Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-01-17 · Heft 5 (17.1.1933) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 5 (17.1.1933)
Date
1933-01-17
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653734--23514-2686382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 22 Nr. 5, 17.1. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU -זischcn Sprache in die jüdische Geisteswelt einzuführen, ein kräftiges, junges jüdisches Geschlecht heranzubilden, ist unsere heilige Pflicht, wir werden die Grundlagen für den planmäßigen Ausbau eines wahrhaft jüdischen Erziehungswerkes schaffen, um den Werdegang und die Entwicklung unserer Jugend vom 1 jüidesaltcr bis zum Eintritt in das Berufsleben zu beein- Russen und zu lenken. Daß der Pflege der jüdischen Wissenscltaft und der Erhaltung ihrer Stätten im Wirkungsbereich einer jüdischen Gemeinde eine bevorzugte Stellung einzuräumen ist, bedarf wohi kaum der besonderen Hervorhebung. Die rituellen Einrichtungen und Anstalten der Gemeinde sollen weiterhin so geführt werden, daß sie auch vom strenggläubigen Teil der jüdischen Bevölkerung ohne jeden religiösen Gcwissens/weifel in Anspruch genommen werden können. Der auf allen Gebieten der Gemeindetätigkeit zu bcachfer.de Grundsatz der gerechten Berücksichtigung der in der Wiener jüdischen Bevölkerung vorhandenen, jüdischen Zwecken und Zielen dienenden Bestrebungen wird es unserer Gemeinde auch zur Pflicht machen, das Aufbauwerk in Palästina, die schöpferischen Leistungen jüdischer Arbeit in Erez Israel, in einer ihrer Bedeutung entsprechenden Weise zu ermutigen und zu unterstützen, insbesondere den Pionieren der Arbeit a!1 dem Aufbau des Landes unserer Väter bei ihrer Vorhereitung zu ihrem neuen Lebensberuf behilflich Der neue Gemeindepräsident wies auf eine Reihe Anrrgunren und Pläne hin, die der Verwirklichung zugeführt weiden sollen, so auf den Plan der Erweiterung' der Alters- Versorgungsanstalt, der Errichtung eines jüdischen Studentenheims und Schaffung einer Dienstordnung für die Angestelltensch3ft der Gemeinde, und schloß: Lassen Sie uns über alle Parteiunterschiede hinweg dem gemeinsamen Ziele, dem Wähle unserer Gemeinde und unserer jüdischen Mitbürger dienen! Dr. Desider Friedman״ (Zionist) wurde zum Präsidenten der Gemeinde für eine vierjährige Dauer gewählt. Für eine sc f ׳ * ייLöwe n h er z** ״( Zion is't)י" imT Dr/״ Jacob” Ornstein’ (Union österr. luden) gewählt. In das achtgliedrige Vertrcterkollegitim wurden auf der zionistischen Liste Dr. Isidor Klabcr, Maximilian Schiffmann und Oberbaurat Robert Stricker, auf der sozialistischen Liste (Poalc Zion-Ilitachduth) Dr. Rudolf Glanz, auf der Liste der Union österr. Juden und Vereinigung Werktätiger Juden Baurat Ing. Wilhelm Rempler, Leo Rath, Ministerialrat Friedrich Schläfrig und I)r. Joseph Tieho ge- Max Ho dann über Osteuropa und Judenfrage Von Dr. H a n ns Rcißncr, Neubabelsberg. Max Hodanns jüngste Publikation (״Der slawisehe Gürtel um Deutsch! a!1 d“, Universitas, Berlin 1032) wäre berufen gewesen, eine gewichtige Lücke in der ethnopolitischen Kenntnis der deutsch-sprechenden Oeffentlicltkeit auszufüllen. Leider fällt aber die Darstellung weder so suggestiv noch so präzise aus wie der Titel des 320 Seiten starken Werkes. Es erweist sich als mit der gleichen _svmcathischen Subjektivität, doch auch der gleichen stofflichen Unselbständigkeit und vorschnellen Schiefheit des Urteils behaftet wie alle die systematischen Niederschriften von Reiseeindrücken, deren Verfasser auszogen, eine These zu beweisen, die sie schon vor Reiseantritt gefaßt hatten, und die sie nur! daran hindert, die Probleme in der ihnen eigenen Fülle überliaupt