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Jüdische Rundschau · 1933-01-24 · Heft 7 (24.1.1933) · p. Seite 32

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 7 (24.1.1933)
Date
1933-01-24
Page
Seite 32 (sequence 2)
Language
German
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Seite 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7, 24.1. 1933 an alle studentischen Korporationen und Bünde ein Rundschreiben erlassen, worin er ״um einer Beunruhigung vorzubeugen“, mitteilt, daß gegen den ״u n - erwünschten Andrang jüdischer Medizinstudenten aus Nordamerika“ Maßnahmen ergriffen worden sind. Gesuche seien mit der Begründung des Plai/.mangels ahzulehnen, von 60 für Köln angemeldeten Amerikanern seien nur 15 gekommen. Das Traurige an diesem Rundschreiben ist nicht nur die Haltung des Rektors in der Frage der Gastfrcundschaft für ausländische Studierende, sondern 'auch die Tat- Sache, daß der Rektor sich vorbeugend an die Studentenkorporationen wenden muß und sie unter offensichtlicher Billigang ihres antisemitischen Standpunktes zu ״beruhigen“ sucht. Fs ist nicht abzusehen, welcher Schaden der deutschen Sache durch diese Haltung zugefügt wird. Die jüdische öffentliche Meinung Amerikas ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, und es ist nicht zu verwundern, wenn das Kölner Rundschreiben des Rektors in Amerika Aufsehen erregt hat. Während man sich sonst schon im Interesse der Devisenbilanz bemüht, Auslinder zum Besuche Deutschlands zu bewegen, vertreibt man amerikanische Juden aus Deutschland in die Schweiz und nach Holland, wo sie gern aufgenommen werden. Dabei ist in diesem Falle, da ja die paar Amerikaner nach Beendigung ihres Stutliums nach USA. zunickkchren, nicht einmal das Argument brauchbar, dal! man eine wirtschaftliche Konkurrenz von Ausländern verhüten möchte. Aber es handelt sich eben um eine Einzelerscheinung, die den Geist, der in Deutschland maßgebend ist, illustriert. Die größte (j e fahr für di e deutschen Juden besteht darin, daß sie allmählich von der judenfeindlicheii Agitaiion selbst infiziert werden, den Glauben an sich, verlieren und immer genügsamer werden in ihren Ansprüchen auf Toleinnerlich ’stark u n d' w i d e r s t a n d s fä!1 i g 7V c r - halten durch das Bewußtsein der Verbundenheit mit glattbeit und durch die .Mitarbeit an künftiger jüdischer Freiheit. öle Verelendung der Juden in Polen -g. Warschau, 17. Januar 1033. Seit den letzten nntijitdischen Exzessen in l.emberg bcschäftigt man sich in der pohii-chen ()Öffentlichkeit wieder sehr eingehend mit der Jiidcnfrage. Die polnischen Antisemiten setzen ihre Au-rottung-piopaganua gegen die Juden mit allen Mitteln fort und behaupten 'wider besseres Wissen unaufhörlich, die Juden bilden in Polen eine {gefährliche Macht für die polnische Nation. Die antijüdischen Bestrebungen werden als Abwehrmaßtiahmen und die Lehren und Taten Hitlers als oft nachahmenswerte Muster dargestellt. In einer der letzten Sitzungen der Budgetkommission im Seim verlangte der nationaldcmokratische Redner ohne Umschweife die Austreibung der Juden a u s Pole n. Wie er sich die Durchführung dieser Maßnahme vorstellt, hat der Deputierte nicht gesagt. Die Regierung gab bei dieser Gelegenheit wiederum eine Erklärung ab, daß sie für die Sicherheit der jüdischen Bürger genau so wie für die der anderen sorgen und sich entschlossen allen Ausschreitungen entgegenstellen werde. Wenn