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Jüdische Rundschau · 1933-01-31 · Heft 9 (31.1.1933) · p. Seite 42

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 9 (31.1.1933)
Date
1933-01-31
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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Seite 42 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 9, 31.1. 1933 palästinensischer Staatsangehörigkeit, die Lage der Fellachen, die drückende Last des Zehent und die unzulängliche Unter- Stützung des arabischen Volksschulwesens) eingehend beantwortet. Die Schlußforderung — Abschaffung des Mandates usw. — wies die Regierung zurück mit dein Hinweis darauf, daß sie den Bestimmungen des Mandates widerspricht und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Kommission desgleichen tun werde. Die Kommission beantwortete diese Petition unter mehr oder weniger vollkommener Anlehnung an die Aufklärungen der Mandatarmacht. Aber im Verlaufe der sich auf sie beziehenden, ausnahmsweise sehr ausführlichen Debatte berührten fast alle Mitglieder der Kommission, sei cs direkt, sei cs andeutungsweise, die Frag« des Oese' gebenden Rates. F.s erwies sich hierbei, vielleicht 1. ersten Male in so klarer Weise, daß die Anhänger der Einführung eines Gesetzgebenden Rates in Palästina in der Kommission die Mehrheit bilden. Einen unscheinbaren Ausdruck dessen finden wir in der von uns oben angeführter kurzen ״Bemerkung'‘ der Kommission in ihrem Bericht ar den Rat, die — ein überaus seltener Fall in der Verhandlungspraxis der Kommission — dort auf Orund einer regelrechten Abstimmung eingesetzt wurde. Es stimmten f_ü r die Eintragung der betreffenden Bemerkung in den Berieht sechs Mitglieder (der Italiener Thcodoli, der Engländer Lugard, der Franzose Merlin, der Spanier Palacios, der Japaner Sakenobe, der Portugiese Pcnha-Oarcia), gegen die Eintragung nur fünf (der Holländer van Rees, der Schweizer Rappard, der Belgier Orts, der Deutsche ־Ruppe! und die Norwegerin Danncvig). Van Rees, Rappard und insbesondere der Belgier Orts warnten die Kommission vor der Ausübung irgendeines Druckes auf die Mandatarmacht in der Frage des Gesetzgebenden Rats. Orts unterstrich mit Nachdruck, daß die nationalistischen Araberfuhrer den Gesetzgebenden Rat nur zu einem Werkzeug ihres Kampfes gegen das jüdische Nationalheim und gegen das Mandat selbst machen woher f>ie Mehrheit der Kommission, deren energischer Wortfülire in diesem Falle der Spanier Palacios war, fühlte sic durch diese Argumente anscheinend nicht überzeugt. Es war verfehlt, große Hoffnungen darauf zu setzen, daß die Mandatskommission dem ablehnenden zionistischen Standpunkt in der Frage des Gesetzgebenden Rates beipflichten wäre־ Jerusalem, 29. Januar. (]. T. A.) Die in Kairo erscheinende arabische Zeitung ״Mokatiam“ lallt sich von ihrem palästinensischen Korrespondenten berichten, daß das Colonial Gffice in London endgültig beschlossen hat, in Palästina eine G esetzg e h c n <1 e Körperschaft zu schäften, die sich aus 16 Moslems, 8 Juden und 6 Christen, also insgesamt aus 30 Personen, /usammciisetzcn soll. In Palästina, so fährt die Zeitung fort, sieht man immer mehr ein, daß die Non Cooperations-Politik den Arabern mehr geschadet als genützt hat und daß den Interessen der Araber eine Teilnahme an der Verwaltung am besten dienlich ist. Wenn jetzt die Frage des Legislative Council wieder auf die Tagesordnung gesetzt wird, so werden die Araber Palästinas ihn nicht mehr verwerfen, wie sie es vor zehn