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Jüdische Rundschau · 1937-12-31 · Heft 104 (31.12.1937) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 104 (31.12.1937)
Date
1937-12-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 JÜDISCHE RUNnsrHAII Nr. 104, 31. XII. 1937 Auf innerjüdischem Gebiete setzte sich die Erkenntnis (P0n der Notwendigkeit der organisierten Gemein• BChaftsarbcit weiter •durch. Es kam zwischen der Reichs• Vertretung und den! Berliner Genie in devorstand zur Bei* legung bestehender Differenzen, die die Arbeit behindert hatten. Ueher die Tätigkeit der verschiedenen zentralen Organisationen ist an dieser Stelle so oft und ausführlieh, berichtet worden, daß sich ein Rückblick erübrigt. Ohne Zweifel wird die judenheit Deutschlands dem zum Jahresende erlassenen Aufruf der Reichsvertretung, auch im kommenden Jahre das Werk von H i I f e u n d A ufh a u tatkräftig zu unterstützen, volles Gehör schenken, geht cs doch hier um eine Aktion der Selbsthilfe, von deren Gelingen für unser aller Schicksal sehr viel abhängt. Dabei übersehen wir nicht die Bedentung der ausländischen Aktionen, die insbesondere für die jüdische Auswanderung und Ansiediun״, nicht zuletzt in Palästina, wesentlich sind. Die im Council for German j c w r y in London ztisammengefaßte Aktion beschloß im vergangenen Frühjahr ein Jahresbudget für diese Zwecke in Höhe von A 500 000. Wandemags ־ Probleme Die Lage auf dem Gebiete des Wanderungswesens hat sich zu unserem Bedauern weiterhin sehr verschlechtert. Auf der einen Seite steht ein wachsender Auswanderung«- wünsch wichtiger jüdischer Gruppen, während aut der anderen Seite gewisse Einwanderungsländer mehr oder weniger gesperrt sind. Wir sehen in diesem Zusammenhänge von Palästina ab, dessen Bedeutung als Aufnahmeland von Emigranten in den vorangegaiigencn Jahren weit größer gewesen׳ war, und erwähnen, daß Südafrika durch sein neues Einwanderungsgesetz fast völlig gesperrt ist. Erhebliche Schwierigkeiten traten auch in Brasilien auf. Wenn es auch gelang, hier und dort Aufnahmemöglichkeiten kleineren Umfangs für jüdische Einwanderer zu eröffnen, so ־reicht dies bei weitem nicht aus, um den Ausfall wettzumachen. Wie immer gibt cs natürlich auch jetzt Projekte für jüdische Kolonisation in neu zu suchenden Ländern. Eine gewisse Anregung haben diese Projekte durch Erklärenfen des französischen Kolonialmniisters erhalten, der die Mögchkeit einer wenn auch zahlenmäßig sehr beschränkten jüaisehen Siedlung in französischen Kolonialgchictcn, besonders auf Madagaskar, hervorliob. Daraufhin fuhr eine poliiiscli-jüdische Delegation dorthin, tun die Möglichkeiten an Ort und Stelle zu studieren, Ihr Bericht scheint nach den letzten Meldungen hierüber die Möglichkeit j ü d i s c 11 e r Siedlung auf Madagaskar sehr gering cin7uschä־tzcn. Die Lage der polnischen Jaden Die schwerste Sorge bereitet dem jüdischen Volk naturgemäß die Lage der judenheit in Polen. Der Prozeß der jüdischen Verelendung in diesem Lande ist weiter fortgeschritten und hat ein Ausmaß angenommen, das für westliehe Vorstellungen fast unausdenkbar ist. Die der Regierung nahestehenden Kreise scheu eine Lösung der Frage in erster Linie in der jüdischen Emigration aus Polen, und dementsprechend haben sich die polnischen Rcgierungsvcrfreier wiederholt in der Palästinafrage im Interesse erweiterter Einwanderuiigsmöglichkcitcn eingesetzt. Der wirtschaftliche Boykott nimmt immer größere Ausmaße an lind wird vielfach von Ausschreitungen und Pogromen begleitet. Besonders furchtbar war im abgelaufenen Jahr der Pogrom in Brcst-Litowsk. Auch in der Zeit vor Weihnachten gab es in weiten Teilen des Landes eine verstärkte Boykott-Aktion. Ein weiteres Feld des Kampfes sind die Hochschulen, an denen zum großen Teil für die jüdischen Studenten abgesonderte ״Ghettobänke“ eingeführt wurden. Die jüdische Bevölkerung versucht durch Maßnahmen der Selbsthilfe, Akfionen ihrer Vertreter in Sejm und Senat und gelegentlich auch durch sehr eindrucksvolle Proteststreiks gegen die antijüdische Welle anzukommen, im allgemeinen aber mit sehr geringem Erfolg, so daß insbesondere die Lage der Jugend der breiten Schichten eine trostlose ist. Wie eine Lösung dieses Problems unter den gegenwärtigen wandertingspolifisehen Voraus- Setzungen gefunden werden soll, ist unerfindlich, solange nicht der Versuch gemacht wird, den Teil der polnischen Juden, der für die Dauer im Lande bleiben muß, konstruktiv in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der polnischen Gesamtheit e i n z 11 g 11 e d c r n. Einige andere Länder Zu erheblichen ■Sorgen geben auch die Vorgänge in R u m a n i e 11 Anlaß. Auch dort gab cs gelegentlich erhebliche Ausschreitungen, und soeben erst ist durch den scharfen Ruck nach rechts bei den Kainmerwalilen eine Regierung ans Ruder gekon!men, in der scharf antisemitische Elemente mitgrößten jüdischen Gruppe in Europa mit großer Aufmerksamkeit verfolgen müssen. Ein interessant es Feld der Beobachtung stellt Ungarn dar. Hier zeigt sich die Judenfrage sowohl nach ihrer objektiven wie auch »ach ihrer subjektiven ־ Seite in ■vollem Maße, und es traten auch die Probleme hervor, die für die Haltung der Juden typisch sind, deren Emanzipation formell besteht, in der Praxis aber gefährdet ist. Wir haben über diesen interessanten Fragenkreis im Sommer dieses Jahres ausführlich berichtet. Ausschreitungen an den Universitäten und Razzien gegen eingewanderte Juden beleuchten die Labilität der jüdischen Lage auch in diesem Lande. Von besonderem Interesse ist die Situation einer zwar Weinen, aber nicht unwichtigen jüdischen Gruppe, nämlich der Judenheit Italiens. Bekanntlich gab es dort insbesondere iin Zusammenhang mit den englisch-italienischen Spannungen anf!'jüdische Presseangriffe, die bei den italienisehen Juden selbst starke Besorgnisse hervorriefen. Um so bedeutsamer war eine Erklärung des italienischen Außen- Ministers Graf C i a n o, die besagte, daß keine Aenderung in der Haltung der italienischen Regierung gegenüber den Juden eintreten werde. Blick nach dem Weiten Ein Ueherblick über die Situation der Judenheit 1'm abgelaufenen Jahre, wie wir ihn versucht haben, licht naturgemäß diejenigen Kräfte und Ereignisse hervor, die für uns Sorgen lind Schwierigkeiten mit sich brachten- Um ein richtiges Bild zu gewinnen, muß man jedoch auch darauf hinweisen, daß es daneben große Gruppen der Judenheit gibt, die in relativ stabilen Verhältnissen leben, ein Umstand, der dazu führt, daß inan von ihnen viel weniger spricht als von denen, die in Not sind. Wir erwähnen die Judenheit der westlichen Länder Europas, besonders Englands und Frankreichs, wo die Anteilnahme der Juden selbst an der Regierung ins Auge fällt (in England wurde Hore-Belisha Kriegsminister und Sir Philipp Sassoon Minister für öffentliche Arbeiten, während in Frankreich Leon Blum zwar von der Minister- Präsidentschaft zurücktrat, aber als Vizepremier dem Kabinett weiter nngehört). Besonders aber muß aut die Lage der. amerikanischen Juden verwiesen werden, die zwar auch manche Sorgen haben und von. gewissen Tendenzen bedroht werden, die sich gegen sie wenden, die aber im großen ganzen unter politischen und wirtschaftlichen Verhältuissen leben, die relativ günstig sind und sie daher auch jetzt zum materiellen Kraftspeicher des jüdischen Volkes machen, dessen Auswertung sowohl für die notleidenden Gruppst in Europa wie auch für den Aufbau Palästinas erforderlicn ist. Das Programm Wenn wir nun den Versuch machen, auf Grund der Ergebnisse und Erlebnisse des abgelaufenen Jahres einen Blick in die Zukunft zu werfen, so kann dies nicht