zu erfassen, geschweige darzustellen. Das in der politischen Literatur klassische Beispiel für diese Art Reiseschrift- Stellerei ist das Werk des Graten Mirabeau über die Monarchie Friedrichs des Großen, ln mehr als einer Beziehung ähnelt Hodanns jüngste Publikation jenem Musterfall der vorschnellen Kompiiatioru hier um dort eine Anzahl ungenannt IGiUc*0daraus en'tnomr^^ gelegentliche ״herrumpelnd einfache, wenngleich aufgeklebte Formulierungen, und doch . . und doch wird der Leser das Gefühl nicht los, daß, mag jede? Zitat auch belegt sein, das Ganze doch nicht wünscht. Man denke an Pierre Vu'nots vor etwa jahrestrist erschienene Broschüre ״Incertitudes Allemande?“ (deutsch übersetzt unter dem Titel ״Ungewisses Deutschland“): welch voraufgeganjzenes jahrelangem, selbstvergessene; Bemühen um gen, welch sparsame, aber schlagende Dokumentation durch Einzelbeispiele, welche innere Verknüpfung von Darstellung und Schlußfolgerung. Wie vorschnell äußerlich und vielfach schief Hodanns Schilderungen und Thesen trotz sicherlich besten Willens, trotz gigantischer Literaturnachweise und kollektiver Ueberprüfung üttreh ״Fachkenner“') blieben, mag an dem Kapitel über das Ost Judentum im einzelnen nachgewiesen werden. '22 Seiten (136---15$) widmet Hodanri diesem Unterthema; 41 Quellenangaben machen den Beschluß. Uneingeschränkt anzuerkennen ist nur die wirklich, gültig■ charakterisierende Btldbeigabe, Photographien von verschiedenen Judentypen, Straßen- und Marktszenen, sowie die künstlerisch hinreißende Aufnahme eines Synagogenschreins aus Lemberg■ (Bild 21). Wir glaubten zu wissen, daß Hodann ein bewährter Freund jüdischer Menschen und der jüdischen Jugend zumal ist, die auch eins seiner pädagogischen Werke (״Bub und Mädel1‘) ins Hebräische (im Verlag des Haschomer Hazair, Warschau) übersetzt hat. Um so stärker muß die verzerrte Dar- Stellung des jüdischen Typus befremden, mit der 11< :dann in seinem Osteuropabuch aufwartet und die aus einem reebts-antisemitischen Pamphlet übernommen sein könnte. Der Jede, charakterisiert Hodann (S. 138), ״studierte den Talmud, um nebenbei auch die Pfiffigkeit zu lernen, die er brauchte, um jede Ausbeutungspraktik in der Diskussion mit seinem Gott, dem großen Jehova, rechtfertigen zu können“, lieber den Glieder schreibt Hodann (S. 152): ״Im üblichen Sprachgebrauch bedeutet er eine Talmud-Winkelsehule. So etwas muß man gesehen haben: in einem engen, brüchigen, stickigen Raum zusammengepfercht, eine Menge Knaben — um die Mädchen kümmert man sich nicht. Die gehen auf polnische Feinden. Die Knaben sitzen oder stehen vor auf geschlagenen, dicken Bänden der ״Schrift“, sie schreien, toben, singen, nicht im Chor, jeder für sich, aber im gleichen Rhythmus den 1 aut der Gebete. Im Kaftan schleicht der Schulmeister, besser Betmeister, der Melamed, herum und berichtigt. Die Knaben *) Leider entging auch diesen eine,Reihe sprachlich und sacklieh nicht notwendiger Ungenauigkeiten, z. B.: Herz! war kein sephardischer Jude (S. 145); ״Verband“ heißt auf hebräisch A gudnh, nicht Agudath (S. 153); ״Misrachi“ sind nicht ״nach Osten, misrach, sich Wendende“ (S. 183), vielmehr stellt der Parteiname eine Zusammenziehung von ״Merkas ruchani“, geistiges Zentrum, dar lernen den Inhalt jenes spitzfindigen und ״ein getreues Abbild der sozialen Struktur der jüdischen Kastengeselfschaft“ (Heller 12!) gebenden babylonischen Talmud, neben dem es noch die Midraschim, die Auslegungen gibt. Sie lernen tfts ״Gesetz“ und bleiben in der Kaste. Der Chederjud trägt die Uniform der Kaste, Kaftan und Peies, die Schlafenlocken. Und ist ein Glied des auserwählten Volkes.