Jahren getan haben. Laut ״Mokattam“ haben gewisse arabische Gruppen in Palästina bereits begonnen, Vorbereitungen für die Wahlen zum Legislative Council, zu den neuen Stadtvcrwaltungskörperschaften und zum Obersten Moslemischen Rat zu treffen, (Die Nachricht ist u. E. mit aller Skepsis aufzunehmen. — Red. ״J. R,“), Das Protokoll der Mandatskommission über ihre 22. Session (vom 3. November bis 6. Dezember 1932) einschließlich des Berichtes der Kommission an den Völkerbundsrat ist soeben erschienen und von der Publikationsabteilung des Völkerbundes (Berliner Büro Hedemannstr. 21) unter Nr. C. 722 M. 364 1932 VI, zu beziehen. (Preis 12 Frcs.) Wird Professor Cohn beurlaubt? Der ״Volksdeutsche Dienst“ meldet: ״Nach dem Stirnmungswandcl, der inzwischen auch in Kreisen eingetreten ist, die Professor Cohn bisher gegen das Vorgehen der Studenten- Schaft gedeckt haben, rechnet man in unterrichteten Kreisen mit einer neuen Wendung in der Angelegenheit. Während man in linksradikalen Kreisen Prof. Cohn deswegen fallen gelassen hat, weil er sich zu nachgiebig gezeigt hat,’kann cs als sachlieh schwerwiegend bezeichnet werden, daß inzwischen auch das führende Breslauer Zentrumsorgan von Prof. Cohn abgerückt ist und nach seinem Verhalten vor der versuchten Wiederaufnahme seiner Vorlesungen die Berechtigung der akademisehen Empörung ausdrücklich zugegeben hat. I)a nunmehr sonst mir eine Konfliktbisimg übrig bleiben würde, die nicht nur für Prof. Cohn, sondern überhaupt für die Breslauer Universität schwerwiegende Folgen haben und einen Präzedenz.fall die Lehrfreiheit schaffen würde, sieht man’ für den Augenblick als einzige erträgliche Lösung nur noch die Beurlaubring Professor Co 11 ns etwa bis zum Ende des Sommer- Semesters an.“ Prof. Cohn konnte in den letzten Tagen seine Vorlesungen verhältnismäßig ungestört halten. Die Zurückhaltung der reaktionären Studentenschaft erklärt man hier daraus, daß am Donnerstag drei Vertreter der rechtsradikalen Studentenschaft sich im Flugzeug von Breslau nach Berlin begeben haben, um heim Reichskommissar für das Preußische Kultusministerium Kaehler einen persönlichen Vorstoß zu unternehmen: Cohn solle beurlaubt werden und einen Sonderauftrag erhalten. Die Sache scheint zu einer P r e s t i ge - Angelegenheit geworden zu sein. Für die deutschen Juden ist sie mehr. Uns geht es nicht um diesen Cohn, der sich so oder so verhält — uns geht es um die Frage, ob ein Man» ji u r darum, weil er Cohn heißt, hinausgeworfen werden darf. Dies und nichts anderes steht jetzt zur Entscheidung. Oskar Baum, der Prager Dichter und Musiker, feiert dieser Tage seinen 30. Geburtstag. Oskar Baum ist, abgesehen von seinem literarischen Ruhm, dem Berliner zionistischen Publikum auch persönlich kein Fremder. Er hat hier wiederholt im zionistischen Kreise vorgetragen und vorgelesen. Die Dichtungen dieses biinden Dichters kreisen um das Problem der Blindheit, die durch intensive innere Schau, durch Eröffnung neuer Ströme und Quellen des Seelenlebens beglückend kompensiert wird. Seine wichtigsten Bücher sind ״Das Leben im Dunkeln“, ״Die Tür ins Unmögliche“, ״Die verwandelte Welt“, der jüdische Kleinstadtroman ״Die böse Unschuld“, usw. Baum, der fest auf dem Boden bewußter Judentums-Bejahung steht, hat dem Problem der jüdischen Religiosität und des jüdischen Weltgefühls mehrere Essays und Vorträge gewidmet. Hervorzuheben ist vor allem seine Auseinandersetzung mit Otto Weininger. Die Entwicklung in Palästina, wo er Freunde und Schüler hart״ verfolgt er mit