also in dieser Hinsicht eine scharfe Grenze zwischen den Nationaldemokraten und dem Pilsudski-Lager gezogen werden kann, ist das leider in bezug auf den e i g e n t liehen inhalt der Judenfrage in Polen nicht der Fall. Die polnische Regierung und die polnische Gesellschaft sind in ihrer Vordrängungspolitik gegenüber den Juden solid a r 1 s c h. Diese Politik wird ohne Lärm, aber konsequent und in ihren Folgen unerbittlich und grausam gegen die Juden durchgefuhrt. In Posen, wo der Antisemitismus solche polnischen Führer, die für manche nationalen Forderungen der Juden cintreten, billigen die Judenpolitik der Regierung, Deren Inhalt ist: ״vollständiger Bovkoft der Juden in der Verwaltung und in der Wirtschaft,' grölStmogliehe Besteuerung der Juden ohne irgendwelche Gegenlcistung durch den Staat". Die polnische Gesellschaft handelt nach dem Beispiele der Regierung: Juden werden nirgends aufgenommen und faßt das (HlVrcleVgeVnVen1’Republik ihr haben *sk"? auch sehen, teils auch aus antisemitischen Motiven) .-״!geschlossen. der letzten Zeit v e r s c I! I i m tu e rt" und' die Unkenntnis dV fVrVtn'irzer^Vw1 "nufiwlioikimomkche 'Problem e°״l)ic״v ereinigten allgemein zionistischen Zentralkomitees haben als einen ihrer wichtigsten Tatigkeit.-zweige die wirtschaftliche Hilfe proklamiert, und der Erörterung dieser Frage war eine Konferenz gewidmet, die vor einigen Tagen in Warschau tagte und Meinungen und Berichte der besten Sachkenncr des Problems zu hören bekam. Abg. Dr. Rottenstreich wies an Hand von statistischeut Material nach, daß in P ölen gegenwärtig 1 •100 000 deklassierte Juden leben, also fast die H ä 1 f t e der j ü d i s c 11 e n Bevölkerung ohne E x istenzmittel d a s t e h t. Diese Massenpatiperisierung wurde teils durch die strukturelle, teils durch die Konjunkturkrise, teils aber durttli politische Ursachen hervorgerufen. Daß die ökonomische Struktur der polnischen Judenheit einseitig und in gewisser Hinsicht primitiv ist, läßt sich nicht bestreiten, und cs ist klar, daß die herrschendem wirtschaftlichen Tendenzen den schwersten Schlag dem jüdisehen Händlertum versetzten. Aber alle Umschichtung®- bestrebungen der Juden begegnen einem harten Widerstand bei den in Betracht kommenden nichtjüdisehen Faktoren. Die schlechte Konjunktur hat die Juden härter als anderc getroffen, denn während die nichtjüdische Bevölkerung allerhand Hilfe genießt und die Möglichkeit hat, sich in einem verhältnismäßig breiten Wirtschaftsraum zu bewegen, sind die Juden in einigen Zweigen der Wirtschaft eiligepfercht und ausweglos dem Untergang geweiht. Die Politik der Regierung auf dem Gebiet der ״Etatisierung“, die Monopole, die staatliche Regulierung des Imports und Exports und ähnliche Maßnahmen werden direkt gegen die Juden angewendet. Der jüdische Handwerk erst and in Polen wird systematisch aller Erwerbs- und Entwicklungsmögüchkeiten beraubt, und bei der Beratung gaben manche Redner der Befürchtung Ausdruck, daß es in 20—30 Jahren in Polen keine jüdischen Handwerker mehr geben werde. Der jüdischen Jugend wird jeder Weg zur wissenschaftlichen Fortbildung und zu jeglichem Erwerb verriegelt. Kein Wunder also, daß sich der gesamten Judenheit in Polen ein Gefühl der Verzweiflung und der vollständigen Resignation bemächtigt hat. Die Zionistische Organisation ist sich ihrer Pflicht bewußt, solchen Stimmungen, die jede Tätigkeit unmöglich machen, entgegenzutreten und für Hilfe