bedeuten, daß wir etwa Voraussagen, welche Entwicklungen die Zeit uns bringen wird. Es tut aber not, Ueberlegungen darüber anzustellen, was wir selbst tun können und müssen, um unser Schicksal zu gestalten, um nicht nur wieein Spielbail des Geschehens umhergeworfen zu werden, sondern selbst zu einem gewissen Teil wenigstens die Ereignisse zu beeinflussen. So mannigfaltig diese auch sind und so vielfältig die Kräfte, die in ihnen zum Ausdruck kommen, so klar ist es, daß ihnen gegenüber eine Reihe einfacher, leicht formulierbarcr und von jeden! Juden anzuerkennender Grundsätze für unser eigenes Verhalten .•!ui sein sollten. Es sind Grundsätze sowohl praktischer Natur, die direkt unser Schicksal beeinflussen können, wie solche geistiger Art, da wir glauben, daß die Praxis des Lebens und die geistige Haltung der Menschen, um die es geht, nicht voneinander getrennt werden können. Ein solches Prograinm unserer jüdischen Aktion als Volk in der Diaspora und in Palästina könnte etwa folgende 6 Hauptpunkt« umfassen: 1. Im jüdischen Volk muß sich die Erkenntnis vom Charakter unseres Schicksals und unserer Nöte als eines Volksschicksals durchsetzen. Diese Erkenntnis besteht auch heute noch nicht in alten Teilen des jüdischen Volkes, und man hängt vielfach dem Irrglauben an, daß es sich bei den Sorgen der Juden um individuelle Erlebnlsse handelt. Der seit Theodor Herzl im jüdischen Volk begonnene Prozeß der Selbsterkenntnis ist auch heute noch nicht zum Abschluß gelangt und muß mit den Mitteln der Volkserziehung und der nationalen Aufklärung fortgesetzt werden. 2. Die nationale Organisation des jüdischen V01kes muß im Kampf gegen die dissoziierenden Tendenzen ausgebaut und stark gemacht werden. Heute ist nur ein kleiner Teil des jüdischen Volkes national organislcrt und dies, obwohl diese Organisierung bei einem Volke, das über alle Welt zerstreut ist, die einzige praktische Möglichkeit ist, um es vor dem völligen Zerfall in seine Atome zu bewahren. Die nationale Organisation ist die Konsequenz aus der Selbsterkenntnis über den Charakter der Judenfrage; auf ihre Stärkung kann unter keinen Umständen verzichtet werden. 3. Das nationale Bewußtsein der Juden muß in geistiger und sittlicher Beziehung in tieferen Schichten ihres Wesens verankert werden. Uns genügt nicht ein Nationalismus des Bekenntnisses, sondern wir sehen in Ihm den Antrieb zur Arbeit am Menschen selbst. Wir glauben, daß die Bereicherung des jüdischen Mensehen aus seinen eigenen Quellen der einzige Weg ist, um die kulturelle Kraft des jüdischen Volkes für kommende Jahrhunderte zu bewahren und ihr den Anspruch auf Geltung unter den Völkern zu sichern, den sic auf Grund ihrer klassischen Geschichte erheben darf. Dieser Nationalismus soll und muß seine Erfüllung תו me 11 schlichen Werten finden. Er wird nicht auf die Schätze der Menschheitskultur verzichten, sondern will die höchsten Leistungen des menschlichen Geistes durch das Medium jüdischen Gefühls hindurch neu erleben und in das System der jüdischen Kultur einbauen. Zugleich soll ein solcher Nationalismus sittlich fund i e r t werden, und zwar gerade dort, wo es um seine eigene Bewährung in der Auseinandersetzung mit der Umwelt geht. Nichts wäre so verderblich, als wenn das jüdische Volk seine Leiden zu einer Quelle des Ressen- 11 m e n t s werden ließe und dadurch zu keiner unbefangenen Beziehung zu den Völkern der Welt mehr käme. Dieses Ressentiment würde auch, wie immer die Zukunft der jüdischen Selbständigkeit in Palästina sich gestalten mag, zu einer Quelle der Inneren Zer- Setzung im Lande werden, da dieses Land für alle Zeiten von zwei Völkern bewohnt sein wird, die nicht ln einen ewigen Krieg mit physischen oder geistigen Waffen eintreten können, ohne sich selbst zu vernichten. 