“ So viel Sätze, soviel mangelhaft aufgenommene Informationen und — schlimmer noch — mangelhaft durchdachte, um nicht zu sagen: gehässige Impressionen, ganz zu schweigen von der geschmacklosen Apostrophe des Gottesnamens, Wenn die polnische Regierung auf einem Gebiete auf ansehnliche Leistungen in den nunmehr 14 Jahren des Bestandes der jungen Republik verweisen kann, so ist es auf dem Gebiete des Schulwesens, insbesondere auch des Minderheiten-Schulwesens. Auch in den. jüdischen religiösen Schulen werden durch Auflage der polnischen Repierung neuerdings elementare Profanwissenschaften gelehrt. Ein Netz jüdischer Mädchenschulen auf religiöser Grundlage (die ״Beth Jaakow“-Anst,alten) ist geschaffen worden. Die Schulen der jüdischen privaten Unterrichtsorganisationen Cischo und Tarhuth beruhen durchweg auf dem Prinzip der Koedukation. Was Hodann überhaupt nicht gesagt worden zu sein scheint, ist die Tatsache, daß heute bereits 70 ,Yo der gesamten schulpflichtigen jüdischen Jugend polnische Regierungsschulen mit rein profanem Unterrichtsziel und nicht mehr als zwei Wochenstunden ״Religionsunterricht“ besuchen. (Näheres über das hier nicht weiter zu verfolgende Thema in dem Beitrag des Verfassers ״Schul und Schule im neuen Polen“ in ״Der Morgen“, Vli, 4, 1931.) Schmerzlicher aber noch ist es, bei einem Pädagogen vom Range Hodanns die Neuauflage jener karikierenden Darstellung einer ״Judenschule“ nt finden, ohne daß zugleich ein Hinweis die geweckte Art der Kleinen und die geschärfte Geistigkeit der Großen hervorhöbe, die sc grundlegend absticht von der freudlosen Stumpfheit mitteleuropäischer Volksschulen alten Stils. Wenn Hodann diese selbstlos dem Problem hingegebene Geistigkeit mit ״Spitzfindigkeit“ und ״Pfiffigkeit“ abzuwerten beliebt, so hat das mit der Judenfrage nur indirekt zusammenhängende, allgemeinpolitische Hintergründe. Hodann ist hierin von der Sowjetrussischen Antikirchen-Propaganda beeinflußt, nach welcher ״die religiöse Bindung das stärkste Versklavungsmittel“ war und ist (S. 144). Trotz äußerer Analogien — etwa der in der Form behutsamen Politik des Pilsudski-BIocks der Agudah gegenüber, die Hodann als fromme, aber politisierte RcaktioiFire bezeichnet, . sind jedoch auch im Ostjudentum politische Interessenvertretung und religiös-geistige Autorität durchaus nicht identisch. Wenn Hodann auf S. 139 von der ״geistlichen Leitung der Kahalen“ (sic) spricht, — gemeint ist der mittelalterliche Steucrcrhehnngsverband der jüdischen Gemeinden - so stellt er damit nur wieder seine sachliche Viertelinformation unter Beweis. Nachdem für Hodann (S. 155) in Otto Helfers ״Der Untergang des Judentums“ ״in eindeutig marxistischer Form das Judenproblem der Gegenwart aufgerollt‘* ist, nimmt es nicht weiter wunder, daß Hodann auch den Beitrag Palästinas zu seiner Lösung — gelinde gesagt — bagatellisiert. Es ist in diesen Spalten (s. die Auseinandersetzung mit Heller, Nr. 99/100, vom 23. 12. 1931, von der Hodanri wenigstens die Ucberschrift ״Getarnter Prospekt“ gelesen hat; Nr. 9 vom 2. 2. 1932; Nr. 96 vom 2. 12. 1932) unnötig, die von Hodann ausgewalzte These, die Juden seien nur eine ״Kaste“, abermals zuwiderlegen. Leider ist es mit einer solchen einseitigen Wider-s legung nicfit getan, wie Hodanns Buch beweist, in dessen Ostjudenkapitel Hellers These fröhliche Urständ feiert. Was die palästinensische Wirklichkeit anlangt, so will Hodann sie ״unvoreingenommen“ beschauen (S. 151,1. 