Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1933)
- Date
- 1933-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653729--23494-2686359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Budapest 1× ep/1002374
- Haifa 1× ep/1047930
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Einzelnummer 0,25 Goldmark Ruppin: Der Entwicklungsplan für Pal&siina JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabannements werden in der Währung der einzelnen Länder berechnen Anzeigenpreis: 8 gesp. Nonp.reiilezeile 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Bräwt Rani!«check - Konten: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 680 32, •1 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973. Haag 140 470, Prag 594 10, Riga 4155, StraBburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030.!•Koni־«: Dresdener Bank, Depositen-Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; mache Kreditbank, Cern.uti (Rumänien); Anglo Palcatin״ Co. in Haifa, Nummer 2 | Berlin, 6.1.1923 RedaktionsschluÄ Sonntag und Mittwoch nachmittag. ח׳ טבת תרצ״ג | XXXVIII. Jahr;?. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherte! 1 Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm." Ein Gruß an Ch. N. Bialik Zu seinem 60. Geburtstag Von Dr. Oskar Wolfsberg. In unserem zerklüfteten und zerrissenen Volke gibt es nur wenige unumstrittene Gestalten und Erkenntnisse. C h a i m Nacliraan B i a l i k erfreut sich seit langem der Anerkennung aller. Diese Uebereinstimmung ist ebenso endgültig für die Wertung des großen Dichters, wie sie lehrreich für die Urteilskraft der Nation ist. Großes und Bedeutendes ist über Bialik bereits ge■■ sagt worden, Größeres wird noch gesagt werden müssen. Dafür ist der Tag noch lange nicht gekommen, denn Bialik ist beneidenswert jung. Ich bin mir bedrückt bewußt, daß ich heute — dazu noch על רגל אוזת — nichts von Originalität zur Würdigung des großen nationalen Sängers beitragen kann. Aber aus der tiefen liebe zu ihm und seinem Werke soll ein Wort der Huldigung fließen, das sich mit vielen anderen Grüßeil zu einem gewaltigen Danke vereinigt. Es ist unmöglich, eine intime Analyse von Bialiks Dichtungen hier zu geben. Von אל הצפוד bis zu dem vor■ jährigen Zornes- und Klageruf, den der letzte zionistische Kongreß erzwang, tragen fast alle Gedichte das Gepräge notwendiger Gestaltung und Formung. Selbst wo der Dichter der heiteren Muse huldigt und dein Ernst entsagt, der ihn meist treibt, wird nur aus tiefem Erleben geprägte Form emporgehoben, wird das Artistische, Gekiinkünstelte verschmäht: die Liebeslyrik, das Idyllische, die Naturpoesie sind nicht minder aus der Seele des Dichters geboren wie die Dichtungen, die dem Schicksal, dem Elend, der Würde der Nation und ihren Hoffnungen gelten, in denen die Auseinandersetzung mit der alten Kultur, das Spie! von Abstoßung und Anziehung, Lösung und Bindung zum alten Beth Hamidrasch künstlerischen Ausdruck findet. Die Notwendigkeit des Schaffens, die nichts Unechtes duldet und dem Dichter nicht gestattet, Produktion zu erzwingen, wenn die innere Stimme schweigt oder doch nicht laut genug ruft, die kein Spiel mit Reim und Rhythmus zuläßt, die nicht von inneren Rhythmen getragen werden — dieses Thema klingt künstlerisch einmal in der kleinen Erzählung לממשלת המרש (Herrschaft des Marsches) an — hat kaum bei einem anderen Dichter wie bei Bialik die Zeiten der Produktion und der Pausen bestimmt, und nichts — außer der Kraft seiner Poeme — überzeugt so sehr von seiner Sendung und dem heiligen Ethos seiner ästhetischen Berufung wie die Kunst und Kraft des Schweigens neben der Gnade des Sprechens und Singens. Lieber Bialik den Stilisten zu sprechen, würde erfordern, die Geheimnisse des Lebens der hebräischen Sprache (und ihrer Geschichte) so zu kennen wie er, und mit solcher sprachlichen Begabung über die Sprache zu reden, wie er es in manchen seiner Essays getan hat. (גלוי וכסוי בלשון und einige Aufsätze über Mendele Mochcr Sfarim z. B. מנדלי ושלשת הכרכים׳ יוצר הנוסח). Die enthusiastische Würdigung von Mendele gerade in seiner sprachschöpferischen Begabung und seiner Rolle als Begirrner, als Erster, als Initiator lassen Bialik als Literar- Kritiker erkennen. Für die hebräische Lyrik könnten wir viele Lobsprüche, die Mendele gelten, auf Bialik selbst anwenden, nur mit dem wesentlichen Zusatze, daß seine