Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1933)
- Date
- 1933-01-24
- Page
- Seite 33 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7, 24.1.1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 33 Die Einengung des Lebensraumes Zum Problem einer jüdischen Wirtschaftspolitik in Deutschland Von Kurt Löwenstein. Ls ist eine von jeher umstrittene Frage, ob es für das deutsche Judentum die Möglichkeit gibt, eine eigene Wirt- Schaftspolitik zu führen. Auch wer die Ansicht yertrift, daß die wirtschaftliche Struktur der deutschen Juden Züge einer so ausgesprochenen Eigenart trägt, daß ihre begriffliche Herauslöstmg aus der Gesamtheit der Wirtschaftsbeziehungen innerhalb Deutschlands möglich ist, wird doch nur ebenso meinen können, daß diese begriffliche Besonderheit nun auch zu der praktischen Konsequenz eines eigenen wirtschaftspolitisehen Verhaltens führen werde. ln der Tat haben auch alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die von jüdischer Seite in Deutschland ergriffen worden sind, einen mehr sekundär-unterstützenden Charakter, d. h. sie wollen als zusätzliche Maßnahmen den Einrichtungen der AHgemeinheit im Interesse der Juden zu Hilfe kommen, um einen bei den Juden besonders ausgeprägten Notstand zu bekämpfen. Als Beispiel sei etwa das Gebiet der jüdischen im Interesse des Mittelstandes eingerichteten Darlehnskassen erwähnt. Es soll nun an dieser Stelle an einem besonders aktuellen Beispiel gezeigt werden, w'elche Grenzen für eine rein jüdisch« Wirtschaftspolitik in Deutschland gesteckt sind, wie wichtig es aber auf der anderen Seite ist, ein von jüdischen Sondergesichtsptinkten beeinflußtes wirtschaftspolitisches Denken und Handeln auf bestimmten Gebieten durchzusetzen. Eine allgemein anerkannte Meinung stellt fest, daß die Umformung der Wirtschaft im Sinne der Einflußnahme des Staates und der öffentlichen Körperschaften überhaupt auf den wirtschaftlichcn Prozeß für das deutsche Judentum große Gefahren mit sich bringt. Die hierdurch entstehenden öffentlichen, halböffentlichen oder wenigstens öffentlich kontrollierten Unternehmungen stehen den Juden zumeist nicht offen. Sie werden durch sie als Unternehmer verdrängt und als Angestellte nicht oder kaum zugelassen. Die Bürokratisierung der Wirtschaft engt de.iy jüdischen Lebensraum zwangsläufig ein, zumal wenn antisemitische Strömungen gesellschaftlich maßgebend werden. Dieser Vorgang der Einflußnahme des Staates aut die Wirt- Schaft hat nun gerade in jüngster Zeit in Deutschland Gebiete ergriffen, die fiir die Juden als Feld ihrer wirtschaftlichen Betätigung besonders bedeutungsvoll sind. Auf anderen wichtigen Gebieten steht eine solche Einflußnahme zu befürchten. Hier verdient zunächst der Exporthandel Erörterung. Die Devisenkontingente bedeuten in der Hand des Staates eine 1111geheure Machtfülle. Nur diejenigen Firmen kommen als Einfuhrhäuser in Frage, denen ein Devisenkontingent bewilligt wird. In der Praxis bedeutet dies heute, daß nur die alten schon bestehenden Firmen am Einfuhrhandel teilnehmen können. Es ist aber durch eine reine Verwaltungsmaßnahme auf diesem Gebiet eine Art numerus clausus bereits jetzt durchgeführt. Auch wenn man vielleicht sagen kann, daß eine derartige Beschränkung der zugelassenen Firmen rein wirtschaftlich gesehen Vorteile mit sich bringt, wird man doch nicht verkennen dürfen, daß hier für jüdische Unternehmungen große Gefahren liegen, die sich möglicherweise in der Zukunft auswirken können. — Aehniich liegen die Dinge auch auf zahlreichen Gebieten des Exportes aus Deutschland. Die Einfuhrkontingente, die