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Jüdische Rundschau · 1933-01-03 · Heft 1 (3.1.1933) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 1 (3.1.1933)
Date
1933-01-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1, 3.1.1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Halbheiten (Zum Delegiertentag des Verbandes jüdischer Jugendvereine.) Der Verband jüdischer Jugendvercine verdient starke Beachtung. Mit etwa 12 000 Mitgliedern ist er eine der bedeutendsteil jüdischen Jugendorganisationen Deutschlands. Auch das äußere Bild und die technische Durchführung des Delegiertentages zeugen durchaus von einem erfahrenen organisatorischen Apparat. Die eigentliche Masse der hier zusammengefaßten Jugendvereine ist in den mittleren, kleinen und kleinsten Proviuzstädten zu finden, obwohl natürlich auch die Großstädte nicht fehlen. Die Mitglieder sind in ihrer überwiegenden Mehrzahl kaufmännische Angestellte. Es lassen sich deutlich zwei Generationen erkennen, die auch ideologisch und haltungsmäßig stark voneinander abweichen. Den ,,alten“ Mitgliedern des Verbandes, die meist im 3. und 4. Lebeiisjahrzehnt stehen, tritt der Jüdische Pfadfindcrbund Deutschland (JPD) gtgenüber, der im Juni 1031 durch eine Vereinigung der Junggruppen des Verbandes mit einigen Kadimalmigen ins Leben geruien wurde. Der Verband erfreut sich der ideellen wie materiellen Unterstiitzung der Großloge, des Jüdischen Frauenbundes, des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes und des Reichsblindes jüdischer Lehrervereine und ist entsprechend mit diesen Institutionen organisatorisch verknüpft. Leitung, •Vorstand und Beirat liegen in Händen von Personen, die bei aller sachlichen und menschlichen Qualifikation sich in ihrer Mehrzahl rein altersmäßig sehr von denen unterscheiden, die im allgemeinen bei Jugendbiinden an dieser Stelle anzutreffen sind. Ebenso konnte man unter den durchweg routinierten Diskussionsrednern verhältnismäßig wenig Jugend bemerken. Demgegenüber schienen die zahlreichen Delegierten aus der Provinz nicht in sehr engem Kontakt zu stehen mit dem, was sich aut der Tribüne abspielte. Dieser Zustand führte zeitweise zu empfindlicher Diskrepanz zwischen Leitung und Delegierten. Noch verschärft wurden diese Spannungen durch eine gewisse Animosität gegen den JPD und seine Ideen. Es zeigte sich so keine wirklich jugendliche Bewegung. Vielmehr machte alles — von zwei besonderen Gruppen abgesehen — den Eindruck einer von großer Hingabe und Liebe zur Sache getragenen Jugendpflegearbeit. Nicht umsonst wurde in der Eröffnungsansprache geflissentlich davor gewarnt, das autoritäre Prinzip im Judentum aus den Augen zu verlieren. In den beiden grundlegenden ideologischen Referaten von Dr. E.Strauß, Frankfurt, und Dr. Epstein, Mannheim, zeigte sich aufs neue, in welch weitgehendem Maße zionistisehe Erkenntnisse heute bereits Allgemeingut jüdisch-politisehen Denkens geworden sind. Es ging um das Prinzip einer grundsätzlich gesamtjüdischen Haltung. Besonderer Träger dieser fast durchweg angenommenen Forderung war bezeichnenderweise der JPD. Den Kernpunkt der Strauß’schen Ausführungen bildete die alte zionistische These, daß die Juden ״schicksalhaft in ein Kollektiv hincingeboren“ nach außen keine Individuen sind, sondern von der Welt stets als untrem!