'Wie nimmt sich diese Ihivoreingenommenhcit tatsächlich aus? Er, der sonst höchstes Gewicht auf äußerste Aktualität seiner Ziffern legt, kennt für die jüdische ländliche Bevölkerung erst den Stand des Jahres 1928, den er mit etwa 30 000 angibt, wozu er bemerkt: ״seitdem ist ihre Zahl nur unerheblich gewachsen“ (S. 154). Man darf Hodann dahin informieren, daß das Wachstum in den vier Jahren seither 50 °'o betragen hat, so daß im Herbst 1932 nach dem Referat von Arthur Ruppin auf dem Frankfurter Delegiertentag (״Jiid. Rundschau“, Nr. 75 vom 20. 9. 1932) die jüdische ländliehe Bevölkerung Palästinas 46 000 Seelen stark war. Doch bestreitet Hodann nicht ganz und gar, ״daß die Zahl vermehrhar ist, wenn auch die größte Schwierigkeit des Landes darin liegt, daß 29,4 v. H. der dort wohnenden Araber landlos sind“. Angesichts dieses auf dem längst widerlegten Simpson-Bericht fußenden Satzes wird es schwer, Hodann die von ihm beanspruchfe Unvorcingenommenheit zuzubilligen. Man darf ihn darauf hinweisen, daß nach der Aussage des High Commissioner Sir Arthur Wauchope vor der Mandatskommission des Völkerbundes (s, ״Jüd. Rundschau“, Nr. 91 vom 15, 11. 1932) von 3591 Ansprüchen angeblich durch die jüdische Kolonisation landlos gewordener Araber bisher 1800 als unberechtigt zurückgrwiesen, nur 765 berechtigt anerkannt, und 1026 noch unerledigt sind. Abschließend charakterisiert Hodann das Palästina-Experiment als ״höchst zweifelhaft“ (S. 155) geworden. Unmittelbar anschließend prophezeit er, das ״Scheitern der Palästina-floffnung“ (S. 156) vorwegnehtnend, daß dann den Randstaatenjuden nur noch ein Weg offenbleiben werde: ״der Anschluß an die Sowjets“. ״Kann es, fragt er rethorisch, bessere Kräfte für die Zertrümmerung der kapitalistischen Kräfte des Ostens geben, als diese brotlosen, aber geschulten Köpfe?“ Hodann führt unter seinen Quellen zwar auch die ziemlich entlegene, aber doch lesenswerte Studie von Meir Jaari ״Die jüdische Bourgoisie“ (Blätter des Haschomer Hazair, Heft 3, Wien, April 193t) auf; doch gehört er selbst wohl mit zu den dort genannten Beurteilern, die es nicht verstehen wollen oder können, daß gerade die zionistische Jugend, ״die aus den verarmten kleinbürgerlichen Kreisen kommt, die gärendste ist und am fähigsten, durch .Selbsterziehung zum gesellschaftlichen Träger der nationaler! und sozialen Befreiung zu werden“. Es wäre ein dankenswertes Unternehmen, wenn es gerade dieser Jugend, die Hodann vielfach persönlich ־nahe steht, noch nachträglich gelänge, ihm eine anschauliche Vorstellung von der besonderen, durch marxistische Theorien nicht auszuschöpfenden Dynamik der jüdischen Gemeinschaft zu vermitfein, über deren Entwicklung das Dichterwort stehen könnte: fch komme aus anderen Zeiten Und hoffe, in andre zu geli'n. Zionistischer Gruppenverband Nicderscblesien. Sonntag, den 22. Januar, vormittags 11 Uhr, findet in Liegnitz in den Räumen der Silesia-Loge, Synagogenstraße, eine Tagung des Zionistischen Gruppenverbands für Mittel- und Nieder- Schlesien statt. Hauptreferat Kurt Blumenfeld (Berlin): ״Die Bedeutung der Zionistischen Organisation für den Palästina-Aufbau“. Anschließend Aussprache. Gemeinsame Mittagstafel in der Loge (koscher), Preis ca. 1,30 M. Anmeldung umgehend erbeten an Herrn R.-A. Dr. Seidenberg, Liegnitz, Goldbergerstr. 35. — Nachmittags: Zionistische Arbeit in der Provinz: Einleitende Bemerkungen: Dr. Günther Friedländer (Görlitz), R.-A. Dr. Seidenberg (l iegnitz), R.