zu sorgen. Was ist zu tun•'1׳' Die Meinungen darüber sind geteilt. Für alle ist es klar, daß eine großangelegte Emigration eine radikale Lösung bedeuten würde. Aber mit Ausnahme Palästinas kommt kein Immigrationsland in Betracht, und die Aufnahmefähigkeit Palästinas ist leider beschränkt. Allerdings wird von der Notwendigkeit gesprochen, auch dem sogen. Mittelstand H a c 11 s c h a r a h m ö g i c 11 k e i t e n für Palästina zu geben und auch für Zertifikate in großem Ausmal) für die Handwerker, die in Palästina ein sehr brauchbares Element sein könnten, zu sorgen. Der Vertreter des Joint hat (allerdings in seinem eigenen Namen) bei dieser Beratung beachtenswerte Vorschliigc für ökonomische Selbsthilfe gemacht (intensive Fachausbildung, Hausindustrie, neue Arbeitszweige, Organisation der jüdischen Landwirte u. ä.) und an einigen interessanten Beispielen gezeigt, wie in manchen Gegenden Juden aus eigener Initiative Rettungswege finden. Die Mehrheit der Teilnehmer gab jedoch der Meinung Ausdruck, alle gemachten Vorschläge seien entweder Palliatxvrnitfei oder unzureichend, um die Not der jüdischen Oesamtheit abzuwenden, und daß es nur einen Weg geben kann und muß: den energischen politischen Kampf, um die Regierung zu zwingen, ihre Verdrängungspolitik aufzugeben und in Gesetzgebung und Verwaltung die jüdisehen' Postulate zu berücksichtigen. Hat dieser Kampf Aussicht auf Erfolg? Das ist in großem Maße •davon abhängig, ob die polnische Judenheit einig und geschlossen hinter ihren Vertretern stehen wird. Leider sind in dieser Hinsicht die Aussichten sehr gering. Es gibt seit Jahren Gruppen und Individuen, die die schwere ökonomische Lage fiir ihre kleinlichen politischen oder egoistischen Interessen ausmitzen. Dies wirkt demoralisierend auf die jüdische Gesellschaft, lind die Unschädlichmachung dieser Elemente ist ein sehr schwieriges Beginnen. Andererseits werden ernste Meinungen ausgesprochen, daß zur Lösung des Wirtschaftsproblcms die politischen Mittel ungeeignet seien. Diese Anschauung vertreten meistens die Wirtschaftsverbände und deren Führer, die aber oft mit den erwähnten schädlichen Elementen identisch sind. Zu all dem Elend kommt also noch die Zerklüftune im jüdischen Lager hinzu. Das Lebert sendet aber tagtäglich alarmierende Warnungsrufe an alle, nicht passiv den Ereignissen zuzuschauen. Die S e 1 b s t m o r d s t a 11 s 11 k der Juden in Polen spricht eine grausame Sprache . . . I)r. Nahum Gold mann, der in diesen Tagen in Warschau im Zusammenhang mit der Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses weilte, und an der zionistischen Wirtschaftskonferenz teilnahm, wies auf die Zusammenhänge hin, die in der ganzen Welt, insbesondere in Amerika und in Deutschland, den wirtschaftlichen Antisemit! sm u s erstarken ließen, und trat für die Einberufung eines jüdischen Weltwirtschaftskongresses ein, der eine großzügige internationale jüdische Selbsthilfe organisieren könnte. Zur natioitalsozialisüschen KnlturpoIlUk Während der in der Nacht zu Donnerstag, dem 19. Januar, vom Plenum des Preußischen Landtags vorgenommenen Abstimmungen wurde eine Reihe antisemitischer Anträge ,der Nationalsozialistischen Fraklipn durch'Ablehnung erledigt. Die nationalsozialistischen Anträge auf Entfernung aller Juden von den Staatstheatern und Staats Kapellen, vom Rundfunk und von den Rundfunk-Beiräten, sowie vom Bühnennachweis wurden mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Kommunisten und des Zentrums abgelehnt; hingegen wurde der nationalsozialistische Antrag, das Staatsministerium zu beauftragen, dein Landtag alsbald eine genaue Aufstellung aller bei Staatstheutern und Staatskapellen beschäftigten Ausländer und aller derjenigen vorzulegen, die die deutsche Staatsangehörigkeit erst nach 1913 erworben haben, mit den Stimmen des Zentrums angenommen. Gleichfalls abgelehnt wurden nationalsozialistische Anträge über eine Neubestellung der Ucberwachungsausschüsse und Kulturbciräte bei den deutschen Sendern, auf Abberufung des Rundfunkkommissars Dr. Bredow und über eine Beschäl iigung mir dcutschstämmiger Künstler und Geistesarbeiter beim Rundfunk. In aller Kürze Die Palästinarcgicrung hat eine Summe von 36 00« Pfund für Darlehen an Bauern zum Ankauf von Wintersaat bereitgcstellt, nachdem sich die Lage der Landwirte infolge Regen mangels und trockener Winde, wodürr 11 das‘Wintergetreide auf etwa 200 000 Dunatn vernichtet wurde, verschlimmert hat. In den jüdischen Kolonien, sowie an der Klagemauer zu Jerusalem werden Gebete um Regen gesprochen. In wasserarmen Gebieten Palästinas wurden wiederum Bohr versuche rr.it amerikanischen Spezialmaschinen vorgenommen, die in beträchtlicher Tiefe genügende, in manchen Fällen sogar ausgiebige Wassermengen förderten. Diese Bohrversuche werden nun in einer Reihe von Kolonien fortgesetzt und man hofft, auf diese Weise bis zu einem gewissen Grade die Kolonisation des Landes vom Regenfall unabhängig zu machen. Anläßlich der Umbildung der rumänischen Regierutig unter Vaida-Voevod wurde auch das von der letzten Regierung Maniu aufgelöste Unterstaatssekretariat für die Minderheiten wiederhergestellt. Zum Unter- Staatssekretär wurde jedoch diesmal nicht mehr ein Angehöriger einer Minderheitsnationalität (früher der Deutsche Dr. Brandseh), sondern der Rumäne Serban ernannt. Der Vorsitzende der jüdischen Kollektiv kolonie ״Roter Stern“ im Ravon Kalinindorf (Ukraine), A. Heissinski, w11׳rde unter der Beschuldigung des Amtsmißbratichs, durch den die Ablieferung des Getreides durch die Kolonie nicht ausgeführt wurde, zu fünf Jahren Gef ä n g n i s verurteilt. Eine Reihe anderer Beamter jüdischer Kollektivkolonien wurde aus demselben Grunde aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. In dem Prozesse des Dr. Alexander Hirsch gegen die von Agronom Dyk geleitete Siedhmgsgesellschaft, über dessen Hintergründe wir in Nr. 5 der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet haben, wurde am 21. d. M. das Ürteil gesprochen. Das Arbeit®- gericht hat die Klage von Hirsch abgewiesen. In der Begrün- (Jung des Urteils hat der politisch rechtsstehende Vorsitzende eine Anzahl von Argumenten, die bei der politischen Ausmün- 71111g dieses Skandals in die Oeffentlichkeit getragen wurden, sich zu eigen gemacht. Wie das Warschauer Palästina-Büro mitteilt, sind im Ver• lauf des Jahres 1932 3721 Juden aus Polen nach Palast in a eingewandert. Im Jahre 1931 betrug die Zaiu 1039. Zeitschriften ~ Schau Im ersten Januarheft der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ wird ein Aufsatz eines jüdischen Mitarbeiters, Dr. Oskar K a r b a c h, unter dem Titel ״Judenfrage, unpathetisch betrachtet“ veröffentlicht. Der Verfasser ist früher besonders mit Arbeiten über den Völkerbund hervorgetreten und gehörte zu den Initiatoren der jüdisehen Völkerbundliga in Oesterreich, Der Herausgeber