- bare Gemeinschaft empfunden werden, füreinander haften und diescn Zustand freudig zu bejahen haben. Ebenso gab Epstein eine einwandfreie soziologische Analyse der deutschen Judenheit, wobei er allerdings zu der sehr problematischen Forderung kam, die Proletarisierung der deutschen Juden zu fördem, diesen Prozeß jedoch durch gleichzeitige Pflege des ״Jiidischen“ sinnvoll zu gestalten. Ebensowenig wie der Referent ein klares Bild von dem proletarisierten, ״gesamtjüdisch“ eingestellten Juden in Deutschland vermitteln konnte, wurde in der Diskussion diese Frage auch nur ernstlich untersucht. Unter ,,gesamtjüdisch“ verstand man jede Haltung, aus der heraus jüdisches Leben ״geweckt, erhalten, geschützt und gefördert“ würde. Man bediente sich also eines reichlich vagen und interpretationsfähigen Sammelbegriffes, der auch in der folgenden Aussprache in keiner Weise verdichtet wurde. Zwar lehnte man einerseits entschieden Würdelosigkeiten und die Deutschtumsbet cuerungen des C.-V. ab und erklärte dem Palästinaaufbau als einer Realität (sic!) seine warme Sympathie, aber doch konnte man weder dem C.-V. noch dem Zionismus gegenüber eine einigermaßen klare Haltung gewinnen. Die hereits seit zwei Jahren programmatisch verlangte Anteilnahme an der Palästinaarbeit sollte sich in einer Beschäftigung mit den Problemen, in Keren Hajessod-Beiträgen und in der Aktivierung des niditzionisfischcn Teiles der Jcwisli Agency äußern. Im ganzen fanden jedoch diese im Plenum übrigens gar nicht erörterten Forderungen verhältnismäßig geringen Widerhall, lieber Zionismus wurde so gut wie gar nicht gesprochen. Auch hier ist wieder die aktivste und entschiedenste Gruppe der JPD. Immerhin betonte man allgemein den Zusammenhang der Weltjudenheit und verlangte eine internationale Zusammenarbeit der jüdischen Jugend sowie die Schaffung eines jüdisehen Weltkongresses. Als ein Ziel des Verbandes wurde die ״Eroberung der Gemeinden“ hingestellt, ohne daß man jedoch erfuhr, was sich danach grundsätzlich ändern würde. Eine ge- wisse Rolle spielte das Problem der jüdischen Religion, das von verschiedenen Seiten berührt wurde. Im Gesamtrahmen der Tagung kamen jedoch alle diese Fragen recht wenig zur Geltung, und infolgedessen blieben die Erörterungen hierüber an der Oberfläche haften. Als besonders wichtiger Teil der kommenden Verbandsarbeit ist die Schaffung eines sozialen J u g e n d h i i'f s - Werkes vorgesehen. Der Delegiertentag sollte gerade diesen Plan zum Kernstück seiner Beratungen machen. Aber dazu kam es nicht; lediglich über die Frage einer Beteiligung an dem Freiwilligen Arbeitsdienst, die von dem JPD aus praktischen Gründen ins Auge gefaßt worden war, entbrannte ein Streit. Obwohl die Mehrheit der Delegierten stark mit dem Sozialismus in der einen oder anderen Form sympathisiert, gelang es der Leitung, einen Antrag auf prinzipielle Ablehnung des Freiwilligen Arbeitsdienstes zu Fall zu bringen. In der Erörterung dieser Problematik ist der eigentliche Inhalt der Tagung zu erblicken. Was wirklich die Gemüter bewegte und alles andere stark jß den Hintergrund drängte, war eine mehr leidenschaftliche a!s tiefe Diskussion über den Kommunismus. Dabei spielte die höchst energische und zielbewußte Zersetzungsarbeit bestimmter kommunistischer Zellen innerhalb des Verbandes die entscheidende Rolle. Man konnte sich cles Eindrucks nicht erwehren, als oh ein׳ beträchtlicher Teil der Delegierten — zumal solche aus kleineren Orten — nicht recht begriff, worum es eigentlich ging. Jene zwar kachicrten aber doch.deutlich erkennbaren kommunistischen Kreise verstanden es, sich zu Wortführern einer zahlreichen, aber aus über« gend persönlichen Gründen gegen die Leitung operierenden Opposition zu machen und auf diese Weise die Geschäftsführung empfindlich zu stören. Die dabei angewandten menschlieh sehr fragwürdigen Methoden brachten zeitweise einen Ton in die Tagung, der von dem früherer jüdischer Konferenzen erheblich abstach. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Vorgehen dieser Kreise durchaus planmäßig erfolgte, daß ihnen viel an einem Bleiben im Verbände gelegen ist, weil die hier organisierte größtenteils kleinstädtische, prelctarisicrtc, gänzlich ungeschulte Angestelltenschicht für kommunistische Propaganda überaus empfänglich ist. Ohne Frage muß sich die vorige Verbandsleitung — ebenso wie dies eine Aufgabe der neugewählten Führer (Dr. Ernst Herzfeld, Essen, Joe Israel, Hannover, und Kurt London, Berlin) sein wird — ernstlich mit diesen Dingen beschäftigt haben. Wenn man dennoch diesen Zersetzungstendenzen bis jetzt nicht entschieden begegnen konnte, so dürfte der Grund hierfür in der Rücksichtnahme auf jene Opposition gegen die Leitung zu suchen sein, die sich in all zu vertrauensseliger Weise von einer ihr in Wirklichkeit keineswegs adäquaten anderen Oppositionsgruppe ins Schlepptau nehmen ließ. Unter den Papieren, die allen Delegierten überreicht wurden, befanden sich auch die Prospekte von drei Verlagen; dem Philo-Verlag mit der C.-V.-Literatur, dein Schockcn-Verlag, der die Schriften Martin Bubers hcrausgibt, und dem rein kommunistischen Verlag für Literatur und Politik. Fast fällt es schwer zu glauben, daß dies ein Zufall gewesen sein sollte. Aber falls man schon, wie in der Eröffnungsansprache betont wurde, den Verband aus der zweiten und dritten Linie Iierausfiihren will, wenn es gilt, die Gcschicke der deutschen Juden zu bestimmen, dann wäre doch eine weniger widerspruchsvolle, eine zielbewußterc und vor allem eine mutigere Haltung dazu erforderlich. Zweifellos aber war es jenen 100 Menschen, die vor einiger Zeit von dem JPD zu dein Kadimah und dem Brith Haolini übertraten, Ernst um Kurt Londons Worte von der Erfassung des jüdischen Menschen in seiner Totalität und der Schaffung eines freien Lebensraumes für unser Volk. Das sollte der Leitung des Verbandes der jüdischen Jugendvereinc zu denken geben. Siegfried Kösterich. Lord MeJchelt in Polen (Von unserem Korrespondenten.) -g. Warschau, 29. Dezember 1932. Der kurze Besuch Lord Melchetts in Warschau war für die hiesige jüdische Bevölkerung ein bedeutsames Ereignis. Die Reise des üastes zusammen mit Dr. Leiewer galt zwar in erster Linie dem Makkabi, aber während dieses dreitägigen Aufenthalts in der polnischen Hauptstadt gelang es dem Organisationskomitee, Lord Melchett und Dr. Leiewer mit sehr vielen jüdischen Organisationen und Institutionen, Personlichkeitcn und amtlichen Steilen in Berührung zu bringen. Lord Melchett besuchte außer den englischen Gesandten, den polnischen Außen- und Innenminister, denen er den Dank des wcltvcrbamles Makkabi für die Unterstützung der Makkabiah in Tel-Awiw und der demnächst in Zakopane stattfindenden Makkabi - Winterspiele überbrachte. Der Vertreter Polens beim Völkerbund Raczynski, und der gew. Gesandte Polens in New York, Fürst Lubonurski, veraiistalteten zu Ehren Lord Melchetts einen Empfang, bei dem prominente Mitglieder der polnischen Gesellschaft anwesend waren. Lord Melchett äußerte sich auch vor Vertretern der polnischen Presse über manche politische und besonders Ökonomische Probleme, die für Polen von Interesse sind. Was aber Lord Melchett besonders anzog, war der Kontakt mit den verschiedenen Kreisen der jüdischen Bevölkerung. Man gab ihm auch Gelegenheit, die breite jüdische Masse im jüdischen Viertel, in ihren armseligen Unterkünften, den jüdisehen Handel und Wandel in den belebtesten jüdischen Straßen Warschaus kcnncnzulernen. Da׳ enthusiastische, spontane Empfang, der Lord Melchett hier von der tauseridköpfigen Menge die den ״jüdischen“ Lord begrüßte, zuteil ward, rührte ihn tief und war, glauben wir, für ihn der bedeutsamste Augenblick während seines Aufenthaltes in der größten jüdischen Gemeinde Europas. Dies gewährte ihm, neben den vielen Gesprächen mit jüdischen