in den meisten Staaten für viele wichtige Artikel eingerichtet worden sind, werden durch die in Frage kommenden Fachverbände unter die einzelnen Firmen verteilt. Auch hier werden neue Firmen nicht zugelassen, d. h. es besteht praktisch ein numerus clausus mit all den in ihm liegenden Gefahren. Die Frage des numerus clausus ist nun auch noch auf einem anderen Gebiete akut geworden, das für die deutschen Juden von besonderer Wichtigkeit ist, nämlich auf dem des Ein z e I- Handels. Seinen ersten Sieg hat das Postulat des numerus clausus gegenüber den Einheitspreisgeschäften gefeiert, die nunmehr — vorerst befristet — nicht mehr neu eröffnet oder erweitert werden dürfen. Es ist klar, daß hierdurch die Möglichkeit, jüdischen Menschen eine Existenz zu verschaffen, eingeschränkt worden ist. Das Gebiet der Einheitspreisgeschäfte bot sowohl mittelständischen jüdischen Kjuflcutcn durch Um- Wandlung ihrer bestehenden Geschäfte in Einhcitsprcisläden eine Chance wie insbesondere zahlreichen Angestellten, da Frier ein verhältnismäßig wenig antisemitisch durchsetztes Gebiet vorhanden ist. Nachdem nunmehr die Expansion dieser Betriehsform unmöglich gemacht W'orden ist, entfällt also auch die Chance einer Unterbringung jüdischer Menschen, die an anderen Punkten der Wirtschaft verdrängt worden sind. Man darf den Umfang der Bewegung für den numerus clausus im Einzelhandel nun aber nicht unterschätzen. Er wird gegenüber den Warenhäusern und Filialbetrieben mit Energie gefordert, ja gewisse Kreise des mittelständischen Einzelhandels streben ihn sogar in dem Sinne an, daß überhaupt (he Neueröffnung von Geschäften — für eine gewisse Zeit wenigstens — untersagt wird. In der gleichen Richtung bewegt sich die Fordcrimg, einet! Konzessionszwang für den Einzelhandel oder für gewisse Betriebsformen (z. B. Warenhäuser) einzuführen, d. 11. die Neueröffnung von der Prüfung der Bedürfnisfrage abhängig zu machen. Auch all diese Vorschläge müssen zwangsläufig die Existenzmöglichkeiten der deutschen Juden einschränken, abgesehen von den Gefahren, die durch eine bürokratische Willkür gegeben sind. Schließlich darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß die steuerpolitischen Maßnahmen, die gewisse Kreise gegenüber den Warenhäusern und anderen Großbetrieben befürworten, in ihrer Wirkung auf eine Niederkonkurrierung dieser Unternehmungen abzielen, so daß auch auf diesem Wege jetzt noch vorhandene Lebensmöglichkeiten fiir Juden eingeschränkt werden können, falls die vorhandenen radikalen Vorschläge zum Gesetz werden. Die organisatorischen Spaltungen innerhalb des deutsehen Einzelhandels sind ja in erster Linie auf diese Bestrebungen zurückzuführen. Wie verhalten sich mm im allgemeinen die jüdischen Wirfschaftskreise 7t! all den Erscheinungen? Das Ergebnis einer Betrachtung dieser Frage Ist ■— vom jüdischen Standpunkt aus — mehr als negativ. Soweit Juden führend zu dem Kreis der angegriffenen Großbetriebe gehören, verfolgen sie ihr ökonomisches fnferesse, das in diesem Falle weitgehend mit der Abwehr direkter antisemitischer Angriffe konform geht. Nicht ganz so klar ist allerdings schon die Haltung anderer jüdischer Unternehmer, die eventuell bereit wären, einen numerus clausus zu akzeptieren, wenn dadurch die Gefahr von Konkurrenzgründuiigen für ihr eigenes Unternehmen ausgeschaltet wird. Sie verkennen dabei die große Gefahr, die für sie als Juden in dem Eingriff des Staates in die Sphäre der freien Konkurrenz an sich besteht. Die wesentliche Tatsache aber, die wir hier festhalten müssen, ist die Stellungnahme weitester Kreise des mittelständischen