der Zeitschrift, Wilhelm Stapel, sagt in einer Bemerkung zu Karbachs Artikel, es sei bedeutungsvoll, ״wie sich die Gegner der Assimilation auf deutscher und christlicher Seite mit denen aut jüdischer Seite in bestimmten Punkten treffen . . , Das sind nur erst Anfänge, aber fruchtbare Anfänge“. Karbach gibt eine interessante Analyse der Entwicklung der Judenfrage im Zusammenhang; mit dem strukturellen Umwandlungsprozesse der Gesellschaft in unserer Zeit. Hatte die Emanzipation ihr Ziel, die Aufsaugung des Judentums, verfehlt, so ist heute durch die wirtschaftliche Entwicklung eine ״Entmachtung“ des Judentums vor sich gegangen, bei der der Antisemitismus lediglich eine Zuschaiserrolle spielte. Die Alikehr vom Liberalismus schafft neue Probleme, und der Staat, bzw. die Gesellschaft sieht sich vor die Frage gestellt, ob sie weiter eine ״Aufsaugung“ des Judentums oder aber eine ״Aussonderung“ anstrebt, ln dem verworrenen Durcheinander dieser beiden Ziele sieht Karbach mit Recht einen der Hauptgründe der Schwierigkeiten in der Behandlung der Jiidcnfrage. Wenn das antiliberalc Deutschtum eine ״A b s t o p p u n g“ der Assimilation wünscht, ״daun muß sic das Gefälle zu ihr unterbinden, das durch die Aussicht auf erhöhte Rechte, erhöhtes Sicherheifsgeftihl, gehobene gesclischaftlicehc Position, verbesserte wirtschaftliche Lage die Juden zur Tarnung in allen ihren Abarten verständlicherweisc hintreiben muß“. Von diesem — wie uns scheint richtigen — Ausgangspunkt kommt Dr. Karbach freilich zu Konsequenzen, die uns zu konstruiert und praktisch undurchführbar zu sein scheinen. Er schlägt jüdischen Gemeinschaft vor, der auch's ä m 11 i c 11 e Kon■ ver fiten und sogar Abkömmlinge von Konvertiten einver• leibt werden müßten. Der Staat müsse die Verantwortung in der Judenfrage übernehmen, die große unorgani■ sierte Masse der Juden werde in ihren Auffassungen durch die Haltung'der Umwelt bestimmt und daher werde eine assimilationsfcindliche Haltung bei den Jaden erst dann zustande kommen, wenn der Staat der Assimilation seine Sympathien entzieht. Von hier aus befürwortet Dr. Karbach eine Neua u f r 0 11 u n g der gesamten J 11 d e 11 f r a g e , wobei es darauf ankäme, zuerst Staat und Gesellschaft fiir ein positives Programm zu gewinnen, das von den jüdischen Führern unterstützt wird, dann erst die jüdischen Massen für diesen Kurs zu gewinnen. Wir glauben, ■daß bei Karbach hier riehtige Gedanken mit unrichtigen aus dem zeitgenössischen, . ״ Gerade die jüdischnationalc Bewegung glaubt, daß eine fruch*- bare ludenpolitik nur dann möglich ist, wenn sie sich in erster' Linie auf den Willen der Juden selbst stützt. Gewiß ist die Haltung der Umwelt ein nicht zu übersehender wichtiger Faktor, und auf die inkonsequente Haltung des deutschen Nationalismus in der Frage der Assimilation wurde in der ״Jüdischen Rundschau" wiederholt hingewiesen. Es würde schon viel bedeuten, wenn in dieser Frage Wandel geschaffen werden könnte. Die Verantwortung aber für das jüdische Schicksal wird das jüdische Volk selbst tragen müssen. Das Dezemberheft der katholischen Monatsschrift ״Hoc 11• land“ enthält einen Aufsatz ״Christentum.und Nation“ von Wilhelm Moock, der darum bemerkenswert ist, weil der Verfasser sich vom religiösen Standpunkt her gegen die nationalistischen Strömungen wendet, die auch das Clinstentum dem Nationalismus dienstbar machen wollen. Wir haben wiederholt auf diese Strömungen