Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1933-01-06 · Heft 2 (6.1.1933) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 2 (6.1.1933)
Date
1933-01-06
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653725-2653729--23495-2686360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 2, 6.1.1933 brachen) niemals ernstlich gekämpft. Dieser Kampf, den unsere Almen zu kämpfen vermeinten, er ist aufgespart, unserer Generation und wohl noch unseren Nachfolgern Vorbehalten. Das Ostjudentum, von dem man sagt, daß seine Entwicklung dem Westjudentum um hundert Jahre nachfolgt, ist uns in Wahrheit voraus; denn dort entspann sich, aus dem Leben selbst und in unverlorener Verbundenheit mit dem Volke, das gewaltige Ringen — nicht ״zwischen‘“ Judentum und Menschentum, sondern auf dem Boden des Judentums selbst. Die Parole der Zwiespältigkeit, vMensch draußen und Jude zu Hause“ zu sein, konnte nur aufgestellt werden, um überwunden zu werden. Die Enge wurde gesprengt, Mauern stürzten unter leidenschaftlichen Stößen; heftige Absage ertönte, aber noch die Verneiner waren unlöslich verknüpft mit dem Judentum, wie der negative Pol undenkbar ist ohne den positiven. Die Weite der Welt strömte in die jüdische Gasse, aber nicht zerstörend war ihr Wirken, sondern aufbauend. Der über Bücher gebeugte krumme Rücken richtete sich auf, wenn auch zögernd und bedenklich; der Mensch entdeckte die Natur, das Leben, das Wunder — und blieb Jude. Er ließ den Reichtum in sich einströnien, aber er vermochte ihn zu halten nur vermöge seines eigenen Reichtums, des Reichtums seiner Seele. Seine Zunge löst sich; unbändiges Leben pocht in seinen Schläfen. Die Fülle der Fragen stürmt auf ihn ein — da vermag er zu antworten, er findet das Wort. Das Volk lebt wieder, der Bann ist gebrochen. fliese Lebensfülle ist beinahe inkarniert in Bialik. Wer ihn einmal reden gehört und gesehen hat, hat einen unauslöschlichen Eindruck von dieser Kraft, diesem überströmenden I eben; der hat gefühlt, daß hier nicht einer ״Geist“ produziert, sondern daß der Geist mit ihm verfährt, aus ihm spricht und sprudelt Uraltes Erbe wird hier wach, engster Zusammenhang mit des jüdischen Volkes stärkster Wirklichkeit. Alle Fiktionen, die wir im Westen als Judentum ansprechen, alle Fiktionen auch künstlich organisierten Lebensersatzes, wie Parteien und Programme, zergehen vor der Glut dieser Wirklichkeit. Darum ist gar kein ״literarischer“ Maßstab hier anzulegen; cs ist nicht unsere Aufgabe und nicht unser Amt, Bialiks Werk kritisch zu zergliedern: er ist uns jüdisches Volk, er ist ein Führer zu nationalem Leben. Nationalismus ist nicht ein Programm eigensüchtiger Begrenzung, nicht ein System von Maßnahmen und Handlungen zur Einrichtung des Lebens der Nation, sondem' ein Innewerden eigener, tiefster Kräfte und der Versuch ihrer schöpferischen Entbindung. Er ist nicht Beschränkung unserer Menschlichkeit, sondern ihre Entfaltung. Nur wenn wir losgelöste Juden unsere Menschlichkeit wieder als Ganzheit ergreifen, werden wir zu nationalem Werk berufen sein. Aber wenn wir diese Menschlichkeit isoliert bewähren wollen, wird sie uns trügen — mögen wir ihr noch so schöne nationale Etiketten geben; nur wenn wir sie wieder einstellen in die Kontinuität, wenn wir Volkstum und Menschentum zu einer Einheit zu machen vermögen, wenn auch für uns das Volkstum lebendig wird, dann wird unser Nationalisrnus jene Macht sein, die zu schaffen vermag. Alles Geschaffene ist Werk des Geistes; ohne ihn errichten wir Schein-Gebäude, denen der Kitt fehlt, der die Teile zu einem Ganzen verschweißt. Bialik ist uns ein Symbol