jüdischen Unternehmertums. Es glaubt, daß es sein eigenes ökonomisches Interesse dadurch am besten wahrnimmt, daß es den Kampf gegen die Großbetriebe, d. h. für numerus clausus, Sondersteuerh usw. energisch mitführt. Man kann vielleicht sogar feststellen, daß die jüdischen Wortführer in diesem Kampf mit besonders lauter Stimme agitieren. Dadurch glaubt man also, die eigene ökonomische Position zu stärken. Irgendein jüdisches Sonderinteresse wird nicht anerkannt, ja nicht einmal gesehen. Juden sind es daher, die mit in vorderster Reihe zusammen mit den Kreisen des Mittelstandes, die antisemitisch eingestellt sind, den Kampf für bestimmte wirtschaftspolitische Forderungen führen, Daß es bei den freien Berufen ähnlich liegt, ist bekannt. Die Forderung, den numerus clausus bei der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft cinzuführcn, hat genug jüdische Anhänger, und auch auf dem Gebiete der Neuregelung des Medizinstudiums ist diese Erscheinung zu bemerken. Ueberall hält man sich aber innerhalb der Grenzen, die durch die eigene Ökonornischc Lage gegeben sind, ohne die jüdischen Perspektiven zu beachten. An dieser Stelle nun taucht die Frage nach einer jtidisehen Wirtschaftspolitik auf. Wie wir sehen, entsteht diese nicht aus einem inneren oder äußeren Zwang heraus, der die deutschen Juden veranlaßt, besondere Wege zu gehen. Es bleibt daher nur übrig, auch auf diesem Gebiete die Komplikation des jüdischen Lebens zu zeigen, insbesondere den Nachweis zu führen, daß eine Verhaltensweise, die rein nach den ״ökonomischen“ Interessen des Tages sich orientiert, fiir die Juden kurzsichtig und verhängnisvoll ist. Die Aufklärung über den politischen Sinn jeder ökonomischen Entscheidung ist die Voraussetzung dafür, daß die deutschen Juden wirtschaftspolitisch ״richtig“ zu handeln lernen. Ob eine derartige Aufklärung durchführbar ist, kann theoretisch nicht beantwortet werden. Hier liegt jedenfalls eine wichtige Aufgabe zionistischer Gegenwartsarbeit, die nicht vernachlässigt werden sollte. HECHALUZ Fortschritte in Giwath Brenner Von der neuen Alijah, die jetzt aus Deutschland nach Palästina kommt, wird ein Teil wieder nach Oiwath Brenner gehen. Mit den neuen Olim werden dort nunmehr etwa hundert Chawerim aus Deutschland konzentriert sein, die mit einer Gruppe aus Litauen und Chawerim aus anderen Ländern zusammen leben. Im ganzen befinden sich in Giwath Brenner heute!90 Chawerim, die Kinder nicht eingerechnet, deren Zahl heute schon auf 30 angewachsen ist. Oie ältesten Kinder sind jetzt sechs Jahre alt. Giwath Brenner kann auf ein fünfjähriges Bestehen zurückblicken. An Boden besitzt es 130!) Dunam, van denen schon 105 Dunam Pardeß gepflanzt sind, im Frühjahr kommen weitere 100 Dunam Pardeß hinzu. 30 Dunam haben in diesem Jahre ihre erste Ernte gebracht. Außer den Pardessim ist noch eine Baumschule von zirka 10 Dunam vorhanden, die jetzt auch bedeutend vergrößert werden soll. Daneben besitzt Giwath Brenner Gartenland und an Getreide sind 600 Dunam ausgesät worden. Auch der Kuhstall und der Hühncrstall sind in ständigem Wachsen begriffen. Neben den landwirtschaftlichen Arbeiten hat Giwath Brenner bekanntlich Werkstätten eingerichtet, eine Tischlerei, die jetzt schon 10 Menschen, und eine Schlosserei, die vier Schlosser beschäftigt. 3 Chawerim arbeiten in der Schusterei. Die Werkstätten haben außer der Arbeit für den Eigenbedarf dauernd Aufträge auch für Rechoboth, Ucberhaupt spielt die Außenarbeit eine sehr große Rolle. 