Vertretern, tiefen Einblick in das jüdische Problem und war ihm eine Quelle besonderen Stolzes und der Aufmunterung zur weiteren eifrigen Betätigung für die jüdische Sache. Der Makkabi in Polen hatte, trotzdem die jüdische Sportbewegung hier ziemlich alt und schön entwickelt ist, bis vor kurzem keine besondere Physiognomie, geschweige denn ein zionistisches Gepräge. Die Hauptmasse der jüdischen Sportler war zwar getragen von der Renaissanceidee, o r g a n isatorisch wirkte sich aber dies sehr selten aus. Seit den Vorbereifungen zur Makkabiah wurde es anders und der soeben absolvierte Besuch Lord Melchetts und Dr. Leiewers wird hoffentlich viel dazu beitragen, die bereits in diesem Sinne begonnene Entwicklung zu beschleunigen und die nationale Eigenart und die besonderen Aufgaben des Makkabi der jüdischen Gesellschaft in Polen bewußt zu machen. Lord Melchett hat hei jeder Gelegenheit, vor den Vertretern der jüdischen Presse, in der Sitzung des zionistischen Parteirats, der gerade während seines Aufenthaltes tagte und an dem er teügenornmen hat, auf dem Empfange in der polnisch-palästinensischen Handelskammer lind natürlich vor den Makkabimitgliedern — auf die Bedeutung des Sports für das jüdische Volk und für die jüdische Jugend, speziell in der heutigen Zeitperiode und im Zusammenhänge mit Palästina hingewiesen und betont, daß Sport nach englischer Auffassung nicht nur Körperübung, sondern auch Schulung des Geistes, Stärkung des Willens, Drang zum Sieg, Selbstvertrauen, Verständigungsmöglichkeit mit anderen Völkern — Verständigung mit dem Mchrhcitsvolke, unterstrich Lord Melchett — bedeutet. Dr. Lelewer verstand es, in seinen Ausführungen eindringlich vom jüdischen, zionistischen Standpunkte das Programm des Makkabi zu beleuchten. Wir brauchen Disziplin, Subordination, Ordnungssinn, eine neue, harmonisch in Geist und Körper, menschlich und jüdisch entwickelte, mutige, für den Aufbau des Nationalheims gut vorbereitete, mit Optimismus erfüllte Jugend. Dr. Lriewer legte ein starkes Bekenntnis des Makkabi zur Palästinaidee ab und hat mit Lord Melchett viel dazu beigetrageii, die Idee und das Programm des Makkabi bei den polnischen Juden und — polnischen Zionisten zu popularisieren. Der Makkabi hat hier jetzt viele Freunde und für seine Tätigkeit größeres Verständnis als bisher gewonnen. Schon um diesen Zweck zu erreichen, hat die Reise der Führer des Weltverbandes sich gelohnt. Dazu kommt die spezielle Aufgabe, die Winterspiele in Zakopane vorzubereiten. Die Regierung —* trotz Geschreis der Antisemiten — leigt großes Wohlwollen für dieses Unternehmen und die jüdische Sportwelt bekundet, wie der Vorsitzende des polnischen Makkabikreises Rusetzki mitteilte, starkes Interesse lind ihr Erscheinen in großer Zahl ist gesichert. Der Besuch Lord Melchetts galt aber faktisch auch der Palästinasache, die bei ihm übrigens so stark mit seiner Begeisterung für den Makkabi verbunden ist und, wie er sich hier äußerte, die eigentliche Quelle seiner Betätigung sei. Nicht das Vermächtnis seines Vaters und sein Beispiel, auch nicht verstandesmäßige Erwägungen, bewogen ihn, für die Judensache einzutreten. Einzig und allein war es der übermächtige Eindruck, den auf ihn Erez Israel machte. Und diesen Gefühlen gab hier Lord Melchett immer wieder Ausdruck. Trotz des gewaltigen Palästinainferesses in Polen sind solche Aeußerungen noch für manche Kreise, vornehmlich der ״oberen Zehntausend“, eine Offenbarung, für sehr viele noch ein notwendiger Ansporn, um sie für die Palastinasache zu gewinnen. Diese Aufgabe erfüllte auch Lord Melchett ausgezeichnet. Das polnische Direktorium des Keren Hajessod und die polnisch-palästinensische Handelskammer gaben vielen Vertretern der Jüdischen Intelligenz, der jüdischen Industrie- und Handelswelt Gelegenheit, Lord Melchett über Palästina sprechen zu hören. Es genügte schon Lord Melchetts Fest- Stellung, er begreife nicht, wie ein Jude kein Interesse für Palästina haben könne. ״Welch große Verantwortung nehmen .solche Juden auf sich!