regem Interesse. Wir wünschen Ihm auch weiterhin ein fruchtbares und erfolgreiches Schaffen. Warnung an Warner Von Gustav Krojanker (Tel-Awiw). Man kennt die Geschichte von Tyl Eulenspiege!, der, wenn er mühsam den Berg hinaufsteigt, im Gedanken an den leichteren Abstieg lacht und pfeift, während er bei eben diesem Abstieg in Anbetracht des wieder bevorstehenden Aufstiegs weint und klagt. Wir unterscheiden uns von Tyl Eulenspiegel vorteilhaft dadurch, daß wir auf beiden Weghälften das Klagen vorziehen: einmal, weil es wirklich schlecht ist, und einmal, weil es wieder schlecht werden kann. Es herrscht, utn Gotteswillen, eine Depression; es herrscht, um Gotteswillen, eine Konjunktur. Man braucht die sehr ehrenwerten Motive derjenigen, die mit ihrer vorausschauenden Sorge die Kraft eines vermutlichen Rückschlages abschwächen wollen, nicht zu verkennen und darf sich trotzdem die Frage vorlegcn, ob sie nicht mit ihrem sorglieh erhobenen Zeigefinger viel mehr die Kraft des Aufschwungs als die des Rückschlags verringern. Denn zwar gibt cs theoretisch Maßnahmen, die ergriffen werden könnten, um ungesunde Erscheinungen der Wirtschaft, soweit sic tatsächlich bestehen sollten, aufzuheben oder abzuschwächen. Aber sie sind praktisch immer so gut wie undurchführbar. Und so stehen die positiven Vorschläge, die ein Autor seinen Bedenken anzuhängen pflegt, einsam und unbeachtet, als eine rhetorische Floskel am Schluß seiner Ausführungen. Haften aber bleibt in der Erinnerung des Lesers nichts als die Furcht vor jener Gefahr, die im Artikel heraufbeschworen w׳ird. Und wenn der Leser ein Kapitalist ist, somit also seinem Wesen rach angstlicher als ängstlich, wird seine ohnehin zaudernde Bereitschaft, sich in Palästina zu engagieren, vollends aufgehoben. Und das ist keine theoretische Schlußfolgerung, sie kann praktisch mehrfach belegt werden. Es bleibt also als Resultat der warnenden Sorge: nicht Verringerung des Rückschlags, sondern Verringerung des Aufschwungs. Niemand selbstverständlich tritt dafür ein, daß wir leichtsinnig verfahren sollen; niemand dagegen, daß in den geeigneten Gremien die Situation jeweils sorgfältig geprüft wird und daß man auf Maßnahmen sinnt, einer Gefahr zu begegnen, wenn sic zu droben scheint. Aber es muß doch einmal gesagt werden, daß wir keine Kieinkindcrbewahranstalt sind. Wirt- Schaft ist nämlich auch ein Krieg, ein permanenter, und vielleicht der grausamste, den es gibt. Man kann der Ansicht sein, daß ein Mensch, der mit zwanzig ein Glied verliert, weniger schwer getroffen ist als einer, der mit fünfzig aus seiner wirtschaftlichen Position geworfen wird. Einer wird erschossen, ein anderer langsam und qualvoll abgewürgt. Di« Tragik der Einzel- Schicksale im Weltkrieg ist durch die Inflation und die jetzige Krise wahrscheinlich noch Überboten; es gibt nur keine Statistik der endgültig 'Verstümmelten, und man sicht sie nicht so augenfällig. Sonderbarer Widerspruch des Liberalismus, der den Völkerfrieden wollte, aber auf dem privaten Felde der Wirtschaft mit den modernsten Mitteln einer geistigen Kriegstechnik und ohne rotes Kreuz zu operieren gelehrt hat. Nun kann man sich gewiß Richtungen anschikßen, die diesen Zustand auch auf dem privaten Felde zu überwinden streben. Aber noch haben wir ihn nicht überwunden; wir stehen vielmehr mitten in diesem Krieg, haben uns seiner Methoden zu bedienen und, wie die Dinge gegenwärtig liegen, hängt alles davon ab, ob wir dabei genug Munition haben werden und sie richtig zu verwenden wissen. Wir