des Nationalismus als geistiger Macht und ein Symbol geistiger Macht, die aus nationalen Duellen gespeist ist. Er ist in dieser Zeit mehr als irgendein anderer der Rcpräsentant der Nation, ln unserer für die Zukunft des. Judentu ms so entscheidenden Zeit, in der das Volk zum Bewußtsein der Krise kommt, hat er ■das Fühlen des Volkes aus seiner Stummheit erlöst. In kritischen Zeiten haben Völker ein feineres Ohr für ihre Dichter. Gilt dies allgemein, so besonders für das jüdische Volk, das stets vor geistigen Führern sich geneigt hat. Trotz Zerrissenheit in Parteien und trotz geographischer Zerspaltung ist das jüdische Volk an dieser Stelle einig. Von der Linken bis zur Rechten, von Jerusalem bis New York und Warschau neigt es in dankbarer Verehrung sein Haupt vor dem Dichter. Der geistige Weg des Ostitiden!ums ist für uns West- Juden nicht mehr gangbar. Entwicklungen lassen sich nicht zurückschrauben. Aber es gibt ein Vorwärtsschreiten. Das Ziel unseres Schreitcns ist Erez Israel. Wenn wir ״Erez Israel“ sagen, so denken wir nicht an Geographie und auch nicht an politische Vorherrschaft. Wir denken an ein Leben des Volkes, in dem Menschentum und Judentum nicht nur in der Seele, sondern auch in der Realität eins geworden ist. Das Leben des Volkes kann nicht nur ״geistig“ sein, sonst fallen alle anderen Verrichtungen, ohne die Leben nicht möglich ist, in einen fremden Bereich. Menschentum und Volkstum muß sich an der Wirklichkeit der Dinge, der Natur, der Mitmenschen bewähren. Weder Rorriantik noch Politik schafft nationales Leben, sondern nur die Arbeit in der Gemeinschaft. Bialik hat das selbst am stärksten ausgesprochen. Volles jüdisches Leben, schaffendes Leben, in dem unsere Menschlichkeit sich auswirkt, das ist uns Erez Israel. Seitdem dies geschrieben wurde, hat Bialik seinen Wohnsitz in Erez Israel genommen. Er hat zehn Jahre des Wirkens im Zentrum des Volkes hinter sich — einen Lebensabschnitt, der weniger durch literarisches Schaffen, als durch erzieherische und organisatorische Leistung gekennzeichnet ist.. Er hat unermüdlich altes Volksgut erneuert, dem Volk und der Jugend wiedergeschenktj er hat — das grandiose Werk seines Verlags ,,Dwir“ ist Zeugnis dafür — allen Schichten des Volkes geistige Nahrung gegeben, er hat den geglückten Versuch unternommen, neue Formen für alte geistige Traditionen Israels zu finden (Oneg Schabbath und Ohcl Schein sind nicht mehr aus dem palästinensischen Leben wegzudenken, aber sie sind auch schwer zu denken ohne Bialik). Der Dichter erkennt die Gefahr, die in der Neigung aller modernen Jugend liegt, Geistiges gering zu schätzen, Sport und Vergnügen über das geheiligte Erbe des Volkes zu stellen, eine Gefahr, vor der auch jüdische Jugend in einem neuen weitliehen Gemeinschaftsleben nicht gesichert ist. Das Leben voll leben, alle seine Seiten erfassen, wieder Volk sein, aber dies alles nicht auf Kosten des Geistes, sondern in der Verantwortung des Geistes: dies ist Bialiks dauernde Mahnung an das verjüngte Judentum. So hat auch dieser Dichter eine instinkte Abneigung gegen leere Macht-Phrasen, gegeh einen ״assimilierten“ Nationalismus, der nicht aus jüdischen Ursprüngen stammt, gegen ein Ueberwuchern von Formen, die uns nicht gemäß sind. Das erschütternde Dokument dieser Gesinnung, zugleich ein Muster echter nationaler Selbstkritik, ist das Gedicht, worin er seinen Zorn über die ״Kleinheit“ des letzten Zionistenkongresses ausgeschüttet hat, ein Werk, das den Dichter leider in eine kleinliche politische Polemik hineinzog. Bialik hat noch eine große Aufgabe in Erez Israel zu erfüllen. Denn immer stärker, je