das jüdische Nationalheim angelie, so würde die beste Garantie in der Schaffung zweier jüdischer Kantone innerhalb des (arabischen) P a 1 ä s t i n a - S t a a t e s bestehen: der eine Kanton solle sich vom Mittelmeer bis zu den Hügeln erstrecken, mit Sichron Jacob als nördlicher und Askalon als südlicher Grenze (also die ganze fruchtbare Küstenebene — Red. ״J. R.״); der andere Kanton solle ein 5 englische Meilen breiter Streifen am Jordan sein, und an den Westttfern des Huleh-Secs und des Kinereth-Sees. Ramleh, Lyddali und Jaffa würden nicht dazu gehören, so daß diese Lösung den Arabern annehmbar sein sollte. Von den jüdischen Siedhingen im Emek jesreel würden die meisten innerhalb der ״Kolonie Phönizien“ liegen, oder doch so nahe an der Grenze, daß England ihre Sicherheit garantieren könnte. Diejenigen jüdischen Siedler, die sich itn arabischen Territorium befinden würden, könnten statt ihrer jetzigen Besitzungen!.and in der großen Ebene von Akko erhalten. — Duff schildert dann schon im einzelnen, wie England, durch Unterhaitung einer ausreichenden Luftflotte in seiner Kolonie Phönizien, die Sicherheit der jüdischen Kantone garantieren, den arabischen Staat Palästina in Respekt halten und dem Vordringen der Wüstenstämme Vorbeugen könne. Es erübrigt sich wohl, diese Vorschläge, die vorläufig mir geistreiche Konstruktionen darstellen, sachlich zu diskurieren. Was uns an diesem Aufsatz interessiert, sind weniger die Einzelheiten des Vorschlages als die allgemeine Beurteilung d er g eg e n w ä r t i g e n Sachlage,wobei besonders das Urteil Duffs in der Frage der angeblichen ״Verdrängung der Araber“ hervorzitheben ist, ein apodiktisches und entscheidendes Urteil, das im krassen Widerspruch zu den bekannten Gutachten der offiziellen englischen Experten steht. Siegfried von Kardorff, dessen 60. Geburtstag in diesen Tagen der Presse Gelegenheit zur Würdigung seines offen!- liehen Wirkens gab, ist ein Mann, der aus dem Konservativ ismus kommt und stets für gerechte und liberale Grundsätze eingetreten ist. Von dieser allgemeinen Grundanschauimg ist auch seine Stellungnahme zur Judenfrage bestimmt. Kardorft ist ein entschiedener Gegner des Antisemitismus und als solcher furchtlos hervorgetreten. Er hat auch Interesse an der jüdischen Renaissancebewegung gezeigt, bringt den jüdischen Aufbauwerk in Palästina warme Sympathie entgegen und ist Mitglied des Präsidiums des Deutschen Komitees Pro Palästina. Wer von jüdischen Kreisen mit ihm in Berührung kam und sein korrektes und faires Verhalten kennen lernte, wird gewiß als berechtigt anerkennen, daß auch von unserer Seite ein Glückwunsch für diesen Mann ausgesprochen wird. Wahlkampfflugblätter sammeln! Ein neuer Wahlkampf steht bevor. Voraussichtlich wird auch diesmal eine Fülle von Flugblättern und Broschüren erscheinen, in denen die verschiedenen Parteien Deutschlands zur Judenfrage Stellung nehmen. Das Gesamtarchiv der deutschen Jttden — Berlin N24, Oranienburger Str. 28 — bittet, wie bei früheren Gelegenheiten, auch diesmal ihm solche Flugscliriften und Flugblätter, möglichst in mehreren Exemplaren, zur Verfügung zu stellen,