“ Lord Melchett appellierte an die Versammelten, alle Kräfte gemeinsam für den Palästinaaufbau anzustrengen, die besonderen Aufgaben der polnischen Juden, deren Leistungen in Palästina er große Anerkennung zollte, unterstreichend. Lord Melchett hatte auch mehrere Besprechungen mit den Vertretern der zionistischen Organisationen, der Jewish Agency, dem Direktorium des Keren Hajessod, besuchte die Hechaluzfarm bei Warschau und andere jüdische Institutionen, und überall bekundete er großes Interesse. Es war auch mehrmals Gelegenheit, die politische und wirtschaftliche Lage der polnischen Judenheit^ zu besprechen, Abg. Griinbaum hat in seiner Rede auf der Session des zionistischen Parteirats Lord Melchett gegenüber manche Erscheinungen im ausländischen Judentum beleuchtet, sich über die Uninformiertheit, wenn es sich um die Verhältnisse in Polen handelt, beidagt und als Beispiel die Debatte auf der letzten Sitzung des Joint Foreign Committee in London angeführt. Dr. Gottlieb hat als Sprecher der jüdischen Presse Lord Melcliett klargemacht, wie jüdische Journalisten, die sonst mit Sport wenig Gemeinsames haben, doch in Verteidigung jüdischer Interessen oft sehr viel — Seiltanzfertigkeit und Geschicklichkcit auftreiben müssen. Lord Melchett hat sich naturgemäß bei Behandlung dieser innerpolitischen Fragen sehr viel Zurückhaltung auferlegt, hat jedoch seinem Bedauern über die Ereignisse in Lemberg Ausdruck gegeben, hat die große Bedeutung betont, die in der Welt die Beziehung eines Volkes zu den Juden spielt, versuchte den Schwierigkeiten der Lösung des jüdischen Problems in Polen näherzukommen und rief zur Verständigung auf. Aut dem polnischen Staat liege eine besondere Verantwortung, da er die größte Zahl von Juden umfaßt. Jedes Land, erinnerte Lord Melchett, habe die Juden, die es verdient.... Andererscits zeigte Lord Melchett viel Verständnis für die Situation der polnischen Regierung und für die objektiven, meistens auf Ökonomischem Gebiete vorhandenen Ursachen, die das jüdischpolnische Problem zu einem solch schwierigen gestalten. C z e r!1 o w i t z, 1. Januar. (J. T. A.) Zu Ehren des in Czer• nowitz eingetroffenen Lord Melchetts fand ein Bankett statt, an dem Minister Dr. S a u c i u - S a v e a n u, Minister a. I). Dr. Nistor, Divisionskommandant General Jakob, Bürgermeister Dr. Nieu S a u c i u - S a v c a n 11, ein Vertreter des rumänischen Metropoliten u. v. a. tcilnnhmen. Nach Begrüßungen von Konsistorialrat Sandrti, dem Bürgermeister Dr. Saticiu-Saveanu und Max Ritter von A 11 h a u e h, der daran erinnerte, daß er seinerzeit in Genf mit dem Vater von Lord Melchett Fragen der Weltjudenheit besprach, fiihr.e Dr. Nistor u. a. aus: Die rumänische Nation wisse das Streben des jüdisehen Volkes nach einer eigenen Heimat vollauf zu würdigen. Die rumänische Nation begleite die von allen Mächten mit Beifall aufgenommenc Aktion der Juden zur Errichtung ihres Nationalhcims in Palästina mit großer Sympathie. Es folgten Ansprachen vom Handelskammcrpräsidenten Dr. V i h 0 v i c i, Abg. Dr. Mayer Ebner, dem Präsidenten der Bne Briss-Loge Orient, Dir. Dr. O h r e n s t e i n, und eine Dank rede Lord Melchetts. Jahreslagung der Holländischen Zionistischen Vereinigung. ln Utrecht fand Ende Dezember 1932 die 33. Jahrestagung der Holländischen Zionistischen Vereinigung statt. Herr F. Bernstein, Rotterdam, hielt dem vor einigen Tagen verstorbenen