mehr neue Generationen heran wachsen, wird eine Krisis des Geistes Sichtbarwerden, und immer mehr nottu 11 wird die leitende Hand des Führers. Was wir brauchen, ist eine legitime geistige Autoritat; eine solche Autorität aber besitzt heute nur Bialik. Er mache Gebrauch von ihr! Das ist die Forderung, die wir an ihn richten. Zu seinem Geburtstag braucht er keine Loblieder; aber er soll wissen, daß wir etwas Entscheidendes von ihm erwarten. Möge das Geschick ihm noch viel Lebensraum und die Kraft geben, sein Werk zu krönen und durch sein Wort den Lebensweg des Volkes für die nächste Epoche mitzubestimmen. R. W. Bialik und Tschcrnichowski (Der Dichter de« Zorne* und der Dichter der Rache) Von Dr. Ernst Simon^, Haifa. I. Bialik und Tschcrnichowski, der 60- und der 50jährige, gehen beide von einem ähnlichen jüdischen Grunderlebnis aus, das allerdings schon in •der Anlage unterschiedliche Nuancen zeigt und dann zu vollkommen verschiedenen Folgerungen führt. Immerhin ist beiden Dichtern gemeinsam: der Protest gegen die jüdische Kleinstadt des Ostens, gegen das Geschlecht elender, gedrückter Krämer, gegen die Knechtsgesinnung, die sich mit der Schmach des Oaluth abgefunden habe, gegen die degenerierte Enthcroisierung des jüdischen Glaubens und Gesetzes. Der Unterschied der Nuance innerhalb dieser Rebellion liegt darin, daß Bialik gleichsam in der Situation eines ehrlich religiösen Kariers, Tschcrnichowski in der eines zum Judentum zuriiekgekehrten Maranen stand. Während der erste seine protestierenden Fragen an eine Tradition riehtele, innerhalb deren er großgeworden und mit der er ganz verwachsen war, hat sich der zweite, gleichsam ein neuer Uriel d’Acosta, aus tiefer Entfremdung offenbar erst allmählich wieder zu jüdischen Zusammenhängen gefunden, aber nur, um diese dann in ihrer heutigen Tatsächlichkeit als unzulänglich bezweifeln zu müssen. Diese Verschiedenheit der Aufgangssituation, auf die auch sonst schon gelegentlich hingewiesen worden ist1), führt nun zu einer viel tiefer greifenden Verschiedenheit der Gesamtstruktur, die im folgenden beschrieben sei. II. Bialiks berühmte Pogromgedichte haben eine dreifache Front: gegen den Feind, gegen Israel, gegen Gott. Die Klage über die Unwürdigkeit des Volkes, das ein grausiges, aber großes Schicksal feige und klein trägt, übertönt gewaltig die Anklage gegen den Feind. Und jene Klage wi :der wird überschrien von der furchtbaren, an die Urfesten der Welt und die Grundlagen der irdischen Ordnung rührende Anklage gegen den Schöpfer und Richter, der solches zuläßt, der solches nicht rächt. Es ist Abrahams drohender Ton, als er vom ״Richter der ganzen Welt“ Gerechtigkeit für Sodom und Gomorrha erwartet; es ist Hiobs Trotz, wenn er, redlich vor Gott, den schmeichlerischen Freunden und ihrer glatten Theologie nicht zugeben kann, daß er seiner Sünden wegen so hart gestraft worden sei. Und doch: Bialik, der das formale Sündenbekenntnis der Gemeinde in der ״Stadt des Wiirgens“ verächtlich abtut, sagt im Grunde selber ein großes, ein neues ״Wir haben gesündigt“. Gerade die Tatsache, daß er seinen Zorn nicht nur gegen Feind und Gott, sondern auch immer wieder gegen das eigene Volk wendet, macht ihn zum Pa j et an wider Willen2). Wie jene Dichter der Synagoge die Kraft für den Weiterbestand Israels trotz aller Leiden und in aller Schmach immer wieder 1n dem Appell an unsere eigene Schuld suchten, wie sie dadurch dem scheinbar sinnlosen Schicksal einen Sinn gaben, die Geschichte der Welt zur, wenn auch zunächst negativ bestimmten, Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Wahrheit in der Welt