besonders in der evangelischen Kirche hingewiesen, *n der auch der National- Sozialismus j'mmer mehr Wurzel faßt. Aber auch in der katholischen Kirche gibt es nationalistische Ansätze. Demgegenüber betont Moock die spirituelle Einheit des Christentums, das von Blutsgemeinschaft und Volkstum unabhängig ist und im Prinzip die (ranze Menschheit umfasse:! will. Für jeden Christen müsse auch dem Nationalen gegenüber an erster Stelle die Erhaltung des absolut Wertvollen im Christentum stehen, dann erst komme das relativ Wertvolle der einzelnen Nationalitäten, Interessant ist, was der Autor über Volkstum und Religion im jüdischen Volk sagt: ״Es ist bekannt, daß das israelitische Volk Ursprunglieh keine Blutseinheit darstellte. Elemente verschiedensten Blutes sind in diesem Volk zusaimnengeflossen, aber niemand wird leugnen,‘daß daraus eine Einheit geworden ist, wie sin die Weltgeschichte in solcher Stärke vielleicht nicht ein zweites Mal aufzuweisen hat. Kein Volk der Erde, am wenigsten die Germanen, haben eine derartige nationale Widerstandskraft inmitten einer feindlichen Völkerumwelt an den Tag gelegt, wie dieses vom Spott aller Jahrhunderte überronnene Judenvolk. Sieht man näher zu, so ist diese Einheit keinesfalls erdenhaffen Ursprungs, sondern gründet in seiner Religion, also, wie der Gläubige sagen wird, in der Zusammenschweißung durch den offenbarenden Gott, oder, wie dir Ungläubige wenigstens einräumen muß, in einem nichfmateriellcn, sondern irgendwie aus den oberen Regionen der menschlichen Seele kommenden Prinzio.“ Die ״Europäische Revue׳‘, die kürzlich ein viel beachtetes Sonderheft über die J 11 den frage herausbracht•, veröffentlicht in ihren letzten Heften eine ganze Reihe von wichtigen und ernsten Aufsätzen über die Fragen der eurepäischen Politik und der Völkerverständigung. Charakteristisch für die Oesamthaltung dieser dem Kulturbund nah:- stehenden, von Karl Anton Prinz Rohan herausgegebenci! Zeitschrift ist das Bestreben, die politische und geistig.: Wirklichkei t zu erfassen, wie sie ist, und aut dem Bode:! der Realität, nicht aber in weltfremden Konstruktionen, einer Annäherung zu gelangen. So finden wir in der Zeit- Schrift repräsentative Köpfe aller Völker und Richtungen vertreten. Das Oktoberheft war gänzlich den Problemen des italienischen Faschismus gewidmet. Die Rolle des Nationalismus in der heutigen Welt wird in ihren geistigen und praktischen Konsequenzen immer wieder beleuchtet, s < daß die Zeitschrift auch unter diesem Gesichtspunkte für zionistische Leser, denen der Nationalismus zum Problem wird, eine Fülle von speziellen Anregungen bieten kann. — An der Spitze des Dezemberheftes finden wir einen Aufsatz von Prof. Alfred Weber ״Zur Krise des europäischen Menschen“, worin er als den Kern dieser Krise die nicht gelungene Synthese der abendländischen Herrenmentalität mit der aus dem jüdischen Geist entstandenen Religion, die unter dem Namen des Christentums nach Europa drang, bezeichnet. Nur bei den ״J u d ä o -1 s r a c 1 i t en“ ist nach dem äußeren Zusammenbruch jene ״wunderbare Umkehrung der Vor- Zeichen“ gelungen, die ״im Leiden und der Demut, im antiherrenmäßigen Verhalten den Weg zuerst des Volkes, als dann des Einzelnen zur Selbstcrhöhung“ fanden. Eine anti• herrenmäßige Haltung scheint Prof. Weber auch der einzige Ausweg für die Zukunft der europäischen Menschen.

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