-A. Dr. Martin Bab (Breslau). Anschließend Ausspräche. — Am Sonntagabend, 8 Uhr, findet eine öffentliche Versammlung im Großen Saal der Braukommune, Gartenstraße, statt. Referent: Kurt Blumenf e 1 d (Berlin): ״Die aktuelle Judenfrage — Illusion und Wirklichkeit“. Alle Gesinnungsgenossen werden dringend darum gebeten, an dieser Tagung teilzunehmcn. Da der Zionistische Gruppenverband schon längere Zeit keine Tagung veranstaltet bat, wird eine rege Beteiligung der Freunde erwartet. Die Angriffe gegen Dyk Die gehässige Agitation, die in den letzten Woch&i gegen unseren Gesinnungsgenossen Agronom Salomon Dyk entfesselt wurde, ist ein neuer Beweis für die bedauerliche Verrohung des öffentlichen Lebens in Deutschland. Soweit es sich bei der jetzigen Campagne, wie auch Prof. F'ranz Oppenheimer in der Presse auseinandersetzte, um einen Versuch der Großagrarier handelt, die ihnen verhaßte ״Anteilswirtschaft“ zu ruinieren und den Beweis, daß landwirtschaftliche Großbetriebe ohne Großgrundeigentum möglich sind, zu vereiteln, entzieht sich die Angelegenheit einer Stellungnahme vom jüdischen Gesichtspunkt. Das gleiche gilt insofern als die formelle Frage der Staatsbürgerschaft hereingezogen wurde; alles aber, was hierbei über dieses rein Formelle hinausgeht, ist dem Arsenal übelster Demagogie entnommen. Man spekuliert auf die antisemitischen Instinkte der Zcitungsleser, durch deren Aufpeitsehung man "die Regierung zu einer Stellungnahme gegen Dyk veranlassen will. Es ist in höchstem Grade unfair, in einer solchen Sache nicht die Besonderheitdes persönlichen Falles und persönlichen Schicksals zu berücksichtigen. Dyk, der seit etwa 1895 in Deutschland lebt, war früher österreichischer Staatsbürger und leistete während des Krieges in Deutschland verantwortliche Arbeit, für die er Anerkennung und hohe Auszeichnungen erhielt. Er war also bereits unter der Monarchie in den Diensten der königlichpreußischen Regierung. Nach dem Krieg ist Dyk einfach durch die Tatsache, daß sein Geburtsort zu dem neuen polnischen Staat geschlagen wurde, polnischer Staatsangehöriger geworden, und da er nicht in Oesterreich, sondern in Deutschland lebte, hat er die ihm offenstehende Option für Oesterreich nicht ausgenützt. Dyk ist ein vollständig unpolitischer Mensch, ein fanatischer, enthusiastischer Landwirt, der ganz und gar in den sachlichen Aufgaben seines Berufes aufgeht. Nichts ist verkehrter als der Gedanke, diesen Mann mit ״nationalpolnischen“ Tendenzen in Verbindung zu bringen. Es ist schwer anzunchmen, daß die Verbreiter derartiger unsinniger Verdächtigungen an die Wahrheit ihrer Angaben glauben. Darum hilft man sich zur Schürung der Volksstimmting mit einer besonderen Attacke auf Dyks Judentum, sein Vorname Salomon erscheint fett gedruckt in den Uebcrschriften, die Hetze geht gegen den ״polnischen Juden“. Und die preußische Regierung läßt sich anscheinend von diesem Kesseltreiben terrorisieren und will ihre Beteiligung an der von Dyk geleiteten Siedlungsgesellschaft dazu ausnützen, um Dyk zu vertreiben. Bisher ist ihr dies nicht gelungen. Der Aufsiciitsrat, der sich der Bedeutung der fachmännischen Leistung von Dyk bewußt ist, hat dem Drucke nicht nachgegeben. Ihm geht es darum, ein Werk zu erhalten, das mit der Lebensarbeit von Dyk untrennbar verbunden ist. Als etwas seltsam muß die Art und Weise bezeichnet werden, wie das preußische Ministerium, dem Dyk sofort mit Selbstanzeige die Angriffe mitteiltc und uni eine Untersuchung bat, die Sache behandelt hat. Die Untersuchung wurde verschleppt und das Resultat nicht klar bekannt gegeben, da sie entlastend für Dvk ausfallen mußte. Wenn man auch berücksichtigen muß, daß die gegenwärtige preußische Regierung in diesem wie in vielen anderen Fällen hauptsächlich Material gegen ihre Vorgängerin, die Regierung Braun, sammelt und daher diesem von Braun geförderten Werk nicht syrnpathisch gegenübersteht, ist doch diese Haltung in einer pernönlichen Angelegenheit anfechtbar. Die Angelegenheit ist aber auch unter einem anderen Oesichtspunkt von jüdischem Interesse. Der entlassene Augestellte, der zur Stützung der von ihm geltend gemachten