umwandelten, w׳ie das passiv durch Babylonier und Römer Erlittene zum, wenn auch negativen, Aktivposten in unserer Rechnung mit Gott wurde, da wir, als die Täter unserer Sünden, uns doch selbst aus dem Lande trieben, und also wir, als die Umkehrer unserer Umkehr, das Land wieder erreichen können, mit Gottes Gnade, — so, wider Willen, auch Bialik. Die großartigste Leistung des jüdischen Geschichtsbewußtseins, die uns von dem nach innen fressenden Gifte des Ressentiments bewahrt und unseren Haß in Zorn, unsere Rache in Buße gewandelt hat, sie wird, wider Willen, 1) So in dem Aufsatz von Sch. H o m e 1 s k i, ״Ehre und Würde des Menschen in unserer neuen Literatur“, erschienen in der hebräischen Vierteljahrszeitschrift ״Ejn hakoreh“, Heft 2/3, 1923. 2) Vgl. den Aufsatz von Jizchak Riwkind, ״Bialiks Gott“, in der oben genannten Zeitschrift, bes. Spalte 25׳ auch von Bialik vollzogen. Er!st ihr Repräsentant 111 unserer Generation. III. Das Judentum läßt Bialik nicht los, es läßt Tschernichowski nicht herein. Er rebelliert nicht von innen; er bekämpft von außen. Das wird besonders deutlich gerade an seinen Versuchen, jüdisches Wesen und jüdischen Brauch darzustellen. Er muß das Judentum seines tragischen Realismus entheben, den Bialiks unerbittliches Auge immer und überall widerspiegelt, er muß es zur Idylle machen, zum Jjomerischen Epos, dem der breit hinrollende Hexameter rhythmisch entspricht, um es seiner tief unjüdischen Welt einzufügen. Ein frappantes Beispiel bietet etwa das Gedicht ״Hakapoth“, das die ״Umzüge mit der Thora“ am Ssimchath Thora-Feste schildert, und zwar — in einer rhythmisch getreuen Nachbildüng von Liliencrons ״Die Musik kommt“. Genau an der Stelle, wo es bei Liliencron heißt: ״Und auch der Herre Hauptmann“, heißt es bei Tschcrnichowski: א & י ל ו זז רב מ ט ע מ ״Sogar der Herr Rabbiner“. Die jüdische Welt bedarf einer Transposition, gleichsam einer Rückübersetzung in ein fremdes Medium, um für Tschernichowski transparent zu werden. Dies ist das Negativ jenes positiven Bildes, das der Dichter von der Herrlichkeit der griechischen Götterwclt entwirft. In denselben Zusammenhang gehört seine fruchtbare und verdienstvolle Tätigkeit als Uebersetzer aus dem Griechischen, sein Eintreten für den jüdischen Licbesdichter Immanuel Haromi, seine Einführung des Sonetts in die hebräische Kunstform, seine ״Visionen der Lügenpropheten“, die ihm die wahren Propheten sind. Denn auf nichts Geringeres als auf eine Um- Wertung aller Werte hat es Tschernichowski abgesehen: Hannibal, der semitische Held, steht glorreich-tragisch zwischen phönizisclien Händlern und hebräischen — Misclmahlehrcrn, Bar Koehbah ist nicht ״Bar Kosibah“, der Täuscher, sondern wirklich noch, wirklich wieder der Sternensohn. Alles mythischheidnische in der Bibel wird liebevoll entdeckt und dargcstellt: das prophetische Richtmaß aber, mit dem die Welt des Wirkliehen großartig gemessen ward, wird verworfen. Tschernichowski sucht zu jenem heidnischen ״P’schat“, zum mythischen Ursinn zurückzukehren, der als älteste Urschicht demjenigen Teil unserer Geschichte zugrunde liegen mag, der sich etwa als Israels Vorgeschichte ablösen ließe. Der prophetische ״Drusch“, die nationale Geschichtsphilosophie, diese Selbst- Sinngebung des Gottesvolkes gilt ihm nicht. IV. So wird Tschernichowski zum Dichter der Rache. Sein früher ״Baruch von Mainz“ ebenso wie sein spätes Gedicht ״Dies sei unsere Rache“ atmen, bei sehr verschiedener Ausführung, dasselbe Grundgefühl. Baruch mußte die beiden Töchter töten, um sie vor Schande zu bewahren, hat dann selbst die Nottaufe an sich vollziehen lassen und