4. Das jüdische Volk bedarf einer großen vereinigten Kraft- Anstrengung zur Verbesserung seiner Wänderung «Situation. Dieses Gebiet muß aus dem Streit aller Partikularismen herausgenommen werden, geht es doch hier um eine Lebensfrage aller Teile der Judenheit, in der in der Praxis keine Differenzen bestehen. Der Appell an die in Frage kommenden nicht- Jüdischen Instanzen und die eigene initiative sollten auf diesem Gebiet planvoller Zusammenwirken, als es in der Vergangenheit geschehen ist. Jüdische Tote des Jahres Paul Graetz, Hollywood 'Max Kol lense her, Tel Aviv Felicc Ravenna, Rom Jaxob de Haas, New York Josef Aronowicz, Tel Aviv Nathan Birnbaum, Haag ignatz Jasirow, Berlin Rabb. Lazar Spira (Munkaczer Rcbbe), 'Munkacz Alfred Adler, Wien Henry Sliosberg, Paris Rabb. Max Freudenthal, München Lord Lioncl Walter Rothschild, London Constantin Brunner, Hang Felix M. Warburg, New York Avinoam Yelliti, Jerusalem Josef /.iirie, Jerusalem Rosa Valetti, Wien Ernst Lissauer, Wien Rabb. Jakob Freimann, Berlin Isaak Feuer ring, Jerusalem Rerthold Fciwei, Jerusalem Adolph Donath Der Südwestdeutsche Rabbinerverband hielt an! 8. Dezember in Wiesbaden unter Leitung von Rabbiner Dr. Salzberger, Frankfurt, eine Tagung ab, wobei Vorträge von Rabbiner Dr. Dienemann, Olfeitbadi, Rabbiner Dr. Lauer, Mannheim, und Rabbiner Steuer, Heidelberg, gehalten wurden. Die Versammlung wählte den derzeitigen Vorstand wieder. für die Zukunft 5. In der Palästinafrage i.iuß ein unvorelngenommener Versuch unternommen werden, aus der Sackgasse herauszufinden, in der sich das Problem augenblicklich befindet. Ganz gleich, ob das Projekt des jüdischen Staates verwirklicht wird oder nicht, müssen die starren Formulierungen fallen gelassen werden, die beide Parteien im Munde führen. Es gilt, mit Mut ge<*enüber den eigenen Anhängern aus dem verzauberten Kreis herauszutreten, in dem das Gespräch zwischen den beiden Völkern Palästinas befangen ist. Wenn dieser Mut fehlt, kann keine Basis für eine friedliche Zukunft Palästinas gefunden werden, wie immer der endgültige Spruch Engfand* und des Völkerbundes lauten mag. 6. Wir brauchen eine neue, alles Bisherige weit in den Schatten stellende Anstrengung des jüdischen Volkes auf dem Gebiet des Palästina-Aufbau s, sobald die politische Entscheidung über das Schicksal des Landes gefallen ist. Schon heute muß diese Anstrengung vorbereitet werden, und zwar sowohl nach der Seite der Aktivierung des privaten wie auch im Hinblick auf die Stärkung des nationalen Kapitals. Die Zeit zur Verwirklichung unserer Vorstellungen vom jüdischen Aufbau in Palästina in großem und weit fundierterem Maße, als es in der Vergangenheit geschah, ist gekommen, und es steht zu befürchten, daß die Geschiente uns eine solche Chance, die schon einmal kurz nach dem Kriege nicht ausgenutzt wurde, nicht ungezählte Male von neuem beschert. Die Palästina-Aktion muß daher in ganz anderem Umfange als bisher in den Mittelpunkt des Interesses der Judenheit aller Länder gestellt werden. Ans Werk! Ein solches Programm ist gewiß nicht leicht zu verwirklichen. Es stellt an die Selbsterkenntnis und an d;e Aktivität des jüdisches Volkes große Ansprüche, aber cs scheint uns, daß es dennoch nicht utopisch ist. Die Leiden, die über große Teile unseres Volkes gekommen sind, bilden gewiß eine Kraft, um seine Aktivität zu erw'ecken und in ihm das Gefühl dafür zu stärken, daß es aus praktischen lind moralischen Gründen die Verpflichtung hat, in das Geschehen aktiv und überlegt einzugreifen, soweit nur seine Kräfte reichen. Jeder einzelne Jude, der dies erkannt hat, muß zu einem Verkünder dieser Idee werden, indem er selbst in seinem eigenen Kreis zu ihrer Verwirklichung beiträgt und zu einein Werber für sie wird. Dabei kann uns das Gefühl!eiten, daß nur auf diesem Wege ein spezifischer Beitrag des jüdischen Volkes zum Frieden