Ciehaltsansprüehe vor dem Arbeitsgericht sich als Verfechter bcdrohter deutscher Belange aufspielte, Dr. Alexander Hirsch, ist ein getaufter Jude. Dieser Dr. Hirsch war von Dyk provisorisch für verschiedene Spezialarbeiteri angcstellt worden und bemühte sich um das Wohlwollen von Dyk, um eine endgültige Anstellung zu erreichen. Als er dennoch aus objektiven Gründen entlassen werden mußte, begann er seine persönlichen Angriffe, zunächst intern bei Oppenheimer, dann vor dem Arbeitsgericht, auf dessen offenbar politisch rechtsstehenden Vorsitzenden er durch Heranziehung politischer Gesichtspunkte, die mit der Frage der Gehaltsansprüche selbst nichts zu tun haben, Eindruck zu machen hotfte. Unter anderem behauptete er, die Gesellschaft dürfe statutarisch nur ,,deutschstämmige“ Bewerber ansiedeln, was objektiv unrichtig ist, da nur die dcutsehe Staatsangehörigkeit vorgeschrieben ist. Der getaufte Jude als Verfechter der ״D e 111 s c h s t ä m m i g - keit“ ist ein besonders erhebendes Bild. Im übrigen versagen wir uns, auf Einzelheiten der Verhandlung, die im Verlaufe dieser Woche vor dem Arbeitsgericht fortgeführt wird, näher einzugehen. Die bisherigen Zeugenaussagen haben alle gegen Dvk gerichteten teilweise ehrenrührigen Vorworte entkraft et und die Gestalt des Dr. Hirsch in einem cigeniiimliehen Lichte gezeigt. Soweit diese. Sache von allgemeinem Interesse ist, müßten aufrechte Nichtjuden, welcher politischen Richtung immer sie angehören, einen Eindruck davon be'.commen haben, daß es besser ist, mit ungetarnten und stolzen Juden wie Salomon Dyk zu tun zu haben als mit Renegaten, die bewußt oder unbewußt aus ihrer inneren Unsicherheit iicraus zu Anbiederung aller Art getrieben werden, Dyk hat sich bekanntlich auch in zionistischen und jüdischen Siedlungsunternehmungen als Expert tmd Ratgeber vielfach betätigt, er war vor dem Kriege Leiter der Oppenheimerschcn Siedlungsgenossenschaft Merchavvja in Palästina, und es wird ihm angesichts des ihm jetzt zugefügten Unrechts eine Genugtuung sein, zu wissen, daß man in jüdischen Kreisen ihm Dank weiß und auch weiter auf seine Hilfe und seine Arbeit rechnet. _ Palästinensische Verkehrsfragen Das ägyptische Verkehrsministerium befaßt sich jetzt mit dem Plan der Erbauung einer neuen Eisenbahn z w i - sehen Aegypten und Palästina, die 240 000 Pfund kosten würde. Die Linie soll in Port Fuad beginnen und an die Linien Kantara-Paiastina angesehl ossen werden. Ein aus Vertretern der Suez-Kanal-Gesellschaft und des ägyptischen Eisenbahn- und Zoll-Departements zusammengesetztes Komitee wird noch im Januar zusammentreten, um die Einzelheiten des Planes auszuarbeiten. Durch eine Vereinigung sämtlicher jüdischer C h a u f - feure der Linie J a f f a - J c r u s a I c m wurde eine Kooperative geschaffen, die 157 Chauffeure mit 75großen und 50 kleinen Automobilen umfaßt. Der Fahrpreis wurde nunmehr einheitlich auf 80 Mils (ca. 1,20 M.) festgesetzt. Ferner werden feste Fahrzeiten und eine Vermehrung der Fahrgelegenheiten geschaffen werden, was dadurch ermöglicht wird, daß die Konkurrenz ausgeschaltet wird. Die palästinensischen Zeitungen klagen über die u n z u - fangliche Einrichtung des Hafens von Jaffa, der die gestiegenen Anforderungen nicht mehr bewältigen kann, ln der vergangenen Woche mußte eine ganze Reihe von Schiffen abfahren, ohne ihre Ladung ganz oder teilweise in Jaffa abladen, bzw. aufnehmen zu können. Die Jaffaer Schiffsagenturen haben steh an die Regierung mit der dringenden Forderung gewandt, für eine Verbesserung der Hafeneinrichtungen Sorge zu tragen, da sonst dem Geschäitslcben schwere Schädigung droht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.