steckt nun die ganze Pogromstadt in Brand. Dieser Brand wärmt seine erkaltete Seele; in seinen Schrecken, in den Qualen der Opfer, findet er Trost und Behagen. Und wenn auch das späte Lied, widerwillig genug, zugeben muß, daß die waltende Kraft des Zehnwortes und altjüdischer Ethik uns solche Art Rache verwehren, so schwelgt es in genau dem gleichen Schlußbilde: mir <13 ß nicht ein Jude der Urheber des Unheils ist, sondern die Völker selb.er sich untereinander verheeren, in Fortwirkung jenes Hasses, mit dem sie Israel verfolgt haben und der nun, geheimnisvoll rückwirkend, als verzehrende Flamme in sie selbst hineinschlägt. Dieses große Musspilli, wie man mit den Worten der altgermanischen Mythologie sagen möchte, die Wcltbrandkatastrophe ■— sie sei ״unsere Rache“. Dahin hat sich ״jener Tag“ der Propheten bei Tschernichowski verkehrt: dies ist sein Messianismus. V. Bialik kann auch nach Rache rufen; er kann sie nicht — beschreiben. Was andere3) als eine nur relativ vollkommene Stufe ia einer Entwicklung bewertet haben, die von Mendele über ihn zu Tschernichowski emporführe, erscheint uns gerade in umgekehrtem Licht: hier waltet kein künstlerisches, sondern ein menschliches Unvermögen, und dieses Nichtkönnen des Menschen ist eine jüdische Kraft. Bialik erreicht jenen letzten Grad von Assimilation nicht, den die hebräische Sprache — einzig sie — Tschernichowski ermöglicht: Bialik bleibt Jude, in des Wortes inhaltlicher und begrenzender Bedeutung, vielleicht — gleichfalls wider Willen. Bialik kämpf( mit dem Gotte Israels, Tschernichowski kämpft gegen ihn. Bialik steht mitten in dem immer wieder scheiternden heroischen Versuch, die Auserwähltheit des heiligen Volkes auf die gefährliche Probe der Verwirklichung zu stellen; Tschernichowski wählt eine Wirklichkeit, die keine jüdische mehr ist. Es ist der alte Kampf. Einstmals haben ihn Pharisäer und Sadduzäer gekämpft, und der Sieg jener hat das Judentum über die Tempelzerstörung und über den Verlust des Landes hinaus in die Jahrtausende getragen, bis hin zu uns. Es ist der Entscheidungskampf auch dieser jüdischen Generation. Mag Bialik, in seinen ideologischen Aeußerungeit stärker als, immerhin auch, in mancher Gedichtszeile, sich auf die Seite der modernen Sadduzäer stellen: es hilft ihm nichts, er bleibt ein alter, starker, vergangenheitsbeschwerter und zukunftsvoller Jude: sein Erbe ist zu schwer, es schlägt durch den Tag der Gegenwart hindurch. So muß er das große Gebet um den V! glückspropheten sprechen, dessen Walten, wie das aller Weltverbesserer, Tschernichowski verhöhnt und verflucht. So muß er den Realismus seines Zornes auch auf das ״Geschlecht der Wiedergeburt“ richten, und behält die produktive Kraft der tiefen Verzweiflung mitten im Werk des Aulbaus. Wer aber verzweifeln kann, der kann auch hoffen, und nur dem Zufriedenen ist die Erlösung verloren. Bialik aber weiß es heute, wie er es einst wußte: daß sein letztes Lied ungesungcr. bleiben wird, stark in der Kraft dieses seines Sclnveigens gleich der Kraft der ungeweinten Träne. Was aber ist dieses letzte Lied? Es ist das Lied der Erlösung. Der Stadtrat von Tel-Awiw hat den Beschluß gefaßt, den Dichter Chaim Nachman Bialik aus Anlaß seines 60. Geburtstages zum Ehrenbürger von Tel-Awiw zu ernennen. Die Großloge für Deutschland des Ordens Bne Briss hat Chaim Nachman Bialik ein herzliches Glückwunschschreiben gesandt, in welchem sie seiner literarischen, pädagogischen und sozialen Tätigkeit in warmen Worten gedenkt. s) H 0 tn e Is ki in dem oben angeführten Aufsatz, a. a. O.. Sp. 70,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.