künstlerische Begnadung, seine Rolle als Lyriker ihn erst zum ersten großen Dichter macht, weil in ihm alle kirnstkrischen Potenzen die Höhe des Genies erreichen. Männlichkeit ist eines der charakteristischen Merkmale seiner Dichtung. Im Sprachlichen adelt es die Schönheit seiner Worte, im Gedanklichen, kn Stofflichen hat es Heroisches einbezogen und dadurch seiner Dichhing monumentale Züge aufgeprägt. Bis zur Kühnheit, bis zu himmclstürmendein Mut, der aber niemals polternd wirkt, steigert sich diese Kühnheit in dem Pogromgedicht: בעיר ההרגה Die große Kultur der Tradition ist in ßialiks Sprache und Denk weit enthalten — fast hätte ich gesagt: aufgehoben in Hegels Doppelsinn. Sprachlich wie gedanklich übernimmt der Dichter nicht einfach, er zitiert nicht. Die Melizah ist abgetan. Aber die Sprache ist vorn innersten leben der kulturellen Schätze beseelt, Phrasen, Metaphern, das Gesetzliche an der Sprache des T’naeh, des Talmud und der naehtalmudischen Literatur sind dem Säuger so vertraut, daß sie dort, wo ihr Platz ist, sich ungezwungen Pinstellen und daß sie in echter Fortbildung neue Daseinsformen annchmcn. Die sprachliche Größe Bialiks tritt oft in einem Briefe, ja selbst in einer kurzen Karte unvergleichlich zutage und gerade dann, wenn Sätze und Inhalt von schlichter Einfachheit sind. — Im Gedanklichen liegen die Dinge ähnlich. Auch hier kein sklavisches Zitieren und Wiederholen; aber auch das Neugeformtc steht in einem guten Zusammenhänge mit dem Normierten, und es gibt nicht viele, die unter den Modernen bei uns Juden soviel Liebe und Bejahung für die Werte der traditionellcn Gedanken und Gesetze 111 ’ ' lik. Seine Stellung zum Schabbath, seine Aeu;r T'nach, seine Verehrung für Rabbi Kook, :eristische affirmative Aussprüche über die Le igkeit des Talmudstudiums, etwa im Geiste 1 iröße des Wilnaer Gaon, beweisen das. Bialil s Verantwortungsgefühl für die erzieherisch eilen Problemc der Nation. Deshalb verwirf leicht wie mancher andere, der kleiner um 1er ist als er. Er wahrt und hütet altes Gut, im Unvergängliches erkennt und utientbehrl le für die Zukunft. Es charakterisiert unseren Dich Schaffensgebiete kennt als die Diel fleißigsten Menschen, ein außerord Kopf, ein glänzender Kenner weite: ischen Literatur, nicht zuletzt der alt in der Weisheit anderer Völker, schweigt, gibt es des Schaffens gen liehe pädagogische Wirksamkeit rei Erzieher ein. Mit welcher großen 1 ספר האגדה abgefaßt, wie sind die 1 cgliickt (ebenso in seiner Misch würde verlangen, daß wir dabei s ters Rawnitzki gedenken. Es könne nannt werden. Entsprechend wäre Herausgeber älterer Dichtung 11 hinzuweisen, /.. B. von Schlamoh Das weife und gründliche Wis ihn als Gelehrten erscheinen ließe, terisches Genie auch dieses Ar’oci hebt ihn über seine jüdischen Kolle und über die meisten anderen Die’ , Bei Bialik fürchtet man nicht einen Wechsel des Arbeitsgebiets. Wenn er vom Throne der Dichtung hinabsteigt und den Stuhl des Weisen wählt — cs ist immer ein großer Mann, vom Ernste der Aufgabe durchdrungen, nicht überall gleichermaßen auserwählt, aber doch berechtigt und immer produktiv, mit jeder Aeußcrung eindrucksvoll. Wie oft sind wir peinlich berührt und enttäuscht, wenn ein Dichter die Hornbrille aufsetzt lind eine Vorlesung hält! Nicht selten habe ich angesehene Dichter gesprochen, die sich mit unbekümmerter Verantwortungslosigkeit über philosophische und jüdisch-geistige Probleme, dazu recht arrogant, geäußert haben! Der große Bialik hat uns nie in dieser Weise enttäuscht. Immer hat er uns belehrt und bereichert. Nie haben wir ihn hochmütig gesehen. Es hat mich oft gerührt, wie er andere nie seine Größe und Uebcrlegenhcit fühlen ließ. Aber er braucht sich nicht zur Freundlichkeit zu zwingen. Menschenliebe und Kameradschaft sind seine natürlichsten Eigenschaften. Diese Bemerkungen leiten zum Menschen Bialik über. Ich will heute nicht viel davon sagen. Nur einen wesentlichen Zug: seine Freude an der Anerkennung, sein Glück, wenn er loben kann. Bialik ist vielleicht einer der wenigen Großen, denen es gegeben ist zu ermuntern und zu ermutigen. Die Kraft der Liebe ist ihm gegeben. Er liebt vorwiegend den gradlinigen, klassischen Menschentypus, der in der großen Tat und im schlichten Wort sich verwirklicht. Er würdigt den Politiker unter ästhetischem ch andere einer der nisreieher ler hebräaber auch die