70 bis 80 Chawerim waren täglich bei der Orangenernte in der Moschawah beschäftigt. Die Wohnbedingungen sind noch nicht zufriedenstellend, Baracke und Zelt dominieren leider noch. Durch kleine Hvpothekarkredite könnten deutsche Zionisten den Ausbau der Siedlung sehr fördern. Ein großes Lesezimmer ist eingerichtet worden. Es enthält eine große Bibliothek und erhält regelmäßig über 40 Zeitschriften in allen Sprachen. Der Umstand, daß eine so große Zahl von deutschen Chain- 7im, die zum Teil schon mehrere Jahre int Lande arbeiten, in Oiwath Brenner konzentriert ist, hat nicht nur eine große Bedeutung für die Aufnahme und Akklimatisierung der neuen deutschen Olim, sondern gemeinsam mit der anderen beiden deutschen Konzentrationspunkten, Nannc-h lind Raananah, hat Oiwath Brenner eine große erzieherische Bedeutung für die chaluzischc Jugend in Deutschland, die so eine persönliche und lebendige Beziehung zu Palästina erhält. Die Zeitschrift ״Mischar w’Taasia“, Tel-Awiw, hat soeben zehn Jahre ihres Erscheinens abgeschlossen. Die zehn Bände der Zeitschrift, die jetzt vorliegen, geben ein anschau־ liches und einzigartiges Bild der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas auf dem Gebiete der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels. Die Zeitschrift ist schon als Wirtschafts־ magazin in hebräischer Sprache eine besonders bemerkenswerte Erscheinung; sie steht aber auch inhaltlich auf der Höhe und nimmt zur Wirtschaftsentwicklung Palästinas in redaktionellen Bemerkungen und in zahlreichen Artikeln aus allen Lagern Stellung. Wichtige Untersuchungen über die verschicdensten Spezialgebiete palästinensischer Wirtschaft wurden in der Zeitschrift veröffentlicht, und so gibt sie ein eindrucksvollcs Bild davon, was jüdischer Fleiß, jüdische Initiative, Unternehmungsgeist und Erfindungsgabe in Palästina geschaffen haben. Die verschiedenen Zweige der Privat- Wirtschaft nehmen in der Zeitschrift einen besonderen Platz ein, doch werden auch die Fragen der sogenannten ״nationalen“ Wirtschaft oft beleuchtet und kritisch untersucht. Die Zeitschrift hat sich in der Zeit ihres Bestehens zahlreiche Freunde erworben. Sie beabsichtigt, ans Anlaß ihres zehnjährigen Jubiläums die Herausgabe eines Sonderheftes in verstärktem Umfang. Die Gesellschaft ,,Mischar w’Taasia“, die die Zeitschrift herausgibt, ist auch als Veranstalterin der großen Tel-Awiwer Ausstellungen und Levantemessen bekannt. Außer der hebräischen Zeitschrift gibt sie auch eine Zeit- Schrift in englischer Sprache unter dem Namen ״Paiestine and Near East Economic Magazin“ heraus. ״Heiligtum minderer Ordnung“ Der in Palästina lebende hebräische Schriftsteller Mordeehai ben Hiitel Hakohen hat jetzt im vorgerückten Alter eine Schrift herausgegeben, in der er seinen Anschauungen über die Fortentwicklung und den Fortbestand des Zionismus niederlegt. (Mikdasch mcat, London, Haolam 1932.) Er glaubt nicht, daß die politischen Erfolge des Zionismus allein der Bewegung dauernden Bestand sichern können. Das könne nur ein geistiger Wert. Auch die hebräische Sprache scheint ihm nicht tragfähig genug. Andere Sprachen und Kulturen mögen im Laufe der kommenden Jahrzehnte für die Juden anziehend und fruchtbar werden. Das Volk braucht ein Symbol für sein geistiges Streben, so wie die Juden in der Wüste die Lade brauchten und die seßhaften Juden den Tempel. Den Verlust dieses Tempels haben die Juden nie verwunden. Er ist der wahre Grund ihrer Zerstreuung, und der neuen Regenerationsbewegung liegt cs ohne Zweifel ob, einen Ersatz, ein neues Symbol zu schaffen. Natürlich denkt der Verfasser nicht an die Wiedererrichtung des Tempels und des Opfer* dienstes. Was er vorschlägt, ist