erobern friedlieh: durch Kauf und Vertrag. Aber dieser Frieden gilt den anderen, nicht uns selbst. Niemand hat um den Chaluz geklagt, der sein Leben oder doch seine Gesundheit in verseuchten Gegenden aufs Spiel gesetzt hat, man hat ihn vielmehr mit Recht als Helden gepriesen. Warum aber, wenn das so ist, sind wir so furchtbar ängstlich, wenn Geld auf dem Spiele steht? Der private Verlust, der natürlich immer möglich ist — das soll kein palästinensisches Spezialproblem sein — ist noch lange kein nationaler. Einer baut etwas auf, der gebt kaputt, vielleicht auch noch der zweite, für den dritten rentiert es sich schon. Auch die Alijah von 1925 rentiert sich jetzt für uns. Das ist ungeheuer grausam, und selbstverständlich muß alles geschehen, di« möglichen Grausamkeiten nach Kräften zu mildern. Nicht nur aus Humanität, auch aus Klugheit, der Kräftcersparnis wegen. Aber ein Krieg bleibt cs; und wer immer nur schaut, daß cs auch, um Gottcswillen, keine Wunden gibt, wird ihn nicht führen können. Vergessen wir doch außerdem nicht, daß in diesen Krieg niemand zwangsmäßig geschickt werden kann. Kapital läßt sich nicht schicken. Kapital sucht seine Möglichkeit, sehr iingstlieh und sehr behutsam. Man kann es abschrecken, man kann es anlocken, aber die letzte Entscheidung liegt bei ihm selber. Wir aber haben nichts zu sagen als die Wahrheit. Und diese Wahrheit ist, daß es seit längerer Zeit gut geht in Palästina und daß die Grundlagen dieser Prosperität nicht ungesund sind. Ob es auch künftig gut gehen wird, wissen wir nicht. Und was die wissenschaftlichen Hilfsmittel anbetrifft, die Zukunft zu erforschen, so sind sie praktisch so gut wie unbrauchbar. Alles hängt an einer Fülle!!!!vorhersehbarer Faktoren, so daß letzten Endes das mehr zuversichtliche oder mehr umdüsterte Gemüt des Kritikers entscheidet. Wir können feststellen, was war; mitunter sogar, was ist; danach aber kommt die Prophetie, und gerade über Prozente läßt sich schlecht in Zungen reden. Und noch ein Unterschied: wer im Krieg in der Etappe bleiben kann, darf normalerweise mit der Sicherheit seines Lebens rechnen. Im Wirtschaftskrieg gibt es keine Etappe. Der umdüsterte Prophet, der den Dollar erfolgreich in Amerika zurückgehalten hat, hat ihn damit noch nicht gerettet. Denn auch dort steht der Dollar im Krieg. Vielleicht werden z. B. Orangen einmal schlechte Preise erzielen, aber vielleicht wird der Laden in Brorix pleite gehen. Man kann auch in bezug auf Bronx sehr umdüsterter Stimmung sein. Alles in allem: wir sollten doch nicht die Klagelieder, die vielleicht eines Tages, schon möglich, wieder angebracht sein werden, schon jetrt sozusagen diskontieren. Der Hamburger Architekt Robert Friedmann begab sich in diesen Tagen nach Palästina, wo er sich längere Zeit aufhalten wird. Friedmann, 45 Jahre alt, ein Schüler der Professoren Dülfer und ßcstehneyer, weilte bereits während des Krieges in Palästina, das Denkmal der Fliegerabteilung 303 in Dschenin ist von ihm entworfen. Seinen bedeutendsten Erfolg errang er im Jahre 1930 durch die Preiskrönung seines Entwurfs kn Wettbewerb um den neuen Tempel der Jüdischen Gemeinde, Die Palästinadeutschen In der Sammlung ״Der Deutsche im Auslande“ (Verlag Julius Beltz, Langensalza) ist eine Schrift erschienen, die ״Der Deutsche in Palästina“ heißt und von Karl Goetz in Bethlehem bei Haifa ״für Jugend und Volk“ zusammengestellt wurde. Daß Jugend und Volk in unserer Zeit noch an den Stil gewöhnt sein sollen, in dem dieses Schriftchen gehalten ist, einen