der Weit entstehen kann, indem wir den Versuch machen, zu unserem Teile die Judenfrage zu erleichtern und damit ein Problem anzugreifen, das nicht allein für das jüdische Volk von Bedeutung ist, sondern auch die Völker aufs höchste angelit, unter denen Juden leben. Zugleich aber Kt die Aktivität und die planvolle Tätigkeit auf diesem Gebiet der Weg, der vor uns und der Welt sichtbar die jüdische Ehre verteidigt. In ein«־ Zeit, in der diese so oft angegriffen wird, muß es unsere Aufgabe sein, durch die konstruktiven Leistungen, die das jüdische Volk als solches im Rahmen seiner Renaissancebewegung vollbringt, den starken Beweis unseter menschlichen und nationalen Kräfte, die auch heute noch ungebrochen sind, zu erbringen. Die Zeit liegt in ihrer ganzen Unbekanntheit vor uns. Wir erwarten nicht, daß aus ihrem Schoße Wunder kommen, die plötzlich ganz neue Situationen auch für das jüdische Volk mit sich bringen — im Gegenteil, ■wir haben Grund zu der Annahme, daß auch die kommenden Jahre für die Welt keine einfachen sein werden. W'ir erwarten daher auch von unseren Taten keine Wunder, aber wir sehen in ihnen die Möglichkeit zu einem rechtschaffenen Werk, das zumindest, wie immer seine Resultate sind, unser eigenes Gewissen befriedigen und uns das Zeugnis ausstellen kann, daß wir der Schwere der vor uns stehenden Aufgaben nicht unwert waren. Dazu gehören ungebrochene Aktivität, gesunder abwägender Verstand, der die Gefühle kontrolliert, und nicht zuletzt ein tiefer Glaube an uns selbst und an die Aufgaben unserer Zukunft, der uns auch die Wegstrecken der Finsternis und vielleicht sogar der Verzweiflung überwinden läßt. Ein neues bürgerliches Kalenderjahr bricht an. Möge es ein gutes und friedliches Jahr werden für die Menschen und Völker in allen Teilen der Welt, und ein mit Früchten gesegnetes für das jüdische Volk, das heute um di« Neugestaltung seiner Zukunft ringt. K. L, ״Juden und christliclie Bräuche“ Zu dem in Nr. 102 veröffentlichten Leitartikel ״Zum Denken gezwungen“ ,haben wir eine große Zahl von Zu- Schriften aus unserem Leserkreise erhalten, die den dort enthaltenen Darlegungen rückhaltlos z «stimmen und aus ihrer persönlichen Erfahrung verschiedene Erlebnisse rnitteilen, die die in der ״Jüdischen Rundschau“ ausgesprochene Ansicht, daß auch heute noch Juden in Deutschiand sich nicht schämen, die christlichen Bräuche mitzufeiern, bestätigen. Es wird uns mitgeteilt, daß sogar in öffentliehen Lokalen derartige Feiern stattgefunden haben, an denen viele Juden teilnahmen. Ans der Fülle der Berichte heben wir eine Zuschrift hervor, in der uns das Erlebnis eines Sammlers der Winterhilfe mitgeteilt wird, der am 26. Dezember vormittags (Sonntag) zu einer jüdischen Familie kam und. dort mit eigenen Augen die Reste der Feier und auch den brennenden Weihnachtsbaum beobachten konnte, «ährend die Frau des Hauses ihm mittelte, daß sie auf seinen Besuch am ״zweiten Feiertag'■ nicht vorbereitet gewesen sei und ihre Spende für die Winterhilfe nicht geben könne, da sie für die Feier, an die sie ״von Jugend auf gewöhnt“ sei, alles ausgegeben habe. Die Details der Aufzählung können wir unseren Lesern ersparen. Leider muß festgestcllt werden, daß trotz aller Verurteihing derartiger Würdelosigkeiten, die man im Privatgespräch oft genug hört, der Unfug in jüdischen Kreisen anscheinend nicht zu beseitigen ist. Man geniert sich nicht, derartige Feiern auch öffentlich anziizeigen, und besonders pikant ist es, wenn (worüber uns gleichfalls zahlreiche Beschwerden aus dem Publikum zugingen), das Jüdische Gemcindcblaft in Berlin sich auf diesem Gebiet hervortut, und das, obwohl es sich obendrein um einen Freitagabend handelt — und um eine Gelegenheit, gerade von aer Gemeinde aus erzieherisch einzugreifem.

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