die Errichtung eines Heiligtums ״minderer Ordnung“ (mikdasch mcat), das auf einem der Berge bei Jerusalem zu errichten wäre. Dieser Tempel soll ein Bethaus für alle jüdischen Stämme und Bekenntnisformen sein. Es soll sieben große Säle enthalten, die durch hölzerne Schiebewände voneinander getrennt sind. In jedem dieser Säle soll nach einem anderen Ritus gebetet werden, nach den Riten der Scpharden, Aschkcnascn, Chassidim, Jemeniten und sogar nach dem Ritus der Reform. Nur bei bestimmten Gelegenheiten, z. B. beim Schofarblascn, am Ssimchatthora, in der Seder-Nacht sollen die Sc hiebe wände fortgerollt werden, so daß ein einziges Bethaus entsteht, und das ganze Volk sich gleichsam im Gehet vereint. — Das Bethaus würde eine große und ständige Anziehungskraft auf alle Juden der Welt ausüben. Die Umgehung des Bethmises würde bald bebaut sein, denn viele nationale Institutionen und auch private Unternehmungen wie Hotels usw. wurden (Jas Terrain in der Umgebung des Bctliauses bevorzugen. Die alte Institution des ״Wandcrns“ nach (erusalem zur Zeit der Feste wurde neu belebt werden,!oder Jude in den fernen Ländern der Diaspora würde einmal 'in seinem laben den Seder in dem neuen Heiligtum mit Tausenden seiner Bruder und Schwestern ans fernen Ländern begehen wollen. Der Verfasser halt die Verwirklichung seiner Idee, gerade aus nationalen Oriimlen, für eine der dringendsten Aufgaben der Gegenwart. Fr fordert Mi inner des öffentlichen jüdischen Lebens auf, die Sache in die Hand zu nehmen. e. S. Joseph Roth, Radctzky-Marsch. Roman. Verlag G. Kiepenheuer, Berlin. In Joseph Roths unvergessenem ״IIhb“ klang es wie Mareia Funebre, Allegro Furioso dazwischen; sein neues Buch ist ein Andante cantabile — Kammermusik aus dem alten Oesterreich. Das Schicksal der sterbenden Monarchie verkörpert sich im Schicksal einer altöstcrreir־hischen Familie durch drei Generationen; vom Großvater, dem ״Helden von Soltcrino“, der in den Lesebüchern steht, über den Vater, den Bczirkshauptmann, bis zu dem Enkel, dem Leutnant von Trotta, der gerade drauf und dran ist, die einst sovielgeliebte Armee zu verlassen und zur Scholle, von!1er das Geschlecht seinen Ausgang nahm, ztirüekzukehren .— als der Weltkrieg ihn als Opfer fordert. Und merkwürdig wicdergespiegelt und verkettet sind diese österreichischen Schicksale mit der Ent- Wicklung und Verwicklung einer jüdischen Familie: dort ist der Großvater im silberweißen Bart Schankwirt — aber ein König der Schankwirte, der den Bauern seinen Wodka austcilt, als bewilligte er ihnen eine Gnade; wie armselig nimmt sich dagegen das Leben des Sohnes aus, dessen Ehrgeiz sich in der Laufbahn des pflichttreuen mittleren Postbeamten und ״längerdienenden Reclinungsunteroffiziers“ erschöpft. Der Enkel des Schankwirts, der Regimentsarzt Max Demant, ist befreundet mit dem Enkel des Helden von S9Iterino, dem Leutnant Trotta, und sicht ihrer beider Tragödie darin begründet, ״daß sie Enkel sind . . . Sein unsinniger Tod endet ein unsinniges Leben, gleich weit entfernt von der urwüchsigen Judenkra'ft des Großvaters wie von den ,höheren Zielen‘, die sich der Forscher und Akademiker gestellt hat. Und der alte Kaiser, dessen Leben und Sterben mit den Schicksalen der Familie Trotta wundersam verknüpft ist, stirbt am selben Tage wie der Letzte der Trottas, der Vater, der seinen S0I111 nicht lange tiberleben konnte . . .“ ich glaube, Doktor Skowronnek — eigentlich überflüssigerweise.' Denn wer diesen Grundton des Buches auf seiner letzten Seite noch nicht vernahm, der hat für die Wehmut dieser trotz alledem geliebten österreichischen Grundmelodie taube Ohren. — Uns!