Muse ierordentie großen doch das sprachlich Er selbst Mitnrbcispiele ge- Tätigki!erkling! Iitcrs, d sein dich- :hdringen. Sprachen) Gesichtspunkt, aber nicht iiteratenhaft. Das Schicksal des Volkes ist seiner Seele unendlich nahe; er lebt, wie kaum ein Zweiter, im Volk. Persönliches darf hier nicht akzentuiert werden. Da aber ein Mensch erst recht begriffen wird aus der unmittelbaren Beziehung zu dein Mitmenschen, der sich das Privileg; herausnimmt, über ihn zu sprechen, so möchte ich sagen, daß ich nicht gewagt hätte, diese Worte hier nieder/.usehrciben, wenn mir nicht das Glück nahen Umganges mit Ch. N. Bialik zuteil geworden wäre . eine der großen Bereicherungen meines Lebens. Dieser Freundschaft eines unserer Größten verdanke ich viel, und ich wäre nicht auf* richtig, würde ich nicht dieser armen Würdigung das Beste anfügen, dessen ich fähig bin: Dank für die Freundschaft, Liebe um Liebe und den Ausdruck der bleibenden Verehrung und Ergebenheit. Dem kerngesunden Mann und Geist wünschen wir ein Doppeltes: lange glückliche Jahre in unserer Heimat und reichstes Schaffen. Möge er Befriedigung empfinden nicht nur über seine Ernte, sondern auch über den kulturellen und nationalen Fortschritt unserer Nation. In unseren geistigen Bemühungen steht uns mit anderen Großen auch sein Bild vor der Seele, und sein Urteil wird uns immer bedeutsam sein. Auf weitere 60 Jahre עד מאה ועשרים שנה Bialik Als vor einigen Monaten der 50. Geburtstag eines hebräischen Dichters gefeiert wurde, da sprach ßialilc in seiner Festrede von dem Unfug des Geburtstagsfeicrns, und er machte dabei eine melancholische Anspielung, daß auch er selbst vielleicht bald wieder diese Marter des Gefeiertwerdens zu erleiden haben wird. Nun sind wir in Verlegenheit, wenn wir seinen 60. Geburtstag begehen sollen. Dieser Tag wird eine ganze Literatur auf den Plan rufen. Ohnedies ist über Bialik schon so viel geschrieben worden wie über keinen zweiten modernen hebräischen Dichter, und wie vielleicht überhaiipt selten über einen lebenden Dichter. Fs ist seltsam: so viel auch immer wieder gelobt und gerühmt und gedankt wird, das Wesentliche bei Bialik sind nicht diese Gel'iihlsbckeiintnisse zu ihm, sondern die Besinnung, zu der er an regt. Immer wieder erkennen wir an ihm unser!' eigentümliche Volkssituation, wir orientieren uns innerlich an ihm und seinen Wollen, er ist ein Richtungweiser dieser Epoche des Wiedererwachens jüdischer Volksbewußthcit. Ihn hat das Los getroffen, Quelle unserer Selbsterkenntnis zu sein. Darum hilft es ihm nichts - war m ii s s e n von Zeit zu Zeit über ihn reden. Nicht um seinetwillen, -.11111 unsertwillen. Zu Bialiks fünfzigstem Geburtstag vor zehn (ähren veröffentlichte die ״Jüd. Rundschau“ eine Reihe von Würdigütigen des Dichters von jüdischen Männern verschiedenster Herkunft und Richtung. In der Einleitung wurde damals -- Bialik wohnte gerade in Deutschland — gefragt, was dieser Dichter für uns Westjuden bedeutet: und wir glauben uns berechtigt, heute zu wiederholen, was wir damals schrieben: Als dem Westjudentum die Schranken des Ghetto sich öffneten und die Kultur, die Gedanken der Umwelt zugänglich wurden, verlor es sein geistiges Eigenleben. Die neu erkannten menschlichen Werte ergriffen mächtig die Seele des Juden, aber er vermochte nicht, sich sie zu eigen zu machen, er gab sieh ihnen hin, indem er sich aufgab. Die Erstarrung war gelöst, aber um welchen Preis! Der geistige Kampf eines Jahrhunderts vermochte keine schöpferische Synthese zu erzeugen, er ging nicht um die Substanz, er ging um die äußerliche Regelung. Das Kompromiß war besiegelt, niemand dachte daran zu rütteln. Nur um seine Form kämpfte man: ob das überkommene, geschwächte Gebilde, das man für ludentum hielt, den Bedingungen des Lebens und den Erfordernissen der neuen, als primäre Forderung sich darbietenden Situation anzupassen ist, oder aber ob ein Schnitt zu machen ist mitten durch das Leben, so daß die eine Hälfte ungestört sich nnpassen, die andere Hälfte in strengem Festhalten am Lebensrituale das Judentum konservieren kann. Was aber echt und innerlich gegründet ist, verlangt Ganzheit, tritt selbst auf als primäre Forderung, ist Richtung der Seele und Quell des Lebens. Judentum und Menschentum, Befreiung aus Erstarrung, — dieser Kampf wurde im Westen (abgesehen von kleinen Anfängen, die in ihrer Fortführung sofort ab-