Stil, der nicht mit Anrufungen des lieben Lesers und mit Ansrufungszeichen spart, und der z. B. jemanden ״ein löblich Lied auf den rechten Hausstand“ singen läßt, das kann sich unsereiner kaum vorstellen. Aber das Büchlein enthält in dem, was cs sagt, und in dem, was es nicht sagt, manches, was von allgemeinem und für uns Zionisten von besonderem Interesse ist. Aus ihm ergibt sich das Bild einer Gemeinschaft von ordentlichen, sauberen und fleißigen Volksgenossen, die in aller Stille eine Reihe von bemerkenswerten Leistungen im Lande geschaffen haben. Die Schrift erzählt von den drei Strömen, aus denen das heutige Palästinadeutschtum zusammengeflosscn ist: die evangelisehe Mission mit ihren Handwerkern und Diakonissinnen, die Templer und die katholischen Orden. Dank ihrem Bemühen entstanden Wohlfalirts- und religiöse Institute im Lande, die jahrzehntelang an Wert unübertroffen blieben: das von J. L. Schneller begründete Syrische Waisenhaus, das Mädchen-Waisenhaus Talitha Kurni, das deutsche Hospital und das Aussätzigenheim in Jerusalem, das Hospital in Haifa und das — nach dem Besuch des deutschen Kaisers entstandene — Auguste Viktoria-Hospiz auf dem Oelberge, das nach dem Kriege zum Wohnsitz der ersten Oberkommissare ausgewählt wurde, während das St. Paulshospiz am Damaskustor Regierungsgebäude wurde; dann das Erholungsheim in Kubebe-Emmaus, das Hospiz in Tabgha am Tiberiassee und das Sanatorium auf dem Karmel. Ferner Klöster und Kirchen, das Institut für Alterlumsforschung der katholisehen Goerres-Gesellschaft und das Institut für Altcrtumswissen- Schaft der vereinigten evangelischen Kirchen. Während uns die Schilderung der Missionsniederlassung als ein unsrer eignen Art ganz entgegengesetztes Unternehmen weniger interessiert, lesen wir mit großem Interesse die Schilderung, wie vor etwa 60 Jahren die ersten Templer aus Schwaben und deutschen Niederlassungen in Rußland nach dem heiligen Lande zogen, um hier eine Gemeinschaft der gelebten Religion zu gründen. Ihr Kampf gegen Fieber, Hunger, Mißwachs und räuberische Nachbarn, gegen das Zugrundegehen ganzer Familien zeigt mancherlei Aehnlichkeit mit den Anfängen unsrer eignen Siedlungsgeschichte, die uns noch größer und wunderbarer erscheint, wenn wir uns klarmachen, daß der Landarbeit ungewohnte jüdische Städter das gleiche Wagnis unternahmen, an dem so viele mit Erdboden und Landarbeit verbundene deutsche Bauern scheiterten. Stehen bei einem Vergleich zwischen jenen und unseren Ersten die Unseren in keiner Weise hinter den deutschen Siedlern zurück, so gibt es doch andere Dinge, in denen ein Vergleich zwischen Palästinadeutschen und uns etwas nachdenklich stimmen kann. Da ist vor allem die innige Eintracht zwischen diesen Deutschen untereinander, gleichviel ob sie Anhänger der herrschenden evangelischen Kirche, Templer oder Katholiken sind — Gegensätze, die wahrscheinlieh nicht minder tief gehen als bei'uns der Gegensatz zwisehen Agudisten und Liberalen oder zwischen Revisionisten und Sozialisten. Bei allen trennenden Gegensätzen fühlen sie sich als eine eng verbundene Gesamtheit, in der einer die Leistungen des anderen dankbar anerkennt. Es fällt uns ferner das enge Einvernehmen auf, in dem sie mit den Arabern und Engländern stehen; den letzteren, die doch immerhin die Palästinadeutsclien jahrelang aus ihren Instituten und Häusern vertrieben hatten, welche die einst int Lande bestehende deutsche Vorherrschaft gebrochen haben, wird ein besonders anerkennendes, freundschaftliches Kapitel gewidmet. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß tatsächlich die Deutschen im Lande ein Lieblingskind der britischen Regierung und sehr beliebt bei den englischen Militärs und Beamten sind. Das kommt wahrscheinlich nicht allein davon, daß dieses saubere, fleißige und nützliche Völkchen, das ohne große Ambitionen still dahinlebt, den Engländern wenig zu schaffen macht — der Grund dieser englischen Vorliebe ist sicherlich auch die ganz unprätentiöse, sich selbst und ihre alten Sitten und Gewohnheiten voll bejahende Art der Deutschen, Noch etwas aber geht aus diesem Schriftchen hervor, das uns zu denken geben sollte: diesen Palästinasiedlern geht es heute gut, viel besser als ihren Landsleuten in Deutschland, sie haben Erwerb und Wohlstand gefunden (nicht zuletzt dank dem großen jüdischen Konsum), sie erfreuen sich guten Ansehens bei ihren Mitbürgern, sie können in aller- Ruhe große Hochzeiten ״mit Wursteln und Kartoffelsalat“ feiern. Aber von dem großen glühenden Glauben ihrer Väter und Großväter, dem heroischen Mut, mit dem diese deutschen Pioniere hinauszogen in Fieber, Not und Gefahr — davon ist bei den Kindern und Enkeln nicht viel mehr zu spüren. Was zu beweisen scheint, daß jede geistige Bewegung versandet. in der an die Stelle des opferfreudigen Chaluztums der zufriedene Wohlstand tritt. Helene Hanna Thon. Dr. N. M. Gelber In Budapest, Auf Einladung der Zionistischen Landesorganisation für Ungarn hat, wie uns aus Budapest geschrieben wird, der jüdische Historiker Dr. N. M. Gelber in Budapest am 4. d. M. einen öffentlichen Vortrag über ״Verpaßte Gelegenheiten in der jüdischen Geschichte“ gehalten. Die Versammlung, die überaus gut besucht war, wurde vom Präsidentei der Landes- Organisation Dr. E. Izsäk eröffnet, ln einem großangelegten Referat stellte Dr. Gelber all jene Episoden in der jüdischen Geschichte dar, die dem jüdischen Volke die reale Möglichkeit gegeben haben, eine eigene Heimstätte in Erez Israel zu begründen. Besonders scharf strich der Redner die Versuche in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts hervor. Die Ausführungen des Vortragenden interessierten das Publikum überaus und haben der zionistischen Sache in Ungarn propagandistisch einen großen Dienst erwiesen. Am nächsten Tag sprach Dr. N. M. Gelber in der Wizo über ״Die jüdischen Salons“. Der Vortragsabend, der auch von zahlreichen führenden Damen der hiesigen nichtzionistischen Kreise besucht war, wurde von der Präsidentin der ungarischen Wizo, Frau Oberregierungsrat Dr. Ignatz. Friedmann, eröffnet, ln propagandistischer Hinsicht haben die beiden Vorträge des Herrn Dr. N. M. Gelber die zionistische Bewegung in Budapest um einen großen Schritt vorwärts gebracht. ״Eine Schande für die polnische Kultur“. In der Volksbildungskommission des polnischen Sejm verteidigte der Kultusminister Jendzelewicz seine Gesetzesvorlage betreffend Einschränkung der Autonomie der Hochschulen zwecks Sicherung des ruhigen Lehrbetriebs und führte, u. a. aus: Was im vergangenen und im jetzigen Jahre an den Hochschulen vorgegangen war, ist eine Schande f ii * die polnische K u i - tur. Die Regierung sucht nach Mitteln, um dieser Welle der Verwilderung und der Barbarei, die Polen überschwemmen will, zu begegnen. Das neue Gesetz will die Würde der Wissenschaft schützen, eine Arbeitsdisziplin sichern und ein tiefes kameradschaftliches Gefühl bei allen Studierenden, unabhängig von Nationalität, Rasse und Religion, fördern.

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