׳eilt besonders an. wie sich dies österreichische Typen• Schicksal — denn der Held, der Bezirkshauntma״״. der Leutnant sagen uns als E i n z e! m e n s c 11 c n gar nichts — im Leben österreichischer Juden spie .vll: auch ihrer ist die 1 iebe zum alten Staat, auch ihrer ist die Wehmut bei seinem Sterben — aber ihre Tragödie Fi eine doppelte. Der Leutnant Carl Joseph von Trotta stirbt, als er seinen 1 euten, rnthenisehen Bauern, die er liebt, aber deren Soraehc er kaum verstellt, Wasser holen will - ein Tod, ungeeignet für die Lesebücher, aber dennoch der Tod eines Rück kehre ״elf n zur einfachen Größe des Volkes, aus dein er kam. Der Jude Doktor Demant stirbt im Zweikampf, ein Opfer eines Ehrbegriffs, an den er nicht glaubt — für eine Frau, an deren Unschuld er nicht glaubt. Als ein ferner Widerhall aus ferner Kindheit zitterte die erloschene Stimme des Großvaters: ״Höre Israel, sprach die Stimme . , .“ Es ist die einzige Rückkehr, die dem Juden offen ist. B. R. St. Groteskes Nachspiel zu Lemberg. Keiner der Studentenvereine, die sich öffentlich an den Ausschreitungen gegen die Juden beteiligten, wurde bisher von den akademischen Behörden zur Verantwortung gezogen, dagegen hat der akademische Senat der Lemberger 1 Jniversität den Verband jüdischer Philosophie-Studenten, der dem Senat eine Protestresolution gegen den antisemitischen Terror auf dem Boden der Universität überreicht hat, aufgelöst, und gegen den Vorsitzenden und den Schriftführer des Verbandes ein Disziplinarvcrfahren eingeleitet. Versammlung der Jüdischen voiKspartei Donnerstag, den 26. Januar, abends 8 Uhr in den Festsälen, Berlin-Halensee, Johann-Georg-Straße 19 Was wird aas unserer Jüdischen Gemeinde? Der Krieg Im Friedenstempel — Der neue Etat Die Zukunft der jüdischen Schule Referenten: R.-A. Dr. A. Klee, R.-A. Dr. M. Kollenscher Min. - Rat H. G o s I » r ״Rejszyt“, Hebräische Monatsschrift fiir literarische und soziale Fragen. — Es liegen rum bereits in schöner Ausstattung zwei Nummern der neuen hebräischen Monatsschrift ״Reschil“ vor. Sie wird in Warschau von einigen jungen hebräischen, Schriftstellern, die, wie es im Finlcittmgs,1 rtikel heißt, ״des Hungers nach einem geistigen Wort müde geworden sind“ herausgegeben. Sie steht auf dem Boden der palästinensischen Histadruth-ldeologie und sagt den Kampf an ״der schreienden Unwissenheit in unseren Reihen, dem ängstlichen I lasen-''!1־■׳- servatismus und demjenigen Zionismus, der im Galuthmrnpf versank und zu einem synonvmen Ausdruck für Reaktion ״e• worden ist“. Die einzelnen Beiträge, die sich mit politis'hen, literarischen und künstlerischen Problemen befassen,?ei en einen durchaus frischen jugendlich bewegten Geist, der in den osteuropäischen Ländern, auch unter dem hebräischen Nachwuchs leider lange zu vermissen war. Der Ahonnemcntspreis ist sehr niedrig (vierteljährlich 1 RM.), so daß die neue Monatsschrift hoffentlich auch in Deutschland einen Leserkreis, vor allem unter der hebräisch lernenden Jugend, finden dürfte. _ Dr. E. Sz. In der amerikanischen Monatsschrift ״Current!11'. stör y“ weist der ständige Berichterstatter für den Vorderen Orient, Professor Albert H. L y b y e r , darauf hin, daß Palästina unter der Wirtschaftskrise ganz besonders wenig gelitten!;.:be, wofür die Tatsache zeuge, daß nicht eine einzige Bank zusummengebrochen sei. Die hebräische Universität habe ein erfolgreiches Arbeitsjalir hinter sich und gehe daran, sich eine Landwirtschaftsschule, ein Universitäts-1 Jospital und einen Lehrstuht für die Archäologie des Nahen Ostens anzugliedern,