Dr. Adolf Friede mann einen Nachruf und trat in seinem politischen Exposö für eine aktive Politik zur Verwirklichung des Palästina-Mandats ein. Nehemia de Liem e, der sein Amt als Schatzmeister der Vereinigung niederlegte, sprach über die Organisierung des Jüdischen Nationalheims in Palästina und kam zu dem Schlüsse, daß die Basis für eine aktive zionistische Politik hinsichtlich des Palästina-Mandats nur die I d e e eines vereinigten Zis- und T1־ ans Jordanien sein kann. Eine längere Diskussion entspann sich über die Frage, ob Mitglieder der Zionistischen Organisation die von der Sowjetregierung in R i r 0 - B i d s c I! a 11 in Angriff genommene Massenkoloiiisierting von Juden bejahen bzw. fördern könnten. Es wurde eine Resolution angenommen, nach der es den Mitgliedern der Holländischen Zionistischen Vereinigung verboten sei, eine andere Kolonisation als die des jüdischen Volkes in Palästina zu propagieren. F. Bernstein wurde zum Vorsitzenden der Vereinigung, ebenso die bisherigen Mitglieder des Rates, wiedergcwählt. Zum Schatzmeister der Vereinigung wurde an Steile von Nehemia dr Licme M. J. S i 1110ns, Haag gewählt. Zeitschriften - Schau lm neuen Heft der ״M o n a t s s c h r i 11 für Ge* schichte und Wissenschaft des Judentums“ schildert Professor Samuel Klein von der Jerusalemer Universität das üasthauswesen der alten Zeit, insbesondere die Einrichtung, daß mit den Synagogen Unterkunftsstätten für Fremde verbunden waren. Jesajas Press, gleichfalls aus Jerüsalem, bringt Glauben und Aberglauben der palästinensischen Landbevölkerung in Freud und Leid anschaulich zur Darstellung. Auch auf die Wurzeln des europäischen Judenhasses fällt neues Licht. In einem inittelfranzösischen Gedicht fand Heinz Pflaum eine Anspielung auf Raschi als den Verfasser (!) des Talmud. Von hier aus untersucht er die Wege, auf welchen die Kenntnis mancher Talmudstellen über Jesus in die christliche üelehrtenwelt kam; die traurige Rolle des Vermittlers spielt ein ehemaliger Jude, der zwar zum Christentum übertrat, aber dem neuen Glauben innerlich so wenig zu* getan war wie dem alten. So erscheinen Abfall und Juden- Feindschaft bereits im Mittelalter in treuem Bunde. In der Oktober-Nummer der ,,internationalen genossenschaftliclien Rundsch a.u“, Organ des Internationalen üenossenschaftsbundes, der größten internationalen Organisation mit mehr als 30 Millionen Mitgliedern, kommt N. Barou in einem Artikel ״Das genossenschaftliche Kreditwesen und die Lohnempfänger“ auch auf Palästina zu sprechen, das neben U. S. A. und Oesterreich das einzige Land sei, das Kreditgenossenschaften unter den Lohnempfängern geschaffen habe. Nach eingehender Darstellung der Kreditverbände in Palästina berichtet er von der erstaunlichen Vermehrung des Eigenkapitals im Jahre 1931 um 62 0׳״. In derselben Nummer dieser Zeitschrift finden wir einen anerkennenden Berieht von A. Honora Enfield über die jüdische Arbeiter innenbewegung in Palästina auf Grund der kürzlieh auch hier angezeigten englischen Ausgabe des Buches ״The Plough Woman“ (Die Frau hinter dem Pflug). Die Verfasserin schließt ihre ausführliche rühmende Beschreibung mit den Worten: ״Wenn sich aber die Genossenschaftler als Verbraucher ebenso wie in ihrer Eigenschaft als Erzeuger zusammenschließen, können wir sicher sein, daß die jüdischen Frauen in Palästina, deren Bestrebungen weitgehend vom geliossenschaftlichen Gedanken getragen werden, auch an die neue Entwicklung mit der gleichen Zielsicherheit und Organisator!- sehen Geschicklichkeit herantreten werden, die ihnen heute bereits eine starke und anerkannte Stellung unter den Arbeitern in Palästina verschafft hat,“

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